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Freiburgs Geschichte in Zitaten |
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1848/49 oder die gescheiterte Revolution |
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Der Ruf nach Freiheit und Einheit
Der Ruf nach Freiheit und Einheit in den deutschen Landen nie verstummt er ganz, wenn auch der Augenarzt und ehemalige Burschenschaftler Alexander Pagenstecher in seinen Erinnerungen pessimistisch feststellt: Das Gefühl einer vaterländischen Politik [war] schlafen gegangen, die Erinnerung an die Befreiungskriege, in den höchsten Regionen schon lange mißliebig, war auch im Volke in den dunkelsten Hintergrund getreten. Nur auf den Universitäten, bei den Epigonen der alten Burschenschaftler, wurde noch die Kultur der deutschen Einheit und Freiheit, hier und da im Geheimen getrieben [Schä02]. Heine mault in seinem Versepos Deutschland ein Wintermärchen:
Heine sieht wie viele vor und nach ihm in der gemeinsamen Sprache die Grundlage einer deutschen Einheit: Diese Schriftsprache [Luthers] herrscht noch immer in Deutschland, und gibt diesem politisch und religiös zerstückelten Lande eine literärische Einheit ... Alle Ausdrücke und Wendungen, die in der lutherschen Bibel stehn, sind deutsch, der Schriftsteller darf sie immerhin noch gebrauchen; und da dieses Buch in den Händen der ärmsten Leute, so bedürfen diese keiner besonderen gelehrten Anleitung, um sich literarisch aussprechen zu können. Dieser Umstand wird, wenn bei uns die politische Revolution ausbricht, gar merkwürdige Erscheinungen zur Folge haben. Die Freiheit wird überall sprechen können und ihre Sprache wird biblisch sein [Hein34].
Großherzogtum Baden: Zahmheit bringt nichts ...
Philipp Becker, Teilnehmer am Hambacher Fest und später Chef der Badischen Volkswehr, gibt in seinem Buch Geschichte der Süddeutschen Mai-Revolution eine Beschreibung der damaligen politischen Verhältnisse im Südwesten Deutschlands, die in vielen Teilen überraschend auch noch heute gültig ist: Die geographische Lage Badens ist dem Verkehr der Ideen sehr günstig. Dem Rheine entlang gränzt dasselbe im Westen in einer Ausdehnung von 50 Stunden an Frankreich und lehnt sich im Süden in einer Breite von 30 Stunden an die Schweiz an. Das allemannische Gebiet, zwischen Schwarzwald, Vogesen und Alpen, durch deutsche Bürgerkriege und französische Intriguen auseinandergerissen, ist schon seit zwei Jahrhunderten von verschiedenen Staaten und Staatsformen beherrscht. Dennoch besteht in dem deutschen Baden, dem französischen Elsaß und den schweizerischen Grenzkantonen eine Uebereinstimmung des Dialektes, der Sitten, Gewohnheiten und Beschäftigungen, welche sich länger erhalten wird, wie die politische Trennung dieser Länder. Der bis in das Detail gehende Handel zwischen denselben zwingt die Bevölkerung oft zur Ueberschreitung des Rheines, und der Austausch der Landesprodukte erzeugt einen Verkehr der Gedanken, welcher die alte Stammverwandtschaft wieder auffrischt. Daher kommt es, daß Baden ebensosehr von den französischen Ideen überfluthet und von den Pariser Revolutionen umstimmt, wie durch die schweizerischen Nachbarrepubliken, deren Freiheit die Bürgschaft ihres Wohlstandes ist, zum Verständniß demokratischer Staatsformen herangebildet und zur Nachahmung derselben angespornt wird. In Berlin und Wien hatte man sich deshalb schon längst daran gewöhnt, mit besorgten und ängstlichen Blicken Baden zu überwachen, welches die Republik zu nahe vor Augen hatte, um nicht dieselbe zu lieben und zu begehren. Den Charakter des Volkes unterstützte diese Besorgniß wenigstens teilweise. Ein gesunder, verständiger Menschenschlag lebt dort, der die Kraft und den Willen hat, selbstständig zu sein. Die Bildung ist mehr vorgeschritten, als in den andern Provinzen Deutschlands. Ein mäßiger Wohlstand gibt Kraft und Selbstvertrauen, ohne gerade eine reaktionäre Bourgeoisie zu erzeugen. Ein eigentliches Proletariat existirt freilich nicht, trotz der großen Bevölkerung des Landes; dagegen hat der Bauer genug Lasten auf seinem Rücken, welche an die gesegneten Zeiten des Mittelalters erinnern, um mit den bestehenden politischen Verhältnissen unzufrieden zu sein. Die Revolution findet allerdings mehr Girondisten in Baden, als Jakobiner; Bürger wie Bauern, hatten bisher mehr Zuneigung, als Leidenschaft zur Republik und zur Freiheit, und man kann nicht leugnen, daß die Meisten gern auf friedlichem Wege ohne Revolution zur Republik gelangen wollten. Da jedoch die Verhältnisse ihnen die Unmöglichkeit dessen bewiesen, willigten sie auch in die Revolution, freilich ohne ihre Folgen und Opfer im ganzen Umfange zu kennen. Im Ganzen bot das Volk tüchtigen Revolutionsmännern genügendes Material [Beck49].
Obgleich oder gerade weil Baden über die liberalste Verfassung in deutschen Landen verfügt, die Großherzog Karl I. am 29. August 1818 drei Monate vor seinem Tod seinen Untertanen oktroyiert hatte, artikuliert sich das Streben nach Freiheit hier besonders eindrücklich. Es ist die häufige Missachtung der Grundrechte durch die Obrigkeit, die Unruhe schürt und, weil politische Parteien verboten sind, zur Bildung demokratischer Freischaren und Vaterländischer Vereine führt. Die Nichtbestätigung der Wahl des Liberalen Karl von Rotteck zum Freiburger Bürgermeister im Jahre 1833 durch die Landesregierung in Karlsruhe ist noch in der Erinnerung vieler.
Um endlich die Einhaltung der Verfassung zu erzwingen und Reformen in Baden voranzutreiben, regt der Mannheimer Abgeordnete der Zweiten Kammer des Landtags Friedrich Hecker eine Steuerverweigerung an. Dieser Hecker zeichnet sich durch eine gewandte unermüdliche, allzeit schlagfertige Advocatenberedtsamkeit, eine frische lebhafte, of stürmische Art des Kämpfens, unterstützt durch Energie und Unerschrockenheit einer jugendlichen und gewinnenden Individualität aus [Eng10a]. Als ihm seine Parlamentskollegen beim Steuerstreik nicht folgen wollen, legt er sein Mandat nieder.
Heckers Kollege Karl Mathy ruft frustriert aus: Da die Zahmheit nichts gebracht hat, ist es an der Zeit, daß man es mit der Wildheit probiert, aber sie darf sich nicht auf den Ständesaal allein beschränken [Hein98].
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Flugblatt mit den
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Mathy liegt mit seiner Bemerkung voll im Trend, denn unzufrieden mit den Liberalisierungsfortschritten in Baden ist auch der Mannheimer Rechtsanwalt Gustav von Struve. Er entwickelt im Januar 1847 in einem Brief an den Redakteur der republikanischen Zeitung Seeblätter in Konstanz Joseph Fickler die Idee zu einem Treffen der entschiedenen Freunde der Verfassung wohl am besten [in] Offenburg als dem Mittelpunkt des Landes. Die Stadt bietet sich als Treffpunkt an, sie ist schnell zu erreichen, denn bereits seit 1844 gibt es eine Eisenbahnverbindung mit Heidelberg und Mannheim und die Strecke über Freiburg nach Süden in Richtung Basel erreicht 1847 Schliengen [Gall07].
Im Offenburger Wochenblatt liest man folgende Einladung:
Offenburg: Struve und Hecker die treibenden Kräfte im Ghztm
Und so treffen sich am 12. September 1847 in Offenburg die entschiedenen
Verfassungsfreunde aus ganz Baden in der Gaststätte Salmen zu einer
Volksversammlung. Der Strom von Menschen aller
Klassen, Handwerksgesellen, Hausknechte,
Fuhrleute, Bauernknechte und auch Frauen reißt nicht ab, bis sich
rund 900 Teilnehmer im Ballsaal drängen. Struves Frau Amalia erinnert sich:
Mit der innigsten
Theilnahme wohnte ich dieser Versammlung bei.
Oben: Hecker mit Hut and friends. Links von ihm stehend Gustav von Struve, der 1847 auf sein von verzichtet. Hecker trägt die Bluse (frz. Blouse), Fuhrmannskittel, leinenes oder baumwollenes Überhemd, in Frankreich das Kleid der sog. arbeitenden Klassen, 1830 in Belgien und 1848 in Frankreich die Tracht der Revolutionäre, daher in Deutschland von Hecker und andern republikanischen Affen ebenfalls angelegt [Herd57].
Höhepunkt der Versammlung bildet eine Rede Heckers, in der er 13 Forderungen des Volkes vorträgt. Im ersten Abschnitt seiner Ausführungen verlangt er die Wiederherstellung der von der Regierung so häufig verletzten Badischen Verfassung und beschäftigt sich anschließend mit der Weiterentwicklung der Rechte des Volkes. Auf Flugblättern verbreitet finden die Forderungen den Weg bis nach Berlin:
Die Forderungen des VolkesUnsere Versammlung von entschiedenen Freunden der Verfassung hat stattgefunden. Niemand kann derselben beigewohnt haben, ohne auf das Tiefste ergriffen und angeregt worden zu sein. Es war ein Fest männlicher Entschlossenheit, eine Versammlung, welche zu Resultaten führen muß. Jedes Wort, was gesprochen wurde, enthält den Vorsatz und die Aufforderung zu thatkräftigem Handeln. Wir nennen keine Namen und keine Zahlen. Diese thun wenig zur Sache. Genug, die Versammlung, welche den weiten Festsaal füllte, eignete sich einstimmig die in folgenden Worten zusammengefaßten Besprechungen des Tages an: Die Forderungen des Volkes in Baden: I. Wiederherstellung unserer verletzten Verfassung Art. 1. Wir verlangen, daß sich unsere Staatsregierung lossage von den Karlsbader Beschlüssen vom Jahr 1819, von den Frankfurter Beschlüssen von 1831 und 1832 und von den Wiener Beschlüssen von 1834. Diese Beschlüsse verletzen gleichmäßig unsere unveräußerlichen Menschenrechte wie die deutsche Bundesakte und unsere Landesverfassung. Art. 2. Wir verlangen Preßfreiheit; das unveräußerliche Recht des menschlichen Geistes, seine Gedanken unverstümmelt mitzutheilen, darf uns nicht länger vorenthalten werden. Art. 3. Wir verlangen Gewissens- und Lehrfreiheit. Die Beziehungen des Menschen zu seinem Gotte gehören seinem inneren Wesen an, und keine äußere Gewalt darf sich anmaßen, sie nach ihrem Gutdünken zu bestimmen. Jedes Glaubensbekenntniß hat daher Anspruch auf gleiche Berechtigung im Staate. Keine Gewalt dränge sich mehr zwischen Lehrer und Lernende. Den Unterricht scheide keine Confession. Art. 4. Wir verlangen Beeidigung des Militärs auf die Verfassung. Der Bürger, welchem der Staat die Waffen in die Hand gibt, bekräftige gleich den übrigen Bürgern durch einen Eid seine Verfassungstreue. Art. 5. Wir verlangen persönliche Freiheit. Die Polizei höre auf, den Bürger zu bevormunden und zu quälen. Das Vereinsrecht, ein frisches Gemeindeleben, das Recht des Volkes sich zu versammeln und zu reden, das Recht des Einzelnen sich zu ernähren, sich zu bewegen und auf dem Boden des deutschen Vaterlandes frei zu verkehren - seien hinfürö ungestört.
II. Entwickelung unserer Verfassung Art. 6. Wir verlangen Vertretung des Volks beim deutschen Bunde. Dem Deutschen werde ein Vaterland und eine Stimme in dessen Angelegenheiten. Gerechtigkeit und Freiheit im Inneren, eine feste Stellung dem Auslande gegenüber gebühren uns als Nation. Art. 7. Wir verlangen eine volksthümliche Wehrverfassung. Der waffengeübte und bewaffnete Bürger kann allein den Staat schützen. Man gebe dem Volke Waffen und nehme von ihm die unerschwingliche Last, welche die stehenden Heere ihm auferlegen. Art. 8. Wir verlangen eine gerechte Besteuerung. Jeder trage zu den Lasten des Staates nach Kräften bei. An die Stelle der bisherigen Besteuerung trete eine progressive Einkommensteuer. Art. 9. Wir verlangen, daß die Bildung durch Unterricht allen gleich zugänglich werde. Die Mittel dazu hat die Gesammtheit in gerechter Vertheilung aufzubringen. Art. 10. Wir verlangen Ausgleichung des Mißverhältnisses zwischen Arbeit und Capital. Die Gesellschaft ist schuldig die Arbeit zu heben und zu schützen. Art. 11. Wir verlangen Gesetze, welche freier Bürger würdig sind und deren Anwendung durch Geschwornengerichte. Der Bürger werde von dem Bürger gerichtet. Die Gerechtigkeitspflege sei Sache des Volkes. Art. 12. Wir verlangen eine volksthümliche Staatsverwaltung. Das frische Leben eines Volkes bedarf freier Organe. Nicht aus der Schreibstube lassen sich seine Kräfte regeln und bestimmen. An die Stelle der Vielregierung der Beamten trete die Selbstregierung des Volkes. Art. 13. Wir verlangen Abschaffung alle Vorrechte. Jedem sei die Achtung freier Mitbürger einziger Vorzug und Lohn. Offenburg, 12. September 1847
Zusammen mit seinem Freund Hecker adressiert Struve an die Deputierten zu Carlsruhe eine Kurzfassung der dringlichen Forderungen:
1.
Volksbewaffnung mit freien Wahlen der Offiziere
Diese letzte Forderung bringt der liberale Abgeordnete Friedrich Daniel Bassermann als Antrag auf die Bildung einer deutschen Nationalvertretung am 12. Februar 1848 in der Zweiten, der Ständekammer des badischen Parlaments ein.
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Georg Herwegh
Ehepaar Marx zu Besuch beim kränkelnden Heine |
Paris: Georg Herwegh
Auch in anderen Teilen Deutschlands nährt die Knebelung von Freiheitsbestrebungen durch rückwärtsgewandte Obrigkeiten aufrührerische Gedanken. Bereits um 1843 hatte der Dichter Georg Herwegh im preußischen Berlin ein Gedicht geschrieben frei nach Goethes Wiegenlied: Schlafe, was willst du mehr?
Deutschland - auf
weichem Pfühle
Lass jede Freiheit dir
rauben,
Und ob man dir alles
verböte,
Dein König beschützt
die Kamele
Es fechten dreihundert
Blätter
Kein Kind läuft ohne
Höschen
Da die Beamten ihren Brötchengebern treu ergeben sind, die Presse sich nicht traut, weil sie nicht darf, und von Revolutionären sans culottes diesseits des Rheins nichts zu sehen ist, formuliert Herwegh später seinen Gedanken noch ein wenig schärfer:
Brich du o Hass die Ketten
Mit solchen Versen gewinnt der Dichter das Herz der schönen Berlinerin Emma Siegmund. Wegen dieser und anderer Schriften, welche die revolutionäre Stimmung des Vormärz in Deutschland ausdrücken, müssen die Brautleute fliehen zunächst in die Schweiz. Schließlich findet das junge Paar in Paris eine neue Heimat in gemeinsamer Wohnung mit Karl und Jenny Marx, die Georg von seiner Arbeit bei der Rheinischen Zeitung kennt. Die Herweghs werden Freunde von Pierre-Jean de Béranger, Franz Liszt, George Sand und dem Emigranten Adalbert von Bornstedt der Anfang März 1848 die Deutsche Demokratische Gesellschaft als Sammlungsbewegung aller Deutschen, die aus politischen Gründen Deutschland verlassen mussten, gründen wird.
