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Bismarck 1865.
Königin Augusta
Kaiser Napoleon III |
Freiburgs Geschichte in Zitaten |
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Das zweite Reich oder wie
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Eine zu Grunde gerichtete Militärmonarchie oder eine Caricatur derselben?
Frankreich war seit den Revolutionstagen 1848 nicht zur Ruhe gekommen. Die Bourgoisie sehnte sich nach einem starken Mann, denn während der Rundreise durch die Provinzen hatte sich [Staatspräsident] Louis Napoleon vollkommen überzeugt, daß der Annahme der Kaiserwürde keine Bedenken mehr im Wege stünden, u. am 7. November nahm der Senat einstimmig folgende auf die Wiederherstellung des Kaiserreichs bezügliche Artikel an: Die kaiserliche Würde ist wieder hergestellt; Ludwig Napoleon Bonaparte ist Kaiser unter dem Namen Napoleon III. Am 21. u. 22. Novbr. ergaben sich bei der Abstimmung 7,839,552 bejahende u. 254,501 verneinende Stimmen für die Retablirung des Kaiserreichs in der Person Ludwig Napoleons. Der Gesetzgebungskörper gab ohne Weiteres seine Zustimmung. So wurde denn am 2. Decbr. 1852 das Kaiserreich unter Napoleon III. proclamirt [Pier57].
In den folgenden Jahren entwickelt sich Louis Napoleon nach der alten
Größe Frankreichs strebend, die es unter seinem Onkel einst hatte, zu Europas Unruhestifter.
Vorausschauend lesen wir im Herderschen Lexikon von 1857:
Von dem Erfolge seiner auswärtigen Politik hängt es ab,
ob das
Karrikatur aus dem Kladeradatsch von 1869
Vor allem Preußens Stellung in Europa ist Louis Napoleon ein Dorn im Auge. Am 9. Juli 1870 stellte der französische Botschafter in Preußen Vincent Graf Benedetti in Bad Ems die Forderung an den König Wilhelm, er solle dem Prinzen von Hohenzollern die Annahme der spanischen Krone verbieten, und richtete auf Befehl seiner Regierung nach dem Verzicht des Prinzen das Verlangen an den König, er möge die bestimmte Versicherung erteilen, daß auch in Zukunft die Frage der hohenzollerischen Thronkandidatur nicht wieder aufgenommen werden solle. Die Ablehnung dieses Verlangens sowie einer neuen Audienz 13. Juli und die Veröffentlichung der Emser Depesche durch Bismarck gaben der französischen Regierung den Vorwand zur Kriegserklärung. Neben der Empörung in Preußen über den Ton in der von Bismarck gezielt angeschärften Fassung des nach Berlin weitergeleiteten Telegramms gewinnt der Kanzler das Wohlwollen des Auslands, indem er am 25. Juli der Times den Entwurf eines Bündnisses, das Frankreich Preußen seit 1867 wiederholt angetragen, dieses aber abgelehnt hatte, [zuspielt]. Danach sollte Frankreich Luxemburg und Belgien, Preußen die Herrschaft über Deutschland erhalten. Die öffentliche Meinung Europas war damit gegen Napoleon gewonnen, denn seine Eroberungslust war jetzt öffentlich enthüllt, er war auch moralisch der Angreifer auf den Frieden Europas [Meye06]. |
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Kronprinz
An das Deutsche Volk
Großherzog Friedrich
Der alte Kaiser Wilhelm von Paul Bülow
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Versailles, deutscher Schicksalsort in Frankreich
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Die auf
obigem Flugblatt prophezeite Niederlage
Napoleons III. wird gekrönt durch die den französischen Nationalstolz
provozierenden Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Versailler Schlosses. Der preußische Kronprinz
Friedrich
Wilhelm und spätere 99-Tage
Kaiser Friedrich III.
(im Bild oben ganz links hinter seinem Vater) erinnert sich: Ich ließ meine Blicke ... über die
Versammlung und an der Decke schleifen, wo
Ludwigs XIV.
*Deckengemälde im Versailler Spiegel-saal: Passage du Rhin en présence des ennemis. Der Kronprinz wie auch spätere Betrachter fehlinterpretieren den Inhalt der Bilder als Spitze gegen Deutschland, doch beschreiben die Gemälde einzig den Triumph Louis' XIV im Holländischen Krieg von 1792.
