Freiburgs Geschichte in Zitaten

1848/49 oder die gescheiterte Revolution

 

Der Ruf nach Freiheit und Einheit

 

 Der Ruf nach Freiheit und Einheit in den deutschen Landen nie verstummt er ganz, wenn auch der Augenarzt und ehemalige Burschenschaftler Alexander Pagenstecher in seinen Erinnerungen pessimistisch feststellt: Das Gefühl einer vaterländischen Politik [war] schlafen gegangen, die Erinnerung an die Befreiungskriege, in den höchsten Regionen schon lange mißliebig, war auch im Volke in den dunkelsten Hintergrund getreten. Nur auf den Universitäten, bei den Epigonen der alten Burschenschaftler, wurde noch die Kultur der deutschen Einheit und Freiheit, hier und da im Geheimen getrieben [Schä02]. Heine mault in seinem Pariser Exil:

 

Franzosen und Russen gehört das Land,
Das Meer gehört den Briten,
Wir aber besitzen im Luftreich des Traums
Die Herrschaft ist unbestritten [Loew02].
 

Und weiter:

Als ich auf dem Sankt Gotthard stand,
Da hört ich Deutschland schnarchen;
Es schlief da unten in sanfter Hut
Von sechsunddreißig Monarchen.

 

Heine sieht wie viele vor und nach ihm in der gemeinsamen Sprache die Grundlage einer deutschen Einheit: Diese Schriftsprache [Luthers] herrscht noch immer in Deutschland, und gibt diesem politisch und religiös zerstückelten Lande eine literärische Einheit ... Alle Ausdrücke und Wendungen, die in der lutherschen Bibel stehn, sind deutsch, der Schriftsteller darf sie immerhin noch gebrauchen; und da dieses Buch in den Händen der ärmsten Leute, so bedürfen diese keiner besonderen gelehrten Anleitung, um sich literarisch aussprechen zu können. Dieser Umstand wird, wenn bei uns die politische Revolution ausbricht, gar merkwürdige Erscheinungen zur Folge haben. Die Freiheit wird überall sprechen können und ihre Sprache wird biblisch sein [Hein34].

 

 

Großherzogtum Baden: Zahmheit bringt nichts ...

 

Das Streben nach Freiheit artikuliert sich in Baden besonders eindrücklich, obgleich oder gerade weil das Land über die liberalste Verfassung in Deutschland verfügt, die Großherzog Karl am 29. August 1818 drei Monate vor seinem Tod seinen Untertanen oktroyiert hatte. Es ist die häufige Missachtung der Grundrechte durch die Obrigkeit, die Unruhe schürt und zur Bildung demokratischer Freischaren und Vaterländischer Vereine führt. Die Nichtbestätigung der Wahl des Liberalen Karl von Rotteck zum Freiburger Bürgermeister im Jahre 1833 durch die Landesregierung in Karlsruhe ist noch in der Erinnerung vieler.

 

Um die Einhaltung der Verfassung zu erzwingen, regt der Mannheimer Gerichtsadvokat und badische Abgeordnete der Zweiten Kammer des Landtags Friedrich Hecker eine Steuerverweigerung an. Als ihm seine Parlamentskollegen darin nicht folgen wollen, legt er sein Mandat nieder.

 

Heckers Kollege Karl Mathy ruft frustriert aus: Da die Zahmheit nichts gebracht hat, ist es an der Zeit, daß man es mit der Wildheit probiert, aber sie darf sich nicht auf den Ständesaal allein beschränken [Hein98].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Flugblatt mit den
13 Forderungen des Volkes

 

Mathy liegt mit seiner Bemerkung voll im Trend, denn unzufrieden mit den Liberalisierungsfortschritten in Baden ist auch der Mannheimer Rechtsanwalt Gustav von Struve. Er entwickelt im Januar 1847 in einem Brief an den Redakteur der republikanischen Zeitung Seeblätter in Konstanz Joseph Fickler die Idee zu einem Treffen der entschiedenen Freunde der Verfassung wohl am besten [in] Offenburg als dem Mittelpunkt des Landes. Die Stadt bietet sich als Treffpunkt an, sie ist schnell zu erreichen, denn bereits seit 1844 gibt es eine Eisenbahnverbindung mit Heidelberg und Mannheim und die Strecke über Freiburg nach Süden in Richtung Basel erreicht 1847 Schliengen [Gall07].

 

Im Offenburger Wochenblatt liest man folgende Einladung:

 

 

Offenburg: Struve und Hecker die treibenden Kräfte im Ghztm

 

Und so treffen sich am 12. September 1847 in Offenburg die entschiedenen Verfassungsfreunde aus ganz Baden in der Gaststätte Salmen zu einer Volksversammlung. Der Strom von Menschen aller Klassen, Handwerksgesellen, Hausknechte, Fuhrleute, Bauernknechte und auch Frauen reißt nicht ab, bis sich rund 900 Teilnehmer im Ballsaal drängen. Struves Frau Amalia erinnert sich: Mit der innigsten Theilnahme wohnte ich dieser Versammlung bei. Sie machte auf alle Anwesenden einen umso tieferen Eindruck, je größer und allgemeiner die Besorgniß war, die Regierung möchte dieselbe verbieten. Unter  dem Jubel der versammelten Tausende zogen die Männer des Volkes ein ... Nichtsdestoweniger war der Festsaal dicht als möglich mit Männern, aus allen Theilen des Landes angefüllt. Die Gallerien waren von den Frauen eingenommen [Gall07].

 

 

 

Oben: Hecker mit Hut and friends. Links von ihm stehend Gustav von Struve, der 1847 auf sein von verzichtet. Er trägt die Bluse (frz. Blouse), Fuhrmannskittel, leinenes oder baumwollenes Überhemd, in Frankreich das Kleid der sog. arbeitenden Klassen, 1830 in Belgien und 1848 in Frankreich die Tracht der Revolutionäre, daher in Deutschland von Hecker und andern republikanischen Affen ebenfalls angelegt [Herd57].

 

 

Höhepunkt der Versammlung bildet eine Rede Heckers, in der er 13 Forderungen des Volkes vorträgt. Im ersten Abschnitt seiner Ausführungen verlangt er die Wiederherstellung der von der Regierung so häufig verletzten Badischen Verfassung und beschäftigt sich anschließend mit der Weiterentwicklung der Rechte des Volkes. Auf Flugblättern verbreitet finden die Forderungen den Weg bis nach Berlin:

 

Die Forderungen des Volkes

Unsere Versammlung von entschiedenen Freunden der Verfassung hat stattgefunden. Niemand kann derselben beigewohnt haben, ohne auf das Tiefste ergriffen und angeregt worden zu sein. Es war ein Fest männlicher Entschlossenheit, eine Versammlung, welche zu Resultaten führen muß. Jedes Wort, was gesprochen wurde, enthält den Vorsatz und die Aufforderung zu thatkräftigem Handeln. Wir nennen keine Namen und keine Zahlen. Diese thun wenig zur Sache. Genug, die Versammlung, welche den weiten Festsaal füllte, eignete sich einstimmig die in folgenden Worten zusammengefaßten Besprechungen des Tages an:

Die Forderungen des Volkes in Baden:

I. Wiederherstellung unserer verletzten Verfassung

Art. 1. Wir verlangen, daß sich unsere Staatsregierung lossage von den Karlsbader Beschlüssen vom Jahr 1819, von den Frankfurter Beschlüssen von 1831 und 1832 und von den Wiener Beschlüssen von 1834. Diese Beschlüsse verletzen gleichmäßig unsere unveräußerlichen Menschenrechte wie die deutsche Bundesakte und unsere Landesverfassung.

Art. 2. Wir verlangen Preßfreiheit; das unveräußerliche Recht des menschlichen Geistes, seine Gedanken unverstümmelt mitzutheilen, darf uns nicht länger vorenthalten werden.

Art. 3. Wir verlangen Gewissens- und Lehrfreiheit. Die Beziehungen des Menschen zu seinem Gotte gehören seinem inneren Wesen an, und keine äußere Gewalt darf sich anmaßen, sie nach ihrem Gutdünken zu bestimmen. Jedes Glaubensbekenntniß hat daher Anspruch auf gleiche Berechtigung im Staate.

Keine Gewalt dränge sich mehr zwischen Lehrer und Lernende. Den Unterricht scheide keine Confession.

Art. 4. Wir verlangen Beeidigung des Militärs auf die Verfassung. Der Bürger, welchem der Staat die Waffen in die Hand gibt, bekräftige gleich den übrigen Bürgern durch einen Eid seine Verfassungstreue.

Art. 5. Wir verlangen persönliche Freiheit.

Die Polizei höre auf, den Bürger zu bevormunden und zu quälen. Das Vereinsrecht, ein frisches Gemeindeleben, das Recht des Volkes sich zu versammeln und zu reden, das Recht des Einzelnen sich zu ernähren, sich zu bewegen und auf dem Boden des deutschen Vaterlandes frei zu verkehren - seien hinfürö ungestört.

 

II. Entwickelung unserer Verfassung

Art. 6. Wir verlangen Vertretung des Volks beim deutschen Bunde. Dem Deutschen werde ein Vaterland und eine Stimme in dessen Angelegenheiten. Gerechtigkeit und Freiheit im Inneren, eine feste Stellung dem Auslande gegenüber gebühren uns als Nation.

Art. 7. Wir verlangen eine volksthümliche Wehrverfassung. Der waffengeübte und bewaffnete Bürger kann allein den Staat schützen.

Man gebe dem Volke Waffen und nehme von ihm die unerschwingliche Last, welche die stehenden Heere ihm auferlegen.

Art. 8. Wir verlangen eine gerechte Besteuerung. Jeder trage zu den Lasten des Staates nach Kräften bei. An die Stelle der bisherigen Besteuerung trete eine progressive Einkommensteuer.

Art. 9. Wir verlangen, daß die Bildung durch Unterricht allen gleich zugänglich werde. Die Mittel dazu hat die Gesammtheit in gerechter Vertheilung aufzubringen.

Art. 10. Wir verlangen Ausgleichung des Mißverhältnisses zwischen Arbeit und Capital. Die Gesellschaft ist schuldig die Arbeit zu heben und zu schützen.

Art. 11. Wir verlangen Gesetze, welche freier Bürger würdig sind und deren Anwendung durch Geschwornengerichte.

Der Bürger werde von dem Bürger gerichtet. Die Gerechtigkeitspflege sei Sache des Volkes.

Art. 12. Wir verlangen eine volksthümliche Staatsverwaltung. Das frische Leben eines Volkes bedarf freier Organe. Nicht aus der Schreibstube lassen sich seine Kräfte regeln und bestimmen. An die Stelle der Vielregierung der Beamten trete die Selbstregierung des Volkes.

Art. 13. Wir verlangen Abschaffung alle Vorrechte.

Jedem sei die Achtung freier Mitbürger einziger Vorzug und Lohn.

Offenburg, 12. September 1847

 

Zusammen mit seinem Freund Hecker adressiert Struve an die Deputierten zu Carlsruhe eine Kurzfassung der dringlichen Forderungen:

 

1. Volksbewaffnung mit freien Wahlen der Offiziere
2. Unbedingte Preßfreiheit
3. Schwurgerichte nach dem Vorbilde Englands
4. Sofortige Herstellung eines teutschen Parlaments
[Haum01].

 

Diese letzte Forderung bringt der liberale Abgeordnete Friedrich Daniel Bassermann als Antrag auf die Bildung einer deutschen Nationalvertretung am 12. Februar 1848 in der Zweiten, der Ständekammer des badischen Parlaments ein.

 

 

Georg Herwegh

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ehepaar Marx zu Besuch beim kränkelnden Heine

Paris: Georg Herwegh

 

Auch in anderen Teilen Deutschlands nährt die Knebelung von Freiheitsbestrebungen durch rückwärtsgewandte Obrigkeiten aufrührerische Gedanken. Bereits um 1843 hatte der Dichter Georg Herwegh im preußischen Berlin ein Gedicht geschrieben frei  nach Goethes Wiegenlied: Schlafe, was willst du mehr?

 

Deutschland - auf weichem Pfühle
Mach dir den Kopf nicht schwer!
Im irdischen Gewühle
Schlafe, was willst du mehr?

 

Lass jede Freiheit dir rauben,
Setze dich nicht zur Wehr,
Du behältst ja den christlichen Glauben:
Schlafe, was willst du mehr?

 

Und ob man dir alles verböte,
Doch gräme dich nicht zu sehr,
Du hast ja Schiller und Goethe:
Schlafe, was willst du mehr?

 

Dein König beschützt die Kamele
Und macht sie pensionär,
Dreihundert Taler die Seele:
Schlafe, was willst du mehr?

 

Es fechten dreihundert Blätter
Im Schatten, ein Sparterheer;
Und täglich erfährst du das Wetter:
Schlafe, was willst du mehr?

 

Kein Kind läuft ohne Höschen
Am Rhein, dem freien, umher:
Mein Deutschland, mein Dornröschen,
Schlafe, was willst du mehr?

 

Weil die Beamten ihren Brötchengebern treu ergeben sind, die Presse sich nicht traut, weil sie nicht darf, und von Revolutionären sans culottes diesseits des Rheins nichts zu sehen ist, formuliert Herwegh später seinen Gedanken noch ein wenig schärfer:

 

Brich du o Hass die Ketten
Und wo es noch Tyrannen gibt
Die lasst uns keck erfassen
wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen

 

Mit solchen Versen gewinnt der Dichter das Herz der schönen Berlinerin Emma Siegmund. Wegen dieser und anderer Schriften, welche die revolutionäre Stimmung des Vormärz in Deutschland ausdrücken, müssen die Brautleute fliehen zunächst in die Schweiz. Schließlich findet das junge Paar in Paris eine neue Heimat in gemeinsamer Wohnung mit Karl und Jenny Marx, die Georg von seiner Arbeit bei der Rheinischen Zeitung kennt. Die Herweghs werden Freunde von Pierre-Jean de Béranger, Franz LisztGeorge Sand und dem Emigranten Adalbert von Bornstedt  der 1848 Anfang März die Deutsche Demokratische Gesellschaft als Sammlungsbewegung aller Deutschen, die aus politischen Gründen Deutschland verlassen mussten, gründet.

 

In Paris lebt aber auch Heine, der über seinen erzwungenen Aufenthalt in Frankreich schon 1840 geschrieben hatte: Wer das Exil nicht kennt, begreift nicht, wie grell es unsere Schmerzen färbt, und wie es Nacht und Gift in unsere Gedanken gießt. Ist das der Grund, weshalb er nun Herweghs revolutionäre poetische Ergüsse viel zu zahm findet und ihn in einem Gedicht Die Tendenz: verspottet?

 

Deutscher Sänger! sing und preise
Deutsche Freiheit, dass dein Lied
Unsrer Seelen sich bemeistre
Und zu Taten uns begeistre,
In Marseillerhymnen Weise.

 

Girre nicht mehr wie ein Werther,
Welcher nur für Lotten glüht –
Was die Glocke hat geschlagen
Sollst du deinem Volke sagen,
Rede Dolche, rede Schwerter!

 

Sei nicht mehr die weiche Flöte,
Das idyllische Gemüt
Sei des Vaterlands Posaune,
Sei Kanone, sei Kartaune,
Blase, schmettre, donnre, töte!

 

Blase, schmettre, donnre täglich,
Bis der letzte Dränger flieht –
Singe nur in dieser Richtung,
Aber halte deine Dichtung
Nur so allgemein als möglich.

 

Hier hätte auch der Ausspruch Heines: Worte, Worte, niemals Taten, viel Gemüse, niemals Braten gepasst.

 

 

 

Im Vormärz

 

Am 24. Februar 1848 wird im Mutterland der Revolution der Bürgerkönig Louis Philippe gestürzt und die zweite Republik ausgerufen, ein Signal für Volkserhebungen in vielen Staaten Europas. So auch in den Ländern des Deutschen Bundes unter schwarz-rot-goldenen Fahnen, von denen der berühmte französische Historiker Jules Michelet so überschwänglich und romantisch schwärmt, als er diese Farben in der Pariser Kirche Madeleine bei der Totenfeier für die Gefallenen der Pariser Februarrevolution erblickt: Au bas, une chose retenait mes regards, tous les drapeaux des nations ... Jamais je n'avais vu le grand drapeau du Saint-Empire, de ma chère Allemagne noir, rouge et l'or, le sait drapeau de Luther, Kant, Fichte, Schelling et Beethoven. Je fus attendri et ravi ... Je m'en allait rêver, me disant que le peuple se fera par les fêtes, aura sa grande école dans les Fédérations, les Fraternités d'avenir [Kata48].

*Drunten fesselte mich der Anblick aller Fahnen der Nationen ... Niemals hatte ich die große Fahne des Heiligen Reiches gesehen, das meines teuren Deutschlands, schwarz, rot und gold, wie es heißt, die Farben Luthers, Kants, Fichtes, Schellings und Beethovens. Ich war gerührt und hingerissen ... Ich fing an zu träumen und sagte mir, das Volk wird  bei Festlichkeiten geschmiedet und wird seine hohe Ausbildung in Vereinigungen, den zukünftigen Brüderschaften. finden.

