|
|
Freiburgs Geschichte in Zitaten |
![]() |
![]() |
Napoleon oder wie der aigle impérial
|
|||
|
Deutschland? Ich weiß das Land nicht zu finden
Noch 1792 hatte Christoph Martin Wieland festgestellt: Wer das deutsche Reich aufmerksam durchwandert, lernt zwar nach und nach Österreicher, Brandenburger, Sachsen, Pfälzer, Baiern, Hessen, Württemberger, usw. mit etlichen hundert kleineren… Völkerschaften, aber keine Deutschen kennen … Jeder von dieser ungeheurn Menge Staaten im Staat hat seinen eigenen kleinen Gemeingeist…; was Wunder also, wenn Gleichgiltigkeit und Kälte gegen allgemeines Nationalinteresse… den Fremden als ein Charakterzug der Deutschen auffällt [Miro02].
Jetzt lässt die französische Übermacht und die eigene Ohnmacht in deutschen Landen nationalistische Gefühle aufkommen. Doch angesichts eines Nationalismus, in dessen Namen Freiheit und Menschlichkeit mit Füßen getreten werden, schreiben Goethe und Schiller 1797 ihren Landsleuten die folgende Xenie ins Stammbuch:
Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land
nicht zu finden,
Leiden unseres heiligen römischen deutschen Reiches auf dem Rastatter Kongresse
Der Obervogt der Herrschaft Burgheim am Kaiserstuhl Dr. Franz Anton Tröndlin schreibt Anfang 1798 über revolutionäre Ansätze im Breisgau und den Nachbarländern: Die Sorgen für die auch in unserem Lande auszubrechenden Unruhen scheinen verschwunden zu sein, da die Bewegungen der markgräflich badischen Untertanen frühzeitig entdeckt sind, und dadurch dem bedrohten Übel Einhalt getan worden ... Diese Ruhe schreibt er einem vortrefflichen Zirkular Landeschefs Sumerau zu. So ruhig es übrigens in unserem Breisgau aussieht, so nehmen die Unruhen in der Schweiz täglich mehr zu. Alle Klöster in dem letzten Lande sind von den Bauern bewacht, und es ist keinem Ordensgeistlichen gestattet, aus demselben aus- und einzugehen. In Bern und Arau ist es zwischen den Bürgern zu blutigen Tätigkeiten gekommen, und dieses hatte die Folge, das an dem abgewichenen Montage [5. Februar 1798] die Franzosen in die Schweiz eingerückt sind. 15000 gingen allein durch Basel und noch mehrere brachen in andere Gegenden ein. Was am Ende hieraus werden wird, darauf ist jedermann begierig. Dieser Jedermann muss nicht lang mehr warten. Ohne Umschweife gründet Napoleon in Basel die Helvetische Republik und stülpt der Schweiz mit dem Ochsenbüchlein aus der Feder des frankreichfreundlichen Peter Ochs eine ihm genehme Verfassung über.
Über den Ende 1797 nach Rastatt einberufenen allgemeinen Friedenskongress berichtend fährt Tröndlin in seinem Schreiben fort: Noch größer ist die Neugierde auf den Ausgang des Rastadter Kongresses und die seltsamen Dinge, die da vorgehen, gerichtet ... und legt dem Brief eine Satire bei, was ein lustiger Laffe in Schwaben auf diesen Kongress in Aussicht des Reichs gemacht hat: Leiden unseres heiligen römischen deutschen Reiches auf dem Rastatter Kongresse, als sich daselbst die Minister der Höfe versammelten und Rat hielten, wie sie es angreifen und umbringen könnten [Albe06b].
Das Volk durch Flugschriften aller Art mit Freiheitsideen zu berücken
Sumerau glaubt weiterhin an einen Erfolg seines Propagandafeldzugs und sorgt für die Verbreitung antirevolutionärer Schriften diesseits und jenseits der Grenzen. Er lässt bei Kaiser Franz um Unterstützung für seine Aktion vortragen: Die Geschichte der Revolution zeigt, daß nicht sowohl die Gewalt der Waffen als die Gewalt der Opinion die fürchterlichsten Katastrophen in Europa bewirkt haben; unausgesetzt wird durch geheime Logen und Klubs darauf gearbeitet, alle Religionen und alle Throne zu stürzen, tausend Federn werden gedungen, um das Volk durch Flugschriften aller Art mit Freiheitsideen zu berücken, die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen und hierdurch sich den unsichtbaren Sieg vorzubereiten. Ein Kampf kann nicht glücklich enden, wenn mit ungleichen Waffen gekämpft wird; immer muß derjenige den Kürzeren ziehen, der ängstlich und unentschlossen bei der Wahl der Mittel stehen bleibt, während der andere sich alles erlaubt. Opinion kann nur durch Opinion verdrängt werden, und es kommt darauf an, daß das Gouvernement durch zweckmäßige Volksschriften zur rechten Zeit die öffentliche Meinung zu bemeistern weiß [Quar02]. Der Regierungspräsident hatte gar nicht mitbekommen, dass aus dem Revolutionskrieg längst ein französischer Eroberungskrieg geworden war.
|
|||
|
Hermann von Greiffenegg
Le duc d'Enghien |
2. Koalitionskrieg (1799 - 1801)
Noch während der Rastatter Gesandtenkongress tagt, kommt es Anfang 1799
zum 2. Koalitionskrieg, nachdem Österreich einem Bündnis Englands und
Russlands gegen die französische Republik beigetreten war. Preußen bleibt
neutral. Hastig verlässt das habsburgische Militär
Freiburg, während französische Truppen rasch in das entstehende Vakuum
stoßen.
German luxury oder Repos à l'Allemande. Karikatur des englischen Zeichners James Gillray über die Nichtbeteiligung Preußens am 2. Koalitionskrieg
In Oberitalien dagegen kommt die kaiserlich-österreichische Armee unterstützt von russischen Verbänden gut voran. Wegen des sich wendenden Kriegsglücks ziehen sich die Franzosen aus dem Breisgau zurück. Mit dem Hinweis auf die militärischen Schwierigkeiten der Republik stürzt Napoleon am 18. Brumaire 10 (9. November 1799) in Paris das Direktorium. Für zehn Jahre als 1. Konsul gewählt tritt er an die Spitze des Staates und verkündet am 13. Dezember: Bürger! Die Revolution ist den Grundsätzen, von denen sie ausging fest verbunden; sie ist zu Ende [Maye10b]. Nach dieser Ankündigung ist kein neuerliches Chaos mehr zu befürchten, wie es die Radikalen gebracht haben. Das Bürgertum hatte auf genau diese Worte gewartet: Napoleon als Beschützer der Bürger gegen die Exzesse der Revolution. Gleichzeitig geriert sich der 1. Konsul als Verteidiger ihrer Errungenschaften gegen die Reaktion, doch verhehlt er nicht: Wenn ich mit dem Säbel die Monarchisten niedergeschlagen habe, werde ich ihn für andere Zwecke benutzen [Gall10]. Sofort macht sich Napoleon an die Reorganisation des Revolutionsheeres, das nun mit frischem Elan erneut in den Breisgau einfällt.
Wieder ruft Regierungspräsident die Bewohner Vorderösterreichs auf,
sich zur Unterstützung des kaiserlichen Militärs zu bewaffnen, um ihr Theuerstes - Religion,
Eigenthum und Landesherrschaft -
Winterschlacht bei Hohenlinden (Gemälde im Versailler Schloss)
Derweil stürmt Napoleon in Oberitalien von Sieg zu Sieg und schlägt die österreichischen Truppen entscheidend in der Schlacht bei Marengo. Mit der vollständigen Eroberung dieser Region macht er den Traum François I wahr. Die vernichtende Niederlage Österreichs bei Hohenlinden östlich von München beendet den 2. Koalitionskrieg. Der anschließende Frieden zu Lunéville vom Februar 1801 bestätigt die von den deutschen Fürsten auf dem Rastatter Gesandtenkongress beschlossene Abtretung aller linksrheinischen Territorien an Frankreich. Somit hat Napoleon auch die Pläne Louis XIV verwirklicht, dass nach Artikel 6 und 7 des Friedensvertrages der Talweg des Rheins von dem Ausfluss dieses Stroms aus der Schweiz von nun an die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland bildet [Ling10].
Il fait diablement des choses, ce petit caporal d'Italie; cela va loin!
Im Dezember 1801 bricht Johann Gottfried Seume von Leipzig zu seinem Spaziergang nach Syrakus auf. Da hatte der Schriftsteller bereits ein ereignisreiches Leben hinter sich. Als Student der evangelischen Theologie wird er 1781 auf dem Weg nach Paris von hessischen Soldatenwerbern gekidnappt und vom Landgrafen an England für den Kampf im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg verkauft. Als Seume nach 22-wöchiger Überfahrt im September 1782 in Halifax landet, ist der Krieg bereits vorüber. Im Herbst 1783 nach Bremen zurücktransportiert wird er in die Armee Friedrichs II. gezwungen, in der er bis 1787 als Musketier dient. Nach einem Studium der Philologie findet er sich schließlich als Adjutant des russischen Generals Igelström bei der Niederwerfung des Polnischen Aufstandes wieder.
Auf Schusters Rappen in Richtung Sizilien kommt Seume zunächst nach Österreich. Anfang 1802 durchquert er die von Napoleon geschaffene Cisalpinische Republik, deren Bewohner mit dem neuen Regime nichts anfangen können und sich nach der Regierung Kaiser Leopolds zurücksehnen. Anschließend beobachtet Seume im Kirchenstaat die feisten Geistlichen, während in Rom Menschen vor Hunger sterben. Am Schlimmsten sind die politischen Zustände im Königreich Neapel. Auf den Straßen und Saumpfaden treiben Räuber ihr Unwesen. Ganze Landstriche fruchtbaren Landes in den Händen von Großgrundbesitzern liegen brach, während die Menschen darben. Joachim Murat von Napoleons Gnaden König von Neapel steht noch nicht in den Startlöchern.
Auf dem Rückweg von Syrakus nach Leipzig erlebt Seume den 14. Juli in Paris. Bei den Feierlichkeiten sieht er den kleinen großen Napoleon: Man nennt ihn hier mit verschiedenen Namen, le premier consul, le grand consul, le consul vorzugsweise. Die Franzosen wünschen sich ihn vielleicht sehr gern zum General, aber nicht zum Souverain, wie es ganz das Ansehen gewinnt. Il fait diablement des choses, ce petit caporal d'Italie; cela va loin! *sagt man. * Dieser kleine italienische Korporal macht seine Sache teuflisch gut. Das wird weit führen!