In Paris lebt aber auch Heine, der über seinen erzwungenen Aufenthalt in Frankreich schon 1840 geschrieben hatte: Wer das Exil nicht kennt, begreift nicht, wie grell es unsere Schmerzen färbt, und wie es Nacht und Gift in unsere Gedanken gießt. Ist das der Grund, weshalb er nun Herweghs revolutionäre poetische Ergüsse viel zu zahm findet und ihn in einem Gedicht Die Tendenz: verspottet?
Deutscher Sänger! sing
und preise
Girre nicht mehr wie
ein Werther,
Sei nicht mehr die
weiche Flöte,
Blase, schmettre,
donnre täglich,
Hier hätte auch der Ausspruch Heines: Worte, Worte, niemals Taten, viel Gemüse, niemals Braten gepasst.
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Im Vormärz
In seinem Buch Geschichte der drei Volkserhebungen in Baden schreibt Struve über die Zustände in deutschen Landen: Die künstlich gehegten Gefühle der Liebe und Achtung für die Fürsten, den Adel und die Obrigkeit konnten nicht länger fortbestehen, nachdem das Volk über die Ursachen seiner Noth einigermaßen belehrt worden war. Die bestehende Gewalt hatte nach und nach alle anderen Stützen verloren, als diejenigen, welche der Aberglaube und die Furcht vor ihrer Macht dem Volke einflößten. Die Wortbrüchigkeit der Fürsten war zum Spruchworte, die trügerischen Künste der Geistlichkeit zum Kinderspotte geworden. Die Brutalität der Soldaten hatte wiederholt die Entrüstung des Volkes hervorgerufen. Die Anmaßungen des Geburtsadels hatten sich bis zur Lächerlichkeit gesteigert. Die Charakterlosigkeit des Beamtenthums hatte den Glauben an Gesetz und Recht untergraben und der Wucher der Geldleute hatte die große Masse des Volkes zur Verzweiflung gebracht.
In dieser trüben Zeit, als viele minder kräftige Freiheitskämpfer nur in der Auswanderung noch Heil zu finden glaubten, - brach die Februarrevolution in Frankreich aus [Stru49]. Am 24. Februar 1848 wird im Mutterland der Revolution der Bürgerkönig Louis Philippe gestürzt und die zweite Republik ausgerufen, das Signal für Volkserhebungen in vielen Staaten Europas. So auch in den Ländern des Deutschen Bundes unter schwarz-rot-goldenen Fahnen, von denen der berühmte französische Historiker Jules Michelet so überschwänglich und romantisch schwärmt, als er diese Farben in der Pariser Kirche Madeleine bei der Totenfeier für die Gefallenen der Pariser Februarrevolution erblickt: Au bas, une chose retenait mes regards, tous les drapeaux des nations ... Jamais je n'avais vu le grand drapeau du Saint-Empire, de ma chère Allemagne noir, rouge et l'or, le sait drapeau de Luther, Kant, Fichte, Schelling et Beethoven. Je fus attendri et ravi ... Je m'en allait rêver, me disant que le peuple se fera par les fêtes, aura sa grande école dans les Fédérations, les Fraternités d'avenir [Kata48]. *Drunten fesselte mich der Anblick aller Fahnen der Nationen ... Niemals hatte ich die große Fahne des Heiligen Reiches gesehen, das meines teuren Deutschlands, schwarz, rot und gold, wie es heißt, die Farben Luthers, Kants, Fichtes, Schellings und Beethovens. Ich war gerührt und hingerissen ... Ich fing an zu träumen und sagte mir, das Volk wird bei Festlichkeiten geschmiedet und wird seine hohe Ausbildung in Vereinigungen, den zukünftigen Brüderschaften. finden.
Ja, die Bürger in deutschen Landen wollen auch eine Revolution freiheitlich und national, doch mit dieser allgemeinen Beschreibung hört der gemeinsame Nenner bereits auf. Schon Goethe lässt in seinem Drama Herzog Alba auf Egmonts Frage, wer den Niederländern die Freiheit verbürgt, antworten: Freiheit ein großes Wort und fügt gleich hinzu: wer's recht verstände. Soll die deutsche Zukunft nun republikanisch oder beschränkt monarchistisch, föderalistisch oder zentralistisch, klein- oder großdeutsch aussehen. Soll es statt den Söldnern der Herrschenden ein echtes Volksheer oder nur Bürgerwehren geben. Neben radikalen Scharfmachern gibt es moderate Revolutionäre, die nach ein bisschen mehr Sozialem an den Industriestandorten, weniger Feudalismus auf den Dörfern oder mehr Durchblick bei der Justiz in den Städten trachten.
Der biedere deutsche Bürger, der in bescheidenem Wohlstand lebt, möchte keinen blutigen Umsturz, so wie ihn die Franzosen in ihrer sozialen Not einst 1789 vorgemacht hatten. Doch wäre es schön, wenn sich existierende Strukturen reformieren und mit ein wenig Preßfreyheit überpudern ließen. Allerdings wird in diesem Punkt selbst Heine zum Bedenkenträger: Das helle Licht der Preßfreiheit ist für den Sklaven, der lieber im Dunklen die allerhöchsten Fußtritte hinnimmt, ebenso fatal wie für den Despoten, der seine einsame Ohnmacht nicht gern beleuchtet sieht. So zerrissen präsentiert sich die revolutionäre Szene im Vormärz des Jahres 1848 in den deutschen Landen.
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Carl Mez
Karl Theodor Welcker |
Mannheim - Karlsruhe: Petition vieler Bürger und Einwohner
Das Land Baden, welches seit drei Jahrzehnden dem übrigen Deutschland die Fahne des Fortschritts vorangetragen hatte, erhob sich zuerst und stellte bestimmte Forderungen an seine Regierung. Am 27. Februar 1848 bevor noch umfassende Nachrichten über die neue Gestaltung der französischen Zustände eingetroffen waren, wurde in Mannheim eine zahlreich besuchte Bürgerversammlung (4000 Menschen) abgehalten, in welcher als dringendste und sofort zu erfüllende Forderungen festgestellt wurden [Stru49]. Zu den Ereignissen in Paris sprechen die Landtagsabgeordneten Bassermann, Johann Adam von Itzstein und Karl Mathy [Enge10]. Unter der maßgeblichen Mitwirkung Struves entwerfen einige entschlossene Patrioten eine Petition an die zweite Kammer:
Hohe zweite Kammer!
Petition vieler Bürger und Einwohner der Stadt Mannheim, betreffend die endliche Erfüllung der gerechten Forderungen des Volkes.
Eine ungeheure Revolution hat Frankreich umgestaltet. Vieleicht in wenigen Tagen stehen französische Heere an unsern Grenzmarken, während Rußland die seinigen im Norden zusammenzieht. Ein Gedanke durchzuckt Europa. Das alte System wankt und zerfällt in Trümmer. Aller Orten haben die Völker mit kräftiger Hand die Rechte sich selbst genommen, welche ihre Machthaber ihnen vorenthielten. Deutschland darf nicht länger geduldig zusehen, wie es mit Füßen getreten wird. Das deutsche Volk hat das Recht zu verlangen: Wohlstand, Bildung und Freiheit für alle Klassen der Gesellschaft, ohne Unterschied der Geburt und des Standes. Die Zeit ist vorüber, die Mittel zu diesen Zwecken lange zu berathen. Was das Volk will, hat es durch seine gesetzlichen Vertreter, durch die Presse und durch Petitionen deutlich genug ausgesprochen. Aus der großen Zahl von Maßregeln, durch deren Ergreifung allein das deutsche Volk gerettet werden kann, heben wir hervor:
1) Volksbewaffnung mit freien Wahlen der Offiziere.
Diese vier Forderungen sind so dringend, daß mit deren Erfüllung nicht länger gezögert werden kann und darf.
Vertreter des Volkes! Wir verlangen von Euch, daß Ihr diese Forderungen zu ungesäumter Erfüllung bringet. Wir stehen für dieselben mit Gut und Blut ein, und mit uns, davon sind wir durchdrungen, das ganze deutsche Volk. Mannheim, den 27. Febr. 1848 [Heck49].
Die Forderungen wurden des folgenden Tages in einer großen Volksversammlung angenommen. Exemplare eilten nach allen Gegenden Deutschlands, überall erhob man sich, in Nassau, beiden Hessen, Baiern, Württemberg, Preußen, Sachsen u. s. w., den gegebenen Impulsen folgend; in Massen strömten die Männer nach den Residenzen, die alten Minister entwichen, die Fürsten, verlassen und rathlos, versprachen und unterschrieben [Stru49].
Freiburg: Der Makel des Revolutionismus
In Freiburg kommen am 28. Februar 800 Personen im Haus Zur Tannen zusammen. Dieses aus dem Jahre 1460 stammende Haus in der Grünwälderstraße ist die Heimstatt der bürgerlichen Lesegesellschaft Harmonie, die 1835 von Karl von Rotteck und Carl Mez als Abspaltung von der traditionellen Museumsgesellschaft gegründet worden war, denn das Museum von 1807 war für die Liberalen ein Verein ohne politischen Biss geworden, der fast ausschließlich - in Anbetracht der repressiven Maßnahmen des Deutschen Bundes - auf das Privat-Gesellige ausgewichen war [Kort06]. Außerdem hatten Mitglieder der Museumsgesellschaft ihre Kollegen Johann Georg Duttlinger und Karl von Rotteck anonym beschuldigt, auf die Stadt den Makel des Revolutionismus zu ziehen [Rödl98]. Allein hier ward eine traurige Thatsache anschaulich, eine Thatsache, deren Eristenz die Klippe der deutschen Revolution ausmacht, indem sie zumeist die Unklarheit der Begriffe unterstützte und das Aufkommen einer Reaktion möglich machte - ich meine die Indolenz und Muthlosigkeit der ruhigeren Bürger [Mörd49].
Hier im Haus Zur Tannen wählen die Versammelten einen Volksausschuss, stellen einen Katalog revolutionärer Forderungen zusammen und senden damit eine Delegation nach Karlsruhe. Die Abordnung trifft rechtzeitig am 1. März in der Landeshauptstadt zu einer Versammlung vor dem Ständehaus ein.
Karlruhe: Gegen 20 000 Männer versammelten sich
Gegen 20,000 Männer versammelten sich am 1. März in Karlsruhe, sie verlangten unverzögerte Rechtsbriefe für das Volk, die Deputationen wollten selbst in dem Ständesaale die Petitionen überreichen, man verweigerte es als gegen die Geschäftsordnung des Ständehauses verstoßend; bleich saßen die reaktionären Abgeordneten, unruhig die Unentschlossenen und Halben; ängstliche Gruppen umstanden den rathlosen Präsidenten [Stru49]. Einige Demonstranten dringen in das Gebäude ein, wobei Struve vergeblich versucht, in der Zweiten Kammer eine Ansprache zu halten. Schließlich übergibt er Hecker die im ganzen Land gesammelten Petitionen, der als Abgeordneter seinerseits die Beseitigung der Adelsprivilegien und die Befreiung der Bauern, somit die Aufhebung der Überreste des mittelalterlichen Feudalsystems, verlangt.
Als nun ein Sturm unter den Massen zu drohen begann, weil das Ministerium die Erfüllung blos zugesagt, traten selbst Hecker und Struve als Mittler auf, und erklärten, man habe ja Alles erhalten, die Bürger möchten sich jetzt nach Hause begeben. Und doch hatte dieses Volk Recht; wurde es doch fast in demselben Augenblicke um die unbedingte Anerkennung des am wenigsten streitigen Rechtes betrogen. Statt daß man freie Presse gewährte, erklärte man die elenden Censurbestimmungen für suspendirt, und bequemte sich erst auf die Reklamation der Kammer dahin, das Ganze als einen Druckfehler im Regierungsblatte zu erklären [Mörd49].
Mit drei Freunden der Ständeversammlung hatte der Verfasser dieses Werkchens [Heck49] die bekannten 13 Artikel entworfen, welche die unentbehrlichsten Grundlagen für die rechtliche Existenz eines Volkes sind. Wir beschlossen, sämmtliche Abgeordnete davon in Kenntniß zu setzen und zum Beitritt aufzufordern; man versammelte sich Nachmittags zu einer Besprechung; aber schon beim ersten Artikel begannen die HH. Mathy und (Theodor) Welker an Form und Inhalt zu mildern und zu verwässern, so daß endlich der Abgeordnete (Lorenz) Brentano und der Schreiber dieser Zeilen entrüstet erklärten, sie würden allein die Anträge des anderen Tages stellen und für die Rechts-charte des Volkes einstehen [Heck49].
Karlsruhe: Das deutsche Volk hat ein heiliges Recht
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An meine lieben Berliner
Prinz Wilhelm um 1848
Feldmarschall
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Berlin: Jetzt fehlt bloß noch die Guillotine!
Schon kurz nach seiner Thronbesteigung 1840 hatte Friedrich Wilhelm IV. (1840-1858) klargestellt: Ich fühle mich ganz und gar von Gottes Gnaden und werde mich so mit seiner Hilfe bis zum Ende fühlen … Glanz und List überlasse ich ohne Neid sogenannten konstitutionellen Fürsten, die durch ein Stück Papier dem Volke gegenüber eine Fiktion, ein abstrakter Begriff geworden sind. Ein väterliches Regiment ist deutscher Fürsten Art … [Wink00].
Friedrich Wilhelm IV.
Im Jahre 1847 nimmt der König in seiner Thronrede bei der Eröffnung des preußischen Landtags das Thema wieder auf: Nie und nimmer gebe ich zu, dass sich zwischen unseren Herr Gott im Himmel und dieses Land ein beschriebenes Blatt gleichsam als einen zweite Vorsehung eindränge [Wink00] und, dass es keiner Macht der Erde je gelingen soll, mich zu bewegen, das natürliche Verhältnis zwischen Fürst und Volk in ein konventionelles, konstitutionelles zu wandeln [Berh09]. Als ihn am 28. Februar 1848 die Meldung vom Sturz Louis-Philippes erreicht, kommentiert er knapp: Der Satan ist wieder los. Die Stimmung der Menschen in Preußen ist gereizt, haben sich doch nach schlechten Ernten die Preise für die Grundnahrungsmittel Getreide und Kartoffeln verdoppelt oder sogar verdreifacht. Es kommt vielerorts zu Brotunruhen und Hungerkrawallen. Auch muss Preußen um seine Randgebiete fürchten: den polnischen Nationalismus in Westpreußen, die Armut der Weber in Oberschlesien, die Antistimmung im katholischen Rheinland, welches noch immer mit dem Anschluss an Preußen hadert, und das aufkommende Proletariat im Ruhrtal: Mann der Arbeit aufgewacht! Und erkenne Deine Macht! Alle Räder stehen still, Wenn Dein starker Arm es will.
Auch aus anderen Ländern des Deutschen Bundes treffen beunruhigende Neuigkeiten in Berlin ein. So am 29. Februar die Nachricht über die Gewährung der Pressefreiheit im Großherzogtum Baden. Als das Königreich Württemberg nachzieht, gibt am 3. März der Bundestag in Frankfurt unter dem Druck des Volkes grünes Licht: Es sei jedem Mitglied freigestellt, die Pressefreiheit einzuführen. Gegen die bedrohliche Entwicklung zieht die preußische Regierung massiv Truppen in Berlin zusammen. Immer häufiger kommt es in der aufgeladenen Atmosphäre der Hauptstadt zu Konfrontationen zwischen Soldaten und Bürgern, die mit Säbelhieben und durch Gewehrschüsse verletzt oder getötet werden. Als schließlich am 15. März die Nachricht von der Flucht Kanzler Metternichs aus Wien Berlin erreicht, befindet der König in seiner Potsdamer Residenz: Nu werd ick nach Berlin missen, damit se mir nich dort ooch dolle Streiche machen [Berh09]. Derweil kondensieren sich am 17. März die Proteste der Berliner Bevölkerung in vier Märzforderungen:
1. Zurückziehung der militärischen Macht
Diese vier Punkte sollen am folgenden Tag als Sturmpetition im Rahmen einer Massendemonstration vor dem Stadtschloss vorgebracht werden [Pröv98]. Als der König sich am frühen Nachmittag des 18. März auf dem Balkon des Stadtschlosses der Menge zeigt und zu ihr spricht, brandet stürmischer, fast trunken zu nennender Beifall auf. Ein Staatssekretär verliest die Erklärung des Königs: Der König will, dass Pressefreiheit herrsche; der König will, dass der Landtag sofort berufen werde; der König will, dass eine Konstitution auf der freisinnigsten Grundlage alle deutschen Länder umfasse; der König will, dass eine deutsche Nationalflagge wehe; der König will, dass alle Zollschlagbäume fallen; der König will, dass Preußen sich an die Spitze der Bewegung stelle [Schr11].
