Bismarck 1865.
Skizze von Adolph Menzel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Königin Augusta

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kaiser Napoleon III

Freiburgs Geschichte in Zitaten

Das zweite Reich oder wie
Preußen Österreich als deutsche Führungsmacht ablöst

 

Eine zu Grunde gerichtete Militärmonarchie oder eine Caricatur derselben?

 

Frankreich war seit den Revolutionstagen 1848 nicht zur Ruhe gekommen. Die Bourgoisie sehnte sich nach einem starken Mann, denn während der Rundreise durch die Provinzen hatte sich [Staatspräsident] Louis Napoleon vollkommen überzeugt, daß der Annahme der Kaiserwürde keine Bedenken mehr im Wege stünden, u. am 7. November nahm der Senat einstimmig folgende auf die Wiederherstellung des Kaiserreichs bezügliche Artikel an: Die kaiserliche Würde ist wieder hergestellt; Ludwig Napoleon Bonaparte ist Kaiser unter dem Namen Napoleon III. Am 21. u. 22. Novbr. ergaben sich bei der Abstimmung 7,839,552 bejahende u. 254,501 verneinende Stimmen für die Retablirung des Kaiserreichs in der Person Ludwig Napoleons. Der Gesetzgebungskörper gab ohne Weiteres seine Zustimmung.  So wurde denn am 2. Decbr. 1852 das Kaiserreich unter Napoleon III. proclamirt [Pier57].

 

 In den folgenden Jahren entwickelt sich Louis Napoleon nach der alten Größe Frankreichs strebend, die es unter seinem Onkel einst hatte, zu Europas Unruhestifter. Vorausschauend lesen wir im Herderschen Lexikon von 1857: Von dem Erfolge seiner auswärtigen Politik hängt es ab, ob das 2. franz. Kaiserthum in der Geschichte als die glückliche Wieder-herstellung der von Napoleon I. gegrün-deten und wieder zu Grunde gerichteten Militärmonarchie oder als eine Caricatur derselben aufge-zeichnet sein wird, als was die 2.  franz. Republik in ihrer Vergleichung mit der 1. bereits erscheint [Herd57].

 

Karrikatur aus dem Kladeradatsch von 1869

 

Vor allem Preußens Stellung in Europa ist Louis Napoleon ein Dorn im Auge. Am 9. Juli 1870 stellte der französische Botschafter in Preußen Vincent Graf Benedetti in Bad Ems die Forderung an den König Wilhelm, er solle dem Prinzen von Hohenzollern die Annahme der spanischen Krone verbieten, und richtete auf Befehl seiner Regierung nach dem Verzicht des Prinzen das Verlangen an den König, er möge die bestimmte Versicherung erteilen, daß auch in Zukunft die Frage der hohenzollerischen Thronkandidatur nicht wieder aufgenommen werden solle. Die Ablehnung dieses Verlangens sowie einer neuen Audienz 13. Juli und die Veröffentlichung der Emser Depesche durch Bismarck gaben der französischen Regierung den Vorwand zur Kriegserklärung. Neben der Empörung in Preußen über den Ton in der von Bismarck gezielt angeschärften Fassung des nach Berlin weitergeleiteten Telegramms gewinnt der Kanzler das Wohlwollen des Auslands, indem er am 25. Juli der Times den Entwurf eines Bündnisses, das Frankreich Preußen seit 1867 wiederholt angetragen, dieses aber abgelehnt hatte, [zuspielt]. Danach sollte Frankreich Luxemburg und Belgien, Preußen die Herrschaft über Deutschland erhalten. Die öffentliche Meinung Europas war damit gegen Napoleon gewonnen, denn seine Eroberungslust war jetzt öffentlich enthüllt, er war auch moralisch der Angreifer auf den Frieden Europas [Meye06].

Flugblatt der Berliner Kreuzzeitung: Frankreich hat an Preußen den Krieg erklärt, mit handschrift-lichem Zusatz: wird ihn aber verlieren das feige, heimtückische Volk der Franzosen [Kata02]

 

Der gegenseitige Hass der Erbfeinde entlädt sich im deutschen Einigungskrieg von 1870/71 mit einem Ergebnis ganz im Sinne Bismarcks, der schon 1862 festgestellt hatte: Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen – sondern durch Eisen und Blut [Miro02].

 

 

Der Herr hat Großes an uns gethan

 

Nach Scharmützeln und Belagerungen wird Mac Mahon bei Sedan 1. Sept. zur Schlacht gezwungen. Die Franzosen wurden hier völlig umzingelt und mußten 2. Sept. kapitulieren; außer den 21,000 in der Schlacht gefangenen gerieten 83,000 Franzosen, darunter 2866 Offiziere, in deutsche Kriegsgefangenschaft [Mey06].

 

Am 3. September 1870 veröffentlicht der Polizei-präsident von Berlin Wurmb die 39ste Depeche vom Kriegs=schauplatz vor Sedan, in der König Wilhelm seiner Frau Augusta in Berlin am 2. September, 2 Uhr Nachm. meldet:

 

Die Capitulation, wodurch die ganze Armee in Sedan kriegsgefangen, ist soeben mit dem General Wimpfen geschlossen, der an Stelle des verwundeten Marschalls Mac=Mahon das Commando führte. Der Kaiser hat nur sich selbst mir ergeben, da er das Commando nicht führt und Alles der Regentschaft in Paris überläßt. Seinen Aufenthaltsort werde Ich bestimmen, nachdem Ich ihn gesprochen habe in einem Rendezvous*, das sofort stattfindet. 

Welch' einen Wende durch Gottes Führung.

* Jeu de mots?

 

Am nächsten Tag beim Siegesmahl in Vendresse bringt Preußens Wilhelm folgenden Trinkspruch aus: Wir müssen heut aus Dankbarkeit auf das Wohl meiner braven Armee trinken. Sie, Kriegsminister von Roon, haben unser Schwert geschärft; Sie General von Moltke, haben es geleitet; und Sie Graf von Bismarck, haben seit Jahren durch die Leitung der Politik Preußen auf seinen jetzigen Höhepunkt gebracht. Lassen Sie uns also auf das Wohl der Armee, der drei von mir Genannten und jedes einzelnen unter den Anwesenden trinken, der nach seinen Kräften zu den bisherigen Erfolgen beigetragen hat [Jahn90].