 

Ja, die Bürger in deutschen Landen wollen auch eine Revolution freiheitlich und national, doch mit dieser allgemeinen Beschreibung hört der gemeinsame Nenner bereits auf. Schon Goethe lässt in seinem Drama Herzog Alba auf Egmonts Frage, wer den Niederländern die Freiheit verbürgt, antworten: Freiheit ein großes Wort und fügt gleich hinzu: wer's recht verstände. Soll die deutsche Zukunft nun republikanisch oder beschränkt monarchistisch, föderalistisch oder zentralistisch, klein- oder großdeutsch aussehen. Soll es statt den Söldnern der Herrschenden ein echtes Volksheer oder nur Bürgerwehren geben. Neben radikalen Scharfmachern gibt es moderate Revolutionäre, die nach ein bisschen mehr Sozialem an den Industriestandorten, weniger Feudalismus auf den Dörfern oder mehr Durchblick bei der Justiz in den Städten trachten.

 

Der biedere deutsche Bürger, der in bescheidenem Wohlstand lebt, möchte keinen blutigen Umsturz, so wie ihn die Franzosen in ihrer sozialen Not einst 1789 vorgemacht hatten. Doch wäre es schön, wenn sich existierende Strukturen reformieren und mit ein wenig Preßfreyheit überpudern ließen. Allerdings wird in diesem Punkt selbst Heine zum Bedenkenträger: Das helle Licht der Preßfreiheit ist für den Sklaven, der lieber im Dunklen die allerhöchsten Fußtritte hinnimmt, ebenso fatal wie für den Despoten, der seine einsame Ohnmacht nicht gern beleuchtet sieht. So zerrissen präsentiert sich die revolutionäre Szene im Vormärz des Jahres 1848 in den deutschen Landen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Karl Theodor Welcker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prinz Wilhelm um 1848

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Feldmarschall
von Wrangel

Mannheim - Freiburg -Karlsruhe: Das deutsche Volk hat ein heiliges Recht
 und eine heilige Pflicht, eine freie Nation zu sein

 

Unter dem Eindruck der Ereignisse in Paris versammeln sich bereits am 27. Februar 1848 4000 Menschen in Mannheim. Sie nehmen die die 13 Forderungen des Volkes vom September des Vorjahres wieder auf und richten sie in einer Petition an die Zweite Kammer der Badischen Landstände. Um ihrem Anliegen Nachdruck zu verleihen, organisieren sie einen Volksmarsch nach Karlsruhe.

 

 In Freiburg kommen am 28. Februar 800 Personen im Haus Zur Tannen zusammen. Dieses aus dem Jahre 1460 stammende Haus in der Grünwälderstraße ist die Heimstatt der bürgerlichen Lesegesellschaft Harmonie, die  1835 von Karl von Rotteck und Carl Mez  als Abspaltung von der traditionellen Museumsgesellschaft gegründet worden, denn das Museum von 1807 war für die Liberalen ein Verein ohne politischen Biss geworden, der fast ausschließlich - in Anbetracht der repressiven Maßnahmen des Deutschen Bundes - auf das Privat-Gesellige ausgewichen war [Kort06], Außerdem hatten Mitglieder der Museumsgesellschaft ihre Kollegen Johann Georg Duttlinger und Karl von Rotteck anonym beschuldigt, auf die Stadt den Makel des Revolutionismus zu ziehen [Rödl98].

 

Hier im Haus Zur Tannen wählt die Versammlung einen Volksausschuss, stellt einen Katalog revolutionärer Forderungen zusammen und sendet damit eine Delegation nach Karlsruhe. Die Abordnung trifft rechtzeitig am 1. März in der Landeshauptstadt ein zu einer Versammlung vor dem Ständehaus mit 20000 Menschen, die für die Umsetzung der Forderungen des Volkes demonstrieren. Einige Demonstranten dringen in das Gebäude ein. Hecker verlangt die Beseitigung der Adelsprivilegien und die Befreiung der Bauern, somit die Aufhebung der Überreste des mittelalterlichen Feudalsystems.

 

Unter dem Eindruck dieser gewaltigen Demonstration knickt die Regierung ein und bewilligt Pressefreiheit, Geschworenengerichte und Bürgerbewaffnung. Jetzt will die Ständekammer nicht nachstehen und verabschiedet am 2. März eine Gesetzesvorlage zur Abschaffung der Reste des Feudalwesens, zur Verteidigung des Heeres auf die badische Verfassung und zur religiösen Gleichstellung von Angehörigen nichtchristlicher Bekenntnisse [Schw93]. Da glauben sich die badischen Liberalen schon am Ziel ihrer Wünsche. Das Parteiblatt die Deutsche Zeitung verkündet am 3. März: Die badische Revolution ist in friedlicher Weise ohne Verletzung der Gesetze vollendet worden [Enge05]. Allerdings nehmen sich die wirklichen Zugeständnisse des Entscheidungsträgers Großherzog Leopold recht bescheiden aus: eine Regierungsumbildung und die Ernennung des Liberalen Karl Theodor Welcker zum badischen Gesandten beim Bundestag in Frankfurt.

 

Als Abgeordneter der Zweiten Kammer hatte Welcker bereits 1831 einen Antrag zur Vervollkommnung der organischen Entwicklung des Deutschen Bundes zur bestmöglichen Förderung deutsche Nationaleinheit und deutscher staatsbürgerlicher Freiheit eingebracht. Er wird die damalige Erklärung der Badischen Zweiten Kammer: das deutsche Volk habe ein heiliges Recht und eine heilige Pflicht ... eine freie Nation zu sein, und sie will es sein, mit zum Bundestag nach Frankfurt nehmen [Kata02].

 

 

Berlin: Jetzt fehlt bloß noch die Guillotine!

 

Derweil kommt es an anderen Orten zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit.

 

Schon kurz nach seiner Thronbesteigung 1840 hatte Friedrich Wilhelm IV. (1840-1858) klargestellt: Ich fühle mich ganz und gar von Gottes Gnaden und werde mich so mit seiner Hilfe bis zum Ende fühlen … Glanz und List überlasse ich ohne Neid sogenannten konstitutionellen Fürsten, die durch ein Stück Papier dem Volke gegenüber eine Fiktion, ein abstrakter Begriff geworden sind. Ein väterliches Regiment ist deutscher Fürsten Art … [Wink00].

 

Friedrich Wilhelm IV.

 

Im Jahre 1847 nimmt der König in seiner Thronrede bei der Eröffnung des preußischen Landtags das Thema wieder auf: Nie und nimmer gebe ich zu, dass sich zwischen unseren Herr Gott im Himmel und dieses Land ein beschriebenes Blatt gleichsam als einen zweite Vorsehung eindränge [Wink00] und, dass es keiner Macht der Erde je gelingen soll, mich zu bewegen, das natürliche Verhältnis zwischen Fürst und Volk in ein konventionelles, konstitutionelles zu wandeln [Berh09]. Als ihn am 28. Februar 1848 die Meldung vom Sturz Louis-Philippes erreicht, kommentiert er knapp: Der Satan ist wieder los. Die Stimmung der Menschen in Preußen ist gereizt, haben sich doch nach schlechten Ernten die Preise für die Grundnahrungsmittel Getreide und Kartoffeln verdoppelt oder sogar verdreifacht. Es kommt vielerorts zu Brotunruhen und Hungerkrawallen.

 

Auch aus den Ländern des Deutschen Bundes treffen beunruhigende Neuigkeiten in Berlin ein. So am 1. März die Nachricht über die Gewährung der Pressefreiheit im Großherzogtum Baden. Als das Königreich Württemberg nachzieht, gibt am 3. März der Bundestag in Frankfurt unter dem Druck des Volkes grünes Licht: Es sei jedem Mitglied freigestellt, die Pressefreiheit einzuführen. Gegen die bedrohliche Entwicklung zieht die preußische Regierung massiv Truppen in Berlin zusammen. Immer häufiger kommt es in der aufgeladenen Atmosphäre der Hauptstadt zu Konfrontationen zwischen Soldaten und Bürgern, die mit Säbelhieben und durch Gewehrschüssen verletzt oder getötet werden. Als schließlich am 15. März die Nachricht von der Flucht Kanzler Metternichs aus Wien Berlin erreicht, befindet der König in seiner Potsdamer Residenz: Nu werd ick nach Berlin missen, damit se mir nich dort ooch dolle Streiche machen [Berh09]. Derweil kondensieren sich am 17. März die Proteste der Berliner Bevölkerung in vier Märzforderungen:  

 

1. Zurückziehung der militärischen Macht
2. Organisation einer bewaffneten Bürgergarde
3. Pressefreiheit
4. Einberufung des Vereinigten Landtags

 

 Diese vier Punkte sollen am folgenden Tag als Sturmpetition im Rahmen einer Massendemonstration vor dem Stadtschloss vorgebracht werden [Pröv98]. Als der König sich am frühen Nachmittag des 18. März auf dem Balkon des Stadtschlosses der Menge zeigt und zu ihr spricht, brandet stürmischer, fast trunken zu nennender Beifall auf. Es fehlt aber nicht an Skeptikern. So fühlt der Student Paul Boerner: Was kümmerten in diesem Augenblick die königlichen Konzessionen, es waren leere Worte geworden, Phrasen [Berh09]. Das Volk verharrt auf dem Schlossplatz, wirkt auf den Monarchen zunehmend bedrohlich und so erteilt er dem Stadtkommandanten General von Prittwitz den Befehl, räumen zu lassen. Dabei lösen sich zwei Schüsse. Die Menge stiebt auseinander aufgeregt bis zur rasenden Wut, knirschend, bleich, atemlos. Verrat! Man schießt auf uns!

 

 

In Berlin: Auf den Barrikaden in der Breiten Straße

 

 

Als die Armee gegen das Volk vorrückt, toben in den Straßen Berlins blutige Barrikadenkämpfe. Vertraute beschwören den König, das Feuer einstellen zu lassen, doch Bruder Prinz Wilhelm - der spätere Kaiser Wilhelm I. (1871-1888) - widerspricht: Nein, das soll nicht geschehen, nimmermehr! Eher soll Berlin mit allen seinen Einwohnern zu Grunde gehen. Wir müssen die Aufrührer mit Kartätschen zusammenschießen! Nach pessimistischen Meldungen seitens von Prittwitz‘ von der Straßenfront biedert sich der König an der Macht hängend mit einer Proklamation An meine lieben Berliner beim Volk an: Erkennt, Euer König und treuester Freund beschwört Euch darum, bei allem, was Euch heilig ist, den unseligen Irrtum! Kehrt zum Frieden zurück, räumt die Barrikaden, die noch stehen, hinweg, und entsendet an mich Männer, voll des echten alten Berliner Geistes, mit Worten wie sie sich Eurem König gegenüber geziemen, und ich gebe Euch Mein Königliches Wort, daß alle Plätze sogleich von den Truppen geräumt werden sollen [Berh09]. Pustekuchen! Als die lieben Berliner auf seinen Aufruf lediglich drei Barrikaden räumen, sieht Friedrich Wilhelm ein, dass mit militärischer Gewalt nichts gegen den Volksaufstand ausrichten ist. So heißt er die Truppen aus Berlin abrücken und bewilligt eine Bürgerbewaffnung. Auch unterzeichnet der König ein Pressegesetz, welches Meinungsfreiheit garantieren soll. Er spricht sich für eine konstitutionelle Verfassung aller deutscher Länder aus und ruft schließlich für den 2. April den Vereinigten preußischen Landtag ein. 

 

Seinem Bruder, inzwischen als Kartätschenprinz* beim Volk verhasst, befiehlt er, sofort nach London zu reisen, wo er unter dem Pseudonym Lehmann untertaucht. Derweil singen die Berliner Spottlieder auf ihn:

 

Schlächtermeister Prinz von Preußen
Komm doch, komm doch nach Berlin!
Wir wollen Dich mit Steinen schmeißen
Und auf die Barrikaden ziehn.

*der Freiheitskämpfer Max Dortu prägt diesen Beinamen, worauf er wegen Majestätsbeleidigung zunächst verurteilt, dann in einem Berufungsverfahren aber freigesprochen wird

 

Am folgenden Morgen werden die 183 toten Barrikadenkämpfer vor dem Deutschen Dom am Gendarmenmarkt aufgebahrt. Anschließend bewegt sich der Trauerzug zum Volkspark Friedrichshain dem Friedhof der Märzgefallenen. Als der Zug am Stadtschloss vorbeikommt, tritt der König auf den Balkon. Da verlangt das Volk von ihm lediglich: Hut ab! Erleichtert, dass der jammernde Ausruf seiner Frau Elisabeth: Jetzt fehlt bloß noch die Guillotine nicht zutrifft, zieht Majestät seine Militärmütze und verneigt sich vor den Gefallenen, die sein Bruder Wilhelm hatte zusammenkartätschen lassen. Männer voll des echten alten Berliner Geistes, die versuchen, ins Schloss zu kommen, wird beschieden, eure Forderungen sind erfüllt: Ooch dat Roochen? Ja, auch das Rauchen. Ooch im Dierjarten? Ja, auch im Tiergarten darf geraucht werden, meine Herren* [Wieg07b]. Das stört die Brüder Grimm, die Berlin an ihrem Deutschen Wörterbuch arbeiten oder besser sich verzetteln und in der Lennéstraße am Tiergarten wohnen, bei ihren Spaziergängen dort. Jeder geht, wie üblich, eigene, von Lenné geebnete Wege, auf denen ihnen zu ihrem Ärger manchmal Pfeifen- und Cigarrenraucher begegnen, obgleich nach kurzer Duldung das Rauchen im Tiergarten [erneut] verboten ist [Gras10].

*Rauchen in der Öffentlichkeit war vor dem 18. März 1848 in Preußen verboten.  

 

So schlägt die Stimmung spürbar um, denn als der König und seine Begleiter drapiert mit den Farben schwarz-rot-gold am 21. März hoch zu Ross durch Berlin reiten, jubeln ihnen Bürger und Aristokraten zu. As Friedrich Wilhelm an der Universität wendet vorbei kommt, wendet er sich an die Studenten: Ich trage die Farben, die nicht meine sind, aber ich will damit nichts usurpieren, ich will keine Krone, keine Herrschaft, ich will Deutschlands Einigkeit, ich will Ordnung, das schwöre ich zu Gott! Ich habe nur gethan, was in der deutschen Geschichte schon oft geschehen ist, daß mächtige Fürsten und Herzöge, wenn die Ordnung niedergetreten war, das Banner ergriffen und sich an die Spitze des deutschen Volkes gestellt haben, und ich glaube, daß die Herzen der Fürsten mir entgegenschlagen und daß der Wille des Volkes mich unterstützen werden [Berh09]. Am Abend setzt der König noch einen drauf und erlässt einen Aufruf an mein Volk und and die deutsche Nation: Ich übernehme heute die Leitung für die Tage der Gefahr ... Ich habe heute die alten deutschen Farben angenommen und Mich und Mein Volk unter das ehrwürdige Banner des deutschen Reiches gestellt. Preußen geht fortan in Deutschland auf [Wieg07b, Wink00].

 

Alles Volksverdummung. weiß der Historiker Sigismund Stern bereits 1850: Die riesigen schwarz-roth-goldenen Fahnen, welche alsbald von der Kuppel des königlichen Schlosses und anderen Gebäuden herniederwehten, und mit denen andern Tages jedes Haus geschmückt war, wurden zum Blendwerk des Volkes und zur täuschenden Hülle für die geheimen Pläne der Reaction, bis diese stark genug war, offen mit derselben hervorzutreten [Dipp98]. Tatsächlich schreibt der König sich entschuldigend an seinen Bruder Wilhelm: Die Reichsfarben musste ich freiwillig aufstecken, um Alles zu retten. Ist der Wurf gelungen, so lege ich sie wieder ab.

 

Am 16. Oktober 1848 ist es dann soweit. Friedrich Wilhelm lässt den Belagerungszustand über die Stadt verhängen. Feldmarschall Friedrich von Wrangel (Papa Wrangel) steht mit seinen Soldaten vor Berlin und wartet nur auf den Befehl zum Einmarsch. Am 10. November zieht er mit seinen Truppen durchs Brandenburger Tor. Die Bürgerwehr wird entwaffnet, die Versammlung der Volksvertreter aufgelöst. Seit dem 14. November herrscht in der Stadt das Kriegsrecht. Am 5 Dezember oktroyiert Friedrich Wilhelm dem preußischen Volk eine, seine Verfassung [Goer06]. Schließich kehrt Prinz Wilhelm aus seinem Londoner Exil nach Berlin zurück. Als er die Straße Unter den Linden hinunterreitet, begrüßt ihn die Menge: Da kommt Lehmann! [Fisc06].