Mit dem Staatsstreich vom 18. Brumaire VIII hatte Napoleon die Revolution verraten und in dem 1801 mit der katholischen Kirche abgeschlossenen Konkordat nicht nur den revolutionären Kalender mit dem Datum des 6. Aprils 1802 wieder abgeschafft [Maye10b]. Darüber befindet Seume: Seitdem Bonaparte die Freiheit entschieden wieder zu Grabe zu tragen droht, ist mirs, als ob ich erst Republikaner geworden wäre ... In der Gegend von Straßburg habe ich hier und da gehört, daß man bei seinem Namen knirschte, und behauptete, er führe allen alten Unfug geradezu wieder ein, den man auf immer vertrieben zu haben glaubte. Tief enttäuscht kommentiert der Reisende: Er hätte ein Heiland eines großen Teils der Menschheit werden können, und begnügt sich, der erste wiedergeborne Sohn der römischen Kirche zu sein. Weiter notiert Seume in sein Reisetagebuch: Scherzweise nennt man ihn auch Sa Majesté, und ich stehe nicht dafür, daß es nicht Ernst wird. Auch heißt er ziemlich öffentlich empereur des Gaules, vielleicht die schicklichste Benennung für seinen Charakter, welche die Franzosen auch zugleich an die mögliche Folge erinnert ... Das Schicksal hatte ihm die Macht in die Hände gelegt, der größte Mann der Weltgeschichte zu werden: er hatte aber dazu nicht Erhabenheit genug und setzte sich herab mit den übrigen Großen auf gleichen Fuß. Er ist größer als die Dionyse und Kromwelle; aber er ist es doch in ihrer Art, und erwirbt sich ihren Ruhm.
Ich könnte weinen; es ist mir, als ob mir ein böser Geist meinen Himmel verdorben hätte. Ich wollte so gern einmal einen wahrhaft großen Mann rein verehren; das kann ich nun hier nicht.
Modenesisches Zwischenspiel
Die erneute Niederlage Österreichs hat auch für Freiburg Konsequenzen, denn da der ehemalige Fürst von Modena
Herkules III.
jetzt als Ersatz für sein Herzogtum zusätzlich zum Breisgau die Ortenau
zugesprochen erhält, tritt er Anfang 1803 seine neue Herrschaft an.
Zum Administrator seines Territoriums setzt er seinen Erben und
Schwiegersohn
Ferdinand von Österreich
ein. Zwar sind die Freiburger über den Herrschaftswechsel entsetzt, doch
sehen sie in der Person des Erzherzogs auch ein Fünkchen Hoffnung:
So oftmal mußten unsere Vorfahren sich dem
gebieterischen Schicksale fügen, welches mit Kronen wie mit Bällen spielt.
Sie ertrugen es mit Geduld und lernten vertrauensvoll die Vorsehen anbeten,
ohne deren Geheiß kein Sperling vom Dache fällt. Wie, entdeckt man in der jüngsten Umwälzung nicht auch ihren Fingerzeig?
[Bade82].
Die von Erzherzog Ferdinand ausgestellte
Ernennungsurkunde für
Ferdinand bestellt Hermann von Greiffenegg zum Regierungspräsidenten, der Vollmacht erhält zur wirklichen Besitznehmung, Übernahme und zur ersten Leitung der Geschäfte gemäß dem Lunéviller Friedensvertrag. Karl von Rotteck schreibt einem Freund voll Bitterkeit: Wir sind also jetzt modenesisch! Soweit hat die Liebe der Breisgauer zu ihrem dankbaren Landesherren, ihre Treue und Tapferkeit, ihr Patriotismus sie gebracht, daß sie nun gleich einer Schaafherde an einen bankerotten Italiener verhandelt werden. Landesväter, Volksglück, Nationalwillen, Menschenrechte - leere Worte! Wenn Länder verwüstet, Städte niedergebrannt, Völker verarmt werden, wer denkt da an Entschädigung. Wenn aber ein 70jähriger Roué* in Gefahr steht, den kleinen Rest seiner Tage ohne Hof leben und sein Handwerk, die Schäflein zu scheeren, aufgeben zu müssen, da wird sogleich die politische Wage hergeholt, um ihm Länder und Menschen nach dem Gewichte zuzutheilen [Bade82]. Schon bald dürfen die kaisertreuen Freiburger aufatmen. Als Herkules III. im Herbst 1803 den kleinen Rest seiner Tage verbraucht hat, tritt Ferdinand von Österreich sein Erbe an. Der Breisgau und die Ortenau sind de facto wieder habsburgisch [Kopf74]. *ein Durchtriebener
Der Reichsdeputationshauptschluss oder die Großen fressen die Kleinen
Nach den Vorgaben des Rastatter Gesandtenkongresses verlangen die links des Rheins depossedierten Fürsten, nun endlich für ihre Gebietsverluste entschädigt zu werden. Das geht nach französischem Muster durch die Enteignung kirchlichen Eigentums. Der habsburgische Kaiser geniert sich, die Säkularisation selbst in die Hand zu nehmen, und beauftragt eine Reichsdeputation mit der Aufgabe. Napoleons Interesse bei diesen Transaktionen liegt in der Schaffung von mittelgroßen deutschen Pufferstaaten. Außerdem benötigt er Verbündete für weitere ehrgeizige Vorhaben.
Der Historiker Georg Heinrich Pertz schreibt über die Bestechungsversuche im Vorfeld der Beschlüsse zur Neuverteilung deutscher Territorien: In Paris begann ein Handel mit deutschen Bistümern, Abteien, freien Reichstädten, wobei die fürstlichen Bewerber vor dem ersten Konsul, seinen Gesandten und Geschäftsmännern mit goldbeladenen Händen erschienen und vor Talleyrands* Maitresse und dem [französischen] Gesandten [am Immerwährenden Reichstag zu Regensburg] Laforest um die Wette krochen. *Charles-Maurice de Talleyrand 1788 zum Bischof von Autun geweiht, war maßgeblich an der Französischen Revolution beteiligt, später Außenminister Napoleons und schließlich auf dem Wiener Kongress der Vertreter des französischen Königs.
Der schließlich 1803 ausgehandelte und als Reichsdeputationshauptschluss bekannte Vertrag bestimmt u. a.: Alle Güter der fundierten Stifte, Abteien und Klöster ..., deren Verwendung in den vorhergehenden Anordnungen nicht förmlich festgesetzt worden ist, werden der freien und vollen Disposition der respektiven Landesherren, sowohl zum Behuf des Aufwandes für Gottesdienst, Unterricht und andere gemeinnützige Anstalten, als zur Erleichterung ihrer Finanzen überlassen. Da wundert es den päpstlichen Nuntius in Wien schon: Selbst Juden treten für ihre Rechte ein, nur die Bischöfe schweigen [Otto09].
Neben der Säkularisierung geistlicher Fürstentümer kommt es auch zu Mediatisierungen, zur Übernahme von kleineren Reichsständen wie Freien Reichsstädten durch größere Territorialstaaten. Insgesamt werden 67 geistliche Staaten und 45 Reichsstände aufgehoben, mit deren Besitz sich die deutschen Landesfürsten großzügig für ihre linksrheinischen Gebietsverluste entschädigen lassen. Napoleon spendiert Baden, Württemberg und Bayern beträchtliche Geländegewinne und selbst das widerspenstige Österreich, welches seine niederländischen Besitzungen (etwa das heutige Belgien) einbüßt, wird mit den Gebieten der Fürstbistümer Trient, Brixen und Salzburg abgefunden.
Auch wenn der Konstanzer Fürstbischof Karl Theodor von Dalberg mit der Säkularisierung des Bistums seine weltliche Herrschaft verliert, bleibt der habsburgische Breisgau kirchlich beim Bistum Konstanz. Nicht nur Dalberg, sondern auch sein Hofbuchhändler Bartholomä Herder verliert den Job. Mühsam hält er sich am Bodensee noch einige Jahre über Wasser, bis er 1808 nach Freiburg übersiedelt und dort den nach ihm benannten und noch heute existierenden Verlag gründet.
Das Opfer war für meine Sicherheit und Größe notwendig
Nachdem mit der Umsetzung des Deputationshauptschlusses die deutschen Fürsten beschäftigt und vor allem ruhig gestellt sind, setzt Napoleon rücksichtslos seine Pläne um. Er scheut zur Festigung seiner Macht auch vor Mord nicht zurück. So besetzt er 1804 in einer Nacht- und Nebelaktion Karlsruhe und Ettenheim und nimmt die dorthin geflüchteten königstreuen Franzosen gefangen. Darunter befindet sich auch der uns bereits bekannte Duc d'Enghien, der im Exil für die Rückkehr der Bourbonen eintritt. Napoleon lässt den Herzog nach Frankreich entführen und ihn in der Festung Vincennes erschießen, obgleich man dem Herzog keine Schuld nachweisen kann. Später rechtfertigt Napoleon diesen Mord: Das Opfer war für meine Sicherheit und Größe notwendig.
Zwei neue Kaiser
Im Reichsdeputationshauptschluss waren auch die geistlichen Kurfürstentümer Köln, Mainz und Trier aufgehoben worden. Die Mainzer Kurstimme geht auf Regensburg-Aschaffenburg über und Salzburg, Württemberg, Baden und Hessen-Kassel erhalten neue Kurwürden.. Durch den Wegfall der drei sicheren katholischen Stimmen der Kurerzbistümer, ist die Kaiserwahl eines Habsburgers nicht mehr gesichert. Deshalb tritt Franz die Flucht nach vorn an und begründet mit einer Erklärung für seine Länder als Franz I. das erbliche Österreichische Kaisertum: Die Ranggleichheit mit dem russischen Zaren und dem projektierten Empereur Napoleon veranlasse ihn, dem Hause Österreich in Rücksicht auf dessen unabhängige Staaten den erblichen Kaisertitel gleichfalls beyzulegen [Heim04].
|
|
Napoleon Empereur
Vertrag zwischen Frankreich und Baden vom 20. Frimaire XIV über die Besitznahme des Breisgaus und der Ortenau
Wilhelm Drais von Sauerbronn
Kurfürst Karl Friedrich von Baden
Stephanie Beauharnais
Großherzogtum Baden |
Franz ahnt wohl, dass das deutsche Reich nicht mehr zu retten ist. Indem er sich vorsorglich und zusätzlich zum Erbkaiser von Österreich krönt, kommt er Napoleon mit seiner eigenen Kaiserkrönung zuvor. Die Titelinflation (auch Russland hatte einen Zaren) hilft den Habsburgern allerdings wenig bei ihren weiteren militärischen Bemühungen.
Napoleon verspottet seinen Nebenbuhler in Wien als Skelett, das nur ein Verdienst der Vorfahren auf den Thron gebracht hat [Schu96]. Er ist dagegen aus eigenem Verdienst an die Macht gekommen und hat sich in einer Volksabstimmung vom 6. November 1804 mit 3572329 Ja-Stimmen gegen 2569 Nein-Stimmen der Franzosen Zustimmung versichert [Drie10]. So krönt er sich im Beisein Papst Pius VII. noch im Dezember des gleichen Jahres selbst zum Kaiser der Franzosen. Dabei hält er einen Reichsapfel in der Hand, den er fälschlicherweise für den Karls des Großen hält. Die Intimfeindin Napoleons Madame de Staël kommentiert sarkastisch: Dass ein Mann, der sich über jeden Thron erhoben hatte, nun so willig herabsteigt und seinen Platz unter den Königen einnimmt [Drie10] ] und ausgerechnet ein deutscher Revolutionär in Paris Gustav Graf von Schlabrendorf poltert: Diese Nation, der vor zehn, zwölf Jahren keine Freiheit, keine Aufklärung, keinen wissenschaftliche Institution groß genug sein konnte, die lässt sich jetzt Freiheit und Unterricht von einem Fremden rauben [Hoyn10].
