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Friedrich der Große auf 5 Mark
Der Große Kurfürst auf 300 DPfennig
Non soli cedit. Der Preußische Adler weicht nicht der Sonne Louis' XIV |
Freiburgs Geschichte in Zitaten |
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Friedrich der Große
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Von den Markgrafen Brandenburgs zu den Königen in Preußen, ein kurzer Abriss
Als die kurbrandenburgischen Stände König Sigismund (1411-1437) bei seinem Amtsantritt um einen fähigen Statthalter bitten, ernennt dieser 1411 den mit ihm verbündeten Burggrafen von Nürnberg Friedrich IV. zum rechten Obristen und gemeinen Vorweser und Haüptmann in der Mark Brandenburg. Da Sigismund wie immer knapp bei Kasse ist, verkauft er während des Konzils von Konstanz die Markgrafenschaft und die erbliche Kurwürde für 400000 Goldgulden seinem Vorweser, der sich jetzt Friedrich I. Kurfürst von Brandenburg nennt [Rose02].
Ins Rampenlicht der Geschichte tritt des heiligen römischen Reiches Streusandbüchse jedoch erst Anfang des 16. Jahrhunderts mit Joachim I. (1499-1535), der in Luther den Satan von Wittenberg sieht*, oder eher noch mit Joachims jüngerem Bruder Albrecht, der mit seinem Ehrgeiz, Erzbischof in Mainz zu werden, die Reformation auslöst. *Joachims Frau Elisabeth, die zum Luthertum konvertiert, muss 1527 nach Sachsen fliehen, als ihr Mann droht, sie ins Gefängnis werfen zu lassen
Im Jahre 1539 nimmt Joachims I. Sohn,
Joachim II.
(1536-1571) das Abendmahl in beiderlei Gestalt und führt anschließend nicht nur die
lutherische Reform, sondern auch das landesherrliche Kirchenrecht in
Brandenburg ein. Um sich die Unterstützung der calvinistischen Niederlande
bei seinen Erbansprüchen auf die niederrheinischen Herzogtümer Jülich, Kleve
und Berg zu sichern, tritt schließlich Kurfürst
Johann Sigismund
(1609-1618) zum Calvinismus
Kurfürst von Brandenburg (Erzkämmerer)
Von 1640 bis 1688 regiert der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm. Er erlebt als junger Mann die letzten Jahre des Dreißigjährigen Krieges fern von Berlin in Königsberg und gewinnt die Einsicht, dass der Friede ernährt, der Krieg aber verzehrt. Vor allem aber, darf man auch bei großen Verwicklungen nicht stille sitzen, da sonst das eigene Land das theatrum abgeben werde, darauf man die Tragoedi spiele.
So kämpft er folgerichtig mit seinen Truppen fern der Heimat am Oberrhein im Reichskrieg gegen die Franzosen. Anfang Januar 1675 in der Schlacht bei Türkheim im Elsass steht sein durch österreichische Kräfte verstärktes Heer der Armee Marschall Turennes gegenüber. Die Franzosen schlagen die Brandenburger vernichtend, die anschließend 300 Tote zu beklagen haben.
Da fallen 1674 die Schweden unter dem Reichsmarschall Karl Gustav von Wrangel im Einvernehmen mit der Krone Frankreichs von Pommern aus in die Mark Brandenburg ein. Friedrich Wilhelm glaubte seine Länder in Anbetracht eines mit den Schweden kurz vorher abgeschlossenen Defensivbündnisses sicher. Jetzt schreibt der Kurfürst erregt und verbittert an seinen Minister Schwerin: Euch kan jch versicheren, das Ich hidurch zu keiner anderen resolution kan gebracht werden, als nur, dahin zu gedencken, mich gegen die Schweden zu rechnen [rächen], undt nuhmer bey der partie so ich genommen bestendig zu verbleiben, ... biss ich der nachbarschaft loss werde [Schi89].
Ein weiteres Schreiben geht als Hilfegesuch an Kaiser Leopold, doch auch ohne die angemahnte militärische Unterstützung des Reiches erringen die brandenburgischen Truppen unter dem Kommando des alten Derfflinger und der Kavallerie des Prinzen von Homburg 1675 in der Schlacht bei Fehrbellin einen Sieg über die Schweden. Zwar ist dieser Sieg militärisch gesehen nur bescheiden, sein moralisch-politisches Echo in Europa ist dagegen gewaltig. Selbst im fernen Straßburg erscheint ein propagandistisches Lied über den nun plötzlich Großen Kurfürsten, der den Mythos der preußischen Armee begründet:
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Königreich Preußen
Der Soldatenkönig von Antoine Pesne
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Der Große Kurfürst ging mit Macht, *für das Reich am Oberrhein
Friedrich
Wilhelm hatte seine Lektion gelernt:
Alliancen seindt zwahr gutt, aber eigene Krefte* noch besser,
*Während seiner Regierungszeit erhöht Friedrich Wilhelm das stehende Heer von 3000 auf 30000 Mann.
Am Ende seiner Regierungszeit aber kehrt der Große Kurfürst in das kaiserliche Lager zurück, als er von Frankreich enttäuscht den hugenottischen Réfugiés mit dem Edikt von Potsdam 1685 großzügig Asylrecht gewährt, da wir aus gerechtem Mitleiden, welches wir mit unseren angefochtenen und bedrängten Glaubensgenossen billig haben müssen, bewogen werden, denen selben eine sichere Retraite in alle unsere Lande zu offerieren [Scho01].
Des Königs Rock
Die Politik der eigenen Stärke seines Großvaters befolgt auch König Friedrich Wilhelm I. (1713-1744), indem er die preußische Armee u. a. mit seinen langen Kerls zu einer der schlagkräftigsten in Europa macht und so dem Land Schutz vor äußeren Angriffen garantiert. Als das später so berühmt gewordene Bernsteinzimmer Zar Peter dem Großen bei einem Besuch im Berliner Schloss in die Augen sticht, schickt es Friedrich Wilhelm schleunigst nach St. Petersburg und erhält dafür 55 Grenadiere, ein jeder größer als zwei Meter [Böni07]. Als Grund der Rekrutenauswahl nach ihrer Länge wird häufig kolportiert, dass der Feind durch die schiere Größe der Soldaten beeindruckt werden sollte, die dann allerdings auch ein größeres Ziel abgaben. Mitnichten, es war den Kerls mit den langen Armen in einer Schlacht leichter möglich, die langen Ladestöcke ihrer Musketen zu manipulieren und somit schneller nachzuladen.
Die langen Kerls Friedrich Wilhelms tragen buchstäblich des Königs Rock, denn seit 1726 läuft der Soldatenkönig nur noch in Uniform herum. Die pflegt er, sparsam wie er nun einmal ist, beim Arbeiten am Schreibtisch mit Ärmeln aus Leinentuch und einer umgebundenen Schürze zu schonen. Seine Sorge gilt einzig der Integrität des weitverstreuten preußischen Staatsgebietes, die er mit einem starken stehenden Heer defendiren möchte, und das er während seiner Regierungszeit von 38000 auf 83000 Mann erhöht. Friedrich Wilhelm findet in der Welt in nichts Plaisier als an einer guten Armee [Wieg07a], die er folgerichtig Zeit seines Lebens hegt und schont, so dass er in die Geschichte als roi militaire et pacifiste eingeht.
Seinen Sohn, Thronfolger Friedrich, erzieht der König zu Pflichterfüllung gegenüber dem preußischen Staat und schreibt ihm 1722: … der liebe Gott hat Euch auf den trohn gesetzet nicht zu faullentzen sondern zu arbeiten und seine Lender wohll zu Regiren … [Möll89].
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Leopold Anton Freiherr von Firmian
Die umbs Glaubens willen gefangene und gepeitschte Emigranten
Johann Fridrich Ehrlich aus St. Johannis:
Ich glaube nur allein was mir die Bibel sagt,
Maria Steinbacherin
Nun mehr erkenne ich, wie weh den Säugern sey
Ursula Piltzin aus St. Johannis:
Der Catechismus kan die kleine Bibel heißen |
Evangelische Ketzer und Rebellen
Obgleich religiöse Toleranz schon im Westfälischen Frieden verbürgt worden war, erlässt der Salzburger Erzbischof Leopold Anton Freiherr von Firmian (1727-1744) im Jahre 1731 ein Emigrationsedikt, nach dem alle Protestanten in seinem Bistum Ketzer und Rebellen sind und deshalb das Land verlassen müssen. Die evangelischen Bergbauern hatten sich hartnäckig allen Bekehrungsversuchen widersetzt, einige wurden eingekerkert andere sogar durch Feuer oder Schwert hingerichtet. Dabei gewährt das Emigrationsedikt den Unangesessenen (ohne Landbesitz) nur eine Frist von acht Tagen, während die Angesessenen nach spätestens drei Monaten aus dem Fürstbistum mit Militärgewalt vertrieben werden sollen. Als das Edikt am 31. Oktober am immerwährenden Reichstag in Regensburg bekannt wird, bricht in deutschen Landen selbst in katholischen Gebieten Empörung aus, zumal die Austreibung der evangelischen Bevölkerung ohne ausreichende Verpflegung in die Wintermonate fällt.
Nachdem der Kurfürst von Sachsen, August der Starke, als polnischer König durch seinen Übertritt zum Katholizismus als der traditionelle Schirmherr der Protestanten im Reich ausgefallen war, übernimmt Friedrich Wilhelm I. von Preußen diese Rolle. Als sein Protest gegen die Vertreibung ungehört bleibt, erlässt er in preußischer Tradition am 2. Februar 1732 ein Einladungspatent an die Salzburger. Der für seine Sparsamkeit berüchtigte Soldatenkönig gewährt den Flüchtlingen für ihre Reise sogar ein Zehrgeld: Vier Groschen für den Mann, drei Groschen für Frau und Magd und zwei Groschen für jedes Kind. So fliehen im folgenden Jahr rund 20000 Salzburger Protestanten nach Preußen.
Das liebestätige Gera gegen die salzburgischen Emigranten
Die Vertreibung der Salzburger und deren Aufnahme in Preußen bewegt die Menschen in deutschen Landen tief. Der Büchermarkt boomt. Ab 1733 erscheinen umfangreiche Geschichten so wie nebenstehend über die Emigration von denen aus dem Ertz=Bißthum vertriebenen und größtentheils nach Preussen gegangenen Lutheranern [Mars86].
Ab nach Ostpreußen
Anfänglich ist Friedrich Wilhelm von dieser gewaltigen Flüchtlingswelle überrascht,
dann aber sieht der pietistisch puritanische König darin ein Zeichen des
Himmels: Sehr gut! Gott Lob! Was tut Gott dem
Brandenburgischen Hause für Gnade! Denn dieses gewiß von Gott kommt!
[Broc84]. Ein erster Treck unangesessener
Emigranten trifft am 29. April 1732 in Potsdam ein. Diese lässt der König
noch auf Treu und lutherischen Glauben prüfen und begrüßte sie dann:
Ihr soll es gut haben, Kinder! Ihr sollts bei mir
Friedrich Wilhelm I. empfängt die Salzburger Exulanten am 30. April 1732 in Berlin. Der armhebende alte Herr mit Hut und Stock könnte mein Ur-ur-ur...großvater gewesen sein. (Gemälde von Konstantin Cretius)
Auch sonst kümmert sich der König um seine Neubürger: Sein Abgesandter betreibt im Fürstbistum Salzburg den Verkauf der verlassenen Güter der Angesessenen. Das Geld geht an die Vorbesitzer und im Falle ihres Todes an eine Stiftung für betagte Exulanten [Mars86].
