Napoleon zu Pferd

Freiburgs Geschichte in Zitaten

Napoleon oder wie der aigle impérial
dunkle Schatten über Europa wirft

 

Deutschland? Ich weiß das Land nicht zu finden ...

 

Noch 1792 hatte Christoph Martin Wieland festgestellt: Wer das deutsche Reich aufmerksam durchwandert, lernt zwar nach und nach Österreicher, Brandenburger, Sachsen, Pfälzer, Baiern, Hessen, Württemberger, usw. mit etlichen hundert kleineren … Völkerschaften, aber keine Deutschen kennen … Jeder von dieser ungeheurn Menge Staaten im Staat hat seinen eigenen kleinen Gemeingeist …; was Wunder also, wenn Gleichgiltigkeit und Kälte gegen allgemeines Nationalinteresse … den Fremden als ein Charakterzug der Deutschen auffällt [Miro02].  

 

Jetzt lassen die französische Übermacht und die eigene Ohnmacht in deutschen Landen nationalistische Gefühle aufkommen. Doch angesichts eines Nationalismus, in dessen Namen Freiheit und Menschlichkeit mit Füßen getreten werden, schreiben Goethe und Schiller 1797 als Sympoesie ihren Landsleuten die folgende Xenie ins Stammbuch:

 

Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden,
Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf ...
Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche vergebens;
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.

 

Über diese Zeilen urteilt Johann Gottfried Seume: Die Herren haben durch diese Geschenke der Nationalbildung eine Ohrfeige gegeben [Prei12].

 

 

Der Schweiz eine Verfassung übergestülpt

 

Der Obervogt der Herrschaft Burgheim am Kaiserstuhl Dr. Franz Anton Tröndlin schreibt Anfang 1798 über revolutionäre Ansätze im Breisgau und den Nachbarländern: Die Sorgen für die auch in unserem Lande auszubrechenden Unruhen scheinen verschwunden zu sein, da die Bewegungen der markgräflich badischen Untertanen frühzeitig entdeckt sind, und dadurch dem bedrohten Übel Einhalt getan worden ... Diese Ruhe schreibt er einem vortrefflichen Zirkular seines Landeschefs Sumerau zu. So ruhig es übrigens in unserem Breisgau aussieht, so nehmen die Unruhen in der Schweiz täglich mehr zu. Alle Klöster in dem letzten Lande sind von den Bauern bewacht, und es ist keinem Ordensgeistlichen gestattet, aus demselben aus- und einzugehen. In Bern und Arau ist es zwischen den Bürgern zu blutigen Tätigkeiten gekommen, und dieses hatte die Folge, das an dem abgewichenen Montage [5. Februar 1798] die Franzosen in die Schweiz eingerückt sind. 15000 gingen allein durch Basel und noch mehrere brachen in andere Gegenden ein. Was am Ende hieraus werden wird, darauf ist jedermann begierig. Dieser Jedermann muss nicht lang mehr warten. Ohne Umschweife gründet Napoleon in Basel die Helvetische Republik und stülpt der Schweiz mit dem Ochsenbüchlein aus der Feder des frankreichfreundlichen Peter Ochs eine ihm genehme Verfassung über.

 

 

Napoleons Stippvisite in Freiburg

 

Napoleons Absteige (hier stieg er vom Pferd) auf der Kaiserstraße. Das Hotel Zum Mohren  in einer Aufnahme von 1944 vor der Zerstörung. Heute befindet sich dort in einem neu errichteten Gebäude eine Filiale von Starbucks (©Badische Zeitung).

 Auf dem Wege zum Rastatter Gesandtenkongress schaut Napoleon kurz in Freiburg vorbei.  Die Freiburger Zeitung berichtet darüber in ihrer Ausgabe 96 vom 29. November 1797: Vergangenen Samstag zwischen 1 und 2 Uhr in der Früh ist der französische Obergeneral Buonaparte hier angekommen, nahm sein Absteigequartier im Gasthaus zum Mohren und setzte nach einem kurzen Aufenthalt von anderthalb Stunden bis zur Umspannung der Pferde, (wo derselbe 22 vonnöten hatte), seine Reise weiter nach Rastadt zum Friedenskongreß fort  [Flam10].

 

 

Leiden unseres heiligen römischen deutschen Reiches auf dem Rastatter Kongresse

 

Über diesen Ende 1797 nach Rastatt einberufenen allgemeinen Friedenskongress berichtend fährt Tröndlin in seinem Schreiben fort: Noch größer ist die Neugierde auf den Ausgang des Rastadter Kongresses und die seltsamen Dinge, die da vorgehen, gerichtet ... und legt dem Brief eine Satire bei, was ein lustiger Laffe in Schwaben auf diesen Kongress in Aussicht des Reichs gemacht hat: Leiden unseres heiligen römischen deutschen Reiches auf dem Rastatter Kongresse, als sich daselbst die Minister der Höfe versammelten und Rat hielten, wie sie es angreifen und umbringen könnten [Albe06b].

 

 

Das heilige römische Reich, schwerfälligen Andenkens

 

Auf dem Rastatter Kongress stimmt nach Preußen und Österreich auch eine Reichsdeputation der Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich zu unter der Bedingung einer Entschädigung der davon betroffenen deutschen Fürsten. Damals hält Joseph Görres seine berühmte Grabrede auf das Heilige Römische Reich: Am dreysigsten December 1797 am Tage des Übergangs von Maynz, Nachmittags um drey Uhr starb zu Regensburg in dem blühenden Alter von 955 Jahren 5 Monathen, 28 Tagen, sanft und seelig an einer gänzlichen Entkräftung, und hinzugekommenen Schlagflusse, bey völligem Bewußtseyn, und mit allen heiligen Sakramenten versehen, das heilige römische Reich, schwerfälligen Andenkens.

 

Schiller sieht dagegen im Niedergang des Reiches eine Chance: indem das politische Reich wankt, hat sich das geistige immer fester gebildet und beschwört dann idealistisch die geistige Höherentwicklung des deutschen Menschen: Das langsamste Volk wird die flüchtigen einholen, und unsere Sprache wird die Welt beherrschen. Und es mag am deutschen Wesen, noch einmal die Welt genesen, so setzte Emanuel Geibel später in seinem Gedicht Deutschlands Beruf noch einen drauf [Loew02].

 

 

Das Volk durch Flugschriften aller Art mit Freiheitsideen zu berücken

 

Regierungspräsident Sumerau glaubt weiterhin an einen Erfolg seines Propagandafeldzugs gegen die Revolution und sorgt eifrig für die Verbreitung antirevolutionärer Schriften diesseits und jenseits der Grenzen. Er lässt bei Kaiser Franz um Unterstützung für seine Aktion vortragen: Die Geschichte der Revolution zeigt, daß nicht sowohl die Gewalt der Waffen als die Gewalt der Opinion die fürchterlichsten Katastrophen in Europa bewirkt haben; unausgesetzt wird durch geheime Logen und Klubs darauf gearbeitet, alle Religionen und alle Throne zu stürzen, tausend Federn werden gedungen, um das Volk durch Flugschriften aller Art mit Freiheitsideen zu berücken, die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen und hierdurch sich den unsichtbaren Sieg vorzubereiten. Ein Kampf kann nicht glücklich enden, wenn mit ungleichen Waffen gekämpft wird; immer muß derjenige den Kürzeren ziehen, der ängstlich und unentschlossen bei der Wahl der Mittel stehen bleibt, während der andere sich alles erlaubt. Opinion kann nur durch Opinion verdrängt werden, und es kommt darauf an, daß das Gouvernement durch zweckmäßige Volksschriften zur rechten Zeit die öffentliche Meinung zu bemeistern weiß [Quar02]. Sumerau hatte gar nicht mitbekommen, dass aus dem Revolutionskrieg längst ein französischer Eroberungskrieg geworden war.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hermann von Greiffenegg

2. Koalitionskrieg (1799 - 1801)

Noch während der Rastatter Gesandtenkongress tagt, kommt es Anfang 1799 zum 2. Koalitionskrieg, nachdem Österreich einem Bündnis Englands und Russlands gegen die Französische Republik beigetreten war. Andererseits: La méfiance de la Prusse à l'égard de l'Autriche, soupçonnée (non sans raison) de vouloir prendre sa revanche sur Frédéric II, explique en grande partie la neutralité prussienne* [Kera00].   Hastig verlässt das habsburgische Militär Freiburg, während französische Truppen rasch in das entstehende Vakuum stoßen. Die Besatzer requirieren Heu, Vieh und Frucht. Selbst die Handwerker sind arbeits- und brotlos [Rieg23]. Das Benehmen der Franzosen verrät die Absicht allenthalben Excesse und Verwirrung zu veranlassen, um einen Vorwand zu haben, das Land vor der Übergabe [an Modena] noch vollends auszuplündern [Bade82].

*Das Misstrauen Preußens gegenüber Österreich, nicht ohne Grund verdächtigt, Revanche für Friedrich II. nehmen zu wollen, erklärt zum großen Teil die preußische Neutralität.

 

German luxury oder Repos à l'Allemande. Karikatur des englischen Zeichners James Gillray
über die Nichtbeteiligung Preußens am 2. Koalitionskrieg

Doch nun wendet sich das Kriegsglück. La coalition a rencontré en six mois des succès prodigieux, puisqu'elle a forcé les Français à évacuer toute l'Italie au printemps, après les victoires de Souvorov. A présent, les Russes ont quitté l'Italie, mais les Autrichiens sont à la frontière française, la République n'ayant conservé que Gênes au-delà des Alpes. Sur le front du Rhin, dans le même temps, Jourdan et Moreau ont été battus en Souabe par l'archiduc Charles, ainsi que Masséna à Zurich. Un troisième front s'est ouvert enfin en Hollande après un débarquement anglo-russe* [Kera00]. Als große Freundin der französischen Republik sieht Caroline Schlegel in einem Brief an ihre Tochter die militärische Lage ein wenig anders, denn Buonaparte ist in Paris. O Kind, bedenke es, es geht alles wieder gut. Die Russen sind aus der Schweiz vertrieben – die Russen und Engländer müssen in Holland schmählich kapitulieren, die Franzosen dringen in Schwaben vor. Und nun kommt Buonaparte noch. Freue Dich ja auch, sonst glaub ich, daß Du bloß tändelst und keine gescheiten Gedanken hegst [Kleß07].

*In sechs Monaten hatte die Koalition außerordentliche Erfolge zu verzeichnen, denn sie hatte die Franzosen nach den Siegen Suworows gezwungen, im Frühjahr (1799) ganz Italien zu räumen. Zwar hatten die Russen Italien verlassen, doch die Österreicher stehen an der französischen Grenze; jenseits der Alpen besaß die Republik lediglich noch Genua. Zur gleichen Zeit hatte Erzherzog Karl an der Rheinfront Jourdan und Moreau in Schwaben wie auch Massena bei Zürich geschlagen. Schließlich hatte sich nach einer englisch-russischen Truppenlandung eine dritte Front in Holland aufgetan.

 

Jetzt ziehen sich die Franzosen aus dem Breisgau zurück. Mit dem Hinweis auf die militärischen Schwierigkeiten der Republik stürzt Napoleon am 18. Brumaire X (9. November 1799) in Paris das Direktorium. Später gesteht er: In keinem Abschnitt seines Lebens habe er eine größere Schmiegsamkeit nötig gehabt [Flei13].

 

Für zehn Jahre als 1. Konsul gewählt tritt er an die Spitze des Staates und verkündet am 13. Dezember: Bürger! Die Revolution ist den Grundsätzen, von denen sie ausging fest verbunden; sie ist zu Ende [Maye10b]. Cependant, les premières mesures du nouveau gouvernement de Napoléon, la Constitution de l'an VIII suscitent des commentaires favorables chez les modérés anglais. A Madrid, on approuve largement la note publiée par l'ambassadeur Guillemardet, le 7 décembre Le but de cette révolution est de fixer la liberté, l'égalité, la sûreté et la propriété sur une base moins chancelante, de soustraire la République à des déchirements intérieurs, d'assurer inviolablement la sûreté du peuple, de dicter enfin une paix honorable*[Kera00].

*Die ersten Maßnahmen der neuen Regierung Napoleons, die Verfassung des Jahres 8 kommentieren die gemäßigten Engländer günstig. In Madrid stimmt man der vom Botschafter Guillemardet am 7. Dezember veröffentlichten Note weitgehend zu: Das Ziel dieser (neuen) Revolution ist es, Freiheit, Gleichheit und Sicherheit des Eigentums auf einer weniger schwankenden Basis zu festigen, die Republik aus ihrer inneren Zerrissenheit zu ziehen, die Unverletzlichkeit der Sicherheit des Volkes zu gewährleisten und endlich einen ehrenhaften Frieden zu diktieren.

 

Nach dieser Ankündigung ist kein neuerliches Chaos, wie es die Radikalen gebracht hatten, mehr zu befürchten. Darauf hatte das Bürgertum gewartet: Napoleon als Beschützer der Bürger gegen die Exzesse der Revolution. Gleichzeitig geriert sich der 1. Konsul als Verteidiger der revolutionären Errungenschaften gegen die Reaktion wie der Gleichheit vor dem Gesetz, der religiösen Toleranz bei gleichzeitiger Beschlagnahme des Kircheneigentums, der Tricolore als Nationalfahne und erklärt: Je suis la Revolution* [Bell12]. Doch verhehlt Napoleon auch nicht: Wenn ich mit dem Säbel die Monarchisten niedergeschlagen habe, werde ich ihn für andere Zwecke benutzen [Gall10]. So macht sich Napoleon an die Reorganisation des Revolutionsheeres, das nun mit frischem Elan erneut in den Breisgau einfällt.

*Ich bin die Revolution.

 

Wieder ruft Regierungspräsident Sumerau die Bewohner Vorderösterreichs auf, sich zur Unterstützung des kaiserlichen Militärs zu bewaffnen, um ihr Theuerstes - Religion, Eigenthum und Landesherrschaft - durch einen allgemeinen Landsturm vertheidigen zu helfen [Bade82]. Er beauftragt Hermann von Greiffenegg, ein Mobiles Corps der vorderösterreichischen-breisgauischen Landmiliz aufzustellen. Unter großem Blutvergießen versuchen die im Kriegshandwerk Unerfahrenen vergeblich, die Eindringlinge aufzuhalten, und so besetzen die Franzosen im April 1800 Freiburg erneut.

 

Winterschlacht bei Hohenlinden (Gemälde im Versailler Schloss)

Derweil stürmt Napoleon in Oberitalien von Sieg zu Sieg und schlägt die österreichischen Truppen entscheidend in der Schlacht bei Marengo. Mit der vollständigen Eroberung Norditaliens macht er den Traum François' I wahr. Schließlich beendet die vernichtende Niederlage Österreichs bei Hohenlinden östlich von München den 2. Koalitionskrieg. Der anschließende Frieden zu Lunéville vom Februar 1801 bestätigt die von den deutschen Fürsten auf dem Rastatter Gesandtenkongress beschlossene Abtretung aller linksrheinischen Territorien an Frankreich. Somit hat Napoleon auch die Pläne Louis' XIV verwirklicht, dass nach Artikel 6 und 7 des Friedensvertrages der Talweg des Rheins von dem Ausfluss dieses Stroms aus der Schweiz von nun an die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland bildet [Ling10]. 

 

 

Il fait diablement des choses, ce petit caporal d'Italie; cela va loin!

 

Im Dezember 1801 bricht Johann Gottfried Seume von Leipzig zu seinem Spaziergang nach Syrakus auf. Da hatte der Schriftsteller bereits ein ereignisreiches Leben hinter sich. Als Student der evangelischen Theologie wird er 1781 auf dem Weg nach Paris von hessischen Soldatenwerbern gekidnappt und vom Landgrafen an England für den Kampf im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg verkauft. Als Seume nach 22-wöchiger Überfahrt im September 1782 in Halifax landet, ist der Krieg bereits vorüber. Im Herbst 1783 nach Bremen zurücktransportiert wird er in die Armee Friedrichs II. gezwungen, in der er bis 1787 als Musketier dient. Nach einem Studium der Philologie findet er sich schließlich als Adjutant des russischen Generals Iosif Igelström in Warschau bei der vergeblichen Niederwerfung des Polnischen Aufstandes von 1794 wieder.  

 

Ende 1801 beschließt Seume, auf Schusters Rappen in Richtung Sizilien zu wandern, und kommt zunächst nach Österreich. Anfang 1802 durchquert er die von Napoleon geschaffene Cisalpinische Republik, deren Bewohner mit dem neuen Regime nichts anfangen können und sich nach der Regierung Kaiser Leopolds zurücksehnen. Anschließend beobachtet Seume im Kirchenstaat die feisten Geistlichen, während in Rom Menschen vor Hunger sterben. Am Schlimmsten sind die politischen Zustände im Königreich Neapel. Auf den Straßen und Saumpfaden treiben Räuber ihr Unwesen. Ganze Landstriche fruchtbaren Landes in den Händen von Großgrundbesitzern liegen brach, während die Menschen darben. Joachim Murat von Napoleons Gnaden König von Neapel steht noch nicht in den Startlöchern.

 

Auf dem Rückweg von Syrakus nach Leipzig erlebt Seume den 14. Juli in Paris. Bei den Feierlichkeiten sieht er den kleinen großen Napoleon: Man nennt ihn hier mit verschiedenen Namen, le premier consul, le grand consul, le consul vorzugsweise. Die Franzosen wünschen sich ihn vielleicht sehr gern zum General, aber nicht zum Souverain, wie es ganz das Ansehen gewinnt. Il fait diablement des choses, ce petit caporal d'Italie; cela va loin! *sagt man [Seum03].

* Dieser kleine italienische Korporal macht seine Sache teuflisch gut. Das wird weit führen!

 

Mit seinem Staatsstreich vom 18. Brumaire VIII hatte Napoleon nach Seumes Ansicht nicht nur die Revolution verraten: Seitdem Bonaparte die Freiheit entschieden wieder zu Grabe zu tragen droht, ist mirs, als ob ich erst Republikaner geworden wäre ... In der Gegend von Straßburg habe ich hier und da gehört, daß man bei seinem Namen knirschte, und behauptete, er führe allen alten Unfug geradezu wieder ein, den man auf immer vertrieben zu haben glaubte.

 

 

Das Volk braucht Religion

 

Napoleon hatte erkannt: Une société sans réligion est un vaisseau sans boussole* [Mull14a] und beschließt: Das Volk braucht Religion, und diese Religion muss in den Händen der Regierung sein [Kleß07]. In einem 1801 mit der katholischen Kirche abgeschlossenen Konkordat erkennt der Papst den Verlust der Kirchengüter während der Revolution an. Alle Geistlichen werden von nun an von der französischen Regierung ernannt, besoldet und leisten einen Treueid auf den Staat. So schafft Napoleon in aller Logik den revolutionären Kalender am 6. April 1802 wieder ab [Maye10b].

*Eine Gesellschaft ohne Religion ist wie ein Schiff ohne Kompass

 

Dies kommentiert der reisende Seume tief enttäuscht: Er hätte ein Heiland eines großen Teils der Menschheit werden können, und begnügt sich, der erste wiedergeborne Sohn der römischen Kirche zu sein.

 

Wie schon Friedrich der Große benutzt Napoleon die Religionen skrupellos zu seinem Eigennutz. Allerdings bricht mit dem Wiederaufleben der katholischen Kirche in Frankreich der Gegensatz zwischen romtreuen und gallikanischen Katholiken wieder auf. Nach dem Bischof von Straßburg Saurine hatte Napoleon die Gallikanische Kirche verraten und der vertraut bezüglich der Krönung des 1. Konsul zum Kaiser einem konstitutionellen Prälaten an: Je vois comme vous d’un mauvais oeil la venue du despote romain* [Mull14a].

*Ich sehe wie Sie dem Kommen des römischen Despoten mit großem Misstrauen entgegen.

 

Da machen die Protestanten Napoleon weniger Probleme: Je suis content des protestants. Ils ne demande rien et me reconnaissent pour leur chef religieux. Je suis par-là dispensé de surveiller la doctrine enseignée dans leurs écoles [Mull14a].  Bei den Juden schließlich greift er Friedrichs so wollen Wir sie Mosqeen und Kirchen baun auf und verkündet: Si je gouvernais un peuple de juifs, je rétablirais le temple de Salomon [Mull14a].

 

 

Empereur des Gaules

 

Weiter notiert Seume in sein Reisetagebuch: Scherzweise nennt man ihn auch Sa Majesté, und ich stehe nicht dafür, daß es nicht Ernst wird. Auch heißt er ziemlich öffentlich empereur des Gaules, vielleicht die schicklichste Benennung für seinen Charakter, welche die Franzosen auch zugleich an die mögliche Folge erinnert ... Das Schicksal hatte ihm die Macht in die Hände gelegt, der größte Mann der Weltgeschichte zu werden: er hatte aber dazu nicht Erhabenheit genug und setzte sich herab mit den übrigen Großen auf gleichen Fuß. Er ist größer als die Dionyse und Kromwelle; aber er ist es doch in ihrer Art, und erwirbt sich ihren Ruhm.

 

Ich könnte weinen; es ist mir, als ob mir ein böser Geist meinen Himmel verdorben hätte. Ich wollte so gern einmal einen wahrhaft großen Mann rein verehren; das kann ich nun hier nicht [Seum03].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Le duc d'Enghien 

 Modenesisches Zwischenspiel

 

Die erneute Niederlage Österreichs hat auch für Freiburg Konsequenzen, denn da der ehemalige Fürst von Modena Herkules III. jetzt als Ersatz für sein Herzogtum zusätzlich zum Breisgau die Ortenau zugesprochen erhält, tritt er Anfang 1803 seine neue Herrschaft an.