Es fehlt aber nicht an Skeptikern. So fühlt der Student Paul Boerner: Was kümmerten in diesem Augenblick die königlichen Konzessionen, es waren leere Worte geworden, Phrasen [Berh09]. Das Volk verharrt auf dem Schlossplatz, wirkt auf den Monarchen zunehmend bedrohlich und so erteilt er dem Stadtkommandanten General von Prittwitz den Befehl, die Leute mit der Kavallerie ohne gezogenen Säbel vom Platz zu drängen. Dabei lösen sich versehentlich? zwei Schüsse. Die Menge stiebt auseinander aufgeregt bis zur rasenden Wut, knirschend, bleich, atemlos. Verrat! Man schießt auf uns!
Revolutionäre auf den Barrikaden in der Breiten
Straße, gegen die das Militär fünfmal stürmt. Als die Armee gegen das Volk vorrückt, toben in den Straßen Berlins blutige Barrikadenkämpfe. Vertraute beschwören den König, das Feuer einstellen zu lassen, doch Bruder Prinz Wilhelm - der spätere Kaiser Wilhelm I. (1871-1888) - widerspricht: Nein, das soll nicht geschehen, nimmermehr! Eher soll Berlin mit allen seinen Einwohnern zu Grunde gehen. Wir müssen die Aufrührer mit Kartätschen zusammenschießen! Nach pessimistischen Meldungen seitens von Prittwitz‘ von der Straßenfront biedert sich der König an der Macht hängend und thrähnenreich mit einer Proklamation An meine lieben Berliner beim Volk an und schildert die Ereignisse aus seiner Sicht:
Durch mein Einberufungspatent vom heutigen Tage habt Ihr das Pfand der treuen Gesinnung Eures Königs zu Euch und zum gesamten deutschen Vaterlande empfangen. Noch war der Jubel, mit dem unzählige treue Herzen mich gegrüßt hatten, nicht verhallt, so mischte ein Haufe Ruhestörer aufrührerische und freche Forderungen ein und vergrößerte sich in dem Maße als die Wohlgesinnten sich entfernten. Da ihr ungestühmes Vordringen bis in's Portal des Schlosses mit Recht arge Absichten befürchten ließ und Beleidigungen wider meine tapfern und treuen Soldaten ausgestoßen wurden, musste der Platz durch Kavallerie im Schritt und mit eingesteckter Waffe gesäubert werden und 2 Gewehre der Infanterie entluden sich von selbst, Gottlob! ohne irgend Jemand zu treffen. Eine Rotte von Bösewichtern, meist aus Fremden bestehend, die sich seit einer Woche, obgleich ausgesucht, doch zu verbergen gewusst hatten, haben diesen Umstand im Sinne ihrer argen Pläne, durch augenscheinliche Lüge verdreht und die erhitzten Gemüter von Vielen meiner treuen und lieben Berliner mit Rachegedanken um vermeintlich vergossenes Blut! erfüllt und sind so die gräulichen Urheber von Blutvergießen geworden. Meine Truppen, Eure Brüder und Landsleute, haben erst dann von der Waffe Gebrauch gemacht, als sie durch viele Schüsse aus der Königsstraße dazu gezwungen wurden, das siegreiche Vordingen der Truppen war die notwendige Folge davon.
An Euch, Einwohner meiner geliebten Vaterstadt, ist es jetzt, größerem Unheil vorzubeugen. Erkennt, Euer König und treuster Freund beschwört Euch darum, bei Allem was Euch heilig ist, den unseeligen Irrthum. Kehrt zum Frieden zurück, räumt die Barricaden die noch stehen hinweg, und entsendet an mich Männer, voll des ächten alten Berliner Geistes mit Worten wie sie sich Eurem König gegenüber geziemen, und ich gebe Euch mein Königliches Wort, dass alle Straßen und Plätze sogleich von den Truppen geräumt werden sollen und die militärische Besetzung nur auf die nothwendigen Gebäude, die des Schlosses, des Zeughauses und weniger anderer, und auch da nur auf kurze Zeit beschränkt werden wird. Hört die väterliche Stimme Eures Königs, Bewohner meines treuen und schönen Berlins und vergesset das Geschehene, wie ich es vergessen will und werde in meinem Herzen, um der großen Zukunft Willen, die unter dem Friedens-Seegen Gottes für Preußen und durch Preußen für Deutschland anbrechen wird.
Eure liebreiche Königin und wahrhaft treue Mutter und Freundin, die sehr leidend darnieder liegt, vereint ihre innigen, thränenreichen Bitten mit den Meinigen. -
Geschrieben in der Nacht vom 18-19. März 1848 Friedrich Wilhelm
Als die lieben Berliner auf seinen Aufruf ihren unseligen Irrtum nicht erkennen wollen und lediglich drei Barrikaden räumen, sieht Friedrich Wilhelm ein, dass mit militärischer Gewalt nichts gegen den Volksaufstand auszurichten ist. So heißt er die Truppen aus Berlin abrücken und stimmt einer Bürgerbewaffnung zu.
Seinem Bruder, inzwischen als der Kartätschenprinz* beim Volk verhasst, befiehlt er, sofort nach London zu reisen, wo er unter dem Pseudonym Lehmann untertaucht. Derweil singen die Berliner Spottlieder auf ihn:
Schlächtermeister
Prinz von Preußen *der Freiheitskämpfer Max Dortu prägt diesen Beinamen, worauf er wegen Majestätsbeleidigung zunächst verurteilt, dann in einem Berufungsverfahren aber freigesprochen wird
Am folgenden Morgen werden die 183 toten Barrikadenkämpfer vor dem Deutschen Dom am Gendarmenmarkt aufgebahrt. Anschließend bewegt sich der Trauerzug zum Volkspark Friedrichshain dem Friedhof der Märzgefallenen. Als der Zug am Stadtschloss vorbeikommt, tritt der König auf den Balkon. Da verlangt das Volk von ihm lediglich: Hut ab! Erleichtert, dass der jammernde Ausruf seiner Frau Elisabeth: Jetzt fehlt bloß noch die Guillotine nicht zutrifft, zieht Majestät seine Militärmütze und verneigt sich vor den Gefallenen, die sein Bruder Wilhelm hatte zusammenkartätschen lassen.
Am 19. März tritt unter dem Vorsitz Adolf Heinrich Graf von Arnim-Boitzenburgs als Ministerpräsident eine preußische Regierung zusammen, welche Wahlen im Mai zu einer verfassungsgebenden Nationalversammlung vorbereiten soll. So schlägt die Stimmung spürbar um, denn als der König und seine Begleiter drapiert mit den Farben schwarz-rot-gold am 21. März hoch zu Ross durch Berlin reiten, jubeln ihnen Bürger und Aristokraten zu. Als Friedrich Wilhelm die Universität passiert, hält er an und wendet sich an die Studenten: Ich trage die Farben, die nicht meine sind, aber ich will damit nichts usurpieren, ich will keine Krone, keine Herrschaft, ich will Deutschlands Einigkeit, ich will Ordnung, das schwöre ich zu Gott! Ich habe nur gethan, was in der deutschen Geschichte schon oft geschehen ist, daß mächtige Fürsten und Herzöge, wenn die Ordnung niedergetreten war, das Banner ergriffen und sich an die Spitze des deutschen Volkes gestellt haben, und ich glaube, daß die Herzen der Fürsten mir entgegenschlagen und daß der Wille des Volkes mich unterstützen werden [Berh09]. Am Abend setzt der König noch einen drauf und erlässt einen Aufruf an mein Volk und die deutsche Nation: Ich übernehme heute die Leitung für die Tage der Gefahr ... Ich habe heute die alten deutschen Farben angenommen und Mich und Mein Volk unter das ehrwürdige Banner des deutschen Reiches gestellt. Preußen geht fortan in Deutschland auf [Wieg07b, Wink00].
Berlin: Auch im Tiergarten darf geraucht werden, meine Herren
Männern voll des echten alten Berliner Geistes, die versuchen, ins Schloss zu kommen, wird beschieden, eure Forderungen sind erfüllt: Ooch dat Roochen? Ja, auch das Rauchen. Ooch im Dierjarten? Ja, auch im Tiergarten darf geraucht werden, meine Herren* [Wieg07b]. Das stört die Brüder Grimm, die in Berlin in der Lennéstraße am Tiergarten wohnen und an ihrem Deutschen Wörterbuch arbeiten oder besser sich verzetteln, bei ihren häufigen Spaziergängen: Jeder geht, wie üblich, eigene, von Lenné geebnete Wege, auf denen ihnen zu ihrem Ärger manchmal Pfeifen- und Cigarrenraucher begegnen, obgleich nach kurzer Duldung das Rauchen im Tiergarten [erneut] verboten ist [Gras10]. *Rauchen in der Öffentlichkeit war vor dem 18. März 1848 in Preußen verboten.
Sich entschuldigend hatte der König an seinen Bruder Wilhelm in London geschrieben: Die Reichsfarben musste ich freiwillig aufstecken, um Alles zu retten. Ist der Wurf gelungen, so lege ich sie wieder ab. Der Wurf gelingt am 16. Oktober 1848, als Friedrich Wilhelm den Belagerungszustand über die Stadt verhängen lässt. Feldmarschall Friedrich von Wrangel (Papa Wrangel) steht mit seinen Soldaten vor Berlin und wartet nur auf den Befehl zum Einmarsch. Am 10. November zieht er mit seinen Truppen durchs Brandenburger Tor. Die Bürgerwehr wird entwaffnet, die Nationalversammlung, die sich bis dato über eine neue Verfassung gestritten hatte, aufgelöst. Seit dem 14. November herrscht in der Stadt das Kriegsrecht. Am 5. Dezember schließlich oktroyiert Friedrich Wilhelm dem preußischen Volk eine, seine Verfassung [Goer06]. Schließich kehrt Prinz Wilhelm aus seinem Londoner Exil nach Berlin zurück. Als er die Straße Unter den Linden hinunterreitet, begrüßt ihn die Menge: Da kommt Lehmann! [Fisc06].
Der Historiker Sigismund Stern schreibt dann 1850 auf die Märzereignisse zurückblickend über die Verdummung des Volkes: Die riesigen schwarz-roth-goldenen Fahnen, welche alsbald von der Kuppel des königlichen Schlosses und anderen Gebäuden herniederwehten, und mit denen andern Tages jedes Haus geschmückt war, wurden zum Blendwerk des Volkes und zur täuschenden Hülle für die geheimen Pläne der Reaction, bis diese stark genug war, offen mit derselben hervorzutreten [Dipp98].
In der Tat: Zwar hatte der Märzkampf [] in Berlin die Zusage des constitutionellen Systems gebracht. Die nöthigen Gesetze waren hiezu gegeben worden, und die Nationalversammlung kam zusammen. Aber bis dahin hatte das Königthum wieder neuen Boden gewonnen. Herr Wrangel wurde Diktator, Herr Pfuel war Minister, und der König hielt an die schwarzbefrackte Volksvertretung bei der unterthänigen Aufwartung folgende lakonische, vielbedeutende Rede: Wir besitzen, und wir werden darum wohl von vielen Seiten beneidet, noch eine angestammte Obrigkeit von „Gottes Gnaden", welche noch mit voller Macht ausgestattet ist. Sie ist das Fundament, auf welchem einzig und allein das Gebäude aufgeführt werden kann, wenn es von Dauer sein soll. Meine Herren, ich bin sehr erfreut, Sie gesehen zu haben, es ist gut, sich von Zeit zu Zeit zu sehen [Mörd49].
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Verklärter Marx. Portraitstudie am
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Wien: Die Märzrevolution hat das Volk gemacht
Für den Vielvölkerstaat Österreich sind revolutionäre Erhebungen, die für Preußen letztlich ein logistisches Problem bei der Truppenverschiebung darstellen, existenzbedrohend, da sich in den nichtdeutschen Gebieten soziale Unzufriedenheit mit nationalistischen Autonomiebestrebungen mischt. Ausgelöst durch die Pariser Ereignisse kommt es in den italienischen Provinzen zu offenem Aufruhr, die Ungarn melden Ansprüche auf eine Verfassung und Selbstständigkeit an, die Tschechen zielen in ihrem Wenzelsbad-Programm auf Autonomie und in Galizien demonstriert die Landbevölkerung gegen die Feudallasten. Angesichts der bedrohlichen Lage an der Peripherie entwickelt sich die Revolution bei den bürgerlichen Kreisen in der Hauptstadt recht zögerlich, doch dann entladen sich soziale Spannungen und das Proletariat aus den Industrievorstädten Wiens ergreift die Initiative.
Hermann Jellinek ein Wortführer der Revolution schreibt: Die Märzrevolution hat das Volk gemacht, der Pöbel, auf den die Bourgeoisie so stolz herabblickt, das Gesindel, welches der hohe Adel für Bestien erklärt. Die Märzrevolution war das große Werk der Volksmassen [Dipp98]. So kommt es, dass in Wien bald Bürgerwehr und Nationalgarde den Arbeitern gegenüberstehen, um bürgerliches Eigentum zu schützen. Karl Marx als Redakteur der Neuen Rheinischen Zeitung in Wien hatte bereits 1845 das Credo aller Revolutionäre veröffentlicht: Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern, ein Zitat, welches in der DDR gut hundert Jahre später in goldenen Lettern in der Eingangshalle der Berliner Humboldt Universität prangt. Jetzt sieht er in den blutigen Auseinandersetzungen den Beginn des Kampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Wie sollte er auch anders.
Die Beliebtheit des immer noch regierenden Metternichs in österreichischen Landen lässt sich an folgendem Gebet ermessen: Vater unser Metternich, der du bist in Wien, entheiliget werde dein Name, zu uns komme nie mehr Deine Regierung, der Wille der Unterthanen geschehe, wie in Ungarn, so auch in Steiermarck, Oesterreich, Böhmen, Mähren und Schlesien, gib uns ein größeres Brod, nicht nur für heute, sondern auch für immer, und vergib uns unser Schimpfen und Schelten, wie auch wir vergeben Dir die neue Anleihe, und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns durch Deine Millionen von allem Uebel, Amen.
Ein ähnlich böses Vater unser hatte das Volk bereits Maria Theresia gewidmet, und nun schickt es wegen der österreichischen Finanzpolitik noch ein aktuelles Ave Maria hinterher: Gegrüßest seist du Papiergeld, du bist voll des Betruges, der Kurs ist mit dir, du bist vermitleidet unter den Geldern, und vermaledeit ist der, der dich erfunden hat. Scheinheiliges Papiergeld, bitt für uns arme Unterthanen jetzt und in der Stunde unseres Leidens durch die Rinderzufuhr auf den Eisenbahnen, Amen [DHMB].
Der 74-jährige Metternich flieht am 13. März nach England und erinnert sich dabei schmerzlich seiner eigenen Worte: Die Zeit schreitet in Stürmen vorwärts, ihren ungestümen Gang gewaltsam aufhalten zu wollen, wäre ein eitles Unternehmen [Wieg07b].
Die Zeit jedoch arbeitet für die Konterrevolution. In den Provinzen
zersprengen österreichische Truppen unter Feldmarschall
Alfred, Fürst zu Windischgrätz
im Juli einen nationalslawischen Kongress in Prag, der
81-jährige General
Joseph Wenzel Graf Radetzky von Radetz
bläst den Italienern bei
Custozza seinen Marsch, dieweil Graf
Josip Jellaci´c de Buzcim (auch ihm hat
Johann
Strauß Vater einen solchen gewidmet) einen Aufstand der Ungarn
niederwirft. Nach
Beruhigung der Peripherie kann Feldmarschall Windischgrätz im Oktober
frische Truppen nach Wien führen und dort die Revolution blutig
niederschlagen. Auf beiden Seiten fallen etwa 7000
Menschen, Soldaten wie
Revolutionäre. Anschließend werden die Anführer der Aufstände,
Robert Blum weist die
In einem Neuanfang übergibt der kinderlose Kaiser Ferdinand im Dezember in Olmütz seinem Neffen Franz Josef den Thron. Des neuen Kaisers selbstbewusstes WIR in seiner Proklamation, vom Volk spöttisch mit den Initialen der siegreichen Militärführer identifiziert, zeigt, dass die Reaktion auf der ganzen Linie gesiegt hat.