3. Koalitionskrieg (1805)
Österreich hatte seine Gebietsverluste in den beiden ersten Koalitionskriegen nicht verwunden und zieht 1805 mit Russland, Großbritannien und Schweden als Verbündeten in den 3. Koalitionskrieg gegen Napoleon. Der hatte im Vorfeld der kriegerischen Auseinandersetzung dem Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) für seine militärische Unterstützung das von den französischen Truppen besetzte Kurfürstentum Hannover und als Zugabe einen norddeutschen Kaisertitel* angeboten. Doch Preußen lehnt ab, möchte nicht von Napoleons Gnaden vom König- zum Kaiserreich mutieren, und zieht wiederum die Neutralität vor. *Die Titelentwertung schreitet munter fort
Jetzt stehen sich Österreicher und Franzosen nicht mehr im Breisgau und am Rhein, sondern tief in deutschen Landen bei Ulm an der Donau gegenüber. Die Herzöge Badens, Württembergs und Bayerns hatten sich unter Missachtung ihrer Verantwortung für das Reich mit dem Franzosenkaiser verbündet und dessen Armee durch ihre Territorien durchgewinkt. Während ein österreichisches Korps in Ulm vergeblich auf eine angekündigte russische Unterstützung wartet, macht Napoleon kurzen Prozess und zwingt den lokalen Oberbefehlshaber Karl Mack von Leiberich und seine 25000 Mann bei Elchingen am 17. Oktober 1805 zur Kapitulation: Le jour d'Ulm est un de plus grand de l'histoire française*. *Der Tag von Ulm ist einer der größten in der Geschichte Frankreichs.
Nun stößt Napoleon mit 60 000 Franzosen in Richtung des in Mähren gelegenen Austerlitz vor. Am 2. Dezember schickt er seine Truppen ins Feuer mit den Worten: Soldaten, es genügt wenn ihr sagt: Ich war bei der Schlacht von Austerlitz, damit man euch antwortet: Das ist ein tapferer Bursche! [Schu10]. In der Dreikaiserschlacht - eigentlich Vierkaiserschlacht – bringt Napoleon den 95000 Habsburgern und ihren Verbündeten eine vernichtende Niederlage bei [Mens05]. Zwar marschiert Napoleon triumphierend in Wien ein, doch anschließend verfolgt ihn der wortspielerische Spruch: Moravie, mort à vie* [Schu10]. *Mähren, Tod dem Leben
Am 11. Dezember 1805 verfügt Napoleon im Wiener Vertrag: Sa Majesté l'empereur d'Autriche cède et abandonne à son Altesse l'électeur de Bade le Brisgau, l'Ortenau et leur dépendances*. Daneben verliert Österreich seine oberschwäbischen Gebiete an Württemberg, sowie die Stadt Lindau, Tirol und Vorarlberg an Bayern. Venetien, Istrien und Dalmatien werden dem bereits napoleonischen Italien einverleibt. *Seine Majestät der Kaiser von Österreich verzichtet auf den Breisgau, die Ortenau sowie die anhängenden Gebiete und tritt diese an Seine Hoheit den Kurfürsten von Baden ab.
Der Anfall des Breisgaus an Baden
Als Besitznahmekommissär seiner Regierung in Karlsruhe bestimmt Großherzog Karl Friedrich den badischen Hofkommissär und Geheimen Rat Karl Wilhelm Drais Freiherr von Sauerbronn. Als dieser in Freiburg eintrifft, lässt ihm Regierungspräsident von Greiffenegg in einer feierlichen Note verkünden, es sei unbegreiflich, dass man einem friedsamen Fürsten sein Land gewaltsam ohne Entschädigung entzöge.
In einer Rede, die von Drais am 4. Januar 1807 anlässlich der Gründung der Lesegesellschaft in Freiburg hält, schildert er die Reaktionen auf die Übernahme des Breisgaus durch Baden aus seiner Sicht: Als im Anfang des Jänners 1806 die neue Regierung des durchlauchtigsten Kurfürsten von Baden durch das Organ seiner Hofkommission anhob, so war der Zustand der Gemüter und des Landes folgender. Alles war in Tränen über die geschlagenen Wunden und den frischen Schmerz der Trennung von dem milde regierenden Erzhaus, unter welchem sich Vorderösterreich so lange glücklich gefühlt hatte; alles in banger Sorge über die itzt möglichen Zersplitterungen: ob nicht die Landesdikasterien würden sämtlich weggezogen, wenigstens ein großer Teil der dienerschaftlichen Menge brotlos gesetzt und so manche Familie zum Darben gebracht werden; ob nicht die Hohe Schule, diese Hauptquelle von Freiburgs Wohlstand, nach erlittenem Rentenverlust eingehen werde; ob nicht der strenge Eintrieb der schweren Kriegskontributionen den Mittelmann arm, den Armen elend machen werde [Albe07].
Wie zu erwarten ist aller Protest Greiffeneggs vergeblich. Die modenisch-österreichische Beamtenschaft der neuen Territorien wird aufgefordert, einen Revers zur Pflichterfüllung gegenüber dem badischen Staate zu unterschreiben und anschließend in großherzogliche Dienstverhältnisse übernommen. Einzig von Greiffenegg lehnt ab, den neuen Herren zu dienen, und wird seines Amtes enthoben. So bleibt dem treuen Diener Erzherzog Ferdinands die Pein erspart, wie von seinem Herrn vorgesehen, den Breisgau an Baden zu übergeben. Statt seiner wird sein Stellvertreter der anpassungsfähige Konrad Karl Freiherr von Andlaw zum amtierenden Regierungspräsidenten und Übergabekommissar bestimmt. Deprimiert zieht sich der 68-jährige von Greiffenegg in seinen Altersruhesitz Quieti Sacrum (Heiligtum der Ruhe) auf dem Schlossberg zurück, wo er zwei Jahre später als gebrochener Mann stirbt.
Baden ist Napoleon militärstrategisch so
wichtig, dass er seine 17-jährige Adoptivtochter und kaiserliche Hoheit
Stephanie
de Beauharnais mit dem Erbprinzen
Karl Ludwig von
Baden verheiraten
möchte. Napoleons Mitgift ist der Breisgau, denn er erklärt, als es
Schwierigkeiten beim Verlöbnisvertrag gibt, kategorisch:
L'alliance ou point de Brisgau*
[Sayn71].
Johann Peter Hebel
sieht diese Ehe rein bodenständig
...
wenn auch wieder einmal gemeineres
*Ohne Vermählung keinen Breisgau
Länderverteilung am Oberrhein unter Napoleon: Gelb eingefärbt die überwiegend protestantische Markgrafschaft Baden-Durlach und rot die überwiegend katholische Markgrafschaft Baden-Baden. Beide Grafschaften wurden nach dem Aussterben der der baden-badischen Linie im Mannesstamm bereits 1771 vereinigt. Dunkelgrau dargestellt sind die rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz, die 1803 im Reichsdeputationshauptschluss an Baden fielen. Dunkelrosa präsentiert sich der ehemalige vorderösterreichische Besitz. Diese rechts-rheinischen überwiegend katholischen Gebiete kamen nach dem Frieden von Pressburg 1806 an das von nun an Großherzogtum Baden (schwarz umrandet). Dazu erhielt Baden auch säkularisierte Gebiete (hellrosa eingefärbt) wie etwa das Fürstbistum Konstanz. [Karte im badischen Landesmuseum Karlsruhe]
Das Recht der Landes-Repräsentation für erloschen erklärt
Am Nachmittag des 30. Januar 1806 erscheint die Übergabekommission vor der ständischen Vertretung in Freiburg, dem Konsess. Nach einem gespannten Empfang hält von Drais einen kurze Anrede an die Konsessual-Verordneten, worin er ihnen auf speziellen Befehl des Landesfürsten eröffnete: dass infolge der Souveränität desselben und der vom französischen Kaiser deshalb ausdrücklich übernommenen Garantie sämtliche breisgauischen Stifte und Klöster für aufgehoben erklärt seien; dass ferner, - teils als Folge dieser Änderung im ersten Stand der bisherigen Repräsentation, teils als Folge der wohltätigen Absicht des Fürsten, seine neuen Lande mit den alten zu verschmelzen und ihnen dieselbe Regierung angedeihen zu lassen, welche das In- und Ausland längst geschätzt habe - nunmehr bei der Landschafts-Versammlung als dem Administrations-Korpus des Breisgaus das Recht der Landes-Repräsentation für erloschen erklärt sei; wogegen es sich der Landesherr als vorzügliche Angelegenheit vorbehalte, bei künftiger Definitiv-Organisation das allseitige Privatinteresse aufs beste zu vereinigen.
Mit niedergeschlagenem Schmerz traf diese Verkündigung die anwesenden Ständemitglieder; der ehrwürdige, seit vierzig Jahren im Konsess befindliche Präsident Franz Anton Freiherr von Baden brach in Tränen aus. Nach dem ersten überwallenden Gefühl erhoben sich Stimmen des Erstaunens. der Entrüstung, und mit den entschiedensten Ausdrücken von landständischen Rechten wurde Protest eingelegt.
Die Kommission ihrerseits ehrte die Tränen des Präsidenten und das Pflichtgewissen des Konsesses, welcher den abwesenden Ständen nichts vergeben wollte und durfte. Es kam zu ruhigern Worten und endlich zu einer Verständigung dahin, dass Herr von Baden und die sämtlichen anwesenden Konsessualmitglieder sich für ihre Person wie für die Fortführung der Geschäfte verpflichten ließen und sodann folgenden Morgens mit dem ganzen Kanzleipersonal in der Kommissionswohnung erschienen, um ihre Ehrfurcht gegen den neuen Landesherrn auszudrücken [Albe06a].
Der feierliche Übergabsact
Der feierliche Übergabsact wäre beinahe gescheitert: Es wurde ihm [Freiherr von Andlaw] zugleich der ehrenvolle Auftrag zu Theil, im Namen und Auftrag der Herzogs von Modena dem großherzoglichen-badischen Commissar von Drais die Stadt Freiburg und die Landschaft zu übergeben. Bereits waren alle nöthigen Anordnungen zu dieser feierlichen Uebergabe getroffen, als in der Nacht zuvor (14. - 15. April 1806) der Baron von Andlaw durch eine aus Straßburg eingetroffene Depesche nicht wenig überrascht wurde. Er las in derselben zu seinem nicht geringen Erstaunen den vom Kaiser Napoleon ertheilten Befehl, den Breisgau vorerst an Baden nicht abzutreten, da man sich in Paris eine anderweitigen Bestimmung über die vorderösterreichischen Besitzungen vorbehalten habe*. Die Verlegenheit der beiden landesherrlichen Commissare war groß; nach langer gemeinsamer Berathung kamen sie endlich überein, um jede politische Verwicklung zu vermeiden, den Akt der Uebergabe, wie er ursprünglich festgesetzt war, sofort in Vollzug zu setzen und der Depesche mit einer vollendeten Thatsache gegenüber zu treten. Die geschah denn auch am 15. April und von dem entgegengesetzten Befehle, der wohl in der Eile ausgefertigt und vergessen worden, war weiter keine Rede mehr [Rath87]. *Es wird angenommen, dass die Depesche mit Schwierigkeiten beim Verlöbnis von Napoleons Adoptivtochter Stephanie Beauharnais mit dem Erbprinzen Karl Ludwig von Baden zusammenhing (siehe oben) [Albe06a].