 

Napoleon III., schon seit 1. Sept. König Wilhelms Kriegsgefangener, erhielt Schloß Wilhelmshöhe bei Kassel als Aufenthaltsort angewiesen [Meye06]. Da mag Emanuel Geibel nur noch jubeln:

 

Nun laßt die Glocken von Turm zu Turm
Durchs Land frohlocken im Jubelsturm,
Des Flammenstoßes Geleucht facht an!
Der Herr hat Großes an uns gethan:
Ehre sei Gott in der Höhe!
[Jahn90]

 

 

Kronprinz
Friedrich Wilhelm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An das Deutsche Volk

 

 

 

Großherzog Friedrich
von Baden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der alte Kaiser Wilhelm von Paul Bülow

 

 

Versailles, deutscher Schicksalsort in Frankreich

 

Kaiserproklamation in Versailles

 

Die auf obigem Flugblatt prophezeite Niederlage Napoleons III. wird gekrönt durch die den französischen Nationalstolz provozierenden Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Versailler Schlosses.  Der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm und spätere 99-Tage Kaiser Friedrich III. (im Bild oben ganz links hinter seinem Vater) erinnert sich: Ich ließ meine Blicke ... über die Versammlung und an der Decke schleifen, wo Ludwigs XIV. Selbstverherrlichungen, riesige in Allegorien* ...

*Deckengemälde im Versailler Spiegel-saal: Passage du Rhin en présence des ennemis. Der Kronprinz wie auch spätere Betrachter fehlinterpretieren den Inhalt der Bilder als Spitze gegen Deutschland, doch beschreiben die Gemälde einzig den Triumph  Louis' XIV im Holländischen Krieg von 1792. 

 

... und erläuternden, prahlenden Inschriften abgebildet waren, namentlich die Spaltung Deutschlands zum Gegenstand habend, und fragte mich mehr als einmal, ob es denn wirklich wahr sei, dass wir uns in Versailles befänden, um hier die Wiederherstellung des deutschen Kaisertums zu erleben - so traumartig wollte mir das Ganze erscheinen ... Nachdem Se. Majestät eine kurze Ansprache an die deutschen Souveräne laut und in der wohlbekannten Weise verlesen hatte, trat Graf Bismarck, der ganz grimmig verstimmt aussah, vor und verlas in tonloser, ja geschäftlicher Art und ohne jegliche Spur von Wärme oder feierlicher Stimmung die Ansprache:

 

An das Deutsche Volk!

Wir Wilhelm,

von Gottes Gnaden König von Preussen,

nachdem die Deutschen Fürsten und Freien Städte den einmüthigen Ruf an Uns gerichtet haben, mit Herstellung des Deutsche Reiches die seit mehr denn 60 Jahren ruhende Deutsche Kaiserwürde zu erneuern und zu übernehmen, und nachdem in der Verfassung des Deutschen Bundes die entsprechenden Bestimmungen vorgesehen sind, bekunden hiermit, daß Wir es als eine Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland betrachtet haben, diesem Rufe der verbündeten Deutschen Fürsten und Städte Folge zu leisten und die Deutsche Kaiserwürde anzunehmen. Demgemäß werden Wir und Unsere Nachfolger an der Krone Preußen fortan den Kaiserlichen Titel in allen Unseren Beziehungen und Angelegenheiten des Deutschen Reiches führen, und hoffen zu Gott, daß es der Deutschen Nation gegeben sein werde, unter dem Wahrzeichen ihrer alten Herrlichkeit das Vaterland einer segensreichen Zukunft entgegenzuführen. Wir übernehmen die Kaiserliche Würde in dem Bewußtsein der Pflicht, in Deutscher Treue die Rechte des Reiches und seiner Glieder zu schützen, den Frieden zu wahren, die Unabhängigkeit Deutschlands, gestützt auf die geeinte Kraft seines Volkes, zu vertheidigen. Wir nehmen sie an in der Hoffnung, daß dem Deutschen Volke vergönnt sein wird, den Lohn seiner heißen und opfermüthigen Kämpfe in dauerndem Frieden und innerhalb der Grenzen zu genießen, welche dem Vaterlande die seit Jahrhunderten entbehrte Sicherung gegen erneute Angriffe Frankreichs gewähren. Uns aber und Unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allzeit Mehrer des Deutschen Reiches zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung.

Gegeben Hauptquartier

Versailles, den 17. Januar 1871.

Wilhelm

 

Der Kronprinz fährt in seiner Schilderung fort: Bei den Worten Mehrer des Reiches bemerkte ich eine zuckende Bewegung in der ganzen Versammlung, die sonst lautlos blieb. Nun trat der Großherzog von Baden mit der ihm so eigenen, natürlichen, ruhigen Würde vor und rief laut mit erhobener Rechten (neben Wilhelm): Es lebe seine Kaiserliche Majestät, der Kaiser Wilhelm! Ein donnerndes, sich mindestens sechsmal wiederholendes Hurra durchbebte den Raum, während Fahnen und Standarten über dem Haupte des neuen Kaisers wehten und Heil dir im Siegerkranz ertönte. [Lese89].

 

Paul von Hindenburg wohnt der Veranstaltung als junger Leutnant teil und schreibt in seinen Erinnerungen: Die Feier am 18. ist genugsam bekannt. Sie war für mich reich an Eindrücken. Am erhebendsten und zugleich ergreifendsten wirkte selbstredend die Person meines Allergnädigsten Königs und Herrn. Seine ruhige, schlichte, alles beherrschende Würde gab der Feier eine größere Weihe als aller äußere Glanz. Die herzenswarme Begeisterung für den erhabenen Herrscher war aber auch bei allen Teilnehmern, welchem deutschen Volksstamme sie auch angehörten, gleich groß. Die Freude über das „Deutsche Reich“ brachten wohl unsere süddeutschen Brüder am lebhafteren zum Ausdruck. Wir Preußen waren darin zurückhaltender, aus historischen Gründen, die uns unsern eigenen Wert zu einer Zeit schon hatten erkennen lassen, in der Deutschland nur ein geographischer Begriff war. Das sollte fortan anders werden! [Hind20] und lässt mit der letzten Bemerkung ein wenig von der unseligen preußischen Arroganz durchblicken.