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Joseph von Rotteck
Entschließung der Volksversammlung zu Offenburg |
Heidelberg: Eine Deutsche Nationalversammlung als Ventil?
Bald nach Ausbruch der Volksbewegung traten (Anfang März) in Heidelberg verschiedene Männer der alten Opposition zusammen, darunter der hessische Minister Gagern, der Professor Gervinus, der Buchhändler Bassermann, sein Lehrmeister und Faktotum Mathy, Gustaf Struve und andere. [Mörd49]. In seinen Erinnerungen Die Deutsche Revolution blickt Florian Mördes auf diese Versammlung kritisch zurück: Die Vorberathung bildete eine Censur Gagerns. Derselbe wollte nicht mit Struve zusammentreten. Der Mann der gesetzlichen Revolution, der Held der Philister konnte keine Struve'sche Kritik ertragen und wollte die beginnende Revolution meistern. Damit war die Einigkeit der Parteien unmöglich geworden. Heinrich von Gagern hatte in seinem ersten Auftreten der Revolution unbewußt den Todesstoß versetzt. Die Parteien waren gebildet, bevor sie noch ein Programm aufgestellt hatten. Der Hochmut und die Intoleranz hatten eine giftige Verdächtigung erzeugt, welche jede Vereinigung unmöglich machte. Das Programm dieser Versammlung entfernt sich nicht von dem Wege der Verständigung. Es spricht von der traurigen Erfahrung, welche die Bundesbehörde erzeugt habe — aber zugleich von der Treue gegenüber den Thronen und wünscht eine Vertretung der Nation…: die Sorge für den Schutz der innern und äußern Sicherheit Deutschlands, insbesondere die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten, des Heerwesens und der Volksbewaffnung in die Hand eines Kabinets zu legen, auf daß das einstweilige Haupt Deutschlands Gesetzgebung und Besteuerung in Uebereinstimmung mit einem Rathe der Fürsten und einem Rathe des Volks nach den wesentlichen Formen des repräsentativen Systemes ausübe und daß die Berufung einer Nationalversammlung gleichzeitig mit der Ernennung des Bundeshauptes erfolge [Mörd49].
Ihm trat Struve entgegen, welcher unumwunden erklärte, daß er kein Heil für Deutschland sehen könne, so lange 34 Fürstenfamilien über dasselbe herrschten. Nur die föderative Republik nach dem Vorbilde der nordamerikanischen Freistaaten könne die Einheit und zu gleicher Zeit die Freiheit Deutschlands sicherstellen. Nach einer wirren und ordnungslosen Discussion beschloß die Versammlung auf (Gottfried) Eisenmann's Antrag zuvörderst die Berufung einer konstituirenden Nationalversammlung zu berathen. Hecker stellte den Antrag, die Versammlung möge nach dem Beispiele der nordamerikanischen Bill of rights die Rechte des Volkes feststellen. Man ging jedoch auf diesen Antrag nicht ein, faßte vielmehr nur den Beschluß, eine größere Versammlung zusammen zu berufen, welcher alles weitere vorbehalten bleiben sollte [Stru49]. So beschließen am 5. März die Teilnehmer, neben dem Bundestag in Frankfurt für den 30. des gleichen Monats im Kaisersaal des Römers ein Vorparlament einzuberufen, welches die Wahlen für eine konstituierende Nationalversammlung vorbereiten soll:
Heute waren hier 51 Männer versammelt aus Preußen, Baiern, Würtemberg,
Baden, Hessen, Nassau und Frankfurt, fast alle Mitglieder von Ständekammern,
um in diesem Augenblicke der Entscheidung über die dringensten Maßregeln für
das Vaterland sich zu besprechen.
Freiburg - Frankfurt: Schwarz-rot-gold
Am 7. März löst in Freiburg der liberale Joseph von Rotteck den konservativen Friedrich Wagner im Amt des Bürgermeisters ab. Als Bonus bringt Joseph in die Freiheitsbestrebungen den großen Namen seines 1840 verstorbenen Onkels Karl ein.
Derweil nimmt der revolutionäre Druck auf den Deutschen Bundestag zu. Der erklärt am 9. März schwarz-rot-gold zu den deutschen Nationalfarben. Einige Revolutionäre sehen in diesem symbolischen Zugeständnis bereits den Anfang einer Liberalisierung. Doch die Wiener Zeitung Die Constitution schätzt in ihrer Ausgabe vom 20. März die politische Lage viel nüchterner ein: Noch sind wir ein Volk ohne Constitution, wir haben eine Preßfreiheit ohne Preßgesetze, eine Nationalgarde ohne definitive Organisation. Riesige Aufgaben müssen gelöst werden; denn alle Zweige der Gesetzgebung, der Verwaltung und der Besteuerung sind vom Grunde auf zu reformieren.
Offenburg: 34 Fürsten oder eine Republik?
Am 19. März versammeln sich etwa 20000 Menschen vor dem Rathaus in Offenburg. Von dem mit Fahnen geschmückten Balkon sprechen Hecker und Struve zu der Menge. Sie werfen der badischen Regierung vor, die Vertreter der 13 Forderungen des Volkes vom September des vergangenen Jahres mit Hochverratsprozessen verfolgt zu haben; dann unter dem Eindruck der Volksbewegung Anfang März den damaligen Forderungen zwar zugestimmt zu haben, aber mit deren verzögerter Umsetzung nur Zeit für die Rücknahme der Zugeständnisse bei nächster Gelegenheit gewinnen zu wollen. So beschließt:
Die Volksversammlung zu Offenburgam 19. März 1848 Bereits unterm 12. September v. J. stellte die Versammlung zu Offenburg die Forderungen des Volkes fest. Sie verlangte damals schon unter anderen namentlich eine volksthümliche Wehrverfassung, eine gerechte Besteuerung, Ausgleichung des Mißverhältnisses zwischen Arbeit und Kapital und Abschaffung aller Vorrechte. Die Regierung hat diesen Forderungen mit Hochverrathsprozessen geantwortet, allein das Volk hat sie beim Zusammentritt des Landtages erneuert und nach dem gewaltigen Umsturze im Westen mit gesteigerter Kraft auf deren Erfüllung gedrungen. Diesem unwiderstehlichem Drange nachgebend, haben dieselben Regierungsmänner, welche die Redner der Offenburger Versammlung vom 12. September mit Hochverrathsprozessen verfolgt hatten, Zugeständnisse gemacht, deren Halbheit nur schlecht den Hintergedanken verhüllte, bei günstiger Gelegenheit, wie im den dreißiger Jahren, die abgedrungenen Zugeständnisse zurückzunehmen und in ihr Gegentheil zu verkehren. Das Volk hat erkannt, daß die ihm zum Theil gewordenen Zugeständnisse nicht der staatsmännischen Einsicht und dem guten Willen der Machthaber, sondern den gewaltigen Bewegungen des Volkes, der äußeren Anregung der französischen Revolution und den Kundgebungen vom 1. und 2. März d. J. zuzuschreiben seien. Jeder denkende Freund des Vaterlandes erkennt klar und deutlich, daß in den Pariser Februartagen nur der Anfang einer Völkerbewegung gemacht worden sei, welcher mit unabweisbarer Nothwendigkeit seine Fortsetzung in allen Staaten Europa's erlangen müsse. Der Kampf der Volksherrschaft und der Einherrschaft hat begonnen. Deutschland, seit Jahrhunderten das große Schlachtfeld aller staatlichen und kirchlichen Kämpfe, wird auch jetzt wiederum den Zusammenstoß zwischen dem despotischen Nordosten und dem freigesinnten Südwesten Europa's am schwersten empfinden. Darum thut es Noth, daß unser Vaterland bei Zeiten eine feste Stellung seinen auswärtigen und inneren Feinden gegenüber einnehme. Es verlangt daher vor allen Dingen: Ein deutsches Parlament,welches im Großen seine Verhältnisse nach Innen und Außen kräftig ordne und frei gestalte, und dessen erste Aufgabe sein wird, der deutschen Nationalität und Selbstständigkeit Anerkennung zu verschaffen. Was insbesondere unsere badenschen Angelegenheiten betrifft, so erklärt die Volksversammlung von Offenburg: I. Mehrere Mitglieder der Regierung und der größte Theil der Beamten besitzen das Vertrauen des Volkes nicht, weil Einzelnen der gute Wille, Anderen die erforderliche Kraft fehlt. Das Volk kann kein Vertrauen in Männer setzen, welche vor wenigen Wochen noch als revolutionär bekämpften, was sie theilweise jetzt selbst zugestanden haben. Es läßt sich nicht täuschen durch das Vorschieben liberaler Persönlichkeiten. Anstößig ist dem Volke namentlich der Einfluß, welchen der Markgraf Wilhelm* seit langer Zeit auf die Staatsgeschäfte überhaupt und das Militärwesen insbesondere ausgeübt hat. Nicht minder anstößig ist ihm der Einfluß einiger Personen aus der nächstem Umgebung des Großherzogs, welche man mit dem Namen Camarilla zu bezeichnen pflegt. II. Das Volk hat kein Vertrauen zu der ersten Kammer der Ständeversammlung, da dieselbe aus Privilegirten besteht, welche ihren Sonderinteressen das Wohl des Volkes stets geopfert haben. - Das Volk verlangt Abhülfe gegen diesen Uebelstand vermittelst einer Revision der Verfassung. III. Das Volk hat kein Vertrauen zu einer großen Anzahl der Mitglieder der zweiten Kammer, da dieselbe durch Wahlbeherrschung und Wahlverfälschung unter dem Einfluß der Censur und der Polizei gewählt wurden, und sich als blinde Werkzeuge in den Händen jeden Ministeriums erwiesen haben.. - Das Volk verlangt den Rücktritt der reactionären und gesinnungslosen Parthei der zweiten Kammer. IV. Das Volk besitzt durchaus keine Bürgschaften für die Verwirklichung seiner Forderungen und die Begründung eines dauerhaften Zustandes der Freiheit. Es muß sich diese Bürgschaften selbst verschaffen: Demzufolge bildet sich: 1) In jeder Gemeinde des badenschen Landes ein vaterländischer Verein, dessen Aufgabe es ist, für die Bewaffnung, die politische und sociale Bildung des Volkes, so wie für die Verwirklichung aller seiner Rechte Sorge zu tragen. 2) Sämmtliche Vereine eines Wahlbezirks bilden einen Bezirksverein, sämmtliche Bezirksvereine einen Kreisverein, die vier Kreisvereine einen Landesverein. 3) An der Spitze jedes dieser Vereine steht ein leitender Ausschuß. 4) Für jeden dieser Vereine bildet sich sofort eine Vereinskasse zur Bestreitung der nothwendigen Auslagen. 5) Alle Provinzen Deutschlands sollen aufgefordert werden, ähnliche Vereine zu bilden, und mit dem badenschen Landesvereine in freundschaftlichen Verkehr zu treten. V. Das Volk verlangt von der Ständeversammlung, daß sie die entschiedensten Maßregeln treffe, um zu bewirken, daß die Regierung: 1) Sofort eine Verschmelzung der Bürgerwehr und des stehenden Heeres durchführe zum Behufe der Bildung einer wahren, alle waffenfähigen Männer umfassenden Volkswehr. 2) Alsbald alle Abgaben abschaffe, außer den Zollvereins=Abgaben und etwa der direkten Steuern, und ihre Ausgabe decke durch eine progressive Einkommen und Vermögensteuer. 3) Daß sofort alle Vorrechte, welchen Namen sie tragen, abgeschafft werden. 4) Daß ungesäumt die Schule von der Kirche getrennt werde. Vorstehende Anträge wurden der Vollversammlung vorgelegt und von derselben mit nachfolgenden Abänderungen und Zusätzen mit überwältigender Stimmenmehrheit angenommen: Zu I. wurde beschlossen, statt "mehrere Mitglieder der Regierung" zu setzen: der Präsident des Kriegsministeriums. Zu II. wurde angenommen mit dem Zusatze: Das Volk will nur eine Kammer. Zu V. 1) wurde angenommen mit der Abänderung, statt sofort: unverzüglich, oder auf der Stelle. Zu V. 2) wurde angenommen mit dem Zusatze: wir wollen eine wohlfeile Regierung, Abschaffung der Apanagen und unverdienter Pensionen. Zu V. 4) wurde angenommen, mit dem Zusatze: die Pfaffen haben zu viel, die Lehrer zu wenig. Wir wollen gerechte Ausgleichung dieses Mißverhältnisses. Nachdem diese Beschlüsse gefaßt worden waren, wurden folgende Männer zu Mitgliedern des Central=Ausschusses gewählt: 1. Unterrheinkreis: G, Struve von Mannheim. Bürgermeister Winter von Heidelberg. Heinrich Hoff von Mannheim. Junghans von Mosbach. 2. Mittelrheinkreis: Brentano von Bruchsal. Rehmann von Offenburg. Bürgermeister Rée von Offenburg. Schubert von Lahr. 3. Oberrheinkreis: Kiefer von Emmendingen. Torret von Waldshut. Rotteck von Freiburg. Weißhaar von Lottstetten. 4. Seekreis: Würth von Konstanz. Bürgermeister Emmert von Möskirch. Vanotti prakt. Arzt von Konstanz. Grüninger von Donaueschingen. Als Obmann: Friedrich Hecker von Mannheim. *Dritter Sohn Ghz Leopolds und Bruder des späteren Friedrich I.
Heftige Diskussionen in der Volksversammlung entbrennen über die nächsten zu unterhehmenden Schritte. So lässt Joseph Fickler in der Versammlung ein radikales Flugblatt mit dem Titel: 34 Fürsten oder eine Republik? verteilen. Darin liest man:
Die Last der Abgaben erdrückt das Volk; ein gedrücktes Volk aber ist nie frei. Und wenn seine Führer glauben, das Volk sei zufrieden mit den schönen Reden, wenn sie glauben, es lasse sich heute noch länger vertrösten und hinhalten, so wird es sich bald zeigen, daß sie sich irren, und daß das Volk sich von den bisherigen Führern trennt und auf eigene Faust handelt.
Wir werden unter der bisherigen Fürstenherrschaft also weder frei, noch einig, noch wohlfeil regiert sein. Darum Volk mahne deine Führer ernsthaft: Muth und Entschlossenheit zu zeigen oder handle selbst. Fort mit den Fürsten und ihrem Anhang; wir wollen uns selbst regieren, einig, frei und wohlfeil.
Es lebe die Republik. Offenburg, 19. März 1848
Jetzt ist es Zeit!
Deutschlands südwestliche Peripherie ist für revolutionäre Erhebungen prädestiniert. Baden hat 50 Stunden Gränze mit dem revolutionären Frankreich und 30 mit der Schweiz, in der es keine Fürsten gibt und wo nach dem Sonderbundkriegs von 1847 der Einfluss des konservativ religiösen Lagers geschwächt ist. Beide Staaten sind eine Quelle idealistischer Mitstreiter und ideale Rückzugsräume für deutsche Revolutionäre. So schreibt Hecker zuversichtlich: Die Beschlüsse der Offenburger Versammlung sind bekannt, das Volk wurde von dem Schreiber dieses (Hecker) aufgefordert, sich zu bewaffnen und bereit zu halten, um auf den erschallenden Ruf Jetzt ist es Zeit! die Feuerzeichen auf den Bergen anzuzünden, sich in Massen zu erheben für den deutschen Freistaat [Heck49].