Seekrank in Königsberg
Ohne eigene Transportmittel müssen die Unangesessenen den Seeweg nach
Ostpreußen nehmen. Der Anblick des Meeres erzeugt Angstzustände bei den
Gebirglern. Zwei Wochen benötigen die ersten Siedler für die stürmische
Überfahrt nach Königsberg, immer in Todesangst. Es war am 27. Mai 1732 abends, als das erste von fünf,
mit 120 Salzburger Emigranten von Stettin
Neben Land gewährt der Friedrich Wilhelm den Einwanderern auch Steuerfreiheit und Bauholz, doch die von der Heimat so verschiedene Umgebung mit ihrem ungewohnten Flachlandklima, der Feuchtigkeit und den rauen Ostseewinden stresst die Exilanten derart, dass innerhalb der nächsten Jahre ein Viertel von ihnen stirbt [Schi89]. So bewahrheitet sich auch hier die Erfahrung von Flüchtlingen: Im ersten Jahr der Tod, im zweiten Jahr die Not und erst im dritten Jahr das Brot.
Was hat das alles mit Freiburgs Geschichte zu tun. Nun, damals machen sich auch die Höferts auf die weite Reise aus dem Salzburgischen nach Ostpreußen, von denen später einige Nachfahren in den Gründerjahren nach 1870 in Berlin Arbeit finden sollten. Allein aus Ostpreußen wandern innerhalb von fünf Jahren hunderttausend landwirtschaftliche Arbeiter in den goldenen Westen, um dort ihr Glück zu machen [Fisc06].
Der Polnische Thronfolgekrieg findet am Rhein statt
August der Starke, sächsischer Kurfürst und Polnischer König seit 1697 stirbt am 1. Februar 1733. Während Österreich und Russland die natürliche Erbfolge in Augusts Sohn sehen, möchte Frankreichs Louis XV seinen Schwiegervater Stanislaus I. Leszczyński als polnischen König einsetzen. Über diesen Streit erklärt Frankreich Österreich den Krieg. Am 12. Oktober 1733 überschreitet die französische Armee bei Straßburg den Rhein und zwingt die Reichsfestung Kehl zur Kapitulation. Das Reich hat wie üblich dieser Aggression nichts entgegenzusetzen, denn schon 1731 als bereits Kriegsgerüchte am Oberrhein auftauchten, hatte Prinz Karl Alexander von Württemberg den Zustand der Truppen und Festungen am Oberrhein beklagt: Die Völker gleichen einer Landmiliz, die durch die Länge des Friedens außer aller Kriegsdisziplin gebracht wurde. Wenn die Franzosen heut oder morgen, Ich will nicht sagen mit zehntausend Mann, sondern nur mit sechstausend Mann in das Reich herüber marschieren wollten, finden sie gewißlich keinen Aufenthalt (werden sie nicht aufgehalten). Niemand denkt daran, die alten Befestigungen zu erhalten noch neue zu errichten. Die Landmiliz in hiesigen Landen bestehet in puren unerfahrenen Bauernkerls, die aus Mangel und großer Armut nicht acht Tage von zu Hause wegzubleiben vermögen [Iber36].
Erst im März 1734 erklärt das Reich Frankreich den Krieg, während die Franzosen bereits rechtsrheinische Gebiete brandschatzen und von Dörfern und Städten, auch Freiburg harte Kontributionen, die sie mit Geiselnahmen unterstützen, fordern. Im gleichen Jahr erobern die Truppen Louis’ XV auch die Festung Philippsburg.
Im Wiener Frieden wird 1735 schließlich der Sohn August des Starken als August III. König von Polen. Louis XV entschädigt Stanislaus Leszczyński mit den Herzogtümern Bar und Lothringen. Dort ist Stanislaus als Landesvater beliebt. Er lässt in Metz den nach ihm benannten Palast errichten.
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Kaiser Franz I. Stephan von Lothingen
Der noch junge Friedrich von Antoine Pesne
Maria Theresia 23-jährig von Andreas Møller |
Die weibliche Erbfolge im Hause Habsburg, pragmatisch sanktioniert?
Ohne männlichen Erben regelt Karl VI. (1711-1740) die habsburgische und damit seine eigene Thronfolge in der weiblichen Linie. Am 19. April 1713 lässt der Kaiser das Pactum in einem feierlichen Staatsakt verkünden. Danach soll das Habsburger Erbe Österreich, Böhmen und Ungarn ungeteilt, und sofern keine männlicher Erbe vorhanden, an die älteste Tochter fallen [Rose09]. Während der Entscheid in den habsburgischen Landen begrüßt wird, haben viele deutsche Stände Bedenken gegen eine solche Pragmatische Sanktion. Schließlich kann eine Frau nicht zum Kaiser gewählt werden und so stellen die Wittelsbacher unverhohlen Ansprüche auf den Thron. Kurfürst Karl Albrecht von Bayern (1726-1745) wettert gegen den Staatsstreich des Hauses Habsburg, bei dem das Teutsche Reich zum Heiratsgut verkommt [Schm99]. In der Tat, Karls Tochter Maria Theresia muss einen Ehemann finden, den die Kurfürsten dann vielleicht zum Kaiser wählen.
Auch der preußische Soldatenkönig hat so seine Bedenken und verlangt vom zukünftigen Ehemann Maria Theresias: keinen Spanier, keinen Franzosen, einen Deutschen wollen wir. Unter dieser Bedingung garantiert Friedrich Wilhelm I. den Habsburgern 1727 im Geheimvertrag von Wusterhausen seine Kurstimme, denn er fürchtet unter einem bairischen Kaiser eine Störung des politischen Gleichgewichts im Reich. Deshalb wirbt der Preußenkönig bei den anderen Kurfürsten für die Sanktion, da jeder Teutschpatriotisch gesinnte Fürst, welcher es mit sich selbst, wie auch mit des Teutschen Reiches Wohlfahrt, Conservation und Sicherheit treu und redlich meint, nicht anders tun könne und werde, als zu oberwähnter Garantie zu stimmen. Als dann Maria Theresia schließlich 1736 Herzog Franz Stephan von Lothringen ehelicht, beruhigen sich mit Ausnahme der Wittelsbacher zunächst die Gemüter.
Friedrich als Antimachiavell
Mit dem Tode des Soldatenkönigs 1740 wird Friedrich II. (1740-1786) Erbe eines Tresors von 8 Millionen Talern wohl verwahrt in Fässern in den Kellern des Berliner Schlosses nebst einer schlagkräftigen Armee von 80000 Mann. Nun gibt der Vater ganz Pietist in seinem Testament seinem Sohn folgenden Rat: Mein lieber Nachfolger, ich bitte Euch keinen ungerechten Krieg anzufangen, denn Gott hat ungerechte Kriege verboten und Ihr müßt immer Rechenschaft ablegen für jeden Menschen, der in einem ungerechten Krieg gefallen ist. Lest die Geschichte, da werdet Ihr sehen, daß ungerechte Kriege nicht gut abgelaufen sind. Da kann mein lieber Nachfolger Gottes Hand sehen ... [Scho01]. So scheint eine friedliche Zukunft Preußens gesichert, zumal Sohn Friedrich als Kronprinz in seinem Antimachiavell einst geschrieben hatte: Der Krieg ist ein solcher Abgrund des Jammers, sein Ausgang so wenig sicher und seine Folgen für ein Land so verheerend, dass es sich die Landesherren gar nicht genug überlegen können, ehe sie ihn auf sich nehmen ... Ich bin überzeugt, sähen die Könige einmal ein schonungsloses Bild von all dem Elend des Volkes, es griffe Ihnen ans Herz. Friedrich führt sich bei seinen Untertanen auch gut ein, als er am 3. Juni 1740 kurz nach seiner Thronbesteigung die Tortur als Instrument der Wahrheitsfindung in Preußen abschafft.
Als der junge König aber die folgenden testamentarischen Zeilen seines Vaters liest: Der Kurfürst Friedrich Wilhelm hat das rechte Flor und Aufnehmen in unser Haus gebracht, mein Vater hat die königliche Würde erworben, ich habe das Land und die Armee in Stand gesetzt; an Euch, mein lieber Sukzessor, ist, was Eure Vorfahren angefangen, zu behaupten und die Prätentionen und Länder herbeizuschaffen, die unserem Hause von Gott und Rechts wegen zugehören [Scho01], ändert er rasch seine Ansichten und fasst das Testament kurz zusammen: Die erste Sorge eines Fürsten muss darin bestehen, sich zu behaupten, die zweite, sich zu vergrößern. Lord Acton's dictum: Power tends to corrupt gilt für Friedrich in seiner verschärften Form: and absolute power corrupts absolutely.
Erster österreichischer Erbfolgekrieg (1741 - 1742)
Nach dem Tod Kaisers Karl VI. ist nach der Pragmatischen Sanktion seine
Tochter
Maria
Theresia (1745-1780) Regentin von Österreich und Königin von Ungarn und
Böhmen, doch andere Herrscherhäuser melden Ansprüche auf das habsburgische
Erbe an. Johann
Pezzl beschreibt die Situation recht sarkastisch:
Die europäischen Fürsten nennen alle einander Vettern.
Das Prädikat ist an sich sehr erbaulich und schmeichelhaft; aber es hat
schlimme Folgen. Alle diese Vettern sind sterblich. Ihre Köche und
Freudenmädchen haben dafür gesorgt, daß einige manchmal ohne Erben aus der
Welt
Erb-Huldigung, Welche der Allerdurchleuchtigsten-Großmächtigsten Frauen Mariae Theresiae, zu Hungarn, und Böheim Königin, Als Ertz-Herzogin zu Oesterreich, Denen gesammten Nider-Oesterreichischen Staenden etc.
In diesem Sinne befiehlt Friedrich von Preußen seinem Außenminister dem Grafen Heinrich von Podewils sich eine iusta causa für den militärischen Einfall Preußens in Schlesien einfallen zu lassen. Schließlich muss die nachträgliche Nichtanerkennung der weiblichen Thronfolge in Österreich, als windiger Kriegsgrund herhalten. Friedrich kommentiert seinen Überfall auf Schlesien: Es wäre gar nicht passend gewesen, einen derartigen Schritt zu Lebzeiten des Kaisers zu unternehmen, denn da der Kaiser das Haupt des Reiches ist, hieße es gegen die Reichskonstitutionen zu handeln, wenn eines seiner Glieder ihn angreifen wollte. Bezüglich der günstigen Ausgangssituation fährt Friedrich fort: Außerdem war ich im Besitz schlagfertiger Truppen, eines gut gefüllten Staatsschatzes und von lebhaftem Temperament: das waren die Gründe, die mich zum Kriege mit Therese von Österreich, Königin von Böhmen und Ungarn bewogen ... Der Ehrgeiz, mein Vorteil, der Wunsch, mir einen Namen zu machen, gaben den Ausschlag, und der Krieg wurde beschlossen [Möll89]. So bricht der junge 28-jährige Friedrich den ersten österreichischen Erbfolgekrieg oder Schlesischen Krieg gegen die noch jüngere 23-jährige Maria Theresia (1740-1780) vom Zaun. Die Habsburgerin steht dem Preußen ohne Geld, ohne Credit, ohne Armee, ohne eigene Experienz und Wissenschaft und endlich auch ohne allen Rath gegenüber [Schi89].
Zur Verteidigung Österreichs muss Maria Theresia all ihre Truppen im Kernland zusammenziehen. Dabei zählt der Vorposten der Monarchie [Goth07] am Oberrhein wieder einmal gering. Die junge Königin leitet am 4. Juli 1741 mit der Schleifung der Festung Breisach die Entblößung der Rheingrenze ein, denn einerseits kann die Stadt nicht verteidigt werden, soll aber andererseits den Franzosen nicht kampfbereit in die Hände fallen. Das Kriegsmaterial wird nach Freiburg geschafft und am 9. September marschieren auch die letzten verbliebenen Festungstruppen dorthin ab. Das zerstörte Breisach hat nun ausgedient als des heiligen römischen Reiches Ruhekissen, ist nicht mehr der Schlüssel Deutschlands, das kostbare Kleinod Österreichs, der prächtige Juwel Frankreichs, die allerschönste Braut des Herzogs Bernhard von Weimar, der tarpeyische Felsen, des Reiches Brustwehr und das deutsche Kapitol der Dichter [Iber36].