Der Altphilologe und Theologe Leonard Hug, Professor an der Universität Freiburg, schreibt am Vorabend der Übergabe des Breisgaus und der Ortenau an das Großherzogtum Baden sarkastisch-pessimistisch: Morgen ist der feierliche Übergabsact in der Münsterkirche. Der Französ. Intendant General Monard, welcher uns übergiebt, wird mit einer Anrede eröffnen; der geheime Rath, Freyherr von Drais wird ihm von badischer Seite antworten und uns übernehmen. Alle Magistraturen werden zugegen seyn, und wie es sich versteht, auch die Universität. In der Kirche wird eine Te Deum diese Handlung beschließen. Dann gehet es ans schmausen u.s.w. Wir werden uns bey dem Allem dabey nicht zu Tode lachen.
Schreiben Drais von Sauerbronns mit der Auf-forderung an die Beamtenschaft Freiburgs, sich dem neuen badischen Herrscher eidlich zu verpflichten
Wir werden uns bey dem Allem dabey nicht zu Tode lachen
Die Feierlichkeit zur förmlichen Übergabe und Übernahme der Länder Breisgau und Ortenau ging am 15. April 1806 im Chor der Münsterkirche zu Freiburg vor sich und zwar, wie es Leonard Hug am Vorabend beschrieben hatte:
Vor dem Hochaltar überreichte Monard im Namen des französischen Kaisers dem ersten badischen Kommissär das Protokoll der Übergabe und fügte unter anderem folgende Worte an die Versammelten bei: Sie befinden sich von heute an unter der souveränen Herrschaft eines Fürsten, welcher durch seine Regenten- und Familientugenden, durch seine Ökonomie und den weisen Gebrauch, den er von der ihm anvertrauten Gewalt zu machen wusste, den Beinamen des Nestors unter den Fürsten Deutschlands verdient hat. Es gibt daher keine beglückende Hoffnung, der sie sich als seine Untertanen nicht überlassen; keinen Grad von Wohlstand, den sie nicht für ihr gutes Land erwarten dürfen, welchem bisher, um eines der gewerbsamsten und blühendsten zu werden, nur die unmittelbare Nähe seines Souveräns gefehlt hat [Albe06a].
Nun versucht von Drais, den den Bürgern die Übergabe des Breisgau an das Großherzogtum Baden und somit die Degradierung Freiburgs vom westlichen Vorposten Österreichs zu einer badischen Provinzstadt mit folgenden Worten schmackhaft zu machen: Der Stifter dieses möglich größeren Glücks ist der Held des Zeitalters, Napoleon, zum ersten Gründer der Ausführung hat uns Gott den Kurfürsten Karl Friedrich noch aufbewahrt - den Landesvater und Biedermann, der seit 60 Jahren mit tugendhafter Mäßigung und mit menschenfreundlichen Anordnungen regiert. Er hat aus eigener, gerade über diese Landesacquisition vergnügtester Gemütsbewegung den Namen eines Herzogs von Zärigen anzunehmen nicht gesäumt; Er liebt und will wiederum mit Vertrauen geliebt sein. Danken wir dem Allgütigen für Ihn, beten für Ihn und seinen Regentenstamm! [Albe06a].
Konrad von Andlaw und Bürgermeister Adrians halten anschließend an von Drais' Ansprache kurze Dankesreden, worin der Ahnen des neuen Landesfürsten, der glorreichen Zäringer Herzoge, als der Begründer des Stadtwesens von Freiburg, in schmeichelhafter Anspielung gedacht ward. Sofort begab sich die ganze Versammlung in's Münster, wo zuerst durch Knaben und Mädchen ein Lied, von Jacobi gedichtet, vorgetragen und alsdann ein feierliches Tedeum gesungen wurde, welches der Prälat von Sanct=Blasien intonirte. Nach dieser Festlichkeit folgen zwei vorzügliche Mittagsmahle, das eine im Gasthause Zum Pfauen von 80 Herren aus dem Adel, den Prälaten, Regierungsräthen und Professoren [Bade82]. Über dem Ehrensitz des Generals Monard stellte ein Gemälde die Vereinigung des badischen Wappens mit dem zähringischen und breisgauischen dar, erläutert durch die von dem Freiburger Philosophen und Dichter Jacobi entworfene Inschrift:
Die seit Jahrhunderten
getrennten Schilde
Trinksprüche auf Napoleon und den neuen Landesfürsten und seine durch die am 7. April vollzogene Vermählung des Kurprinzen Karl Ludwig mit der kaiserlichen Prinzessin Stephanie Napoleon mit dem Haus Bonaparte aufs engste verbundene Familie würzten das Mahl [Albe06a].
Das andere [wurde] im Schützenhause von 160 Personen aus dem Stadtrathe, den Gemeinde-abgeordneten und dem beiderseitigen Militär [eingenommen]. Hiemit war ein Staatsact beendet, wobei viel aufrichtige Theilnahme mit noch mehr äußerlicher Darstellung und Schaulust, wie nicht weniger mit geheimer Betrübniß und Verwünschung sich vermengt hatte [Bade82].
Ein Ball zum Besten der Armen beschloss den Tag, der an allen übrigen Orten des Breisgaus und der Ortenau ebenfalls festlich begangen wurde [Albe06a].
O meine lieben Breisgauer
Am 30. Juni findet die offizielle Huldigung der Stadt Freiburg an das Haus Baden statt. Der Großherzog kann mit Rücksicht auf sein hohes Alter daran nicht teilnehmen. Er beauftragt seinen Regierungskommissar, ihn bei den Feierlichkeiten zu vertreten. Von Drais gibt in seiner oben erwähnten Rede vom 4. Januar 1807 seine Version der Ereignisse wieder: Nachdem diese neue Maschine (die lokale Regierung) in glücklichen Gang gebracht war, so konnte die Reihe an die feierliche Erbhuldigung kommen. Deren Methode wurde darein gesetzt, dass durch vorausgegangene amtliche und pfarramtliche Belehrung in allen Gemeinden alle Untertanen genau wissen mussten, was die Sache bedeute; ja dass in jeder Gemeinde eine Submissionsakte und erklärte Teilnahme an der Huldigung der Deputierten unterfertigt wurde. Die Zahl der letztern wurde von mir selbst bestimmt, die dahiesigen Bürger aber in Masse zugelassen. Ritter, Geistlichkeit und die weltliche Staatsdienerschaft unterzeichneten nur ohne Eid, auf Ehre und Treue die Submissions- und Verpflichtungsurkunden; sie umgaben und verherrlichten rechts und links den Thron, der mit des Kurfürsten überschwebendem Bildnis unter freiem und heitern Himmel auf dem Münsterplatz errichtet war. Vor ihm her standen die Schwörenden, hinter ihnen und in der Häuserreihe das Volk. Es war der 30ste Junius, an dem ich das Werkzeug war, um die schönen Empfindungen treuer Bürger einzusammeln. Ich werde unter andern nie die liebliche Beleuchtung der obern Linde und die Herzlichkeit ihrer Inschriften vergessen [Albe07].
Eine Beschreibung der Festlichkeiten mit dem Wortlaut der Wechselreden, Wechselgesänge und Festgedichte erscheint in eigenen Denkschriften, die auch der Kurfürst sich vorlesen ließ. Höchstdieselben waren damit überaus zufrieden, gab später Geheimrat von Drais bekannt, und bis zu Freudentränen gerührt. Sie äußerten zu wiederholten Malen: Da sehe ich wahre Anhänglichkeit und Dankbarkeit; o meine lieben Breisgauer! [Albe06a].
|
|
Die Rheinbundakte
Königin Luise von Preußen
|
Welsche Sitten und französische Sprache in Freiburg
Aus der französischen und österreichischen Zeit stammend bestand die Noblesse zu Freiburg aus einem Grundstocke alteinheimischen Adels und aus einer französischen Colonie glaubens= und königstreuer Anhänger, welche so vorherrschten, daß es zum guten Ton gehörte, mit der französischen Sprache auch französischen Sitten und Gewohnheiten zu conservieren. Da hörte man noch die alten bonmots und chansons und das Spielen mit schlüpferigen Calembourgs; da übte man noch das Ceremoniell des ancien régime mit seinen umständlichen Formen, steifen Complimenten und obligaten Handküssen; da schaute man noch die graciösen, geschminkten, emmaillierten Damen mit gelockten Haaren oder Perücken, mit Fächer, Ridicule, Tabatière oder einem Döslein mit Bonbons und dem getreuen schwarznasigen Mops ... und wie die Herren chez soi in Benehmen und Gespräch oft locker und pikant waren, so zeigten sie gegen Andere sich entweder stolz zurückhaltend oder in verletzender Weise gnädig herablassend [Bade82].
Das Ende des alten Reiches 1806
Nach Einverleibung der österreichischen Gebiete am Oberrhein darf Baden für Napoleon die strategische Rolle eines cordon sanitaire, eines Riegels und Aufmarschgebiets, am rechten Flussufer von Lörrach bis Heidelberg spielen. Außerdem ist Baden so schmal, dass im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung auf der Höhe Hagenaus massierte französische Truppeneinheiten vom Elsass her das Land leicht in zwei Teile spalten können [Kort]. Das Großherzogtum bildet im Rheinbund von 1806 zusammen mit zunächst sechzehn weiteren deutschen Fürstentümern als ein drittes Deutschland, eine Pufferzone gegen die Großmächte? Österreich und Preußen (neu!).
Napoleon leitet seine Rolle als Protecteur de la Confédération du Rhin aus der Verpflichtung Frankreichs im Friedensvertrag von 1648 ab, für Stabilität in Deutschland zu sorgen [Stu03]. Vertraglich sind die Rheinbundstaaten verpflichtet, 60000 Soldaten unter französisches Kommando zu stellen. Karl Theodor von Dalberg wird als Erzbischof von Mainz Geschäftsführer des Bundes und erhält als solcher den Titel Fürstprimas von Deutschland [Miro02].
Tiddy-Doll, the great French-Gingerbread-Baker, drawing out a new Batch of Kings. *Tiddy-Doll, der große französische Pfefferkuchenbäcker zieht eine neue Ladung Könige aus dem Backofen
Zeitgenössische Karikatur von James Gillray. Napoleon ist hier dargestellt als der bekannte Londoner Pfeffer-kuchenhändler Tiddy-Doll. Er hat gerade die Könige von Bayern und Württemberg sowie den Badischen Großherzog frisch gebacken. Derweil mengt Talleyrand im Hintergrund neuen Teig.