Doch nun bekommen die Menschen Furcht vor radikalen Umwälzungen und möglichem Krieg und wagen nicht den Schritt zu einem republikanischen Umsturz [Gall07]. Deshalb setzt Struve seine Hoffnung für eine deutsche Republik auf das Frankfurter Vorparlament. Statt auf Landesebene das Volk zu einer Erhebung aufzufordern, versucht er, die Deputierten in Karlsruhe in Verhandlungen für seine Forderungen nach mehr Demokratie in einer Republik zu gewinnen. Doch die Gespräche verlaufen zäh, denn auch in Baden ist das Lager der Erneuerer gespalten zwischen Anhängern einer konstitutionellen Monarchie und einer Republik. Schließlich bestimmt die Offenburger Versammlumg die Einsetzung eines 17-köpfigen Zentralausschusses, dem zwar Brentano, Hecker und Struve angehörten, Fickler bezeichnenderweise jedoch nicht [Enge10].
Freiburg: Volksversammlung mit Anleitung zur Flaggenherstellung
In
Freiburg wird am 23. März im Hinblick auf eine Volksversammlung am 26. März
zur Beflaggung der
Einladung zur Flaggenverzierung in Freiburg nebst Anleitung zur Herstellung von gold-roth-schwarz
Karl Mez Freiburger Fabrikant, Stadtrat und zukünftiger Abgeordneter der National-versammlung, und Carl von Rotteck junior, Sohn des großen Karl von Rotteck und Vetter des Freiburger Bürgermeisters Joseph von Rotteck, eröffnen die mit 25 000 Teilnehmern größte Volksversammlung in Baden. Als Hauptredner verkündet Struve persönlich die Offenburger Forderungen nach den Grundrechten und seine Erwartungen an ein deutsches Parlament, die er noch einmal in folgendem Flugblatt zusammenfasst:
Die Beschlüsse der Offenburger Volksversammlung vom 19. März 1848 haben den kräftigen Wiederhall gefunden, nicht blos im ganzen badischen, sondern auch im gesammten deutschen Vaterland. Dieselben haben den Grund gelegt zu einer freiheitlichen Organisation des deutschen Volkes. Die blutigen Ereignisse, welche an dem Tage selbst, da das badische Volk in Offenburg die Angelegenheiten Deutschlands berieth, und welche daher von demselben damals nicht in Erwägung gezogen werden konnten, stattfanden, bilden einen neuen Beweis von der blutdürstigen Unterdrückungswuth deutscher Tyrannen, und der erschöpften Geduld des deutschen Volkes. Auch die Wiener Ereignisse waren am 19. März noch nicht in dem Maße bekannt, wie am heutigen Tage.
Diese großartigen Ereignisse, welchen gegenüber die Unthätigkeit und theilweise sogar die verkehrte Thätigkeit unserer badischen Regierung in einem sehr trüben Licht erscheint, machen es dem Volke zur ernsten Aufforderung, auf der zu Offenburg betretenen Bahn rüstig vorwärts zu schreiten.
Das Volk verlangt Bürgschaften, daß ähnliche Schlächtereien, wie sie zu Wien, und in noch schrecklicherem Maße zu Berlin stattfanden, sich nicht wiederholen können. Diese Bürgschaften werden ihm nur zu Theil werden, wenn das zu erwartende deutsche Parlament die Zustände Deutschlands von Grund aus verbessert.
Das deutsche Volk begnügt sich nicht mit einem neuen Flecke auf dem alten Kleide deutscher Einherrschaft. Es will nicht, daß der neue Wein des deutschen Volkes in seinen alten Schläuchen verbleibe, diese zersprenge, ausfließe und zu Grunde gehe, es verlangt daher vor allen Dingen, daß das deutsche Parlament:
I. Die von demselben zu entwerfende neue Verfassung Deutschlands auf den Grundlagen der föderativen Republik (des republikanischen Bundesstaats) feststelle, und durch eine Reihe von Gesetzen, welche ganz Deutschlands gemeinsam umfassen, allen gerechten Forderungen des Volkes genüge leisten.
Das Volk verlangt von dem zu erwartenden deutsche Parlamente:
II. Daß dasselbe unter den vielen Gegenständen, welche neu zu gestalten sein werden, vor allen Dingen:
1) die Verschmelzung der Bürgerwehr und des stehenden
Heeres zum Behufe der Bildung einer wahren, alle waffenfähigen Männer
umfassenden Volkswehr; überwache und leite.
III. Zu den mannigfaltigen Forderungen, welche das deutsche Volk aller Orten aufstellt, fügt dasselbe folgende hinzu: Das Volk verlangt:
1) Sicherstellung der persönlichen Freiheit durch ein
besonderes Gesetz ("habeas corpus-Akte") - Die bisherigen ungeheuern Civillisten, Apanagen, die unverdienten und zu hohen Besoldungen und Pensionen, die mannigfaltigen Stiftungen und die jetzt brach liegenden Besitzungen vieler Körperschaften, sowie die Domänen des Landes bieten dazu reiche Mittel.
IV. Das Volk erkennt in der Verwirklichung der zu Offenburg beschlossenen Organisation vaterländischer Vereine die kräftigste Bürgschaft für die Begründung eines dauerhaften Zustands der Freiheit und erwartet von der Vaterlandsliebe aller Deutschen, daß sie diese Organisation rasch und kräftig verwirkliche.
Diese Vorschläge wurden von der Versammlung mit Jubel begrüßt und alle fast einstimmig zum Volksbeschlusse erhoben. Von der Volksversammlung zu Freiburg wurden ferner die in Offenburg gewählten Männer des Central-Ausschusses für den allgemeinen Volksverein bestätigt.
Im Rausche der Begeisterung akklamiert die Versammlung auf dem Münsterplatz nicht nur eine föderative deutsche Republik, sondern genehmigt auch einen Brief an den preußischen König, worin Struve Friedrich Wilhelms Verhalten in den Märztagen als königlicher Schauspieler und Bürgertöder brandmarkt.
Auch zu Freiburg sprach sich das Volk entschieden dahin aus, daß Gewalt gebraucht werden müßte, falls die Regierung nicht sämmtliche Beschlüsse der Volksversammlung vollziehen würde. Als ein Redner insbesondere die Frage an das Volk richtete, ob es sich wie ein Mann erheben wolle, falls Hecker an seinen Schild schlagen sollte? erschallte ein tausendstimmiges donnerndes Ja [Stru49].
Paris: Französisches Volk, wir gehen Hand in Hand mit dir
Theodor Mögling schreibt in seinen Mitteilungen eines 1848er-Revolutionärs über die post-revolutionären Zustände in Frankreich: Gleich nach dem Ausbruch der Februarrevolution hatten die materiellen und sozialen Fragen sich in den Vordergrund gedrängt. Der Arbeiterstand von Paris hatte ein sogenanntes Arbeiterparlament im (Palais de) Luxemburg gebildet, um die Angelegenheiten seines Standes besonders zu beraten …. Die Bewegung der französischen Arbeiter war nun auch gegen die Konkurrenz der fremden Arbeiter gerichtet. Gewaltsam wollte man Letztere nun nicht gerade fortschaffen, und die provisorische Regierung griff daher zu einer sehr unedlen List. Alle Völker waren durch die Revolution in große Aufregung gekommen, die arbeitenden Klassen in Folge ihrer größeren geistigen Regsamkeit natürlich am meisten. Die republikanischen Ideen sind unter ihnen am festesten gewurzelt, und dies benützte man, um sie aufzumuntern, in ihre Heimat zurückzugehen, um dort für die Sache der Republik zu wirken, dabei machte man ihnen Hoffnung auf kräftige Unterstützung von Seiten der französischen Republik [Mögl09].
Herwegh sieht die Situation idealistischer, wenn er die Entwicklung in der Heimat vor allem in Baden mit der in Paris vergleicht: Deutschland ist bereits in seinen tiefsten Tiefen erregt und wird und kann in dem begonnen Kampfe nicht zurückbleiben, dem es längst durch den Gang seiner geistigen Entwicklung mit vorgearbeitet hat. Die Freiheit bricht sich Bahn [Sieb08].
Am 6. März 1848 hatte Herwegh eine Adresse: An das französische Volk! gerichtet:
Der Sieg der Demokratie für ganz Europa ist entschieden: Gruß und Dank vor allem Dir, französisches Volk! In drei großen Tagen hast Du mit der alten Zeit gebrochen und das Banner der neuen aufgepflanzt für alle Völker der Erde ... Französisches Volk, wir gehen Hand in Hand mit dir ... Erhalte allen deinen Kindern, was sie alle erkämpften, und die einzige Hilfe, welche wir von dir begehren, ist, daß du standhaft bleibst und uns zujauchzest, wenn wir von den Zinnen des von deutschen Händen eroberten Deutschlands dir zurufen: Es lebe die Freiheit, die Gleichheit, die Bruderliebe! Es lebe die Demokratie! Es lebe die europäische Republik! [Herw96].
Unter der schwarz-rot-goldenen Fahne und der Trikolore marschieren deutsche Männer am 19. März von der Madeleine zur Plaine de Monceau, demonstrieren für ein freies deutsches Vaterland [Kata48]. Anschließend zogen sie in feierlichem Zuge nach dem Hôtel de Ville. Im Namen der Versammlung überreichte Herwegh der provisorischen Regierung eine Adresse, welche in glühenden Farben die Wichtigkeit des kaum vollendeten Kampfes schilderte [Stru49]: Der Sieg der Demokratie für ganz Europa ist entschieden. Gruß und Dank vor allem dir, französisches Volk. In drei großen Tagen hast du mit der alten Zeit gebrochen und das Banner der neuen aufgepflanzt für alle Völker der Erde … Die Stimme des Volkes hat zu den Völkern gesprochen und die Völker sehen der Zukunft freudig entgegen. [Sieb08b].
Der Justizminister der neuen Regierung Adolphe Crémieux antwortete in entsprechender Weise und zum Zeichen der Verbrüderung beider Nationen wurden unsere Fahnen auf dem Stadthause aufgestellt. Als Herwegh der Versammlung die Antwort Crémieux's verkündigt hatte, bewegte sich der Zug, von begeisterten Massen der Franzosen verstärkt, nach der Julisäule, um den gefallenen Helden zweier Revolutionen die verdiente Ehre zu bezeigen. Ein Theil der Menge zog von dort nach dem (Friedhof) Pére la Chaise und an dem Grabe des edlen Börne hat Mancher der Schmach des Vaterlandes gedacht, und den heiligen Schwur gethan, für die Freiheit zu kämpfen bis in den Tod.
Obgleich nun der nähere Zweck des Tages, die Ueberreichung der Adresse, erfüllt war, so fühlten es doch die Meisten, daß die Zeit der bloßen Demonstrationen vorüber sei, und das Bedürfniß wurde laut, die Kräfte der Deutschen zu vereinigen, um thatkräftig für die Sache der Menschheit zu wirken. Der Gedanke reifte schnell zur That. Noch denselben Abend wurde die Gesellschaft der deutschen Demokraten gegründet. Herwegh war Präsident, aber (Adelbert von) Bornstedt der eigentliche Leiter des Vereins. Der Zweck des Vereins war, Alles anzuwenden, um die Demokratie in Deutschland zur Geltung zu bringen und jede Volkserhebung mit Waffengewalt zu unterstützen. Die radikalen Mitglieder der provisorischen [französischen] Regierung sagten den deutschen Demokraten ihre Unterstützung zu [Stru49].
Mit Maueraufklebern bittet die Société démocratique allemande um Waffen: Déposer les armes 64 ue Montmartre au bureau central des Républicains allemands et chez M. Georges Herwegh, 13 boulevard des Capucines [Kata48]. Als sie ihrer Meinung nach genügend beieinander haben, formieren sich etwa 7000 Mann in fünf Bataillonen und marschieren ab dem 26. März in Richtung Straßburg, um ihren Landsleuten jenseits des Rheins bei den bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit beizustehen.
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Theodor Mögling |
Straßburg: Sozialistisches Raubgesindel
Die Reaktion jenseits der Grenze lässt nicht auf sich warten. So wird, um den Bürger zu verschrecken, in der Presse bereits am 26. März, als die Legion noch tief in Frankreich steht, verbreitet, das sozialistische Raubgesindel sei brennend und plündernd über die Rheingrenze nach Baden eingefallen. Als der badische Landtag über die Frage debattiert, ob die Bedrohung durch Herweghs Freischaren die Stationierung fremder Truppen (Preußen) in Baden rechtfertige, fragt Hecker: Was verlangt das gährende Volk in Schlesien, in Preußen, in Baden? Verlangt es Soldaten? Nein, es fordert reele Hülfe [Enge10a]. Schließlich reisen zwei Abgesandte der badischen Regierung nach Straßburg und bieten den Legionären eine Amnestie an. Herwegh berichtet: Auf den Ölblättern, welche beide Boten zierlichst entgegentrugen, stand in großen Lettern auf dem Einen Amnestie, auf dem Andern: Schleswig-Holstein [Kapp06].
Frankfurt: Vom Vorparlament zur Nationalversammlung
Zu den zum Vorparlament Reisenden zählt auch der Abgeordnete der württembergischen Kammer Theodor Mögling: Bei der Reise nach Frankfurt, welche ich in Gesellschaft einer Anzahl Liberaler machte, fiel mir auf, daß diese Leute, welche bisher doch schon eine geschlossene Partei gebildet hatten, sich durchaus nicht klar darüber zu sein schienen, was und auf welchem Wege sie ihren Zweck durch diese Versammlung erreichen wollten. Die soziale Bedeutung der Bewegung hatten nur wenige erkannt, manche wären mit leeren formellen Änderungen der deutschen Bundesverfassung zufrieden gewesen etc.
In Frankfurt angekommen, traf ich mehrere ältere Bekannte, mit welchen ich mich gleich besprach und ihnen meine Beobachtungen von der Reise mitteilte, welche mit den Ihrigen ziemlich gleich lauteten … Wir suchten Hecker auf, der ebenfalls schon eine kleine Schar entschiedener Republikaner um sich versammelt hatte, und schlossen uns an diese an. War unsere Zahl im Verhältnis zu der Zahl aller Mitglieder der Versammlung auch nur schwach, so waren die Einzelnen doch über ihre Absichten und die Mittel zu ihrem Zweck sich klar, und viele besaßen Charakter und Energie genug, ihrer Überzeugung Opfer zu bringen [Mögl09].
Am 30. März versuchen insgesamt 574 Herren, die in Frankfurt zur Sitzung des Vorparlaments eingetroffen waren, vergebens, im zu kleinen Kaisersaal am Römer Platz zu nehmen. Deshalb ziehen sie am 31. März in die größere Paulskirche.
In den Augen Mördes' erfolgt der Zusammentritt des Vorparlaments im Gagern'schen Sinne, d.h. exclusiv. Sie galt den alten Kammerhelden ohne allen Unterschied der Farbe. Man anerkannte prinzipiell keinen anderen Titel und gab so der Halbheit und sogar der parlamentarischen Reaktion die Zügel in die Hände. Die Versammlung entsprach den Erwartungen ihrer Erzeuger. Die zahme Revolution ward der siebente Himmel der Liberalen. Sie hielten 10minutenlange Reden über Deutschthum, Einheit, Einigkeit, Mäßigung und sonstige Dinge, wie sie sogar ein polizeigewöhnter Magen verdaut, ohne Indigestion zu bekommen. Parole war die deutsche Einheit. Struve und Hecker waren mit ihrer Forderung nach Garantieen einer freien Einheit ad graecas calendas verwiesen, nachdem Mittermaier gefunden, daß Struve länger als 10 Minuten gesprochen hatte, und die Versammlung gerade die tief eingreifende Natur der von Struve berührten Verhältnisse zum Vorwand genommen hatte, die Erwägung derselben auf die lange Bank zu schieben. Die Frankfurter Versammlung - das s. g. Vorparlament - war von Oestreichern gar nicht, von Preußen, Sachsen ec. kaum besucht [Mörd49].