 

 

Verklärter Marx. Portraitstudie am
Marx-Engels-Denkmal
 in Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Robert Blum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wien: Die Märzrevolution hat das Volk gemacht

 

Für den Vielvölkerstaat Österreich sind revolutionäre Erhebungen existenzbedrohend, da sich in den nichtdeutschen Gebieten soziale Unzufriedenheit mit nationalistischen Autonomiebestrebungen mischt. Ausgelöst durch die Pariser Ereignisse kommt es in den italienischen Provinzen zu offenem Aufruhr, die Ungarn melden Ansprüche auf eine Verfassung und Selbstständigkeit an, die Tschechen zielen in ihrem Wenzelsbad-Programm auf Autonomie und in Galizien demonstriert die Landbevölkerung gegen die Feudallasten. Angesichts der bedrohlichen Lage an der Peripherie entwickelt sich die Revolution bei den bürgerlichen Kreisen in der Hauptstadt Wien recht zögerlich, doch dann entladen sich soziale Spannungen und das Proletariat aus den Industrievorstädten ergreift die Initiative.

 

Hermann Jellinek ein Wortführer der Revolution schreibt: Die Märzrevolution hat das Volk gemacht, der Pöbel, auf den die Bourgeoisie so stolz herabblickt, das Gesindel, welches der hohe Adel für Bestien erklärt. Die Märzrevolution war das große Werk der Volksmassen [Dipp98]. So kommt es, dass in Wien Bürgerwehr und Nationalgarde den Arbeitern gegenüberstehen, um bürgerliches Eigentum zu schützen. Karl Marx als Redakteur der Neuen Rheinischen Zeitung in Wien hatte bereits 1845 das Credo aller Revolutionäre veröffentlicht: Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern, ein Zitat, welches in der DDR in goldenen Lettern in der Eingangshalle der Berliner Humboldt Universität prangte. Jetzt sieht er in den blutigen Auseinandersetzungen den Beginn des Kampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Wie sollte er auch anders.

 

Die Beliebtheit des immer noch regierenden Metternichs in österreichischen Landen lässt sich an folgendem Gebet ermessen: Vater unser Metternich, der du bist in Wien, entheiliget werde dein Name, zu uns komme nie mehr Deine Regierung, der Wille der Unterthanen geschehe, wie in Ungarn, so auch in Steiermarck, Oesterreich, Böhmen, Mähren und Schlesien, gib uns ein größeres Brod, nicht nur für heute, sondern auch für immer, und vergib uns unser Schimpfen und Schelten, wie auch wir vergeben Dir die neue Anleihe, und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns durch Deine Millionen von allem Uibel, Amen.

 

Ein ähnlich böses Vater unser hatte das Volk bereits Maria Theresia gewidmet, und nun schickt es wegen der österreichischen Finanzpolitik noch ein aktuelles Ave Maria hinterher: Gegrüßest seist du Papiergeld, du bist voll des Betruges, der Kurs ist mit dir, du bist vermitleidet unter den Geldern, und vermaledeit ist der, der dich erfunden hat. Scheinheiliges Papiergeld, bitt für uns arme Unterthanen jetzt und in der Stunde unseres Leidens durch die Rinderzufuhr auf den Eisenbahnen, Amen [DHMB].

 

Der 74-jährige Metternich flieht am 13. März nach England und erinnert sich dabei schmerzlich seiner eigenen Worte: Die Zeit schreitet in Stürmen vorwärts, ihren ungestümen Gang gewaltsam aufhalten zu wollen, wäre ein eitles Unternehmen [Wieg07b].

 

Die Zeit jedoch arbeitet für die Konterrevolution. In den Provinzen zersprengen österreichische Truppen unter Feldmarschall Alfred, Fürst zu Windischgrätz im Juli einen nationalslawischen Kongress in Prag, Graf Josip Jellaci´c de Buzcim (auch ihm hat Johann Strauß Vater einen Marsch gewidmet) wirft einen Aufstand der Ungarn nieder, dieweil der 81-jährige General Joseph Wenzel Graf Radetzky von Radetz den Italienern bei Custozza seinen seinen Marsch bläst. Nach Beruhigung der Provinzen kann Feldmarschall Windischgrätz im Oktober frische Truppen nach Wien führen und dort die Revolution blutig niederschlagen. Auf beiden Seiten fallen etwa 7000  Menschen, Soldaten wie Revolutionäre. Anschließend werden die Anführer der Aufstände, so auch Hermann Jellinek, hingerichtet.  Der Abgesandte der Frankfurter National-versammlung Robert Blum wird, ohne auf seine Immunität als Abgeordneter Rücksicht zu nehmen, in seinem Hotel verhaftet und am 9. November standrechtlich erschossen. 

 

 

Robert Blum weist die
Augenbinde von sich

 

 

In einem Neuanfang übergibt der kinderlose Kaiser Ferdinand im Dezember in Olmütz seinem Neffen Franz Josef den Thron. Des neuen Kaisers selbstbewusstes WIR in seiner Proklamation, vom Volk spöttisch mit den Initialen der siegreichen Militärführer identifiziert, zeigt, dass die Reaktion auf der ganzen Linie gesiegt hat.

 

 

Joseph von Rotteck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Entschließung der Volksversammlung zu Offenburg

Heidelberg: Eine Deutsche Nationalversammlung als Ventil?

 

Bei einem Treffen führender Vertreter der deutschen Revolutionsbewegung am 5. März in Heidelberg beschließen die 52 Teilnehmer in Anwesenheit Struves und Heckers, neben dem Bundestag in Frankfurt für den 30. des gleichen Monats im Kaisersaal des Römers ein Vorparlament einzuberufen, welches die Wahlen für eine konstituierende Nationalversammlung vorbereiten soll.

 

Am 7. März löst in Freiburg der liberale Joseph von Rotteck den konservativen Friedrich Wagner im Amt des Bürgermeisters ab. Als Bonus bringt Joseph von Rotteck in die Freiheitsbestrebungen den großen Namen seines 1840 verstorbenen Onkels Karl ein.

 

Derweil nimmt der revolutionäre Druck auf den Deutschen Bundestag zu. Der erklärt am 9. März schwarz-rot-gold zu den deutschen Nationalfarben. Einige Revolutionäre sehen in diesem symbolischen Zugeständnis bereits den Anfang einer Liberalisierung. Doch die Wiener Zeitung Die Constitution schätzt in ihrer Ausgabe vom 20. März die politische Lage viel nüchterner ein: Noch sind wir ein Volk ohne Constitution, wir haben eine Preßfreiheit ohne Preßgesetze, eine Nationalgarde ohne definitive Organisation. Riesige Aufgaben müssen gelöst werden; denn alle Zweige der Gesetzgebung, der Verwaltung und der Besteuerung sind vom Grunde auf zu reformieren.

 

 

Offenburg: 34 Fürsten oder eine Republik?

 

Am 19. März versammeln sich etwa 20000 Menschen vor dem Rathaus in Offenburg. Von dem mit Fahnen geschmückten Balkon sprechen Hecker und Struve zu der Menge. Sie werfen der badischen Regierung vor, die Vertreter der 13 Forderungen des Volkes vom September des vergangenen Jahres mit Hochverratsprozessen verfolgt zu haben; dann unter dem Eindruck der Volksbewegung Anfang März den damaligen Forderungen zwar zugestimmt zu haben, aber mit deren verzögerter Umsetzung nur Zeit für die Rücknahme der Zugeständnisse bei nächster Gelegenheit gewinnen zu wollen. So beschließt:

 

Die Volksversammlung zu Offenburg

am 19. März 1848

Bereits unterm 12. September v. J. stellte die Versammlung zu Offenburg die Forderungen des Volkes fest.

Sie verlangte damals schon unter anderen namentlich eine volksthümliche Wehrverfassung, eine gerechte Besteuerung, Ausgleichung des Mißverhältnisses zwischen Arbeit und Kapital und Abschaffung aller Vorrechte. Die Regierung hat diesen Forderungen mit Hochverrathsprozessen, geantwortet, allein das Volk hat sie beim Zusammentritt des Landtages erneuert und nach dem gewaltigen Umsturze im Westen mit gesteigerter Kraft auf deren Erfüllung gedrungen. Diesem unwiderstehlichem Drange nachgebend, haben dieselben Regierungsmänner, welche die Redner der Offenburger Versammlung vom 12 September mit Hochverrathsprozessen verfolgt hatten, Zugeständnisse gemacht, deren Halbheit nur schlecht den Hintergedanken verhüllte, bei günstiger Gelegenheit, wie im den dreißiger Jahren, die abgedrungenen Zugeständnisse zurückzunehmen und in ihr Gegentheil zu verkehren.

Das Volk hat erkannt, daß die ihm zum Theil gewordenen Zugeständnisse nicht der staatsmännischen Einsicht und dem guten Willen der Machthaber, sondern den gewaltigen Bewegungen des Volkes, der äußeren Anregung der französischen Revolution und den Kundgebungen vom 1. und 2. März d. J. zuzuschreiben seien.

Jeder denkende Freund des Vaterlandes erkennt klar und deutlich, daß in den Pariser Februartagen nur der Anfang einer Völkerbewegung gemacht worden sei, welcher mit unabweisbarer Nothwendigkeit seine Fortsetzung in allen Staaten Europa's erlangen müsse.

Der Kampf der Volksherrschaft und der Einherrschaft hat begonnen. Deutschland, seit Jahrhunderten das große Schlachtfeld aller staatlichen und kirchlichen Kämpfe, wird auch jetzt wiederum den Zusammenstoß zwischen dem despotischen Nordosten und dem freigesinnten Südwesten Europa's am schwersten empfinden. Darum thut es Noth, daß unser Vaterland bei Zeiten eine feste Stellung seinen auswärtigen und inneren Feinden gegenüber einnehme.

Es verlangt daher vor allen Dingen:

Ein deutsches Parlament,

welches im Großen seine Verhältnisse nach Innen und Außen kräftig ordne und frei gestalte, und dessen erste Aufgabe sein wird, der deutschen Nationalität und Selbstständigkeit und Anerkennung zu verschaffen.

Was insbesondere unsere badenschen Angelegenheiten betrifft, so erklärt die Volksversammlung von Offenburg:

I. Mehrere Mitglieder der Regierung und der größte Theil der Beamten besitzen das Vertrauen des Volkes nicht, weil Einzelnen der gute Wille, Anderen die erforderliche Kraft fehlt. Das Volk kann kein Vertrauen in Männer setzen, welche vor wenigen Wochen noch als revolutionär bekämpften, was sie theilweise jetzt selbst zugestanden haben. Es läßt sich nicht täuschen durch das Vorschieben liberaler Persönlichkeiten. Anstößig ist dem Volke namentlich der Einfluß, welchen der Markgraf Wilhelm* seit langer Zeit auf die Staatsgeschäfte überhaupt und das Militärwesen insbesondere ausgeübt hat. Nicht minder anstößig ist ihm der Einfluß einiger Personen aus der nächstem Umgebung des Großherzogs, welche man mit dem Namen Camarilla zu bezeichnen pflegt.

II. Das Volk hat kein Vertrauen zu der ersten Kammer der Ständeversammlung, da dieselbe aus Privilegirten besteht, welche ihren Sonderinteressen das Wohl des Volkes stets geopfert haben. - Das Volk verlangt Abhülfe gegen diesen Uebelstand vermittelst einer Revision der Verfassung.

III. Das Volk hat kein Vertrauen zu einer großen Anzahl der Mitglieder der zweiten Kammer, da dieselbe durch Wahlbeherrschung und Wahlverfälschung unter dem Einfluß der Censur und der Polizei gewählt wurden, und sich als blinde Werkzeuge in den Händen jeden Ministeriums erwiesen haben.. - Das Volk verlangt den Rücktritt der reactionären und gesinnungslosen Parthei der zweiten Kammer.

IV. Das Volk besitzt durchaus keine Bürgschaften für die Verwirklichung seiner Forderungen und die Begründung eines dauerhaften Zustandes der Freiheit. Es muß sich diese Bürgschaften selbst verschaffen:

Demzufolge bildet sich:

1) In jeder Gemeinde des badenschen Landes ein vaterländischer Verein, dessen Aufgabe es ist, für die Bewaffnung, die politische und sociale Bildung des Volkes, so wie für die Verwirklichung aller seiner Rechte Sorge zu tragen.

2) Sämmtliche Vereine eines Wahlbezirks bilden einen Bezirksverein, sämmtliche Bezirksvereine einen Kreisverein, die vier Kreisvereine einen Landesverein.

3) An der Spitze jedes dieser Vereine steht ein leitender Ausschuß.

4) Für jeden dieser Vereine bildet sich sofort eine Vereinskasse zur Bestreitung der nothwendigen Auslagen.

5) Alle Provinzen Deutschlands sollen aufgefordert werden, ähnliche Vereine zu bilden, und mit dem badenschen Landesvereine in freundschaftlichen Verkehr zu treten.

V. Das Volk verlangt von der Ständeversammlung, daß sie die entschiedensten Maßregeln treffe, um zu bewirken, daß die Regierung:

1) Sofort eine Verschmelzung der Bürgerwehr und des stehenden Heeres durchführe zum Behufe der Bildung einer wahren, alle waffenfähigen Männer umfassenden Volkswehr.

2) Alsbald alle Abgaben abschaffe, außer den Zollvereins=Abgaben und etwa der direkten Steuern, und ihre Ausgabe decke durch eine progressive Einkommen und Vermögensteuer.

3) Daß sofort alle Vorrechte, welchen Namen sie tragen, abgeschafft werden.

4) Daß ungesäumt die Schule von der Kirche getrennt werde.

Vorstehende Anträge wurden der Vollversammlung vorgelegt und von derselben mit nachfolgenden Abänderungen und Zusätzen mit überwältigender Stimmenmehrheit angenommen:

Zu I. wurde beschlossen, statt "mehrere Mitglieder der Regierung" zu setzen: der Präsident des Kriegsministeriums.

Zu II. wurde angenommen mit dem Zusatze: Das Volk will nur eine Kammer.

Zu V. 1) wurde angenommen mit der Abänderung, statt sofort: unverzüglich, oder auf der Stelle.

Zu V. 2) wurde angenommen mit dem Zusatze: wir wollen eine wohlfeile Regierung, Abschaffung der Apanagen und unverdienter Pensionen.

Zu V. 4) wurde angenommen, mit dem Zusatze: die Pfaffen haben zu viel, die Lehrer zu wenig. Wir wollen gerechte Ausgleichung dieses Mißverhältnisses.

Nachdem diese Beschlüsse gefaßt worden waren, wurden folgende Männer zu Mitgliedern des Central=Ausschusses gewählt:

1. Unterrheinkreis:

G, Struve von Mannheim.                            Bürgermeister Winter von Heidelberg.

Heinrich Hoff von Mannheim.                     Junghans von Mosbach.

2. Mittelrheinkreis:

Brentano von Bruchsal.                                Rehmann von Offenburg.

Bürgermeister Rée von Offenburg.              Schubert von Lahr.

3. Oberrheinkreis:

Kiefer von Emmendingen.                            Torret von Waldshut.

Rotteck von Freiburg.                                 Weißhaar von Lottstetten.

4, Seekreis:

Würth von Konstanz.                                   Bürgermeister Emmert von Möskirch.

Vanotti prakt. Arzt von Konstanz.                Grüninger von Donaueschingen.

Als Obmann:

Friedrich Hecker von Mannheim.

*Dritter Sohn Ghz Leopolds und Bruder des späteren Friedrich I.

 

Heftige Diskussionen in der Volksversammlung entbrennen über die nächsten zu unterhehmenden Schritte. So lässt Joseph Fickler, Redakteur der Konstanzer Seeblätter, in der Versammlung ein radikales Flugblatt mit dem Titel: 34 Fürsten oder eine Republik? verteilen. Darin liest man:

 

Die Last der Abgaben erdrückt das Volk; ein gedrücktes Volk aber ist nie frei. Und wenn seine Führer glauben, das Volk sei zufrieden mit den schönen Reden, wenn sie glauben, es lasse sich heute noch länger vertrösten und hinhalten, so wird es sich bald zeigen, daß sie sich irren, und daß das Volk sich von den bisherigen Führern trennt und auf eigene Faust handelt.

Wir werden unter der bisherigen Fürstenherrschaft also weder frei, noch einig, noch wohlfeil regiert sein. Darum Volk mahne deine Führer ernsthaft: Muth und Entschlossenheit zu zeigen oder handle selbst. Fort mit den Fürsten und ihrem Anhang; wir wollen uns selbst regieren, einig, frei und wohlfeil.

 Es lebe die Republik.

Offenburg, 19. März 1848

 

Da bekommen die Menschen Furcht vor radikalen Umwälzungen und möglichem Krieg und wagen nicht den Schritt zu einem republikanischen Umsturz [Gall07]. Deshalb setzt Struve seine Hoffnung für eine deutsche Republik auf das Frankfurter Vorparlament. Statt auf Landesebene das Volk zu einer Erhebung aufzufordern, versucht er, die Deputierten in Karlsruhe in Verhandlungen für seine Forderungen nach mehr Demokratie zu gewinnen, wenn möglich in einer Republik. Doch die Gespräche verlaufen zäh, denn auch in Baden ist das Lager der Erneuerer gespalten zwischen Anhängern einer konstitutionellen Monarchie und einer Republik.