Das ist ein Fürst ohne Treu und Glauben
Verbündet mit Bayern (die hatten wegen ihrer Dauerfehde mit Österreich sowieso keine Skrupel), Spanien und Frankreich gewinnt Friedrich seinen Krieg gegen Habsburg und Schlesien wird preußisch. Die religiösen Bedürfnisse seiner neuen katholischen Untertanen bedenkend lässt der aufgeklärte Despot aus seiner Privatschatulle der Schutzpatronin Schlesiens, der heiligen Hedwig, ab 1747 in Berlin eine Kirche errichten, denn für ihn sind alle Religionen [...] gleich und guth, wan nuhr die leüte, so sie professieren, ehrliche leüte seindt, und wenn Türken und Heiden kähmen und Wolten das Landt pöplieren, so wollen Wir sie Mosqeen und Kirchen baun, Fr.
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Louis XV
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Was Louis XIV im siebzehnten Jahrhundert dem Reich im Westen angetan hatte, setzt der Große Friedrich ohne Skrupel im Osten fort. Ist das der Grund, weshalb ihn später auch die Franzosen le Grand heißen? Er selbst erinnert sich: Der Besitz schlagfertiger Truppen, eines wohlgefüllten Staatsschatzes und eines lebhaften Temperaments: das waren die Gründe, die mich zum Krieg entschieden. So schickt der junge König seine Soldaten mit dem Satz: Brechen Sie auf zum Rendezvous des Ruhmes - seines eigenen Ruhmes - zum Schlachten auf die Felder Schlesiens [Schi89].
Als deutscher König und Kurfürst gehört Friedrich als Kriegstreiber vor das Reichsgericht und stünde heute vielleicht vor einem Kriegsverbrechertribunal. Schon Schiller sagte über den Räuber Schlesiens: Ich kann diesen Charakter nicht liebgewinnen. Der Hannoveraner Kurfürst und englische König Georg II. meint über seinen Neffen: Das ist ein Fürst ohne Treu und Glauben [Scho01]. ]. Da passt es, dass Friedrich der Autor des Antimachiavelli im hohen Alter eingesteht: Es tut mir leid, aber ich bin gezwungen zu gestehen, dass Machiavelli recht hat [Darn09].
Zweiter österreichischer Erbfolgekrieg (1744 - 1745)
Neben dem Verlust Schlesiens muss die junge Maria Theresia 1742 erleben, dass die Kurfürsten statt ihres Mannes Bayern Karl Albrecht als Karl VII. (1742-1745) zum Kaiser wählen und in Frankfurt feierlich krönen. Als die Erzherzogin habsburgische Truppen in Bayern einmarschieren lässt, bleibt Karl VII. nur das Exil und sein ehrgeiziger Wahlspruch Aut Caesar aut nihil wird zum spöttischen Et Caesar et nihil umgedeutet*. *Entweder Kaiser oder nichts > Sowohl Kaiser als auch nichts
Erst als Österreich zur Rückeroberung Schlesiens - schließlich stammten fast 20% der Einnahmen des Wiener Hofes aus diesem Land - im Jahre 1744 beginnt, alle militärischen Kräfte gegen Friedrich zusammenzuziehen, kann Karl in seine Münchener Residenz zurückkehren. Da fällt Friedrich besorgt um seinen gerade erkämpften Besitz nach seiner Maxime: Besser praevenire als praeveniri* in Böhmen ein und startet so den zweiten Schlesischen Krieg [Möll89]. *Frei übersetzt: Angriff ist die beste Verteidigung
Jetzt entblößt Maria Theresia auch die westlichen Vorlande von österreichischen Truppen. In Freiburg verbleibt eine Besatzung von nur 6000 Mann. Sofort rücken französische Soldaten in den Breisgau nach und nehmen Breisach ein. Wie schon 1618 kündigt sich für Freiburg auch diesmal das Unheil mit dem Erscheinen eines großen Kometen an, der sich umb 6 Uhr abends bis zur Sonnen Untergang iber allhiesige Statt gezaigt und der Sonnen mit entsetzlichem schnellen Lauff iber Franckhreich nachgeeylet und sein langen Schweiff gegen Aufgang der Sonnen iber unser Schloss gewendet. Aus Erfahrung wusste man, dass nie keiner erschienen, der nicht gross Unglück mit sich gebracht hat: Krieg und Blutvergiessen, Theurung unnd ein Sterbendt, und ist zu besorgen, es werden sich in etlich Jahren grosse Verenderungen der Herrschaften begeben mit jämmerlichen Kriegen und Auffruhr unter dem gemeinen Mann, und wirdt grosse Verfolgung sein. Groß Jammer und Ellend wird allenthalben die gantze Welt durchstreiffen, mit Kriegen, Blutvergiessen, Rauben, Morden und Brennen, gross Theurung, Hunger und Pestilentz [Haum01]
1744: Louis XV auf dem Lorettoberg
Es kommt, wie befürchtet. Den 17ten September 1744 rückten die Feinde unter dem Oberbefehle des Marschalls Grafen von Coigny, gegen 56,000 Mann stark auf der Straße von Breisach gegen die Stadt heran [Schr25]. Der städtische Amtsschreiber notiert verbittert, daß der ganze Adel sambt den Regierungsherrn ausser Herrn Regierungs-Rath Spengler als Patres Patriae beraits ihre Habschafft und Costbahrkeitten geflüchtet und selbst von hier forth [Haum01].
Vom sogenannten Jesuitenschlosse am Schönberge breitete sich das Lager in einem weiten Halbkreise bis Herdern, Zähringen, und Langendenzlingen; und des folgenden Tages auch durch das Kirchzarter Thal aus, wodurch die Stadt völlig eingeschlossen wurde. Die Besatzung mochte sich auf 8000 Mann belaufen. In der Stadt befehligte General=Feldmarschall=Lieutenant, Freiherr von Damnitz. Täglich fielen kleine Gefechte mit abwechselndem Glücke vor; während der Feind mit fast unglaublicher Schnelligkeit seine Linien um die Stadt zog, und die Dreisam abgrub. Den 29. September wehten die ersten Fahnen auf den feindlichen Werken; den 6. October Nachmittags nahm die Beschießung den Anfang. Im gleichen Augenblicke schleuderten ein und zwanzig Kanonen- und zehn Mörser-Batterien ihre Kugeln in die Stadt, und setzten in weniger als einer Stunde sowohl die meisten Kasernen, als die den Wällen zunächst gelegenen Häuser in Brand. Des folgenden Tages fing das entsetzliche Feuer wieder an; zugleich verkündete ferner Kanonendonner von Neubreisach her die Ankunft des Königs von Frankreich.
Coigny hatte sich verbindlich gemacht, das Münster zu schonen, wenn gegenseitig kein Schuß auf den Lorettoberg fiele, von welchem aus Louis XV der Belagerung beiwohnen würde; von Schonung der übrigen Stadt wollte er durchaus nichts wissen. So wurde das heftigste Feuer ununterbrochen fortgesezt, daß bald sämmtliche Kanonen auf den Wällen der Stadt und Schlösser unbrauchbar wurden [Schr25]. Die Belagerer werfen aus mehreren Batterien meist Bomben von 100 Pfund, deren Füllung aus Brandstoffen und Nägeln besteht ... werden im Ganzen deren etwa 23530 Stück= und Bombenschüsse abgefeuert [Bade82]. Der Amtsschreiber schreibt: En fin, es ware nit anderst, als wann die lebendige Höll offen stunde. Was dann noch im Einzelnen geschah überliefert uns Ignaz Hub in seinem Gedicht:
Der Kanonier von Freiburg
Breisach, des Deutschen
Reiches Kissen
Vom Schloßberg späht
Artillerie,
Der König stutzt, als von
der Wand
Vom Schloßberg schwiegen die
Kanonen.
*Zwar wird das Münster verschont, doch das Annakirchlein in der Wiehre wiederum zerstört, wie ein dort angebrachter Text erklärt: Ao 1744 Wurd Ich Durch Den Krieg Zum Dritten Mahl Zu Grund Gericht Und Ao 1753 Zur Ehr Gottes Maria Deren H. Ciriaciu Perpertua Wider Auf Gericht.
Den Stock in der Hand in die Kriegsgefangenschaft
Damnitz fand es jezt für nöthig, da sich die Besatzung immer mehr schwächte, die äußern Werke zu verlassen, und sich auf die inneren zurückzuziehen. Der Feind legte daher die Breschbatterien an, konnte aber mehrere Tage wegen sehr schlechter Witterung nur geringe Fortschritte machen. Endlich begann auch den 26. das Brescheschießen gegen die Kaiserbastei aus elf Kanonen. Die Ungeduld des Feindes stieg; von Tag zu Tag wurde das Feuer heftiger fortgesetzt, und nicht einmal des Münsters mehr geschont. Während des Gottesdienstes und nach demselben flogen Kugeln unter die dort versammelte Volksmenge, und manches köstliche Schmuckwerk wurde von der Aussenseite des herrlichen Gebäudes herabgeworfen. Stündlich erwartete man einen Hauptsturm.
Um jedoch die Stadt einem solchen nicht auszusetzen, wurde den 5. November Waffenstillstand geschlossen, und bald darauf die weiße Fahne aufgesteckt. Des folgenden Morgens fuhr Damnitz in das Hauptquartier zum Könige nach Munzingen, und kehrte erst in später Nacht mit einer Capitulation zurück, welche allgemein Unzufriedenheit erregte. Denn statt des angetragenen freien Abzuges mußte sich die ganze Besatzung der Stadt, wenn sie nicht anders kriegsgefangen sein wollte, in die Schlösser ziehen.
Gegen Abend rückten die Belagerer in schlechter Ordnung ein, und brachten die Nacht auf den Straßen zu. Am folgenden Morgen wurden alle Thore geöffnet, und die Landleute brachten wieder frische Lebensmittel. Doch waren diese bei den großen Vorräthen während der ganzen Belagerung kaum merklich gestiegen. Coigny verbot nun unter Todesstrafe jede Verbindung mit den Schlössern, und benüzte die Zeit der Waffenruhe, seine Arbeiten gegen dieselben auszuführen. Von einer Capitulation wollte er natürlich nichts wissen. Er gestand nur so viel zu, daß die Besazung mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiele durch die Stadt ziehe; und dann, den Stock in der Hand, ihren Weg weiter in die Kriegsgefangenschaft fortsetze … [Schr25].
Elend yber Elend - ein Würkhung des grosen Comedsternen
So besetzen die Franzosen nach 1638 und 1677 Stadt und Festung Freiburg zum dritten Mal. Der Freiburger Stadtschreiber erkennt darin eine Strafe Gottes: Elend yber Elend - ein Würkhung des grosen Comedsternen, ahn welchen sich niemand gekhert, die Faßnacht ist forthgegangen, die Bäll seint gehalten worden, man hat gelacht, gescherzt, alß wann es unß nichts angienge, aber ach layder, jetzt empfündet dei arme Statt Freyburg den traurigen Effect [Haum01].
Kaum waren die Besatzungen ausgezogen, so machten sich die Feinde an die Zerstörung der Festung, welche sie selbst einst mit so großer Anstrengung und so großem Schaden für Stadt und Land erbaut hatten. Ihre ersten Versuche im Sprengen waren nicht glücklich; sie verloren mehrere Leute … [Schr25]. Schließlich aber sprengen sie die Anlagen so gründlich, dass nicht nur ein Teil der Glasfenster des Münsters zu Bruch geht, sondern seint alle Häuser rings umb die Statt, so nahe ahn der Fortification gelegen, totaliter ruiniert, vil die mehriste Gebäw mehr durch Sprengung als durch so harthe Belagerung undt Bombadierung erlitten [Haum01]. Eine Grabinschrift auf der geschleiften Festung lautet: Freiburg, dieser Schlüssel des Reiches, liegt gebrochen. Ehedem ein Ruhm Deutschlands und eine Zierde Österreichs, ist es jetzt gefallen und ruht begraben unter seiner eigenen Asche [Bade82].
In der Tat, ein hundert Meter breiter Ruinengürtel liegt wie ein Friedhof um die Stadt. In Freiburg herrscht bittere Armut. Im Jahre 1754 leben in der Stadt nur noch 1627 männliche und 2028 weibliche Einwohner [Heil20].