Besonders Hecker fordert die Beseitigung der bestehenden Monarchien und die EErsetzung derselben durch frei gewählte Parlamente, an deren Spitze frei gewählte Präsidenten stehen, alle vereint in der föderartiven Bundesverfassung nach dem Muster der nordamerikanischen Freistaaten [Enge10]. Wie nicht anders zu erwarten, schmettern die versammelten Volksvertreter die Vorschläge Heckers, der zudem das Vorparlament als dauerhaftes Revolutionsorgan einrichten möchte, mit Zweidrittelmehrheit ab. Darauf zieht Hecker mit 40 radikalen Teilnehmern aus der Paulskirche aus, während die gemäßigte Linke sich den Mehrheitsentscheidungen beugt. Als Hecker anschließend als 51. gewählt nicht in den permamenten Fünfziger-Ausschuss gelangt, der bis zur Wahl des Parlaments die Ansprüche des Vorparlaments gegenüber dem Bundestag vertreten soll, verkündet er: Hier in Frankfurt ist nichts mehr zu machen, es gilt, in Baden loszuschlagen [Enge10a]. Moderate Abgeordnete versuchen Hecker zu bremsen, doch er bezeichnet sie nur als Halbmäuler [Kort].
Nach dreitägiger Beratung beschließt das Vorparlament freie Wahlen zu einer Deutschen Nationalversammlung, die sich ebenfalls in Frankfurt konstituieren soll.
In einem Rückblick auf die Frankfurter Ereignisse stellt Hecker fest: Unwille und Eckel mußte Alle erfüllen, welche das Handeln dem Schwatzen vorziehen, welche das Vaterland retten und vor der Reaktion, wie dem wüstem Verfall bewahren wollten; die Lehre der Geschichte, daß, wer die Bahn der Revolution betritt und zögert, unterhandelt, statt sie zu vollenden, der Reaktion die wichtigsten Dienste leistet, war spurlos an jener Versammlung, die sich bemühte, konservativ zu sein, vorübergegangen. Sie hat die Agonie Deutschlands nicht nur verlängert, sondern hat sie gefördert, sie hat das Volk entmuthigt, seinen Gegnern Mut eingeflößt... Zur Zeit jener Versammlung, vor welcher die Monarchie zitterte, war mit zwei energischen Tagen und Erhebungen das Schicksal fürstlicher Willkührherrschaft ohne heißen Kampf entschieden; jene, die sich als Geschäftsführer deutscher Nation selbst aufstellten, sind verantwortlich der Nation und der Geschichte, daß sie muthlose Schwätzer waren, wo sie Retter des Vaterlandes sein sollten und konnten; die Nation wird zu Gericht sitzen über sie [Enge10].
Und so kommentiert Theodor Mögling die Reaktion Heckers: Uns freute es, daß Hecker von einem Bezirk des Schwarzwaldes gewählt worden war, aber ebenso waren wir damit zufrieden, daß er von der Versammlung zurückgestoßen wurde. Wir hatten nie Wohlgefallen an dem Frankfurter Parlament und bemitleideten die wenigen Freunde und Gesinnungsgenossen, welche sich in demselben befanden, weil sie von dem Volk auf einen Posten gesendet, auf welchem wenig Ehre zu holen, wenig Ersprießliches zu wirken und unendlich viel Widerwärtigkeit zu erdulden war, denselben behaupten mussten, bis sie abberufen oder mit Gewalt davon vertrieben wurden [Mögl09].
Freiburg: Das Vaterland richtet seine fragenden Blicke auf Euch
Am 7. April kursiert ein in Freiburg herausgegebenes revolutionäres Flugblatt des Kreisausschusses der Vaterlandsvereine, dem Carl von Rotteck junior vorsteht. Darin werden die Männer des Oberrheinkreises aufgefordert, es denen im Seekreise (Konstanz) gleichzutun und sich zu bewaffnen [Rödl03]:
Ihr Männer aus dem Oberrheinkreise!
Die Stunde der Entscheidung naht heran; das Geschick unseres Vaterlandes
beginnt zu reifen; darum seid auf Eurer Hut, bedenkt, was auf dem Spiele
steht; jetzt oder nie! In wenigen Tagen schon wird Euch der Dienst des
Vaterlandes rufen, legt alles andere bei Seite, damit Ihr diesen Rufe folgen
könnet ... Freiburg, den 7. April 1848.
Der Kreisausschuß für den Oberrheinkreis.
Darauf erachtet eine Bürgerversammlung in Freiburg am 11. April es für ihre heilige Pflicht sich gegen jedes Unternehmen zu erklären, wodurch auf gesetzeswidrige und gewaltsame Weise der Zustand des Gesetzes und der Ordnung, als deren Grundpfeiler jeder vernünftigen Freiheit gestört würde [Sieb08c].
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Friedrich Hecker als Revolutionär
Emma Herwegh
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Heckers Abrechnung mit den Lauen und Maulhelden
Der Historiker Georg Gottfried Gervinus (einer der Göttinger sieben Professoren) sieht voraus, dass, wenn die Paulskirchenversammlung ihre anfängliche Dynamik nicht beibehält, die Reaktion die Oberhand gewinnen wird. Die Ereignisse in Berlin und Wien geben ihm Recht, und auch Hecker weiß, dass die Zeit gegen ihn arbeitet: Bei der völligen politischen und socialen Zerrüttung, an welcher Deutschland laborirte, bei dem widerspruchsreichen Gemisch von Ueberresten alter Formen und neuer Grundgesetze, bei diesem gährenden Kessel voll Mittelalter und Neuzeit, bei den vielen gerechten Demüthigungen, welche die Monarchie und ihre lebendigen Repräsentanten durchgemacht hatten, bei der Gewißheit, daß sie dieselben überhaupt und den Verlust an Macht nicht vergessen, vielmehr nur auf den Tag der Vergeltung und Rache lauern würden, war bei allen Anwesenden, mit Ausnahme einiger Adelichen, Pfaffen und incrustirten Bedienten, der Grundgedanke einer radikalen Neugestaltung der nothwendige und noch wirklich vorhandene. Allen diesen schwebte die amerikanische Verfassung vor Augen; man sah es klar, daß nur die republikanische Staatsform das Grundheilmittel sei, und von Vielen, welche jetzt an der Spitze der öffentlichen Geschäfte stehen und bei ihren allergnädigsten Herren antichambriren, hörte man damals sagen: die Republik kann nicht ausbleiben, sie wird und muß kommen;- einige setzten nur wenige Monate, andere längere, keiner eine lange Frist. Wir sind Republikaner, wir wollen die Republik, hörte man hundertfältig, aber man muß einen Uebergangszustand schaffen, das Volk vorbereiten; es ist noch nicht reif, sagten die Gelehrten, welche nie reif werden. Die Feigheit der Einen, die Furcht vor Verlusten bei den Andern, der Gedanke, wo bleiben die Hof- und Geheimräthe, die Auszeichnungen.und Flitterehren, bei den dritten, die Incarnation der Lehren des konstitutionellen Staatsrechts bei den Advokaten und den Professoren, welche seit 30 Jahren über konstitutionelles Staatsrecht gelesen, Bücher darüber geschrieben und nun um des Volkes willen all diese Vergangenheit vor dem Namen Republik sollten verschwinden sehen, Alles dieses bildete einen eben so großen Gegensatz zwischen der erkannten klaren Wahrheit des innern Menschen und des äußern Reden-haltenden und Vorschläge-machenden, als der ganze Zustand Deutschlands eine Musterkarte von Privilegien, feudalen, zünftigen, monarchischen, socialen und republikanischen Gegensätzen und Widersprüchen darstellte [Heck49].
Konstanz: Der Heckerzug
Am Morgen des 8. April hatte ausgerechnet der gemäßigte liberale Karl Mathy - bis Mai 1849 badischer Staatsrat und Minister ohne Geschäftsbereich - eigenmächtig und ohne richterliche Anordnung den radikalen Redakteur der Seeblätter Joseph Fickler aus dem Zug in Karlsruhe verhaften lassen. Mathy wollte zeigen, dass die Regierung allen Umsturzplänen in Richtung einer Republik entgegentritt, doch zieht er sich mit der Verhaftung Ficklers nur den Zorn und die Verachtung aller radikalen Demokraten zu und verschärft den politischen Gegensatz zwischen Konstitutionellen und Republikanern. Hecker ist überzeugt: Nun kommt man auch an mich, und die Kammer genehmigt meine Verhaftung [Eng10a]. Hastig verlässt er Karlsruhe und reist über das Elsass nach Konstanz. Jetzt setzt er alles auf eine Karte, will die despotischen Reste des Mittelalters vertilgen und den freien Volksstaat gründen [Haaß81].
Am 12. April ruft Hecker in Konstanz die Republik aus und das Volk im Namen einer provisorischen Regierung zu einer bewaffneten Erhebung auf. Die Bodenseestadt bietet sich an, denn dort ist die Atmosphäre seit der Verhaftung Ficklers gespannt. Der Freiburger Stadtrat erschrickt, reagiert dann aber butterweich. Man möchte der Bewegung der Bevölkerung des Seekreises kein Hindernis entgegensetzen … Sollten einzelne Personen der Stadt der revolutionären Bewegung sich anschließen wollen, worüber diese mit ihrem Gewissen zu Rate gehen mögen, so könne die Bürgerschaft dieses nicht hindern [Sieb08c].
Derweil wirbt Hecker unermüdlich auch mit dem Hinweis auf die hellen Haufen des Bauernkrieges Freiwillige für seinen revolutionären Heckerzug, doch entgegen der Behauptung auf dem Freiburger Flugblatt sind dessen Teilnehmer schlecht ausgebildet und –gerüstet [Kieß02]. Zudem hatte Hecker viel zu leiden von der Unentschlossenheit und Feigheit der ehemaligen Maulhelden, welche beim Herannahen der Entscheidung plötzlich die Rolle der Heuler übernahmen [Stru49]. Mögling, der zu Heckers Aufgebot gehört, erinnert sich: An einem trüben, regnerischen Morgen zogen wir 57 Mann stark unter Trommelschlag von Konstanz weg, begleitet von einer Menge Volks, welches mit Staunen das kleine Häufchen betrachtete, das nichts weniger im Sinn hatte, als dem deutschen Volk das Recht zu erkämpfen, sich eine Staatsform zu wählen, wie sie dem Willen der Mehrheit entspreche [Mögl09]. Viele Männer führen statt Gewehren nur Sensen mit sich. Auch Mögling ist unzureichend bewaffnet: Da ich ohne Waffen in Konstanz angekommen, in der Stadt selbst keine mehr aufzutreiben waren, so besorgte mir endlich ein befreundeter Bürger um schweres Geld einen alten Säbel in der Schweiz, der, wie es sich später ergab, eine ganz ausgezeichnete Klinge hatte. Eine gute Muskete war in der Eile nicht aufzutreiben, woran mir auch nicht viel lag, denn ich sagte meinen Freunden: Kommt es irgendwo zum Kampf, so will ich gleich eine Muskete haben, ich nehme dem ersten besten royalistischen Soldaten die seinige ab, welche Behauptung großes Lachen veranlaßte, da keiner glaubte, ich sage dies im Ernst [Mögl09].
Auf dem Zug gen Norden bekommt die Kolonne Heckers Zuwachs und ist bald 1800 Mann stark: ... in Engen erhielten wir auch Artillerie und Kavallerie. Von Konstanz aus hatten wir nur einen etwas antediluvianischen Omnibus mitgenommen, in welchem wir unser weniges Gepäck und Munition führten. Die Artillerie, welche wir in Engen erhielten, bestand aus zwei alten eisernen dreipfündigen Bergkanonen, welche einem Herrn von Langenstein gehörten und bei Familienfesten zu Freudensalven gedient hatten, und aus zwei kleineren, ebenfalls eisernen Bergkanonen, welche ein Kaliber zu anderthalbpfündigen Kugeln hatten [Mögl09].
Engen: Die Armeen der Fürsten umgeben Euch von allen Seiten
Zu Pferd, zu Esel, zu Fuß sucht derweil Emma Herwegh Heckers Spuren und gelangt nach Zell. Ein Wirt meint: Er soll in Lörrach oder Kandern sein [Kapp06]. Kurz vor unserem Aufbruch von Engen kam Frau Herwegh an und brachte uns die Nachricht, daß eine Schar deutscher Arbeiter, im Elsaß angekommen, nur auf einen Befehl von Hecker warte, um über den Rhein zu gehen und zu uns zu stoßen. Diese Schar* sei mit guten militärischen Führern versehen, bestehe aus lauter entschlossenen und gut republikanisch gesinnten Leuten. Mit großer Freude vernahmen wir diese Nachricht, Hecker versprach, sowie wir in der Nähe des Rheins angekommen seien, den verlangten Befehl zu geben, jetzt sei es noch zu bald dazu. Emma dagegen drängt: Die Armeen der Fürsten umgeben Euch von allen Seiten; schätzt Euch glücklich, daß auch eine Armee der Freiheit in Eurer Nähe steht [Wals99]. Hecker erklärt ihr unumwunden, daß es immer sein Wunsch gewesen, die Erhebung des deutschen Volkes von innen heraus zu bewerkstelligen, und erst wenn Resultate erzielt worden seien, den Anschluß der in Frankreich zusammengetretenen deutschen Mitbürger an das Revolutionsheer in Anspruch zu nehmen. Hecker legte ohne Zweifel zu großes Gewicht auf die von der Reaktion ausgestreuten lügenhaften Gerüchte, denen zufolge die Pariser deutsche Legion aus Raubgesindel und Abentheuerern der schlimmsten Art zusammengesetzt sein sollte. Natürlich glaubte er selbst diese Lügen nicht; allein er berücksichtigte sie doch insofern, als er nicht glaubte, der durch dieselben theilweise mißleiteten öffentlichen Meinung mit Entschiedenheit, d. h. durch die That, durch rasches Heranziehen der deutschen Brüderschaar entgegen treten zu können [Struv49]. Vergeblich versichert Emma ihm, die angekündigte Legion bestehe nur aus Deutschen. Als sie auf eine Entscheidung drängt windet Hecker sich: So sagen sie Herwegh, rufen könne ich ihn nicht, aber wenn er kommen wolle, und recht bald und in recht großer Anzahl, soll mir’s lieb sein [Kapp06]. Frau Herwegh, welche den ungeheuchelten Enthusiasmus der ganzen Bevölkerung, die in Engen zusammengeströmt war, und die Menge sowie gute Haltung unserer Leute anzusehen Gelegenheit hatte, reiste sogleich nach Straßburg zurück, um die Nachricht über den Stand unserer Angelegenheiten möglichst schnell dahin zu bringen [Mögl09]. *Die Deutsche Demokratische Legion aus Paris
Bernau: Die Versuchung
Von Engen aus marschiert Heckers Zug über Bonndorf durch den südlichen Schwarzwald. Der Marsch, den wir nun antraten, war ein sehr beschwerlicher, über steile Berge und tiefe Schluchten. Bei Glashütte hielten wir einen Moment Rast, denn nun sollte erst der schlimmste Theil des Weges beginnen. War es auf diesen Höhen des Feldberges schon empfindlich kalt, so begann nun ein Regen-, Schnee- und Hagelsturm, wie ich ihn kaum je erlebt habe, so, daß alle durch und durch geweicht wurden; der Wind brauste, daß er uns fast umriß, die Bäume beugten sich, schlugen die Wipfel zusammen und krachten, dabei mußte man durch einen viele Fuß tiefen Winterschnee, zu welchem der frischgefallene hinzugekommen war, die steile Kuppe hinanklimmen und waten, unsere Wagen mußten, um nicht um- und in die Tiefe zu stürzen, von den Wehrmannern gestützt und gehalten werden, und dennoch, gleich als wollten sie dem Himmel trotzen, stimmten sie ein Lied der Freiheit an, riefen sich Scherzworte zu oder spotteten über unsere Noth; den Zug, wie er heranklomm von der Höhe zu übersehen, bot einen wildromantischen Anblick dar: da zogen die Schützen die Stutzer unter dem Arm voraus, da klimmten die Fähnlein mit ihren Bannern auf steilem Pfade empor, da schienen die Wagen von den Wehrmännern getragen zu werden, dazwischen Gesang, Zuruf, Lärm; wir verglichen unseren Zug scherzweise mit dem der Franzosen über den St. Bernhard [Heck49].