 

Die Freiburger sind über den Herrschaftswechsel entsetzt, die Universitätsbehörden fürchten sogar die Schließung der österreichischen Hochschule und senden am 11. März 1803 ein Bittschreiben an Kaiser Franz II.: Wenn also diese hohe Schule nicht mehr als eine Österreichische erbländische Universität betrachtet, wenn es den österreichischen Unterthannen nicht mehr gestattet würde, dieselbe zu vollenden, so würde dieselbe aus Mangel einer hinreichenden Anzahl der Studierenden … gar bald in Abgang kommen und von selbst aufhören müssen [Haas16].  

 

Als Herkules zum Administrator seines Territoriums seinen Erben und Schwiegersohn Ferdinand von Österreich-Este einsetzt, sehen die Freiburger in der Person des Erzherzogs ein Fünkchen Hoffnung: So oftmal mußten unsere Vorfahren sich dem gebieterischen Schicksale fügen, welches mit Kronen wie mit Bällen spielt. Sie ertrugen es mit Geduld und lernten vertrauensvoll die Vorsehen anbeten, ohne deren Geheiß kein Sperling vom Dache fällt. Wie, entdeckt man in der jüngsten Umwälzung nicht auch ihren Fingerzeig? [Bade82].

 

 

Ferdinand bestellt Hermann von Greiffenegg zum Regierungspräsidenten, der Vollmacht erhält zur wirklichen Besitznehmung, Übernahme und zur ersten Leitung der Geschäfte gemäß dem Lunéviller Friedensvertrag. Karl von Rotteck schreibt einem Freund voll Bitterkeit: Wir sind also jetzt modenesisch! Soweit hat die Liebe der Breisgauer zu ihrem dankbaren Landesherren, ihre Treue und Tapferkeit, ihr Patriotismus sie gebracht, daß sie nun gleich einer Schaafherde an einen bankerotten Italiener verhandelt werden. Landesväter, Volksglück, Nationalwillen, Menschenrechte - leere Worte! Wenn Länder verwüstet, Städte niedergebrannt, Völker verarmt werden, wer denkt da an Entschädigung. Wenn aber ein 70jähriger Roué* in Gefahr steht, den kleinen Rest seiner Tage ohne Hof leben und sein Handwerk, die Schäflein zu scheeren, aufgeben zu müssen, da wird sogleich die politische Wage hergeholt, um ihm Länder und Menschen nach dem Gewichte zuzutheilen [Bade82]. Schon bald dürfen die kaisertreuen Freiburger aufatmen. Als Herkules III. im Herbst 1803 den kleinen Rest seiner Tage verbraucht hat, tritt Ferdinand von Österreich sein Erbe an. Der Breisgau und die Ortenau sind de facto wieder habsburgisch [Kopf74].

*ein Durchtriebener

 

 

Der Reichsdeputationshauptschluss oder die Großen fressen die Kleinen

 

Nach den Vorgaben des Rastatter Gesandtenkongresses verlangen die links des Rheins depossedierten Fürsten, nun endlich für ihre Gebietsverluste entschädigt zu werden. Das geht nach französischem Muster durch die Enteignung kirchlichen Eigentums. Der habsburgische Kaiser geniert sich, die Säkularisation selbst in die Hand zu nehmen, und beauftragt eine Reichsdeputation mit der Aufgabe. Napoleons Interesse bei diesen Transaktionen liegt in der Schaffung von mittelgroßen deutschen Pufferstaaten. Außerdem benötigt er Verbündete für weitere ehrgeizige Vorhaben.

 

Der Historiker Georg Heinrich Pertz schreibt über die Bestechungsversuche im Vorfeld der Beschlüsse zur Neuverteilung deutscher Territorien: In Paris begann ein Handel mit deutschen Bistümern, Abteien, freien Reichstädten, wobei die fürstlichen Bewerber vor dem ersten Konsul, seinen Gesandten und Geschäftsmännern mit goldbeladenen Händen erschienen und vor Talleyrands* Maitresse und dem [französischen] Gesandten [am immerwährenden Reichstag zu Regensburg] Laforest um die Wette krochen.

*Charles-Maurice de Talleyrand 1788 zum Bischof von Autun geweiht, war maßgeblich an der Französischen Revolution beteiligt, später Außenminister Napoleons und schließlich auf dem Wiener Kongress der Vertreter des französischen Königs.

 

An seiner letzten Sitzung am 25. Februar 1803 billigt der ständige Reichstag in Regensburg den ausgehandelten und als Reichsdeputationshauptschluss bekannten Vertrag, der u. a. bestimmt: Alle Güter der fundierten Stifte, Abteien und Klöster ..., deren Verwendung in den vorhergehenden Anordnungen nicht förmlich festgesetzt worden ist, werden der freien und vollen Disposition der respektiven Landesherren, sowohl zum Behuf des Aufwandes für Gottesdienst, Unterricht und andere gemeinnützige Anstalten, als zur Erleichterung ihrer Finanzen überlassen. Da wundert es den päpstlichen Nuntius in Wien schon: Selbst Juden treten für ihre Rechte ein, nur die Bischöfe schweigen [Otto09].

 

Neben der Säkularisierung geistlicher Fürstentümer kommt es auch zu Mediatisierungen, zur Übernahme von kleineren Reichsständen wie Freien Reichsstädten durch größere Territorialstaaten. Insgesamt werden 67 geistliche Staaten und 45 Reichsstände aufgehoben, mit deren Besitz sich die deutschen Landesfürsten großzügig für ihre linksrheinischen Gebietsverluste entschädigen lassen. Napoleon spendiert Baden, Württemberg und Bayern beträchtliche Geländegewinne und selbst das widerspenstige Österreich, welches seine niederländischen Besitzungen (etwa das heutige Belgien) einbüßt, wird mit den Gebieten der Fürstbistümer Trient, Brixen und Salzburg abgefunden.

 

Auch wenn der Konstanzer Fürstbischof Karl Theodor von Dalberg mit der Säkularisierung des Bistums seine weltliche Herrschaft verliert, bleibt der habsburgische Breisgau kirchlich beim Bistum Konstanz. Nicht nur Dalberg, sondern auch sein Hofbuchhändler Bartholomä Herder verliert den Job. Mühsam hält er sich am Bodensee noch einige Jahre über Wasser, bis er 1808 nach Freiburg übersiedelt und dort den nach ihm benannten und noch heute existierenden Verlag gründet.

 

 

National-fluch, -spiel, -krankheit und -thorheit

 

 Trotz der Verringerung der deutschen Territorien im Deputationshauptschluss kommt keine nationale Gesinnung auf. Dreißig Jahre vorher hatte der Osnabrücker Regierungsbeamte Justus Möser in den Patriotischen Phantasien geschrieben: Wir kommen nicht einmal zu einem rechten Nationalfluche; jede Provinz flucht und schimpft anders [Prei15].  

 

Jetzt macht Carl Julius Weber einen Einigungsversuch mit Schwerenoth oder Sakerment, doch gibt er bald auf: Im Ganzen aber flucht doch jede Provinz wieder anders. In Schwaben ist Potz Blitz einheimisch, in Baiern Sauschwanz, in Oesterreich Talk, Schlankerl, in Franken Quad, in Preußen Gott straf mir. Immerhin nennt Weber wenigstens ein Nationalspiel: das Kegeln, eine Nationalkrankheit: die philosophische Systemsucht; eine Nationalthorheit: die Titelsucht. Die Mode hingegen richtet sich, da wir zu keinem Nationalkleide gelangen konnten, leider! immer noch nach Paris oder London – Diplomaten, Stutzer und Kaufmannsdiener tischen sie zuerst auf, dann verliert sie sich in die kleinen Landstädtchen und Handwerksburschenwelt, während in der höhern Welt wieder neue Thorheiten an der Tages- Ordnung sind [Prei15].

 

 

Das Opfer war für meine Sicherheit und Größe notwendig

 

Nachdem mit der Umsetzung des Deputationshauptschlusses die deutschen Fürsten beschäftigt und vor allem ruhiggestellt sind, setzt Napoleon rücksichtslos seine Pläne um. Er scheut zur Festigung seiner Macht auch vor Mord nicht zurück. So überquert ein Kommando Dragoner in der Nacht zum 15. März 1804 die badische Grenze, nimmt in Ettenheim die dorthin geflüchteten königstreuen Franzosen gefangen und verschleppt sie nach Frankreich. Darunter befindet sich auch der uns bereits bekannte Duc d'Enghien, der im Exil für die Rückkehr der Bourbonen eintritt. Selbst Polizeiminister Joseph Fouché ist entsetzt: Plus qu’un crime – une faute* und doch lässt Napoleon lässt den jungen Condé in der Nacht vom 20. auf den 21. März in der Festung Vincennes erschießen, obgleich man in der Militärgerichtsverhandlung dem Herzog keine Verschwörung nachweisen kann. Später rechtfertigt Napoleon diesen Mord: Das Opfer war für meine Sicherheit und Größe notwendig.

*Schlimmer als ein Verbrechen – ein Fehler

 

 

 

Napoleon Empereur

 

 

 

 

Napoleon Saint

 

Zwei neue Kaiser

 

 Im Reichsdeputationshauptschluss waren auch die geistlichen Kurfürstentümer Köln, Mainz und Trier aufgehoben worden. Die Mainzer Kurstimme geht auf Regensburg-Aschaffenburg über und Salzburg, Württemberg, Baden und Hessen-Kassel erhalten neue Kurwürden. Durch den Wegfall der drei sicheren katholischen Stimmen der Kur-Erzbistümer ist die Kaiserwahl eines Habsburgers nicht mehr gesichert. Deshalb tritt Franz die Flucht nach vorn an und begründet mit einer Erklärung für seine Länder als Franz I. das erbliche österreichische Kaisertum: Die Ranggleichheit mit dem russischen Zaren und dem projektierten Empereur Napoleon veranlasse ihn, dem Hause Österreich in Rücksicht auf dessen unabhängige Staaten den erblichen Kaisertitel gleichfalls beyzulegen [Heim04].

 

Somit kann Franz II seit 1804 mit einer wahren Titelflut aufwarten, die auf kaiserlichen Schreiben allerdings gnädig abgekürzt wird: Wir Franz der Zweyte; von Gottes Gnaden erwählter römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reiches, erblicher Kaiser von Oesterreich; König in Germanien, zu Jerusalem zu Ungarn, zu Böheim, Dalmatien, Croatien, Slavonien, Galizien und Lodomerien; Erzherzog zu Oesterreich; Herzog zu Lothringen, zu Venedig, Salzburg, Steyer, Kärnthen und Krain; Großfürst zu Siebenbürgen; Markgraf in Mähren; Herzog zu Württemberg, Ober- und Nieder-Schlesien, Parma, Plazenz, Guastalla, Auschwitz und Zator, zu Teschen, zu Friaul und zu Zara; Fürst zu Schwaben, zu Eichstädt, Passau, Trient, Brixen, zu Berchtoltsgaden und Lindau; gefürsteter Graf zu Habsburg, Tyrol, Kyburg, Görz und Gradisca; Markgraf zu Burgau, zu Ober- und NiederLausitz; Landgraf im Breisgau, in der Ortenau und zu Nellenburg; Graf zu Montfort und Hohenems, zu Ober- und Nieder-Hohenberg, Bregenz, Sonnenberg und Rothenfels,zu Blumeneck und Hofen; Herr auf der Windischen Mark, zu Verona, Vicenza, Padua etc. etc. Bemerkenswert sind hier die Titel eines Herzogs zu Auschwitz und eines Landgrafs im Breisgau.

 

Kaiser Franz ahnt wohl, dass das Deutsche Reich nicht mehr zu retten ist. Indem er sich am 11. August 1804 zusätzlich zum Erbkaiser von Österreich krönt, kommt er Napoleon zuvor, den der Senat zwar am 18. Mai vom Ersten Konsul zum erblichen Kaiser von Frankreich befördert hatte, dessen Krönung jedoch erst für den Herbst vorgesehen ist.

 

Die Titelinflation (auch Russland hatte einen Zaren) hilft den Habsburgern allerdings wenig bei ihren weiteren militärischen Bemühungen. Napoleon verspottet seinen Nebenbuhler in Wien als Skelett, das nur ein Verdienst der Vorfahren auf den Thron gebracht hat [Schu96]. Er ist dagegen aus eigenem Verdienst an die Macht gekommen, und so schmeichelt ihm Erzbischof Berdolet, als Napoleon am 4. September 1804 die Pfalzkapelle in Aachen besucht: Sire! Bei Ihrem Eintritt in diesen Tempel wird die Asche Karls des Großen wieder lebendig, sein Schatten lächelt Napoleon zu, und die Seelen der beiden Helden vereinen sich … Vor zehn Jahrhunderten legte Karl der Große hier die Fundamente für den Sitz seines mächtigen Reiches und erbaute diese heiligen Mauern … Heute betritt Napoleon, der Befreier des Vaterlandes und der Wiederhersteller des abendländischen Kaiserreichs, diesen altehrwürdigen Tempel, welcher der Raserei der Vandalen des 18. Jahrhunderts entgangen ist [Kleß97].

 

Nachdem sich Napoleon am 6. November 1804 in einer Volksabstimmung mit 3572329 Ja-Stimmen gegen 2569 Nein-Stimmen seiner Landsleute Zustimmung versichert hatte [Drie10], krönt er sich im Beisein Papst Pius VII. noch im Dezember des gleichen Jahres eigenhändig zum Kaiser der Franzosen. Dabei hält er einen Reichsapfel in der Hand, den er fälschlicherweise für den Karls des Großen hält. Napoleons Intimfeindin Madame de Staël kommentiert sarkastisch: Dass ein Mann, der sich über jeden Thron erhoben hatte, nun so willig herabsteigt und seinen Platz unter den Königen einnimmt [Drie10]. Und ausgerechnet ein deutscher Revolutionär in Paris Gustav Graf von Schlabrendorf poltert: Diese Nation, der vor zehn, zwölf Jahren keine Freiheit, keine Aufklärung, keine wissenschaftliche Institution groß genug sein konnte, die lässt sich jetzt Freiheit und Unterricht von einem Fremden rauben [Hoyn10].

 

 

St. Napoleon

 

Während unter Friedrich dem Großen jeder nach seiner Façon selig werden durfte, setzt Napoleon die Religion der fille âinée de l'Eglise bewusst für seine Zwecke ein. Nachdem er zunächst den Papst bei seiner Kaiserkrönung in Notre-Dame desavouiert hatte, befiehlt er dem Oberhaupt der katholischen Kirche, einen Heiligen anlässlich des Jahrestages des Konkordats, der nicht zufällig auch Kaisers Geburtstag ist, zu kanonisieren. Unter dem Druck der französischen Besetzung des Vatikans, zaubert der Papst einen römischen Märtyrer aus der Tiara, Neopolis, den er als Patron der Krieger inthronisiert. Mit großem Propagandaaufwand wird in Frankreich die Ähnlichkeit zwischen Neopolis-Napoleon hervorgehoben und der 15. August als Gedenktag und Geburtstag des Kaisers von 1806 bis 1813 statt des 14. Juli als Nationalfeiertag begangen [Bell12].

 

 

 

Kurfürst Karl Friedrich von Baden

 

 

 

 

 

 

 

 

Wilhelm Drais von Sauerbronn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stephanie Beauharnais 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vertrag zwischen Frankreich und Baden vom 20. Frimaire XIV über die Besitznahme des Breisgaus und der Ortenau

 

 

3. Koalitionskrieg (1805)

 

 Österreich hatte seine Gebietsverluste in den beiden ersten Koalitionskriegen nicht verwunden und zieht 1805 mit Russland, Großbritannien und Schweden als Verbündeten in den 3. Koalitionskrieg gegen Napoleon. Der hatte im Vorfeld der kriegerischen Auseinandersetzung dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) für seine militärische Unterstützung das von den französischen Truppen besetzte Kurfürstentum Hannover und als Zugabe einen norddeutschen Kaisertitel* angeboten. Doch Preußen lehnt ab, möchte nicht von Napoleons Gnaden vom König- zum Kaiserreich mutieren, und zieht wiederum die Neutralität vor.

*Die Titelentwertung schreitet munter fort

 

Jetzt stehen sich Österreicher und Franzosen nicht mehr im Breisgau und am Rhein, sondern tief in deutschen Landen bei Ulm an der Donau gegenüber. Die Herzöge Badens, Württembergs und Bayerns hatten sich unter Missachtung ihrer Verantwortung für das Reich mit dem Franzosenkaiser verbündet, ihm 36 000 Soldaten gestellt und die Armee durch ihre Territorien durchgewinkt. Auf dem Wege nach Wien marschieren Napoleons Truppen auch durch den feindlichen Breisgau, in dessen Hauptstadt Freiburg seit 1804 General Monard mit 5000 Mann stationiert ist. Die Bevölkerung leidet unter den Einquartierungen und den erhobenen Kontributionen [Spec10].

 

Am 14. Oktober schlägt Marschall Ney die Österreicher bei Elchingen und schließt den Ring um Ulm, in dem ein österreichisches Korps vergeblich auf eine angekündigte russische Unterstützung wartet. Dumm gelaufen, denn in Wien hatte man angeblich den römischen Kalender zugrunde gelegt, der dem russisch-orthodoxen Kalender um zehn Tage voraus ist. Anschließend macht Ney kurzen Prozess und zwingt den lokalen Oberbefehlshaber Karl Mack von Leiberich und seine 25 000 Mann am 20. Oktober 1805 zur Kapitulation. Napoleon ruft aus: Le jour d'Ulm est un de plus grand de l'histoire française*.

*Der Tag von Ulm ist einer der größten in der Geschichte Frankreichs.

 

Nun stößt Napoleon mit 60 000 Franzosen in Richtung des in Mähren gelegenen Austerlitz vor. Am 2. Dezember schickt er seine Truppen ins Feuer mit den Worten: Soldaten, es genügt, wenn ihr sagt: Ich war bei der Schlacht von Austerlitz, damit man euch antwortet: Das ist ein tapferer Bursche! [Schu10]. In der Dreikaiserschlacht - eigentlich Vierkaiserschlacht – bringt Napoleon den 95 000 Habsburgern und ihren Verbündeten eine vernichtende Niederlage bei [Mens05]. Zwar marschiert Napoleon triumphierend in Wien ein, doch anschließend verfolgt ihn der wortspielerische Spruch: Moravie > mort à vie* [Schu10].

*Mähren >Tod dem Leben

 

 Bereits am 11. Dezember 1805 verfügt Napoleon im Wiener Vertrag: Sa Majesté l'empereur d'Autriche cède et abandonne à son Altesse l'électeur de Bade le Brisgau, l'Ortenau et leur dépendances*. Im Frieden von Preßburg verliert Österreich am 26. Dezember seine oberschwäbischen Gebiete an Württemberg sowie Tirol, Vorarlberg und die Stadt Lindau an Bayern. Venetien, Istrien und Dalmatien werden dem bereits napoleonischen Italien einverleibt.

*Seine Majestät der Kaiser von Österreich verzichtet auf den Breisgau, die Ortenau sowie die anhängenden Gebiete und tritt diese an Seine Hoheit den Kurfürsten von Baden ab.

 

 

Der Anfall des Breisgaus an Baden

 

Als Besitznahmekommissär seiner Regierung in Karlsruhe bestimmt Kurfürst Karl Friedrich den badischen Hofkommissär und Geheimen Rat Karl Wilhelm Drais Freiherr von Sauerbronn.

 

Zuvor hatte der Freiburger Stadtrat sechs Gesuche an die Regierung in Karlsruhe vorbereitet, die eine Deputation am 19. Januar dem Kurfürsten vorträgt:

 

Aufrechterhaltung der bisherigen städtischen Verfassung, Privilegien und Herrschaftsrechte;
Wiederherstellung der alten Grenzen städtischer Rechtssprechung;
Beibehaltung der Hohen Schule und deren Unterstützung;
Belassung des Gymnasiums, der Normalschule und der Mädchenlehranstalten der Ursulinen und Adelhauser Nonnen;
Fortbestand des städtischen Stiftungswesens sowie als letzten Punkt:
Entfernung und Ausschließung aller Juden von Freyburg; zur leichteren Gewährung dieser Bitte dürfte vielleicht beytragen das freywillige Anerbiethen, für den protestantischen Gottesdienst eine der dahiesigen Kirchen einzuräumen
[Gerc92].

 

Als von Drais am 15 Januar 1806 in Freiburg eintrifft, lässt ihm Regierungspräsident von Greiffenegg in einer feierlichen Note verkünden, es sei unbegreiflich, dass man einem friedsamen Fürsten sein Land gewaltsam ohne Entschädigung entzöge. Wie zu erwarten, ist der Protest Greiffeneggs vergeblich.  Die modenisch-österreichische Beamtenschaft der neuen Territorien wird aufgefordert, einen Revers zur Pflichterfüllung gegenüber dem badischen Staate zu unterschreiben und anschließend in kurfürstliche Dienstverhältnisse übernommen. Einzig von Greiffenegg lehnt ab, den neuen Herren zu dienen, und wird seines Amtes enthoben. So bleibt dem treuen Diener Erzherzog Ferdinands die Pein erspart, wie von seinem Herrn vorgesehen, den Breisgau an Baden zu übergeben. Statt seiner wird sein Stellvertreter der anpassungsfähige Konrad Karl Freiherr von Andlaw zum amtierenden Regierungspräsidenten und Übergabekommissar bestimmt. Deprimiert zieht sich der 68-jährige von Greiffenegg in seinen Altersruhesitz Quieti Sacrum (Heiligtum der Ruhe) auf dem Schlossberg zurück, wo er zwei Jahre später als gebrochener Mann stirbt.