 

 

Freiburg: Volksversammlung mit Anleitung zur Flaggenherstellung

 

In Freiburg wird am 23. März im Hinblick auf eine Volksversammlung am 26. März zur Beflaggung der Innenstadt mit den deutschen Farben aufgerufen, wobei vor lauter Eifer in der Anleitung zur Fahnenherstellung die Reihenfolge der Farben mit gold-roth-schwarz umgedreht wird (Heute noch vielfach im Ausland vor Hotels und ähnlichen Einrichtungen zu beobachten). So weht auch bald vom Münsterturm die Fahne der deutschen Freiheit

 

Einladung zur Flaggenverzierung in Freiburg nebst Anleitung zur Herstellung von gold-roth-schwarz

 

Karl Mez Freiburger Fabrikant, Stadtrat und zukünftiger Abgeordneter der National-versammlung, und Carl von Rotteck junior, Sohn des großen Karl von Rotteck und Vetter des Freiburger Bürgermeisters Joseph von Rotteck, eröffnen die mit 25000 Teilnehmern größte Volksversammlung in Baden. Als Hauptredner verkündet Struve persönlich die Offenburger Forderungen nach den Grundrechten, die er noch einmal in folgendem Flugblatt zusammenfasst hat:

 

Die Beschlüsse der Offenburger Volksversammlung vom 19. März 1848 haben den kräftigen Wiederhall gefunden, nicht blos im ganzen badischen, sondern auch im gesammten deutschen Vaterland. Dieselben haben den Grund gelegt zu einer freiheitlichen Organisation des deutschen Volkes. Die blutigen Ereignisse, welche an dem Tage selbst, da das badische Volk in Offenburg die Angelegenheiten Deutschlands berieth, und welche daher von demselben damals nicht in Erwägung gezogen werden konnten, stattfanden, bilden einen neuen Beweis von der blutdürstigen Unterdrückungswuth deutscher Tyrannen, und der erschöpften Geduld des deutschen Volkes. Auch die Wiener Ereignisse waren am 19. März noch nicht in dem Maße bekannt, wie am heutigen Tage.

 

Diese großartigen Ereignisse, welchen gegenüber die Unthätigkeit und theilweise sogar die verkehrte Thätigkeit unserer badischen Regierung in einem sehr trüben Licht erscheint, machen es dem Volke zur ernsten Aufforderung, auf der zu Offenburg betretenen Bahn rüstig vorwärts zu schreiten.

 

Das Volk verlangt Bürgschaften, daß ähnliche Schlächtereien, wie sie zu Wien, und in noch schrecklicherem Maße zu Berlin stattfanden, sich nicht wiederholen können. Diese Bürgschaften werden ihm nur zu Theil werden, wenn das zu erwartende deutsche Parlament die Zustände Deutschlands von Grund aus verbessert.

 

Das deutsche Volk begnügt sich nicht mit einem neuen Flecke auf dem alten Kleide deutscher Einherrschaft. Es will nicht, daß der neue Wein des deutschen Volkes in seinen alten Schläuchen verbleibe, diese zersprenge, ausfließe und zu Grunde gehe, es verlangt daher vor allen Dingen, daß das deutsche Parlament:

 

I. Die von demselben zu entwerfende neue Verfassung Deutschlands auf den Grundlagen der föderativen Republik (des republikanischen Bundesstaats) feststelle, und durch eine Reihe von Gesetzen, welche ganz Deutschlands gemeinsam umfassen, allen gerechten Forderungen des Volkes genüge leisten.

 

Das Volk verlangt von dem zu erwartenden deutsche Parlamente:

 

II. Daß dasselbe unter den vielen Gegenständen, welche neu zu gestalten sein werden, vor allen Dingen:

1) die Verschmelzung der Bürgerwehr und des stehenden Heeres zum Behufe der Bildung einer wahren, alle waffenfähigen Männer umfassenden Volkswehr;
2) die Preßfreiheit;
3) das Schwurgericht;
4) gleiche Berechtigung aller Bürger ohne Unterschied des Glaubens anordne,

überwache und leite.

 

III. Zu den mannigfaltigen Forderungen, welche das deutsche Volk aller Orten aufstellt, fügt dasselbe folgende hinzu: Das Volk verlangt:

1) Sicherstellung der persönlichen Freiheit durch ein besonderes Gesetz ("habeas corpus-Akte") -
3) Vollständige Trennung der Kirche vom Staate und insbesondere Uebertragung und Führung der bürgerlichen Standesbücher an die weltlichen Behörden.
3) Freigebung der Wahl der Geistlichen und Bürgermeister.
4) Augenblickliche Aufhebung aller, auf der Benützung von Flüssen und Straßen ruhenden Abgaben, sowie Aufhebung sämmtlicher, die verschiedenen Theile Deutschlands trennende Zollschranken.
5) Sofortige Erleichterung des Nothstandes der arbeitenden Klassen und des Mittelstandes, und vorzüglich Hebung des Handels, des Gewerbestandes und der Landwirthschaft.

Die bisherigen ungeheuern Civillisten, Apanagen, die unverdienten und zu hohen Besoldungen und Pensionen, die mannigfaltigen Stiftungen und die jetzt brach liegenden Besitzungen vieler Körperschaften, sowie die Domänen des Landes bieten dazu reiche Mittel.

 

IV. Das Volk erkennt in der Verwirklichung der zu Offenburg beschlossenen Organisation vaterländischer Vereine die kräftigste Bürgschaft für die Begründung eines dauerhaften Zustands der Freiheit und erwartet von der Vaterlandsliebe aller Deutschen, daß sie diese Organisation rasch und kräftig verwirkliche.

 

Diese Vorschläge wurden von der Versammlung mit Jubel begrüßt und alle fast einstimmig zum Volksbeschlusse erhoben. Von der Volksversammlung zu Freiburg wurden ferner die in Offenburg gewählten Männer des Central-Ausschusses für den allgemeinen Volksverein bestätigt.

 

Im Rausche der Begeisterung genehmigt die Versammlung auf dem Münsterplatz einen Brief an den preußischen König, worin Struve Friedrich Wilhelms Verhalten in den Märztagen als königlicher Schauspieler und Bürgertöder brandmarkt.

 

 

Paris: Französisches Volk, wir gehen Hand in Hand mit dir

 

Nach dem Sturz des Bürgerkönigs Louis Philippe waren auch die etwa 8000 aus deutschen Landen nach Paris emigrierten Handwerksburschen und anderen politischen Flüchtlinge aktiv geworden. Der Sieg der Demokratie für ganz Europa ist entschieden. Gruß und Dank vor allem dir, französisches Volk. In drei großen Tagen hast du mit der alten Zeit gebrochen und das Banner der neuen aufgepflanzt für alle Völker der Erde … Die Stimme des Volkes hat zu den Völkern gesprochen und die Völker sehen der Zukunft freudig entgegen. An die Entwicklung in der Heimat, vor allem an die in Baden denkend, fährt er fort: Deutschland ist bereits in seinen tiefsten Tiefen erregt und wird und kann in dem begonnen Kampfe nicht zurückbleiben, dem es längst durch den Gang seiner geistigen Entwicklung mit vorgearbeitet hat. Die Freiheit bricht sich Bahn, ... Französisches Volk, wir gehen Hand in Hand mit dir [Sieb08].

 

Die Emigranten von jenseits des Rheins wählen Herwegh zum Anführer einer Deutschen Democratischen Legion. Unter der schwarz-rot-goldenen Fahne und der Trikolore ziehen sie am 19. März von der Madeleine zur Plaine de Monceau, demonstrieren für ein freies deutsches Vaterland. Mit Maueraufklebern bittet die Société démocratique allemande um Waffen: Déposer les armes 64 rue Montmartre au bureau central des Républicains allemands et chez M. Georges Herwegh, 13 boulevard des Capucines [Kata48]. Als sie ihrer Meinung nach genügend beieinander haben, formieren sich etwa 7000 Mann in fünf Bataillonen und marschieren ab dem 26. März in Richtung Straßburg, um ihren Landsleuten jenseits des Rheins bei den bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit beizustehen.

 

Bei seiner Abreise von Paris bittet Herwegh: Französisches Volk, die einzige Hilfe, die wir von dir erwarten, ist, dass du beiseitebleibst [sic!] und uns deinen Beifall kundgibst, wenn wir von den Zinnen eines durch deutsche Hände eroberten Deutschlands herab zu dir sagen können: es lebe die Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit! Da ist sie wieder, die Furcht vor einem Einfall des Erbfeindes ins Reichsgebiet.

 

 

 

 

Straßburg: Sozialistisches Raubgesindel

 

Die Reaktion jenseits der Grenze lässt nicht auf sich warten. Einerseits wird, um den Bürger zu schrecken, in der Presse bereits am 26. März, als die Legion noch tief in Frankreich steht, verbreitet, dass sozialistische Raubgesindel sei brennend und plündernd über die Rheingrenze nach Baden eingefallen. Andererseits reisen zwei Abgesandte der badischen Regierung nach Straßburg und bieten den Legionären eine Amnestie an. Herwegh berichtet: Auf den Ölblättern, welche beide Boten zierlichst entgegentrugen, stand in großen Lettern auf dem Einen Amnestie, auf dem Andern: Schleswig-Holstein [Kapp06].

 

 

 

 

Frankfurt: Vom Vorparlament zur Nationalversammlung

 

Am 30. März versuchen 574 Herren, die in Frankfurt zur Sitzung des Vorparlaments eingetroffen waren, vergebens, im zu kleinen Kaisersaal am Römer Platz zu nehmen. Deshalb ziehen sie am 31. März in die größere Paulskirche. Schon drei Tage später beschließt das Vorparlament freie Wahlen zu einer Deutschen Nationalversammlung, die sich ebenfalls in Frankfurt konstituieren soll.

 

Freiburg: Das Vaterland richtet seine fragenden Blicke auf Euch

 

Am 7. April kursiert ein in Freiburg herausgegebenes revolutionäres Flugblatt des Kreisausschusses der Vaterlandsvereine, dem Carl von Rotteck junior vorsteht. Darin werden die Männer des Oberrheinkreises aufgefordert, es denen im Seekreise (Konstanz) gleichzutun und sich zu bewaffnen [Rödl03]:

 

Ihr Männer aus dem Oberrheinkreise!

Die Stunde der Entscheidung naht heran; das Geschick unseres Vaterlandes beginnt zu reifen; darum seid auf Eurer Hut, bedenkt, was auf dem Spiele steht; jetzt oder nie! In wenigen Tagen schon wird Euch der Dienst des Vaterlandes rufen, legt alles andere bei Seite, damit Ihr diesen Rufe folgen könnet ...

Der Seekreis (Konstanz) steht bereits unter Waffen; die ganze männliche Bevölkerung aller Stände vom 18ten bis zum 55ten Jahr, wohlgerüstet und exercirt seit vielen Wochen, ist entschlossen zu marschiren ...

Werdet Ihr diese wackren Männer aus dem Seekreise zurückstoßen, wenn sie Euch den Handschlag bieten? Sie zählen auf Euch, das Vaterland richtet seine fragenden Blicke auf Euch und Ihr werdet antworten, wie es Männern geziemt.

Freiburg, den 7. April 1848.

Der Kreisausschuß für den Oberrheinkreis.

 

 

Frankfurt: Zieht mit uns, statt leeres Stroh in Frankfurt zu dreschen

 

Nach ihrer Wahl ziehen am 18. Mai unter Glockenläuten und Kanonendonner 585 Volksvertreter aus ganz Deutschland in die Frankfurter Paulskirche ein: Der laute Vivatruf des Volkes mischte sich mit dem der Stadtwehr, aus allen Fenstern wurden Tücher geschwenkt, und große schwarz-roth-goldne Fahnen wehten zur Feier des Tages aus den meisten Häusern der Stadt [Momm02].  Auf dieser Nationalversammlung ruht die ganze Hoffnung der deutschen Demokraten. Heinrich Laube, Schriftsteller und Abgeordneter aus Leipzig erinnert sich: Der Ort wimmelte, die Straßen summten von unternehmender Jugend, von kräftigen Menschen, welche handeln wollten.

 

Mitglieder der Nationalversammlung
ziehen in die Paulskirche ein

 

Ohne Umschweife konfrontiert Struve die Abgeordneten mit seinen Maximalforderungen: Die Monarchien sollen zu Gunsten einer föderativ gegliederten Republik abgeschafft werden. Er verlangt die Bewaffnung des Volkes und dafür die Abschaffung der stehenden Heere. Statt des Berufsbeamtentums und der Privilegien des Adels, des Klerus und der Reichen fordert Struve eine aktive Sozialpolitik. Wie zu erwarten, stimmen die versammelten Abgeordneten über solche Extrema gar nicht erst ab.

 

Auch den Vorschlag Heckers, das Parlament als dauerhaftes Revolutionsorgan einzurichten, schmettern die versammelten Volksvertreter mit Zweidrittelmehrheit ab. Jetzt kann, wie Hecker meint, nur noch der bewaffnete Aufstand helfen. Moderate Abgeordnete versuchen ihn zu bremsen, doch er bezeichnet sie nur als Halbmäuler [Kort] und ruft ihnen zu:  Zieht mit uns, statt leeres Stroh in Frankfurt zu dreschen.

 

 

 

 

 

Friedrich Hecker

 

 

 

Emma Herwegh

 

 

 

Konstanz: Der Heckerzug

 

Der Historiker Georg Gottfried Gervinus (einer der Göttinger sieben Professoren) sieht voraus, dass, wenn die Paulskirchenversammlung ihre anfängliche Dynamik nicht beibehält, die Reaktion die Oberhand gewinnen wird. Die Ereignisse in Berlin und Wien geben ihm recht, und auch Hecker weiß, dass die Zeit gegen ihn arbeitet. So ruft er am 12. April in Konstanz die Republik aus und das Volk im Namen einer provisorischen Regierung zu einer bewaffneten Erhebung auf. Die Bodenseestadt bietet sich an, denn dort ist die Atmosphäre gespannt, seit am Morgen des 8. April ausgerechnet der liberale Karl Mathy - bis Mai 1849 badischer Staatsrat und Minister ohne Geschäftsbereich - eigenmächtig und ohne richterliche Anordnung den Redakteur der Seeblätter Joseph Fickler aus dem Zug in Karlsruhe hatte verhaften lassen. Mathy wollte zeigen dass die Regierung allen Umsturzplänen entgegentritt, doch zieht er sich mit der Verhaftung Ficklers nur den Zorn und die Verachtung aller radikalen Demokraten zu und verschärft die politische Lage.

 

Derweil wirbt Hecker unermüdlich auch mit dem Hinweis auf die hellen Haufen des Bauernkrieges Freiwillige für seinen revolutionären Heckerzug, doch entgegen der Behauptung auf dem Freiburger Flugblatt sind dessen Teilnehmer schlecht ausgebildet und –gerüstet [Kieß02]. Viele Männer führen statt Gewehren nur Sensen mit sich. Zwei kleine, aus dem Dreißigjährigen Krieg stammende Kanonen sind die einzig schwere Bewaffnung der Republikaner.  

 

Zu Pferd, zu Esel, zu Fuß sucht derweil Emma Herwegh Heckers Spuren und gelangt nach Zell. Ein Wirt meint: Er soll in Lörrach oder Kandern sein … Ich hatte mich nicht getäuscht. Schon eine halbe Stunde weit blitzten uns die Wachtfeuer entgegen [Kapp06]. Sie meldet Hecker, dass die Deutsche Demokratische Legion aus Paris an den Ufern des Rheins angekommen sei: Die Armeen der Fürsten umgeben Euch von allen Seiten; schätzt Euch glücklich, daß auch eine Armee der Freiheit in Eurer Nähe steht [Wals99]. Hecker dagegen fürchtet, dass diese Hilfe als ausländische Einmischung gewertet wird, obgleich Emma ihm versichert, die angekündigte Legion bestehe nur aus Deutschen. Als sie auf eine Entscheidung drängt windet Hecker sich: So sagen sie Herwegh, rufen könne ich ihn nicht, aber wenn er kommen wolle, und recht bald und in recht großer Anzahl, soll mir’s lieb sein [Kapp06].

 

Tod General Gagerns

 

Bei Kandern auf der Scheideck treffen die badischen Republikaner auf hessischen Truppen. Als deren Kugeln an die Sensen anschlugen, sprangen die Sensenmänner davon und werden in die Flucht geschlagen. Zwar fällt der kommandierende General Friedrich Balduin Freiherr von Gagern in der Schlacht, doch Hecker sieht die Revolution als gescheitert an, zumal sich im Volk bald das Gerücht verbreitet, Gagern sei gezielt hinterrücks erschossen worden. Hecker flieht zunächst in die Schweiz und wandert im Herbst 1848 in die Vereinigten Staaten aus, wo er in hohem Alter als Farmer in St. Louis, Missouri stirbt.