In der Nähe von Menzenschwand erhielt Hecker die Nachricht, daß zwei Mitglieder des Fünfziger-Ausschusses, Spatz und Venedey, ihn aufsuchten. Hecker erwiederte, daß sie ihn im Dorfe Bernau treffen könnten. In Bernau, woselbst die Schaar der Freiheitskämpfer beim Anbruche der Nacht, völlig durchnäßt, ankam, wurde sie mit Herzlichkeit aufgenommen. In geliehenen Kleidern saßen die Führer um den Tisch, erquickten sich unter heiteren Scherzen bei Wein und Brod, als die beiden Abgesandten des Fünfziger-Ausschusses in die Stube traten. Venedey, einst ein gewaltiger Fürstenfresser, erschien jetzt als ein Stellvertreter des monarchischen Prinzips! Spatz, noch vor wenigen Monaten ein Freund und Gesinnungsgenosse Heckers und zeitweiser Theilnehmer an den Zusammenkünften der Mannheimer Liberalen in der Goldenen Gans sollte jetzt die Rolle des Vermittlers zwischen Monarchie und Republik übernehmen. Volle Amnestie wurde den Republikanern im Namen des Fünfziger-Ausschusses angeboten. (Wer weiß, ob sie die Fürsten gehalten hätten?) Hecker und seine Begleiter erklärten jedoch den Abgesandten: sie bedürften der Amnestie der Fünfziger nicht, sie seien in der Rath- und Thatlosigkeit der Zeit, wo man das deutsche Land mit Reden zu flicken gedacht habe, für die Befreiung ihres Volkes von dem Elende seiner 34 Fürsten mit dem Schwerte ausgezogen, und wollten dabei beharren. Sie böten aber im Namen des deutschen Volkes den 34 Bedrückern Amnestie an, für den Fall, daß sie binnen 14 Tagen der unrechtmäßigen Herrschaft entsagen, und das Volk in sein angestammtes Recht einsetzen wollten. Für diesen Fall sollten sie mit ansehnlichem Vermögen in das glückliche Loos von Privaten zurücktreten und als nützliche Bürger leben können. Die Abgesandten sahen ein, daß, wie sie sich ausdrückten, mit diesen Leuten nichts anzufangen sei. Hecker forderte sie auf, bei ihnen zu bleiben, und statt leeres Stroh in Frankfurt zu dreschen, mit ihm zu ziehen; sie würden nicht nur nach 24 Stunden ihres Entschlusses sich selber freuen, sondern auch auf Deutschland und dessen Erhebung zur Freiheit mächtig wirken! Unverrichteter Dinge zogen die Gesandten wieder ab [Stru49] und wenden sich anschließend beschwörend an die Bevölkerung Badens, eine Tat zu verhindern, welche als Frevel am ganzen deutschen Volk erscheinen muß [Haaß81]. Beteiligt Euch in keiner Weise an einem Unternehmen, das die innere Entwicklung Deutschlands stört, das die freie Tätigkeit der auf den 1. Mai zusammenberufenen National-Versammlung in Frage stellt, und unser großes Vaterland endlosem Bürgerkriege und der Einmischung fremder Mächte preiszugeben droht [Enge10].
Kandern: Wir werden Widerstand leisten
Schließlich treffen die badischen Republikaner bei Kandern auf der Scheideck auf hessische Truppen. General Gagern schickte einen seiner Adjutanten zu uns herüber und verlangte, mit Hecker zu sprechen. Auf die Frage, was er von Hecker wolle, antwortete er, Gagern wünsche eine Unterredung mit Hecker. Ein kleiner Bach, über welchen eine steinerne Brücke führte, trennte uns von den Royalisten [Mögl09]. Hecker berichtet: Ich stieg den Weg herab, begleitet von mehrern republikanischen Anführern, und traf mit Gagern auf der Mitte einer vor der Stadt Kandern befindlichen Brücke zusammen, wo er mich anredete: Sie, d. h. die Republikaner, müssen die Waffen niederlegen, was ich natürlich ablehnte; darauf fuhr er fort: Sie sind ein gescheidter Mann, aber ein Fanatiker, worauf ich erwiederte: wenn die Hingebung für die Befreiung eines großen Volkes Fanatismus ist, dann mögen Sie diese Handlungsweise also bezeichnen, dann gibt es aber auch einen Fanatismus auf der andern Seite, dem Sie dienen; übrigens bin ich nicht hier, um hierüber zu streiten, sondern frage, ob Sie mir sonst etwas mitzutheilen haben. Hierauf entgegnete er mir: so werde ich mit aller Strenge gleich einschreiten, worauf ich erwiederte: und wir werden einem Angriff zu begegnen wissen, übrigens werden Sie uns (die Anführer) zuvor zu unsern Korps zurückkehren lassen; worauf er erwiederte: Allerdings. Nach diesem Zwischengespräch rief mir ein badischer Stabsoffizier (Kunz, wenn ich nicht irre) noch zu: Ich beschwöre Sie, stehen Sie ab. Damit hatte das Parlamentiren und der erste Akt der Handlung ein Ende [Heck49], worauf Hecker und seine Begleiter in ihre Reihen zurückkehrten, welche sogleich, ihre der Artillerie etwas blos gegebene Stellung räumten und langsam die Bergstraße hinauf zogen, fast eine Stunde lang nur durch einen Zwischenraum von hundert Schritten von den Hessen getrennt. Auf der Höhe des Passes, Scheidegg genannt, angekommen, machten die Republikaner Halt, worauf die fürstlichen Soldaten gleichfalls Halt machten [Stru49].
Kaum hatten sich die Republikaner in ihre Schlachtaufstellung begeben,
als die Royalisten auf der Höhe, Scheideck genannt,
erschienen [Mögl09]. Die Republikaner empfingen
nun diese mit einem Zurufe, schwenkten die Mützen oder Hüte, riefen:
Kein Bürgerblut vergießen, Ihr seid unsere Brüder, es lebe die Freiheit,
tretet in unsere Reihen, und gleichzeitig traten aus unseren Reihen
Männer vor, streckten die Hände aus, und schon traten aus den vorderen
Reihen der Hessen 8 - 10 Soldaten vor, offenbar in der Absicht friedlicher
Begegnung [Heck49]. In diesem entscheidenden Moment
bestieg Gagern, der zu Fuß den Berg heraufgegangen war, sein Pferd, hieß die
Offiziere ihre Leute zurückreißen, so daß wir uns mit denselben einen
Augenblick um die Soldaten rissen, und rief Unteroffiziere und Freiwillige
vor. Diese drängten die Soldaten zurück, ein Adjutant Gagerns stellte sich
an ihre Spitze, drang mit gefälltem Bajonett gegen unser Zentrum vor,
welches sie ebenfalls mit gefälltem Bajonett erwartete. Die beiden Parteien
standen mit den Bajonetten sich beinahe berührend einander gegenüber, keine
wollte angreifen, denn wir hatten einfältigerweise unserer Mannschaft streng
eingeschärft, nicht zuerst anzugreifen, weil uns viele Soldaten erklärt
hatten, wenn wir irgendwo zusammentreffen und nicht zuerst angreifen, werden
auch sie von ihren Waffen keinen Gebrauch machen. Jetzt führte Gagern durch
rasches Handeln eine schnelle und blutige Entscheidung herbei. Als er die
Unentschlossenheit seiner Leute sah, feuerte er, hinter ihnen haltend, seine
Pistole auf unser Zentrum mit dem Ausruf ab: Was Brüder! Gesindel seid
ihr! Sein Adjutant hieb zu gleicher Zeit auf einen unserer
Artilleristen ein, und die Soldaten, den Schuß hörend, gaben Feuer, welches
seiner großen Nähe wegen außerordentliche Wirkung hatte. Sogleich stürzten
gegen zwanzig der Unsrigen. Wir erwiderten natürlich das Feuer mit großer
Lebhaftigkeit. Ich selbst hatte nie geglaubt, daß kein Kampf erfolgen werde
und hatte gleich bei unserer Aufstellung meinen Leuten eingeschärft, sowie
das Feuer beginne, hauptsächlich auf die Offiziere zu feuern, zwei gute
Schützen hatte ich auf meiner Seite und sagte ihnen, auf den General, der in
Zivil gekleidet war, zeigend:
Tod Friedrich von Gagerns
Auf der einen Seite liefen die Royalisten, auf der andern Seite unsere Leute, besonders die Sensenmänner, davon. Diese hatten nämlich eine volle Salve eines Pelotons bekommen, die Kugeln waren aber zu hoch gegangen, hatten bloß die Sensen getroffen, ein großes Geräusch verursacht und dadurch die Träger so erschreckt, daß diese nicht nur ihre Sensen wegwarfen, sondern auch sich entweder selbst zu Boden legten oder direkt davonliefen [Mögl09].
Zwar war der kommandierende General Freiherr von Gagern in der Schlacht gefallen, doch Hecker sieht die Revolution als gescheitert an, zumal sich im Volk bald das Gerücht verbreitet, Gagern sei gezielt hinterrücks erschossen worden. Hecker flieht zunächst in die Schweiz und wandert im Herbst 1848 in die Vereinigten Staaten aus.
In einem Abschiedsbrief an Emma Herwegh kommt Heckers Bitterkeit voll zum zum Ausdruck: Wer nicht ein sich selbst betrügender Enthusiast oder ein kurzsichtiger Narr ist, der sieht klar, daß Deutschland im besten Zuge ist, statt 34 mal 35 mal monarchisch zu werden.* Unglückseliges Volk, armes Vaterland. Kommt nicht ein Anstoß von außen, ziehen nicht die roten Hosen über den Rhein, so erhebt sich das Volk nicht. Eine große Zeit ist über ein kleines Geschlecht hinweggerauscht, und der Weltgeist schüttelt zürnend seine Schwingen und wendet den Blick ab von der verächtlichen Rasse [Enge10]. *Anspielung auf den Reichsverweser aus dem Hause Habsburg. Siehe weiter unten.
Freiburg: Blutige Ostern 1848
Der Freiburger Professor der Chirurgie Karl Hecker erhält einen Brief seines Bruders aus Basel, in dem dieser über die Niederlage seiner schlecht ausgerüsteten Revolutionäre gegen übermächtige Regierungstruppen und seine Flucht in die Schweiz berichtet. Nun sieht auch Carl von Rotteck die Erhebung als gescheitert an und rät am Karsamstag den Teilnehmern einer Volksversammlung auf dem Karlsplatz, nach Hause zu gehen. Die Volkswehr und die vielen auswärtigen in der Stadt versammelten Freiheitskämpfer halten Heckers Niederlage jedoch für ein Gerücht. Sie hoffen auf das Eintreffen einer angekündigten Freischar unter Franz Sigel*, sammeln sich unter den Rufen Içi, par içi! und wollen weiterkämpfen. Unter großem Jubel wählen die Männer schließlich den Turner und Candidaten der Medizin Georg von Langsdorff zu ihrem Kommandanten, der sogleich in der Stadt umherreitet und dabei zündende Reden hält. Man hatte nur Worte, keine Thaten gegen die Bajonette und Kanonen der vereinigten Fürstenpartei [Stru49]. *Sigel ist ein ehemaliger Leutnant der badischen Armee. Wegen eines Duells musste er 1848 seinen Dienst quittieren.
Unterdessen zieht die badische Regierung eigene und hessische Truppen bei Freiburg zusammen. Bald sind es 6000 Mann, auch Kavallerie und Artillerie, die unter dem direkten Kommando des Kriegsministers Friedrich Hoffmann stehen. Besorgt verrammeln die etwa 1500 in der Stadt versammelten Freischärler in der Osternacht die Tore mit Barrikaden und erwarten dringend den angekündigten Entsatz durch die 5000 Mann unter dem Kommando Franz Sigels, die aus Richtung Horben kommend auf Freiburg vorrücken sollen.
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Kokarde der Freiheitskämpfer
Umbenennung des Platzes am Schwabentor 1978 durch die linke Szene |
Am Sonntag früh (23. April) wurde in Freiburg Generalmarsch geschlagen. Diejenigen Wehrmänner, welche zurückgeblieben waren, noch immer 12 bis 1500 Mann, versammelten sich auf dem Münsterplatze. Die Klagen über Mangel an Waffen und Munition, denen nur unvollständig abgeholfen wurde, erneuerten sich. Mißmuthig darüber und aufgehetzt durch Feiglinge und Verräther verließen wiederum Viele die Stadt. Gegen Mittag erschien Bürgermeister (Joseph) v. Rotteck und überbrachte das Verlangen des royalistischen Generalstabs, daß die in Freiburg stehenden Republikaner binnen 2 Stunden die Stadt verlassen sollten, widrigenfalls die fürstlichen Soldaten mit Gewalt einrücken würden [Stru49].
Mittlerweile wurden Barrikaden errichtet. Vergebens drang Bürgermeister Rotteck kurz vor Ablauf der Frist auf eine entscheidende Antwort der republikanischen Führer. Endlich brachte die Nachricht von Sigels Nähe die Leute in freudige Bewegung. Eine Schaar von 37 Mann erbot sich, Sigel und Struve entgegen zu ziehen, und ihnen Bahn zu brechen. Unter dem Jubel des Volks zogen sie ab. Das Herannahen des entscheidenden Kampfes erfreute alle Herzen mit froher Begeisterung. Binnen zwei Minuten webte auf diese Nachricht aus allen Fenstern die deutsche Fahne. Die Schaaren wurden entlassen, um etwas Wein und Brod zu genießen, und auf das erste Schlagen des Generalmarsches wieder beisammen zu sein. Jetzt gaben auch einzelne Bürger ihre Waffen her und etwa 9 Soldaten vom 2. Regimente gingen über [Heck49].
Gleichzeitig beginnen die Regierungstruppen, den Ring um Freiburg enger zu ziehen. Georg von Langsdorff steigt auf den Münsterturm und schaut verzweifelt nach der anrückenden Hilfe für die eingeschlossenen Freischärler aus. Stattdessen beobachtet er durch sein Fernrohr, wie laufend frische nassauische Bundestruppen mit schweren Waffen per Bahn am neuen Freiburger Bahnhof eintreffen. Auf der Suche nach Gleichwertigem geht Langsdorff gegen vier Uhr mit 30 Mann aufs Rathhaus, um die Kanonen der Stadt mit Gewalt zu nehmen. Die ganze Bürgerschaft war dort versammelt. Langsdorff sprach ihnen zu: seine Worte verfehlten ihren Eindruck nicht; einige waren bereit, die Kanonen herauszugeben. Aber der zahlreich anwesende Adel warf sich dazwischen und hinderte es. Es war ein Drängen hin und her… Jetzt drang die Menge gewaltsam vor, schlug die Thore ein, und bemächtigte sich der Kanonen. Doch die Spieße hatten die Munition versteckt; der ganze Vorrat bestand aus 3 Kugeln und 4 Kartätschenbüchsen, die wir nicht brauchen konnten, da sie für Vierpfünder waren, während wir Sechspfünder hatten. Dazwischen ertönte fortwährend das Schießen von draußen, wogte die Menge in den Gassen hin und her, und verlangte ungestüm nach Munition. Es war ein unentwirrbares Chaos, in das nur wenige durch entschiedenes, kühnes und umsichtiges Handeln Ordnung brachten, die Errichtung von Barrikaden an den Thoren förderten, Pulvervorräthe aufsuchten und während der Nacht die Anfertigung von Patronen für Flinten und Kanonen ins Werk setzten [Heck49].
Derweil zieht die Abordnung der Freiburger Volkswehr unter Hermann Mors in Richtung Horben, um nach dem Verbleib von Sigels Freischaren zu schauen. Sie stoßen auf eine Vorhut von etwa 300 Mann unter Struve. Bei deren Anblick der Mannschaft ist Mors enttäuscht: Ich hatte sie mir vorgestellt mit blanken Stutzen, mit schwarzen Heckerhüten, von denen die Federn herabwallten, die Führer bärtig, mit langschäftigen Stiefeln einige hübsche Marketenderinnen mit zierlichen Schnapsfässchen, statt der Federn hübsche Sträußchen mit bunten Bändern auf den Hütchen;... nur war aber die Mannschaft in Wirklichkeit ganz anders. Verkleidung und Bewaffnung war ein buntes Durcheinander: Blusen, teutsche Röcke und Reitfräcke, Mäntel, Paletots; aller Arten Hüte, Bauernhüte, Heckerhüte, französische, englische Mützen, österreichische von Wachstuch, Pelzmützen, Studentenmützen, ... Stutzen, Musketen, Karabiner, Säbel, Degen ... Von Marketenderinnen war keine Spur ... Was die Musik anlangt, so war solche freilich vorhanden, aber sie war jämmerlich, herzzerreißend, ... man wurde unwillkürlich an eine Bärenmusik erinnert [Sieb08c].