Außer einigen Unebenheiten in der Stadt und wenigen Resten auf dem Schlossberg blieb von Vaubans Meisterwerk allein das Breisacher Tor. Von der Gartenstraße aus blickt man auf die kleine Tordurchfahrt, die heute nach der Restaurierung des Gebäudes den Haupteingang zum Restaurant Coucou bildet.
Im Frieden von Breslau und Dresden bieten die Franzosen die nun heftig demolierte Festung Freiburg dem bairischen Kurfürsten an, der darob nicht begeistert ist. So muss endlich Louis XV die Stadt 1745 wieder den verhassten Habsburgern überlassen. Die Franzosen ziehen sich auf die linke Rheinseite zurück, denn vorübergehend wendet sich Frankreichs Interesse wieder gegen Westen, wo es in den Folgejahren mit England einen Konflikt um die amerikanischen Kolonien ausficht.
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Maria Theresia |
Der böse Mann von Sanssouci
Mit der Annexion Schlesiens hat sich in Deutschland neben Österreich die neue Großmacht Preußen etabliert. Der habsburgischen Monarchin mit dem katholischen Süden steht der frankophile preußische König, der besser französisch als deutsch spricht, mit dem überwiegend protestantischen Norden gegenüber. Im Osten stört Russland mit panslawischen Bestrebungen die Ruhe im habsburgischen Vielvölkerstaat. Da sucht Österreichs Herrscherin neue Verbündete gegen den bösen Mann von Sanssouci und schreibt: Seit 200 und mehr Jahren stunde Mein Ertzhauß mit dem Bourbonischen in beständigem Krieg und Eifersucht, und Frankreich ware in dieser Staats Maxime so vertiefet und verblendet, daß es hierüber seinen natürlichen Feind, die Cron Englands, fast ausser Augen verlohren und alle seine wiedrigen Absichten,ohne die anwachsende Preußische Macht zu erkennen, hauptsächlich gegen Mein Ertzhauß gerichtet. Der österreichische Staatskanzler Wenzel Anton Graf Kaunitz bekräftigt in einer Denkschrift die Meinung Maria Theresias: Der Räuber Schlesiens verdiene sondern Zweiffel in die Classe der natürlichen Feinden oben an ... gesetzet, mithin als der ärgste und gefährlichste Nachbar des Durchlauchtigsten Ertzhaußes angesehen zu werden [Möll89].
Als nun England zur Sicherung seiner hannoverschen Gebiete mit Preußen die gegenseitige Konvention von Westminster zur Abwehr von Angriffen fremder Mächte abschließt, kommt es nach dem fast dreihundertjährigen Konflikt zwischen Österreich und Frankreich zu einer Annäherung der beiden Mächte. Maria Theresia ist bei dem renversement des alliances vornehmlich an der Sicherung des Habsburgischen Besitzes interessiert, während das Reichsinteresse wieder einmal in den Hintergrund rückt. So stößt der Versailler Vertrag (hic!) von 1756 zwischen Österreich und Frankreich bei vielen Reichsständen auf Kritik: Ausgerechnet Frankreich, welches nach und nach so manches Stück dem Teutschen Reiche entrissen hat, und also diesem seit vielen Jahrhunderten her fatal gewesen ist, welches auch den Appetit, sich auf dessen Kosten zu vergrößern, schwerlich verloren haben oder verlieren wird [Schm99] Der Staatsrechtler Johann Jacob Moser mahnt die deutsche Freiheit sarkastisch-ironisch an: Vormals hielt man Frankreich für den Erbfeind des Hauses Oesterreich und der teutschen Nation: Seit A. 1756 aber seynd schon berühreter maßen, Oesterreich und Frankreich Herzensfreunde, und Teutschland hat es in dem selbigen Jahr entstandenen Krieg reichlich zu genießen gehabt [Schm99].
Sieben Jahre Krieg (1756 - 1763)
Damit meint Moser den Siebenjährigen Krieg, den Friedrich II., als er den politischen Klimawechsel spürt, wie schon 1744 mit einem präventiven Einmarsch beginnt diesmal in Sachsen. Wie schon im Dreißigjährigen Krieg ist dieses Land nicht groß genug, um sich zu verteidigen, aber groß genug um überfallen zu werden [Wind10]. Da tönt es aus Wien: Preußen hat solchemnach als Urheber eine ganz neue Art Krieg zu führen aufgebracht, dergleichen kein Exempel in den Kriegs Geschichten aufzuweisen. Sie wird in solcher Gestalt ausgeübt, daß alles im Reich zu Grunde gerichtet würde, wenn sich Preußen darinnen, wie die Schwedische Armee im 30-jährigen Krieg, ausbreiten könnte [Möll89].
Mit einigen Mühen bringt Wien wegen der Verletzung des Reichs-Landfriedens Anfang 1757 eine Reichsexekution gegen den Kurfürsten von Brandenburg zu Stande. Da möchte Frankreich als Garantiemacht des Westfälischen Friedens auch seine Finger im Teig haben. Schließlich kämpft eine Reichsarmee Seite an Seite mit Franzosen und Russen gegen den Alten Fritz, der sein Land mit viel Feind, viel Ehr' an den Rand des Abgrunds führt.
Später in seinen Denkwürdigkeiten schreibt der Preußenkönig: Wer in das Getriebe der großen europäischen Politik gerät, wird es schwer haben, seinen Charakter rein und makellos zu bewahren. Er verschweigt dabei, dass er sich selbst in dieses Getriebe manövriert hat und fährt fort: Er ist ständig gefährdet, von seinen Verbündeten verraten und von seinen Freunden in Stich gelassen, von Mißgunst und Eifersucht erdrückt zu werden. Und so steht er schließlich vor der schrecklichen Wahl entweder sein Volk zu opfern oder sein Wort zu brechen [Fisc06]. Knapp 200 Jahre später steht dann ein naturalisierter Österreicher vor der gleichen Entscheidung. Nachdem er vielfach wortbrüchig sein großdeutsches Volk geopfert und ihm zynisch bescheinigt hatte, dass es seiner nicht wert sei, flüchtet er sich in feigen Selbstmord.
Mit dem Rücken zur Wand bedient sich Friedrich massiv der Eigenpropaganda, die ihn als Aufklärer und Heilsbringer hochstilisiert, der die deutsche Freiheit und die evangelische Religion gegen eine erdrückende katholische Übermacht und gegen den Erzfeind Frankreich verteidigt:
Wenn Friedrich,
oder Gott durch ihn,
Der nichtreligiöse Friedrich schreibt an seine Schwester Wilhelmine und glaubt wohl selbst daran: Schließlich gilt es hier die Freiheit Deutschlands, die Freiheit der protestantischen Sache, für die schon so viel Blut geflossen ist [zu verteidigen]. Diese beiden großen Fragen stehen auf dem Spiel [Möll89]. Der preußische Expansionismus ließ sich tatsächlich als Befreiung Deutschlands deuten - vom Joch des Papsttums und eines habsburgischen Kaisers, von französischer Ausbeutung und politischer Ohnmacht, von Aberglauben und Unvernunft [Schm99].
Pietas Germanica versus Pestis Germaniae
Dagegen streben die Habsburger danach, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und die Pietas Austriaca wieder zur Pietas Germanica und zum Triumph der Römischen Kirche über die lutherische Pestis Germaniae werden zu lassen [Schi89]. In diesem Sinne schreibt auch Maria Theresia an ihren Feldmarschall Leopold Joseph Graf Daun: Der wahre Gegenstand des gegenwärtigen Kriegs [besteht] nicht blosserdings in der Wiedereroberung Schlesiens und Glatz, sondern in der Glückseligkeit des Menschlichen Geschlechts und in der Aufrechterhaltung Unserer heiligen Religion, von welcher Ich in Teutschland fast die alleinige Stütze abgebe [Möll89]. Die Reichspublizistik von den Habsburgern und dem Heiligen Stuhl geschickt gesteuert projiziert Friedrich als atheistische, verderbte Ausgeburt protestantischer Häresie, was den offen zur Schau getragenen Agnostizismus des Roi philosophe ins Groteske verzerrte [Schi89].
Die Meinung der Menschen in Deutschland über den deutsch-deutschen Krieg ist durchaus geteilt und selbst die Familie des jungen Goethe in Frankfurt spaltet sich in Anhänger der österreichischen Monarchin und des Preußenkönigs. Man wusste auch dann noch weiter zu unterscheiden, wie Goethe in seinen Lebenserinnerungen Dichtung und Wahrheit schreibt: Und so war ich denn auch preußisch, oder um richtiger zu reden, fritzisch gesinnt, denn was ging uns Preußen an. Es war die Persönlichkeit des großen Königs, die auf alle Gemüter wirkte. Ich freute mich mit dem Vater unserer Siege, schrieb sehr gern die Siegeslieder ab und fast noch lieber die Spottlieder der Gegenpartei, so platt die Reime auch sein mochten.
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Preußische Kriegslieder von dem damals noch jungen Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803)
Von Friedrich gestifteter Preußischer Verdienstorden
Derjunge Mozart |
Der Salomo des Nordens
In Frankreich hat Friedrich der Große auch heute noch einen guten Ruf.
Vergeblich versucht
Heine in seiner Schrift
Zur
Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland das Bild des
Preußenkönigs zurechtzurücken [Hein34]: Über den
gekrönten Materialismus, seid Ihr hinlänglich unterrichtet. Ihr wißt, daß er
französische Verse machte, sehr gut die Flöte blies, die Schlacht bei
Roßbach gewann, viel Tabak schnupfte und nur an Kanonen glaubte. Einige von
Euch haben gewiß auch Sanssouci besucht, und der alte Invalide, der dort Schloßwart, hat Euch in der Bibliothek die französischen Romane gezeigt, die
Friedrich als
Flötenspielender Friedrich
Heine erinnert die ihm Asyl gewährenden Franzosen an ihre bittere Niederlage in der Schlacht bei Roßbach am 5. November 1757, die als der Wendepunkt des Siebenjährigen Krieges gilt. Hier greift der Alte Fritz überraschend mit nur 22000 Mann ein doppelt so großes kombiniertes französisches und Reichs-Heer an, bevor die Truppen sich mit den Österreichern vereinigen können. Bereits nach zwei Stunden wird aus der Reichsarmee die Reißausarmee. Das Volk singt begeistert:
Wenn unser großer Friedrich kömmt
Der Krieg weitet sich zu einem Weltkrieg aus, den England und Frankreich
auch in Nordamerika um Neufrankreich an der Hudson Bay ausfechten. Für das
kleine Preußen ist die ausreichende Ernährung der Bevölkerung und der
Truppen von entscheidender Bedeutung. Sicherlich hat der von Friedrich
Unterwürfig und gleichzeitig stolz präsentieren die Bauern dem alten Fritz die reiche Kartoffelernte
Die letzte große und blutigste Schlacht des Siebenjährigen Kriegs findet 1760 bei Torgau an der Elbe statt. Wieder einmal sind die Österreicher den Preußen numerisch überlegen. Christian Bernhard Rode zeigt in seinem Gemälde Friedrich vor der Schlacht bei Einbruch der Dämmerung an einen Baum gelehnt. Nachdenklich schaut er einem Mädchen zu, das die preußische Wunderknolle in einem Topf auf offenen Feuer zubereitet. Hatte der alte Zieten davon gegessen? Denn als die Schlacht schon verloren scheint, kommt er aus dem Busch, erobert die österreichische Hauptbatterie und lässt die Kanonen gegen den Feind wenden. Das bringt die Entscheidung, aber auch die beidseitige Erschöpfung, denn die Preußen erkaufen ihren Sieg mit dem Verlust von 16750 Mann, während die Österreicher nur 15200 verlieren.
Kleiner Mann mit Degen
Während des deutsch-deutschen Bruderkampfes steht die Westflanke des in Agonie liegenden deutschen Reiches weit offen. So erlebt der zehnjährige Goethe 1759
die Besetzung der Reichsstadt Frankfurt durch französische
Truppen nebst deren Einquartierung in seinem Elternhaus. Dafür darf er nach Abzug der
Franzosen und in der Folge des Erschöpfungsfriedens von Hubertusburg 1763 den jungen
österreichischen Kulturbotschafter
Mozart spielen hören.