... und erläuternden, prahlenden Inschriften abgebildet waren, namentlich die Spaltung Deutschlands zum Gegenstand habend, und fragte mich mehr als einmal, ob es denn wirklich wahr sei, dass wir uns in Versailles befänden, um hier die Wiederherstellung des deutschen Kaisertums zu erleben - so traumartig wollte mir das Ganze erscheinen ... Nachdem Se. Majestät eine kurze Ansprache an die deutschen Souveräne laut und in der wohlbekannten Weise verlesen hatte, trat Graf Bismarck, der ganz grimmig verstimmt aussah, vor und verlas in tonloser, ja geschäftlicher Art und ohne jegliche Spur von Wärme oder feierlicher Stimmung die Ansprache:
An das Deutsche Volk!Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preussen, nachdem die Deutschen Fürsten und Freien Städte den einmüthigen Ruf an Uns gerichtet haben, mit Herstellung des Deutsche Reiches die seit mehr denn 60 Jahren ruhende Deutsche Kaiserwürde zu erneuern und zu übernehmen, und nachdem in der Verfassung des Deutschen Bundes die entsprechenden Bestimmungen vorgesehen sind, bekunden hiermit, daß Wir es als eine Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland betrachtet haben, diesem Rufe der verbündeten Deutschen Fürsten und Städte Folge zu leisten und die Deutsche Kaiserwürde anzunehmen. Demgemäß werden Wir und Unsere Nachfolger an der Krone Preußen fortan den Kaiserlichen Titel in allen Unseren Beziehungen und Angelegenheiten des Deutschen Reiches führen, und hoffen zu Gott, daß es der Deutschen Nation gegeben sein werde, unter dem Wahrzeichen ihrer alten Herrlichkeit das Vaterland einer segensreichen Zukunft entgegenzuführen. Wir übernehmen die Kaiserliche Würde in dem Bewußtsein der Pflicht, in Deutscher Treue die Rechte des Reiches und seiner Glieder zu schützen, den Frieden zu wahren, die Unabhängigkeit Deutschlands, gestützt auf die geeinte Kraft seines Volkes, zu vertheidigen. Wir nehmen sie an in der Hoffnung, daß dem Deutschen Volke vergönnt sein wird, den Lohn seiner heißen und opfermüthigen Kämpfe in dauerndem Frieden und innerhalb der Grenzen zu genießen, welche dem Vaterlande die seit Jahrhunderten entbehrte Sicherung gegen erneute Angriffe Frankreichs gewähren. Uns aber und Unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allzeit Mehrer des Deutschen Reiches zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung. Gegeben Hauptquartier Versailles, den 17. Januar 1871. Wilhelm
Der Kronprinz fährt in seiner Schilderung fort: Bei den Worten Mehrer des Reiches bemerkte ich eine zuckende Bewegung in der ganzen Versammlung, die sonst lautlos blieb. Nun trat der Großherzog von Baden mit der ihm so eigenen, natürlichen, ruhigen Würde vor und rief laut mit erhobener Rechten (neben Wilhelm): Es lebe seine Kaiserliche Majestät, der Kaiser Wilhelm! Ein donnerndes, sich mindestens sechsmal wiederholendes Hurra durchbebte den Raum, während Fahnen und Standarten über dem Haupte des neuen Kaisers wehten und Heil dir im Siegerkranz ertönte. [Lese89].
Paul von Hindenburg wohnt der Veranstaltung als junger Leutnant teil und schreibt in seinen Erinnerungen: Die Feier am 18. ist genugsam bekannt. Sie war für mich reich an Eindrücken. Am erhebendsten und zugleich ergreifendsten wirkte selbstredend die Person meines Allergnädigsten Königs und Herrn. Seine ruhige, schlichte, alles beherrschende Würde gab der Feier eine größere Weihe als aller äußere Glanz. Die herzenswarme Begeisterung für den erhabenen Herrscher war aber auch bei allen Teilnehmern, welchem deutschen Volksstamme sie auch angehörten, gleich groß. Die Freude über das „Deutsche Reich“ brachten wohl unsere süddeutschen Brüder am lebhafteren zum Ausdruck. Wir Preußen waren darin zurückhaltender, aus historischen Gründen, die uns unsern eigenen Wert zu einer Zeit schon hatten erkennen lassen, in der Deutschland nur ein geographischer Begriff war. Das sollte fortan anders werden! [Hind20] und lässt mit der letzten Bemerkung ein wenig von der unseligen preußischen Arroganz durchblicken.