 

 

Freiburg: Blutige Ostern 1848

 

Der Freiburger Professor der Chirurgie Karl Hecker erhält einen Brief seines Bruders aus Basel, in dem dieser über die Niederlage seiner schlecht ausgerüsteten Revolutionäre gegen übermächtige Regierungstruppen und seine Flucht in die Schweiz berichtet. Nun sieht auch Carl von Rotteck die Erhebung als gescheitert an und rät am Karsamstag den Teilnehmern einer Volksversammlung auf dem Karlsplatz, nach Hause zu gehen. Die Volkswehr und die vielen auswärtigen in der Stadt versammelten Freiheitskämpfer halten Heckers Niederlage jedoch für ein Gerücht. Sie hoffen auf das Eintreffen einer angekündigten Freischar unter Franz Sigel*, sammeln sich unter den Rufen Içi, par içi! und wollen weiterkämpfen. Unter großem Jubel wählen die Männer schließlich den Turner und Candidaten der Medizin Georg von Langsdorff zu ihrem Kommandanten, der sogleich in der Stadt umherreitet und dabei zündende Reden hält.

*Sigel ist ein ehemaliger Leutnant der badischen Armee. Wegen eines Duells musste er 1848 seinen Dienst quittieren.

 

Unterdessen zieht die badische Regierung eigene und hessische Truppen zusammen. Bald sind es 6000 Mann, auch Kavallerie und Artillerie, die unter dem direkten Kommando des Kriegsministers Friedrich Hoffmann stehen. Besorgt verrammeln die etwa 1500 in Freiburg versammelten Freischärler in der Osternacht die Stadttore mit Barrikaden und erwarten dringend den angekündigten Entsatz durch die 5000 Mann unter dem Kommando Franz Sigels, die aus Richtung Horben kommend auf die Stadt vorrücken.

 

Kokarde der Freiheitskämpfer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Umbenennung des Platzes am Schwabentor 1978 durch die linke Szene
in Erinnerung an die Erhebung von 1848

Am 23. April dem Ostersonntag beginnen die Regierungstruppen, den Ring um Freiburg enger zu ziehen. Georg von Langsdorff steigt auf den Münsterturm und schaut verzweifelt nach der anrückenden Hilfe für die eingeschlossenen Freischärler aus. Stattdessen beobachtet er durch sein Fernrohr, wie laufend frische nassauische Bundestruppen mit schweren Waffen per Bahn am neuen Freiburger Bahnhof eintreffen. Auf der Suche nach Gleichwertigem stürmen die Revolutionäre gegen vier Uhr nachmittags das städtische Zeughaus und erbeuten vier Kanonen, doch die dazugehörige Munition findet sich nicht.

 

 Derweil zieht eine Abordnung der Volkswehr in Richtung Horben, um nach dem Verbleib von Sigels Freischaren zu schauen. Bei Günterstal treffen sie auf eine Vorhut von etwa 300 Mann unter Struve, dem sie sogleich berichten, dass die Stadt fest in der Hand der Aufständischen sei.

 

Jetzt prescht Struve gegen ausdrücklichen Befehl Sigels mit seiner kleinen Mannschaft in Richtung Freiburg vor. Doch auf dem Wege beim Jägerbrunnen trifft die Vorhut auf überlegene Regierungsstreitkräfte. Da reitet der ehemalige badische Artillerieoffizier Kuenzer auf die Regierungstruppen zu und fordert die Soldaten auf, nicht auf deutsche Brüder zu schießen, sondern sich den Revolutionären anzuschließen. Minister Hoffmann herrscht Kuenzer an: Fort du Hund! Nach nur kurzem Gefecht fallen 3 Soldaten und 20 Freischärler, was bei diesen eine Massenflucht auslöst.

 

Erst am 24. April, dem Ostermontag, marschiert Sigel mit einem ihm verbliebenen treuen Rest von rund 400 müden und ausgehungerten Revolutionären von Günterstal durch die Wiehre zum Schwabentor.  In einem letzten Aufbäumen versuchen seine Männer, den Belagerungsring zu durchbrechen und die Aufständischen in der Stadt zu entsetzen. Von Güthersthal machten wir eine Art Dauerlauf berichtet Theodor Mögling einer der Führer: Man sagte uns, beim Schwabenthor können wir jedenfalls noch in die Stadt eindringen. Da plötzlich zeigten sich links und im Rücken von uns feindliche Tiralleure und Kavalleristen, auch sahen wir zur gleichen Zeit, wie eine dunkle Masse von beiden Seiten den Durchgang durch das Thor verschloß - die Gewehre blitzen, und unser Schar wurde von einem heftigen Rottenfeuer empfangen [Pfan06]. Im mörderischen Feuer der Regierungstruppen fliehen die Angreifer in alle Richtungen. Wenigen darunter Sigel gelingt es, in die Stadt zu kommen und sich dort zu verstecken.

 

Nach dem Zerschießen der Barrikaden stürmen am Nachmittag die Regierungstruppen Freiburg. Henriette Feuerbach, die Stiefmutter des Malers Amselm Feuerbach macht ihre Beobachtungen in der Nähe des Schwabentors: Wer auf der Straße war, wurde gefangen oder niedergemacht, wer an den Fenstern sich zeigte, erschossen. Das dauerte vier Tage; aus den Kellern herauf, zu den Fenstern heraus wurden sie gezogen. Alle Häuser durchsucht [Haum01].

 

 Die Freiburger Zeitung schreibt über diese und die weiteren Ereignisse in ihrer Ausgabe vom Osterdienstag, dem 25. April 1848:

Freiburg, 24. April.

Unter dem Eindruck der Erlebnisse des gestrigen und heutigen Tages vermögen wir keine Zeitung zu schreiben, und vermöchten wir's, so würden wir nicht das Setzer= und Druckerpersonal zusammenbringen, welches erforderlich wäre, sie zu setzen und zu drucken. Wir beschränken uns daher auf folgende Notizen: Seit gestern ist unsere Stadt im förmlichen Kriegszustand gewesen. Eine bedeutende Zahl Republikaner der Umgebung hielten sich seit der Volksversammlung von vorigem Samstag hier auf. Sie tyrannisirten förmlich die Bürgerschaft; der Schrecken herrschte. Gestern morgen [am Ostersonntag] wurden die Thore verbarrikadirt. Das Militär hatte die Stadt umzingelt. General Hoffmann hatte die Erklärung abgegeben, wenn die Barrikaden nicht bis 4 Uhr nachmittags weggeschafft wären, so werde er sie  wegzubringen wissen.

 

Die Bürgerschaft war auf dem besten Wege, die Ordnung wiederherzustellen, da ertönte plötzlich der Ruf: Die Freischaaren kommen! Und wirklich erschienen die unter Siegel's Führung gesammelten Schaaren auf den Höhen des Schwarzwaldes, und alsbald in der Nähe der Stadt am Sternenwald gegen Günterthal zu.

 

Ostern 1848: Barrikade am Predigertor

 

Nun begann ein Gefecht zwischen den Bundestruppen und den Freischaaren, welch letzteren ihre Gesinnungsgenossen von der Stadt aus zu Hilfe eilten und das Militär im Rücken beunruhigten. Das Gefecht dauerte von 4 Uhr Nachmittags bis 7 Uhr. Da schwiegen die Kanonen und das Kleingewehrfeuer, und die Truppen zogen sich zur Seite.

 

 Nun folgte die angstvollste Nacht, die seit lange über Freiburg gekommen ist. Heute Morgen [am Ostermontag] ertönte in allen Straßen der Generalmarsch und alsbald ging das Feuer wieder an. Der größte Theil der Freischärler von außen schien sich in die Stadt hineingezogen haben. Die Thore der Stadt wurden von 9 Uhr bis 10 Uhr mit Kanonen beschossen, wo das Bundesmilitär, das durch Nassauer, die mit dem ersten Bahnzug ankamen, verstärkt worden war, den Eingang erzwang. - Es ist eine Menge Blut vergossen worden, die Feder sträubt sich, die Scenen aufzuzeichnen, die wir während dieser zwei Tage erlebt haben. Wir verzichten im Voraus darauf mit dem Bemerken, daß wir auch ferner es Anderen überlassen wollen, diese Vorgänge zu beschreiben.

 

Nur das fügen wir noch bei, daß das Militär Meister geblieben ist, daß die Freischaaren zersprengt sind, und daß militärische Macht in nächster Zeit die Zügel unserer Stadt in den Händen halten wird.

 

Es war ein blutiges Osterfest Anno 1848 zu Freiburg ...

 

Doch wo sind Georg Herweghs Freiheitskämpfer geblieben? Von Straßburg aus fuhren sie den Rhein aufwärts und erreichen am Ostermontag den 24. April deutschen Boden in der Höhe von Müllheim ... zu weit weg, zu spät! Da nützt es auch nichts, dass Emma Herwegh mit der Pistole in der Hand an der Seite ihres Mannes kämpft. Die Deutsche Democratische Legion wird am 27. April bei Dossenbach vernichtend geschlagen. Herwegh sucht wie Hecker Zuflucht in der Schweiz. Dort schreibt er 1850 seinen Bericht: Viertägige Irr- und Wanderfahrt mit der Pariser deutsch-demokratischen Legion in Deutschland und deren Ende durch die Württemberger bei Dossenbach.

 

Ende des ersten Versuchs einer Demokratisierung!

 

 

Flüchten aus wirrer Zeit ...

 

Die Revolution musste scheitern, denn sie fand keinen Widerhall im Biedermeierbürgertum. In der trüben, pessimistischen Stimmung und der Trostlosigkeit jener Tage kommt das folgende Gedicht zustande:

 

Wer möchte nicht gern flüchten
Aus dieser wirren Zeit,
Und möchte nicht entrinnen
Der wüsten Wirklichkeit?

Wie ist die Welt zerrissen
In Hader und in Zank,
Die Ordnung wild zerrüttet,
Die ganze Welt ist krank.

Drum zieh' dich in dein Inn'res
In dein Gemüt zurück,
Dort blühet dir noch einzig
Dein selbstgeschaffnes Glück!

Drum laß' es draußen toben,
Ob alles wankt und fällt,
Du baust dir im Gemüte
Ja doch die schönste Welt.

 

Viele Menschen fallen in stumpfe Resignation. Sie verzichten, an dem  Versuch zur Besserung der  politischen und sozialen Lage mitzuwirken, da alles wankt und fällt [Maye94].

 

Die offizielle Seite möchte jede Erinnerung an die Revolution auslöschen. Als badische Soldaten ihren gefallenen Kameraden auf dem Alten Friedhof in Herdern einen schlichten Gedenkstein mit der Inschrift: Zur Erinnerung an die am 24. April 1848 bei dem Sturm auf Freiburg Gefallenen von ihren Waffengefährten errichten, muss der Stein auf großherzogliche Weisung gedreht werden,  damit die Inschrift vom Wege aus nicht einzusehen ist.

 

Im 2. Reich galt die Revolution von 1848 sogar als undeutsche Entgleisung und nicht geschichtswürdig, wenn der schon so häufig zitierte Verfasser einer Freiburger Geschichte Joseph Bader 1882 schreibt: Nachdem es seit der Offenburger Volksversammlung und noch bewegter seit dem Ausbruche der französischen Februar=Revolution im Lande Baden zu einer wachsenden Aufregung gekommen, brach endlich der unselige Aufstand von 1848 aus, über deren Verlauf man patriotisch beschämt gerne hinwegsieht [Bade82].

 

 

 

 

 

Auch nach der gewaltsamen Niederschlagung der Frühjahrsaufstände gärt es weiter in den deutschen Landen. Vor allem die langsame Arbeit der Nationalversammlung, der mit dem Wiedererstarken der Fürstenmacht die Zeit davonläuft, beunruhigt die fortschrittlichen Geister, die mehr action fordern. Deshalb schlägt Parlamentspräsident Heinrich von Gagern vor, eine provisorische Zentralgewalt zu schaffen. Am 29. Juni 1848 wählt die Nationalversammlung in einem kühnen Griff ausgerechnet den Bruder Kaiser Franz‘ Erzherzog Johann von Österreich, dem allerdings eine liberale Gesinnung nachgesagt wird, mit 436 von 548 Stimmen zum Reichverweser. Der wirbt auch gleich bei den Bürgern um Vertrauen und mahnt sie gleichzeitig in seinem Flugblatt:  An das deutsche Volk. inständig, Geduld zu üben:

 

Deutsche! Eure in Frankfurt versammelten Vertreter haben mich zum deutschen Reichsverweser erwählt.
Unter dem Zurufe des Vertrauens, unter den Grüßen voll Herzlichkeit, die mich überall empfingen, und die mich rührten, übernahm ich die Leitung der provisorischen Centralgewalt für unser Vaterland.
Deutsche! nach Jahren des Druckes wird Euch die Freiheit voll und unverkürzt. Ihr verdient sie, denn Ihr habt sie muthig und beharrlich erstrebt. Sie wird Euch nimmer entzogen, denn Ihr werdet wissen sie zu wahren.
Eure Vertreter werden das Verfassungswerk für Deutschland vollenden. Erwartet es mit Vertrauen. Der Bau will mit Ernst, mit Besonnenheit, mit ächter Vaterlandsliebe geführt werden. Dann aber wird es dauern, fest wie Eure Berge.
Deutsche! Unser Vaterland hat ernste Prüfungen zu bestehen. Sie werden überwunden werden. Eure Straßen, Eure Ströme werden sich wieder beleben, Euer Fleiß wird Arbeit finden, Euer Wohlstand wird sich heben, wenn Ihr vertrauet Euren Vertretern, wenn Ihr mir vertraut, den Ihr gewählt, um mit Euch Deutschland einig, frei und mächtig zu machen.
Aber vergeßt nicht, daß die Freiheit nur unter dem Schirme der Ordnung und Gesetzlichkeit wurzelt. Wirkt mit mir dahin, daß diese zurückkehren, wo sie gestört wurden. Dem verbrecherischen Treiben und der Zügellosigkeit werde ich mit dem vollen Gewichte der Gesetze entgegentreten. Der deutsch Bürger muss geschützt seyn gegen jede strafbare That.
Deutsche! Laßt mich hoffen, daß sich Deutschland eines ungestörten Friedens erfreuen werde. Ihn zu erhalten ist meine heiligste Pflicht.

Sollte aber die deutsche Ehre, das deutsche Recht gefährdet werden, dann wird das tapfere deutsche Heer für das Vaterland zu kämpfen und zu siegen wissen.

 

Frankfurt am Main, den 15. Juli 1848

 

 

 

Dieser Aufruf beeindruckt die Revolutionäre, die nach dem Scheiterns Heckers nach Frankreich und in die Schweiz geflohen waren, wenig. Sie gründen in Straßburg einen Zentralausschuss der Republikaner. Man schmuggelt fortschrittliche Zeitungen und agitatorische Flugblätter nach Baden [Enge05].

 

 

 

 

 

 

 

 

Konteradmiral Brommy

 

 

 

Fahne der Deutschen Bundesmarine: Links oben der Reichsadler

 

Frankfurt: Derweil debattiert die Nationalversammlung
 weiter über einen deutschen Nationalstaat und fordert den Bau einer Bundesflotte

 

Wieweit sollen sich die Grenzen des neuen Vaterlandes der Deutschen erstrecken? Riskiert man mit den Forderungen Hoffmann von Fallerslebens über die Ausdehnung Deutschlands in seinem Lied von 1840 von der Maaß bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt nicht Auseinandersetzungen mit Dänen, Polen, Tschechen und Italienern, und möchte man nationale Minderheiten in einem zukünftigen Reichsgebiet überhaupt? Die Einheit des Vaterlandes [konnte] allenfalls als etwas confus Unbestimmtes besungen werden. Wollten die einen sie großdeutsch mit Österreich verklammert sehen, setzten die anderen auf den kleindeutschen, von Preußen dominierten Verbund [Gras10].

 

Diese Auseinandersetzungen wurden in der Nationalversammlung in mehr oder weniger radikaler Form geführt und fanden im Sommer 1848 in dem von Preußen gegen Dänemark geführte Bundeskrieg einen realistischen Höhepunkt. Zwar stehen die preußischen Landtruppen bald tief in Feindesland, doch den Dänen gelingt es dank ihrer überlegenen Flotte, die deutschen Ost- und auch Nordseehäfen zu blockieren und damit den Überseehandel lahmzulegen.

 

Vom Einigungswillen beflügelt werden Forderungen nach dem Bau einer nationalen Kriegsmarine laut, für die um Spenden gebeten wird. Die flottenbegeisterten Abgeordneten studieren eifrig die Listen der täglich eingehenden Gelder. Doch das läppert sich nur, und so bewilligt die Nationalversammlung am 14. Juni 1848 sechs Millionen Reichsthaler zum Bau einer deutschen Bundesflotte. Deren erster Admiral wird Prinz Adalbert von Preußen, doch der eigentliche Macher ist Konteradmiral Karl Rudolf Bromme, der sich sein Fachwissen bei der griechischen Kriegsmarine erworben und vor allem in einem Buch: Eine gemeinfaßliche Darstellung des gesammten Seewesens für die Gebildeten aller Stände die Frage gestellt hatte: Was einst die Hansa, was Preußens großer Churfürst vermochten, sollte das im 19. Jahrhundert dem kräftigen deutschen Willen nicht möglich sein?* [Horm99]. Brommy, wie er sich seit seinem frühen Dienst in der amerikanischen Handelsflotte nennt, ist Mädchen für alles. Er kümmert sich um den Bau von Schiffen und Kriegshäfen, schreibt die Dienstvorschrift für die Bundesflotte und rekrutiert Offiziere und Mannschaften für die Marine.