 

 

Das Recht der Landes-Repräsentation für erloschen erklärt

 

Am Nachmittag des 30. Januar 1806 erscheint die Übergabekommission in Freiburg vor der ständischen Vertretung, dem Konsess. Nach einem gespannten Empfang hält von Drais eine kurze Anrede an die Konsessual-Verordneten, worin er ihnen auf speziellen Befehl des Landesfürsten eröffnete: dass infolge der Souveränität desselben und der vom französischen Kaiser deshalb ausdrücklich übernommenen Garantie sämtliche breisgauischen Stifte und Klöster für aufgehoben erklärt seien; dass ferner, - teils als Folge dieser Änderung im ersten Stand der bisherigen Repräsentation, teils als Folge der wohltätigen Absicht des Fürsten, seine neuen Lande mit den alten zu verschmelzen und ihnen dieselbe Regierung angedeihen zu lassen, welche das In- und Ausland längst geschätzt habe - nunmehr bei der Landschafts-Versammlung als dem Administrations-Korpus des Breisgaus das Recht der Landes-Repräsentation für erloschen erklärt sei; wogegen es sich der Landesherr als vorzügliche Angelegenheit vorbehalte, bei künftiger Definitiv-Organisation das allseitige Privatinteresse aufs beste zu vereinigen.

 

Mit niedergeschlagenem Schmerz traf diese Verkündigung die anwesenden Ständemitglieder; der ehrwürdige, seit vierzig Jahren im Konsess befindliche Präsident Franz Anton Freiherr von Baden brach in Tränen aus. Nach dem ersten überwallenden Gefühl erhoben sich Stimmen des Erstaunens, der Entrüstung, und mit den entschiedensten Ausdrücken von landständischen Rechten wurde Protest eingelegt.

 

Die Kommission ihrerseits ehrte die Tränen des Präsidenten und das Pflichtgewissen des Konsesses, welcher den abwesenden Ständen nichts vergeben wollte und durfte. Es kam zu ruhigern Worten und endlich zu einer Verständigung dahin, dass Herr von Baden und die sämtlichen anwesenden Konsessualmitglieder sich für ihre Person wie für die Fortführung der Geschäfte verpflichten ließen und sodann folgenden Morgens mit dem ganzen Kanzleipersonal in der Kommissionswohnung erschienen, um ihre Ehrfurcht gegen den neuen Landesherrn auszudrücken [Albe06a].

 

In einer Rede, die von Drais ein Jahr später am 4. Januar 1807 anlässlich der Gründung der Lesegesellschaft in Freiburg hält, schildert er die Reaktionen auf die Übernahme des Breisgaus durch Baden aus seiner Sicht: Als im Anfang des Jänners 1806 die neue Regierung des durchlauchtigsten Kurfürsten von Baden durch das Organ seiner Hofkommission anhob, so war der Zustand der Gemüter und des Landes folgender. Alles war in Tränen über die geschlagenen Wunden und den frischen Schmerz der Trennung von dem milde regierenden Erzhaus, unter welchem sich Vorderösterreich so lange glücklich gefühlt hatte; alles in banger Sorge über die itzt möglichen Zersplitterungen: ob nicht die Landesdikasterien würden sämtlich weggezogen, wenigstens ein großer Teil der dienerschaftlichen Menge brotlos gesetzt und so manche Familie zum Darben gebracht werden; ob nicht die Hohe Schule, diese Hauptquelle von Freiburgs Wohlstand, nach erlittenem Rentenverlust eingehen werde; ob nicht der strenge Eintrieb der schweren Kriegskontributionen den Mittelmann arm, den Armen elend machen werde [Albe07].

 

 

L'alliance ou point de Brisgau

 

Baden ist Napoleon militärstrategisch so wichtig, dass er seine 17-jährige Adoptivtochter und kaiserliche Hoheit Stephanie de Beauharnais mit dem Erbprinzen Karl Ludwig von Baden verheiraten möchte. Napoleons Mitgift ist der Breisgau, denn er erklärt, als es Schwierigkeiten beim Verlöbnisvertrag gibt, kategorisch: L'alliance ou point de Brisgau* [Sayn71]. Johann Peter Hebel sieht diese Ehe rein bodenständig ... wenn auch wieder einmal gemeineres Blut das edlere mischt, und eine gute Mélange des deutschen mit dem französischen.

*Ohne Vermählung keinen Breisgau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Großherzogtum Baden 

Der feierliche Übergabsact

 

Der feierliche Übergabsact wäre beinahe gescheitert: Es wurde ihm [Freiherr von Andlaw] zugleich der ehrenvolle Auftrag zu Theil, im Namen und Auftrag der Herzogs von Modena dem großherzoglichen-badischen* Commissar von Drais die Stadt Freiburg und die Landschaft zu übergeben. Bereits waren alle nöthigen Anordnungen zu dieser feierlichen Uebergabe getroffen, als in der Nacht zuvor (14. - 15. April 1806) der Baron von Andlaw durch eine aus Straßburg eingetroffene Depesche nicht wenig überrascht wurde. Er las in derselben zu seinem nicht geringen Erstaunen den vom Kaiser Napoleon ertheilten Befehl, den Breisgau vorerst an Baden nicht abzutreten, da man sich in Paris eine anderweitige Bestimmung über die vorderösterreichischen Besitzungen vorbehalten habe**. Die Verlegenheit der beiden landesherrlichen Commissare war groß; nach langer gemeinsamer Berathung kamen sie endlich überein, um jede politische Verwicklung zu vermeiden, den Akt der Uebergabe, wie er ursprünglich festgesetzt war, sofort in Vollzug zu setzen und der Depesche mit einer vollendeten Thatsache gegenüber zu treten. Die geschah denn auch am 15. April und von dem entgegengesetzten Befehle, der wohl in der Eile ausgefertigt und vergessen worden, war weiter keine Rede mehr [Rath87].

*Hier irrt der Autor: Baden wurde erst im Juli 1806 mit dem Beitritt Badens zum Rheinbund Großherzogtum

**Es wird angenommen, dass die Depesche mit Schwierigkeiten beim Verlöbnis von Napoleons Adoptivtochter Stephanie Beauharnais mit dem Erbprinzen Karl Ludwig von Baden zusammenhing (siehe oben) [Albe06a].

 

Der Altphilologe und Theologe Leonard Hug, Professor an der Universität Freiburg, schreibt am Vorabend der Übergabe des Breisgaus und der Ortenau an das Kurfürstentum Baden sarkastisch-pessimistisch: Morgen ist der feierliche Übergabsact in der Münsterkirche. Der Französ. Intendant General Monard, welcher uns übergiebt, wird mit einer Anrede eröffnen; der geheime Rath, Freyherr von Drais wird ihm von badischer Seite antworten und uns übernehmen. Alle Magistraturen werden zugegen seyn, und wie es sich versteht, auch die Universität. In der Kirche wird eine Te Deum diese Handlung beschließen. Dann gehet es ans schmausen u.s.w. Wir werden uns bey dem Allem dabey nicht zu Tode lachen.

Unsere letzte Regierung, die Ferdinandisch-Modenesische, ist zwar so gehasst, wie es wohl keine mehr werden kann; aber wir haben von der neuen Landesherrschaft weder Wohlthaten noch Anzeigen des Wohlwollens, so dass uns das unbestimmteste aller Gefühle, die Hoffnung, nicht einmal zu diesem ernsthaften Acte begleiten wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir werden uns bey dem Allem dabey nicht zu Tode lachen

 

Die Feierlichkeit zur förmlichen Übergabe und Übernahme der Länder Breisgau und Ortenau ging am 15. April 1806 im Chor der Münsterkirche zu Freiburg vor sich, und zwar, wie es Leonard Hug am Vorabend beschrieben hatte:

 

Vor dem Hochaltar überreichte Monard im Namen des französischen Kaisers dem ersten badischen Kommissär das Protokoll der Übergabe und fügte unter anderem folgende Worte an die Versammelten bei: Sie befinden sich von heute an unter der souveränen Herrschaft eines Fürsten, welcher durch seine Regenten- und Familientugenden, durch seine Ökonomie und den weisen Gebrauch, den er von der ihm anvertrauten Gewalt zu machen wusste, den Beinamen des Nestors unter den Fürsten Deutschlands verdient hat. Es gibt daher keine beglückende Hoffnung, der sie sich als seine Untertanen nicht überlassen; keinen Grad von Wohlstand, den sie nicht für ihr gutes Land erwarten dürfen, welchem bisher, um eines der gewerbsamsten und blühendsten zu werden, nur die unmittelbare Nähe seines Souveräns gefehlt hat [Albe06a].

 

Nun versucht von Drais, den Bürgern die Übergabe des Breisgaus an das Kurfürstentum Baden und somit die Degradierung Freiburgs vom westlichen Vorposten Österreichs zu einer badischen Provinzstadt mit folgenden Worten schmackhaft zu machen: Der Stifter dieses möglich größeren Glücks ist der Held des Zeitalters, Napoleon, zum ersten Gründer der Ausführung hat uns Gott den Kurfürsten Karl Friedrich noch aufbewahrt - den Landesvater und Biedermann, der seit 60 Jahren mit tugendhafter Mäßigung und mit menschenfreundlichen Anordnungen regiert. Er hat aus eigener, gerade über diese Landesacquisition vergnügtester Gemütsbewegung den Namen eines Herzogs von Zärigen anzunehmen nicht gesäumt; Er liebt und will wiederum mit Vertrauen geliebt sein. Danken wir dem Allgütigen für Ihn, beten für Ihn und seinen Regentenstamm! [Albe06a].

 

Anschließend an von Drais' Ansprache halten von Andlaw und Oberbürgermeister Johann Josef Adrians kurze Dankesreden, worin der Ahnen des neuen Landesfürsten, der glorreichen Zäringer Herzoge, als der Begründer des Stadtwesens von Freiburg, in schmeichelhafter Anspielung gedacht ward. Sofort begab sich die ganze Versammlung in's Münster, wo zuerst durch Knaben und Mädchen ein Lied, von Jacobi gedichtet, vorgetragen und alsdann ein feierliches Tedeum gesungen wurde, welches der Prälat von Sanct=Blasien intonirte. Nach dieser Festlichkeit folgen zwei vorzügliche Mittagsmahle, das eine im Gasthause Zum Pfauen von 80 Herren aus dem Adel, den Prälaten, Regierungsräthen und Professoren [Bade82]. Über dem Ehrensitz des Generals Monard stellte ein Gemälde die Vereinigung des badischen Wappens mit dem zähringischen und breisgauischen dar, erläutert durch die von dem Freiburger Philosophen und Dichter Jacobi entworfene Inschrift:

 

Die seit Jahrhunderten getrennten Schilde
vereinen wieder sich, und eines Fürsten Milde
wird nun der guten Bürger Seelen
getrennten Ländern gleich vermählen
[Haum01].

 

Trinksprüche auf Napoleon und den neuen Landesfürsten und seine durch die am 7. April vollzogene Vermählung des Kurprinzen Karl Ludwig mit der kaiserlichen Prinzessin Stephanie Napoleon mit dem Haus Bonaparte aufs engste verbundene Familie würzten das Mahl [Albe06a].

 

Das andere [wurde] im Schützenhause von 160 Personen aus dem Stadtrathe, den Gemeinde-abgeordneten und dem beiderseitigen Militär [eingenommen]. Hiemit war ein Staatsact beendet, wobei viel aufrichtige Theilnahme mit noch mehr äußerlicher Darstellung und Schaulust, wie nicht weniger mit geheimer Betrübniß und Verwünschung sich vermengt hatte [Bade82]

 

Ein Ball zum Besten der Armen beschloss den Tag, der an allen übrigen Orten des Breisgaus und der Ortenau ebenfalls festlich begangen wurde [Albe06a].

 

 

O meine lieben Breisgauer

 

Am 24. Mai 1806 teilt von Drais dem dem Freiburger Stadtrat die kurfürstlichen Beschlüsse mit:

 

Fortbestand der Universität;
ein evangelisch-lutherischer Gottesdienst in ,,einer der entbehrlich werdenden Nebenkirchen";
ein Zuchthaus für die oberen Gegenden des Kurstaates;
zwei ,,ansehnliche Zentralstellen" (vermutlich Provinzregierung und Hofgericht);
eine noch nicht näher bestimmte Garnison;
Beibehaltung und Unterstützung der städtischen Armensorge und Mädcheninstitute.
 

 

Die vom Stadtrat geforderte Fortschreibung des Niederlassungsverbots von Juden in Freiburg wird nicht angesprochen. Dies regelt Baden erst 1808 mit dem sechsten Konstitutionedikt im Sinne Freiburgs: Danach genießen die Juden zwar als erbfreye Staatsbürger alle Rechte, doch sollen sie an keinem Orte zur Wohnung zugelassen werden, wo bis hieher noch keine waren ohne Einwilligung der Ortsgemeinde und besondere Erlaubnis des Regenten [Gerc92].

 

So dürfen die Freiburger einigermaßen beruhigt am 30. Juni 1806 dem Haus Baden vor der Hauptwache beim Münster offiziell und feierlich huldigen. Da der Kurfürst mit Rücksicht auf sein hohes Alter der Vereidigung der Bürgerschaft auf ihn vor Ort nicht beiwohnen kann, beauftragt er seinen Regierungskommissar von Drais, ihn bei den Feierlichkeiten zu vertreten.

 

In seiner Schlussrede zu den Huldigungsfeierlichkeiten überbetont Freiburgs Bürgermeister Adrians das zähringische Erbe: Im Namen der hier versammelten Bürger der Hauptstadt Freyburg drücke ich jene Empfindungen aus, die uns bey diesem Huldigungs-Akte beseelten. Wir haben einem Fürsten Treue, Anhänglichkeit und Gehorsam gelobet, der uns unter seinem milden Zepter mit demjenigen Volke vereiniget, zwischen welchem und uns schon die Natur, einerley Himmelstrich, gleicher Nationalcharakter, Produktion, Bedürfniß und Genuß das Band der Gesellschaft geknüpft hat … Wir haben einem Fürsten gehuldigt, dessen Stammväter einst über diese Provinz herrschten, ihr Sicherheit, Kultur, Nahrungszweige, Gedeihen und in der Ferne verbreiteten Ruhm gaben. Wir, die Freyburger, haben Anhänglichkeit dem würdigsten Abkömmling jenes hohen Zähringer Stammes gelobt, dem unsere alte Gemeinde ihre Gründung, ihre Ausstattung, ihre seither dauernde Munizipalverfassung, den bisher ehrenvoll behaupteten Namen der Breisgauischen Hauptstadt, und dieses ewig sprechende Denkmal der Fürstengröße und Liebe, den Tempel (das Münster), vor dem wir hier versammelt stehen, zu verdanken hat. In diesem … Heiligthume unserer ersten großmüthigen Fürsten und dankbaren Väter ertöne aus vereinten und treuen Herzen der Hochgesang des Lobes und Dankes für Friedrich Karl. Den erhabenen Zähringer! … Es lebe Karl Friedrich! Der Zähringer lebe! Immerfort lebe und blühe sein erhabener Stamm! [Gerc92].

 

Eine Beschreibung der Festlichkeiten mit dem Wortlaut der Wechselreden, Wechselgesänge und Festgedichte erscheint in eigenen Denkschriften, die auch der Kurfürst sich vorlesen ließ. Höchstdieselben waren damit überaus zufrieden, gab später Geheimrat von Drais bekannt, und bis zu Freudentränen gerührt. Sie äußerten zu wiederholten Malen: Da sehe ich wahre Anhänglichkeit und Dankbarkeit; o meine lieben Breisgauer! [Albe06a].

 

Von Drais gibt in seiner bereits oben erwähnten Rede anlässlich der Gründung der Museumsgesellschaft vom 4. Januar 1807 seine Version der Ereignisse wieder: Nachdem diese neue Maschine (die lokale Regierung) in glücklichen Gang gebracht war, so konnte die Reihe an die feierliche Erbhuldigung kommen. Deren Methode wurde darein gesetzt, dass durch vorausgegangene amtliche und pfarramtliche Belehrung in allen Gemeinden alle Untertanen genau wissen mussten, was die Sache bedeute; ja dass in jeder Gemeinde eine Submissionsakte und erklärte Teilnahme an der Huldigung der Deputierten unterfertigt wurde. Die Zahl der letztern wurde von mir selbst bestimmt, die dahiesigen Bürger aber in Masse zugelassen. Ritter, Geistlichkeit und die weltliche Staatsdienerschaft unterzeichneten nur ohne Eid, auf Ehre und Treue die Submissions- und Verpflichtungsurkunden; sie umgaben und verherrlichten rechts und links den Thron, der mit des Kurfürsten überschwebendem Bildnis unter freiem und heitern Himmel auf dem Münsterplatz errichtet war. Vor ihm her standen die Schwörenden, hinter ihnen und in der Häuserreihe das Volk. Es war der 30ste Junius, an dem ich das Werkzeug war, um die schönen Empfindungen treuer Bürger einzusammeln. Ich werde unter andern nie die liebliche Beleuchtung der obern Linde und die Herzlichkeit ihrer Inschriften vergessen [Albe07].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Rheinbundakte 

 

 

 

Karl Theodor von Dalberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der preußische Apoll

Welsche Sitten und französische Sprache in Freiburg

 

Doch es ist an der Dreisam nicht alles so harmonisch, wie uns die offiziellen Beteuerungen versuchen, glauben zu machen: Aus der französischen und österreichischen Zeit stammend bestand die Noblesse zu Freiburg aus einem Grundstocke alteinheimischen Adels und aus einer französischen Colonie glaubens= und königstreuer Anhänger, welche so vorherrschten, daß es zum guten Ton gehörte, mit der französischen Sprache auch französischen Sitten und Gewohnheiten zu conservieren. Da hörte man noch die alten bonmots und chansons und das Spielen mit schlüpferigen Calembourgs; da übte man noch das Ceremoniell des ancien régime mit seinen umständlichen Formen, steifen Complimenten und obligaten Handküssen; da schaute man noch die graciösen, geschminkten, emmaillierten Damen mit gelockten Haaren oder Perücken, mit Fächer, Ridicule, Tabatière oder einem Döslein mit Bonbons und dem getreuen schwarznasigen Mops ... und wie die Herren chez soi in Benehmen und Gespräch oft locker und pikant waren, so zeigten sie gegen Andere sich entweder stolz zurückhaltend oder in verletzender Weise gnädig herablassend [Bade82].

 

 

Das Ende des alten Reiches 1806

 

Nach Einverleibung der österreichischen Gebiete am Oberrhein darf Baden für Napoleon die strategische Rolle eines cordon sanitaire, eines Riegels und Aufmarschgebiets, am rechten Flussufer des Rheins von Lörrach bis Heidelberg spielen. Außerdem ist Baden so schmal, dass im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung auf der Höhe von Hagenau massierte französische Truppeneinheiten vom Elsass her das Land leicht in zwei Teile spalten können [Kort]. 

 

 Huldigung Napoleons durch der Rheinbundfürsten im Juli 1806 in Paris

 

 

Jetzt schafft Napoleon mit dem Zusammenschluss kleinerer deutschen Staaten den Rheinbund. Seine Rolle als Protecteur de la Confédération du Rhin leitet er aus dem Friedensvertrag von 1648 ab, d. h., der Verpflichtung Frankreichs, für Stabilität in Deutschland zu sorgen [Stu03]. Das durch seinen Beitritt zum Rheinbund als Großherzogtum aufgewertete Baden bildet zusammen mit zunächst sechzehn weiteren deutschen Fürstentümern ein drittes Deutschland, eine Pufferzone, gegen die Großmächte? Österreich und Preußen (neu!). Karl Theodor von Dalberg als Erzbischof von Mainz wird Geschäftsführer des Bundes und erhält als solcher den Titel Fürstprimas von Deutschland [Miro02].

 

Tiddy-Doll, the great French-Gingerbread-Baker, drawing out a new Batch of Kings*.

Zeitgenössische Karikatur von James Gillray. Napoleon ist hier dargestellt als der bekannte Londoner Pfefferkuchenhändler Tiddy-Doll. Er hat gerade die Könige von Bayern und Württemberg sowie den badischen Großherzog frisch gebacken. Derweil mengt Talleyrand im Hintergrund neuen Teig.

*Tiddy-Doll, der große französische Pfefferkuchenbäcker zieht eine neue Ladung Könige aus dem Backofen

 

Vertraglich sind die Rheinbundstaaten verpflichtet, 60 000 Soldaten unter französisches Kommando zu stellen. Für diese Militärhilfe verteilt der Herrscher der Franzosen reichlich Auszeichnungen: Un soldat se battra bien et dur pour un bout de ruban de couleur*, so auch den von ihm gestifteten Orden der Ehrenlegion. Insgesamt erhebt Napoleon 3263 Personen, in der Mehrheit Militärs und zivile Funktionsträger, in die Noblesse d’Empire [Tham13]. Auch die Inflation von Titeln schreitet munter fort. Neben dem zum Großherzogtum beförderten Baden werden Bayern und Württemberg zu Königreichen, was Heine kommentiert: Neue Königtümer haben Absatz wie frische Semmel [Ling10].