Allegorie auf den Frieden von Hubertusburg: Friedrich August II. von Sachsen führt Maria Theresia in die Arme Friedrichs, nachdem der sächsische Kurfürst einen großen Teil der preußischen Kriegskosten bezahlt hatte getreu nach der Devise des Alten Fritz: Sachsen ist wie ein Mehlsack, egal wie oft man draufschlägt, es kommt immer noch etwas heraus.
Nach den Zerstörungen des verheerenden Siebenjährigen Krieges setzt im Reichsgebiet ein Wirtschaftsaufschwung ein. Ein Zeitgenosse berichtet: Und so sahen wir ... wenigstens einen Teil teutscher Fürsten ... in der Belebung des Kunstfleißes, in der Aufmunterung des Ackerbaus, in der Verbesserung der Staatsökonomie rühmlich wetteifern: Länder wie Baden, wie Dessau sind wahre Gärten Gottes, gepflanzt von Fürstenhänden [Schm99].
In keinem Erbland herrscht eine gleiche Unordnung
Während der Kriege auf Steuereinnahmen angewiesen hatte Maria-Theresia schon 1753 versucht, in den Vorlanden die Peräquitation, die gottgefällige Gleichheit in Steuersachen durchzusetzen. Doch die Stände streiten sich untereinander und versuchen die Bürde auf die Bauern abzuwälzen. Als 1763 die vorderösterreichischen Bauern sich in Wien beschweren, dass sie von den Zinsen einer kaiserlichen Anleihe über 130000 Gulden bisher keinen roten Heller gesehen hätten, obgleich ihre Herrschaften die Prälaten und Ritter die Schuldverschreibung auf die Gemeinden umgelegt hatten, ist das Maß voll. Hofkanzler Graf Chotek schreibt darauf den Rittern und Prälaten: In keinem Erbland herrscht eine gleiche Unordnung. Jetzt fürchten die beiden Stände drakonische Sanktionen und so geht es plötzlich mit der Einigung bei den Abgaben ganz schnell. Fortan werden alle Einkünfte der Geistlichen und der Adeligen zur Steuer herangezogen, jedoch bleibt wie in anderen Erbländern der Steuerfuß verschieden, indem von dem Steuergulden, dem geschätzten Reinertrag bei den Bauern 25%, bei den Dominien 16% erhoben werden [Goth07].
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und seine Schwester
Anton Thaddäus von Sumerau
Ferdinand Karl von Ulm
Das illuminierte Münster in einem zeitgenössischen Stich [Kalc07] |
Friedrich stimmt für Joseph
Im Frieden von Hubertusburg wird Preußen der Erwerb Schlesiens und Glatz' bestätigt. So gibt der alte Fritz seine Kurstimme gern den Habsburgern und besonders Joseph seinem Bewunderer, dem ältesten Sohn Maria Theresias. Im folgenden Jahr findet in Goethes Heimatstadt Frankfurt die einstimmige Wahl und die Krönung Josephs II. (1765-90) zum römischen König statt, der nun zusammen mit seiner Mutter das Deutsche Reich regiert. Die feierliche Zeremonie, die Johann Wolfgang als 15-jähriger aktiv miterlebt, rührt den Teenager an und er schreibt in Dichtung und Wahrheit: Einerseits hatte ich an diesen Dingen manche Lust: weil alles, was vorging, es mochte sein von welcher Art es wollte, doch immer eine gewisse Deutung verbarg, irgend ein innres Verhältnis anzeigte, und solche symbolische Zeremonien das durch so viele Pergamente, Papiere und Bücher beinah verschüttete Deutsche Reich wieder für einen Augenblick lebendig darstellten; andrerseits aber konnte ich mir ein geheimes Mißfallen nicht verbergen, wenn ich nun zu Hause die innern Verhandlungen zum Behuf meines Vaters abschreiben und dabei bemerken mußte, daß hier mehrere Gewalten einander gegenüber standen, die sich das Gleichgewicht hielten, und nur insofern einig waren, als sie den neuen Regenten noch mehr als den alten zu beschränken gedachten; daß jedermann sich nur insofern seines Einflusses freute, als er seine Privilegien zu erhalten und zu erweitern, und seine Unabhängigkeit mehr zu sichern hoffte.
Gegen diese Auffassung wendet sich Johann Jacob Moser 1766 in seiner Schrift Von dem deutschen Nationalgeist: Wir sind Ein Volk, von Einem Nahmen und Sprache, unter Einem gemeinsamen Oberhaupt, unter Einerley unsere Verfassung, Rechte und Pflichten bestimmenden Gesezen, zu Einem gemeinschaftlichen grossen Interesse der Freyheit verbunden, auf Einer mehr als hundertjährigen Nationalversammlung zu diesem wichtigen Zweck vereinigt, an innerer Macht und Stärke das erste Reich in Europa, dessen Königscronen auf Deutschen Häuptern glänzen, und so, wie wir sind, sind wir schon Jahrhunderte hindurch ein Räthsel politischer Verfassung, ein Raub der Nachbarn, ein Gegenstand ihrer Spöttereyen, ausgezeichnet in der Geschichte der Welt, uneinig unter uns selbst, kraftlos durch unsere Trennungen, stark genug, uns selbst zu schaden, ohnmächtig, uns zu retten, unempfindlich gegen die Ehre unseres Namens, gleichgültig gegen die Würde der Geseze, eifersüchtig gegen unser Oberhaupt, mißtrauisch unter einander, unzusammenhangend in Grundsäzen, gewaltthätig in deren Ausführung, ein grosses und gleichwohl verachtetes, ein in der Möglichkeit glückliches, in der That selbst aber sehr bedauerenswürdiges Volk [Möll89].
Der junge Goethe schließt seinen Bericht über die Krönungsfeierlichkeiten mit der Bemerkung, dass die anwesenden Granden des Reiches diesmal noch aufmerksamer [waren] als sonst, weil man sich vor Joseph dem Zweiten, vor seiner Heftigkeit und seinen vermutlichen Plänen zu fürchten anfing.
Dabei hatte Mutter Maria Theresia den jungen König ermahnt: nicht zu rasch seinen Ideen zu folgen, sondern die bestehenden Zustände und Gesetze bedächtig zu überlegen und solche nur zu ändern, wenn er sie wirklich verbessern könne. Ein gescheidter Kopf jener Zeit fällt in einem vertrauten Briefe das Urtheil: Joseph ist ein unruhiger Projectenmacher, welcher zu hohen Geist und zu wenig Verstand besitzt, weil er glaubt, solchen allein zu haben [Bade82]. Der Historiker Ludwig Häusser kritisiert seine unstete Art gleichsam auf der Reise zu regieren, beim Anblick des Mißliebigen rasch eine Menge von Entwürfen zu extemporieren, um sie dann bald wieder selbst zu verlassen und durch neue zu ersetzen [Goth07].
… die Albertina in größeren Flor zu bringen …
Und manche Befürchtung bewahrheitet sich, etwa als Joseph II. entschlossen ist, die bereits 1749 von seiner Mutter in der Wiener Studienordnung eingeführten und in Freiburg seit 1752 geforderten Unterrichtsreformen nun endlich 1767 auch an der Alma Mater Albertina zu erzwingen. Maria Theresia hatte u. a. verlangt, im Philosophiestudium von der bisherigen Lehrart abzugehen, als die jeweiligen Lehrmeister dieses an sich gar ersprießlichen Studium lediglich mit Subtilitäten angefüllt, die nützlichen Fragen nur obenhin berührt oder ganz übergangen und dabei die anberaumte dreijährige Frist bloß mit Diktieren durchgebracht hätten [Baum07]. Die stockkonservativen Freiburger Professoren hatten sich bis dato jeder Änderung in den Lehrmethoden widersetzt, auch die hohen Kosten einer Umstellung betont und hegten nun die trügerische Hoffnung, in Wien schlicht vergessen worden zu sein, nachdem man in der Hofburg während des langen Siebenjährigen Krieges andere Sorgen als Universitätsreformen hatte.
Als dann aber im Januar 1764 die Freiburger Studenten der Logik eine Bittschrift zur Abschaffung des zeitraubenden, einschläfernden Diktierens einreichen, ist die Schonfrist endgültig vorbei, denn das Festhalten an den alten Lehrmethoden, die noch weitgehend der mittelalterlichen Praxis entsprechen z. B. das Vorlesen von Texten, hatte das Niveau der österreichischen hinter dem der ausländischen Universitäten zurückfallen lassen. Das galt besonders für Freiburg, dessen Hochschule nur deshalb über ihre lokale Bedeutung für Vorderösterreich, das Elsass und die Schweiz herausragte, weil sie bei den übrigen österreichischen Landeskindern den Ruf von leichten Examen hatte [Kage81].
Heinrich Schreiber Professor für katholische Moraltheologie hat 1830 in einer Rede das niedrige Niveau der Freiburger Universität ab dem 17. Jahrhundert dem Einfluss der Jesuiten zugeschrieben: Es ist wohl das dunkelste Blatt in der Geschichte der Albertina, als zu Anfang des 17. Jahrhunderts, gegen allen Geist und Wortlaut ihrer Verfassung, ein fürstlicher Machtanspruch gewaltsam in ihr innerstes Leben eingriff und ihr den Orden der Jesuiten zuführte, welcher auf das Monopol seiner Lehre sich stützend, die geistige Freiheit in Banden schlug und gemeinschaftlich mit jenem langen, für Deutschland so verderblichen Kriege auf mehr als ein Jahrhundert der Albertina Blüte brach. Glücklich, daß mit dem Falle dieses Ordens* die Hochschule in ihre ursprünglichen Rechte wieder eintrat und durch ihr schnelles Wiederaufblühen bewies, welch‘ einem unseligen Druck sie erlegen war [Baum07). *Die Aufhebung des Jesuitenordens 1773 s. u.
Genüsslich führt Schreiber die Fragen an, welche die Jesuiten einst den Baccalaureanden anlässlich ihrer Examen stellten und über die sie disputieren mussten: Am 26. April 1623 wurde gefragt: Ob das Gewürm, das der Verdammten Leiber zernagt, durch Naturkraft im Feuer leben könne?. Manche Fragen erweisen sich als durchaus lebensnah und witzig, wie die vom 7. September 1629: Ob die Schlußfolge probabel sei: er verwendet keine Sorgfalt auf seinen Anzug, also ist er ein Genie? … Unterm 4. Juli 1657 und 23. Juli 1658 giengen die Väter der Gesellschaft auf deren weibliche Patronen über: 1. Welcher Promotor hat der Jungfrau Maria die Magisterwürde ertheilt?— 2. Ist der Mantel, womit sie ihre Schützlinge deckt, der philosophische? … Mitunter kamen auch anzügliche Fragen vor. 13. Dec. 1666: Was ist vom Verstand mancher Heiligen zu halten, welche die Philosophie verachtet zu haben scheinen? Schließlich dürfte die Frage vom 16. Juli 1687: Läßt sich den Schwaben ihre Geschwätzigkeit übel deuten? so ganz den Geschmack der Freiburger treffen [Schr59].
Um die Hochschule nun endlich in größeren Flor zu bringen, ernennt der junge Kaiser den energischen Regierungsrat Hermann von Greiffenegg zum landesherrlichen Kommissar der Freiburger Universität. Joseph tut damit einen guten Griff, denn als die Professoren sich Greiffeneggs Reformbestrebungen widersetzen, suspendiert der kurzerhand die bestehende Universitätsverfassung und entlässt den Senat. Die noch weitergehende Einmischung in die Autonomie der Universität mit einer oktroyierten allerhöchsten Einrichtungsresolution und der Einsetzung eines neuen Senats durch die Regierung findet bei Beobachtern beißende Kritik. So meint der K&K Rittmeister und Auditor F. Jakob Sulzer 1780 nach einem Besuch der Universität, man sei vom Regen in die Traufe gekommen: Despotismus verträgt sich mit den Wissenschaften nicht. So wird ein österreichischer Lehrer eine Maschine, die am Draht gezogen wird, für sich nicht denkt, nicht denken darf; daher sind unsere Universitäten, im ganzen genommen, die unbedeutendsten in Deutschland [Kopf74].