Für diese Militärhilfe verteilt der Herrscher der Franzosen reichlich Auszeichnungen, so den von ihm gestifteten Orden der Ehrenlegion. Auch die Titelinflation schreitet munter fort. Zum Dank werden Bayern und Württemberg zu Königreichen befördert und das Kurfürstentum Baden 1806 zum Großherzogtum erhoben, was Heine kommentiert: Neue Königtümer haben Absatz wie frische Semmel [Ling10]. Mit dem Austritt aus dem Reichsverband versetzen die Rheinbundstaaten dem uralten Imperium, wie Napoleons Außenminister Talleyrand es bezeichnet, den Todesstoß. So legt in aller Konsequenz Franz II., aber vor allem wegen Napoleons Ultimatum bis zum 10. August 1804 abzudanken, die Krone des Deutschen Reiches nieder:
Wir erklären demnach durch Gegenwärtiges, ss Wir das Band, welches Uns bis jetzt an den Staatskörper des Deutschen Reichs gebunden hat, als gelöst ansehen, da Wir das reichsoberhauptliche Amt durch die Vereinigung der conföderirten Rheinischen Stände als erloschen und Uns dadurch von allen übernommenen Pflichten gegen das Deutsche Reich losgezählt betrachten, und die von wegen desselben bis jetzt getragene Kaiserkrone und geführte kaiserliche Regierung, wie hiermit geschieht, niederlegen.. Wir entbinden zugleich Churfürsten, Fürsten und Stände und alle Reichsangehörigen, insonderheit auch die Mitglieder der höchsten Reichsgerichte und die übrige Reichsdienerschaft, von ihren Pflichten, womit sie an Uns, als das gesetzliche Oberhaupt des Reiches, durch die Constitution gebunden waren. Unsre sämmtlichen deutschen Provinzen und Reichsländer zählen Wir dagegen von allen Verpflichtungen, die sie bis jetzt, unter was immer für einem Titel, gegen das deutsche Reich getragen haben, los, und Wir werden selbige mit ihrer Vereinigung mit dem ganzen oesterreichischen Staatskörper, als Kaiser von Oesterreich, unter den wiederhergestellten und bestehenden friedlichen Verhältnissen mit allen Mächten und benachbarten Staaten, zu jener Stufe des Glückes und Wohlstandes zu bringen beflissen seyn, welche das Ziel Unserer Wünsche, der Zweck Unserer angelegensten Sorgfalt stets seyn wird.
Gegeben in Unserer Haupt- und Residenzstadt Wien, den sechsten August im eintausend achthundert und sechsten, Unserer Reiche des Römischen und der Erbländischen im fünfzehnten Jahre. Franz ... [Schm06].
Goethe der lebenslange Napoleonverehrer, den die Nachricht vom Ende des Reiches auf einer wenig angenehmen Reise von Eger nach Hof erreicht, schreibt in sein Tagebuch über einen Zwiespalt des Bedienten und Kutschers auf dem Bocke, welcher uns mehr in Leidenschaft versetzte als die Spaltung des römischen Reichs. In Gefäll den Pferden etwas Heu gegeben.
Bei anderen jedoch schlägt die Neuigkeit wie eine Bombe ein. Goethes Mutter schreibt ihrem Sohn am 19. August aus Frankfurt ... mir ist übrigens zu muthe als wenn ein alter Freund sehr kranck ist, die ärzte geben ihn auf mann ist versichert dass er sterben wird und mit all der Gewißheit wird man doch erschüttert wann die Post kommt ist er todt. So gehts mir und der ganzen Stadt - Gestern wurde zum ersten mahl Kaiser und Reich aus dem Kirchengebet weggelaßen ... [Schm06].
Selbst König Gustav IV. von Schweden, als Herzog von Vorpommern auch Reichsstand, bekennt: Wenn die heiligsten Verbindungen ... jetzt aufgelöst worden; so kann doch niemals die teutsche Nation vernichtet werden, und durch die Gnade des Allerhöchsten wird Teutschland, dereinst aufs neue vereinigt, zu Macht und Ansehen wieder hergestellt werden [Schu96]. Doch dieser Protest verhallt ebenso, wie der des Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg, der als King George III in London auf dem Thron sitzt.
4. Koalitionskrieg (1806 - 1807)
Auch Preußen ist geschockt, fordert im September 1806 den Rückzug Napoleons aus allen deutschen Gebieten und erklärt im Bund mit Russland Frankreich den (4. Koalitions-) Krieg. Die Schlacht bei Jena und Auerstedt, bei der 120 000 Franzosen zusammen mit Söldnern aus den Rheinbundstaaten 110 000 Preußen und ihren Verbündeten gegenüberstehen, endet in einem Debakel für die ehemals so ruhmreiche Armee Friedrichs des Großen. König Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) flieht mit seiner Familie und Regierung nach Küstrin. So muss wohl dessen Bemühung: Der König hat eine Bataille verloren. Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht als eine der bekanntesten Schönfärbereien der Weltgeschichte angesehen werden, denn inzwischen geht der französische Feldzug gegen Preußen weiter. Die königliche Familie flieht zunächst nach Königsberg und weicht schließlich mitten im Winter in den äußersten Zipfel Preußens nach Memel aus.
Am 24. Oktober nimmt Napoleon Quartier im Potsdamer Stadtschloss.
Drei Tage später zieht er bei strahlendem Sonnenschein unter dem Jubel der
Bevölkerung durch das Brandenburger Tor in Berlin ein. Da kann sich der
Chefchirurg der französischen Armee
Pierre-François Percy nur wundern: Der Feind ist in
Berlin, Preußen ist erobert, der König ist mit einer erschreckten Armee
geflohen, und trotzdem … schien niemand an sein Vaterland zu denken, den Hof
zu bedauern oder sich wegen der Zukunft Sorge
Napoleons Einzug in Berlin
In seinem Berliner Winterquartier unterzeichnet Napoleon am 21 November 1806 das Decret zur Kontinentalsperre: Aller Handel und aller Verkehr mit den Britischen Inseln sind untersagt … Der Handel mit englischen Waren ist verboten, jede Ware, die England gehört oder aus dessen Fabriken und Kolonien kommt, wird für gute Prise erklärt … Kein unmittelbar von England oder von englischen Kolonien kommendes Fahrzeug soll in irgendeinen Hafen eingelassen werden [Weis10].
Himmlische Erscheinung, die niemals verlöscht
so bezeichnet Goethe Preußens Königin Luise, während Jean Paul meint, ihr sollte der Thron der Schönheit genug sein [Musa07]. Doch das ist er mitnichten, wenn sie klagt: Wir sind eingeschlafen auf dem Lorbeeren Friedrichs des Großen, welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf. Wir sind mit derselben nicht fortgeschritten, deshalb überflügelt sie uns [Scho01].
Napoleon empfängt Friedrich Wilhelm, dessen Frau Luise und Zar Alexander I. (1801-1825) 1807 in Tilsit wie von Nicolas Gosse in einem Gemälde dargestellt. War es Luisens glühender Verehrer der Zar, der die folgenden Zeilen schrieb Le charme de son céleste visage qui exprimait la bienveillance, la bonté, et dont les traits étaient si réguliers et si fins ; la beauté de sa taille, de son cou, de ses bras, l’éblouissante fraicheur de son teint, tout enfin surpassait en elle ce qu’on peut imaginer de plus ravissant*. *Der Charme ihres himmlischen Gesichts mit den regelmäßigen und feinen Zügen, die Freundlichkeit und Güte ausstrahlen; die Schönheit ihrer Figur, ihres Halses, ihrer Arme, die blendende Frische ihres Teints, sie übertraf alles, was immer man sich als besonders hinreißend vorzustellen vermochte.
Bei den anstehenden Friedensverhandlungen besteht Alexander auf Luisens Teilnahme. Dem stimmt Napoleon wohl aus Neugier auf seine schöne Feindin zu, die ihn als Ungeheuer und würdelosen niederträchtigen Mörder bezeichnet hatte. Als der Kaiser das Gespräch auf die unverfänglichen Themen Mode und Schmuck lenken will, meint die Königin: Sollen wir in einem so wichtigen Augenblick von so unbedeutenden Dingen reden? [Musa07]. Da fragt Napoleon, die nach seiner Ansicht eigentliche Kriegstreiberin direkt, weshalb sie den Krieg begonnen habe. Luise entgegnet: Sire, der Ruhm Friedrichs des Großen hat uns über unsere Mittel getäuscht. Luisens Charme und kluge Argumente betören Napoleon wenig, wie er in einem Brief an Kaiserin Josephine schreibt: Die Königin von Preußen ist in der Tat höchst anmutig, von bezaubernder Freundlichkeit gegen mich. Aber werde nicht etwa eifersüchtig; ich bin ein Wachstuch, über welches dies alles nur weggleitet. Es würde mich teuer zu stehen kommen, den Galanten zu spielen [Rapp10a]. Ohne Gnade werden im Frieden von Tilsit Preußens Territorien im Westen wie im Osten kräftig amputiert.
Als dann die himmlische Erscheinung drei Jahre später erst 34-jährig an einer Lungenentzündung verlöscht, erhebt das Volk sie endgültig zur deutschen Jeanne d'Arc, nachdem ihr schon Heinrich von Kleist zur Feier ihres (letzen) Geburtstags am 10. März 1810 folgendes heroisches Sonett gewidmet hatte:
Erwäg' ich, wie in jenen
Schreckenstagen
Wie von des Kriegs
zeriss'nem Schlachtenwagen
O O Herrscherin, die Zeit
dann möcht' ich segnen!
Dein Haupt scheint wie
von Strahlen mir umschimmert;
Stehst du auf, Germania?
Spätestens seit der Niederwerfung des so unheimlichen Preußens nennen die Franzosen ihren Kaiser: Le grand mécanicien de la victoire [Winc33]. Im fernen Bayreuth schreibt Jean Paul [Hauss90]: Die blutigste Zeit ist wahrscheinlich dem magren Deutschland schon vorüber. Ich wüßte nicht, was dessen Gerippe noch werden könnte, es müßte denn ein Schatten sein. Ich meines Ortes bin hier – in dem etwas einfältigen kalten Orte – weder Gerippe noch Schatten, sondern der Bayreuther Herkules. Ich spreche vom Körper … der durch Pauls übermäßigen Biergenuss wohl eher Fett, denn Muskeln angesetzt hatte.
Heinrich von Kleist schreibt an seine Schwester: Wir sind die unterjochten Völker der Römer und noch pessimistischer: Wer weiß, ob jemand noch, nach hundert Jahren, in dieser Gegend deutsch spricht [Crai93]. Er versucht das Volk aufzurütteln mit seinem Gedicht: Germania an ihre Kinder:
... Horchet! Durch die Nacht, ihr Brüder,
|
|
Charles Maurice |
Fürstentag in Erfurt
Napoleon möchte das Volk für sich gewinnen: Ich will Deutschland durch Pracht und Glanz in Erstaunen setzen und so lädt er im September 1808 zum Fürstentag nach Erfurt ein. Eine unermessliche Menschenmenge füllte die Straßen, und auf dem Platz vor dem Palais, wo der Kaiser absteigen sollte, standen Tausende Kopf an Kopf, berichtet Napoleons Außenminister Talleyrand: Jeder wollte den Mann sehen, und so genau wie möglich sehen, der Kronen und Throne verteilte und der die Geschicke Europas, Freude und Hoffnung, Not und Elend in seiner allmächtigen Hand hielt [Ullr06]. Auch beobachtet Talleyrand die Liebedienerei der Deutschen: Die Huldigungen, die man Ihm darbrachte, sowohl die aufrichtigen, als auch die gezwungenen und die erheuchelten, gingen ins Ungeheuerliche. Schmeichelei, die an Vergötterung, und niedrige Gesinnung, die an Ekel grenzte, schienen sich gegenseitig überbieten zu wollen ... In Erfurt habe ich gesehen, dass nicht allein die blöde Menge dem Gewaltigen schmeichelte, sondern auch die Fürsten ... sich zu der elendsten Schmeichelei und Augendienerei erniedrigten [Sill04].