*Ein Soldat schlägt sich tapfer für ein Stückchen buntes Band

 

Mit dem Austritt aus dem Reichsverband versetzen die Rheinbundstaaten am 1. August 1806 dem uralten Imperium, wie Napoleons Außenminister Talleyrand es bezeichnet, den Todesstoß. So legt in aller Konsequenz Franz II., aber vor allem wegen Napoleons Ultimatum, bis zum 10. August 1806 abzudanken, die Krone des Deutschen Reiches nieder:

 

Wir erklären demnach durch Gegenwärtiges, dass Wir das Band, welches Uns bis jetzt an den Staatskörper des Deutschen Reichs gebunden hat, als gelöst ansehen, da Wir das reichsoberhauptliche Amt durch die Vereinigung der conföderirten Rheinischen Stände als erloschen und Uns dadurch von allen übernommenen Pflichten gegen das Deutsche Reich losgezählt betrachten, und die von wegen desselben bis jetzt getragene Kaiserkrone und geführte kaiserliche Regierung, wie hiermit geschieht, niederlegen. Wir entbinden zugleich Churfürsten, Fürsten und Stände und alle Reichsangehörigen, insonderheit auch die Mitglieder der höchsten Reichsgerichte und die übrige Reichsdienerschaft, von ihren Pflichten, womit sie an Uns, als das gesetzliche Oberhaupt des Reiches, durch die Constitution gebunden waren. Unsre sämmtlichen deutschen Provinzen und Reichsländer zählen Wir dagegen von allen Verpflichtungen, die sie bis jetzt, unter was immer für einem Titel, gegen das deutsche Reich getragen haben, los, und Wir werden selbige mit ihrer Vereinigung mit dem ganzen oesterreichischen Staatskörper, als Kaiser von Oesterreich, unter den wiederhergestellten und bestehenden friedlichen Verhältnissen mit allen Mächten und benachbarten Staaten, zu jener Stufe des Glückes und Wohlstandes zu bringen beflissen seyn, welche das Ziel Unserer Wünsche, der Zweck Unserer angelegensten Sorgfalt stets seyn wird.

 

Gegeben in Unserer Haupt- und Residenzstadt Wien, den sechsten August im eintausend achthundert und sechsten, Unserer Reiche des Römischen und der Erbländischen im fünfzehnten Jahre. Franz ... [Schm06].

 

Goethe der lebenslange Napoleonverehrer, den die Nachricht vom Ende des Reiches auf einer wenig angenehmen Reise von Eger nach Hof erreicht, schreibt in sein Tagebuch über einen Zwiespalt des Bedienten und Kutschers auf dem Bocke, welcher uns mehr in Leidenschaft versetzte als die Spaltung des römischen Reichs. In Gefäll den Pferden etwas Heu gegeben.

 

Bei anderen jedoch schlägt die Neuigkeit wie eine Bombe ein. Goethes Mutter schreibt ihrem Sohn am 19. August aus Frankfurt ... mir ist übrigens zu muthe als wenn ein alter Freund sehr kranck ist, die ärzte geben ihn auf mann ist versichert dass er sterben wird und mit all der Gewißheit wird man doch erschüttert wann die Post kommt ist er todt. So gehts mir und der ganzen Stadt - Gestern wurde zum ersten mahl Kaiser und Reich aus dem Kirchengebet weggelaßen ... [Schm06].

 

Selbst König Gustav IV. von Schweden, als Herzog von Vorpommern auch Reichsstand, bekennt: Wenn die heiligsten Verbindungen ... jetzt aufgelöst worden; so kann doch niemals die teutsche Nation vernichtet werden, und durch die Gnade des Allerhöchsten wird Teutschland, dereinst aufs neue vereinigt, zu Macht und Ansehen wieder hergestellt werden [Schu96]. Doch dieser Protest verhallt ebenso, wie der des Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg, der als King George III in London auf dem Thron sitzt.

 

 

 4. Koalitionskrieg (1806 - 1807)

 

Auch Preußen ist geschockt. Königin Luise hatte ihrem Gatten im April 1806 in einem Brief eine harte Linie gegen Napoleon empfohlen: Je mehr Nachgiebigkeit man ihm zeigt, umso mehr spottet er derer, die so dumm sind. Gewalt gegen Gewalt, das ist meiner Meinung nach das Einzige [Schö11]. Und so fordert Friedrich Wilhelm III. am 25. September 1806 den Rückzug Napoleons bis zum 8. Oktober aus allen deutschen Gebieten und erklärt im Bund mit Russland Frankreich den 4. (Koalitions-) Krieg. 

 

Napoleon jedoch ist nicht beeindruckt, hat er doch den Inhalt eines Briefes im Kopf, den Comte Hauterive am 27. November 1805 an Außenminister Talleyrand gerichtet hatte: Von allen heute existierenden Mächten ist (Preußen) diejenige, welche beim bessern Äußern und schönsten Ansehen von Festigkeit und Kraft die am weitesten im Verfall vorgeschrittene ist. Preußen befindet sich außerhalb des Prinzips, welches es gegründet hat und welches es existenzberechtigt macht; es entfernt sich alle Tage mehr davon. Es unterhält mit bedeutenden Kosten einen großen militärischen Apparat, aber es läßt durch den Rost der Zeit die Triebfedern zerstören, welche die Ruhe entnervt, welche die Bewegungen des Krieges allein erhalten kann. Preußen vergißt, daß es nur ein Staat ist, weil es eine Armee war. Sein Prestige, einige Zeit noch durch frische Erinnerungen und Schaumanöver aufrechterhalten, wird einer gefährlichen und verhängnisvollen Probe eines aufgezwungenen Krieges nicht widerstehen. An dem Tage, an welchem es alle schamvollen Ausflüchte einer ängstlichen Politik, welche den Krieg vermeiden will, vergeblich versucht hat, wird es zu gleicher Zeit um seine Ehre und um seine Existenz kämpfen. An dem Tage, an welchem es eine erste Schlacht verloren hat, wird es aufgehört haben zu bestehen [Kleß07].

 

Darauf empfiehlt Napoleon dem preußischen König am 12. Oktober aus seinem Hauptquartier in Gera, die Geister, die er gerufen hatte, wieder zurückzurufen, zumal die Blüte Preußens, der Neffe Friedrichs des Großen und preußischer Apoll genannte Prinz Louis Ferdinand, zwei Tage zuvor in einem Gefecht bei Saalfeld gefallen war: Ich erhielt erst am 7. den Brief Eurer Majestät vom 25. September. Es tut mir außerordentlich leid, daß man Sie ein derartiges Pamphlet hat unterzeichnen lassen. - Ich antworte Ihnen nur, um Sie zu versichern, daß ich Ihnen die darin enthaltenen Beleidigungen niemals persönlich zuschreiben werde, weil sie Ihrem Charakter zuwider sind und uns beiden zur Unehre gereichen. Ich bedaure und verachte zugleich die Macher eines solchen Werks. Kurz darauf erhielt ich die Note Ihres Gesandten vom 1. Oktober, die mich für den 8. zu einem Rendezvous aufforderte. Als guter Kavalier habe ich Wort gehalten und befinde mich nun im Herzen Sachsens. - Glauben Sie mir, ich habe so mächtige Streitkräfte, daß alle die Ihrigen den Sieg nicht lange schwankend machen können! Warum aber so viel Blutvergießen? Zu welchem Zweck? … Sire, ich habe gegen Eure Majestät nichts zu gewinnen. Ich will nichts von Ihnen, noch habe ich etwas von Ihnen gewollt. Der gegenwärtige Krieg ist unpolitisch! - Ich fühle, daß ich durch diesen Brief vielleicht das jedem Fürsten eigne Feingefühl verletze, doch die Umstände erlauben keine Rücksicht. Ich spreche zu Ihnen, wie ich denke. Und übrigens, gestatten Sie mir, Majestät, zu bemerken, daß es für Europa keine Neuigkeit ist, wenn es erfährt, daß Frankreich dreimal so viel Untertanen besitzt und ebenso tapfer und kriegsgeübt ist wie die Staaten Eurer Majestät! Ich habe Ihnen keinen wirklichen Grund zum Kriege gegeben. Befehlen Sie diesem Schwärm von Übelgesinnten und Unbedachten im Angesichts Ihres Throns zu schweigen und ihm die schuldige Achtung zu erweisen. - Geben Sie sich und Ihren Staaten den Frieden zurück! [Kleß07].  

 

Unmittelbar vor der Schlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806, in der sich 170 000 Franzosen zusammen mit 33 000 Söldnern aus den Rheinbundstaaten und 143 000 Preußen mit ihren Verbündeten gegenüberstehen, schreibt ein Leutnant von Borcke: Geringschätzung und Haß hatten alle Gemüter, jung und alt, so eingenommen, dass die Generale und höheren Offiziere nie in einem anderen Ton von den Franzosen sprachen, als daß sie zusammengelaufenes Lumpengesindel seien, den von unserm braven König selbst und Männern von Ruf angeführten Truppen unter keiner Bedingung standhalten könnten und wie bei Rossbach zum Teufel laufen würden [Mich11]. Napoleon aber hat auch hier den besseren Durchblick, wenn er über den preußischen Staat urteilt: Sein Kabinett ist so verächtlich, sein Souverän so schwach, und sein Hof dermaßen von jungen Offizieren beherrscht, die alles wagen möchten, dass man auf diese Macht gar nicht zählen kann [Mich11].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Königin Luise von Preußen

 

In der Tat, Friedrichs des Großen Triumph bei Roßbach wiederholt sich nicht, sondern die Schlacht bei Jena und Auerstedt endet in einem Debakel für die ehemals so ruhmreiche preußische Armee. Napoleon verkündet: Die Schmach von Roßbach ist getilgt! König Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) flieht mit seiner Familie und Regierung nach Küstrin. So darf wohl dessen Bemühung: Der König hat eine Bataille verloren. Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht als eine der bekanntesten Schönfärbereien der Weltgeschichte angesehen werden, denn inzwischen geht der französische Feldzug gegen Preußen weiter. Die königliche Familie flieht weiter nach Königsberg und weicht schließlich mitten im Winter in den äußersten Zipfel Preußens nach Memel aus.

 

 

Découvrez-vous Messieurs!

 

Auf seinem Weg nach Berlin nimmt Napoleon am 24. Oktober im Potsdamer Stadtschloss Quartier. Anschließend besucht er mit seinen Generälen in der Garnisonskirche das Grab Friedrichs des Großen. Dabei soll der Kaiser gesagt haben: Découvrez-vous Messieurs! S'il était encore vivant, nous ne serons pas ici*.

 

*Entblößen Sie Ihr Haupt, meine Herren. Wenn der noch lebte, stünden wir nicht hier.

Drei Tage später zieht Napoleon bei strahlendem Sonnenschein unter dem Jubel der Bevölkerung durch das Brandenburger Tor in Berlin ein. Da kann sich der Chefchirurg der französischen Armee Pierre-François Percy nur wundern: Der Feind ist in Berlin, Preußen ist erobert, der König ist mit einer erschreckten Armee geflohen, und trotzdem … schien niemand an sein Vaterland zu denken, den Hof zu bedauern oder sich wegen der Zukunft Sorge zu machen [Rapp10]. Napoleon kommentiert seinen Einzug in Berlin militärisch knapp: L’avenue de Charlottenbourg à Berlin est très belle, l’entrée par cette porte est magnifique [Seib02] und lässt vom Brandenburger Tor Schadows Quadriga als Beutekunst nach Paris bringen.

 

Napoleons Einzug in Berlin von Charles Meynier

  Nach dem Fall Preußens nimmt sich Napoleon der Briten an und unterzeichnet in seinem Berliner Winterquartier am 21. November 1806 das Dekret zur Kontinentalsperre: Aller Handel und aller Verkehr mit den Britischen Inseln sind untersagt … Der Handel mit englischen Waren ist verboten, jede Ware, die England gehört oder aus dessen Fabriken und Kolonien kommt, wird für gute Prise erklärt … Kein unmittelbar von England oder von englischen Kolonien kommendes Fahrzeug soll in irgendeinen Hafen eingelassen werden [Weis10].

 

 

Himmlische Erscheinung, die niemals verlöscht

 

so bezeichnet Goethe Preußens Königin Luise, während Jean Paul meint, ihr sollte der Thron der Schönheit genug sein [Musa07]. Doch das ist er mitnichten, wenn sie ihre politische Meinung kund tut und klagt: Wir sind eingeschlafen auf dem Lorbeeren Friedrichs des Großen, welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf. Wir sind mit derselben nicht fortgeschritten, deshalb überflügelt sie uns [Scho01]. 

 

Napoleon empfängt Friedrich Wilhelm, dessen Frau Luise und Zar Alexander I. (1801-1825) 1807 in Tilsit wie von Nicolas Gosse in einem Gemälde dargestellt. War es Luisens glühender Verehrer der Zar, der die folgenden Zeilen schrieb:
Le charme de son céleste visage qui exprimait la bienveillance, la bonté, et dont les traits étaient si réguliers et si fins; la beauté de sa taille, de son cou, de ses bras, l’éblouissante fraîcheur de son teint, tout enfin surpassait en elle ce qu’on peut imaginer de plus ravissant*.
 

*Der Charme ihres engelsgleichen Gesichts mit den regelmäßigen und feinen Zügen, die Freundlichkeit und Güte ausstrahlen; die Schönheit ihrer Figur, ihres Halses, ihrer Arme, die blendende Frische ihres Teints, sie übertraf alles, was immer man sich als besonders hinreißend vorzustellen vermochte.

 

Bei den anstehenden Friedens-verhandlungen besteht Alexander auf Luisens Teilnahme. Dem stimmt Napoleon wohl aus Neugier auf seine schöne Feindin zu, die ihn als Ungeheuer und würdelosen niederträchtigen Mörder bezeichnet hatte. Als der Kaiser das Gespräch auf die unverfänglichen Themen Mode und Schmuck lenken will: Sie haben da eine herrliche Robe an! Wo mag sie wohl gemacht sein? [Schö11] meint die Königin: Sollen wir in einem so wichtigen Augenblick von so unbedeutenden Dingen reden? [Musa07]. Da fragt Napoleon, die nach seiner Ansicht eigentliche Kriegstreiberin direkt, weshalb sie den Krieg begonnen habe. Luise entgegnet: Sire, der Ruhm Friedrichs des Großen hat uns über unsere Mittel getäuscht.

 

Doch Luisens Charme und kluge Argumente betören Napoleon wenig, wie er in einem Brief an Kaiserin Josephine schreibt: Die Königin von Preußen ist in der Tat höchst anmutig, von bezaubernder Freundlichkeit gegen mich. Aber werde nicht etwa eifersüchtig; ich bin ein Wachstuch, über welches dies alles nur weggleitet. Es würde mich teuer zu stehen kommen, den Galanten zu spielen [Rapp10a].

 

Die Verträge von Tilsit abgeschlossen zwischen Napoleon und Zar Alexander am 7. Juli 1807 bestehen aus einem Bündnispakt und einem Friedensvertrag. In dem Abkommen mit Preußen vom 9. Juli verliert es alle seine Besitzungen westlich der Elbe und muss seine polnischen Provinzen abtreten. Das Gebiet wird zugunsten des Königs von Sachsen zu einem Großherzogtum Warschau mit einer Verfassung und wird dem Rheinbund angeschlossen. Das scheinbar wiederhergestellte Polen aber ist in Wahrheit nur eine französische Militärbasis und belastet von Anfang an das französisch-russische Verhältnis.

 

Als Luisens himmlische Erscheinung drei Jahre später verlöscht (sie stirbt erst 34-jährig an einer Lungenentzündung stirbt), erhebt das Volk sie endgültig zur deutschen Jeanne d'Arc, nachdem ihr schon Heinrich von Kleist zur Feier ihres (letzten) Geburtstags am 10. März 1810 folgendes heroisches Sonett gewidmet hatte:

 

Erwäg' ich, wie in jenen Schreckenstagen
Still deine Brust verschlossen, was sie litt,
Wie du das Unglück, mit der Grazie Tritt,
Auf jungen Schultern herrlich hast getragen.

 

Wie von des Kriegs zeriss'nem Schlachtenwagen
Selbst oft die Schar der Männer zu dir schritt,
Wie trotz der Wunde, die dein Herz durchschnitt,
Du stets der Hoffnung Fahn uns vorgetragen:

 

O Herrscherin, die Zeit dann möcht' ich segnen!
Wir sahn dich Anmut endlos niederregnen -
Wie groß du warst, das ahneten wir nicht!

 

Dein Haupt scheint wie von Strahlen mir umschimmert;
Du bist der Stern, der voller Pracht erst flimmert,
Wenn er durch finstre Wetterwolken bricht!

 

 

Stehst du auf, Germania?

 

Spätestens seit der Niederwerfung des so unheimlichen Preußens nennen die Franzosen ihren Kaiser: Le grand mécanicien de la victoire [Winc33]. Im fernen Bayreuth schreibt Jean Paul [Hauss90]: Die blutigste Zeit ist wahrscheinlich dem magren Deutschland schon vorüber. Ich wüßte nicht, was dessen Gerippe noch werden könnte, es müßte denn ein Schatten sein. Ich meines Ortes bin hier – in dem etwas einfältigen kalten Orte – weder Gerippe noch Schatten, sondern der Bayreuther Herkules. Ich spreche vom Körper … der durch Pauls übermäßigen Biergenuss wohl eher Fett, denn Muskeln angesetzt hatte.

 

 Heinrich von Kleist schreibt an seine Schwester: Wir sind die unterjochten Völker der Römer und noch pessimistischer: Wer weiß, ob jemand noch, nach hundert Jahren, in dieser Gegend deutsch spricht [Crai93]. Er versucht das Volk aufzurütteln mit seinem Gedicht: Germania an ihre Kinder:

  

... Horchet! Durch die Nacht, ihr Brüder,
Welch ein Donnerruf hernieder?
Stehst du auf, Germania?
Ist der Tag der Rache da?
... Wer in unzählbaren Wunden
Jener Fremden Hohn empfunden,
Brüder, wer ein deutscher Mann,
Schließe diesem Kampf sich an!
... Frei auf deutschem Grunde walten
Lasst uns nach dem Brauch der Alten,
Seines Segens selbst uns freun
Oder unser Grab ihn sein!

 

 

Die Räte der Stadt Freiburg
suchen sich nun bei den badischen Kommissaren einzuschmeicheln

 

Derweil geht in Freiburg die Anpassung an Baden voran, bei der weiterhin die Zähringer Abstammung des Großherzogs bemüht wird.

 

Verbittert notiert anlässlich der Einweihung des neuen Bertoldsbrunnen der ehemalige Abt von St Peter Ignaz Speckle, dem es nicht gelungen war, mit dem Hinweis auf St. Peter als Grablege der Zähringer die Auflösung seines Klosters zu verhindern, in sein Tagebuch am 22. November 1807: Zu Freiburg ward heute der Geburtstag des Großherzogs mit großer (angeordneter) Solennität begangen. Der Bertholdsbrunnen (zuvor Fischbrunnen), welchen hier der Magistrat ganz neu hatte aufführen lassen, ward mit Pyramiden, Girlanden von Tannenreis, mit Inschriften etc. geziert, gestern abend beleuchtet und dabei von dem Bürgerkorps Musik gemacht. Heute im Münster Gottesdienst mit dem Te Deum, abends werden Bälle etc. gegeben werden. Ein altbadischer Bauer, welcher die Präparationen sah, wunderte sich; und befragt worüber, ob in altbadischen Landen nichts dergleichen gehalten worden, soll geantwortet haben, wenn ihr so viel werdet bezahlt haben, als wir bisher bezahlen mußten, so wird euch die Lust zu Feierlichkeiten wohl vergehen. Man hat von jeher den Namenstag des Landesfürsten in einem Hochamt, wozu Regierung, Stände und die hiesigen Corpora eingeladen wurden, zelebriert. Aber solchen Aufwand machte man dem guten Kaiser von Osterreich nicht, am wenigsten tat dieses die Stadt Freiburg. Itzt geschah es auf Verlangen des Herrn Kommissars von Drais, auf Betreiben einiger Affektatoren von Freiburg, welche bei der Veränderung einiges Glück gemacht zu haben glaubten. Dadurch soll man etwas von dem Elende vergessen, das man itzt trägt. So mußten z. B. wirklich zwei ganze und eine Viertelsteuer bezahlt werden. Und dann macht man heitere Berichte an den Hof, und der gute alte Herr soll sodann glauben, diese angeordneten Feierlichkeiten seien Ausdrücke der Zufriedenheit! [Gerc92].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Charles Maurice
de Talleyrand Périgord

Fürstentag in Erfurt

 

Napoleon möchte das deutsche Volk für sich gewinnen: Ich will Deutschland durch Pracht und Glanz in Erstaunen setzen und lädt zum Fürstentag nach Erfurt ein. Die Comédie Française soll hier die französischen Klassiker spielen, und da vor allem Cinna von Racine, denn so findet der Kaiser: Man muß den Deutschen höhere Begriffe von Moral beibringen. Für Alexander paßt das freilich nicht; die Russen verstehen so etwas überhaupt nicht. Aber für die Deutschen mit ihren transzendentalen Ideen ist das so recht was. Also Cinna wird aufgeführt, und zwar gleich am ersten Abend [Kleß07].

 

Prachtvoll zieht Napoleon am 27. September 1808 in Erfurt ein. Eine unermessliche Menschenmenge füllte die Straßen, und auf dem Platz vor dem Palais, wo der Kaiser absteigen sollte, standen Tausende Kopf an Kopf, berichtet Napoleons Außenminister Talleyrand: Jeder wollte den Mann sehen, und so genau wie möglich sehen, der Kronen und Throne verteilte und der die Geschicke Europas, Freude und Hoffnung, Not und Elend in seiner allmächtigen Hand hielt [Ullr06]. Drei Menschen sind auf der Erde wohl am höchsten gefeiert worden: Augustus, Ludwig XIV. und Napoleon. Jeder verschieden gefeiert, nach Zeit und Umständen, aber im Grunde doch immer auf ein und dieselbe Weise. Meine Stellung als Großkammerherr und - damals noch - als Vertrauter des Kaisers ließ mich alles in nächster Nähe betrachten [Kleß07]. Auch beobachtet Talleyrand die Liebedienerei der Deutschen: Die Huldigungen, die man Ihm darbrachte, sowohl die aufrichtigen, als auch die gezwungenen und die erheuchelten, gingen ins Ungeheuerliche. Schmeichelei, die an Vergötterung, und niedrige Gesinnung, die an Ekel grenzte, schienen sich gegenseitig überbieten zu wollen ... In Erfurt habe ich gesehen, dass nicht allein die blöde Menge dem Gewaltigen schmeichelte, sondern auch die Fürsten ... sich zu der elendsten Schmeichelei und Augendienerei erniedrigten [Sill04].