Der Maler der Kaiserproklamation* Anton von Werner sieht den historischen Akt ein wenig nüchterner als der Kronprinz und Hindenburg: Und nun ging in prunklosester Weise und außerordentlicher Kürze das große historische Ereignis vor sich, das die Errungenschaft des Krieges bedeutete: die Proklamierung des Deutschen Kaiserreichs! ... Der Vorgang war gewiß historisch würdig, und ich wandte ihm meine gespannteste Aufmerksamkeit zu, zunächst natürlich seiner äußeren malerischen Erscheinung, notierte in aller Eile das Nötigste, sah, daß König Wilhelm etwas sprach und daß Graf Bismarck mit hölzerner Stimme etwas vorlas, hörte aber nicht, was es bedeutete, und erwachte aus meiner Vertiefung erst, als der Großherzog von Baden neben König Wilhelm trat und mit lauter Stimme in den Saal hineinrief: Seine Majestät, Kaiser Wilhelm der Siegreiche, Er lebe hoch! Ein dreimaliges Donnergetöse unter dem Geklirr der Waffen antwortete darauf, ich schrie mit und konnte natürlich dabei nicht zeichnen; von unten her antwortete wie ein Echo sich fortpflanzend das Hurra der aufgestellten Truppen. Der historische Akt war vorbei: es gab wieder ein Deutsches Reich und einen Deutschen Kaiser! [Bart93]. *von obigem Bild gab es vier Versionen, einzig die Friedrichsruher Kopie oben blieb erhalten
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Morgen ist der unglücklichste Tag meines Lebens
Und hör den Kaiserjubel ick …
Der Dichter Ferdinand Freiligrath, der für das Scheitern der 48-er Revolution noch das Bürgertum verantwortlich gemacht hatte, jubelt nun altersweise und konservativ:
Ich kann am Weg nur stehen,
Hoch zu Ross vor der alten Kaiserpfalz in Goslar: Wilhelm der Große. Dieses Ehrenprädikat hat sich nicht durchgesetzt
In den unteren Klassen jedoch gibt es auch kritische Äußerungen, wie die des Landwehrmanns Kutschke: Und hör den Kaiserjubel ick von Junker, Pfaff und Zofe, dann denk ick halt janz still bei mich: wat ick mir davor koofe! [Fisc06]. Gerhart Hauptmann findet unter den Webern in Schlesien: Die deutsche Einheit, der Taumel des Erfolgs … hatte hier nur stille Wut und dumpf entschlossenen Haß ausgelöst. Bismarck, Moltke und Kaiser täten für die armen Leute nichts; der Reichstag bestehe aus einem Haufen Betrügern und Nichtstuern [Fisc06].
Schwarz-weiß-rot oder bleu-blanc-rouge
Bei den Friedensverhandlungen widersetzt sich Bismarck anfänglich der Annexion Elsass-Lothringens als Reichsland, da eine Abtretung die Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland nur vertiefen muss. Allerdings kann er sich mit seiner Realpolitik bei den siegestaumelnden Landsleuten nicht durchsetzen und erklärt gegenüber den französischen Bevollmächtigten bei den Friedensverhandlungen Jules Favre und Adolphe Thiers: Verlangen Sie nichts Unmögliches von mir. In Deutschland behauptet man schon, ich verlöre die Schlachten, die Moltke gewonnen hat [Fisc06]. Der Frankfurter Frieden beinhaltet die Abtretung Elass-Lothringens als Reichsland an Deutschland. Viele Elsass-Lothringer wollen die neue Staatsangehörigkeit nicht akzeptieren. Schließlich aber nehmen nur 50000 Bürger das ihnen bis zum Oktober 1972 eingeräumte Optionsrecht wahr und entscheiden sich als französische Staatsbürger für die Übersiedlung ins Mutterland. Die Bleibenden haben lange keine Eigenständigkeit, da Reichsbehörden das Gebiet bis 1911 quasi wie eine Kolonie verwalten.
Die Linke in der Person August Bebels warnt im Parlament des Norddeutschen Bundes vor der Annexion des Elsass, weil es die Klugheit gebiete, daß wir unseren Gegner nicht unnützerweise verletzen und zur Rache anstacheln. Es sei außerdem bekannt, daß die Elsässer zum überwiegenden Teil Franzosen bleiben möchten, und wenn wir heute ihr Selbstbestimmungsrecht mit Füßen treten … dann müssen wir es uns ebenso gut gefallen lassen, wenn andere, wo die Gelegenheit sich bietet, auch Stücke unseres Landes nehmen. Der Parlamentsstenograph notiert: Allgemeine Mißbilligung, Zischen, Ruf: Pfui! Hinaus! Hinaus mit ihm! [Fisco6].
Ins gleiche deutsche Horn stößt der Geschichtsschreiber
Heinrich von
Treitschke mit seinem arroganten besserwisserischen Preußentum: Diese Lande sind
unser nach dem Recht des Schwertes, und wir wollen über sie verfügen kraft
eines höheren Rechtes der deutschen Nation, die ihren
verlorenen Söhnen nicht gestatten kann, sich für immer dem Reiche zu
entfremden. Wir Deutsche, die wir Deutschland und Frankreich kennen, wir
wissen besser, was den
In der Schule den Elsässern wider ihren Willen ihr eigenes Selbst zurückgeben: Groß-Berlin ist die größte Stadt der Welt.
Der Widerwille der Elsässer äußert sich etwa so, dass zwischen 1871 und 1895 60000 junge Männer nach Frankreich auswandern, um dem preußischen Militärdienst zu entgehen [Miro02].
Der Sieger bittet den Besiegten kräftig zur Kasse. Die Kriegskostenentschädigung Frankreichs an das Deutsche Reich betrug 5 Milliarden Frank, die 1870–73 in Teilbeträgen gezahlt wurden [Meye06}. Ein schneller Zahler. So kann nun endlich der Dom zu Köln vollendet werden und seinen protestantischen Mitbürgern stiftet Wilhelm in einer Mischung aus neuer Renaissance und neuem Barock eine Domkirche in Berlin.
Im Jahre 1880 Deutschlands ganze Pracht und Macht im hillije Köln
Kronprinz Friedrich Wilhelm: Hoffnung auf eine Liberalisierung Preußens?