 

Der Maler der Kaiserproklamation* Anton von Werner sieht den historischen Akt ein wenig nüchterner als der Kronprinz und Hindenburg:  Und nun ging in prunklosester Weise und außerordentlicher Kürze das große historische Ereignis vor sich, das die Errungenschaft des Krieges bedeutete: die Proklamierung des Deutschen Kaiserreichs! ... Der Vorgang war gewiß historisch würdig, und ich wandte ihm meine gespannteste Aufmerksamkeit zu, zunächst natürlich seiner äußeren malerischen Erscheinung, notierte in aller Eile das Nötigste, sah, daß König Wilhelm etwas sprach und daß Graf Bismarck mit hölzerner Stimme etwas vorlas, hörte aber nicht, was es bedeutete, und erwachte aus meiner Vertiefung erst, als der Großherzog von Baden neben König Wilhelm trat und mit lauter Stimme in den Saal hineinrief: Seine Majestät, Kaiser Wilhelm der Siegreiche, Er lebe hoch! Ein dreimaliges Donnergetöse unter dem Geklirr der Waffen antwortete darauf, ich schrie mit und konnte natürlich dabei nicht zeichnen; von unten her antwortete wie ein Echo sich fortpflanzend das Hurra der aufgestellten Truppen. Der historische Akt war vorbei: es gab wieder ein Deutsches Reich und einen Deutschen Kaiser! [Bart93].

*von obigem Bild gab es vier Versionen, einzig die Friedrichsruher Kopie oben blieb erhalten

 

 

 

 

Morgen ist der unglücklichste Tag meines Lebens

 

Im Vorfeld dieses historischen Aktes ging es jedoch nicht so harmonisch wie auf dem Bilde zu. Graf Bismarck hatte alle Mühe, die deutschen Reichsfürsten unter die preußische Pickelhaube zu bringen. Vor allem soll und muss es rasch gehen, denn die Euphorie des Sieges über den Erzfeind darf nicht verfliegen. Auch gibt es die deutsche Kaiserkrone nicht umsonst. Viel Geld muss fließen vor allem nach Bayern an den baulustigen Kini Ludwig, der daraufhin in einem eigenhändig geschriebenen Brief Wilhelm die Kaiserwürde anträgt. So  erhält der nun schon recht betagte preußische König die Kaiserkrone, wie einst von seinem Bruder gewünscht, nicht aus Volkeshand, sondern aus der Hand der versammelten Fürsten. Noch am Vorabend seiner Proklamation jammert Wilhelm und bricht im Beisein des Thronfolgers Friedrich und Bismarcks in Tränen aus: Morgen ist der unglücklichste Tag meines Lebens, da tragen wir das preußische Königtum zu Grabe [Wieg07a].

 

 

Und hör den Kaiserjubel ick …

 

Der Dichter Ferdinand Freiligrath, der für das Scheitern der 48-er Revolution noch das Bürgertum verantwortlich gemacht hatte, jubelt nun altersweise und konservativ:

 

Ich kann am Weg nur stehen,
Von Glück, von Stolz durchbebt;
Daß dieses Weltsturms
Wehen Auch ich, auch ich erlebt!
[Loew02]

 

Für die Mehrheit der Deutschen geht mit der Reichsgründung ein Traum in Erfüllung. Die Frau des württembergischen Gesandten in Berlin Baronin von Spitzemberg denkt nicht daran, dass ihr Mann möglicherweise seinen Job verliert, als sie schreibt: Jedes deutsche Herz hatte das erhofft, keines geahnt, daß seine Träume sich in dieser Weise so bald und so herrlich erfüllen würden. Glücklich sind wir, daß wir nicht nur den Stern der deutscher Größe und Herrlichkeit aufgehen sahen, sondern daß wir noch jung genug sind, um uns unter seinen Strahlen zu wärmen, um die ... Früchte zu genießen, die aus dieser unter Blut und Thränen gesäten Saat hervorgehen. Möge Gott den Geist meines Volkes also lenken, daß seine Entwicklung eine friedliche und zivilisatorische bleibe, sein Reich ein Reich des Lichts, der Freiheit, der wahren christlichen Gesittung sei [Fisc06].

 

 

Hoch zu Ross vor der alten Kaiserpfalz in Goslar: Wilhelm der Große. Dieses Ehrenprädikat hat sich nicht durchgesetzt

 

In den unteren Klassen jedoch gibt es auch kritische Äußerungen, wie die des Landwehrmanns Kutschke: Und hör den Kaiserjubel ick von Junker, Pfaff und Zofe, dann denk ick halt janz still bei mich: wat ick mir davor koofe! [Fisc06]. Gerhart Hauptmann findet unter den Webern in Schlesien: Die deutsche Einheit, der Taumel des Erfolgs … hatte hier nur stille Wut und dumpf entschlossenen Haß ausgelöst. Bismarck, Moltke und Kaiser täten für die armen Leute nichts; der Reichstag bestehe aus einem Haufen Betrügern und Nichtstuern [Fisc06].

 

 

Schwarz-weiß-rot oder bleu-blanc-rouge

 

Bei den Friedensverhandlungen widersetzt sich Bismarck anfänglich der Annexion Elsass-Lothringens als Reichsland, da eine Abtretung die Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland nur vertiefen muss. Allerdings kann er sich mit seiner Realpolitik bei den siegestaumelnden Landsleuten nicht durchsetzen und erklärt gegenüber den französischen Bevollmächtigten bei den Friedensverhandlungen Jules Favre und Adolphe Thiers: Verlangen Sie nichts Unmögliches von mir. In Deutschland behauptet man schon, ich verlöre die Schlachten, die Moltke gewonnen hat [Fisc06]. Der Frankfurter Frieden beinhaltet die Abtretung Elass-Lothringens als Reichsland an Deutschland. Viele Elsass-Lothringer wollen die neue Staatsangehörigkeit nicht akzeptieren. Schließlich aber nehmen nur 50000 Bürger das ihnen bis zum Oktober 1972 eingeräumte Optionsrecht wahr und entscheiden sich als französische Staatsbürger für die Übersiedlung ins Mutterland. Die Bleibenden haben lange keine Eigenständigkeit, da Reichsbehörden das Gebiet bis 1911 quasi wie eine Kolonie verwalten.