 

Zwar schmeichelt Goethe Napoleon nicht, fühlt sich aber geschmeichelt, als der Kaiser der Franzosen ihn mit: Vous êtes un homme begrüßt und ihm am 14. Oktober 1808 das Ritterkreuz der Ehrenlegion* verleiht. Da will der Zar nicht nachstehen und reicht am folgenden Tage den Sankt-Annen-Orden nach.

*Der 1802 von Napoleon ins Leben gerufene Légion d'Honneur unterteilt sich in fünf Ordensklassen: Großkreuz, Großoffizier, Kommandeur, Offizier und Ritter. Goethe trug als niedrigste Stufe das Croix du Chevalier de la Légion d’Honneur, das Ritterkreuz der Ehrenlegion

 

Neben Goethe zeichnet Napoleon im Décret Impérial au Palais d'Erfurt le 12 octobre 1808 auch Wieland, den Gynäkologen der Universität Jena Stark und den Bürgermeister von Erfurt Vogel mit dem Croix du Chevalier de la Légion d’Honneur aus (Wikipedia)

 

Karl August Böttiger schreibt als Zeitzeuge in Cottas Allgemeiner Zeitung über Goethes Begegnung mit Napoleon auf den Fürstentag: Welcher Deutsche wollte sich nicht freuen, dass der große Kaiser sich mit einem solchen Repräsentanten unseres edelsten und nun auch einzigen Gemeingutes, unserer Kunst und Kultur, so tief eingehend über das besprach, dessen Erhaltung uns allein von der völligen Vernichtung unserer Nationalität erretten kann [Seem12]. Dabei sehen weder Böttiger noch Goethe hinter dieser Charmoffensive des Korsen sein politisches Kalkül: Deutschland ruhig zu stellen; denn tief bewegt schreibt selbst Goethe an seinen Verleger Cotta: Ich will gerne gestehen, daß mir in meinem Leben nichts Höheres und Erfreulicheres begegnen konnte als vor dem französischen Kaiser, und zwar auf eine solche Weise zu stehen. - Ohne mich auf das Detail der Unterredung einzulassen, so kann ich sagen, daß mich noch niemals ein Höherer dergestalt aufgenommen, indem er mit besonderem Zutrauen mich, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, gleichsam gelten ließ und nicht undeutlich ausdrückte, daß mein Wesen ihm gemäß sei; wie er mich denn auch mit besondrer Gewogenheit entließ und das zweitemal in Weimar die Unterhaltung im gleichen Sinne fortsetzte, so daß ich in diesen seltsamen Zeitläuften wenigstens die persönliche Beruhigung habe, daß, wo ich ihm auch irgend wieder begegne, ich ihn als meinen freundlichen und gnädigen Herren finden werde. Wie wert muß mir in dieser Betrachtung das hinterlassene Zeichen sein und wie höchst vergnüglich das demselben zugefügte russische: denn wer möchte nicht gern ein Denkmal jener wichtigen Epoche besitzen, ein Zeichen der Vereinigung zweier so großen als entfernten Mächte, wenn es auch weniger schmeichelhaft wäre [Kleß07].

 

 

La merde dans un bas de soie

 

 Der oben erwähnte Außenminister Napoleons Talleyrand hatte eine ganz erstaunliche Karriere hinter sich. Mit 34 Jahren war Charles-Maurice de Talleyrand zum Bischof von Autun in Burgund geweiht worden, doch besucht er sein Bistum erst, als seine Schäfchen ihn als Vertreter des Klerus in die Generalversammlung der Stände, die der Französischen Revolution vorausging, wählen sollen. Dort dient er sich den Revolutionären an, indem er am 10. Oktober 1789 der Nationalversammlung vorschlägt, der Revolution die Kirchengüter zu Begleichung der Staatsschulden zur Verfügung zu stellen. Der Antrag des Bischofs, seine Kirche zu enteignen, wird mit 568 gegen 346 Stimmen angenommen. Bevor aber anschließend die Revolutionäre die katholische Religion durch die Verehrung eines Höchsten Wesen ersetzen, verlässt Talleyrand 1792 Frankreich zunächst, um, wie es heißt, in London zwischen der britischen Krone und den französischen Revolutionären zu vermitteln. Die nach England geflohenen Exilanten allerdings erkennen in dem ehemaligen Bischof den opportunistischen Wendehals und bewirken seine Ausweisung, so dass er 1794 in die USA flieht. Im Jahre 1796 nach Frankreich zurückgekehrt macht das Direktorium Talleyrand 1797 zum Bürger Außenminister. Doch bereits 1799 tritt er zurück, um sich nachhaltig dem 1. Konsul und späterem Kaiser Napoleon als Ratgeber und später als Außenminister anzudienen [Pötz10].

 

 Talleyrand, der seine Mühle nach dem Wind dreht. Ein Mann mit sechs Köpfen, der sechs politischen Richtungen diente: Bischof von Autun, Mitglied der Nationalversammlung und Außenminister unter dem Direktorium, dem 1. Konsul, Kaiser Napoleon sowie König Louis XVIII.

 

 

In dieser Eigenschaft verhandelt Talleyrand auf dem Erfurter Fürstentag allerdings hinter dem Rücken seines Kaisers mit Zar Alexander I. über die Ablehnung eines von Napoleon angestrebten Bündnisses mit Frankreich. Als der Kaiser davon erfährt, nimmt er sich am 28. Januar 1809 seinen Außenminister im Ministerrat vor und schließt seine Schelte mit den Worten: Vous mériteriez que je vous brisasse comme un verre, j'en ai le pouvoir mais je vous méprise trop pour en prendre la peine. Pourquoi ne vous ai-je pas fait pendre aux grilles du Carrousel ? Mais il en est bien temps encore. Tenez, vous êtes de la merde dans un bas de soie !* Als der Kaiser den Raum verlassen hatte, meint Talleyrand spöttisch : Quel dommage, Messieurs, qu'un si grand homme soit si mal élevé ! * und spielt damit auf die einfache Herkunft Napoleons an.

*Ihr verdientet, dass ich Euch wie ein Glas zerbreche. Dazu habe ich die Macht, doch ich verachte Euch zu sehr, als dass ich mir die Mühe machte. Warum habe ich Euch nicht am Gitter des Carrousels aufknüpfen lassen? Aber dazu ist immer noch Zeit. Nehmt das, Sie sind Scheiße in einem Seidenstrumpf! Talleyrands Reaktion: Schade, meine Herren, dass ein so großer Mensch so schlecht erzogen ist.

 

Es ist nicht verwunderlich, dass Talleyrand nach dem Sturz Napoleons auch dem Bourbonenkönig Louis XVIII als Außenminister dient und auf Wiener Kongress zusammen mit Metternich die Fäden zugunsten Frankreichs ziehen wird.

 

 

 

 


Friedrich Ludwig Jahn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Johann Gottlieb Fichte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Hauger

 

 

 

 

Andreas Hofer

 

 Das ist des Deutschen Vaterland !

 

Unter der Knute Napoleons, was bleibt den Aufrechten noch? Es bleibt die innere Opposition, die Ablehnung von welschem Tand und welscher Sprache. Wieder muss die Muttersprache als Klammer der Deutschen herhalten, wenn Turnvater Jahn formuliert: Deutsche, fühlt wieder mit männlichem Hochsinn den Wert eurer edlen, lebendigen Sprache, schöpft aus ihrem nie versiegenden Urborn, grabt die alten Quellen auf und lasset Lutetiens stehende Lache in Ruhe! [Wink00].

 

Ich will den Haß, brennenden und blutigen Haß, schreibt Ernst Moritz Arndt 1813 in seinem Pamphlet Über Volkshaß: Es ist eine unumstößliche Wahrheit, daß alles, was Leben und Bestand haben soll, eine bestimmte Abneigung, einen Gegensatz, einen Haß haben muß ... Ich hasse alle Franzosen, ohne Ausnahme im Namen Gottes und meines Volkes … Ich lehre meinen Sohn diesen Hass. Ich werde mein ganzes Leben arbeiten, dass die Verachtung und der Hass auf dieses Volk die tiefsten Wurzeln in deutschen Herzen schlägt ... Der Hass gegen die Franzosen glühe als die Religion des teutschen Volkes, als ein heiliger Wahn in aller Herzen, und erhalte uns immer in unserer Treue, Redlichkeit und Tapferkeit [Staa10].

 

 

Ah! Wie famos schmeckt so ein Franzos.
(Zeitgenössische Karikatur über den Franzosen-fresser Arndt)

 

Einmüthigkeit der Herzen sey Eure Kirche, Hass gegen die Franzosen Eure Religion, Freyheit und Vaterland seyen die Heiligen, bei welchen ihr anbetet [Schu96]:

 

 Das ist des Deutschen Vaterland,
Soweit die deutsche Zunge klingt
Und Gott im Himmel Lieder singt.
Wo Zorn vertilgt den welschen Tand,
Wo jeder Franzmann heißet Feind,
Wo jeder Deutsche heißet Freund -
Das soll es sein! Das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!

 

Ein Volk zu sein, ein Gefühl zu haben für eine Sache, mit dem blutigen Schwert der Rache zusammenzulaufen, das ist die Religion unserer Zeit [...] das ist die höchste Religion, das Vaterland lieber zu haben als Herren und Fürsten, als Väter und Mütter, als Weiber und Kinder [...], diese ewige Religion der Gemeinschaft und Herrlichkeit, die auch Christus gepredigt hat, macht zu Eurem Banner, und nach der Rache und Befreiung bringt unter grünen Eichen auf dem Altar des Vaterlandes dem schützenden Gotte die frühlichen Opfer [Staa10].

 

Im fernen Bayreuth jedoch hält Jean Paul in seiner Kriegserklärung gegen den Krieg Arndts Kriegsaufruf entgegen: Das Volk wird auch diesmal wieder alles Blut und Elend zu ertragen haben, und am Ende in der "Mord Lotterie" des Krieges wieder nur Nieten ziehen. In seiner Friedenspredigt wendet sich Jean Paul auch gegen der Germanenwahn Fichtes (Deutsches Urvolk und deutsche Ursprache) und Jahns (Mischlinge von Tieren habe keine echte Fortpflanzungskraft und ebensowenig Blendlingsvölker ein eigenes volkstümliches Fortleben) [Staa10]:  Es wäre eben so schlimm für die Erde, wenn es lauter Deutsche, als wenn es keine gäbe, und kein Volk ersetzt das andere [deBr10].

 

 

5. Koalitionskrieg (1809)

 

Mit der Erhebung der Spanier vom 2. Mai 1808 gegen die napoleonische Herrschaft sieht Österreich die Chance zur Eröffnung einer zweiten Front. So probt es im April 1809 im 5. Koalitionskrieg noch einmal einen Aufstand, als der Bruder des Kaisers Erzherzog Karl mit seinen Truppen in Bayern einfällt. Er erlässt einen Aufruf: An die Deutsche Nation: Deutsche! Nehmt die Hilfe an, die wir Euch bieten; wirkt mit zu Eurer Rettung! Wir verlangen nur die Anstrengungen, die der Krieg für die gemeinsame Sache erfordert. Euer Eigentum, Euer häuslicher Friede ist durch die Manneszucht des Heeres gesichert. Die österreichische Armee wird Euch nicht berauben, nicht bedrücken; sie achtet Euch als Brüder, die berufen sind, für dieselbe Sache, die die Eure wie die unsrige ist, mit uns vereint zu kämpfen. Seid unsre Achtung wert! [deBr10]. Da melden sich Freiwillige aus allen deutschen Gauen, auch preußische Offiziere, die mit der Neutralitätspolitik ihres Königs nicht einverstanden sind.

 

In Innsbruck organisiert Joseph von Hormayr 1809 den Widerstand gegen Napoleon. Er beabsichtigt, Ferdinand von Schill, nachdem dessen Partisanenaktivitäten in Preußen offiziell nur bedingt akzeptiert werden, in den Südwesten einzuladen, wo er auf vorderösterreichische Unterstützung rechnen könne [Kram67]. Doch schon am 31. Mai 1809 stirbt Schill in Stralsund den Heldentod. Dafür gehen vierzehn österreichisch gesinnte Studenten der Universität Freiburg unter der Führung Georg Haugers nach Tirol, um am Freiheitskampf gegen Franzosen und Bayern teilzunehmen. Als Leutnant der Kaiserjäger wird Hauger letztlich bekannt, als er im Januar 1823 Andreas Hofers Gebeine von Mantua nach Innsbruck "entführt", wo sie in der Hofkirche ihre letzte Ruhe finden [Hef67].

 

Doch selbst Andreas Hofers überraschender Sieg über Franzosen und Bayern am Berg Isel kann eine erneute militärische Demütigung der Donaumonarchie nicht verhindern. Als Konsequenz der Niederlage in der Schlacht bei Wagram, in der von 33 0000 teilnehmenden Soldaten 80 000 ihr Leben lassen müssen, wird Österreich im Frieden zu Schönbrunn weiter beschnitten, verliert unter anderem Salzburg und Nordtirol an Bayern sowie Südtirol an Italien.

 

La bateille de Wagram

 

Fabio Chigi
von Anselm van Hulle

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 In dieser großen Not und um den Erhalt des Hauses Habsburg zu sichern, bemüht der österreichische Kaiser noch einmal die bewährte Heiratspolitik. Franz I. vermählt seine 19-jährige Tochter Erzherzogin Marie-Luise 1810 mit dem 41-jährigen Usurpator aus Korsika. Der Colmarer Memoirenschreiber Kuhlman notiert: Par la traité de Schoenbrunn du 14 août 1809, la fille de l’empereur François, Roi de RomeMarie-Louise, fut le grand prix de la victoire remportée de Wagram* [Mull12]. Durch Prokuration wird die Heirat am 11. März in Wien gefeiert, wobei Marschall Berthier, Fürst von Neuchâtel, Napoleon vertritt.

*Im  Schönbrunner Vertrag vom 14. August 1809 war die Tochter  Kaisers Franz’, Marie-Luise, der große Preis beim Gewinn der Schlacht von Wagram.  

 

Am 13. März verlässt Marie-Luise mit 80 Wagen und in Begleitung von Napoleons Schwester Caroline Murat die Hauptstadt Wien. Straßburg empfängt die französische Kaiserin mit großem Pomp am 22. März, wie sie einst 40 Jahre zuvor Maria Antonia, die andere Österreicherin, empfangen hatte. Marie-Luise erklärt son bonheur étant lié à celui de Sa Majesté l’empereur, elle n’en aurait plus d’autre qu’à faire celui des Français* [Mull12]. Einem großen Umzug der Zünfte mit 200 000 Zuschauern folgt ein Festessen.

*ihr Glück sei mit dem seiner Majestät des Kaisers verbunden und sie hätte jetzt nur noch das Glück der Franzosen zu schmieden.

 

L'aiglon oder le Roi de Rome (Napoléon II.)

 

Der dieser Verbindung entsprossene Sohn, bei seiner Geburt bereits als König von Rom proklamiert und von den Franzosen nach seines Vaters Abdankung als Napoleon II. ausgerufen, verbringt sein nur kurzes, 21-jähriges Leben als Herzog von Reichstadt im Schloss Schönbrunn.

 

 

Le Grand Empire

 

Zwar heißt es in Europa: Fiat voluntas domini Napoleonis, doch seine verordnete Kontinentalsperre lässt sich nur durchsetzen, wenn alle deutsche Küstengebiete fest in französischer Hand sind. Jean-Baptiste de Champagny, Nachfolger Talleyrands als Außenminister, schreibt am 8. Dezember 1810 an Napoleon:

 Die Eingliederung der Hansestädte, Lauenburgs und sämtlicher Küstengebiete zwischen Elbe und Ems ist durch die Umstände bedingt. Dieses Territorium befindet sich bereits unter der Befehlsgewalt Eurer Majestät. Die gewaltigen Magazine Helgolands würden auf dem Kontinent stets einen Absatzmarkt finden, wenn die norddeutsche Küste an einer einzigen Stelle dem englischen Handel geöffnet bliebe und die Flußmündungen der Jade, der Weser und der Elbe diesem nicht für immer verschlossen würden. Die britischen Ratsbeschlüsse haben die Privilegien der neutralen Schiffahrt vollständig zerstört. Eure Majestät kann nur noch durch die Binnenschiffahrt Ihre Arsenale versorgen und einen sicheren Handelsweg mit dem Norden unterhalten. Die Instandsetzung und Erweiterung des bestehenden Kanals zwischen Hamburg und Lübeck und der Bau eines neuen Kanals, der die Elbe mit der Weser und die Weser mit der Ems verbinden wird, werden in einem Land, in dem es keine natürlichen Hindernisse gibt, nur vier bis fünf Jahre Arbeit erfordern und Kosten von 15 bis 20 Millionen verursachen und den französischen Kaufleuten einen leichten und gefahrlosen Wirtschaftsweg eröffnen [Kleß07].

 

Napoleons Neuordnung Europas mit einem Frankreich in seiner größten Ausdehnung 1812 [Auss13]. Der Rheinbund liegt zwischen dem Kaiserreich und Preußen bzw. Österreich. In Familienunion sind mit Napoleon das Großherzogtum Berg seines Neffen Ludwig, das Königreich Westfalen seines Bruders Jérôme (siehe unten) und das Königreich Italien seines Schwagers Joachim Murat verbunden.

 

 

Wenn es schon mit dem Kanal
von der Seine bis an die Ostsee nicht klappt, dann soll wenigstens die Rhone mit dem Rhein verbunden werden.
Doch dieser Kanal wird erst 1833 fertig.

 

Offiziell verlautet, Napoleon plane - zur Umgehung der englischen Seeblockade und zum Ausbau der französischen Wirtschaftshegemonie - einen schiffbaren Kanal von der Seine bis an die Ostsee, doch sollen ihm die ehemaligen hanseatischen nun neufranzösischen Territorien vornehmlich als Aufmarschgebiet für den ab 1811 geplanten Russlandfeldzug dienen [Stub03]. Schon 1810 wird der Bau des Grand Canal du Nord 1810 eingestellt, denn der Kaiser benötigt die Gelder dringend zur Ausrüstung der Grande Armée.

 

 

Anekdotisches über Pumpernickel

 

 Als Napoleon bei der Inspektion der nördlichen Départements seines Grand Empire durch das Münsterland kommt, sind die lokalen Dignitäten aufgefordert, dafür zu sorgen, dass der Kaiser angemessen empfangen wird. Vergeblich versucht der Dorfpfarrer seinen Schäfchen, den Ausruf Vive l'Empereur beizubringen. Als er nach vergeblichen Bemühungen abends erschöpft seine Petroleumlampe anzündet und den Docht höher schraubt, um sein Brevier zu lesen, kommt ihm plötzlich die rettende Idee: fünf von diesen Glaszylindern, so muss es sein. Da rufen die Westfalen begeistert, als am nächsten Tag Napoleon auf seinem Pferd Nickel vorbeireitet, auf plattdütsch: fief Lampenröhr!

 

Beeindruckt ob dieser Begrüßung auf Französisch steigt der Kaiser ab, um sich zu erfrischen. Da geraten die Münsterländer keineswegs in Verlegenheit. Zum Déjeuner setzt man Napoleon die lokalen Spezialitäten vor: Westfälischen Skinken mit einem Kanten groben, schwarzen Brots. Der Kaiser nimmt das Brot, dreht es in seinen Händen, riecht kurz daran und befindet: Pain pour Nickel. Die herumstehenden Westfalen verstehen nicht recht, was Napoleon damit meint, aber das Wort gefällt, und so wird aus dem Brot für das kaiserliche Pferd das uns bekannte Pumpernickel [Meck06b].

 

Doch bereits der päpstliche Nuntius Fabio Chigi (der spätere Papst Alexander VII.) hatte im März 1644 bei seiner Reise zum Friedenskongress in Münster durch Wüstphalen, oder wie es etliche wegen der schlechten mit stehenden Wassern und Pfützen bedeckten quasi nicht existierenden Straßen zu nennen pflegen: Mistphalen in der Nähe von Bocholt im Gasthaus Wittlerbaum in der rauchigen Hütte mit der schwarzen Brotspezialität Bekanntschaft gemacht und schreibt: Pompernickel heißt dieses Brot beim Volk in Westfalen, eine fast menschenunwürdige Kost, selbst für Bauern und Bettler [Tesk98]. Damit muss die schöne Geschichte über die Namensgebung durch Napoleon wohl erfunden sein.