Anton von Werner malte nicht nur die Kaiserproklamation, sondern porträtiert auch das tout Berlin im Zweiten Reich. Links eine Gesprächsrunde beim Hofball im Weißen Saal des Berliner Stadtschlosses. Unbestrittener Star der Berliner Gesellschaft ist der stattliche Kronprinz Friedrich Wilhelm (auf dem Bild in weißer Kürassieruniform), auf dem alle Hoffnungen der Untertanen für die so notwendige Liberalisierung des preußischen Obrigkeitsstaats ruhen. Und der Kronprinz gibt und umgibt sich liberal: Ihm gegenüber stehen zwei Mitbegründer der Fortschrittspartei, Berlins Bürgermeister und Reichstagspräsident Max von Forckenbeck, daneben im roten Talar als Dekan seiner Fakultät der Mediziner Rudolf Virchow, dessen politisches Leitmotiv Freiheit mit ihren Töchtern Bildung und Wohlstand ist. Zwischen dem Kronprinzen und Virchow ist der Physiologe und Physiker Hermann von Helmholtz, Präsident der Physikalisch-Technischen Reichs-anstalt zu sehen. Schließlich erweist von Werner seinem berühmteren Kollegen Adolph Menzel, ebenfalls Maler von Hofszenen, seine Reverenz und lässt den kleinen Mann durch die Tür in den Weißen Saal treten [Bart93].
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Das Badener Siegesdenkmal
Otto Winterer (Relief im Kapellenkranz des Freiburger Münsters) |
Nur Nestbeschmutzer?
Das Zweite Reich kennt keine Volkssouveränität und viele Deutsche können dem Obrigkeitsstaat nichts abgewinnen. So auch der Historiker, Literaturpreisträger und Repräsentant des intellektuellen Liberalismus Theodor Mommsen als er verbittert schreibt: In meinem innersten Wesen wünschte ich, ein Bürger zu sein, doch das ist nicht möglich in unserer Nation, bei der der Einzelne, der Beste, über den Dienst im Gliede und dem politischen Fetischismus nicht hinauskommt. Er greift damit Heines Gedanken von vor 50 Jahren wieder auf:
Noch immer das hölzern pedantische Volk,
Georg Herwegh, eine der Persönlichkeiten der deutschen Revolution von 1848, war erst 1866 im Rahmen einer allgemeinen Amnestie für politische Flüchtlinge mit seiner Frau Emma aus der Schweiz nach Deutschland zurückgekehrt. Er nimmt Wohnsitz in Baden-Baden und schließt sich 1869 der von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründeten marxistisch-revolutionären Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) an. Kurz vor seinem Tode 1875 kommentiert der Dichter das preußische, das Zweite Reich: Germania, mir graut vor dir und wird prompt aus der Schillerstiftung ausgeschlossen: Wer im Stande ist, dergleichen Schmähungen auf Kaiser und Reich zu publicieren, dessen Name verdient für immer aus den Analen deutscher Literatur gestrichen zu werden [Sieb04}.
Dagegen verteidigt der Dichter Emanuel Geibel das Bismarckreich und hält den Kritikern der oktroyierten deutschen Einheit ihre Unfähigkeit vor:
Was habt ihr denn, ihr neunmal Weisen,
Baden, zwar ohne eigene Briefmarken, aber reichstreu
Baden erweist sich von Anfang an als treuer Teil des Zweiten Deutschen Reiches, denn das Herrscherhaus ist auch verwandtschaftlich mit dem Kaiserhaus verbunden: Großherzog Friedrich als Ehemann Prinzessin Luises ist der Schwiegersohn Wilhelms I. Die badische Regierung hatte bereits nach der Schlacht bei Sedan für einen Anschluss des Großherzogtums an den Norddeutschen Bund plädiert, doch dieses Vorpreschen wird nicht honoriert [Enge05], Jetzt nach erfolgter Einigung wird bitter vermerkt, dass Baden im Gegensatz zu Bayern und den Schwaben (Württemberg), die bei der Reichsgründung Sonderrechte verlangt hatten, keine eigene Briefmarken drucken darf.
Freiburg um 1870 [Stad84] Nach 1871 begeht man zwar in Baden wie überall im Reich den Sedanstag, doch pflegt man im Südwesten zusätzlich den Belfort-Mythos. Das gemeinsame Kriegserlebnis soll die Deutschen einen und muss gestreckt werden. So wird im Jahre 1876 in Freiburg im Beisein von Kaiser Wilhelm I. das offizielle Siegesdenkmal Badens eingeweiht.
Alldeutsches Pensionopolis
Freiburg erlebt den wirtschaftlichen Aufschwung der Gründerzeit nicht
zuletzt wegen des annektierten Elsass, denn Kolmar!! im
links-rheinischen Reichsland wird durch eine Eisenbahn mit der Stadt
verbunden*, welche einen bis dato unbekannten Bauboom unter seinem
Bürgermeister
Otto
Winterer, erlebt. Bei seiner Pensionierung 1913 nach 25-jähriger
Regierung nennt man ihn den zweiten Gründer Freiburgs. In der Winterer-Zeit
entstehen das Stadttheater, das neue Rathaus, das
*Diese Linie ist seit 1918 unterbrochen, doch noch heute fährt die Bahn im Elsass in alter preußischer Tradition rechts, während im übrigen Frankreich bei der Bahn Linksverkehr herrscht.