Maria Antonia in Freiburg
Im Jahre 1753 mitten in schwerer Zeit hatte Maria Theresia die Vorlande aus der Abhängigkeit Tirols und seiner Hauptstadt Innsbruck gelöst und im Rahmen der habsburgischen Erblande zu einer eigenen Provinz gemacht. Nach der Versailler Allianz mit Frankreich wird Freiburg 1756 zum Regierungssitz von Vorderösterreich bestimmt. Als ersten Regierungspräsidenten setzt die Monarchin Anton Thaddäus Vogt von Sumerau ein. Nachdem Sumerau aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten war, ernennt Maria Theresia 1769 Ferdinand Carl von Ulm zu Erbach zum Regierungspräsidenten.
Kaum ist der neue Regierungspräsident in Freiburg eingetroffen, bekommt die junge Provinz plötzlich staatspolitische Bedeutung, als die Annäherung Österreichs an den Erbfeind Frankreich in gut habsburgischer Tradition mit einer Heirat besiegelt wird. Die jüngste Tochter Maria Theresias Maria Antonia zur Hochzeit mit dem französischen Thronfolger Louis Auguste bestimmt soll, bevor sie für immer habsburgischen Boden verlässt, in Freiburg Zwischenstation machen. Zunächst jedoch wird am 19. April 1770 die Hochzeit der erst 14-jährigen Erzherzogin mit dem Dauphin per procurationem in Wien gefeiert, wobei Bruder Ferdinand bei der Trauung den Dauphin vertritt.
Von Ulm sieht den Empfang des hohen Gastes als Bewährungsprobe an. Als Vorbereitung hatte der Freiburger Stadtrat bestimmt, alle Haubtgassen frisch zu pflastern, an allen Häusern die vorige Mahlereyen hinwegg, und insgesamt frisch weis anzuweiseln, Martins Thurm zu renoviren, wobei die traditionellen Hausnamen durch Nummern ersetzt werden. Zusätzlich gibt es Order aus Wien, als Freudenbezeugungen eine kleine Illumination zu veranstalten, eine Ehrenpforte zu errichten und eine Komödie oder Opera zu spielen [Kopf74].
Freiburg errichtet jedoch statt einer gleich drei Ehrenpforten: Johann Christian Wenzinger baut im Auftrag der Stände einen Bogen im Renaissancestil zwischen Martinstor und Fischbrunnen*. Das städtische Ehrentor entsteht ebenfalls auf der großen Gass vor dem Christoffeltor auf der Höhe des heutigen Siegesdenkmals. Die dritte Ehrenpforte im Rokokostil wird von der Universität vor dem damaligen Hauptgebäude (heute Neues Rathaus) auf dem Franziskanerplatz errichtet [Scha23]. *dem heutigen Bertoldsbrunnen. Der Fischbrunnen wurde später in die Kaiser-Josef-Straße auf Höhe der Münsterstraße verlegt. Heute befindet sich der Fischbrunnen auf dem Münsterplatz, doch noch immer machen die Geleise der Straßenbahn einen leichten Bogen um den ehemaligen Standort.
Ehrenpforte der Universität [Baum07] Maria Antonia reist von Donaueschingen kommend durchs Höllental und wird vom Schwabentor auf einer eigens gebauten Feststraße außen an den Festungsanlagen vorbei zum Breisacher Tor geführt, durch das sie begleitet von 235 Personen am 4. Mai 1770 gegen 3 Uhr nachmittags mit einem Tross von 56 Wagen in Freiburg einzieht: Die dritte Stunde des Nachmittags brachte auch den so sehr begierdeten Augenblick würklichen mit sich, und sowohl das wiederholte Knallen des auf dem anliegenden Schloßberge gepflanzten groben Geschützes als das freudenvolle Geläute sämtlicher in dahiesigen Kirchtürmen befindlichen Glocken waren die vergnüglichsten Versicherungen des bereits erfolgen Eintrittes [Baum07].
Am Abend müssen die Bürger Lichter in die Fenster stellen, während der Stadtrat die Triumphbögen und das Münster illuminieren lässt. Tausend brennende Maschinen, welche wenigstens zwölf Stundenlang mit einem sternähnlichen Lichte brennen, und bei noch so ungünstigem Gewitter nicht erlöschen, schmücken das Münster und seinen Turm, der seinem herrlichen Gebäude nach an Alterthum und Pracht keinem etwas nachgiebt. Dem Abt von St Märgen erscheint der beleuchtete Münsterturm wie fallender feyriger Zukerhut [Kalc07].
Die tiefe
Verbundenheit Freiburgs mit dem Hause Österreich kommt im Text der Festschrift zum Ausdruck:
Niemals aber ist diese
Stadt mit einer wesentlicheren höchsten Gnade beseligt worden, denn da sie
aus allermildester Verfügung iher dermals allerglorwürdigst regierenden
Höchsten Monarchin der Allerdurchlauchtesten Kayserin Königin Marien
Theresiens Majestät das onschäzbarste Glicke genossen, dero jüngsten Tochter
der Durchlauchtesten Erzherzogin Marie Antonie Königliche Hoheit in ihren Mauren
zu umfangen, als Höchdieselben die Braut und Gemahlin des auch
Durchlauchtesten Königlich Französischen Kronprinzen zu werden nach
Versailles zogen. Gleich denn diese
höchste Gnad auch unseren spätesten Nachkömmlingen auf allzeit onvergeßlich
seye und
zu der Ermunterung andienen solle, gegen das Allerdurchlauchteste Erzhauß
Oesterreich eben jene eifervollste unterthänigste Devotion zu verewigen;
welche Wir der jeztmalige
Also rechnet sich der Magistrat für eine Pflicht an, gemäß anderseitigen Beyspielen die auf Höchstgesagte Durchreise von Ihnen veranstaltet und bewiesene Feyerlichkeiten auch seines Orts in den Druck zu befördern, um andurch auch das künftige Freyburg zur Nachahmung, und wo es möglich noch lebhafteren Bethätigung seiner tieffsten Ergebenheit aufzubieten, Uns über alle Massen glücklich preisende, wenn diese unsre treudevoteste Bestrebung der würcklich Regierenden Allergnädigsten Monarchie ebensowenig als Dero Durchlauchtesten Tochter der Königlichen Braut mißfällig seyn sollte [Albe25].
Wenzingers Ehrenpforte der breisgauischen Landstände für Erzherzogin Maria Antonia bei ihrem Aufenthalt in Freiburg [Stad84].
Schwierigkeiten bereitet der vorderösterreichischen Regierung allein die Gestaltung des Abendprogramms für den hohen Gast, da man nicht mit den besten Komödianten versehen sei. Zwar gibt es im oberen Stockwerk des Kornhauses seit einem Monat eine private Theatergruppe, die den Freiburgern Aufführungen bieten soll, welche die Verbesserung übler Sitten zum gegenstande haben, somit keine aergernus geben weniger sundhaftes gufft von sich ausgueßen, doch sieht man sich wegen eines höheren Niveaus lieber bei den Nachbarn um. Schließlich stellt gegen Erstattung aller Kosten Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz Tänzer und Musiker der Mannheimer Hofschaubühne zur Verfügung. Die im Festsaal des Freiburger Jesuitenkollegiums* dargebotenen Stücke ohne Caressen vermögen aber die dunklen Ahnungen der 14-jährigen Antonia nicht zu vertreiben, die in Donaueschingen einer Freundin anvertraut hatte: Mir ist es, als müsste ich in den Tod gehen [Kopf74]. *nach der Säkularisierung Festsaal der Universitätsbibliothek, 1944 zerstört, heute Bücherei Rombach
Der nächste Tag beginnt mit einem Festgottesdienst im Münster. Anschließend erhält Maria Antonia die Ehrengaben der Stadt. Es folgen Festzüge und Paraden bis zum Abend, der mit Theater- und Ballettvorstellungen sowie einer Besichtigung der illuminierten Ehrenpforten endet.
Bei der Abreise der jüngsten Tochter dero allerdurchlauchtesten Kayserin Königin Marien Theresiens am Morgen des 6. Mai hatten die Stadt Freiburg und die vorderösterreichische Regierung für die Festlichkeiten zu Ehren der Erzherzogin die gigantische Summe von 200 000 Talern ausgegeben [Quar02]. Die Kaiserin ist darüber not amused und und rügt den Verschwender Carl von Ulm öffentlich*. Am folgenden Tag führt man das junge Mädchen auf einer unbewohnten Rheininsel bei Kehl in einem Pavillon fein unterteilt in Frankreich und Österreich. Nachdem sie im östlichen Österreich ihre Kleider abglegt hat, schreitet sie nackt in Begleitung ihrer neuen Hofdame der Gräfin von Noailles in den westlichen französichenTeil, wo man sie neu einkleidet. So wird aus der österreichischen Erzherzogin Maria Antonia auch rein äußerlich la Dauphine Marie Antoinette, am französischen Hof später abfällig l’Autrichienne genannt, was sich auch als l'autre chienne interpretiern lässt. Wenn Marie-Antonia die andere Hündin ist, ist dann die Dubarry die eine? *Zeitlebens kommt Regierungspräsident Ferdinand Carl von Ulm weder mit öffentlichem noch mit privatem Geld aus, das er zudem nicht auseinanderhalten kann, und steht mehrmals vor dem Bankrott [Quar02].
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Johann Wilhelm Ludwig Gleim
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Besuch Josephs II. im ältesten Patrimonium des Erzhauses
Im Jahre 1777 schickt die Kaiserin ihren Sohn Joseph nach Paris mit dem Auftrag, ihrer Tochter Antonia kräftig ins Gewissen zu reden. Maria Theresia und mit ihr der Wiener Hof sind entsetzt über den frivolen Lebensstil der jungen Königin. Weit skandalöser ist jedoch ihre bis dato Kinderlosigkeit. Das liegt nun aber an Louis XVI, der an einer Phimose leidet. So gestalten sich Josefs politische Gespräche in Versailles eher medizinisch delikat.
Vom erfolgreichen Besuch bei seiner Schwester (sie gebiert im folgenden Jahr eine Tochter) kommt Kaiser Joseph II. auf der Rückfahrt nach Wien am 19. Juli in Freiburg vorbei und steigt bescheiden als Graf Falkenstein im Gasthaus Zum goldenen Storken ab. Am Versailler Hof hatte Falkenstein mit seinem bescheidenen Auftreten einen tiefen Eindruck hinterlassen
A nos yeux étonnés *Unseren erstaunten Augen hat Falkenstein die Majestät ohne Prunk gezeigt; in einem schandvollen Kontrast zeigten wir ihm den Prunk ohne Majestät
Was Paris billig ist, muss Freiburg recht sein. Der
Kaiser zog sogleich beim Eintritte in's Zimmer seine Schriften aus der
Tasche, fieng zu lesen an und arbeitete bis zu nächtlichen Ruhe. Sein
Nachtmahl war ein Thee. Des Morgens früh
arbeitete er wieder bis halb elf Uhr, gieng sodann, ungeachtet des
Joseph II. beim Gebet im Freiburger Münster 1777. Alabasterrelief von Joseph Horn
Ein Brief vom 20. Juli 1777 aus Freiburg auf französisch an seine Mutter klingt recht enttäuscht: Die Stadt ist weder schön noch glanzvoll; sie gleicht einem großen Marktflecken. Sie besteht aus einer grande rue mal peignée* mit einigen Quergassen und ist viel weniger Stadt als St. Pölten … Die Hitze hat uns bis hier treulich begleitet; in diesen Bergen gibt es kein Lüftchen und es ist drückend, auch ist man davon ganz niedergeschlagen und bekommt einen leeren Kopf, besonders in dieser Herberge, in der die Zimmer sehr niedrig sind. Dieser Brief zeugt auch von dieser Verwirrung, zumal, da es Sonntag ist, alle Bauern aus der Umgebung gekommen sind, mich zu sehen. Morgen fange ich, an den Herren der Regierung zuzuhören und mit ihnen zu sprechen. Die Zahl der Angestellten in dieser kleinen Provinz macht mir Angst, und wie viele davon sind falsch eingesetzt. Die Regierung dieser Besitzung ist ganz am Ende zusammen mit einer Universität, die ihr Geld nicht wert ist. Dies besonders in der medizinischen und chirurgischen Abteilung, in der es fast keinen Studenten gibt [Arne67]. *die "schlechtgekämmte" große Gass
Natürlich möchte man den hohen Herrn unterhalten, doch der verbittet sich alle Zeremonien, Feuerwerke und Paraden als Dinge, die ihm nichts nützen, anderen aber Mühen und Kosten machen. Die abendlichen Theatervorstellungen der Studenten und Bürgertöchter verschmäht er mit der Bemerkung: Es wäre besser, wenn die Studenten studierten und die Bürgersmägden zu ihren Spinnrädern und Hausarbeit gingen.