 

Erfunden ist wohl auch die folgende Pumpernickel-Anekdote, die Bocholtz, der einzig echte, wirkliche Westfale am Hofe des Königs von Westfalen, Jérôme (Giralomo, 1807-1812), im hessischen Kassel  nach einem Vortrag über Gott und die Welt, zu erzählen wusste: Bedächtig klopfte er auf seine Birkenholzdose und begann: Jä - jä - Dinge passieren heut -- da ist hinten in Westfalen ein Bauer mit seinem Wagen voll Pumpernickel vom Bäcker gekommen. Der fährt die einsame Heide - und aus dem Busch springt ein Franzos' und will sein Brot rauben -- da richtet sich der Westfale auf, packt an und schmeißt den Franzos' mit den fünfzig Pfund schweren Brotklötzen tot! So weit ist's - der verhungerte Deutsche schmeißt seinen Würger mit Brot tot -- Gott helpe mi! [Winc22]

 

Über das für Südländer ungenießbare dunkle Brot findet sich bei Goethe in seiner Geschichte der Campagne in Frankreich ebenfalls eine hübsche Anekdote. Von der verheerenden Niederlage der antirevolutionären Koalitionstruppen bei Valmy noch ganz mitgenommen fährt der Dichter und Kriegsreporter auf dem Heimweg nach Weimar durch Westfalen, dessen Straßen mit flüchtigen Franzosen überfüllt sind. Die Einheimischen mögen die Flüchtlinge nicht und es wurde bemerkt, dass unter ihnen, trotz aller Erniedrigung, Elend und zu befürchtender Armut, noch immer dieselbe Rangsucht und Unbescheidenheit gefunden werde.

 

In einem Gasthaus beobachtet Goethe nun, dass einem bescheidenen jungen Franzosen, der offensichtlich zu Fuß unterwegs ist, der Großteil seiner Zeche erlassen wird. Auf Anfrage erklärt der Wirt: Dies ist der erste von diesem vermaledeiten Volk, der Schwarzbrot gegessen hat: das musste ihm zugute kommen.  

 

Auch Stendhal alias Henri de Beyle beschreibt im April 1808 seine Begegnung mit dem schwarzen Brot allgemein und bei der Familie Griesheim in Braunschweig im Besonderen: Kaffeetrinken ist erstaunlich verbreitet in Deutschland. Bei der Ankunft in einem Gasthaus werden einem als erstes Milchkaffee und Butterbrote angeboten: das sind zwei sehr dünne Scheiben Schwarzbrot mit Butter dazwischen.

 

Herr von S(trombeck) und ich kamen eines Tages zu dem älteren Herrn von Having geritten; wir wurden von Frau von Gr(iesheim) und ihren Töchtern erwartet. Es sollte ein großes Frühstück gegeben werden. Ich rechnete mit etwas Warmem. Ich hätte zwölf Francs für eine Tasse heiße Bouillon gegeben. Ich bekam Butterbrote und Bischof (Orangenessenz mit Wein).

 

Diese biederen Deutschen essen vier oder fünf Butterbrote, trinken zwei große Glas Bier und dann ein Glas Schnaps. Diese Kost muß den lebhaftesten Menschen zum Phlegmatiker machen. Mir nimmt das jeden Gedanken [Kleß07].

 

 

Die Figuren sind steif und zeigen weder Geschmack noch Anmut

 

Bei seiner Beschreibung der Deutschen vermisst Stendhal vor allem die Anmut: Letzteres fehlt den Deutschen, denen man auf der Straße begegnet, am meisten. Soweit ich mich erinnere, war der erste Eindruck, den sie auf mich machten, folgender: ich fand sie etwas größer, etwas stärker und etwas fetter als die Franzosen. Die Gliedmaßen gröber, schönere Haut, rote Backen, fast alle blond, einzelne rothaarig, im Wesen schwerfällig und oft dumm. Eine unerträgliche Albernheit in den Gesichtern. Keinerlei Anmut und viel Affektiertheit, nicht die geringste Spur von Natürlichkeit: das macht aus einem deutschen Gecken eins der lächerlichsten Wesen, denen man begegnen kann. Er trägt oft sehr spitze Stiefel, eine dicke Krawatte, eine kleine, schmutzige Weste und einen Rock mit zwei Finger langen Schößen. Darüber einen ungeheuren Hut mit raupenförmigen Quasten und dicken Fransen (der Geck, den ich in Peine traf); er macht Bewegungen, als wolle er sich beim Laufen auf die Erde werfen. Aber der Dummkopf hat einen reizenden Teint, ziemlich schöne blaue Augen, manchmal schwarze Wimpern und herrliches blondes Haar. Aber keine Seele, keinen anderen Ausdruck als den des völligen Mangels an Ideen …

 

Deutsche, auch bei den Briten als Sauerkrautfresser verschrien

Alle Männer rauchen; man raucht im Klub, man raucht beim Billard, man raucht in der Kneipe, es wird so viel geraucht, daß die Männerkleider ganz stark nach Tabakrauch riechen …

 

Mir will scheinen, ihr Bier, ihr Butterbrot und ihre ewigen Milchprodukte sind nicht dazu angetan, ihnen Lebhaftigkeit zu geben [Kleß07].

 

 

Jérôme, Roi de Westphalie

 

 

 

 

 

 

 

 

Le Jérômedor

 

 

 

 

 

 

 

 

Code Napoleon

Edition seule officielle pour le Royaume de Westphalie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit der Einführung des Euro machen die Korsen aus der Not eine Tugend, indem sie illegal eigene Euromünzen mit dem Konterfei ihres großen Sohnes prägen und diese gewinnbringend an Touristen losschlagen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Soldat des Rheinbundes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein König in Westfalen

 

Einige Historiker meinen, Napoleon musste scheitern, weil er zu häufig seine unfähigen Familienangehörigen als Herrscher in den von ihm eroberten Gebieten einsetzte: sein Bruder Louis (Luigi) war König von Holland, Joseph (Guiseppe) wurde König von Spanien und im Frieden von Tilsit 1807 bedachte er seinen jüngsten Bruder Jérôme mit dem neu geschaffenen Königreich Westfalen. Dafür lässt der Kaiser eine Verfassung ausarbeiten, die er mit einem Begleitbrief an Jérôme sendet:

 

Mein Bruder, beiliegend finden Sie die Verfassung Ihres Königreichs. Diese Verfassung enthält die Bedingungen, unter welchen ich auf alle meine Eroberungsrechte, sowie die Rechte, die ich auf Ihr Land habe, verzichte. Sie müssen sie getreulich befolgen. Das Glück Ihres Volkes liegt mir nicht allein wegen des Einflusses am Herzen, den es auf Ihren und meinen Ruhm haben kann, sondern auch in Hinsicht auf die allgemeine europäische Politik. Hören sie nicht auf die, die Ihnen sagen, Ihr an Knechtschaft gewöhntes Volk würde Ihre Wohltaten mit Undankbarkeit vergelten. Man ist im Königreich Westfalen aufgeklärter, als man Ihnen zugestehen möchte, und Ihr Thron wird in der Tat nur auf dem Vertrauen und der Liebe Ihrer Untertanen befestigt sein. Was aber das deutsche Volk am sehnlichsten wünscht, ist, daß diejenigen, die nicht von Adel sind, durch ihre Fähigkeiten gleiche Rechte auf Ihre Auszeichnungen und Anstellungen haben, daß jede Art Leibeigenschaft und vermittelnde Obrigkeit zwischen dem Souverän und der untersten Volksklasse aufgehoben werde. Ihr Königtum wird sich durch die Wohltaten des Code Napoleon, durch das öffentliche Gerichtsverfahren und die Einführung des Geschworenengerichts auszeichnen. Und wenn ich ganz offen sein soll, so rechne ich in bezug auf die Ausdehnung und Befestigung Ihres Reiches mehr auf deren Wirkung, als auf das Ergebnis der glänzendsten Siege, Ihr Volk muß sich einer Freiheit, einer Gleichheit, eines Wohlstandes erfreuen, die den übrigen Völkern Deutschlands unbekannt sind! Eine solche liberale Regierung muß auf diese oder jene Weise für die Politik des Rheinbundes und für die Macht Ihres Reiches die heilsamsten Veränderungen hervorbringen. Sie wird Ihnen eine mächtigere Schranke gegen Preußen sein, als die Elbe, als alle Festungen und der Schutz Frankreichs. Welches Volk wird zu der willkürlichen preußischen Regierung zurückkehren wollen, wenn es einmal von den Wohltaten einer weisen und liberalen Verwaltung gekostet hat? Die Völker Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Spaniens wünschen Gleichheit und aufgeklärte Ideen! Ich, der ich seit vielen Jahren die Angelegenheiten Europas in Händen habe, hatte oft Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß das Murren der Privilegierten mit der Volksmeinung im Widerspruch stand. Seien Sie ein konstitutioneller König! Und wenn es Ihnen die Vernunft und Aufgeklärtheit Ihres Jahrhunderts nicht geböten, so müßten Sie es doch aus weiser Politik sein. Sie werden dadurch große Macht in der öffentlichen Meinung und eine natürliche Überlegenheit über Ihre Nachbarn gewinnen, die alle absolute Fürsten sind [Kleß07].

 

Dann hatte Napoleon bei Jérômes Bestallung am 18. August 1807 den jüngsten Bonaparte noch belehrt: Deutschland ist ein dunkles, gefährliches Land - wir werden es nie begreifen - hier ist jede Katastrophe, aber auch jedes Wunder möglich [Winc33].

 

Tatsächlich gelingt dem erst 23-jährigen Jérôme ein Wunder, indem er in wenigen Jahren mit der Verfassung seines großen Bruders einen Musterstaat auf deutschem Boden schafft, welcher Gleichheit vor dem Gesetz sowie Gewerbe- und Religionsfreiheit garantiert. Der Code Civil auch Code Napoleon genannt wird im Königreich Westfalen übernommen und nicht nur tout Français jouira des droits civils, sondern auch jeder Westfale hat alle bürgerlichen Rechte: Leibeigenschaft und Frondienste sind abgeschafft, die Juden sind gleichberechtigt, Adel und Kirchen verlieren ihre Privilegien, der Zunftzwang ist aufgehoben, es gibt Schwurgerichte, jedem Soldaten steht der Aufstieg bis in die höchsten Ränge offen. Daneben macht der als König Lustik bezeichnete Jérôme den Hof zu Kassel zu einem kulturellen Leuchtturm im konservativ protestantischen Norddeutschland. Die Bühnen-darbietungen auf der Wilhelms- pardon Napoleonshöhe stehen denen in Paris an Qualität nicht nach [Mens05].

 

Doch im Jahre 1811 schreibt Jérôme warnend seinem Bruder: Sire! Die Gärung hat den höchsten Grad erreicht ... Verzweiflung der Völker, die nichts mehr zu verlieren haben, da man ihnen alles genommen hat, ist zu befürchten. Überall sind Elend und Armut in die Familien eingekehrt, die Kapitalien sind erschöpft. Der Adlige, der Bürger und der Landmann werden von Schulden erdrückt. Es scheint, dass keine andere Hilfe als die des allgemeinen Aufstandes möglich ist, den man mit Sehnsucht erwartet und auf den alle gerichtet sind. Ich halte es daher für wichtig, sofort ganz Preußen zu annektieren. J.

 

Prompt erfolgt Antwort aus Paris: Sie Narr tun mir wahrhaft leid, es ist, als ob ein Schüler Homer lehren wollte, Verse zu machen! Der Hauptton ruht bei Ihnen auf dem obsternaten Satz: Die Finanzen sind erschöpft - Sorgen Sie sich bitte nicht um die hohe Politik. N.  [Winc33]. Der Kaiser bezieht sich dabei auf die Verschwendungssucht am Hofe Jérômes in Kassel.

 

 

Verehrung und Hass

 

Auch wenn die von Napoleon abhängigen Staaten unter seiner Knute ächzen, so bewundern viele Zeitgenossen am Beherrscher Europas, dass er nach dem Terrorregime den Geist der Französischen Revolution in berechenbare Bahnen gelenkt hat. Sie sehen in ihm noch immer den Erlöser der Bauern von der Leibeigenschaft, den Einer Europas, den neuen Karl den Großen. Auch das Bürgertum schätzt den Befreier von Absolutismus und richterlicher Willkür, der mit der Einführung eines Zivilrechts des Code Civil (in Baden seit 1810) das persönliche Eigentum der Bürger schützt, die freien Berufsausübung ohne den alten Zunftzwang garantiert und die Vorrechte des Adels beschnitten hält [Mens05].

 

 Harry Heine sieht in den drei Büchern und 2281 Paragraphen des Code Civil besonders mit der Präambel: Tous les Français sont égaux devant la loi* die Gleichberechtigung der Juden garantiert. Bereits als 13-Jähriger bewundert er Napoleon, den er in seiner Geburtsstadt erlebt: Aber wie ward mir, als ich ihn selber sah, mit hochbegnadigten, eigenen Augen ihn selber, Hosianna! den Kaiser. Es war eben in der Allee des Hofgartens zu Düsseldorf … Der Kaiser mit seinem Gefolge ritt mitten durch die Allee, die schauernden Bäume beugten sich vorwärts, wo er vorbeikam, die Sonnenstrahlen zitterten furchtsam neugierig durch das grüne Laub, und am blauen Himmel oben schwamm sichtbar ein goldner Stern … Und als der Stern des Kaisers im Zenith steht, scheint es Heinen gar, als ob sein Bild, losgerissen aus dem kleinen Rahmen der Gegenwart, immer stolzer und herrischer zurückweiche in vergangenheitliche Dämmerung. Sein Name schon klingt uns wie eine Kunde der Vorwelt, und ebenso antik und heroisch wie die Namen Alexander und Cäsar ... [Schu02].

*Alle Franzosen sind vor dem Gesetz gleich

 

Hegel begegnet Napoleon am Tag vor der Schlacht von Jena und Auerstedt: Den Kaiser - diese Weltseele - sah ich durch die Stadt zum Rekogniszieren hinausreiten; es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum  zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht [Ullr06]. Heine setzt noch einen drauf: Er war nicht von jenem Holz, woraus man die Könige macht - Er war von jenem Marmor, woraus man Götter macht. Für die Verehrung des nach Hölderlin Herrlichsten mag das hymnische Poem des norddeutschen Aufklärers und Literaten Gerhard Anton von Halem mit dem Titel An Ihn stehen:

 

Blieb er Diktator nur, zu baun der Freiheit Dom.
Ihn gründet er auf Trümmer der rings zerstörten Kasten,
Und aller Eisenfesseln der Landmann abgestreift.
Ihn hob der Gleichheit feste Hand.
Gerettete Gefühle der Freiheit und der Menschlichkeit,
Sie festigen den großen Bau: Er steht durch ihn
[Stub03].

 

 

Meine Macht hängt von meinem Ruhm ab

 

 Mit seiner Kaiserkrönung hat Napoleon für Beethoven, der dem Korsen die Sinfonia grande, intitola Bonaparte gewidmet hatte, die Ideale der Republik verraten: Ist der auch nichts anderes als ein gewöhnlicher Mensch? Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen; er wird sich noch höher als alle anderen stellen, ein Tyrann werden! [Ullr06]. Wütend kratzt er vom Titelblatt seiner 3. Symphonie, der Eroica, die eigenhändige Widmung an Napoleon wieder aus.

 

 Auch die Schaffung eines neuen Adels durch den Kaiser (das Nobilitieren verdienter Generäle) treibt seine republikanischen Anhänger in die Opposition. Als Napoleon feststellen muss, dass pour gouverner un grand État, il faut beaucoup de gendarmes, beaucoup de soldats ... et beaucoup d’écus*, ist sein imperialistisches Kaiserreich längst zu einem Polizeistaat verkommen [Mull14a]. Zur Erhaltung der Macht koordiniert die französische Geheimpolizei Innenministers Fouchés die Spitzelaktivitäten in ganz Norddeutschland vom Territorium des verbündeten Dänemarks, von Altona, aus.

*Um einen großen Staat zu regieren, braucht man viele Polizisten, viele Soldaten und viele Taler

 

   Spätestens jetzt realisiert Napoleon: Mon pouvoir tient à ma gloire, et ma gloire aux victoires que j’ai remportées* [Mull14a] und eine  neugeborene Regierung muss blenden und in Stauen setzen; tut sie das nicht, dann stürzt sie [Weis10]. Gegenüber dem österreichischen Thronfolger wird er noch deutlicher: Eure Herrscher, geboren auf dem Throne, können sich zwanzigmal schlagen lassen und doch immer wieder in ihre Residenzen zurückkehren. Meine Herrschaft überdauert den Tag nicht, an dem ich aufgehört habe, stark und folglich gefürchtet zu sein [Flei13].

*Meine Macht hängt von meinem Ruhm ab, und mein Ruhm von den Siegen, die ich errungen habe.

 

 

Durch die Grenzstadt Freiburg rollen viele illegale Transporte

 

Wegen der gegen England verhängten Kontinentalsperre liegt Mitteleuropa wirtschaftlich danieder: Kattunspinnereien und –druckereien mangelt es an Baumwolle und Zuckerfabriken fehlt es nicht nur an Rohstoff, sondern auch an Kohle zum Erhitzen der Siedepfannen. Armut breitet sich aus. Die Ausfuhr von Getreide und Futterpflanzen nach Frankreich ist verboten; andere Exportartikel sind mit hohen Zöllen belastet, während Frankreich die Satellitenländer mit seinen Waren überschwemmt. In Europa blüht einzig der Schmuggel besonders in den Küstenstädten, aber auch durch die Grenzstadt Freiburg rollen viele illegale Transporte, so im August 1812 300 bis 400 Wagen mit Kolonialwaren [Nipp98].

 

 

 

Es ist aber nicht der Warenzoll, sondern der Blutzoll, der endlich bei den Verbündeten die Stimmung gegen den Diktator umschlagen lässt, denn gnadenlos presst Napoleon aus den koalierten Staaten neben Geld vor allem frische Truppen, die er für seinen Feldzug gegen Russland braucht. Dabei scheut der Kaiser selbst vor fiesen Tricks nicht zurück und es ist ihm egal, dass seine Soldaten nicht französisch sprechen: Qu'ils parlent Allemand, pourvu qu'ils croisent leurs sabres comme des Français*.

*Sollen sie ruhig deutsch reden, Hauptsache, sie führen den Säbel wie Franzosen.

 

Preußen hatte seine Reparationszahlungen bis 1809 geleistet, so dass die französischen Besatzer abgezogen waren und das ausgebeutete Land langsam sein Haupt erhebt. Nach einer Äußerung Napoleons über Friedrich Wilhelm III.: Wie konnte ich diesem Mann nur so viel Land übrig lassen kommt das Gerücht auf, Frankreich betreibe die Aufteilung Preußens [Kleß07]. Hardenberg reist im Mai 1811 nach Paris und bietet Napoleon ein Bündnis an, welches am 24. Februar 1812 als Offensiv- und Defensivallianz unterzeichnet wird. Danach muss Preußen dem Kaiser 20 000 Soldaten und 60 Geschütze stellen.

 

Beim österreichischen Botschafter Clemens von Metternich hatte Napoleon durchblicken lassen, dass Schlesien an Österreich zurückgegeben werden könnte. Metternich beeilt sich darauf, am 14. März 1812 einen Allianzvertrag zu unterzeichnen, nach dem Österreich 30 000 Soldaten für den kommenden Krieg gegen Russland zur Verfügung stellt.

 

 

 

 

Marschall Louis-Nicolas Davout

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich habe eine ganze Nation von zwölf Millionen Bürgern zum Feind

 

 Der permanente kleine Krieg, die Guerilla, zermürbt die französischen Besatzungstruppen in Spanien. König Joseph Bonaparte klagt seinem kaiserlichen Bruder: Ich habe eine ganze Nation von zwölf Millionen tapferer, verbitterter und bis zu Äußersten verzweifelter Bürger zum Feind [Tref10].

 

Die Aufstände in Spanien beunruhigen auch den Titularherzog von Auerstedt Marschall Louis-Nicolas Davout. Als Generalgouverneur der hanseatischen Departements mit den Städten Bremen, Hamburg und Lübeck befürchtet er dort Ähnliches. Napoleon jedoch beruhigt ihn: Urteilen Sie doch selbst, was zu befürchten ist von einem so braven, so vernünftigen, so kalten, so geduldigen Volke, das von jeder Ausschreitung so weit entfernt ist, daß kein einziger Mann während des Krieges in Deutschland ermordet wurde [Kleß07, Rapp10] und setzt noch hinzu: Wenn eine Bewegung in Deutschland ausbrechen sollte, dann wird sie am Ende für uns und gegen die kleinen Fürsten gehen [Mens05]. Später im Exil wird Napoleon allerdings zugeben: Der Guerillakrieg hat meine moralische Autorität in Europa zerstört [Tref10].

 

 

La Grande Armée

 

Nach Russland ziehen mit der Grande Armée 556 000 Mann, von denen lediglich 214 000 Franzosen sind. Am 24. Juni 1812 überschreiten 449 000 Mann mit 1146 Kanonen die Memel und beginnen den Krieg.  Die Soldaten sind voll Begeisterung wie Leutnant Graf von Wedel, der zu den 149 000 mitmarschierenden Deutschen gehört, berichtet: So entstand gerade aus dieser bunten Zusammensetzung des Heeres ein edler Wettstreit des Mutes und der Tapferkeit, und wie auch der einzelne über Napoleon sonst denken mochte, ob er ihn liebte oder haßte, so war doch wohl im ganzen Heere keiner, der ihn nicht für den größten und erfahrensten Feldherrn hielt und unbedingtes Vertrauen auf sein Talent und seine Kombinationen setzte. Wo sich der Kaiser zeigte, glaubte sich der Soldat des Sieges gewiß; wo er erschien, ertönte ein tausendstimmiges Vive l'Empereur! Der blendende Schein seiner Größe überwältigte auch mich und riß mich hin zu Bewunderung und Enthusiasmus, daß ich aus vollem Herzen, mit aller Kraft meiner Stimme, einstimmte in das Vive l'Empereur! [Kleß07].