Ein historisches Gemälde von 1913 aus dem Senatsaal in Madison, Wisconsin. In einer allegorischen Darstellung reicht die Friedensgöttin der Marianne den Friedenslorber, während Germania und Britannia den Flottenvertrag diskutieren? Wir wissen, die drei Damen haben versagt. Ein Jahr später bricht der Erste Weltkrieg aus und stürzt Europa in eine Hölle aus Blut, Hunger und Ruinen.
Die Freiburger Idylle übertüncht stärker werdende sozialen Spannungen. Während in der Wiehre (Goethe- oder Reichsgrafenstraße) und in Herdern (Wölflin- und Tivolistraße) meist zugezogene Millionäre als Couponschneider auf der Sonnenseite wohnen, lebt etwa im Stühlinger ein wachsendes Proletariat von der Hand in den Mund.
Es ist eine ungeheuerliche Provokation im gut bürgerlichen Freiburg, als die körperlich kleine aber stimmgewaltige Rosa Luxemburg im April 1914 am Vorabend des großen Krieges in der überfüllten Stadthalle die Klassenunterschiede und den deutschen Militarismus anprangert. Zu deren Beseitigung ruft die rote Rosa die Arbeiter zum Generalstreik auf. Dazu kommt es nicht, doch treten unter dem Einfluss der Rede der in bürgerlichen Augen Vaterlandsverräterin 280 Freiburger in die Sozialdemokratische Partei ein.
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Der Eiserne Baum
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Das Inferno des 1.Weltkrieges oder das Ende der guten alten Zeit
Der größte & kleinste Kriegsfreiwillige der 12. Comp I.R. 113
Von überall her strömen Reservisten und Freiwillige nach Freiburg. Stolz präsentiert der Unteroffizier der 12. Kompanie des Badischen Infanterie-Regiments 113 den größten und kleinsten Kriegsfreiwilligen, die mit ihren Kameraden bereits am 6. August aus der Karlskaserne in Richtung Westen abrücken. Der Truppenaufmarsch findet im Oberelsass statt, aber dafür wird Freiburg Standort für Truppenteile aus Kolmar und Mühlhausen. Nach Kämpfen mit französischen Truppen bei Mülhausen treffen die ersten Verwundeten am 8. August in Freiburg ein. In den eilig in Schulen und Turnhallen eingerichteten Lazaretten liegen Ende des Monats bereits mehr als 2000 verletzte Soldaten [Kalc04]. Bald strömen auch Flüchtlinge aus dem Elsass in die Stadt. *Beliebtes Cafė im Gebäude der Freiburger Museumsgesellschaft
In ihrer Kriegsbegeisterung - jeder Schuss ein Russ', jeder Tritt ein Britt', jeder Stoß ein Franzos' - sehen die Menschen nicht, dass sich innerhalb von 40 Jahren die Kriegskunst grundlegend verändert hat. Äußerlich muss der bunte Rock dem Feldgrau und die lächerliche Pickelhaube dem Stahlhelm weichen. Viel gravierender ist jedoch die Weiterentwicklung der Waffentechnik, um hier nur das Maschinengewehr zu nennen. Plötzlich entscheidet sich ein Krieg nicht mehr in einigen wenigen Schlachten. Der Bewegungskrieg mutiert zum Stellungskrieg. Die Männer sterben in den Schützengräben an der Front, statt Weihnachten 1914 zu Hause mit ihren Familien zu feiern, wie viele gehofft hatten. Jetzt heißen die Schicksalsorte nicht mehr Mars-la-Tour und Sedan wie 1870/71, sondern Ypern und Verdun. Das anfängliche Hurragebrüll wird bald vom Trommelfeuer der Maschinenwaffen übertönt oder im Giftgas erstickt.
Schon Heine hatte erkannt: Das tapferste Volk sind die Deutschen. Auch andere Völker schlagen sich gut, aber ihre Schlaglust wird immer unterstützt durch allerlei Nebengründe ... Die Deutschen sind tapfer ohne Nebengedanken, sie schlagen sich, um sich zu schlagen, wie sie trinken, um zu trinken. Der deutsche Soldat wird weder durch Eitelkeit noch durch Ruhmsucht noch durch Unkenntnis der Gefahr in die Schlacht getrieben, er stellt sich ruhig in Reih und Glied und tut seine Pflicht; kalt, unerschrocken, zuverlässig und seherisch fügt er hinzu: Wenn ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst: der deutsche Donner hat sein Ziel erreicht [Loew02].