*Einen  Hochseehafen nämlich Emden hatte Preußen allerdings erst 1744 unter dem Großen Friedrich erworben

 

Während an der dänischen Front weiterhin eine Pattsituation herrschte, gab es in der Nationalversammlung lange Redeschlachten über den rechten Weg zum Frieden. Schließlich akzeptieren die Abgeordneten am 16. September zähneknirschend einen am 26. August zwischen Preußen und Dänen geschlossenen Waffenstillstand knapp mit 257 zu 236 Stimmen. Der Streit um den Konflikt mit Dänemark bremst den Elan der Revolutionsbewegung und kratzt an der Glaubwürdigkeit des Parlaments, denn dessen Zustimmung zum preußisch-dänischen Abkommen lässt die Schleswig-Holsteiner in ihrem Freiheitskampf im Stich [Hein98]. Es kommt zu außerparlamentarischen Protesten gegen den Verrat an der deutschen Nation und die Nationalversammlung erwirbt sich endgültig den Ruf einer Schwatzbude. Georg Herwegh spottet:

 

Zu Frankfurt an dem Main
ist alles Trug und Schein.
Alt-Deutschland bleibt zersplittert,
Das Kapitol erzittert,
Umringt von Feindeslagern.
Die Gänse gi-ga-gagern
Im Parla-Parla-Parlament
Das Reden nimmt kein End
[Sieb08]

 

Zu Frankfurt an dem Main
Die Wäsche wird nicht rein.
Sie bürsten und sie bürsten,
Die Fürsten bleiben Fürsten,
Die Mohren bleiben Mohren.
Trotz aller Professoren
Im Parla-Parla-Parlament
Das Reden nimmt kein End
[vomB98].

 

Auch Stefan Heym stellt fest: In der Kirche dort in Frankfurt, wo das neue Parlament des Reiches tagte, redeten sie und redeten und redeten die Freiheit zu Tode [Heym05]. Und im fernen Paris hatte Heine damals die Vision der Europäischen Union?: Die Deutschen arbeiten an ihrer Nationalität, kommen damit aber zu spät. Wenn sie dieselbe fertig haben, wird das Nationalitätswesen in der Welt aufgehört haben und sie werden ihrer Nationalität gleich wieder aufgeben müssen, ohne wie Franzosen oder Briten Nutzen davon gezogen zu haben.

 

 

Gustav (von) Struve

 

 

Karl Blind

 

 

 

 

Gyslers Kugel blieb im Buch stecken

 

Lörrach: Der Struve-Putsch

 

Wie Heine in seinem Pariser ist auch Struve in seinem Schweizer Exil von der Arbeit des Parlaments nicht beeindruckt und zieht die Gewalt vor. Nach dem Scheitern des Heckers springt er nun in die Bresche. Am 21. September 1848 zieht er mit 50 Mann aus Basel kommend in Lörrach ein und lässt auf dem Marktbrunnen die rote Fahne der Revolution hissen. Vom Balkon des Rathauses verspricht er in einer Rede an das Deutsche Volk: Wohlstand, Bildung, Freiheit für alle! und proklamiert unter den Hochrufen der Bevölkerung eine Deutsche Republik. Struve erklärt das Gebäude zum vorläufigen Sitz seiner provisorischen Regierung, beschlagnahmt die Gemeindekasse und die Druckerei, in der er das 1. Republikanische Regierungsblatt drucken lässt. Redakteur ist sein Schwager und Sekretär der 21-jährige Jurastudent Karl Blind [Moeh07].

 

Struve ruft am 21. September die Republik aus

Struve zwingt dem Gemeinderat seinen Willen auf

Dann befiehlt Struve dem Lörracher Gemeinderat die Zwangsrekrutierung. Mit dieser Maßnahme kann er innerhalb von vier Tagen, eine Truppe von 8000 Mann zusammenzustellen, die - teils mehr, teils weniger freiwillig - am 24. September von Lörrach aus nach Norden aufbrechen, um die Revolution in die Landeshauptstadt zu tragen. Allerdings kommt Struve begleitet von seiner Frau Amalie mit nur noch 4000 seiner Freiwilligen lediglich bis Staufen, wo er und seine bewaffneten Anhänger von 800 Großherzoglichen Soldaten nach kurzem Gefecht entscheidend geschlagen werden. Als das Ehepaar und Struves Schriftführer Karl Blind sich bei Wehr über den Rhein absetzen wollen, werden sie gefangen genommen.

 

Gebäuderiss im Staufener Rathaus (2008)
und Rundkugel im Amtsblatt (1848)

Erfolgreicher Sturm der Regierungstruppen auf Staufen

 

 

Das Gefängnis in Offenburg als März-errungenschaft und Inquisitionspalast der Revolution, in dem Fickler und Struve nun einsitzen.

 

 

 

Nach dem Ausfall Struves ist nun Robert Blum, der Abgeordnete der National-versammlung, Hoffnungsträger der linken Republikaner. Deshalb ist seine standrechtliche Erschießung am 9. November in Wien für die Demokraten in allen deutschen Ländern ein Riesenschock. Nach Blums letzten Worten: Das Vaterland möge meiner Eingedenk sein entwickeln sich die überall zu seinen Ehren veranstalteten Leichen- und Gedächtnisfeiern zu politischen Demonstrationen. Auch in Freiburg findet am 10. Dezember unter großer Beteiligung der Bevölkerung eine Trauerfeier für Robert Blum statt [Sieb99].

 

 

 

Ende des zweiten Versuchs einer Demokratisierung!

 

 

 

 

Frankfurt: Der Katalog der Grundrechte

 

Endlich am 27. Dezember 1848 verkündet die Nationalversammlung einen Katalog der Grundrechte und dieser ist revolutionär: Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz, Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlungen, Schutz vor willkürlicher Verhaftung, kostenloser Besuch der Volksschule, Wahrung des Briefgeheimnisses, Einführung der Zivilehe, das Recht auf freie Meinungsäußerung und endlich: der Adel wird als Stand aufgehoben.  Als dann diese Grundrechte Anfang Januar 1949 in Kraft treten sollen, haben sich die angeschlagenen Herrscherhäuser längst erholt und verhindern alle wirklichen Reformen. Stattdessen bekleiden sich die Fürsten mit dem Feigenblatt oktroyierter Länderverfassungen, die ihre Dynastien sichern und das Büttenpapier, auf dem man sie druckt, nicht wert sind. Da ist es nur konsequent, dass die Bundesflotte bereits 1852 ein schnödes Ende findet, denn nach der Unterdrückung der Nationalbewegung haben die einzelnen deutschen Staaten kein Interesse, eine gemeinsame Flotte zu finanzieren. Die Marine ist pleite, die wenigen in Bremerhaven und Brake stationierten Kriegsschiffe werden versteigert.

 

 

Freiburg: Als Reaktion auf die Reaktion gründen sich zwei Vereine

 

Jetzt findet als Reaktion auf die Reaktion der Gedanke an eine neue, zweite nun aber republikanische Revolution in deutschen Landen bei den unterprivilegierten Schichten großen Widerhall, gewinnt aber in bürgerlichen Kreisen der Bevölkerung nur langsam an Boden. Auf einer Gemeindeversammlung am 11. April 1848 hatten die Freiburger Bürger zur Frage konstitutionelle Monarchie oder Republik noch erklärt: Beide Staatsformen, jene der constitutionellen Monarchie wie jene des Freistaates sind vernünftig ... Das Bestreben der freiheitlichen und volkstümlichen Ausgestaltung der ersteren ziert daher den wahren Vaterlandsfreund ebenso wie das in gesetzlicher Weise unternommene Erstreben der letzteren [Dipp98].

 

§ 30 der vorgeschlagenen Reichsverfassung lautet: Die Deutschen haben das Recht, Vereine zu bilden. Dieses Recht soll durch keine vorbeugende Maßregel beschränkt werden [Sieb99]. So kommt es überall in Baden zur Bildung von Volksvereinen. Um diese lokalen Bemühungen als öffentliche Meinung zu mobilisieren, betreibt der Mannheimer Finanzbeamte Amand Goegg den Zusammenschluss. Vorsitzender wird der Rechtsanwalt und Abgeordnete der Nationalversammlung Lorenz Brentano, doch Goegg ist die treibende Kraft und so sind schließlich 400 Volksvereine mit 35000 Mitgliedern unter einem Dach vereint.  

 

Anfang 1849 bilden sich in Freiburg sogar zwei Vereine. Prominenter Mitbegründer des radikalen republikanischen Volksvereins  am 29. Januar ist Carl von Rotteck junior. Carl war wegen der Unterstützung des Aufstandes vom April 1848 inhaftiert und erst im Dezember 1848 gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt worden. 

 

Als Antwort auf die Bildung des Vereins der Republikaner ruft Carl von Rottecks Cousin Bürgermeister Joseph von Rotteck mit anderen konstitutionellen Liberalen am 18. Februar zur Gründungsversammlung des fürstentreuen Vaterländischen Vereins auf, zu der 330 Personen erscheinen. In seiner Gründungsansprache betont von Rotteck, dass die konstitutionelle Staatsform im geschichtlichen Entwicklungsgange des deutschen Volkes tief begründet ist, dass die große Mehrheit der Deutschen keine Republik will, dass daher die normale Einführung einer solchen rein unmöglich erscheint. Deren gewaltsame Einführung aber führe zu Bürgerkrieg, Despotie und Abschaffung der Freiheit und würde Deutschland am Ende zur Beute des Auslandes machen.  Daher gelte es jetzt, sich zusammenzuschließen für die Freiheit und Einheit Deutschlands, gegen jeden Versuch des gewaltsamen Umsturzes, kurz Gesetz, Freiheit, Vaterland sein fortan unsere Losung [Sieb99]. Am 8. März verkündet der Vaterländische Verein, dass er nunmehr 539 Mitglieder hat.

 

Die Fliegenden Blätter bringen die Ängste der Menschen vor einem gewaltsamen Umsturz damals in einer kurzen Anekdote unter: Fragt eine Bäuerin ihren Mann: Kommst Du aus der Volksversammlung? – Ja wohl, Alte! – Na was habt ihr denn ausgemacht? Ist jetzt Freiheit oder ist noch Ordnung? [Kasc98]. In Baden verhärten sich die Fronten zwischen den Anhängern eines parlamentarisch kontrollierten Großherzogtums und den Republikanern zusehends. Bald tobt ein verbissener Propagandakrieg. In einem Leitartikel der Neuen Freiburger Zeitung vom 7. Februar 1949 kann man lesen: Die neuen Volksmänner, welche sich für die allein ächten Ausleger des Willens der Nation, für die allein tüchtigen Lenker ihrer Geschicke hielten, schmeichelten dem Volk und seinen Vorurtheilen mehr als irgend je niederträchtige Hofschranzen zur Zeit der Fürstenmacht den Autokraten geschmeichelt hatten. Während sie den Leuten in der Republik den Himmel in Aussicht  stellten,  Freiheit, Wohlstand und Bildung für alle versprachen, ... machten sie den wahren Freistaat unmöglich, indem sie die uneläßlichen republikanischen Tugenden: Unterordnung des Eigenwillens unter den Ausspruch der Mehrheit, aufopfernde Biederkeit im Privat- und öffentlichen Leben, Pflichttreue und Gesetzesachtung, Enthaltsamkeit und Arbeitsamkeit, Hingebung des eigenen materiellen Vortheils für die hehren idealen Interessen des Gesammtwohls, Redlichkeit und Wahrhaftigkeit gegen Freund und Feind, so viel an ihnen war, verleugneten und verdarben, und dafür Aufwiegelungssucht gegen jede Autorität, selbst gegen den soveränen Willen der Nation und ihrer Vertreter, treulose Jesuitenmoral, Nichtsthuerei, Habsucht in die empfänglichen Gemüther des Volkes zu pflanzen suchten [Sieb99].

 

 

Reiterstandbild Friedrich Wilhelm IV. vor der Nationalgalerie auf der Museumsinsel in Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gustav Struve 

Berlin: Ablehnung der Kaiserkrone oder Preußens Stunde ist noch nicht gekommen

 

Die deutsche Nationalversammlung verabschiedet am 28. März 1849 eine Reichsverfassung, die als Staatsform eine konstitutionelle Monarchie mit einem deutschen Kaiser an der Spitze vorsieht. Weil sich Österreich nicht vor seiner Verantwortung für die unterschiedlichen Nationalitäten in seinem Vielvölkerstaat drücken will, beschließt das Parlament nach langen Debatten zur Einigung des Vaterlandes im März 1849 eine kleindeutsche Lösung, also ein deutsches Reich ohne Österreich.

 

Eine Delegation von 32 Abgeordneten der National-versammlung reist nach Berlin, um am 3. April dem Preußenkönig untertänigst die Kaiserwürde anzubieten.

 

Ablehnung der Kaiserkrone
durch Friedrich Wilhelm IV.

 

 

 Papa Wrangel schlägt kurzerhand vor: ihr nich rinlassen. Friedrich Wilhelm lehnt das Angebot nicht nur nicht ab, sondern lässt sich unnötigerweise zu herausfordernden und erbitternden Maßregeln verleiten [Hunn41]. Er verspottet die Reichskrone als Hundehalsband der Parlamentarier, dem der Ludergeruch der Revolution anhaftet. Einen solchen imaginären Reif, aus Dreck und Letten gebacken, soll ein legitimer König von Gottes Gnaden und noch gar der König von Preußen sich geben lassen, der den Segen hat, wenn auch nicht die älteste, doch die edelste Krone, die niemand gestohlen worden ist, zu tragen. Der König teilt der Delegation unmissverständlich mit, dass Kronen nur von ihm und seinesgleichen, nicht jedoch von Parlamentariern verliehen würden: Ich würde Deutschlands Einheit nicht aufrichten, wollte ich mit Verletzung heiliger Rechte und meiner früheren ausdrücklich und feierlichen Versicherung ohne das freie Einverständnis der gekrönten Häupter, der Fürsten und Freien Städte Deutschlands, eine Entschließung fassen, welche für sie und die von ihnen regierten deutschen Stämme die entscheidensten Folgen haben muß. Dessen aber möge Deutschland gewiß sein, und das, meine Herren verkünden Sie in allen Gauen: Bedarf es der preußischen Schildes und Schwertes gegen äußere oder innere Feinde, so werde ich auch ohne Ruf nicht fehlen. Ich werden dann getrost den Weg meines Hauses und Volkes gehen, den Weg der deutsche Ehre und Treue [Jahn00].

 

 Heine im fernen Paris kommentiert diesen misslungenen Versuch der Nationalversammlung sarkastisch in einem Gedicht mit dem Titel Die Wahlesel:

 

Die Freiheit hat man satt am End',
Und die Republik der Tiere
Begehrte, dass ein einz'ger Regent
Sie absolut regiere.

 

Letztlich ist Friedrich Wilhelms Weigerung, die vom Volk aus Dreck und Lehm gebackene Krone anzunehmen, nicht allein seinem Snobismus, sondern auch der Rücksichtnahme auf die Führungsrolle Österreichs im deutschen Bund zuzuschreiben, wenn er betont: Wird, soll diese Krone, Deutschlands Krone, erstehen, so muß sie Österreichs Herrscher zieren, und mit Freuden will ich [als Erzkämmerer] das silberne Waschbecken dem Kaiser bei seiner Krönung reichen [Scho01].

 

Schließlich wollen nur 28 kleinere und mittlere Staaten die Reichsverfassung übernehmen, die wichtigsten deutschen Königreiche und Fürstentümer lehnen sie ab. Großherzog Leopold akzeptiert die Reichsverfassung für Baden, doch mit dem Vorbehalt, dass auch alle anderen deutschen Staaten zustimmen müssten.

 

 

Freiburg: Der Struve-Prozess vor einem Schwurgericht

 

Die Einrichtung von öffentlichen Schwurgerichten im Großherzogtum Baden war eine der revolutionären Forderungen Struves. Ausgerechnet er muss sich nun vor einem solchen verantworten. Der Prozess gegen ihn und Karl Blind beginnt am 20. März 1849 in Freiburg im Basler Hof, dem früheren Regierungssitz Vorder-österreichs. Verteidiger ist Lorenz Brentano. Geschickt nutzen die Angeklagten den Gerichtssaal als Tribüne für die Darstellung ihrer politischen Auffassungen und verteidigen vehement das Recht des Volkes zur Revolution.

 

Struve und Blind vor dem Schwurgericht in Freiburg

 

Bei seiner Verteidigungsrede greift Struve weit in die Geschichte zurück: Was ich tat, tat ich aus voller, tiefer Überzeugung; nicht Ehrgeiz, sondern Liebe zum Vaterlande, Freiheitsgefühl waren meine Triebfedern. Ich tat es im Hinblicke auf Tell, auf Washington, auf die Helden der französischen Revolution. Sie alle widerstrebten den Tyrannen der Erde in Übereinstimmung mit den Gesetzen der Vorsehung; wenn auch ihre Unternehmungen anfangs oft missglückten, am Ende gewannen sie doch den Sieg. Egmont und Horn wurden hingerichtet, Tausende schmachteten in Albas Kerkern; aber der Sieg blieb doch den holländischen Republikanern. - Ich habe Ihnen die Beweggründe meines Unternehmens bereits angedeutet. Sie sind: der Verfassungsbruch, dessen sich die Fürsten drei Jahrzehnte schuldig machten, der unerhörte Druck, der durch sie auf dem Volke lastete, der deutlich ausgesprochene Wille des Volkes selbst, die Notwehr und endlich der edle, rein menschliche Zweck des Unternehmens [Hunn41].