Zwar schmeichelt Goethe nicht, fühlt sich aber geschmeichelt, als Napoleon ihn mit: Vous êtes un homme begrüßt und ihm das Kreuz der Ehrenlegion verleiht: Ich will gerne gestehen, daß mir in meinem Leben nichts Höheres und Erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem französischen Kaiser, und zwar auf solche Weise zu stehen [Ullr06].
La merde dans un bas de soie
Der oben erwähnte Außenminister Napoleons Talleyrand hatte eine ganz
erstaunliche Karriere hinter sich. Mit 34 Jahren war Charles-Maurice de
Talleyrand zum Bischof von Autun in Burgund geweiht worden, doch besucht er
sein Bistum erst, als seine Schäfchen ihn als Vertreter des Klerus in die
Generalversammlung der Stände, die der Französischen Revolution vorausging,
wählen sollen. Dort dient er sich den Revolutionären an, indem er am 10. Oktober 1789 der Nationalversammlung vorschlägt, die Kirchengüter der
Revolution zu Begleichung der Staatsschulden zur Verfügung zu stellen. Der
Antrag des Bischofs, seine Kirche zu enteignen wird mit 568 gegen 346
Stimmen angenommen. Bevor aber nun
die Revolutionäre die katholische
Religion durch die Verehrung eines Höchsten Wesen ersetzen, verlässt
Talleyrand, der seine Mühle nach dem Wind dreht. Ein Mann mit sechs Köpfen, der sechs politischen Richtungen diente: Bischof von Autun, Mitglied der Nationalversammlung und Außenminister unter dem Direktorium, dem 1. Konsul, Kaiser Napoleon sowie König Louis XVIII.
In dieser Eigenschaft verhandelt Talleyrand auf dem Erfurter Fürstentag allerdings hinter dem Rücken seinen Dienstherrn mit Zar Alexander I. über die Ablehnung eines von Napoleon angestrebten Bündnisses mit dem Kaiserreich Frankreich. Als der Kaiser davon erfährt, nimmt er sich seinen Außenminister im Ministerrat am 28. Januar 1809 vor und schließt mit den Worten Vous mériteriez que je vous brisasse comme un verre, j'en ai le pouvoir mais je vous méprise trop pour en prendre la peine. Pourquoi ne vous ai-je pas fait pendre aux grilles du Carrousel ? Mais il en est bien temps encore. Tenez, vous êtes de la merde dans un bas de soie !* Als der Kaiser den Raum verlassen hatte, meint Talleyrand spöttisch : Quel dommage, Messieurs, qu'un si grand homme soit si mal élevé ! * und spielt damit auf die einfache Herkunft Napoleons an. *Ihr verdientet, dass ich Euch wie ein Glas zerbreche. Dazu habe ich die Macht, doch ich verachte Euch zu sehr, als dass ich mir die Mühe machte. Warum habe ich Euch nicht am Gitter des Carrousels aufknüpfen lassen? Aber dazu ist immer noch Zeit. Nehmt das, Sie sind Scheiße in einem Seidenstrumpf! Talleyrands Reaktion: Schade, meine Herren, dass ein so großer Mensch so schlecht erzogen ist.
Es ist nicht verwunderlich, dass Talleyrand nach dem Sturz Napoleons auch dem Bourbonenkönig Louis XVIII als Außenminister dient und auf Wiener Kongress zusammen mit Metternich die Fäden zugunsten Frankreichs ziehen wird.
|
|
Andreas Hofer |
Das ist des Deutschen Vaterland !
Unter der Knute Napoleons, was bleibt den Aufrechten noch? Es bleibt die innere Opposition, die Ablehnung von welschem Tand und welscher Sprache. Wieder muss die Muttersprache als Klammer der Deutschen herhalten, wenn Turnvater Jahn formuliert: Deutsche, fühlt wieder mit männlichem Hochsinn den Wert eurer edlen, lebendigen Sprache, schöpft aus ihrem nie versiegenden Urborn, grabt die alten Quellen auf und lasset Lutetiens stehende Lache in Ruhe! [Wink00].
Ernst Moritz Arndt wird noch deutlicher [Schu96]: Einmüthigkeit der Herzen sey Eure Kirche, Hass gegen die Franzosen Eure Religion, Freyheit und Vaterland seyen die Heiligen, bei welchen ihr anbetet:
Das ist des Deutschen Vaterland,
5. Koalitionskrieg (1809)
Mit der Erhebung der Spanier vom 2. Mai 1808 gegen die napoleonische
Herrschaft sieht Österreich die Chance zur Eröffnung einer zweiten
Front. So probt es im Jahre 1809 im
5. Koalitionskrieg noch
La bateille de Wagram
Le roi de Rome (Napoleon II.)
Le Grand Empire
Zwar heißt es in Europa: Fiat voluntas domini Napoleonis, doch seien verordnete Kontinental-sperre lässt sich nicht durchsetzen, wenn nicht alle Küstengebiete fest in französischer Hand sind. Deshalb ordnet der Diktator 1811 nach einem von ihm Ende 1810 initiierten Senatsbeschluss die Landkarte des nicht mehr existierenden Heiligen Römischen Reiches und des übrigen Europas völlig neu. Ganz Holland (u. a. Département des bouches du Rhin), Teile Norddeutschlands - ein Korridor bis zur Ostsee mit Bremen (Département des bouches du Weser), Lübeck und der Stadt Hamburg als der Préfecture du Département des bouches de l'Elbe - werden Frankreich einverleibt. Offiziell verlautet, Napoleon plane - zur Umgehung der englischen Seeblockade und zum Ausbau der französischen Wirtschaftshegemonie - einen schiffbaren Kanal von der Seine bis an die Ostsee, doch sollen ihm die ehemaligen hanseatischen nun neufranzösischen Territorien vornehmlich als Aufmarschgebiet für den ab 1811 geplanten Russlandfeldzug dienen [Stub03]. Schon 1810 wird der Bau des Grand Canal du Nord 1810 eingestellt, denn der Kaiser benötigt die Gelder dringend zur Ausrüstung der Grande Armée.
Anekdotisches
Als Napoleon bei der Inspektion der nördlichen Départements seines Grand Empire durch das Münsterland kommt, sind die lokalen Dignitäten aufgefordert, dafür zu sorgen, dass der Kaiser angemessen empfangen wird. Vergeblich versucht der Dorfpfarrer seinen Schäfchen, den Ausruf Vive l'Empereur beizubringen. Als er nach vergeblichen Bemühungen abends erschöpft seine Petroleumlampe anzündet und den Docht höher schraubt, um sein Brevier zu lesen, kommt ihm plötzlich die rettende Idee: fünf von diesen Glaszylindern, so muss es sein. Da rufen die Westfalen begeistert, als am nächsten Tag Napoleon auf seinem Pferd Nickel vorbeireitet, auf plattdütsch: fief Lampenröhr!
Beeindruckt ob dieser Begrüßung auf Französisch steigt der Kaiser ab, um sich zu erfrischen. Da geraten die Münsterländer keineswegs in Verlegenheit. Zum Dejeuner setzt man Napoleon die lokalen Spezialitäten vor: Westfälischen Skinken mit einem Kanten groben, schwarzen Brots. Der Kaiser nimmt das Brot, dreht es in seinen Händen, riecht kurz daran und befindet: Pain pour Nickel. Die herumstehenden Westfalen verstehen nicht recht, was Napoleon damit meint, aber das Wort gefällt, und so wird aus dem Brot für das kaiserliche Pferd das uns bekannte Pumpernickel [Mec06b].
Über das für Franzosen ungenießbare dunkle Brot findet sich auch bei Goethe in seiner Geschichte der Campagne in Frankreich ebenfalls eine hübsche Anekdote. Von der verheerenden Niederlage der antirevolutionären Koalitionstruppen bei Valmy noch ganz mitgenommen fährt der Dichter und Kriegsreporter auf dem Heimweg nach Weimar durch Westfalen, dessen Straßen mit flüchtigen Franzosen überfüllt sind. Die Einheimischen mögen die Flüchtlinge nicht und es wurde bemerkt, dass unter ihnen, trotz aller Erniedrigung, Elend und zu befürchtender Armut, noch immer dieselbe Rangsucht und Unbescheidenheit gefunden werde.
In einem Gasthaus beobachtet Goethe nun, dass einem bescheidenen jungen Franzosen, der offensichtlich zu Fuß unterwegs ist, der Großteil seiner Zeche erlassen wird. Auf Anfrage erklärt der Wirt: Dies ist der erste von diesem vermaledeiten Volk, der Schwarzbrot gegessen hat: das musste ihm zugute kommen.
|
|
Jérôme, Roi de Westphalie
Code Napoleon Edition seule officielle pour le Royaume de Westphalie
Mit der Einführung des Euro machen die Korsen aus der Not eine Tugend, indem sie illegal eigene Euromünzen mit dem Konterfei ihres großen Sohnes prägen und diese gewinnbringend an Touristen losschlagen.
Soldat des Rheinbundes
|
Kaiserreich Napoleons in seiner größten Ausdehnung 1812 [Atla91]. In Familienunion sind mit ihm verbunden das Großherzogtum Berg seines Neffen Ludwig, das Königreich Westfalen seines Bruders Jérôme (siehe unten) und das Königreich Italien seines Schwagers Joachim Murat
Ein König in Westfalen
Einige Historiker meinen, Napoleon musste scheitern, weil er zu häufig
seine unfähigen Familienangehörigen als Herrscher in den von ihm eroberten
Gebieten einsetzte: sein Bruder Ludwig war König von Holland, Joseph wurde
König von Spanien und im Frieden von Tilsit 1807 bedachte er seinen jüngsten
Bruder Jérôme mit dem neugeschaffenen Königreich Westfalenen. Bei der
Bestallung hatte Napoleon den jüngsten Bonaparte belehrt:
Deutschland ist ein
dunkles, gefährliches Land - wir werden es nie begreifen - hier ist jede
Katastrophe, aber auch jedes Wunder möglich.