 

Die Linke in der Person August Bebels warnt im Parlament des Norddeutschen Bundes vor der Annexion des Elsass, weil es die Klugheit gebiete, daß wir unseren Gegner nicht unnützerweise verletzen und zur Rache anstacheln. Es sei außerdem bekannt, daß die Elsässer zum überwiegenden Teil Franzosen bleiben möchten, und wenn wir heute ihr Selbstbestimmungsrecht mit Füßen treten … dann müssen wir es uns ebenso gut gefallen lassen, wenn andere, wo die Gelegenheit sich bietet, auch Stücke unseres Landes nehmen. Der Parlamentsstenograph notiert: Allgemeine Mißbilligung, Zischen, Ruf: Pfui! Hinaus! Hinaus mit ihm! [Fisco6].

 

Ins gleiche deutsche Horn stößt der Geschichtsschreiber Heinrich von Treitschke mit seinem arroganten besserwisserischen Preußentum:  Diese Lande sind unser nach dem Recht des Schwertes, und wir wollen über sie verfügen kraft eines höheren Rechtes der deutschen Nation, die ihren verlorenen Söhnen nicht gestatten kann, sich für immer dem Reiche zu entfremden. Wir Deutsche, die wir Deutschland und Frankreich kennen, wir wissen besser, was den Elsässern frommt, als jene Unglücklichen selber, die in der Verbildung ihres französischen Lebens von dem neuen Deutschland ohne Kunde blieben. Wir wollen ihnen wider ihren Willen ihr eigenes Selbst zurückgeben … Wir berufen uns wider den mißgeleiteten Willen, derer die da leben, auf den Willen derer, die da waren [Hart02].

 

In der Schule den Elsässern wider ihren Willen ihr eigenes Selbst zurückgeben:

Groß-Berlin ist die größte Stadt der Welt.

 

 

Der Widerwille der Elsässer äußert sich etwa so, dass zwischen 1871 und 1895 60000 junge Männer nach Frankreich auswandern, um dem preußischen Militärdienst zu entgehen [Miro02].

 

Die Tricolore In den neudeutschen Gebieten darf statt der Trikolore nur noch Schwarz-weiß-rot gehisst werden, aber manchmal sieht man auch bleu-blanc-rouge, wie das folgende Gemälde dreier kecker Elsässerinnen zeigt, die unter den Augen der preußischen Obrigkeit stolz in ihren langen Kleidern promenieren. Wie von Bismarck erwartet heißt es in Frankreich nun nicht mehr Rache für Sadova (Königgrätz), sondern Revanche für Sedan: Eines Tages wird Frankreich sich als unbesiegbar erheben. Es wird Lothringen, das Elsaß, den Rhein – Mainz und Köln wiedernehmen, tönt der greise Victor Hugo [Fisc06].

 

Der Sieger bittet den Besiegten kräftig zur Kasse. Die Kriegskostenentschädigung Frankreichs an das Deutsche Reich betrug 5 Milliarden Frank, die 1870–73 in Teilbeträgen gezahlt wurden [Meye06}. Ein schneller Zahler. So kann nun endlich der Dom zu Köln vollendet werden und seinen protestantischen Mitbürgern stiftet Wilhelm in einer Mischung aus neuer Renaissance und neuem Barock eine Domkirche in Berlin.

 

Im Jahre 1880 Deutschlands ganze Pracht und Macht im hillije Köln

 

 

Kronprinz Friedrich Wilhelm: Hoffnung auf eine Liberalisierung Preußens?

 

Friedrich III

Anton von Werner malte nicht nur die Kaiserproklamation, sondern porträtiert auch das tout Berlin im Zweiten Reich. Links eine Gesprächsrunde beim Hofball im Weißen Saal des Berliner Stadtschlosses. Unbestrittener Star der Berliner Gesellschaft ist der stattliche Kronprinz Friedrich Wilhelm (auf dem Bild in weißer Kürassieruniform), auf dem alle Hoffnungen der Untertanen für die so notwendige Liberalisierung des preußischen Obrigkeitsstaats ruhen. Und der Kronprinz gibt und umgibt sich liberal: Ihm gegenüber stehen zwei Mitbegründer der Fortschrittspartei, Berlins Bürgermeister und Reichstagspräsident Max von Forckenbeck, daneben im roten Talar als Dekan seiner Fakultät der Mediziner Rudolf Virchow, dessen politisches Leitmotiv Freiheit mit ihren Töchtern Bildung und Wohlstand ist. Zwischen dem Kronprinzen und Virchow ist der Physiologe und Physiker Hermann von Helmholtz, Präsident der Physikalisch-Technischen Reichs-anstalt zu sehen. Schließlich erweist von Werner seinem  berühmteren Kollegen Adolph Menzel, ebenfalls Maler von Hofszenen, seine Reverenz und lässt den kleinen Mann durch die Tür in den Weißen Saal treten [Bart93].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Badener Siegesdenkmal
 in Freiburg

 

 

 

 

Otto Winterer

(Relief im Kapellenkranz des Freiburger Münsters)

Nur Nestbeschmutzer?

 

Das Zweite Reich kennt keine Volkssouveränität und viele Deutsche können dem Obrigkeitsstaat nichts abgewinnen. So auch der Historiker, Literaturpreisträger und Repräsentant des intellektuellen Liberalismus Theodor Mommsen als er verbittert schreibt: In meinem innersten Wesen wünschte ich, ein Bürger zu sein, doch das ist nicht möglich in unserer Nation, bei der der Einzelne, der Beste, über den Dienst im Gliede und dem politischen Fetischismus nicht hinauskommt. Er greift damit Heines Gedanken von vor 50 Jahren wieder auf:

 

Noch immer das hölzern pedantische Volk,
noch immer ein rechter Winkel
in jeder Bewegung und im Gesicht der eingefrorene Dünkel.
Sie stelzen noch immer so steif herum
so kerzengerade geschniegelt,
als hätten sie verschluckt den Stock,
womit man sie einst geprügelt.