 

Nach neun Tagen endet der Schauprozess in Freiburg mit einem moralischen Sieg der Angeklagten. Die Geschworenen wenden das neue Strafgesetz (es tritt erst 1851 in Kraft) mit dem Strafbestand des Hochverrats bewusst nicht an, sondern verurteilen die Angeklagten wegen Raub der Lörracher Stadtkasse und ähnlicher Delikte jeweils zu milden acht Jahren Zuchthaus. Indem es keine Todesurteile fällt, schafft das Gericht keine Märtyrer der Revolution. Zur Haftverbüßung verbringt man Struve und Blind nach Rastatt. Weitere anstehende Verfahren gegen Amalie Struve, Wilhelm Liebknecht (dem Vater von Karl Liebknecht) und Carl von Rotteck junior werden niedergeschlagen.

 

 

Großherzogtum Baden: Letztes revolutionäres Aufbäumen 1949

 

Großherzog Leopold akzeptiert die Reichsverfassung für Baden am 11. April, doch mit dem Vorbehalt, dass auch alle anderen deutschen Staaten zustimmen müssten. Doch die wichtigsten deutschen Königreiche und Fürstentümer lehnen die Reichsverfassung ab, nur 28 kleinere und mittlere Staaten wollen sie übernehmen. Diese negative Einstellung mobilisiert in Baden noch einmal alle revolutionären Kräfte, die eine deutsche Einheit in Demokratie herbeisehnen. Karl von Rotteck hatte schon früher Liberalismus und Föderalismus als Grundlage der deutschen Einheit beschworen: Ich will die Einheit nicht anders als mit Freiheit, und will lieber Freiheit ohne Einheit als Einheit ohne Freiheit. [Kalc02].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Großherzog bereit zur Flucht. Vergeblich weist der preußische Offizier auf seine kampfbereiten Soldaten hin

Frankfurt - Dresden: Die Gewaltherrschaft der Könige hat ihre Maske abgeworfen

 

 Am 5. Mai 1849 veröffentlicht die äußerste Linke der Nationalversammlung ein Manifest: Die Gewaltherrschaft der Könige hat ihre Maske abgeworfen. Sie hat es gewagt, angesichts der Völker Europas, mit Vernichtung alles zu bedrohen, was zivilisierten Nationen hoch und heilig ist. Wortbrüchig verläugnet sie den letzen Schimmer von unseres Volkes Selbstständigkeit und Freiheit, die sie vor wenigen Monden bebend anerkannte. Fürstenwillkür vernichtet, was die Vertreter des souveränen Volkes beschlossen … Pfälzer! Deutschlands Männer werden nicht tatlos und feig Eurer Erhebung zusehen, sie werden es nicht geschehen lassen, daß der Despotismus über eure Leichen hinweg auch zur Vernichtung ihrer und des ganzen Volkes Freiheit schreite! [Kapp06].

 

Am 8. Mai rufen die selben Männer schließlich zum bewaffneten Widerstand auf: Zu den Waffen, deutsche Männer, in allen Gauen des Vaterlandes. Verbindet euch und erhebt euch, um das Vaterland zu retten. Schon kämpfen eure Brüder in Sachsen und in der Pfalz für euch, laßt sie nicht untergehen. - Ihr dürft sie nicht alleinstehen lassen, die aufgestanden sind, das Recht in einer Hand und in der anderen das Schwert, das Schwert für Euer Recht! [Hunn41].

 

In Dresden kämpfen der Hofkapellmeister Richard Wagner, der Hofbaumeister Gottfried Semper und der russische Anarchist Michail Bakunin Seit an Seit auf der mächtigen Semperbarrikade, die der Architekt von der laienhaften Konstruktion der Straßensperren genervt nach seinen Plänen hatte errichten lassen, gegen die Monarchie. Doch schon am folgenden Tage Klock 10 lässt die Revolutionsregierung in Dresden die weiße Fahne der Kapitulation am Turm der Kreuzkirche aufziehen. Leipziger Studenten spotten:   

 

Dräsden däd sich rasch ergeben,
Läßt den guten Keenich leben:
Ach wie ist der Keenich gut
[Kapp06].  

 

 

Karlsruhe - Rastatt - Offenburg - Freiburg:
Im Großherzogtum folgt jetzt Schlag auf Schlag

 

Im Südwesten bewirkt der Aufstand der Linken in der Nationalversammlung, dass ein Großteil der badischen Soldaten in das Lager der Revolutionäre wechselt. Daraufhin fliehen der Großherzog und seine Regierung in der Nacht des 13. April zunächst in die Bundesfestung Germersheim und anschließend über den Rhein ins Elsass nach Lauterburg. Damit machen sie in den Augen vieler den Weg für eine Republik frei. So zieht der Landesausschuss der Volksvereine am 14. April in Karlsruhe ein. Brentano wird am 1. Mai Chef eines vollziehenden Ausschusses, einer selbsternannten provisorischen republikanischen Regierung, der auch Carl von Rotteck junior angehört. Als Erstes ruft die neue Regierung die alles überragende Leitfigur der Badischen Revolution, Friedrich Hecker, aus seinem amerikanischen Exil zurück, dieweil Großherzog Leopold aus seinem elsässischen Exil nach preußischen Truppen zur Niederschlagung des Aufstandes ruft.

 

Brentano ist noch ganz im alten System verhaftet und möchte vor allem die Möglichkeit von Verhandlungen mit dem geflohenen Großherzog offenhalten. In einem fiktiven Gespräch zwischen dem Chef der Volkswehr Becker und dem Titelhelden seines Romans Lenz oder die Freiheit schreibt Stefan Heym über die in sich zerstrittenen Akteure der Erhebung von 1849 und lässt Becker über den Advokaten Brentano sagen:

 

Er hat keinerlei Gesetze verletzt – er hat sie aufrecht erhalten; er würde erst anfangen, sie zu übertreten, wenn er unserer Volkswehr etwas von dem Geld, den Gewehren, den Heeresvorräten des Großherzogs gäbe.

Aber das ist Verrat! Lenz fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Er ist nicht der zeitweilige Vertreter des Großherzogs! Er ist der Führer der Revolution!

Wessen Revolution? Fragte Becker zurück. Der Revolution der Soldaten? Der Bauern? Der Advokaten und Schulmeister und Intellektuellen? Der Revolution der Fleischer, Bäcker, Kerzenmacher? Der Revolution der Arbeiter? Thibauts, Mördes‘ Goeggs, Struves, Ihrer Revolution?

Der Revolution des Volkes! erwiderte Lenz, mit Überzeugung

Der Revolution des Volkes! wiederholte Becker aufgebracht. Solange ihr euren Großherzog hattet und seine Regierung von großen und kleinen Bürokraten, konntet ihr alle dagegen sein. Aber jetzt muss man für etwas sein. Wofür seid ihr? Für Freiheit? Welche Sorte von Freiheit? Wessen Freiheit? Für eine konstitutionelle Monarchie? Aber habt ihr die denn nicht gehabt, mehr oder weniger? Für eine Republik? Welche Sorte Republik? Wer soll die Macht darin haben?

Die Flut der Fragen überschwemmte Lenz. Vielleicht erklären Sie es mir, protestierte er.

Kann ich nicht [Heym51].  

 

Am 9. Mai verbrüdern sich Soldaten der Bundesfestung Rastatt feierlich mit Teilen der revolutionären Bürgerwehr unter Beschwörung der Treue und Liebe zum Volk. Die dort inhaftierten Revolutionäre darunter Struve werden befreit. Am 10. Mai findet eine Soldatenversammlung im Gromerschen Bierhaus statt. Artilleristen tragen eine schwarz-rot-goldene Fahne. Die Soldaten fordern die Durchführung der Reichsverfassung und die Entlassung volks- und freiheitsfeindlicher Offiziere und beschließen zwei Mann pro Kompanie zur Volksversammlung des badischen Volks nach Offenburg zu entsenden.

 

In Offenburg im Zähringer Hof fordern unter ihrem Vorsitzenden Lorenz Brentano  der Landesausschuss der Volksvereine am 12. Mai und einen Tag darauf eine Volksversammlung in Offenburg die unbedingte Anerkennung der Reichsverfassung und die Bildung einer neuen jedoch immer noch großherzoglichen Regierung. In Abwesenheit Brentanos formuliert Goegg: Die Landes-Volksversammlung in Offenburg erklärt: Deutschland befindet sich fortwährend im Zustande voller Revolution, auf’s Neue hervorgerufen durch die Angriffe der größeren deutschen Fürsten auf die, von der deutschen Nationalversammlung endgültig beschlossenen Reichs-verfassung und die Freiheit überhaupt [Sieb99]. Ebenfalls beschließt die Volksversammlung, die revolutionäre Bewegung in der Pfalz gegen den Hochverrat der Fürsten an Volk und Vaterland … mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu unterstützen [Kapp06].  

 

Aufstand der Soldaten in Rastatt

 

Am 10. Mai  kommt es in Freiburg auf einer Soldatenversammlung unter Leitung von Karl von Rotteck junior auf dem Kanonenplatz zur Verbrüderung der Republikaner mit den Soldaten des 2. Badischen Infanterieregiment, die beschließen, nicht auf das Volk zu schießen und sich ihre Offiziere selbst zu wählen.

 

 

Freiburg - Waghäusl - Heidelberg: Gegen jeden Angriff
auf die deutsche Reichsverfassung einzustehen

 

Nachdem Bürgermeister Joseph von Rotteck geflohen war, solidarisiert sich der Freiburger Gemeinderat am 14. Mai mit der neuen Regierung und erklärt, daß auch er die gesamte Bürgerschaft verpflichtet haltet, gegen jeden Angriff auf die deutsche Reichsverfassung einzustehen [Sieb99]. Jetzt strömen die 1848 in die Schweiz geflüchteten Freischärler über Freiburg in Richtung Norden, um die Revolutionstruppen zu verstärken.  

 

Am 3. Juni finden im Land Baden Wahlen zu einer badischen verfassungsgebenden Versammlung statt. Die nun folgenden Ereignisse in Baden sieht der Schönschreiber der Hohenzollern Hermann Jahnke durch die preußische Brille: Infolge dieser Wendung der deutschen Bewegung - Ablehnung der Kaiserkrone seitens des Königs von Preußen - kam es in Baden zu einem Aufstande. Die Rebellen stürzten die Regierung, und der Großherzog im Bunde mit anderen vom Aufruhr bedrohten süddeutschen Fürsten, wandte sich in seiner Not an den König von Preußen um Beistand. Friedrich Wilhelm sagte Hilfe zu und ernannte am 8. Juni den Prinzen von Preußen zum Oberbefehlshaber des Truppenkorps  vom Rhein, welches zum Ausmarsch nach Baden bestimmt war [Jahn90]. Unter dem Leitmotiv des Kartätschenprinzen: Gegen Demokraten helfen nur Soldaten überschreiten die Interventionstruppen am 15. Juni mit 60000 Mann den Rhein und besetzen Mannheim.

 

Die Preußen kommen

 

Am 21. Juni kommt es bei Waghäusl zur  entscheidenden Schlacht zwischen den Bundestruppen und der Revolutionsarmee unter dem polnischen General Ludwik Mierosławski. Der hatte schon 1830 als 16-Jähriger im Polenaufstand für sein Land vergeblich gegen die russische Herrschaft, später dann ebenfalls vergeblich 1846 und 1848 in Posen gegen die Preußen gekämpft. Auch jetzt ist dem erfahrenen Freiheitskämpfer das Kriegsglück nicht hold.

 

 

 Da Kamerad, iß auch!

 

Jetzt gleitet Jahnke voll in die Geschichtsklitterung ab, bei der Brot und Wein nicht fehlen dürfen: Es gelang dem Prinzen, mit seinen tapferen Preußen den Aufstand nach kurzer Zeit zu unterdrücken und Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Er erwies sich hier als tüchtiger und mutvoller Heerführer und gewann durch seine leutselige Art nicht nur die Herzen seiner Soldaten, sondern auch die Liebe und den Dank der Bewohner. Nach der Erstürmung der Barrikaden von Durlach (25. Mai) brachten die Bürger den Befreiern Brot und Wein ins Lager. Der Prinz, welcher nach der Kampfesarbeit Hunger fühlte, nahm auch seinen Teil von den Liebesgaben. Mit einem Stück Brot in der Hand begegnete er einem Musketier, der noch nichts bekommen hatte; er teilte seinen Imbiß und reichte die Hälfte dem Hungernden mit den Worten: Da Kamerad, iß auch! [Jahn90].  

 

So zieht der preußische Heilsbringer  am 25. Juni mit seinen Truppen kampflos in Karlsruhe ein, während sich die Reste der geschlagenen Revolutionstruppen nach Heidelberg zurückziehen.  Der Stadtrat fürchtet den Angriff der Preußen, denn Struve möchte Heidelberg gegen die anrückenden Truppen verteidigen und argumentiert: Heidelberg ist nur ein kleiner Teil von Deutschland, und wenn kein Stein auf dem anderen bleibt, so ist es nur ein kleines Opfer für die große Sache [Berg07]. Kriegsminister Franz Sigel heißt dann aber doch, die Truppen abzumarschieren.

 

 

Freiburg: Das letzte Aufgebot

 

Am 25. Juni flieht die Revolutionsregierung nach Freiburg im Breisgau und mit ihr Einheiten der Revolutionstruppen. Nach dem Sturz des gemäßigten Brentano tagt am 28. Juni eine verfassungsgebende Versammlung im Basler Hof zu Freiburg. Auf Antrag Struves beschließt das Gremium: Der Krieg gegen die Feinde der deutschen Einheit und Freiheit wird mit allen zu Gebote stehenden Mitteln fortgesetzt [Sieb99]. Als General Mierosławski, ebenfalls von Brentano enttäuscht, am 1. Juli von seinem Kommando zurücktritt, übernimmt Oberst Franz Sigel das Kommando über das verbliebene Revolutionsheer, zu dem weiterhin Freischärler aus dem Elsass und der Schweiz stoßen.  

 

Am 1. Juli zieht das letzte Aufgebot von etwa 4000 Mann in Freiburg an dem Führer der provisorischen Regierung von Baden mit dictatorischer Gewalt und ihrem Oberkommandierenden Sigel vorbei. Dabei empfinden die Zuschauer mitmarschierende Mädchen in Männerkleidern als befremdlich. Angesichts der Übermacht der Interventionsarmee ist die Moral der Truppe schlecht. So erfährt Goegg am 2. Juli seine persönliche Niederlage, als er mit seinem Pferd auf dem Müsterplatz reitend erleben muss, wie sich Soldaten mit Bürgerwehrmännern unter dem Ruf: Es lebe der Großherzog verbrüdern [Sieb99].

 

Die Preußen haben leichtes Spiel und Armeegeneral von Hirschfeld zieht am 7. Juli kampflos mit 7000 Mann in Freiburg ein.  Während viele Revolutionäre fliehen, darunter Carl von Rotteck junior, setzen die Besatzer seinen Cousin Joseph von Rotteck wieder als Bürgermeister ein, der dem Kartätschenprinzen für die Niederschlagung des ebensosehr verbrecherischen wie in seinen Folgen unheilvollen Aufstandes dankt [Haum01].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich sterbe voller Freude und Muth, weil ich für die Befreiung des Volkes gekämpft habe.

Maximilian Dortu

 

 

 

Standrechtliche Erschießung

Friedrich Neffs 

Rastatt: Letztes Bollwerk der Freiheit

 

Als Im Norden war es noch am 29. und 30 Juni zu den Treffen bei Gernsbach und Kuppenheim gekommen, in denen württembergische Korps (Schwaben!)  die badischen Republikaner über die Murg zurückdrängemn. Darauf zieht sich der verbleibende bunte Haufen der Revolutionsarmee unter ihrem Gouverneur Gustav Nicolaus Tiedemann nach Rastatt zurück.  

 

Entwaffnung der Festung Rastatt

 

Als das letzte Bollwerk der Freiheit bietet die Bundesfestung noch Schutz vor den anrückenden Bundestruppen. Vergeblich erwarten die Belagerten Entsatz durch Sigel. Als dieser ausbleibt, bricht die preußische Belagerung den letzten Widerstand der deutschen Revolution. Revolutionäre und badischen Truppen kapitulieren vor der erdrückenden Übermacht, ergeben sich auf Gnade und Ungnade und übergeben Rastatt am 23. Juli den Preußen. Leutnant Carl Schurz ist einer der Letzten, der durch einen Abwasserkanal aus der Festung fliehen kann. Er wird es später in den USA zum Innenminister bringen.