Diesem
Jérôme gelingt ein Wunder, indem der erst 23-Jährige in wenigen Jahren einen
Musterstaat auf deutschem Territorium schafft mit einer Verfassung, welche
Gleichheit vor dem Gesetz sowie Gewerbe- und Religionsfreiheit garantiert. Adel und Kirchen verlieren ihre Privilegien, Leibeigenschaft und Frondienste sind
abgeschafft, der Zunftzwang ist aufgehoben, die Juden sind gleichberechtigt, es gibt Schwurgerichte, jedem Soldaten steht der Aufstieg bis in die höchsten Ränge offen. Daneben macht der als
König Lustik
Der Jérômedor
Jetzt im Jahre 1811 schreibt Jérôme warnend seinem Bruder: Sire! Die Gärung hat den höchsten Grad erreicht ... Verzweiflung der Völker, die nichts mehr zu verlieren haben, da man ihnen alles genommen hat, ist zu befürchten. Überall sind Elend und Armut in die Familien eingekehrt, die Kapitalien sind erschöpft. Der Adlige, der Bürger und der Landmann werden von Schulden erdrückt. Es scheint, dass keine andere Hilfe als die des allgemeinen Aufstandes möglich ist, den man mit Sehnsucht erwartet und auf den alle gerichtet sind. Ich halte es daher für wichtig, sofort ganz Preußen zu annektieren. J.
Prompt erfolgt Antwort aus Paris: Sie Narr tun mir wahrhaft leid, es ist, als ob ein Schüler Homer lehren wollte, Verse zu machen! Der Hauptton ruht bei Ihnen auf dem obsternaten Satz: Die Finanzen sind erschöpft - Sorgen Sie sich bitte nicht um die hohe Politik. N. [Winc33]. Der Kaiser bezieht sich dabei auf die Verschwendungssucht am Hofe Jérômes in Kassel.
Verehrung und Hass
Auch wenn die von Napoleon abhängigen Staaten unter seiner Knute ächzen, so bewundern viele Zeitgenossen am Beherrscher Europas, dass er nach dem Terrorregime den Geist der französischen Revolution in berechenbare Bahnen gelenkt hat. Sie sehen in ihm noch immer den Erlöser der Bauern von der Leibeigenschaft, den Einer Europas, den neuen Karl den Großen. Auch das Bürgertum schätzt den Befreier von Absolutismus und richterlicher Willkür, der mit der Einführung des Code Napoleons (in Baden seit 1810) das persönliche Eigentum der Bürger schützt und die Vorrechte des Adels beschnitten hält [Mens05].
Der junge romantische Heine erlebt Napoleon in seiner Geburtsstadt: Aber wie ward mir, als ich ihn selber sah, mit hochbegnadigten, eigenen Augen ihn selber, Hosianna! den Kaiser. Es war eben in der Allee des Hofgartens zu Düsseldorf … Der Kaiser mit seinem Gefolge ritt mitten durch die Allee, die schauernden Bäume beugten sich vorwärts, wo er vorbeikam, die Sonnenstrahlen zitterten furchtsam neugierig durch das grüne Laub, und am blauen Himmel oben schwamm sichtbar ein goldner Stern … Und als der Stern des Kaisers im Zenith steht, scheint es Heinen gar, als ob sein Bild, losgerissen aus dem kleinen Rahmen der Gegenwart, immer stolzer und herrischer zurückweiche in vergangenheitliche Dämmerung. Sein Name schon klingt uns wie eine Kunde der Vorwelt, und ebenso antik und heroisch wie die Namen Alexander und Cäsar ... [Schu02].
Hegel begegnet Napoleon am Tag vor der Schlacht von Jena und Auerstedt: Den Kaiser - diese Weltseele - sah ich durch die Stadt zum Rekogniszieren hinausreiten; es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht [Ullr06]. Heine schreibt: Er war nicht von jenem Holz, woraus man die Könige macht - Er war von jenem Marmor, woraus man Götter macht. Für die Verehrung des nach Hölderlin Herrlichsten mag das hymnische Poem des norddeutschen Aufklärers und Literaten Gerhard Anton von Halem mit dem Titel An Ihn stehen:
Blieb er Diktator nur, zu baun der Freiheit Dom.
Meine Macht hängt von meinem Ruhm ab
Napoleons imperialistisches Kaiserreich ist zur Erhaltung seiner Macht längst zu einem Polizeistaat verkommen. Vom vom Territorium des verbündeten Dänemarks, von Altona, aus koordiniert die französische Geheimpolizei Innenministers Fouchés die Spitzelaktivitäten in ganz Norddeutschland.
Mit seiner Kaiserkrönung hat Napoleon für Beethoven, der dem Korsen die Sinfonia grande, intitola Bonaparte gewidmet hatte, die Ideale der Republik verraten: Ist der auch nichts anderes als ein gewöhnlicher Mensch? Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen; er wird sich noch höher als alle anderen stellen, ein Tyrann werden! [Ullr06]. Wütend kratzt er vom Titelblatt seiner 3. Symphonie, der Eroica, die eigenhändige Widmung an Napoleon wieder aus.
Auch die Schaffung eines neuen Adels durch den Kaiser (das Nobilitieren verdienter Generäle) treibt seine republikanischen Anhänger in die Opposition. Spätestens jetzt realisiert Napoleon: Meine Macht hängt von meinem Ruhm ab, und mein Ruhm von meinen Siegen … Eine neugeborene Regierung muss blenden und in Stauen setzen; tut sie das nicht, dann stürzt sie [Weis10].
Durch die Grenzstadt Freiburg rollen viele illegale Transporte
Wegen der gegen England verhängten Kontinentalsperre liegt Mitteleuropa wirtschaftlich danieder: Kattunspinnereien und –druckereien mangelt es an Baumwolle und Zuckerfabriken fehlt es nicht nur an Rohstoff, sondern auch an Kohle zum Erhitzen der Siedepfannen. Armut breitet sich aus. Die Ausfuhr von Getreide und Futterpflanzen nach Frankreich ist verboten; andere Exportartikel sind mit hohen Zöllen belastet, während Frankreich die Satellitenländer mit seinen Waren überschwemmt. In Europa blüht einzig der Schmuggel besonders in den Küstenstädten, aber auch durch die Grenzstadt Freiburg rollen viele illegale Transporte, so im August 1812 300 bis 400 Wagen mit Kolonialwaren [Nipp98].
Es ist aber nicht der Warenzoll, sondern der Blutzoll, der endlich bei den Verbündeten die Stimmung gegen den Diktator umschlagen lässt, denn gnadenlos presst Napoleon aus den koalierten Staaten neben Geld vor allem frische Truppen, die er für seine immer ehrgeizigeren Unternehmungen braucht.
Tambur Hagenbuch 1810: Graffiti eines Tambours der napoleonischen Armee am Chor des Freiburger Münsters
|
|
Marschall Louis-Nicolas Davout
|
Ich habe eine ganze Nation von zwölf Millionen Bürgern zum Feind
Der permanente kleine Krieg (Guerrilla) zermürbt die französischen Besatzungstruppen in Spanien. König Joseph Bonaparte klagt seinem kaiserlichen Bruder: Ich habe eine ganze Nation von zwölf Millionen tapferer, verbitterter und bis zu Äußersten verzweifelter Bürger zum Feind [Tref10]. Die Aufstände in Spanien beunruhigen den Titularherzog von Auerstedt Marschall Louis-Nicolas Davout. Als Generalgouverneur der Hanseatischen Departements mit den Städten Bremen, Hamburg und Lübeck befürchte er dort Ähnliches. Napoleon jedoch beruhigt ihn: Urteilen Sie doch selbst, was zu befürchten ist von einem so braven, so vernünftigem, so kaltem, so geduldigem Volke [Rapp10] und setzt noch hinzu: Wenn eine Bewegung in Deutschland ausbrechen sollte, dann wird sie am Ende für uns und gegen die kleinen Fürsten gehen [Mens05]. Später im Exil wird Napoleon allerdings zugeben: Der Guerillakrieg hat meine moralische Autorität in Europa zerstört [Tref10].
La Grande Armée
Nach Russland marschieren 1812 mit der Grande Armée von
412 000 Mann auch etwa 150 000 Deutsche,
doch kehren davon nur rund 1000 in die Heimat zurück.
Rückzug aus Russland; Federzeichnung von Adam Klein
Es irrt durch Schnee und Wald umher
Kalt kommentiert Napoleon die Verluste: Ein Mann wie ich schert sich wenig um das Leben einer Million Menschen … Die Franzosen können sich nicht über mich beklagen; um sie zu schonen, habe ich die Deutschen und Polen geopfert, doch gegenüber dem österreichischen Botschafter Metternich gibt er zu: Ich wollte die Gegenwart und die Vergangenheit, die überlieferten Vorurteile und die Institutionen meines Jahrhunderts miteinander vereinen und spüre heute das ganze Ausmaß meines Irrtums [Gall10].
Der russische Bär freilich bleibt dem französischem Kaiser auf den Fersen, und schließlich erhebt auch der gedemütigte preußische Adler wieder sein Haupt.
Die Schlesische privilegirte Zeitung titelt in No. 34. Sonnabends den 20. März 1813:
Se. Majestät der König haben mit Sr. Majestät dem Kaiser aller
|
|
Goethe im Jahre 1828
|
Goethe, ein lebenslanger Bewunderer Napoleons
Goethe hatte die Persönlichkeit Napoleons schon immer fasziniert. In einem Brief an Schiller aus dem Jahre 1802 fragt er: Wir wollen erwarten, ob uns Bonapartes Persönlichkeit noch ferner mit dieser herrliche und herrschenden Erscheinung erfreuen wird [Safr09].
Zehn Jahre später als die Freikorps gegen Napoleon immer größeren Zulauf erhalten, weilt der alte Goethe in Dresden im Hause Theodor Körners, Jäger bei der wildverwegenen Lützowern. Diese Freischar* operiert wesentlich als Partisaneneinheit gegen die Besatzer und ist mit ihren präzisen Jagdwaffen bei ihren raschen Überfällen auf Militärtransporte den napoleonischen Soldaten überlegen. Major Adolf von Lützow, ein Veteran der Schlacht von Jena, hatte in seiner Instruktion für die Streifendetachments die Kampftaktik für das Königlich Preußische Freicorps vorgegeben. Um einheitlich aufzutreten, tragen die Freischärler schwarz eingefärbte Uniformen wie die Nacht der Fremdherrschaft, rote Aufschläge wie das vergossene Blut und vergoldete Uniformknöpfe wie die Morgenröte der zu gewinnenden Freiheit. Körner bedient sich des Heiligenbilds der Königin Luise für einen gerechten Krieg: Luise sei der Schutzgeist deutscher Sache; Luise sei das Losungswort der Rache. Heine spottet ob des Freiheitsdichters schlechter Verse, für sich die braven Deutschen auf allerhöchste Befehl begeistern [Lang09]. * weiter im Norden kämpft Ferdinand Baptista von Schills Freikorps gegen die Franzosen
Goethe jedoch ist von diesen Kämpfen nicht begeistert. Er gibt sich ganz defätistisch und dämpft die allgemeine vaterländische Begeisterung: Schüttelt nur an Euren Ketten; der Mann ist Euch zu groß, Ihr werdet sie nicht zerbrechen. Die beiden Herren verbindet schließlich eine gegenseitige Hochachtung, denn Napoleon bewundert Goethe als den Autor des Werther (der Kaiser las das Buch angeblich vier- oder siebenmal) und der Dichter im Gegenzug den Kaiser der Franzosen als Garanten einer neuen Ordnung.