 

Georg Herwegh, eine der Persönlichkeiten der deutschen Revolution von 1848, war erst 1866 im Rahmen einer allgemeinen Amnestie für politische Flüchtlinge mit seiner Frau Emma aus der Schweiz nach Deutschland zurückgekehrt. Er nimmt Wohnsitz in Baden-Baden und schließt sich 1869 der von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründeten marxistisch-revolutionären Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) an. Kurz vor seinem Tode 1875 kommentiert der Dichter das preußische,  das Zweite Reich: Germania, mir graut vor dir und wird prompt aus der Schillerstiftung ausgeschlossen: Wer im Stande ist, dergleichen Schmähungen auf Kaiser und Reich zu publicieren, dessen Name verdient für immer aus den Analen deutscher Literatur gestrichen zu werden [Sieb04}.

 

Dagegen verteidigt der Dichter Emanuel Geibel das Bismarckreich und hält den Kritikern der oktroyierten deutschen Einheit ihre Unfähigkeit vor:

 

Was habt ihr denn, ihr neunmal Weisen,
mit eurem Witz gebracht zustand,
Eh' euch der Held mit Blut und Eisen
Gewaltig schuf ein Vaterland?
Und jetzt, nachdem er ohne Wanken
Zum Hafen euer Schiff gelenkt,
Nun wollt ihr kritteln, schmäh'n und zanken,
Statt Gott auf euren Knie'n zu danken,
Dass er euch solchen Mann geschenkt?
[Trau07]

 

 

Baden, zwar ohne eigene Briefmarken, aber reichstreu

 

Baden erweist sich von Anfang an als treuer Teil des Zweiten Deutschen Reiches, denn das Herrscherhaus ist auch verwandtschaftlich mit dem Kaiserhaus verbunden: Großherzog Friedrich als Ehemann Prinzessin Luises ist der Schwiegersohn Wilhelms I. Die badische Regierung hatte bereits nach der Schlacht bei Sedan für einen Anschluss des Großherzogtums an den Norddeutschen Bund plädiert, doch dieses Vorpreschen wird nicht honoriert [Enge05], Jetzt nach erfolgter Einigung wird bitter vermerkt, dass Baden im Gegensatz zu Bayern und den Schwaben (Württemberg), die bei der Reichsgründung Sonderrechte verlangt hatten, keine eigene Briefmarken drucken darf.

 

Freiburg um 1870

Freiburg um 1870 [Stad84]

Nach 1871 begeht man zwar in Baden wie überall im Reich den Sedanstag, doch pflegt man im Südwesten zusätzlich den Belfort-Mythos. Das gemeinsame Kriegserlebnis soll die Deutschen einen und muss gestreckt werden. So wird im Jahre 1876 in Freiburg im Beisein von Kaiser Wilhelm I. das offizielle Siegesdenkmal Badens eingeweiht.

 

 

Alldeutsches Pensionopolis

 

Freiburg erlebt den wirtschaftlichen Aufschwung der Gründerzeit nicht zuletzt wegen des annektierten Elsass, denn Kolmar!! im links-rheinischen Reichsland wird durch eine Eisenbahn mit der Stadt verbunden*, welche einen bis dato unbekannten Bauboom unter seinem Bürgermeister Otto Winterer, erlebt. Bei seiner Pensionierung 1913 nach 25-jähriger Regierung  nennt man ihn den zweiten Gründer Freiburgs. In der Winterer-Zeit entstehen das Stadttheater, das neue Rathaus, das Kollegiengebäude der Universität und neue Wohngebiete wie die Wiehre und der Stühlinger. Die Zahl der Gebäude und der Einwohner Freiburgs verdoppelt sich. Das liegt auch am Zuzug vor allem älterer Menschen aus dem kalten Norden, so dass die Stadt bald den Namen Alldeutsches Pensionopolis  erhält. Diese im Volksmund genannten Rennars machen bald 20% der Haushalte aus [Chic07]. Das von Winterer mit viel Historismus verschönte und mittelalterlich anmutende Stadtbild trifft den Zeitgeist. Die Nähe von Schwarzwald, Kaiserstuhl und das warme Klima ziehen die Menschen an.

*Diese Linie ist seit 1918 unterbrochen, doch noch heute fährt die Bahn im Elsass in alter preußischer Tradition rechts, während im übrigen Frankreich bei der Bahn Linksverkehr herrscht.

 

 

Ein historisches Gemälde von 1913 aus dem Senatsaal in Madison, Wisconsin. In einer allegorischen Darstellung reicht die Friedensgöttin der Marianne den Friedenslorber, während Germania und Britannia den Flottenvertrag diskutieren? Wir wissen, die drei Damen haben versagt. Ein Jahr später bricht der Erste Weltkrieg aus und stürzt Europa in eine Hölle aus Blut, Hunger und Ruinen.

 

Die Freiburger Idylle übertüncht stärker werdende sozialen Spannungen. Während in der Wiehre (Goethe- oder Reichsgrafenstraße) und in Herdern (Wölflin- und Tivolistraße) meist zugezogene Millionäre als Couponschneider auf der Sonnenseite wohnen, lebt etwa im Stühlinger ein wachsendes Proletariat von der Hand in den Mund.  

 

Es ist eine ungeheuerliche Provokation im gut bürgerlichen Freiburg, als die körperlich kleine aber stimmgewaltige Rosa Luxemburg im April 1914 am Vorabend des großen Krieges in der überfüllten Stadthalle die Klassenunterschiede und den deutschen Militarismus anprangert. Zu deren Beseitigung ruft die rote Rosa die Arbeiter zum Generalstreik auf. Dazu kommt es nicht, doch treten unter dem Einfluss der Rede der in bürgerlichen Augen Vaterlandsverräterin 280 Freiburger in die Sozialdemokratische Partei ein.