Auch der Maler August Macke zieht begeistert für sein Vaterland in den Krieg, doch nach seiner Feuertaufe an der Westfront schreibt er: Der Krieg ist von einer namenlosen Traurigkeit. Die Leute, die in Deutschland im Siegestaumel leben, ahnen nicht das Schreckliche des Krieges. Bereits am 26. September 1914 fällt Macke bei Perthes-lès-Hurlus in der Champagne. In seinem Nachruf auf Macke klagt Franz Marc: Im Krieg sind wie alle gleich. Aber unter tausend Braven trifft eine Kugel einen Unersetzlichen. Mit seinem Tode wird der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen, ein Auge blind gemacht … Mit seinem Tode knickt eine der schönsten und kühnsten Kurven unserer deutschen künstlerischen Entwicklung jäh ab, keiner von uns ist imstande, sie fortzuführen [Muse10].
Lazarettstadt Freiburg
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Die 7-K des Nationalen Frauendienstes
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Liebe Geschichtsfreunde, bis Anfang 2006 konntet Ihr an dieser Stelle das eindrucksvolle und realistische Antikriegsgemälde Flandern von Otto Dix auf Euch wirken lassen.
Mit Brief vom 25.01.2006 hat mich die Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst
darüber informiert, dass ich mit der privaten Darstellung im Internet das
Recht der öffentlichen Zugänglichmachung nach § 19 a des UrhG verletzt habe.
Um dem Unterlassungsanspruch nachzukommen, habe ich das Bild entfernt.
Stattdessen zeige ich hier ein Photo von der
Westfront. Ich bedauere zutiefst,
It started to drizzle. I managed to draw off some muddy water in my helmet. I had lost all sense of direction and I couldn't work out exactly where the line of the front was. There were strings of shell-holes everywhere, each one bigger than the last, and from the bottom of these hollow ditches we could only see clay walls and grey sky. There was a storm brewing; the thunder claps were drowned by the sound of a fresh burst of rolling fire. I flattened myself against the side of the crater. A mound of clay hit me in the shoulder and some heavy pieces of shrapnel flew over my head. I gradually lost all notion of time, I didn't know whether it was morning or evening.
Anfang Dezember 1914 erlebt Freiburg seine ersten Bombenangriffe, deren Folgen die Reichsregierung umgehend propagandistisch ausschlachtet: namen und art der verletzungen, namentlich der kinder schleunigst hierher (an den Generalstab in Berlin) erwünscht [Hauß94].
Grand-duché de Baden: Aviateurs *Großherzogtum Baden : Französische Flieger über Freiburg im Breisgau
Bei insgesamt 25 Luftangriffen auf Freiburg werden im Laufe des Krieges 289 Bomben abgeworfen. Es gibt 31 Tote. Ein gefangener französischer Pilot gibt zu Protokoll, dass er kein besonderes Ziel hatte, pourvu que ca fasse des victimes boches*. Die Flakbatterien wissen häufig nicht zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. So wird im August ein gewisser Hermann Göring beim Landeanflug auf den Freiburger Flughafen versehentlich von freundlichen Feuer abgeschossen [Chic07]. *wenn es nur deutsche Opfer gibt
Aushalten - Haushalten - Maulhalten
Collage aus Freiburger Lebens-mittelkarten und Bezugscheinen der Jahre 1916 bis 1918
Mit der Verknappung von Mehl wird das Brot durch Kartoffelstärke gestreckt, und als auch die Erdäpfel rar werden, finden sich weitere Zusätze im Kriegsbrot wie Kleie, Mais, Gerste, Linsen und sogar Sägemehl. Neben dem K-Brot gibt es zu Hause statt der früheren wilhelminischen 3-K*: Kinder, Küche, Kirche nun die nebenstehenden 7-K des Nationalen Frauendienstes für Krieg und Küche. *Wilhelm zwo hatte den Frauenrechtlerinnen verkündet: Die Hauptaufgabe der Frau liegt nicht im Erreichen der vermeintlichen Rechte, in denen sie es dem Manne gleichtun könnte, sondern in der stillen Arbeit zuhause und in der Familie.
Statt fehlender Kartoffeln gibt es Steckrüben, die als ein in Freiburg unbekanntes Nahrungsmittel aus Norddeutschland importiert werden. Als auch diese zur Ernährung nicht ausreichen, greift man auf Runkelrüben zurück und nimmt somit den wenigen noch verbliebenen Nutztieren das Futter. Der Geschmack beider Arten ist für die Freiburger stark gewöhnungsbedürftig. Aus dem Steckrübenwinter 1916/17 ist folgendes Gedichtchen überliefert:
Die Rüben, ach, die Rüben
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Barfuß gehn wird jetzt Gebot
Ein bestehender Mangel reißt einen weiteren an anderer Stelle auf. Als im Sommer 1916 alle Fahrradbereifungen abgeliefert werden müssen, fallen in Freiburg 10000 Fahrräder für den Transport aus. Plötzlich ist Straßenbahn fahren (mit 10 Pfennig vielen zu teuer) und zu Fuß gehen angesagt. Obgleich die Elektrizität für die Tram durch Wasserkraft erzeugt wird und die Stromversorgung nicht auf die knappe Kohle angewiesen ist, können die Städtischen Verkehrsbetriebe dem vermehrten Fahrgastaufkommen kaum nachkommen. Zwar hatte man, um die eingezogenen Männer zu ersetzen, rechtzeitig Frauen zu Fahrern und Schaffnern ausgebildet, doch das rollende Material wird langsam rar. Straßenbahnen dienen in Ermangelung von Pferden und Kraftwagen auch zum Transport von Verwundeten zu den Lazaretten und von Grundnahrungsmitteln in die städtischen Lager. Mit den wenigen verbliebenen Mechanikern und wegen fehlender Ersatzteile können die Triebwagen nicht ausreichend gewartet werden und so dünnt der verbleibende Fahrzeugpark langsam aus. Längst hatte man auch die Bronzestandbilder an der Kaiserbrücke eingeschmolzen und die Studentenverbindungen opfern mit rund 800 kg Zinn ihre Bierkrugdeckel [Chic07].