Nach dem zweiten Fall Napoleons und unter dem Eindruck der Restauration ist Goethe wohl kurzzeitig verwirrt, denn er dichtet sarkastisch:
Gott Dank! Daß uns so wohl geschah,
Gleichwohl trägt der alte Mann während und nach den Befreiungskriegen weiterhin das ihm von Napoleon überreichte Kreuz der Ehrenlegion, was viele Zeitgenossen indigniert registrieren. Wilhelm von Humboldt schreibt: Ohne das Legionskreuz geht Goethe niemals, und von dem, durch den er es hat, pflegt er immer mein Kaiser zu sagen. Goethe trägt das Kreuz wohl auch aus Trotz, weil seine Bemühungen, von Kaiser Franz eine Medaille verliehen zu bekommen, fehlgeschlagen waren.
Selbst als Napoleon schon tot ist, spricht er 1828 zu seinem Sekretär Eckermann mit Bewunderung von dem großen Feldherrn: Da war Napoleon ein Kerl! - Immer erleuchtet, immer klar und entschieden, und zu jeder Stunde mit der hinreichenden Energie begabt, um das, was er als vorteilhaft und notwendig erkannt hatte, sogleich ins Werk zu setzen. Sein Leben war das Schreiten eines Halbgotts von Schlacht zu Schlacht und von Sieg zu Sieg. Von ihm könnte man sehr wohl sagen, dass er sich in dem Zustand einer fortwährenden Erleuchtung befunden, weshalb auch sein Geschick ein so glänzendes war, wie es die Welt vor ihm nicht sah und vielleicht auch nach ihm nicht sehen wird. Ja, ja, mein Guter, das war ein Kerl, dem wir es freilich nicht nachmachen können [Ecke12].
Zwei Jahre später ist diese Bewunderung ein wenig gedämpft, als Goethe seinem Eckermann folgende Anekdote erzählt: Sie wissen, Napoleon trug gewöhnlich eine dunkelgrüne Uniform. Von vielem Tragen und Sonne war sie zuletzt völlig unscheinbar geworden, so daß die Notwendigkeit gefühlt wurde, sie durch eine andere zu ersetzen. Er wünschte dieselbe dunkelgrüne Farbe, allein auf der Insel waren keine Vorräte dieser Art; es fand sich zwar ein grünes Tuch, allein die Farbe war unrein und fiel ins Gelbliche. Eine solche Farbe auf seinen Leib zu nehmen, war nun dem Herrn der Welt unmöglich, und es blieb ihm nichts übrig, als seine alte Uniform wenden zu lassen und sie so zu tragen. Was sagen Sie dazu? Ist es nicht ein vollkommen tragischer Zug? Ist es nicht rührend, den Herrn der Könige zuletzt so weit reduziert zu sehen, daß er eine gewendete Uniform tragen muß? Und doch, wenn man bedenkt, daß ein solches Ende einen Mann traf, der das Leben und Glück von Millionen mit Füßen getreten hatte, so ist das Schicksal, das ihm widerfuhr, immer noch sehr milde; es ist eine Nemesis, die nicht umhin kann, in Erwägung der Größe des Helden, immer noch ein wenig galant zu sein. Napoleon gibt uns ein Beispiel, wie gefährlich es sei, sich ins Absolute zu erheben und alles der Ausführung einer Idee zu opfern [Ecke12]. Als Goethe diesen Satz spricht, blickt unser Nationaldichter da hundert Jahre voraus?
Das vorläufige Ende Napoleons oder die Völkerschlacht bei Leipzig 1813
Noch 1813 kämpfen in der Völkerschlacht bei Leipzig Soldaten des
Rheinbundes an der Seite Bonapartes, so auch badische Söldner. Somit
ist auch Großherzog Karl Friedrich von Baden
zusammen mit seinem Gönner Napoleon Verlierer dieser Schlacht. Bei dem latenten
Hass gegen Napoleon wundert es also nicht, dass in Freiburg vom Regierungsgebäude
Siegesmeldung des k.k. Feldmar-schalls Karl Fürst Schwarzenberg nach der Völkerschlacht bei Leipzig an Kaiser Franz I., Zar Alexander I. und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen gemalt von Johann Peter Krafft. Nebenstehend auf dem Randstreifen die Opferzahl der Verbündeten.
Erst nachdem im Frankfurter Akzessionsvertrag am 20. November 1813 Baden aus dem Rheinbund ausgetreten war, schickt Karl Friedrich seine Truppen gegen Frankreich ins Feld und darf sich deshalb auch als ein, wenn auch verspäteter, Sieger fühlen. Diesen plötzlichen Seitenwechsel begründet der Großherzog in seinem:
Aufruf an Baden!
Dem Beispiel meines erhabenen Ahnherrn, der mir in der Regierung vorgieng, zu Folge, machte ich es mir zur unverbrüchlichen Pflicht, das Wohl und das Glück meiner Unterthanen zu befördern, und die Erhaltung Badens zu sichern.
Die von dem Höchstseligen Großherzog bei seinem Eintritt in den Rheinischen Bund eingegangene Verbindlichkeiten gegen Frankreich, die auf mich übergiengen, waren mir heilig, weil ich in strenger Erfüllung derselben die Ruhe meines Volkes und die Erhaltung meines Landes zu begründen hofte, und obgleich die Drangsale langwieriger Kriege, in welchen ich, den mit Frankreich bestehenden Verbindungen gemäß, eine bedeutendes Truppenkorps zu den Französischen Armeen stellen mußte, sowohl, als die Sperre allen Handels, dem Vaterlande bedeutende Wunden schlugen, so war mein einziger Trost die Hofnung, daß ein endlicher Friede mir einst die Gelegenheit darbieten werde, meinem Volke, durch meine Fürsorge für das Erlittene, Ersatz zu gewähren.
Die allwaltende Vorsehung, die das Schicksal der Völker und der Heere lenket, hat die Siegesfahne den Französischen Waffen entrücket, und sie den Händen der für die Sache Deutschlands kämpfenden Aliirten anvertrauet, indem sie der Französischen Uebermacht Gränzen festzusetzen für nöthig erachtete.
Von den Ufern der Elbe bis an die des Rheins drangen unaufhaltsam die verbündeten Mächte siegreich heran; den lezten Versuch unternahm ich nun, um dem nunmehr durch die Annäherung des Kriegsschauplatzes bedrohten Vaterlande Ruhen und Sicherheit zu gewähren, ich suchte eine Neutralität von dem Französischen Kaiser für Baden zu erhalten, in der Hofnung, daß die Allerhöchsten verbündeten Mächte gleichfalls Ihrer Seits Ihre Einwilligung dazu geben würden; allein der Erfolg war dieser Erwartung nicht entsprechend; und da ich auf diese Art Badens Ruhe nicht begründen konnte, so finde ich mich nunmehr bewogen, denen mit Frankreich im Kriege stehenden und gegen dasselbe verbündeten Mächten beizutreten, und so die Sache des Vaterlands mt der Ihrigen zu verbinden.
Die Erhaltung Badens, die Erkämpfung deutscher Freiheit und Unabhängigkeit ist nun das große Ziel, welches zu erreichen wir uns bestreben müssen, und was, in Einklang mit den hohen Verbündeten, wir zu gelangen die rechte Hoffnung nähren dürfen.
Ich kann Euch nicht verhehlen, daß unsere geographische Lage, als Gränzbewohner Frnkreichs, unsern dermaligen Stand, im Verhältniß zu den übrigen aliirten Staaten Deutschlands, zu einem der wichtigsten macht, folglich auch alle Opfer erheischt, welche die Nothwendigkeit der Vertheidigung Eures Vaterlandes, Eures Heerdes, Eurer Familie erfordert; daß also Anstrengungen jeglicher Art nothwendig werden, um unserer Seits zur Herstellung eines allgemeinen Friedens, zur Begründung eines dessen Dauer sichernden politischen Gleichgewichts, welche, die Freiheit des Handels schützend, die National=Industrie neu belebt und den gesunkenen Wohlstand wieder aufrichtet, Alles beizutragen.
Bewohner Badens, vertrauet Eurem Fürsten! Das hohe Ziel: Vertheidigung des Vaterlandes und deutscher Freiheit,
erhebe Eure Brust mit dem heiligsten Enthusiasmus für das allgemeine Wohl, und durchdringe Euch mit dem rühmlichen Eifer auf meinen Aufruf und nach dem deshalb von mir getroffen werdenden Verfügungen, Euch freiwillig unter die Fahne des Vaterlands zu stellen, und Euch des schönen Beispiels würdig zu machen, mit dem Eure Badische Waffenbrüder seit langen Jahren ungetheilt auf dem Felde der Ehre Euch vorangiengen!
|
|
Es folgt die für Freiburg nicht ganz vollständige Restauration
Zurück zur Französischen Revolution
|
Der Freund meines Volkes, werde ich überall, wo Gefahr drohet, sie mit Euch theilen, bis einst, nach erkämpften Ziele, ein dauernder Frieden mir das Glück gewähren wird, Euren Wohlstand für die Zukunft fest zu gründen, und die Ruhe des Vaterlandes vor jedem Sturm gesichert zu wissen.
Carlsruhe, den 20. November 1813. Carl.
In den napoleonischen Kriegen waren auf der nun plötzlich falschen Seite bereits 13000 Badener gefallen, aus Russland gar nur 155 badische Soldaten zurückgekehrt.
Une querelle d’Allemand
Nach den Befreiungskriegen kam es, da auf dem sächsischen Schlachtfeld natürlicherweise mehr deutsch als teutsch gesprochen wurde, zu einer querelle d'Allemand, einem typisch deutschen Streit über die Schreibweise von teutsch. Goethe versteht seine Landsleute nicht mehr und rastet aus:
An die Deutschen und Teutschen (Aus den zahmen Xenien)
Verfluchtes Volk! kaum bist du frei,
Bekanntlich hatte der Olympier ein gestörtes Verhältnis zu seinen Landsleuten. So soll er den Rat gegeben haben, die Deutschen wie die Juden in alle Welt zu zerstreuen, denn auswärts seien sie noch erträglich. Damit hat er sicherlich nicht die grölenden Haufen angetrunkener deutscher Touristen an den Stränden des Mittelmeeres gemeint, sondern die Menschen, die meist aus politischen Gründen Deutschland verlassen mussten. Thomas Mann legt Goethe in seinem im amerikanischen Exil geschriebenen Roman Lotte in Weimar die folgenden Worte in den Mund: Unseliges Volk, es wird nicht gut ausgehen mit ihm, … das Schicksal wird sie schlagen … - zu Recht, denn ihre Besten lebten immer bei ihnen im Exil, und im Exil erst, in der Zerstreuung werden sie die Masse des Guten, die in ihnen liegt, zum Heile der Nationen entwickeln und das Salz der Erde sein … [Borc02]. Beweihräuchert sich Mann hier selbst oder meint er etwa Heine?
|
This page was last updated on 05 August, 2010