In einem zweiten Brief vom 24. Juli an seine Mutter vertieft Joseph seine ersten Eindrücke über den Breisgau: Wenn man dieses Land recht betrachtet, ist es offensichtlich, dass da sehr wenig zu holen ist, und sobald es nichts ist, scheint die Vorsicht zu gebieten, möglichst viel herauszuholen und gleichzeitig die Untertanen so glücklich als möglich zu machen. In der jetzigen Situation verfehlt man beide Ziele; eine zu teure Regierung, zu zahlreich, falsch zusammengesetzt vertut die Einkünfte und macht die Leute unzufrieden.
Zwanzig Regierungsräte kosten mit ihren Untergebenen 140 000 Gulden in einem Land, das insgesamt nur 300 000 Gulden bringt. Doch jeder macht etwas, sie untersuchen erfinden, fragen und schreiben und verdrießen alle Untertanen. Ein Präsident (der oben erwähnte Carl von Ulm), der seine Leute nicht im Griff hat, mit seinem Geld nicht auskommt und der sich undurchsichtiger Mittel bedient, um seine Ausgaben zu verschleiern, macht schlechtes Blut. Und die Universität ist auch nicht besser, scheint nicht wert zu sein, was sie kostet.. Von den 24 Professoren haben einige nur sieben oder acht, andere mehr Hörer, doch ist die Hochschule zu schlecht aufgestellt, als dass sie mehr Studenten anziehen könnte. Die Regierung ist am Ende, zu weit von Wien entfernt, so daß sich alles verzögert. Justiz und Verwaltung sind nicht voneinander geschieden, und bei den Sitzungen herrscht keine Ordnung. Dann gibt es hier ein Militärkommando, das aber nur zwei kleine Infanteriebataillone zu befehligen hat. Das ist absurd. das Geld nicht wert. Wenn ich die anderen Landesteile gesehen habe, vor allem Vorarlberg, werde ich Ihnen mehr sagen können. Ich habe mir meine Meinung gebildet, aber ich muss alles noch verdauen [Arne67].
Übrigens hatte auch Breisach dem Kaiser nicht gefallen: Die Bürger von Alt Breisach, ich weiß nicht, von was die leben. Sie sitzen auf ihrem Felsen und können sich nicht gut um ihre Landwirtschaft kümmern. Und die anderen Berufe, außer den vier Firmen, die sich dort befinden, ich weiß nicht, was sie zu tun hätten. Das dortige Zuchthaus ist sehr sauber, aber den Insassen geht es zu gut. Ihnen geht es besser als zu Hause [Arne67].
Im Nachhinein nützt es dem Ansehen Freiburg wenig, dass man zu Ehren Josephs den goldenen Storchen in Römischer Kaiser und die schlecht gehaltene Hauptstraße in Kaiserstraße umbenennt. Nach einem kurzen Zwischenspiel mit dem Namen des Führers heißt die Straße seit dem letzten Kriege Kaiser-Joseph-Straße, um mögliche Assoziationen zu Wilhelm II. gar nicht erst aufkommen zu lassen
Tausche Belgien gegen Bayern: Zum Zweiten
Josephs II. negativer Eindruck beim Besuch in Freiburg bestärkt ihn in seinen Bestrebungen, die Grenzen des habsburgischen Besitzes mit Gebieten, die der Hauptstadt Wien näher liegen, zu arrondieren. In seinem oben erwähnter Brief vom 24. Juli greift er die Idee Karls VI. (1711-1740) wieder auf und schließt mit den Zeilen: Der ganze Breisgau, Nellenburg, die Waldstädte, Rothenburg, die Ortenau und der Burggau sind abgetrennte Teile der Monarchie, deren Tausch sich vorteilhaft zur Arrondierung eignet. Vorarlberg, d.h. Bregenz und Konstanz dagegen gehören nicht dazu und müssen immer bei der Monarchie bleiben. Doch sollte man die angesprochenen Gebiete nicht für den Teil Bayerns bis zum Inn hingeben, dann würde man verlieren. Man benötigt Niederbayern bis zum Lech und die Oberpfalz, ohne die wäre es ein schlechtes Geschäft [Arne67].
Da bietet sich ihm eine willkommene Gelegenheit, seine Idee zu verwirklichen, als Ende 1777 in München der Wittelsbacher Kurfürst Maximilian III. ohne direkten Erben stirbt und Bayern der pfälzischen Linie des Hauses in der Person Kurfürst Theodors zufällt. Joseph bietet dem Pfälzer an, die habsburgischen Niederlande, die erst 1714 nach dem Spanischen Erbfolgekrieg im Frieden von Rastatt zu Österreich gekommen waren, gegen Bayern einzutauschen. Theodor ebenfalls aus Arrondierungsgründen ist dem Tausch nicht abgeneigt. Der Kaiser lässt schon einmal vorsorglich österreichische Truppen in Niederbayern und in die Oberpfalz einrücken und verkündet: die bayerische Nation [ist] die nämliche, als wie die in den Erblanden, sie hat eine gleiche Sprache und besteht aus Deutschen. Mit der Einverleibung Bayerns hätte sich Osterreich eine Landbrücke zwischen Böhmen und Tirol gesichert und gleichzeitig zum Spannungsabbau die linke Rheinseite der Interessenssphäre Frankreichs überlassen.
In den Vorlanden rechnet man damit, am Ende in die Waagschale beim Länderschacher geworfen zu werden und ist mit Recht entsetzt. Der Freiburger Stadtrat schreibt an Maria Theresia: Die für unsere Landschaft schreckliche Nachricht hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet ... Und sollte dieses Unglück der endliche Lohn sein für alle die Anhänglichkeit, welche das Breisgau 400 Jahre hindurch mit niemals unterbrochener Treue erprobt hat ... Es wäre durch unsere Urkunden dazuthun, wie das Breisgau mit allerhöchst landesfürstlichen Zusicherungen, de non oppignorando, nec permutando, aut quovis modo alienando* versehen sei. [Bade82]. * weder verpfändet, oder vertauscht, noch irgendwie veräußert zu werden
Kartoffelkrieg oder Zwetschgenrummel
Die kleinen deutschen Fürsten und besonders auch die bayerischen Stände hatten schon lange mit Sorge beobachtet, wie der Kaiser Reichsinteressen hinter habsburgisches Hausmachtstreben zurückstellt. So weiß sich der Alte Fritz der Unterstützung der minderen Reichsstände sicher, als er im Gegenzug mit seinen Truppen in Böhmen einmarschiert und sich somit als Hüter der Reichsverfassung präsentiert. Natürlich geht es ihm nicht um das Reich, sondern um die Begrenzung der österreichischen Macht. So muss Joseph dem moralischen Druck der Stände und dem militärischen Druck Preußens nachgeben. Nach nur kleineren Scharmützeln kehren die aufmarschierten Truppen heim und erzählen in Preußen begeistert vom Kartoffelkrieg und in Österreich vom Zwetschgenrummel. Die Benennung Kartoffelkrieg soll daher rühren, dass sich die Preußen während der Kampagne in Ermanglung anderer Verpflegung von unreif ausgebuddelten Kartoffeln ernährten. Ob die Österreicher damals wirklich nur von reifen oder nicht ungestraft von unreifen Zwetschgen lebten, ist nicht überliefert. Die Bayern haben heute längst vergessen, dass es einst die Preißen worn, die einen Anschluss des Freistaats an Österreich verhinderten.
Ganz vergeblich war der Zwetschgenrummel für Österreich allerdings nicht, denn im Frieden von Teschen tritt Kurfürst Karl Theodor den Habsburgern das niederbayrische Inntalviertel ab, wo gut zweihundert Jahre später ein gewisser Adolf Hitler das Licht der Welt erblickt. Bei den neuen österreichischen Untertanen regt sich heftiger Unmut.
Unter den annektierten Bayern kursiert ein Vater unser gerichtet eigenartigerweise nicht gegen Joseph II., sondern gegen Maria Theresia als Landesfrau. In dem Gedicht wird ausgerechnet der Preuße Friedrich II. als Erlöser herbeigesehnt, der die ursprüngliche Herrschaft Karl Theodors wiederherstellen möge:
Wohl nicht wegen des Gedichts, sondern zur Vereitelung weiterer territorialer Expansionen Österreichs schließt Friedrich II mit Sachsen und Hannover das Drei-Kurfürsten-Bündnis, dem später andere Stände beitreten. Dieser Fürstenbund weckt patriotische Gefühle, so als Christian Friedrich Daniel Schubart an den Preußenkönig die Aufforderung richtet: Sey unser Führer Friedrich Hermann! Er wolt's. Da ward der deutsche Bund. Der aber will nicht, denn Friedrich denkt auch in seinen späten Jahren nie an das Reich, sondern nur an die Vergrößerung der preußischen Hausmacht.
Joseph als Reformer
Rastlos schneidet Joseph alte Zöpfe ab mit dem Ziel einer Vereinheitlichung der Verwaltung in den habsburgischen Besitzungen zu einer fortschreitenden Zentralisierung und Absolutierung der Macht. So fällt in Vorderösterreich das adelige Gerichtsbarkeitsprivileg der Judicum Primae Instantiae zu Gunsten einer ersten Instanz der staatlichen Rechtspflege mit folgender zweistufiger Appellationsmöglichkeit. In Freiburg werden die Zünfte von der städtischen Mitverwaltung ausgeschlossen.
Zu den aufklärerischen Errungenschaften gehört auch seit 1772 eine mildere Zensur: keine Kritiken, sie mögen treffen, wen sie wollen, vom Landesfürsten an bis zum untersten Untertan, sind fortan zu verbieten, besonders wenn der Verfasser seinen Namen nennt und sich dadurch für die Wahrheit seiner Sache als Bürgen darstellt; denn es muss jedem Freund der Wahrheit einen Freude sein, wenn ihm solche auch auf diesem Wege zukommt [Baum07]. Dies führt an der Universität zur Gründung des Freymüthigen einer philosophisch liberalen Zeitschrift, um verkannte Wahrheiten zu verbreiten, schädliche Vorurteile, aberbläubische Torheiten und Mißbräuche zu bestreiten; Menschenliebe und Duldung allgemeiner zu machen, überhaupt zur Aufklärung des Verstandes und Besserung des Herzens beizutragen [Baum07]. Während im fernen Göttingen Georg Christoph Lichtenberg urteilt: Nach den jetzigen Zeitläuften ist der Freimütige allein eine Universität wert [Baum07], bemüht sich der konservative Klerus vergeblich um ein Verbot dieser Repräsentation von Gottlosigkeit und Aufruhr [Quar02].
Auch Maria Theresia ist so gar nicht einverstanden, wenn sie ihrer Tochter Antonia nach Frankreich schreibt: Allenthalben beginnt der Geist des Widerspruchs einzureißen. Das ist eine Errungenschaft unseres aufgeklärten Zeitalters. Es preßt mir manchen Seufzer aus. Die allgemeine Sittenverderbniß, die Gleichgiltigkeit genen Alles, was unsere Religion betrifft, der Hang zum Erwerbe, Genusse und Vergnügen ist die Ursache des Übels [Bade82].