 

Diese Begeisterung ist auch Inhalt folgender Anekdote aus der Feder des württembergischen Oberleutnants Karl von Suckow: So erinnere ich mich, daß wir bei Anwesenheit unseres Brigadegenerals von Hügel zum Behufe der Musterung des Bataillons diesem Vorgesetzten ein Festdiner im Goldenen Hirsch veranstalteten. Was war natürlicher, als daß sich dabei die Unterhaltung größtenteils um unsere bevorstehende Aufgabe drehte! Der General warnte, sich doch ja keinen Illusionen hinzugeben und auf alle Eventualitäten männlich gefaßt zu sein. Ein junger Leutnant war jedoch anderer Meinung und sagte: So einen russischen Feldzug mache ich ebenso leicht mit, wie ich ein Butterbrot esse! Der General ward auf diese Äußerung sehr ernst und erwiderte: Herr Leutnant, ich will Sie an dieses Butterbrot erinnern! [Kleß07].

 

 

Mit Mann und Ross und Wagen, so hat sie Gott geschlagen

 

Matthias Ostermann im Elsass berichtet in seinem Hausbuch über den Russlandfeldzug: Le 7 septembre, après une lutte acharnée, les Russes, battus, se retirèrent. Le 14 septembre, les troupes françaises entrèrent à Moscou et L'empereur s'installa au Kremlin. Le 16, un terrible incendie se déclara dans la ville dont une grande partie était en bois. Le vent s'étant mis à souffler avec violence, l'embrasement devint général. Le 19 octobre, la Grande Armée, qui avait déjà perdu dans les combats la moitié de ses effectifs, quitta Moscou. La retraite fut pénible car, dès le début de novembre, l'hiver se mit de la partie. Il neigeait abondamment et un vent glacial apportait partout la souffrance et la mort. Ainsi, à Smolensk, l'armée ne comptait plus que cinquante mille hommes. Les chevaux étaient presque tous morts de froid et de fatigue et des nuées de cosaques harcelaient constamment nos soldats épuises [Mull14].

*Am 7. September nach schweren Kämpfen zogen sich die Russen zurück. Am 14. September zogen die französischen Truppen in Moskau ein. Der Kaiser nahm im Kreml Quartier. Am 16. brach in der Stadt, die zum größten Teil aus Holzhäusern bestand, ein schreckliches Feuer aus. Als der Wind begann mit großer Stärke zu wehen, entwickelte sich ein Großbrand. Am 19. Oktober verließ die Große Armee, die bereits in Kämpfen die Hälfte ihrer Stärke eingebüßt hatte, Moskau. Der Rückzug gestaltete sich schwierig, denn seit Novemberbeginn war der Winter mit von der Partie. Es schneite reichlich und ein eisiger Wind brachte überall Leid und Tod. So zählte die Armee bei Smolensk nur noch 50 000 Mann. Die Pferde waren fast alle vor Kälte und an Entkräftung gestorben und Schwärme von Kosaken griffen laufend unsere erschöpften Soldaten an.

 

Figurative französische Darstellung der Verluste der Grande Armée. Auch wenn sich Einzelheiten nicht ablesen lassen, beeindrucken der breite beige Strom, der sich nach Russland ergießt, und das schmale schwarze Rinnsal, das schließlich nach Europa zurückfließt [Auss13].

 

Die badische Division, beim Einmarsch in Russland etwa 7.000 Mann stark, besteht am 30. Dezember 1812 nur noch aus 40 kampffähigen und 100 kranken Soldaten. Insgesamt kehren Anfang 1813 etwa 1000 Deutsche aus den Weiten des Zarenreiches in die Heimat zurück. Philippine von Griesheim* beschreibt eindrücklich deren Agonie: Täglich erneuern sich die Unglücksscenen vor unseren Augen, und zerreißen die Herzen der Mitfühlenden, … Krüppel ohne Arme und Beine, Kranke, die sterbend vom Wagen getragen werden, Wahnsinnige erfüllen die Luft von Wehklagen und Fluchen. Soldaten in den verschiedensten Uniformen, aus allen Ländern, verwünschen ihre traurige Existenz. Der große Heldengeist durchglüht nicht mehr die Gemüther. Die rauhe bittere Kälte hat Ruhm und Uebermuth das Grab bereitet! … Wir sind nicht allein Augenzeugen dieser Jammergestalten, die feindliche Kugeln und der Frost verkrüppelt, sondern hören noch die schauderhaftesten Erzählungen von der greßlichen Zerrüttung, die unter dem Heer herrschte. Um ein Stück verrecktes Pferdefleisch haben sich oft 6 Menschen todtgeschlagen und der Sieger, zu kraftlos das Erbeutete zu zermalmen, ist dann selbst ein Raub des Hungers geworden [Kleß07].

* Henri de Beyle (Stendhal) hatte Mutter und Töchter im April 1808 in Braunschweig besucht

 

Rückzug aus Russland; Federzeichnung von Adam Klein

Auch der Maler Ludwig Richter wird als Neunjähriger Zeuge des Rückzugs: Im Anfange des Jahres 1813 sah ich eines Tages bei wildem Schneegestöber über die Elbbrücke einen Zug wankender Gestalten kommen, die mich sehr frappierten. Die armen, sonderbar vermummten Menschen waren Franzosen, die aus Rußland zurückkehrten. Reiter, aber zu Fuß in Pferdedecken gehüllt, auf Stöcke sich stützend, schlichen gebückt und matt einher. Andere hatten Weiberpelzmützen auf dem Kopfe. Lumpen oder über die schäbigen Uniformen gezogene geraubte Bauernkittel sollten sie vor der schneidenden Kälte schützen. … Diese bejammernswerten Reste der großen Armee gaben Bild und Zeugnis des unbeschreiblichen Elends, welches sie ausgestanden und dem Hunderttausende qualvoll erlegen waren. Man sah ein Gottesgericht in diesen großen Ereignissen, und der Eindruck davon war ein tiefer und gewaltiger [Kleß07], wie im folgendem Volkslied:

 

Es irrt durch Schnee und Wald umher
Das große, mächt'ge Franzosenheer.
Der Kaiser auf der Flucht,
Soldaten ohne Zucht.
Mit Mann und Ross und Wagen,
Hat sie der Herr geschlagen.

 

Noch immer ließ das Charisma Napoleons Hunger und Entbehrungen vergessen, wie der Soldat Röhrig im Dienst der Grande Armée beschreibt: Und doch kann, wer es nicht gesehen, sich keine Vorstellung machen, welcher Enthusiasmus unter den halbverhungerten und matten Soldaten kundgab, wo sich der Kaiser in Person zeigte. War alles entmutigt und er kam geritten, so wirkte seine Gegenwart wie ein elektrischer Schlag. Alle schrien aus Herzensgrunde: Vive l’Empereur! und gingen blind ins Feuer [Tham13].

 

 

Ich habe die Deutschen und Polen geopfert

 

Kalt kommentiert Napoleon die Verluste des Russlandfeldzugs: Ein Mann wie ich schert sich wenig um das Leben einer Million Menschen … Die Franzosen können sich nicht über mich beklagen; um sie zu schonen, habe ich die Deutschen und Polen geopfert, doch gegenüber dem österreichischen Botschafter Metternich gibt er zu: Ich wollte die Gegenwart und die Vergangenheit, die überlieferten Vorurteile und die Institutionen meines Jahrhunderts miteinander vereinen und spüre heute das ganze Ausmaß meines Irrtums [Gall10].

 

Der russische Bär freilich bleibt dem französischen Kaiser auf den Fersen, und schließlich erhebt auch der gedemütigte preußische Adler wieder sein Haupt.

 

Die Schlesische privilegirte Zeitung titelt in No. 34. Sonnabends den 20. März 1813:

 

Se. Majestät der König haben mit Sr. Majestät dem Kaiser aller
 Reußen ein Off= und Defensiv=Bündniß abgeschlossen.

 

Dann folgt der Aufruf Friedrich Wilhelms III. An Mein Volk in der damals üblichen Rechtschreibung und gedruckt mit einer recht eigenwilligen Interpunktion. Nur unter dem Druck seiner Generäle und immer im Zweifel, ob das preußische Heer stark genug sei, ruft der zögerliche König seine Untertanen zum Volkskrieg auf, nachdem er ihnen zunächst die Folgen der napoleonischen Herrschaft eindrücklich vor Augen führt:

 

 

An Mein Volk.

 

So wenig für Mein treues Volk als für Deutsche, bedarf es einer Rechenschaft, über die Ursachen des Krieges welcher jetzt beginnt. Klar liegen sie dem unverblendeten Europa vor Augen.

Wir erlagen der Uebermacht Frankreichs. Der Frieden, der die Hälfte Meiner Unterthanen Mir entriß, gab uns seine Segnungen nicht; denn er schlug uns tiefere Wunden, als selbst der Krieg. Das Mark des Landes ward ausgesogen, die Hauptfestungen blieben vom Feinde besetzt, der Ackerbau ward gelähmt so wie der sonst so hoch gebrachte Kunstfleiß unserer Städte. Die Freiheit des Handels ward gehemmt, und dadurch die Quelle des Erwerbs und des Wohlstands verstopft. Das Land ward ein Raub der Verarmung.

Durch die strengste Erfüllung eingegangener Verbindlichkeiten hoffte Ich Meinem Volke Erleichterung zu bereiten und den französischen Kaiser endlich zu überzeugen, daß es sein eigner Vortheil sey, Preußen seine Unabhängigkeit zu lassen. Aber Meine reinsten Absichten wurden durch Uebermuth und Treulosigkeit vereitelt, und nur zu deutlich sahen wir, daß des Kaisers Verträge mehr noch wie seine Kriege uns langsam verderben mußten. Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo alle Täuschung über unsern Zustand aufhört.

 

Brandenburger, Preußen, Schlesier, Pommern, Litthauer! Ihr wißt was Ihr seit fast sieben Jahren erduldet habt, Ihr wißt was euer trauriges Loos ist, wenn wir den beginnenden Kampf nicht ehrenvoll enden. Erinnert Euch an die Vorzeit, an den großen Kurfürsten, den großen Friedrich. Bleibt eingedenk der Güter, die unter Ihnen Unsere Vorfahren blutig erkämpften: Gewissensfreiheit, Ehre, Unabhängigkeit, Handel, Kunstfleiß und Wissenschaft. - Gedenkt des großen Beispiels unserer mächtigen Verbündeten, der Russen; gedenkt der Spanier, der Portugiesen. Selbst kleinere Völker sind für gleiche Güter gegen mächtigere Feinde in den Kampf gezogen und haben den Sieg errungen. Erinnert Euch an die heldenmüthigen Schweizer und Niederländer. - Große Opfer werden von allen Ständen gefordert werden; denn unser Beginnen ist groß, und nicht geringe die Zahl und die Mittel unserer Feinde. Ihr werdet jene lieber bringen für das Vaterland, für Euern angeborenen König, als für einen fremden Herrscher, der, wie so viele Beispiele lehren, Eure Söhne und Eure letzten Kräfte Zwecken widmen würde, die Euch ganz fremd sind. Vertrauen auf Gott, Ausdauer, Muth und der mächtige Beistand unserer Bundesgenossen werden unsern redlichen Anstrengungen siegreichen Lohn gewähren. - Aber, welche Opfer auch von Einzelnen gefordert werden mögen, sie wiegen die heiligen Güter nicht auf, für die wir sie hingeben, für die wir streiten und siegen müssen, wenn wir nicht aufhören wollen, Preußen und Deutsche zu seyn.

 

Es ist der letzte, entscheidende Kampf, den wir bestehen, für unsere Existenz, unsere Unabhängigkeit, unsern Wohlstand. Keinen andern Ausweg gibt es, als einen ehrenvollen Frieden, oder einen ruhmvollen Untergang. Auch diesem würdet Ihr getrost entgegen gehen, um der Ehre willen; weil ehrlos der Preuße und der Deutsche nicht zu leben vermag. Allein wir dürfen mit Zuversicht vertrauen: Gott und unser fester Wille werden unserer gerechten Sache den Sieg verleihen, mit ihm einen sichern, glorreichen Frieden und die Wiederkehr einer glücklichen Zeit.

 

  Breslau, den 17. März 1813.                                            Friedrich Wilhelm

 

Da darf auch Ernst Moritz Arndt sich in seinem Franzosenhass noch einmal steigern: Ihr habt das blutige und unerbittliche Ungeheuer gesehen und gefühlt, welches in seinem stolzen Wahn und Übermut sich nichts Kleineres angemaßt hatte, als alle Länder zu schinden, alle Völker zu erniedrigen [Rapp10]:

 

Wir wollen heute Mann für Mann
mit Blut das Eisen röthen
Mit Henkersblut, Franzosenblut
O süßer Tag der Rache!

 

Heine jedoch sieht den Aufruf der Obrigkeiten viel nüchterner: Als Gott, der Schnee und die Kosaken die besten Kräfte des Napoleon zerstört hatten, erhielten wir Deutsche den allerhöchsten Befehl, uns vom fremden Joche zu befreien ... und wir erkämpften die Freiheit; denn wir tun alles, was uns von unseren Fürsten befohlen wird [Trau07].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Theodor Körner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Goethe im Jahre 1828

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedenkstein an der Russischen Gedächtniskirche St. Alexij in der Nähe des Schlachtfelds 

Preußen hat sich gemein gegen mich benommen

 

Napoleon, der im April 1813 in Erfurt im noch verbündeten Sachsen sein Hauptquartier aufgeschlagen hat, ist über den Aufrufs Friedrich Wilhelms außer sich: Preußen hat sich gemein gegen mich benommen; das wird es teuer zu stehen bekommen!

 

Als der Kaiser die Stadt Jena anzünden will, weil Studenten französische Soldaten angegriffen hatten, fährt der Freund Goethes, der Weimarer Staatskanzler Friedrich von Müller nach Erfurt und bittet um Schonung. Napoleon hält ihm die frechen und revolutionären Reden Eurer Jenaischen Professoren vor, die revolutionären Samen überall unter die Jugend ausstreuen. Und er steigert sich: Sie wollen die Revolution in Deutschland! Sie wollen sich von allen Banden, die sie an Frankreich fesseln, befreien! Wisst ihr Deutschen aber auch, was eine Revolution ist? Ihr wisst es nicht! Aber ich, ich weiß es. Ich habe die Ströme Bluts Frankreich überschwemmen sehen, ich habe obenauf geschwommen, und ich will nicht dulden, dass jene schrecklichen Szenen sich in Deutschland erneuern [Lang13].

 

 

Und der Funke der Freiheit ist glühend erwacht

 

Goethe hatte die Persönlichkeit Napoleons schon immer fasziniert. In einem Brief an Schiller aus dem Jahre 1802 fragt er: Wir wollen erwarten, ob uns Bonapartes Persönlichkeit noch ferner mit dieser herrlichen und herrschenden Erscheinung erfreuen wird [Safr09].

 

Zehn Jahre später, als die Freikorps gegen Napoleon immer größeren Zulauf erhalten, weilt der alte Goethe in Dresden im Hause Theodor Körners, ein Jäger bei den wildverwegenen Lützowern. Daneben eilen der Dichter Joseph von Eichendorff, der Maler Georg Friedrich Kersting und der Pädagoge Friedrich Friesen zu den schwarzen Jägern. Die Freischar operiert als Partisaneneinheit gegen die Besatzer und ist mit ihren präzisen Jagdwaffen bei ihren raschen Überfällen auf Militärtransporte den napoleonischen Soldaten überlegen. Major Adolf von Lützow, ein Veteran der Schlacht von Jena, hatte in seiner Instruktion für die Streifendetachments die Kampftaktik für das Königlich Preußische Freicorps vorgegeben. Um einheitlich aufzutreten, tragen die Freischärler schwarz eingefärbte Uniformen wie die Nacht der Fremdherrschaft, rote Aufschläge wie das vergossene Blut und vergoldete Uniformknöpfe wie die Morgenröte der zu gewinnenden Freiheit. Körner bedient sich des Heiligenbilds der Königin Luise für einen gerechten Krieg: Luise sei der Schutzgeist deutscher Sache; Luise sei das Losungswort der Rache. Es ist in unserer Schar kein Unterschied der Geburt, des Standes, des Landes und er dichtet:

 

Wildherzige Reiter schlagen die Schlacht,
Und der Funke der Freiheit ist glühend erwacht,
Und lodert in blutigen Flammen,
Und wenn ihr die schwarzen Reiter fragt:
Das ist Lützows wilde, verwegene Jagd!
[Lang13]

 

Heine spottet ob des Freiheitsdichters schlechter Verse, für die sich die braven Deutschen auf allerhöchsten Befehl begeistern [Lang09].

 

Goethe ist von diesen Guerillakämpfen gar nicht begeistert. Er gibt sich ganz defätistisch und dämpft bei seinem Aufenthalt in Dresden die allgemeine vaterländische Begeisterung: Schüttelt nur an Euren Ketten; der Mann ist Euch zu groß, Ihr werdet sie nicht zerbrechen. Die beiden Herren verbindet schließlich eine gegenseitige Hochachtung, denn Napoleon bewundert Goethe als den Autor des Werther (der Kaiser las das Buch angeblich vier- oder siebenmal) und der Dichter im Gegenzug den Kaiser der Franzosen als Garanten einer neuen Ordnung.

 

Körner ist von Goethen nicht begeistert und dichtet im März 1813 seinen Aufruf. Dabei bemüht er eidgenössische Allegorien, bezeichnet den bevorstehende Krieg gegen Napoleon als einen Kreuzzug für die Freiheit und sieht im Volkskrieg für das deutsche Vaterland den Rachezug für die von Napoleon begangenen Schandtaten:  

 

Frisch auf mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen.
Das höchste Heil, das letzte liegt im Schwerdte!
Drück dir den Speer ins treue Herz hinein,
der Freiheit eine Gasse! – Wasch die Erde
Dein deutsches Land mit dem Blute rein.
Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen,
Es ist ein Kreuzzug, s’ist ein heiliger Krieg
[Tham13].  

 

Körner fällt bei einem Gefecht im Süden von Leipzig am 17. Juni 1813 und da gesteht von Lützow ein,  dass trotz allem Eifer und gutem Willen der Versuch, ein Volk in Aufstand zu bringen, ohne bedeutende Schläge der großen Macht misslingen muss [Lang13].

 

 

Goethe, ein lebenslanger Bewunderer Napoleon

 

Der alte Goethe trägt vor, während und auch nach den Befreiungskriegen weiterhin das ihm von Napoleon überreichte Kreuz der Ehrenlegion, was viele Zeitgenossen indigniert registrieren. Wilhelm von Humboldt schreibt:  Ohne das Legionskreuz geht Goethe niemals, und von dem, durch den er es hat, pflegt er immer mein Kaiser zu sagen. Goethe trägt das Kreuz wohl auch aus Trotz, weil seine Bemühungen, von Kaiser Franz eine Medaille verliehen zu bekommen, fehlgeschlagen waren.

 

Als am 23. Oktober 1813 die siegreichen Alliierten in Weimar einrücken, beherbergt Goethe den österreichischen Feldzeugmeister Joseph Graf von Colloredo samt seinem Gefolge. Goethe empfängt seine Einquartierung mit dem Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust. Da ruft Colloredo aus: Pfui Teufel, wie kann man so etwas tragen! [Kleß07]. Goethe will den Gast nicht verärgern und heftet sich stattdessen flugs den gleichfalls in Erfurt verliehenen russischen Annen-Orden an seinen Frack. Nach der Abreise Colloredos tauscht Goethe die Abzeichen wieder, denn man könne, so zu Humboldt, doch einen Orden, durch den einen ein Kaiser ausgezeichnet hatte, nicht ablegen, weil er eine Schlacht verloren habe [Kleß07].

 

Gleichzeitig aber bittet er von Humboldt, ihm einen österreichischen Orden zu verschaffen. Voller Zuversicht entwirft Goethe bereits ein Dankschreiben und datiert es auf das Jahr 1813: Die große unverdiente Auszeichnung, welche durch Ihro Kaiserlichen Majestät allerhöchster Gnade mir unverhofft zu Theil wird, hätte zu jeder Zeit einen unschätzbaren Werth gehabt, in gegenwärtigem Augenblick jedoch erhöht sich derselbe in's Unendliche, da ich an mir eine Epoche bezeichnet sehe, die in der Weltgeschichte einzig seyn wird ... Doch erst im Jahre 1815 geruhet ... Se. k. k. Majestät, der Kaiser von Österreich, vermittels höchsten, aus Speyer vom 28. Jun. erlassenen Kabinets Schreibens, Goethe das Commandeurs Kreuz des Österreichisch-Kaiserlichen Leopoldi-Ordens in Gnaden zu verleihen [Damm99].

 

 Nach dem zweiten Fall Napoleons und unter dem Eindruck der Restauration ist Goethe dann wohl kurzzeitig verwirrt, wenn er sarkastisch dichtet:

 

Gott Dank! Daß uns so wohl geschah,
Der Tyrann sitzt jetzt auf Helena!
Doch ließ sich nur der eine bannen,
Wir haben jetzo hundert Tyrannen …
[Schu02].  

 

Selbst als Napoleon schon tot ist, spricht er 1828 zu seinem Sekretär Eckermann mit Bewunderung von dem großen Feldherrn: Da war Napoleon ein Kerl! - Immer erleuchtet, immer klar und entschieden, und zu jeder Stunde mit der hinreichenden Energie begabt, um das, was er als vorteilhaft und notwendig erkannt hatte, sogleich ins Werk zu setzen. Sein Leben war das Schreiten eines Halbgotts von Schlacht zu Schlacht und von Sieg zu Sieg. Von ihm könnte man sehr wohl sagen, dass er sich in dem Zustand einer fortwährenden Erleuchtung befunden, weshalb auch sein Geschick ein so glänzendes war, wie es die Welt vor ihm nicht sah und vielleicht auch nach ihm nicht sehen wird. Ja, ja, mein Guter, das war ein Kerl, dem wir es freilich nicht nachmachen können [Ecke12].