 

 

 

Der Eiserne Baum

 

Das Inferno des 1.Weltkrieges oder das Ende der guten alten Zeit

 

 Sarajewo 1914Im August 1914 endet nach 43 Jahren die bis data drittlängste Friedensperiode in Deutschland. Das Attentat in Sarajewo vom 28. Juni 1914 führt besonders bei den immer noch den Habsburgern anhängenden Freiburgern zu chauvinistischen Ausbrüchen. Der Kriegszustand wird am 31. Juli in Extrablättern verkündet und löst ungeheuren Jubel aus. In der Kriegschronik der Stadt Freiburg lesen wir: Im Museum* und in den anderen Kaffees müssen die Musikkapellen immer wieder vaterländische Weisen spielen. Irgendeiner schwingt sich auf einen Straßenstein, in den Wirtschaften auf einen Stuhl oder einen Tisch und hält eine begeisterte Rede von deutscher Ehre, deutschem Stolz und deutscher Brudertreue [Kalc04]. Es ertönen tausendstimmige Hochrufe auf unsere Verbündeten, fahnenschwingende Studenten ziehen durch die Stadt, patriotische Lieder und Ansprachen bestimmen das Straßenbild [Hauß94].

 

Der größte & kleinste Kriegsfreiwillige der 12. Comp I.R. 113

 

Von überall her strömen Reservisten und Freiwillige nach Freiburg. Stolz präsentiert der Unteroffizier der 12. Kompanie des Badischen Infanterie-Regiments 113 den größten und kleinsten Kriegsfreiwilligen, die mit ihren Kameraden bereits am 6. August aus der Karlskaserne in Richtung Westen abrücken. Der Truppenaufmarsch findet im Oberelsass statt, aber dafür wird Freiburg Standort für Truppenteile aus Kolmar und Mühlhausen. Nach Kämpfen mit französischen Truppen bei Mülhausen treffen die ersten Verwundeten am 8. August in Freiburg ein. In den eilig in Schulen und Turnhallen eingerichteten Lazaretten liegen Ende des Monats bereits mehr als 2000 verletzte Soldaten [Kalc04].  Bald strömen auch Flüchtlinge aus dem Elsass in die Stadt.

*Beliebtes Cafė im Gebäude der Freiburger Museumsgesellschaft

 

 

  In ihrer Kriegsbegeisterung - jeder Schuss ein Russ', jeder Tritt ein Britt',  jeder Stoß ein Franzos' - sehen die Menschen nicht, dass sich innerhalb von 40 Jahren die Kriegskunst grundlegend verändert hat. Äußerlich muss der bunte Rock dem Feldgrau und die lächerliche Pickelhaube dem Stahlhelm weichen. Viel gravierender ist jedoch die Weiterentwicklung der Waffentechnik, um hier nur das Maschinengewehr zu nennen. Plötzlich entscheidet sich ein Krieg nicht mehr in einigen wenigen Schlachten. Der Bewegungskrieg mutiert zum Stellungskrieg. Die Männer sterben in den Schützengräben an der Front, statt Weihnachten 1914 zu Hause mit ihren Familien zu feiern, wie viele gehofft hatten. Jetzt heißen die Schicksalsorte nicht mehr Mars-la-Tour und Sedan wie 1870/71, sondern Ypern und Verdun. Das anfängliche Hurragebrüll wird bald vom Trommelfeuer der Maschinenwaffen übertönt oder im Giftgas erstickt.

 

Schon Heine hatte erkannt: Das tapferste Volk sind die Deutschen. Auch andere Völker schlagen sich gut, aber ihre Schlaglust wird immer unterstützt durch allerlei Nebengründe ... Die Deutschen sind tapfer ohne Nebengedanken, sie schlagen sich, um sich zu schlagen, wie sie trinken, um zu trinken. Der deutsche Soldat wird weder durch Eitelkeit noch durch Ruhmsucht noch durch Unkenntnis der Gefahr in die Schlacht getrieben, er stellt sich ruhig in Reih und Glied und tut seine Pflicht; kalt, unerschrocken, zuverlässig und seherisch fügt er hinzu: Wenn ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst: der deutsche Donner hat sein Ziel erreicht [Loew02].

 

Auch der Maler August Macke zieht begeistert für sein Vaterland in den Krieg, doch nach seiner Feuertaufe an der Westfront schreibt er: Der Krieg ist von einer namenlosen Traurigkeit. Die Leute, die in Deutschland im Siegestaumel leben, ahnen nicht das Schreckliche des Krieges. Bereits am 26. September 1914 fällt Macke bei Perthes-lès-Hurlus in der Champagne. In seinem Nachruf auf Macke klagt Franz Marc: Im Krieg sind wie alle gleich. Aber unter tausend Braven trifft eine Kugel einen Unersetzlichen. Mit seinem Tode wird der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen, ein Auge blind gemacht … Mit seinem Tode knickt eine der schönsten und kühnsten Kurven unserer deutschen künstlerischen Entwicklung jäh ab, keiner von uns ist imstande, sie fortzuführen [Muse10].

 

 

Lazarettstadt Freiburg

 

Die Listen der Gefallenen werden länger und gegen Ende 1914 nicht mehr in den Zeitungen veröffentlicht. Freiburg ist nun Lazarettstadt.  Zur Unterstützung der finanziellen Versorgung der Witwen und Waisen errichten der städtische Kriegsfürsorgeausschuss und das Rote Kreuz am Schwabentor im November 1915 einen vier Meter hohen Lindenstamm, den Eisernen Baum, in den die Bürger wahlweise Eisen- (1 Mark), Silber- (3 Mark) oder Goldnägel (10 Mark) einschlagen dürfen. Dafür bekommen die Spender eine Urkunde mit dem Spruch: Notstand zu wehren, Deutschland zu ehren, Schlug ich den Nagel ein. Gott möge mit uns sein. Schon nach drei Wochen zählt man 5000 Nägel und im August 1916 schlägt Großherzog Friedrich höchstselbst einen goldenen Nagel ein [Chic07].