Das passt ins Weltbild der Monarchin denn bereits 1773 hatte Maria Theresia die Aufhebung des Jesuitenordens durch Papst Clemens XIV. bedauert: Es tut mir leid. Ich finde bei den Jesuiten mehr Fähigkeiten, weniger Skandale und sehr viel mehr Eifer als bei den anderen [Kage81]. In Freiburg fallen die Kolleggebäude des Ordens an die Universität und das Jesuitenschlössle in Merzhausen wird verkauft.
Nach dem Tode seiner Mutter im Jahre 1780 geht der nun alleinherrschende Joseph II. noch einen Schritt weiter und führt eine allgemeine Säkularisation in den gut katholischen habsburgischen Landen durch, frei nach dem Motto: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Er begründet dies mit den Worten: Jene Orden können Gott nicht gefällig sein, die sich nicht mit Krankenpflege und Jugenderziehung beschäftigen, also dem Nächsten ganz und gar unnütz sind. Der Dichter Papa Gleim kritisiert den Kaiser: Da sitzen auf unseren hohen Schulen die grundgelehrten Männer und gaffen den Papst und den Kaiser an, keiner aber stellt den lesteren zur Rede über seine Verletzung des Eigenthums, über sein Einziehen der geistlichen Güter zur weltlichen Kammer, und keiner weiß ihm's zu sagen, wie er's anfangen sollte mit dem vicario Christi [Bade82].
Tempi passanti!
Rom versteht die Habsburger, das Bollwerk gegen Ketzerei und Protestantismus, nicht mehr. Papst Pius VI. nimmt 1782 persönlich den beschwerlichen Weg nach Wien auf sich, um Joseph II. ins Gewissen zu reden. Doch der Kaiser geht diesmal nicht nach Canossa. Stattdessen ruft er selbstbewusst aus: Tempi passanti!*. Der französische Aufklärer d'Alembert kommentiert in einem Brief an Friedrich den Großen den Gang des Papstes nach Wien: Ich wünschte, Gregor VII. und Heinrich IV. könnten Zeugen dieses Schauspiels und der Fortschritte sein, welche die Vernunft seit siebenhundert Jahren getan hat [Müll01]. Von 1772 bis 1774 werden 78 Klöster aufgehoben und 7354 Mönche und Nonnen müssen hinaus in die Welt. Bereits 1783 erzielt Wien aus dem Verkauf der Immobilien samt Inventar einen Gewinn vom 15 Millionen Goldgulden. Und da nun Joseph einmal beim Reformieren ist, reduziert er die kirchlichen Feiertage auf nur noch siebenundzwanzig pro Jahr und legt alle Kirchweihfeste in seinem Reich auf einen einzigen Tag zur Kaiserkirmes zusammen [Schi89]. *Die Zeiten sind vorbei!
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Der alte Alte Fritz
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In Freiburg fällt von Greiffenegg die Aufgabe der Säkularisation zu. Zunächst hebt der Regierungsrat 1782 die Kartause Johannisberg und das Klarissenkloster beim Rathaus auf. Aus dem Franziskanerkloster und der zugehörigen Martinskirche wird 1784 eine zweite Stadtpfarrei, während die Franziskaner ins Augustinerkloster umziehen müssen. Die Augustinermönche dagegen dienen von nun an als Hilfsgeistliche an der neuen Stadtpfarrei oder bekleiden Pfarrstellen in der Umgebung der Stadt [Kalc06].
Beim Antritt seiner Herrschaft hatte Josef verkündet: In einem Reiche, das ich regiere, muss – nach meinen Grundsätzen beherrscht – Vorurteil, Fanatismus, Parteilichkeit und Sklaverei verschwinden, damit jeder meiner Untertanen in den Genuss seiner angeborenen Freiheiten eingesetzt werden kann [Frie09[. In der Tat Josephs Sorge, die Wohlfahrt seiner Staaten zu vermehren, kennt keine Grenzen. Daher kommt es, dass seine Regierung schier jeden Tag sich durch neue Verordnungen auszeichnet, so seufzt ein Verehrer des Kaisers [Kage81]. Und doch ist Joseph II. als Reformer nur eine verspätete Konkurrenz für Preußen. Friedrich der Große verspottet gar den Kaiser als Bruder Sakristan, als der versucht, die Ausbildung der Geistlichkeit und das religiöse Leben seiner Untertanen in allen Einzelheiten zu regeln.
Germanien, sey stolz auf deinen Kayser!
Im Jahre 1781 erlässt Joseph am 13. Oktober 1781 das österreichische Toleranzpatent, mit dem die bürgerliche Gleichheit der christlichen Konfessionen ausgesprochen wird, wenn es auch den Protestanten nur eine eingeschränkte Religionsausübung erlaubt: Ihre Bethäuser dürfen keine Türme, Glocken und Straßeneingänge haben. Am 1. November schiebt der Kaiser das Leibeigenschafts-aufhebungspatent nach, welches die Leibeigenschaft in österreichischen Landen abschafft. Da lobt ihn sogar die evangelische Presse: Germanien, sey stolz auf deinen Kayser! Unter seinem Schirme brach der Gottesstrahl der Aufklärung durch den größten Umkreis deiner katholischen Staaten [Schm99].
Im katholischen Breisgau nimmt die Bevölkerung das Toleranzpatent mit Unruhe auf, wenn auch Kardinal Rohan, Bischof von Straßburg die Befolgung des Edikts empfiehlt. Die vorderösterreichische Regierung und der Konsess bezweifeln den Nutzen der kaiserlichen Anordnung: Wir hoffen zwar so wenig, als gewiß es wir nicht wünschen, daß es in unserm durchaus noch rein katholischen Vaterland jemals an die Notwendigkeit kommen werde, dergleichen Maßregeln zu ergreifen. Da aber der Eindruck entsteht, die Zahl der Protestanten in den österreichischen Ländern vermehre sich als Folge des Toleranzpatents rasant, fügen die Vorderösterreicher noch hinzu: Hiernach ist sich also bei allenfalls vorkommenden, in unserm rein katholischen Breisgau aber noch sehr entfernt scheinenden Fällen genauest zu achten [Goth07]. Immerhin muss der Kaiser am 1. Juni 1782 gegen das Gerede, das Edikt fordere zum Abfall von der katholischen Kirche auf, mit einem energischen Protest vorgehen.
Jene Offiziere wollten nur dem Monarchen einen schmackhaften Weihrauch streuen
Eine der letzten großen Reformen Josephs ist sein Versuch, 1786 mit der Konskription eine allgemeine Wehrpflicht einzuführen. Misstrauen wegen der eigenartigen Auswahl der Rekruten kommt bei den Bauern auf: Jene Offiziere wollten nur dem Monarchen einen schmackhaften Weihrauch streuen. Alle Krüppel, Untauglichen, befreiten Personen hätten sie ohne Unterschied genommen, denn die jungen Bauernsöhne, die sich am bedrohtesten fühlen, fliehen in die nahe Schweiz [Goth07]. Als der Kaiser im Jahre 1789 von den Landständen am Oberrhein ein zusätzlichen Bataillon Reiterei von 400 Mann fordert, ergeht eine energische Beschwerde nach Wien, in der nicht nur der Verzicht auf das Batallion Reiter, sondern auf die Konskription überhaupt gefordert [wird], denn sie sei kostspielig, verhasst, mache das Volk, dem sie einen wahren Schrecken einjage, feige und lasse es flüchten, verfehle also auch ganz ihren Zweck. Die Formulierung des Papiers benötigt seine Zeit und so fügen die oberrheinischen Protestler nach Ausbruch der französischen Revolution der Beschwerde eine kaum verschleierte Drohung an: Sie, die Obrigkeiten würden freilich selber dieser zuerst zum Opfer fallen; durch die Dürftigkeit des Volkes sei hier der Boden für die Revolution mehr als anderwärts bereitet; die Ansteckung aus dem Elsaß finde fortwährend statt; man wisse, was in den Niederlanden geschehen sei, es bedürfe nur eines Funkens, und dieser sei die Forderung des Kavallerie=Bataillons [Goth07].
Alles ist düster, niemand ist traurig
Josephs großes Vorbild war zwar populärer als Joseph, wurde aber auch nicht geliebt: Friedrich der Große stirbt am 17. August 1786 in Potsdam, doch niemand ist bekümmert, wie der französische Graf Mirabeau in sein Tagebuch schreibt: Kein Gesicht, das nicht ein Gefühl der Erleichterung und der Hoffnung ausdrückte, nicht ein Bedauern, nicht ein Seufzer, nicht ein Lob. Mirabeau liefert die Erklärung gleich mit: Dahin also führen die vielen gewonnenen Schlachten, der hohe Ruhm, eine beinahe ein halbes Jahrhundert währende Regierung, voll kriegerischer Großtaten? Alle Welt sehnte ihre Ende herbei, alle Welt beglückwünschte sich dazu [Krol02].
Im gleichen Jahr hatte Joseph seine aufklärerische Mission wie folgt interpretiert: Jeder Untertan erwartet von seinem Herren Schutz und Sicherheit, darum obliegt es dem Monarchen, die Rechte seiner Untertanen festzusetzen und ihre Handlungen so zu leiten, dass sie dem allgemeinen Wohle und dem Einzelnen zum Besten gereichen. Da wundert es ein wenig: Warum wird Kaiser Joseph von seinem Volke nicht geliebt? fragt der Wiener Schriftsteller Joseph Richter und liefert die Antwort gleich mit: Kaiser Joseph hat so viele Feinde, weil er Reformator ist, weil jede Reform Missvergnügen machen muss und weil selbst ein Engel vom Himmel, wenn er als Reformator zu und Menschen herabstiege, Feinde in Menge haben würde [Frie09
Am 20. Februar 1789 stirbt Joseph II. und die Badener reagieren nicht anders als die Preußen auf den Tod ihres Herrschers: Die Beschwerden zusammengefasst stiegen endlich fast zur Unerträglichkeit und eine allgemeine mißmutige Niedergeschlagenheit beklemmte die Herzen [Goth07]. Die Universität bestimmt den Protestanten Johann Georg Jacobi zum Trauerredner. Goethes Urteil über Gedächtnisreden passt auch hier: Es ist das Unglück Josephs, der anders war als andere, weil er anders sein musste, dass hinterher einer kommt, der beweist: Er war wie andere gute Leute auch. Tatsächlich drückt Jacobi in der Trauerrede seine ganz persönliche Dankbarkeit aus, wenn er feststellt: Ich war einer der ersten, an denen der aufgeklärte Monarch tätig bewies, daß er entschlossen sei, verjährte Vorurteile zu verbannen und die mit der echten Religion verschwisterte Duldung neben sich auf den Thron zu setzen [Goth07].
Der Stadt Freiburg wider ihren Willen aufgedrungener lutherischer Friseur
Nach Josephs Tod erreicht die große Beschwerdeschrift der Landstände seinen Bruder und Nachfolger Leopold II. in Wien. Eine der erhobenen Klagen richtet sich gegen die oktroyierte religiöse Toleranz: Der Breisgau sei zur Zeit der Religionsunruhen durch den mächtigen Schutz de Erzhauses vor den Irrtümern bewahrt geblieben, die in den angrenzenden Ländern eingerissen seien; er habe das Glück gehabt, seither ohne die mindeste Abänderung rein katholisch zu verbleiben. So zähle man auch im ganzen Breisgau nicht nur keinen Ort, sondern auch mit alleiniger Ausnahme eines erst im Jahre 1788 der Stadt Freiburg wider ihren Willen aufgedrungenen lutherischen Friseurs keinen Bürger in den Städten, noch einen Untertan in den Dörfern, der nicht katholisch wäre [Goth07]. Neben dem Friseur hätten sie auch die Berufung des Protestanten Jacobi an die katholische Universität Freiburg erwähnen können. Zwar schraubt Leopold in den Zeiten des revolutionären Aufbegehrens viele Reformen seines Bruders Joseph zurück, doch kommt er der Forderung der Stände nach Aufhebung des Toleranzpatents nicht nach, denn das hätte bedeutet, nur Katholiken Bürger- und Untertanenrecht im Breisgau zu gewähren..
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This page was last updated on 01 September, 2010