Auch die Fortbewegung auf Schusters Rappen statt Straßenbahn wird zunehmend beschwerlich, denn Leder gehört zu den Rohstoffen, die schon bei Kriegsbeginn für zivile Zwecke nicht mehr zur Verfügung stehen. Als Obermaterial findet Segeltuch Verwendung und im April 1918 trägt die Mehrheit der Freiburger Einheitsschuhe aus Stoff mit Holzsohlen. Im folgenden Sommer tönt dann das Marschlied der Barfüßler:
Barfuß gehn wird jetzt Gebot Und sogar für die Erwachsenen gilt:
Jeder gehe stolz von heut'
Gott mit uns
Für die beiden großen Kirchen ist der Krieg gegen Frankreich, ein Land in dem nach deutscher Ansicht Moral und Religion im Niedergang begriffen sind, gerecht. Gott strafe Frankreich, aber warum muss das deutsche Volk so sehr leiden. Im seinem Hirtenbrief zur Fastenzeit 1916 versucht Erzbischof Thomas Nörber darauf eine Antwort zu geben: Diese schwere Heimsuchung dient einzig unserer Erlösung ... wir dürfen nur auf ein Ende unserer Prüfungen hoffen, wenn wir wieder ein Volk voll lebendigen Glaubens und kindlicher Gottesfurcht geworden sind. Besonders die evangelische Kirche gibt sich patriotisch, wenn der Pfarrer der Christuskirche predigt: Sollte unter uns ein Mann sein, der nicht bereit ist, seinen letzten Blutstropfen für das Vaterland zu vergießen, so rufe ich ihm im Namen Gottes zu: du bist kein Deutscher, du bist kein Christ. Verlass diese Kirche! [Chic07].
Verstehen wird das große Leiden vielleicht ein kommendes Geschlecht
Der Freiburger Althistoriker Ernst Fabricius gewinnt dem Krieg positive Seiten ab: Er beseitigt alle politischen, konfessionellen und sozialen Schranken und macht die Menschen loyal und frei. Dagegen fragt die sozialistische Zeitung Volkswacht: Wer leidet am meisten? Der verarmte Arbeiter! Wo soll er seine Arbeitskraft herholen? Die besseren Kreise reservieren alle teuren Nahrungsmittel für sich. Als ein Angestellter des Bezugsamts einer hungrigen Frau die Lebensmittelkarte verweigert, gibt er ihr den zynischen Rat: Machen Sie einfach die Augen zu und ihr Magen wird denken, es ist Nacht [Chic07].
Wenn auch die Menschen hinter der Front hungern und frieren, so ist dies nicht vergleichbar mit dem Verrecken der Soldaten im Schlamm der Schützengräben an der Westfront und dem Leiden der täglich am Bahnhof eintreffenden und häufig für ihr zukünftiges Leben schwer gezeichneten Verwundeten. Da viele von ihnen unter den sich verschlechternden hygienischen Verhältnissen in den Lazaretten nicht überleben, kommt es in Freiburg zu all dem Mangel bald auch zu einer Verknappung von Grabstätten.
Bei fast der Hälfte der Gefallenen gibt das Oberkommando an Todesursache unbekannt, euphemistisch für die Tatsache, dass viele Leichen bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind [Chic07]. Dass Körper und abgetrennte Gliedmaßen sich nicht mehr identifizieren lassen, begründet den Mythos vom unbekannten Soldaten, für den später an vielen Orten Denkmäler errichtet werden, nährt aber auch die Listen der Vermissten, letzte Hoffnung für so manche Eltern, Frauen und Kinder. Auf der anderen Seite nimmt eine abgestumpfte Bevölkerung die immer wiederkehrenden Worte vom Heldentod für das Vaterland in den Todesanzeigen der Zeitungen bald nicht mehr wahr. In der sozialdemokratischen Zeitung Volkswacht erscheint folgendes Gedicht:
Kein Menschensinn mag unterscheiden
Durchhalten !