 

 

Die kaltfeuchten Kasematten der Bundesfestung dienen als Kerker, in denen viele Gefangene schon vor der Gerichtsverhandlung ihren Verletzungen erliegen oder an Krankheiten  sterben. Die Sieger halten im Ahnensaal des Barockschlosses Standgericht und verhängen 21 Todesurteile, von denen 19 in den Festungsgräben vollstreckt werden.

 

Freischärler in den Kasematten von Rastatt (Zeichnung von F. Kaiser) 

 

Großherzog Leopold von Baden zieht in einem Galawagen am 19. August feierlich in Karlsruhe ein. An seiner rechten Seite sitzt der Kartätschenprinz, beide in preußischer Generalsuniform. Wilhelm verhängt den Kriegszustand über ganz Baden.

 

 

Bekanntmachung der standrechtlichen Erschießung Tiedemanns

 

 

 

 

Die Deutsche Revolution, die vor gut einem Jahr im Badischen begonnen hatte, endet dort auch bei ihrem dritten Versuch.

 

 

 

Freiburg: Wer für eine Überzeugung kämpft, muss auch den Mut haben,
dafür zu sterben

 

In Freiburg werden nach jeweils nur kurzer Verhandlung

 

am 31. Juli Max Dortu, während der Revolution Kommandant der Gernsbacher Volkswehr,

am 9. August Friedrich Neff, Student der Philosophie und Teilnehmer und den Freischarzügen von Hecker und Struve, sowie

am 21. August Gebhard Kromer, Korporal der badischen Revolutionsarmee,

 

zum Tode verurteilt und auf dem Wiehre-Friedhof standrechtlich erschossen.

 

Nach der Erschießung Dortus konnte man in Freiburg noch am gleichen Tag folgenden Anschlag lesen:

 

Zur Warnung!

Johann Ludwig Maximilian Dortu aus Potsdam, ehemals Königlich Preußischer Auskultator und Unteroffizier im 24. Landwehr=Regiment, hatte sich aus Anlaß der im Mai d. J. stattgefundenen Staatsumwälzung in dieses Land begeben und war nach dem Einrücken der Königlich Preußischen Armee den Truppen seines eigenen rechtmäßigen Landes= und Kriegsherrn, seinen eigenen Waffenbrüdern und Landsleuten mit den Waffen in der Hand feindselig gegenübergetreten. Derselbe wurde daher am 11. Juli c. wegen Kriegsverrats hier selbst vor ein Kriegsgericht gestellt. Das von diesem wider ihn erlassene Erkenntnis ist am gestrigen Tage von mir dahin bestätigt worden, daß der Angeschuldigte wegen Kriegsverrats, unter Degradation zum Gemeinen, Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes und dem Verluste der National=Konkarde, mit dem Tode durch Erschießen zu bestrafen.  

Diese rechtskräftige Erkenntnis ist heute morgen um 4 Uhr an dem Angeschuldigten in der Nähe des Kirchhofes von Wiehre vollzogen worden, was hiermit zur öffentlicher Kenntnis gebracht wird.

 

Hauptquartier Freiburg, den 31. Juli 1849

 

Der kommandierende General des Ersten Armeekorps der Königlich Preußischen Operationsarmee am Rhein.  

v. Hirschfeld.

 

Max Dortu schreibt vor einem Tod an seinen Eltern: Wer den Mut hat, eine Überzeugung zu bekennen und für dieselbe zu kämpfen, muß auch den Mut haben, für dieselbe zu sterben [Haum01].

 

Friedrich Neff schreibt in einem Abschiedsbrief an seine Mutter: Was mich betrifft, so werde ich so ruhig morgen in den Tod gehen, als ich einst in unseren Garten zu gehen pflegte. Beweiset durch Standhaftigkeit, dass ihr die Mutter eines Republikaners seyd ... Kein Schritt, den ich gethan habe in meinem Leben reuet mich, und wenn ich noch zehn Leben hätte, würde ich all zehn der Freiheit weihen [Moeh07].  

 

Im Zweiten Reich kolportieren die Geschichtsschreiber bei der Aufarbeitung der für sie so schändlichen Volkserhebung von 1848: Dortu soll am Morgen vor seiner Hinrichtung einem Geistlichen gesagt haben: Sie sehen, daß ich ruhig und gefaßt sein kann, obwohl ich die totale Überzeugung habe, daß ich ins Nichts gehe. Und es wird angefügt, dass auch der Kartätschenprinz findet, daß bei den Verurteilten (Dortu und Neff) ein so totaler Mangel an allem religiösen Sinn zu Tage getreten ist, worin er eine der wirksamsten Triebfedern ihres heillosen Treibens glaubte suchen zu müssen [Hebe10].

 

 

Schlaf mein Kind, schlaf leis'

 

PrPreußische Soldaten verhöhnen die Fahne der Revolutionäre als Schwarz-Rot-Mostrich. Bis Ende Oktober 1849 arbeiten in Baden die preußischen Militärtribunale und fällen mehr als 230 Urteile über die Aufständischen von standrechtliche Erschießungen über Zuchthaus bis Gefängnis [Enge05]. Zivile Gerichte verurteilen weitere 1000 Bürger. Als Folge der Revolution wandern 80000 Verfolgte etwa 6% der badischen Bevölkerung aus [Kapp06].

 

Die Schrecken der der preußischen Besatzung beklagt damals ein Badisches Wiegenlied:

 

Schlaf mein Kind, schlaf leis,
Da draußen geht der Preuß,
Deinen Vater hat er umgebracht,
Deine Mutter hat er arm gemacht,
Und wer nicht schläft in guter Ruh,
Dem drückt der Preuß die Augen zu.

 

Schlaf mein Kind, schlaf leis,
Da draußen geht der Preuß,
Der Preuß hat eine blutige Hand,
Die streckt er über's badische Land.
Und alle müssen wir stille sein,
Als wie dein Vater unter'm Stein ...

 

Schlaf mein Kind schlaf leis,
draußen dort geht der Preuß
Gott aber weiß wie lang er geht,
bis daß die Freiheit aufersteht -
Und wo dein Vater liegt, mein Schatz,
da hat noch mancher Preuße Platz!
Schrei mein Kindlein schreis
dort draußen liegt der Preuß!

 

Als Hecker aus den USA endlich in Straßburg eintrifft, ist längst alles vorbei und verloren. Die Niederwerfung des Badischen Aufstandes markiert zugleich das Ende der revolutionären bürgerlichen Freiheits- und Einheitsbestrebungen für lange Zeit und den Beginn der preußischen Hegemonie in Deutschland [Sieb99].

 

Großer Revolutionskehraus in Europa. Preußen säubert Baden von Aufständischen, die sich unter die Schweizer Mütze flüchten.

 

 

Epilog 1: Eine Revolution ist ein Unglück, aber ein noch größeres Unglück ist eine verunglückte Revolution, meint Heine.

 

Epilog 2: Der Schweizer Gottfried Keller dichtet 1849 ein Totenlied auf die deutsche Revolution:

 

Ich sah des Sommers helle Glut
Empörtes Land durchziehn;
Sie stritten um das höchste Gut,r /> Geschlagen muss das freiste Blut
Aus hundert Wunden fliehn ...
Doch jene, die zur Sommerszeit
Der Freiheit nachgejagt,
Sie schwanden mit der Schwalbe weit,
Sie liegen im Friedhof eingeschneit,
Wo trüb der  Nachtwind klagt.

 

Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein

Preis: ½ Sgr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Revolution von oben:

Das 2.Reich

 

Zurück zur Restauration

 

 

 

 

Epilog 3: Der Dichter Ferdinand Freiligrath macht für das Scheitern der Revolution die Haltung des satten Bürgertums verantwortlich:

 

So hab' ich's doch nach all den Jahren
Zu diesem Posten noch gebracht,
Und leider allzu oft erfahren,
Wer hier im Land das Geld vermacht.
Du sollst, verdammte Freiheit, mir
Die Ruhe fürder nicht gefährden!
Lisette! noch'n Gläschen Bier!
Ich will ein guter Bürger werden.

 

Diogenes in seiner Tonne
Vortrefflich wie beneid' ich ihn.
Es war ja keine Julisonne,
[des Revolutionmonats]
Die jenen Glücklichen beschien.
Was wär' ihm eine ewige Republik,
Daß sich die die Leute toll gebärden!
Zum Teufel mit der Politik!
Ich will ein guter Bürger werden.

 

Epilog 4: Die Erhebung bleibt im Volke lebendig und taugt in der Erinnerung immerhin zu Moritaten. Besonders besungen wird der Heckerzug und Struves dilettantischer Versuch eines Aufrufs zur Republik als Struwwel-Putsch karikiert.

 

Epilog 5: Nach Heckers Abschied von der Alten Welt im September 1848 he was received in NewYork – with great celebration – as a revolutionary hero [Kurd10]

 

Epilog 6:Franz-Sigel-Denkmal

              am Riverside Drive in New York

 

Ein dort angebrachter Text beschreibt den weiteren Werdegang des badischen Revolutionärs: ... his liberal views were in conflict with the existing regime. After leading an unsuccessful revolutionary force in 1848 he was forced to flee to Switzerland. He traveled in exile to England in 1851, and then to the United States one year later.

 

After settling in New York City in 1852, he taught in public and German schools, co-founded the German-American Institute, joined the Fifth New York Militia, and wrote for the New Yorker Staats-Zeitung, and the New York Times.

 

He moved to St. Louis in 1857 to teach at the German-American Institute. At the outset of the American Civil War, Sigel formed a regiment that helped to keep Missouri and the federal arsenal for the Union. Rising to the rank of major general in the Union Army, he fought in several decisive campaigns including Pea Ridge and the Second Battle of Bull Run. He is credited with encouraging many German-Americans to fight for the Union. Sigel returned to New York in 1867, first working in the transportation industry and them serving in various positions in local and federal government. He then resumed his career in journalism as the publisher of the New York Deutsches Volkblatt and editor of the New York Monthly. He died on August 22nd 1902.*

*... seine liberalen Ansichten standen in Widerspruch zum bestehenden Regime. Nachdem er Truppen der gescheiterten Revolution von 1848 befehligt hatte, musste er in die Schweiz fliehen. Im Jahre 1851 ging er nach England ins Exil und ein Jahr später in die Vereinigten Staaten.

Ab 1852 wohnte er in New York Stadt, unterrichtete an öffentlichen und deutschen Schulen, war Mitbegründer des Deutsch-Amerikanischen Instituts, wurde Mitglied der Fünften New Yorker Miliz und schrieb für die New Yorker Staats-Zeitung sowie für die New York Times.

Er zog 1857 nach St. Louis, um am Deutsch-Amerkanischen Institut zu unterrichten. Beim Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs stellte Sigel ein Regiment auf, welches half, dass Missouri und das Bundeszeughaus bei der Union blieben. Er nahm an verschiedenen entscheidenden Feldzügen wie Pea Ridge teil, kämpfte in der zweiten Schlacht von Bull Run und brachte es in der Unionsarmee zum Generalmajor. Indem er viele Deutschamerikaner zum Kampf für die Union ermunterte, machte er sich verdient. Sigel kehrte 1867 nach New York zurück, wo er zunächst in der Transportbranche arbeitete und später verschiedene Stellen in der lokalen Verwaltung und der Bundesregierung bekleidete. Anschließend nahm er seine journalistische Tätigkeit als Herausgeber des New York Deutsches Volksblatt und als Redakteur des New York Monthly wieder auf. Er starb am 22. August 1902.

 

Epilog 7: Aus dem später von der Bevölkerung spöttisch genannten Münstergeneral Georg von Langsdorff wird in den Augen der Obrigkeit der steckbrieflich gesuchte und aufgewertete Generalissimus der Ausständigen gegen die Reichstruppen. Ihm gelingt die Flucht in die Schweiz [Rödl98]. Wie Hecker wandert er in die USA aus. Er schließt dort sein Medizinstudium als Zahnarzt ab und eröffnet eine Praxis. Im Jahre 1870 kehrt er nach Freiburg zurück, arbeitet hier weiter in seinem Beruf und ist daneben in der akademischen Ausbildung tätig. Er bleibt auch in dem von ihm mitbegründeten Turnverein von 1844 bis ins hohe Alter aktiv und stirbt 1921 mit 99 Jahren.

 

Epilog 8: In seinem Schweizer Exil wird Georg Herwegh der Bevollmächtigte des neu gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) in der Schweiz, der als Vorläuferorganisation der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) gilt. Zur Gründung des ADAV schreibt der Dichter 1863 eine Hymne auf das revolutionäre Proletariat, welche sich unter dem Motto: You are many, they are few für 1/2 Silbergroschen verkauft und von der die Zeilen: Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will noch heute bekannt sind:

 

Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein

 

Bet' und arbeit'! ruft die Welt.
Bete kurz! denn Zeit ist Geld.
An der Thüre pocht die Noth -
Bete kurz! Denn Zeit ist Brot.

 

Und Du ackerst und Du säst,
Und Du nietest und Du nähst,
Und Du hämmerst und Du spinnst -
Sag' o Volk, was Du gewinnst!

 

Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
Schürfst im Erz- und Kohlenschacht,
Füllst des Überflusses Horn,
Füllst es hoch mit Wein und Korn -

 

Doch wo ist Dein Mal bereit?
Doch wo ist Dein Feierkleid?
Doch wo ist Dein warmer Herd?
Doch wo ist Dein scharfes Schwert?

 

Alles ist Dein Werk! o sprich,
Alles, aber Nichts für Dich!
Und von Allem nur allein,
Die Du schmiedst, die Kette Dein!

 

Kette, die den Leib umstrickt,
Die dem Geist die Flügel knickt,
Die am Fuß des Kindes schon
Klirrt - o Volk, das ist Dein Lohn.

 

Was ihr hebt an's Sonnenlicht,
Schätze sind es für den Wicht;
Was ihr webt, es ist der Fluch
Für Euch selbst - in's bunte Tuch.

 

Was ihr baut, kein schützend Dach
Hat's für Euch und kein Gemach;
Was ihr kleidet und beschuht,
Tritt auf Euch voll Übermuth.

 

Menschenbienen, die Natur,
Gab sie Euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um Euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?

 

Mann der Arbeit aufgewacht!
Und erkenne Deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn Dein starker Arm es will.

 

Deiner Dränger Schaar erblaßt,
Wenn Du, müde Deiner Last,
In die Ecke lehnst den Pflug,
Wenn Du rufst: Es ist genug!

 

Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Noth der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Noth!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!

 

Epilog 9: Ende Mai 1978 feiern Angehörige der linken Szene in Freiburg 130 Jahre Badische Revolution. Sie ziehen alte Revolutionslieder singend mit schwarz-rot-goldenen Fahnen, Heckerhüten aber auch mit Palästinenserhalstüchern bekleidet durch die Innenstadt bis zum alten Wiehrefriedhof. Hier vor dem Dortu-Mausoleum gedenken sie der dort 1849 erschossenen Revolutionäre und nennen den Ort: Platz der Badischen Freischärler. Der Leopoldring wird zum Hecker- und der Friedrichring zum Struve-Ring, die Kaiser-Josef-Straße in Gebhard-Kromer-Straße umbenannt und der Platz am Schwabentor heißt jetzt Platz der letzten Barrikade [Sieb08a]. An diese Aktion erinnert eine dort angebrachte und weiter oben abgebildete Gedenktafel.  

 

Epilog 10: Am Ostermontag dem 21. April 2003 wurde am Sterneck auf Initiative von Andreas Meckel ein Gedenkstein für die zwanzig Freischärler, die dort am Ostersonntag 1848 im Kampf gegen die Regierungstruppen gefallen waren, enthüllt.

 

Epilog 11: Alljährlich findet am 31. Juli, dem Erschießungstag Maximilian Dortus (siehe oben), auf dem Alten Wiehre-Friedhof in Freiburg eine Gedenkfeier für die Kämpfer für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte statt*.

*Veranstaltet von der Initiative zur Erinnerung an die Badische Revolution

 

Mausoleum der Familie Dortu auf dem alten Wiehre-Friedhof

 

Die Eltern Dortus aus Potsdam ließen an der Stelle, an der ihr einziger Sohn standrechtlich erschossen wurde, ein Mausoleum errichten und vermachten der Stadt Freiburg 1000 Gulden mit der Auflage, das Grab auf immer und ewig zu pflegen.

 

 Nachdem sich das Grab vor einigen Jahren in einem ungepflegten Zustand präsentierte, hat eine Bürgerinitiative Gedenkstätte Maximilian Dortu – Initiative zur Erinnerung an die Badische Revolution 1848/49 in Zusammenarbeit mit der Stadt und freiwilliger Arbeit von Auszubildenden im Jahr 2004 die Grabstätte von Maximilian Dortu wieder instand gesetzt und eine neue Gedenktafel für Dortu, Neff und Kromer gestiftet.

 

Blumengebinde mit Schleifen niedergelegt am Dortu-Mausoleum anläßlich der Gedenkfeier am 31. Juli 2010 für die an dieser Stelle standrechtlich erschossenen Revolutionäre

 

This page was last updated on 25 August, 2010