 

 

Die 7-K des Nationalen Frauendienstes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Republik von Weimar

 

 

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 deutschen Revolution

 

 

 

 

Barfuß gehn wird jetzt Gebot

 

Ein bestehender Mangel reißt einen weiteren an anderer Stelle auf. Als im Sommer 1916 alle Fahrradbereifungen abgeliefert werden müssen, fallen in Freiburg 10000 Fahrräder für den Transport aus. Plötzlich ist Straßenbahn fahren (mit 10 Pfennig vielen zu teuer) und zu Fuß gehen angesagt. Obgleich die Elektrizität für die Tram durch Wasserkraft erzeugt wird und die Stromversorgung nicht auf die knappe Kohle angewiesen ist, können die Städtischen Verkehrsbetriebe dem vermehrten Fahrgastaufkommen kaum nachkommen. Zwar hatte man, um die eingezogenen Männer zu ersetzen, rechtzeitig Frauen zu Fahrern und Schaffnern ausgebildet, doch das rollende Material wird langsam rar. Straßenbahnen dienen in Ermangelung von Pferden und Kraftwagen auch zum Transport von Verwundeten zu den Lazaretten und von Grundnahrungsmitteln in die städtischen Lager. Mit den wenigen verbliebenen Mechanikern und wegen fehlender Ersatzteile können die Triebwagen nicht  ausreichend gewartet werden und so dünnt der verbleibende Fahrzeugpark langsam aus. Längst hatte man auch die Bronzestandbilder an der Kaiserbrücke eingeschmolzen und die Studentenverbindungen opfern mit rund 800 kg Zinn ihre Bierkrugdeckel [Chic07].

 

Auch die Fortbewegung auf Schusters Rappen statt Straßenbahn wird zunehmend beschwerlich, denn Leder gehört zu den Rohstoffen, die schon bei Kriegsbeginn für zivile Zwecke nicht mehr zur Verfügung stehen. Als Obermaterial findet Segeltuch Verwendung und im April 1918 trägt die Mehrheit der Freiburger Einheitsschuhe aus Stoff mit Holzsohlen. Im folgenden Sommer tönt dann das Marschlied der Barfüßler:

 

Barfuß gehn wird jetzt Gebot
Für die deutschen Jungen,
Weil des Reiches Ledernot
Sie dazu gezwungen ...

Und sogar für die Erwachsenen gilt:

Jeder gehe stolz von heut'
Barfuß durch die Lande
Prüderie in großer Zeit
Ist 'ne Affenschande
[Chic07].

 

 

Gott mit uns

 

Für die beiden großen Kirchen ist der Krieg gegen Frankreich, ein Land in dem nach deutscher Ansicht Moral und Religion im Niedergang begriffen sind, gerecht. Gott strafe Frankreich, aber warum muss das deutsche Volk so sehr leiden. Im seinem Hirtenbrief zur Fastenzeit 1916 versucht Erzbischof Thomas Nörber darauf eine Antwort zu geben: Diese schwere Heimsuchung dient einzig unserer Erlösung ... wir dürfen nur auf ein Ende unserer Prüfungen hoffen, wenn wir wieder ein Volk voll lebendigen Glaubens und kindlicher Gottesfurcht geworden sind. Besonders die evangelische Kirche gibt sich patriotisch, wenn der Pfarrer der Christuskirche predigt: Sollte unter uns ein Mann sein, der nicht bereit ist, seinen letzten Blutstropfen für das Vaterland zu vergießen, so rufe ich ihm im  Namen Gottes zu: du bist kein Deutscher, du bist kein Christ. Verlass diese Kirche! [Chic07].

 

 

Verstehen wird das große Leiden vielleicht ein kommendes Geschlecht

 

Der Freiburger Althistoriker Ernst Fabricius gewinnt dem Krieg positive Seiten ab: Er beseitigt alle politischen, konfessionellen und sozialen Schranken und macht die Menschen loyal und frei. Dagegen fragt die sozialistische Zeitung Volkswacht: Wer leidet am meisten? Der verarmte Arbeiter! Wo soll er seine Arbeitskraft herholen? Die besseren Kreise reservieren alle teuren Nahrungsmittel für sich. Als ein Angestellter des Bezugsamts einer hungrigen Frau die Lebensmittelkarte verweigert, gibt er ihr den zynischen Rat: Machen Sie einfach die Augen zu und ihr Magen wird denken, es ist Nacht [Chic07].

 

Wenn auch die Menschen hinter der Front hungern und frieren, so ist dies nicht vergleichbar mit dem Verrecken der Soldaten im Schlamm der Schützengräben an der Westfront und dem Leiden der täglich am Bahnhof eintreffenden und häufig für ihr zukünftiges Leben schwer gezeichneten Verwundeten. Da viele von ihnen unter den sich verschlechternden hygienischen Verhältnissen in den Lazaretten nicht überleben, kommt es in Freiburg zu all dem Mangel bald auch zu einer Verknappung von Grabstätten.

 

Bei fast der Hälfte der Gefallenen gibt das Oberkommando an Todesursache unbekannt, euphemistisch für die Tatsache, dass viele Leichen bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind [Chic07]. Dass Körper und abgetrennte Gliedmaßen sich nicht mehr identifizieren lassen, begründet den Mythos vom unbekannten Soldaten, für den später an vielen Orten Denkmäler errichtet werden, nährt aber auch die Listen der Vermissten, letzte Hoffnung für so manche Eltern, Frauen und Kinder. Auf der anderen Seite nimmt eine abgestumpfte Bevölkerung die immer wiederkehrenden Worte vom Heldentod für das Vaterland in den Todesanzeigen der Zeitungen bald nicht mehr wahr.  In der sozialdemokratischen Zeitung Volkswacht erscheint folgendes Gedicht:

 

Kein Menschensinn mag unterscheiden
Was schlecht, was recht!
Verstehen wird das große Leiden
Vielleicht ein kommendes Geschlecht.
Als wertlos sinken hohe Werte
Ins Grau der Nacht.
Es beugt sich die Vernunft dem Schwerte
Und ernste Weisheit roher Macht
[Chic07].

 

 

Durchhalten !

 

Wie schon früher in Freiburgs Geschichte kündigt ein Komet im April 1917 weiteres Unheil an: Amerika tritt in den Krieg ein. Jetzt zirkulieren Flugblätter mit Titeln wie: Auf zum Endkampf und Deutsches Volk wach auf aber nur so lange, bis die Freiburger Glockenspende im Juli den Zusammenbruch einläutet.