Wie schon früher in Freiburgs Geschichte kündigt ein Komet im April 1917
weiteres Unheil an: Amerika tritt in den Krieg ein. Jetzt zirkulieren Flugblätter mit Titeln wie:
Glockenabschied
Wie würd's is no menggmol (häufig) schmerze
Freiburger Glockenspende
Die Frühjahrsoffensive 1918 weckt noch einmal neue Hoffnung auf einen Siegfrieden. Die Frau des Freiburger Philosophen Edmund Husserl vertraut ihrem Tagebuch an: Papa ist außer sich. Er ist überzeugt, daß der Endsieg nun zu Greifen nahe ist. Doch in August schreibt Husserl an Heidegger: Die letzen Ereignisse an der Front lasten schwer auf unserer Seele. Ich muss es Ihnen nicht erzählen. Im Oktober sucht dann die Spanische Grippe die unterernährte Bevölkerung und die Verwundeten in den Lazaretten heim. An der Epidemie sterben in Freiburg 444 Menschen [Chic07].
Wann müssen wir zu einem Ende kommen?
Auch Paul von Hindenburg beschreibt in seinen Erinnerungen die Agonie des Zweiten Reiches. Mit seiner Durchhalteparole gibt er nicht nur die deutsche Marschrichtung für das Ende des Ersten Weltkriegs vor, sondern seine Aufforderung wird siebenundzwanzig Jahre später auch den Nazi-Machthabern ebenfalls unter Berufung auf Friederich den Großen zum grausamen Vorbild: Offiziere wie Mannschaften begannen wohl zu ermatten, aber sie rissen sich immer wieder empor, wenn es galt, den feindlichen Anstürmen Halt zu gebieten. Offiziere aller Dienstgrade bis zu den höheren Stäben hinauf wurden Mitkämpfer in den vordersten Linien, teilweise mit dem Gewehr in der Hand. Zu befehlen gab es ja vielfach nichts anderes mehr als: „Aushalten bis zum Äußersten.“
Ja: „Aushalten!“ Welch eine Entsagung nach so vielen ruhmreichen Tagen glänzender Erfolge ... Wir haben keine neue Kraft mehr einzusetzen wie der Feind. Statt eines frischen Amerikas haben wir nur ermattete Bundesgenossen, und auch diese stehen hart vor dem Zusammenbruch.
Wie lange wird unsere Front diese ungeheure Belastung noch zu tragen vermögen? Ich stehe vor der Frage, vor der schwersten aller Fragen: „Wann müssen wir zu einem Ende kommen?“ Wendet man sich in solchen Fällen an die große Lehrmeisterin der Menschheit, an die Geschichte, so ermahnt sie nicht zur Vorsicht, sondern zur Kühnheit. Richte ich meine Blicke auf die Gestalt unseres größten Königs, so erhalte ich die Antwort: „Durchhalten!
Gewiß, die Zeiten sind anders geworden, als sie es fast 160 Jahre früher waren. Nicht ein geworbenes Heer, sondern das ganze Volk führt den Krieg, ist in ihn hineingerissen, blutet und leidet. Aber die Menschheit ist im Grunde genommen die gleiche geblieben mit ihren Stärken und Schwächen. Und wehe dem, der vorzeitig schwach wird. Alles vermag ich zu verantworten, dieses niemals! [Hind20]
Am 9. November in Freiburg
Die Befehle ihrer Vorgesetzten missachtend versammeln sich am Morgen des 9. November 1918 über 9000 Soldaten auf dem Karlsplatz. An ihren Uniformen tragen sie rote Kokarden. Militärpolizei schießt in die Menge. Glücklicherweise wird niemand verletzt. Redner mahnen zur Besonnenheit, fordern Frieden und Freiheit. Als am Nachmittag die Nachricht eintrifft, dass Philipp Scheidemann in Berlin die Republik ausgerufen hat, übernehmen zunächst Soldatenräte die Stadt. Am Abend vereinigen sie sich mit den rasch formierten Arbeiterräten, um Recht und Ordnung in Freiburg aufrecht zu erhalten.
Im Felde unbesiegt?
Der letzte Tagesbefehl Hindenburgs vom 11. November an die Armee
bestätigt die deutsche Niederlage: Der Waffenstillstand
ist unterzeichnet worden. Bis zu heutigen Tag haben wir unsere Waffen in
Ehren geführt. In treuer Hingabe und Pflichterfüllung hat die Armee
Gewaltiges vollbracht.
Das Elsass kehrt heim.
Am 8, November formieren sich in Mannheim ein Soldatenrat und in Karlsruhe ein Wohlfahrtsausschuss. Beide Gremien bilden dann anschließend eine Vorläufige Badische Volksregierung, die am 16. November den von der Vogesenfront zurückkehrenden Soldaten ebenfalls bestätigt, dass sie im Felde unbesiegt seien [Enge05. Am 23. November verzichtet Großherzog Friedrich II. auf seinen Thron.
Derweil herrscht in Freiburg große Wohnungsnot, nicht auf Grund von Zerstörungen, sondern wegen des anhaltenden Flüchtlingsstroms aus dem Elsass. Diese Misere gepaart mit weiterhin mangelnder Ernährung und vor allem wachsender Arbeitslosigkeit führt im Februar 1919 in Freiburg zu einem kurzen Generalstreik.
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