 

Goethe war bewusst, dass er zu einer Zeit geboren wurde, wo die größten Weltbegebenheiten an die Tagesordnung kamen und sich durch mein langes Leben fortsetzten, so dass ich vom siebenjährigen Krieg, sodann von der Trennung Amerikas von England, ferner von der französischen Revolution und endlich von der ganzen Napoleonischen Zeit bis zum Untergang des Helden und den folgenden Ereignissen lebendiger Zeuge war [Prei15].

 

Zwei Jahre später ist Goethes Bewunderung für Napoleon ein wenig gedämpft, als er seinem Eckermann folgende Anekdote erzählt: Sie wissen, Napoleon trug gewöhnlich eine dunkelgrüne Uniform. Von vielem Tragen und Sonne war sie zuletzt völlig unscheinbar geworden, so daß die Notwendigkeit gefühlt wurde, sie durch eine andere zu ersetzen. Er wünschte dieselbe dunkelgrüne Farbe, allein auf der Insel waren keine Vorräte dieser Art; es fand sich zwar ein grünes Tuch, allein die Farbe war unrein und fiel ins Gelbliche. Eine solche Farbe auf seinen Leib zu nehmen, war nun dem Herrn der Welt unmöglich, und es blieb ihm nichts übrig, als seine alte Uniform wenden zu lassen und sie so zu tragen. Was sagen Sie dazu? Ist es nicht ein vollkommen tragischer Zug? Ist es nicht rührend, den Herrn der Könige zuletzt so weit reduziert zu sehen, daß er eine gewendete Uniform tragen muß? Und doch, wenn man bedenkt, daß ein solches Ende einen Mann traf, der das Leben und Glück von Millionen mit Füßen getreten hatte, so ist das Schicksal, das ihm widerfuhr, immer noch sehr milde; es ist eine Nemesis, die nicht umhin kann, in Erwägung der Größe des Helden, immer noch ein wenig galant zu sein. Napoleon gibt uns ein Beispiel, wie gefährlich es sei, sich ins Absolute zu erheben und alles der Ausführung einer Idee zu opfern [Ecke12]. Als Goethe diesen Satz spricht, blickt unser Nationaldichter da einhundertdrei Jahre voraus?

 

 

Ihr wollt also den Krieg?

 

Nachdem Preußen zusammen mit den Russen offen gegen die französische Herrschaft kämpft, sich in zwei Schlachten zwar eine blutige Nase holt, aber nicht endgültig geschlagen wird, willigt Napoleon Ende Mai 1813 in einen Waffenstillstand ein. Diesen versucht Metternich im Juni in Dresden in einen Frieden umzuwandeln. Doch der Ton der Verhandlungen ist kühl und am Ende verabschiedet Napoleon den arroganten Metternich: Ihr wollt also den Krieg? Nun gut, wir werden ihn haben. Auch Ihr werdet Euren Teil abbekommen. Im Oktober bin ich in Wien! [Lang13]. Napoleon ist zuversichtlich, weil er sich als Werkzeug des Schicksals sieht: Je suis l’instrument du destin. Celui-ci servira de moi aussi longtemps que j’accomplirai son devoir. Puis il me brisera comme du verre [Mull14a].

*Das Schicksal bedient sich meiner, so lange ich meine Pflicht erfülle. Dann wird es mich zerbrechen wie Glas.

 

 

Die Völkerschlacht bei Leipzig

 

So stehen am 16. Oktober 1813 bei Leipzig 200 000 Soldaten einer Koalition aus Österreich, Preußen, Russland und Schweden 190 000 napoleonischen Söldnern gegenüber. Der Leipziger Schriftsteller und Musiklehrer Friedrich Rochlitz beschreibt die Stimmung in der Stadt in der Vorahnung der kommenden Schlacht: Es ist ein dumpfes Treiben und Wogen, ein Zusammenlaufen und Ängsten auf den Straßen und allen geräumigen Plätzen, ein unbestimmtes Hoffen, Fürchten, Klagen und Drohen [Tham13].

 

Der eigentlichen Schlacht, die vom 16. bis zum 19. Oktober dauert, geht ein Reitergefecht bei Liebertwolkwitz am 14. Oktober voraus, in dem der Sieg der Kavallerie des Yorckschen Korps über Napoleons gefürchtet spanische Reiterei die Moral der Alliierten gewaltig hebt, aber auch die Kriegsgräuel der kommenden Tage erahnen lässt: Es war ein wildes Getobe, Kanonengebrüll, Flintensalven, Trommelwirbel, Trompetenschmettern, Gestampfe von Rossehufen, untermischt mit allen möglichen Kommandoworten – leider aber auch häufigen Schmerzausrufungen von vielen Hunderten von Verwundeten, die hilflos am Boden lagen und nun von Pferden der anrasselnden Reitermassen schonungslos zermalmt wurden [Tham13].

 

Am dritten Tag der Schlacht, dem 18. Oktober, spitzt sich die militärische Lage zu. In der Nacht führen Napoleons Truppen den Befehl ihres Kaisers zur Frontverkürzung aus und nehmen neue, innere Verteidigungsstellungen ein. Die Initiative der Kämpfe jedoch geht von den Alliierten aus. Sie verfügen inzwischen über etwa 295 000 Mann mit 1400 Geschützen und stellen sechs Angriffskolonnen in Richtung Leipzig auf.

 

In der Völkerschlacht kämpfen die Soldaten des Rheinbundes an der Seite Bonapartes. Bereits in den Tagen vor der Schlacht hatten viele sächsische Soldaten zu erkennen gegeben, dass sie mit der Entscheidung ihres Landesherrn, das Bündnis mit Napoleon aufrechtzuerhalten unzufrieden waren. Jetzt häuft sich die Zahl der Deserteure und am 18. Oktober beschließen sächsische Offiziere mit der Mehrheit der Soldaten, die Seiten zu wechseln. Auch württembergischen Kompanien laufen während der Schlacht zu den Verbündeten über, nicht so die badischen Söldner. Somit ist auch Großherzog Karl Friedrich von Baden zusammen mit seinem Gönner Napoleon Verlierer dieser Schlacht. Bei dem latenten Hass gegen Napoleon wundert es nicht, dass in Freiburg vom Regierungsgebäude das badische Wappen heruntergerissen und im Gegenzug am Kreisdirektorium nachts ein habsburgischer Doppeladler angebracht wird [Haum01].

 

 

Das vorläufige Ende Napoleons

 

Bei der Übermacht der Alliierten ist Napoleon zum Rückzug gezwungen und bittet um einen Waffenstillstand, den die Verbündeten auf eine Stunde begrenzen, um dem sächsischen König, der sich noch in der Stadt befindet, Zeit für eine politische Erklärung zu geben. Anschließend wird der Monarch in Haft genommen. Dieweil flieht der Kaiser mit seiner französischen Hauptmacht gen Westen, während 30 000 Mann vorwiegend aus den verbündeten Armeen der Polen, Italiener, Westfalen und Hessen zu Sicherung des Abzugs die Stellungen vor den Toren Leipzigs halten sollen. Da muss Napoleon resigniert feststellen: La conquète m’a fait ce que je suis. La conquète seule peut me maintenir* [Mull14a].

*Eroberungen haben aus mir gemacht, was ich bin. Allein Eroberungen können mich an der Macht halten.

 

Auf den verlassenen Kampfstätten krepieren die Verwundeten und zählen bald zu den Gefallenen. Es fehlt dem Kaiserreich an Menschlichkeit: Mit Gleichgültigkeit betrachtete man die Menschenleben, die auf dem Altar der kaiserlichen Militärstrategie geopfert wurden [Baec11]. Ein Einwohner aus Gohlis, dessen Weg nach Hause über die Schlachtfelder von Möckern führt, berichtet: Ich musste über die Todten hinweg treten und auf ihnen hinlaufen und trat ins Blut, Gehirn und Gedärme der Franzosen, die da niedergehauen, zerrissen und niedergeschossen dalagen, dass mir schaudert, ich fror und mir ekelte, als ich nach Hause kam [Tham13].

 

 

Wir wollen einig sein ein Volk von Brüdern

 

Siegesmeldung des k. k. Feldmarschalls Karl Fürst Schwarzenberg nach der Völkerschlacht bei Leipzig an Kaiser Franz I., Zar Alexander I. und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen gemalt von Johann Peter Krafft.

 

In der Stadt Leipzig erinnert sich Friedrich Rochlitz an ein Schillerzitat: Auf den Aufruf der Sieger: Brüder mit uns! stürzten ganze Haufen einander in die Arme … So überströmend, so trunken vor Freude die Menge war, so fiel doch nicht die geringste Ausschweifung vor; kein Mensch, auch nicht einer wurde beleidigt; alles sprach nur mit oder ohne Worte aus: Wir wollen einig sein ein Volk von Brüdern; in keiner Not uns fürchten, noch Gefahr [Tham13].

 

Erst nachdem im Frankfurter Akzessionsvertrag am 20. November 1813 Baden aus dem Rheinbund ausgetreten war, schickt Karl Friedrich seine Truppen gegen Frankreich ins Feld und darf sich deshalb auch als ein, wenn auch verspäteter, Sieger fühlen. Diesen plötzlichen Seitenwechsel begründet der Großherzog in seinem:

 

Aufruf an Baden!

 

Dem Beispiel meines erhabenen Ahnherrn, der mir in der Regierung vorgieng, zu Folge, machte ich es mir zur unverbrüchlichen Pflicht, das Wohl und das Glück meiner Unterthanen zu befördern, und die Erhaltung Badens zu sichern.

 

Die von dem Höchstseligen Großherzog bei seinem Eintritt in den Rheinischen Bund eingegangene Verbindlichkeiten gegen Frankreich, die auf mich übergiengen, waren mir heilig, weil ich in strenger Erfüllung derselben die Ruhe meines Volkes und die Erhaltung meines Landes zu begründen hofte, und obgleich die Drangsale langwieriger Kriege, in welchen ich, den mit Frankreich bestehenden Verbindungen gemäß, ein bedeutendes Truppenkorps zu den Französischen Armeen stellen mußte, sowohl, als die Sperre allen Handels, dem Vaterlande bedeutende Wunden schlugen, so war mein einziger Trost die Hofnung, daß ein endlicher Friede mir einst die Gelegenheit darbieten werde, meinem Volke, durch meine Fürsorge für das Erlittene, Ersatz zu gewähren.

 

Die allwaltende Vorsehung, die das Schicksal der Völker und der Heere lenket, hat die Siegesfahne den Französischen Waffen entrücket, und sie den Händen der für die Sache Deutschlands kämpfenden Aliirten anvertrauet, indem sie der Französischen Uebermacht Gränzen festzusetzen für nöthig erachtete.

 

Von den Ufern der Elbe bis an die des Rheins drangen unaufhaltsam die verbündeten Mächte siegreich heran; den lezten Versuch unternahm ich nun, um dem nunmehr durch die Annäherung des Kriegsschauplatzes bedrohten Vaterlande Ruhen und Sicherheit zu gewähren, ich suchte eine Neutralität von dem Französischen Kaiser für Baden zu erhalten, in der Hofnung, daß die Allerhöchsten verbündeten Mächte gleichfalls Ihrer Seits Ihre Einwilligung dazu geben würden; allein der Erfolg war dieser Erwartung nicht entsprechend; und da ich auf diese Art Badens Ruhe nicht begründen konnte, so finde ich mich nunmehr bewogen, denen mit Frankreich im Kriege stehenden und gegen dasselbe verbündeten Mächten beizutreten, und so die Sache des Vaterlands mit der Ihrigen zu verbinden.

 

Die Erhaltung Badens, die Erkämpfung deutscher Freiheit und Unabhängigkeit ist nun das große Ziel, welches zu erreichen wir uns bestreben müssen, und was, in Einklang mit den hohen Verbündeten, wir zu gelangen die rechte Hoffnung nähren dürfen.

 

Ich kann Euch nicht verhehlen, daß unsere geographische Lage, als Gränzbewohner Frankreichs, unsern dermaligen Stand, im Verhältniß zu den übrigen aliirten Staaten Deutschlands, zu einem der wichtigsten macht, folglich auch alle Opfer erheischt, welche die Nothwendigkeit der Vertheidigung Eures Vaterlandes, Eures Heerdes, Eurer Familie erfordert; daß also Anstrengungen jeglicher Art nothwendig werden, um unserer Seits zur Herstellung eines allgemeinen Friedens, zur Begründung eines dessen Dauer sichernden politischen Gleichgewichts, welche, die Freiheit des Handels schützend, die National=Industrie neu belebt und den gesunkenen Wohlstand wieder aufrichtet, Alles beizutragen.

 

Mit 10-tägiger Verspätung erscheint die Inländische Nachricht vom 25. November über den Austritt Badens aus dem Rheinbund am 20. November erst in der Karlsruher Zeitung vom 1. Dezember 1813 [Auss13].

 

Bewohner Badens, vertrauet Eurem Fürsten!

Das hohe Ziel: Vertheidigung des Vaterlandes und deutscher Freiheit, erhebe Eure Brust mit dem heiligsten Enthusiasmus für das allgemeine Wohl, und durchdringe Euch mit dem rühmlichen Eifer auf meinen Aufruf und nach dem deshalb von mir getroffen werdenden Verfügungen, Euch freiwillig unter die Fahne des Vaterlands zu stellen, und Euch des schönen Beispiels würdig zu machen, mit dem Eure Badische Waffenbrüder seit langen Jahren ungetheilt auf dem Felde der Ehre Euch vorangiengen!

 

Es folgt die für Freiburg nicht ganz vollständige Restauration

 

 

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Der Freund meines Volkes, werde ich überall, wo Gefahr drohet, sie mit Euch theilen, bis einst, nach erkämpften Ziele, ein dauernder Frieden mir das Glück gewähren wird, Euren Wohlstand für die Zukunft fest zu gründen, und die Ruhe des Vaterlandes vor jedem Sturm gesichert zu wissen.

 

Carlsruhe, den 20. November 1813.                                                        Carl.

 

In den napoleonischen Kriegen waren auf der nun plötzlich falschen Seite bereits 13 000 Badener gefallen, vom Russlandfeldzug kamen von 7000 badischen Soldaten nur 145 zurück.

 

 

Une querelle d’Allemand

 

 Nach den Befreiungskriegen kam es, da auf dem sächsischen Schlachtfeld natürlicherweise mehr deutsch als teutsch gesprochen wurde, zu einer querelle d'Allemand, einem typisch deutschen Streit über die Schreibweise von deutsch/teutsch. Goethe versteht seine Landsleute nicht mehr und rastet aus:

 

An die Deutschen und Teutschen

(Aus den zahmen Xenien)

Verfluchtes Volk! kaum bist du frei,
So brichst du dich in dir selbst entzwei.
War nicht der Not, des Glücks genug?
Deutsch oder teutsch, du wirst nicht klug.

 

Bekanntlich hatte der Olympier ein gestörtes Verhältnis zu seinen Landsleuten. So soll er den Rat gegeben haben, die Deutschen wie die Juden in alle Welt zu zerstreuen, denn auswärts seien sie noch erträglich. Damit hat er wohl nicht die grölenden Haufen angetrunkener deutscher Touristen an den Stränden des Mittelmeeres gemeint, vielleicht eher die Menschen, die meist aus politischen Gründen Deutschland verlassen mussten. Ganz in diesem Sinne legt Thomas Mann in seinem im amerikanischen Exil geschriebenen Roman Lotte in Weimar Goethe die folgenden Worte in den Mund:  Unseliges Volk, es wird nicht gut ausgehen mit ihm, … das Schicksal wird sie schlagen … - zu Recht, denn ihre Besten lebten immer bei ihnen im Exil, und im Exil erst, in der Zerstreuung werden sie die Masse des Guten, die in ihnen liegt, zum Heile der Nationen entwickeln und das Salz der Erde sein … [Borc02]. Beweihräuchert sich Mann hier selbst oder meint er etwa Heine?

 

 

Wir hätten auch den Napoleon ganz ruhig ertragen

 

Es ist Heine, der 1836 in seiner Romantischen Schule im Rückblick auf die napoleonische Zeit wie üblich mit seinen Landleuten hart ins Gericht geht, denen er bei ihrer kritiklosen Verehrung des Mittelalters Deutschtümelei vorwirft:

 

Wir hätten auch den Napoleon ganz ruhig ertragen. Aber unsere Fürsten, während sie hofften durch Gott von ihm befreit zu werden, gaben sie auch zugleich dem Gedanken Raum, daß die zusammengefaßten Kräfte ihrer Völker dabei sehr mitwirksam sein möchten: man suchte in dieser Absicht den Gemeinsinn unter den Deutschen zu wecken und sogar die allerhöchsten Personen sprachen jetzt von deutscher Volkstümlichkeit, vom gemeinsamen deutschen Vaterlande, von der Vereinigung der christlich germanischen Stämme, von der Einheit Deutschlands. Man befahl uns den Patriotismus und wir wurden Patrioten; denn wir tun alles was uns unsere Fürsten befehlen. Man muß sich aber unter diesem Patriotismus nicht dasselbe Gefühl denken, das hier in Frankreich diesen Namen führt. Der Patriotismus des Franzosen besteht darin, daß sein Herz erwärmt wird, durch diese Wärme sich ausdehnt, sich erweitert, daß es nicht mehr bloß die nächsten Angehörigen, sondern ganz Frankreich, das ganze Land der Zivilisation mit seiner Liebe umfaßt; der Patriotismus des Deutschen hingegen besteht darin, daß sein Herz enger wird, daß es sich zusammenzieht, wie Leder in der Kälte, daß er das Fremdländische haßt, daß er nicht mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur ein enger Deutscher sein will.

 

Da sahen wir nun das idealische Flegeltum, das Herr Jahn in System gebracht; es begann die schäbige, plumpe, ungewaschene Opposition gegen eine Gesinnung, die eben das Herrlichste und Heiligste ist, was Deutschland hervorgebracht hat, nämlich gegen jene Humanität, gegen jene allgemeine Menschen-Verbrüderung, gegen jenen Kosmopolitismus, dem unsere großen Geister, Lessing, Herder, Schiller, Goethe, Jean Paul, dem alle Gebildeten in Deutschland immer gehuldigt haben. Was sich bald darauf in Deutschland ereignete, ist euch allzuwohl bekannt. Als Gott, der Schnee und die Kosaken die besten Kräfte des Napoleon zerstört hatten, erhielten wir Deutsche den allerhöchsten Befehl uns vom fremden Joche zu befreien, und wir loderten auf in männlichem Zorn ob der allzulang ertragenen Knechtschaft, und wir begeisterten uns durch die guten Melodien und schlechten Verse der Körnerschen Lieder, und wir erkämpften die Freiheit; denn wir tun alles was uns von unseren Fürsten befohlen wird.

 

In der Periode, wo dieser Kampf vorbereitet wurde, mußte eine Schule, die dem französischen Wesen feindlich gesinnt war, und alles deutsch Volkstümliche in Kunst und Leben hervorrühmte, ihr trefflichstes Gedeihen finden. Die romantische Schule ging damals Hand in Hand mit dem Streben der Regierungen und der geheimen Gesellschaften, und Herr A. W. Schlegel konspirierte gegen Racine zu demselben Ziel, wie der Minister Stein gegen Napoleon konspirierte. Die Schule schwamm mit dem Strom der Zeit, nämlich mit dem Strom, der nach seiner Quelle zurückströmte. Als endlich der deutsche Patriotismus und die deutsche Nationalität vollständig siegte, triumphierte auch definitiv die volkstümlich germanisch christlich romantische Schule, die neudeutsch-religiös-patriotische Kunst. Napoleon, der große Klassiker, der so klassisch wie Alexander und Cäsar, stürzte zu Boden, und die Herren August Wilhelm und Friedrich Schlegel, die kleinen Romantiker, die ebenso romantisch wie das Däumchen und der gestiefelte Kater, erhoben sich als Sieger [Kleß07].

 

 

Sauveur de la nation?

Historiker haben versucht, Parallelen zwischen Napoleon und De Gaulle als Retter der Nation zu ziehen, doch De Gaulle rettete die Republik, Napoleon zerstörte sie. Und so geht Mon Général mit Napoleon hart ins Gericht: Napoléon a épuisé la bonne volonté des Français, fait abus de leurs sacrifices, couvert l'Europe de tombes, de cendres et de larmes* [Bell12].

*Napoleon hat den guten Willen der Franzosen erschöpft, ihre Opfer missbraucht, Europa mit Gräbern, Asche und Tränen bedeckt.

 

Schließlich schreibt François-René de Chateauxbriand in seinen Mémoires d'Outre-Tombe (Memoiren jenseits des Grabes): Ces énormes batailles de Napoléon sont au-delà de la gloire: l'oeil ne peut embrasser ces champs de carnage, qui, en définitive, n'amènent aucun résultat proportionné à leur calamités. L'Europe, à moins d'événements imprévus, est pour longtemps dégoûtées de combats*. Helas, nicht lang genug, M. Chateauxbriand!

*Diese enormen Schlachten sind jenseits allen Ruhms: Nur das Auge kann diese Felder des Schlachtens, deren Ergebnis letztlich in keinem Verhältnis zu den Opfern steht, erfassen. Wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt, wird sich Europa für lange Zeit vor kriegerischen Auseinandersetzungen ekeln.

 

This page was last updated on 12 Februar, 2017