 

              Glockenabschied

Wie würd's is no menggmol (häufig) schmerze
Tagsüber bym Stundeschlag,
Und wemmer in d'Chilchen (Kirche) erst gönge
Und ke Glöckli lütte meh mag
[Chi07].

 

 

Freiburger Glockenspende

 

Die Frühjahrsoffensive 1918 weckt noch einmal neue Hoffnung auf einen Siegfrieden. Die Frau des Freiburger Philosophen Edmund Husserl vertraut ihrem Tagebuch an: Papa ist außer sich. Er ist überzeugt, daß der Endsieg nun zu Greifen nahe ist. Doch in August schreibt Husserl an Heidegger: Die letzen Ereignisse an der Front lasten schwer auf unserer Seele. Ich muss es Ihnen nicht erzählen. Im Oktober sucht dann die Spanische Grippe die unterernährte Bevölkerung und die Verwundeten in den Lazaretten heim. An der Epidemie sterben in Freiburg 444 Menschen [Chic07].

 

 

Wann müssen wir zu einem Ende kommen?

 

Auch Paul von Hindenburg beschreibt in seinen Erinnerungen die Agonie des Zweiten Reiches. Mit seiner Durchhalteparole gibt er nicht nur die deutsche Marschrichtung für das Ende des Ersten Weltkriegs vor, sondern seine Aufforderung wird siebenundzwanzig Jahre später auch den Nazi-Machthabern ebenfalls unter Berufung auf Friederich den Großen zum grausamen Vorbild: Offiziere wie Mannschaften begannen wohl zu ermatten, aber sie rissen sich immer wieder empor, wenn es galt, den feindlichen Anstürmen Halt zu gebieten. Offiziere aller Dienstgrade bis zu den höheren Stäben hinauf wurden Mitkämpfer in den vordersten Linien, teilweise mit dem Gewehr in der Hand. Zu befehlen gab es ja vielfach nichts anderes mehr als: „Aushalten bis zum Äußersten.“

 

Ja: „Aushalten!“ Welch eine Entsagung nach so vielen ruhmreichen Tagen glänzender Erfolge ... Wir haben keine neue Kraft mehr einzusetzen wie der Feind. Statt eines frischen Amerikas haben wir nur ermattete Bundesgenossen, und auch diese stehen hart vor dem Zusammenbruch.

 

Wie lange wird unsere Front diese ungeheure Belastung noch zu tragen vermögen? Ich stehe vor der Frage, vor der schwersten aller Fragen: „Wann müssen wir zu einem Ende kommen?“ Wendet man sich in solchen Fällen an die große Lehrmeisterin der Menschheit, an die Geschichte, so ermahnt sie nicht zur Vorsicht, sondern zur Kühnheit. Richte ich meine Blicke auf die Gestalt unseres größten Königs, so erhalte ich die Antwort: „Durchhalten!

 

Gewiß, die Zeiten sind anders geworden, als sie es fast 160 Jahre früher waren. Nicht ein geworbenes Heer, sondern das ganze Volk führt den Krieg, ist in ihn hineingerissen, blutet und leidet. Aber die Menschheit ist im Grunde genommen die gleiche geblieben mit ihren Stärken und Schwächen. Und wehe dem, der vorzeitig schwach wird. Alles vermag ich zu verantworten, dieses niemals! [Hind20]


 

 

Am 9. November in Freiburg

 

Die Befehle ihrer Vorgesetzten missachtend versammeln sich am Morgen des 9. November 1918 über 9000 Soldaten auf dem Karlsplatz. An ihren Uniformen tragen sie rote Kokarden. Militärpolizei schießt in die Menge. Glücklicherweise wird niemand verletzt. Redner mahnen zur Besonnenheit, fordern Frieden und Freiheit. Als am Nachmittag die Nachricht eintrifft, dass Philipp Scheidemann in Berlin die Republik ausgerufen hat, übernehmen zunächst Soldatenräte die Stadt. Am Abend vereinigen sie sich mit den rasch formierten Arbeiterräten, um Recht und Ordnung in Freiburg aufrecht zu erhalten.

 

 

Im Felde unbesiegt?

 

Der letzte Tagesbefehl Hindenburgs vom 11. November an die Armee bestätigt die deutsche Niederlage: Der Waffenstillstand ist unterzeichnet worden. Bis zu heutigen Tag haben wir unsere Waffen in Ehren geführt. In treuer Hingabe und Pflichterfüllung hat die Armee Gewaltiges vollbracht. In siegreichen Angriffsschlachten und zäher Abwehr, in hartem Kampfe zu Lande und in der Luft haben wir den Feind von unseren Grenzen ferngehalten und die Heimat vor den Schrecknissen und der Verwüstung des Krieges bewahrt. Bei der wachsenden Zahl unserer Gegner, bei dem Zusammenbruch der uns bis an das Ende ihrer Kraft zur Seite stehenden Verbündeten und bei den immer drückender werdenden Ernährungs- und Wirtschaftssorgen hat sich unsere Regierung zur Annahme harter Waffenstillstandsbedingungen entschließen müssen. Aber aufrecht und stolz gehen wir aus dem Kampfe, den wir über vier Jahre gegen eine Welt von Feinden bestanden. Aus dem Bewußtsein, daß wir unser Land und unsere Ehre bis zum äußersten verteidigt haben, schöpfen wir neue Kraft [Krum02].

 

Das Elsass kehrt heim.

 

Am 8, November formieren sich in Mannheim ein Soldatenrat und in Karlsruhe ein Wohlfahrtsausschuss. Beide Gremien bilden dann anschließend eine Vorläufige Badische Volksregierung, die am 16. November den von der Vogesenfront zurückkehrenden Soldaten ebenfalls bestätigt, dass sie im Felde unbesiegt seien [Enge05. Am 23. November verzichtet Großherzog Friedrich II. auf seinen Thron.

 

Derweil herrscht in Freiburg große Wohnungsnot, nicht auf Grund von Zerstörungen, sondern wegen des anhaltenden Flüchtlingsstroms aus dem Elsass. Diese Misere gepaart mit weiterhin mangelnder Ernährung und vor allem wachsender Arbeitslosigkeit führt im Februar 1919 in Freiburg zu einem kurzen Generalstreik.

 

 

This page was last updated on 21 Juli, 2010