Struve sieht die Begegnung seiner Truppen mit der Abordnung in Horben ein wenig anders: Auch war dort eine Schaar Freiburger eingetroffen, welche uns aufforderte, so rasch als möglich auf Freiburg loszurücken, indem die Stadt selbst von feindlichen Truppen entblößt, die in der Nähe befindlichen aber dem Volke günstig gesinnt seien. Die Freiburger stellten überhaupt uns die Sache so dar, als handle es sich nur darum, Besitz von der Stadt zu ergreifen [Stru49]. In Abwesenheit Sigels war man einstimmig der Ansicht, es könne nicht länger gewartet werden, um so weniger, als Sigel, da er beritten sei, leicht die Colonne würde einholen und den Oberbefehl würde übernehmen können [Sieb08c].
Freiburg: Die Royalisten vom Loretto-Hügel und Sternenwald auf beiden Flanken ... angegriffen
Sigel aber hatte sich folgenden Plan für den Angriff auf Freiburg ausgedacht: Am Ostertage, den 23. Abends zwischen 4 und 5 Uhr sollte der Angriff gegen die um Freiburg stehenden Bundestruppen geschehen, im Fall sie sich unserem Einmarsch widersetzen würden. Zu Horben, welcher Ort ohngefähr 2 Stunden von Freiburg entfernt ist, sollte die ganze Kolonne sich sammeln und die Anführer ihre Befehle erhalten. Es war einleuchtend, daß uns der Feind - mit Geschütz und Reiterei versehen - nicht im Gebirge, sondern im Augenblick angreifen würde, wo wir vom Gebirge herab in die Ebene stiegen. Zu gleicher Zeit mußte er einen Ausfall der in Freiburg befindlichen Mannschaft, und eine Vereinigung derselben mit der unsrigen zu verhindern suchen. Er mußte deßhalb die Mündung des Güntersthales, sowie die bei Uffhausen besetzt halten, während ein auf dem Loretto-Hügel aufgestelltes Detaschement unser Vorrücken auf diesem Punkte zu verhindern suchte. Um einem Ausfall aus Freiburg zu begegnen, mußte in schiefer Richtung gegen die beiden Brücken der Dreisam eine Reserve aufgestellt werden. Gegen diese vermutliche Aufstellung der feindlichen Truppen sollten folgende Anordnungen getroffen werden.
(Johann Philipp) Becker mit seinen Scharfschützen und die Schützen von Konstanz unter Mögling, die schon im Gefecht von Kandern sich so tapfer benommen hatten, nebst den 2 eisernen Kanonen und der 2te Banner - im Ganzen ohngefähr 800 Mann - sollten auf der Höhe gegen St. Loretto vorrücken, während 3 Kompagnien Musketiere Merzhausen besetzt hielten. Stephani mit 200 Scharfschützen und den 2 Konstanzer Kanonen nebst dem 1ten Banner sollten zu gleicher Zeit über Güntersthal auf dem Wege vorgehen, welcher längs dem Bromberge durch den Sternenwald führt. Am Saum des Waldes, in der Nähe des Wirthshauses zum Waldhorn bis gegen das Schießhaus bei Freiburg sollten die Schützen Stellung nehmen. Im Falle diese Stellung von den Schützen des Feindes schon eingenommen war, mußten unsere Schützen sich rückwärts im Walde postiren. Die. Hauptkolonne von 3 Bannern sollte in Güntersthal bis nach der Eröffnung des Gefechts aufgestellt bleiben und dann erst im Thale selbst vorrücken; ebenso die in Merzhausen aufgestellte Kolonne. Die Royalisten vom Loretto-Hügel und Sternenwald auf beiden Flanken, durch zahlreiche und gute Scharfschützen angegriffen, von Güntersthal aus in der Front und durch die Besatzung von Freiburg im Rücken bedroht, würden genöthigt gewesen sein, die Mündung des Thales zu verlassen und sich gegen St. Georgen zurückzuziehen [Sige49].
Günterstal: Fort, fort du Hund
Sigels Plan jedoch geht nicht auf, denn durch die Bitten der Freiburger Abordnung beeindruckt, vom Ehrgeiz angestachelt prescht Struve gegen ausdrücklichen Befehl Sigels mit seiner kleinen Mannschaft vor. Der erinnert sich: Ohne die nöthigen Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, stiegen sie in das Thal und zu dem Dorfe Günthersthal hinab und bewegten sich in Marschkolonne das Thal entlang auf Freiburg zu. Aber an der Mündung des Thales angekommen, trafen sie plötzlich - wie auch wieder vorauszusehen war - auf den Feind, der sich dort aufgestellt hatte und sie nach kurzem Parlamentieren mit Geschütz und Infanterie empfing. Wie nach dem Gefecht von Kandern und dem Benehmen der Royalisten deutlich vorauszusehen war, ließ sich der Kommandirende in keine Unterhandlungen ein, sondern gab dem ehemaligen badischen Artillerieoffizier Kuenzer, welcher an ihn die Frage richtete, ob Struve einige Worte sprechen könne, zur Antwort: Fort, fort du Hund. Kuenzer richtete sich nun an die Mannschaft der Artillerie mit den Worten: lhr werdet nicht schießen, dort drüben stehen eure Väter und Brüder, worauf der Commandant dem neben ihm stehenden Bataillon den Befehl zum Feuern gab. Mit dem Ausruf Vater- und Brudermörder! ritt Kuenzer zurück. Durch die nachgesendeten Schüsse erhielt sein Pferd eine leichte Verwundung [Sige49].
Die in vorderster Linie stehenden Sensenmänner geraten nach den ersten Kartätschensalven in Panik und laufen davon, einige werfen ihre Sensen weg. Glücklicherweise kommt Leutnant Sigel, alarmiert durch das Gewehr- und Kartätschenfeuer, gerade noch rechtzeitig mit einem Trupp von Horben nach Günterstal heruntergeeilt, und schlägt die Regierungstruppen zurück. Von halb vier Uhr nachmittags bis sieben Uhr abends dauert das Gefecht. Auf beiden Seiten fließt viel Blut. Mindestens 20 Freischärler und drei Soldaten lassen beim Jägerbrunnen ihr Leben. [Sieb08c].
Freiburg: Das Tor war schon zu stark besetzt
Erst am 24. April, dem Ostermontag, marschiert Sigel mit einem ihm verbliebenen treuen Rest von rund 400 müden und ausgehungerten Revolutionären von Günterstal gegen zwei Uhr nachmittgas durch die Wiehre zum Schwabentor. Als man in Freiburg das republikanische Heer von Horben heranrücken sah, erhob sich lauter Jubel und Hurrahgeschrei. Ein Theil der Wehrmänner suchte zum Schwabenthore, vor dem das zweite Regiment stand, auszubrechen, griff dieses jedoch nicht an und gab auch den heranrückenden Republikanern kein Zeichen, daß sie auf Hülfe von Seiten der Stadt zu rechnen hätten [Stru49].
Auf sich allein gestellt versuchen Sigels Männer in einem letzten Aufbäumen, den Belagerungsring zu durchbrechen und die Aufständischen in der Stadt zu entsetzen. Theodor Mögling ist einer der Führer: Von Günterstal an machten wir eine Art Dauerlauf. Ich führte unsere Avantgarde und bewegte mich etwas schneller als unsere Hauptmasse. Man sagte uns, beim Schwabentor können wir jedenfalls noch in die Stadt eindringen. Um nun keine Zeit zu verlieren, wollte ich nicht warten, bis unser Hauptkorps auf gehörige Nähe herbeigekommen, sondern drang möglichst rasch vor, obgleich die Royalisten uns schon bemerkt hatten und ziemlich heftig mit den Kartätschen beschossen. Auf der Dreisambrücke fiel mein Fahnenträger auf meiner Seite, wir ließen uns dadurch jedoch nicht aufhalten, bis wir etwa noch 50 Schritt von dem Schwabentor entfernt waren. Da wurden wir plötzlich mit sehr lebhaftem Gewehrfeuer von dem Tor aus, welches soeben von den Royalisten besetzt worden war, empfangen, das Tor war schon zu stark besetzt, als daß wir den Eintritt hätten forcieren können.
Freiburg: Ich ging mit Sigel in die Bierstube
Unser Haupttrupp war unterdessen in der Flanke gefaßt, und Sigel, der das Kommando desselben übernommen hatte, aber in seinem Eifer allein bis zu uns vorgedrungen war, sah sich von seiner Truppe abgeschnitten … Von drei Seiten angegriffen, zog sich meine Mannschaft [] rechts am Schloßberg hinauf zurück, während ich, Sigel und vier andere Leute, von allen Seiten abgeschnitten, uns links wandten und, einen Augenblick unbemerkt, uns hinter Hütten, welche an dem Weg standen, zurückzogen, so daß wir außer dem Bereich des feindlichen Feuers waren. Viel Holz lag umher, welches wir sogleich zu Errichtung einer Barrikade benutzten, um unser Leben wenigstens so teuer wie möglich zu verkaufen. Merkwürdigerweise wurden wir nicht bemerkt, das Gewehr- und Kanonenfeuer ließ bald nach und verstummte endlich ganz, die Royalisten zogen in die Stadt von allen Seiten ein. Plötzlich bemerkte ich, daß die Stadtmauer vom Feind besetzt wurde, von wo aus er uns sehr leicht hätte bemerken können. Meine Leute legten sich schnell zu Boden, ich stellte mich hinter ein Brett und beobachtete den Feind. Nicht lange hielt dieser sich auf der Mauer, worauf ich meinen Begleitern vorschlug, mit mir über die Stadtmauer in die Stadt einzudringen, um zu sehen, ob in der Stadt nicht vielleicht noch etwas zu machen sei. Der Vorschlag fand Beifall, es waren keine furchtsamen Leute. Wir gingen in den Stadtgraben hinab und stiegen auf der anderen Seite an der Mauer hinauf in die Stadt hinein. Ich war in der Stadt selbst nicht bekannt, da ich vor Jahren nur einmal ein paar Stunden dagewesen war, überließ mich daher ganz der Führung meiner Freunde. Diese brachten mich in ein Bierhaus. Die Familie nahm uns freundlich auf und brachte uns in ein Zimmer, in welchem wir ganz sicher uns umkleiden und zu Mittag essen konnten.
Nachdem dies abgemacht war, ging ich mit Sigel in die Bierstube, wo wir uns zu mehreren Freiburger Bürgern an einen Tisch setzten und über die Ereignisse des Vormittages sprachen. Bald ging die Türe auf, und nicht wenig erstaunt sahen wir einige unserer Kampfgenossen eintreten, welche ebenso freudig überrascht waren, uns hier zu finden. Auf unsere Frage, wie sie hierher kommen, sagten sie, von allen Seiten bedrängt, haben sie sich zwar an dem Schloßberg hinauf zurückgezogen, sowie sie aber nicht mehr verfolgt worden seien, seien sie wieder vorgedrungen, auf einen Trupp Republikaner gestoßen und von diesen gehört, Sigel und ich seien entweder gefallen oder in Freiburg. Sie haben nun beschlossen, alles daran zu setzen, um etwas Näheres zu erfahren und seien deshalb in die Stadt hereingekommen. Ihre Freude war groß, uns gleich getroffen zu haben. Sigel ging mit einem Freund weg, um Verwandte zu besuchen. Das Zimmer füllte sich nach und nach mit Soldaten. Von unserem Tisch ging einer um den anderen weg [Mögl09].
Die Freischärler setzen den erbitterten Kampf gegen die Regierungstruppen fort, die nach dem Zerschießen der Barrikaden am Nachmittag die Stadt stürmen. Am nächsten Tag berichtet die Oberrheinische Zeitung: Der Tummelplatz war auf dem Rampart, vor dem Prediger-, Breisacher- und Schwabenthor und in der Gegend von Unterlinden. Das Feuern der Freischärler nach Außen und des Militärs denselben entgegen, war zwei Stunden lang furchtbar und richtete die größten Verwüstungen an Gebäuden und im Innern derselben an; ein Haus war so sehr den Kanonen- und Kartätschenschüssen ausgesetzt, daß es dem Einsturze nahe ist. Mehrere Einwohner wurden getödtet oder verwundet. ... Um halb 12 Uhr mußten die Freischärler dem militärischen Andrange weichen und wurden von den im Sturme ihnen nachsetzenden Soldaten nach allen Seiten hin verjagt und zerstreut und die Stadt von den Truppen besetzt. Allmählich zogen von allen Seiten her gegen 6.000 Mann an Infanterie, Reiterei und Artillerie und zwar Badenser, Nassauer, Hessen und Württemberger in die Stadt, welche von ihnen so umzingelt war, daß man über die Tollkühnheit der Freischärler, einer solchen Macht trotzen zu wollen, nur staunen muß [Sieb08c].
Henriette Feuerbach, die Stiefmutter des Malers Amselm Feuerbach macht ihre Beobachtungen in der Nähe des Schwabentors: Wir gingen in den Keller, das Bombardement dauerte eineinhalb Stunden, dann drang das Militär in breiten geschlossenen Reihen mit klingendem Spiel im Sturmschritt mit gefälltem Bajonett in die Stadt. Wer auf der Straße war, wurde gefangen oder niedergemacht, wer an den Fenstern sich zeigte, erschossen. Die Freischärler hatten vorher die Hessen in Furcht gejagt, sie warteten auf kochendes Pech und einen völligen Straßenkampf. Nachher kamen die Arrestationen, das war greulich. Ich war nachmittags in der Stadt, sie glich einem Feldlager; 5-6000 Mann Hessen, Nassauer, Württemberger, Badenser biwakierten in den Straßen, die Häuser zerschossen, überblasse, blutende Gebunden inmitten einer Truppe Soldaten mit geschwungenen Säbeln. Das dauerte vier Tage; aus den Kellern herauf, zu den Fenstern heraus wurden sie gezogen. Alle Häuser durchsucht [Sieb08c]. Am Abend kann General Hoffmann nach Karlsruhe melden: Freiburg ist in unseren Händen. Die Sache der gesetzlichen Freiheit hat gesiegt und die Anarchie einen schweren Schlag erlitten [Sieb08c].
Freiburg: Die Feder sträubt sich, die Scenen aufzuzeichnen
Über diese Ereignisse schreibt die Freiburger Zeitung in ihrer Ausgabe vom Osterdienstag, dem 25. April 1848:
Freiburg, 24. April. Unter dem Eindruck der Erlebnisse
des gestrigen und heutigen Tages vermögen wir keine Zeitung zu schreiben,
und vermöchten wir's, so würden wir nicht das Setzer= und
Druckerpersonal zusammenbringen, welches erforderlich wäre, sie zu setzen
und zu drucken. Wir beschränken uns daher auf folgende Notizen: Seit gestern
ist unsere Stadt im förmlichen Kriegszustand gewesen. Eine bedeutende Zahl
Republikaner der Umgebung hielten sich seit der Volksversammlung von vorigem
Samstag hier auf. Sie tyrannisirten förmlich die Bürgerschaft; der Schrecken
herrschte. Gestern morgen [am Ostersonntag]
wurden die Thore verbarrikadirt.
Die Bürgerschaft war auf dem besten Wege, die Ordnung wiederherzustellen, da ertönte plötzlich der Ruf: Die Freischaaren kommen! Und wirklich erschienen die unter Siegel's Führung gesammelten Schaaren auf den Höhen des Schwarzwaldes, und alsbald in der Nähe der Stadt am Sternenwald gegen Günterthal zu.
Ostern 1848: Barrikade am Predigertor
Nun begann ein Gefecht zwischen den Bundestruppen und den Freischaaren, welch letzteren ihre Gesinnungsgenossen von der Stadt aus zu Hilfe eilten und das Militär im Rücken beunruhigten. Das Gefecht dauerte von 4 Uhr Nachmittags bis 7 Uhr. Da schwiegen die Kanonen und das Kleingewehrfeuer, und die Truppen zogen sich zur Seite.
Nun folgte die angstvollste Nacht, die seit lange über Freiburg gekommen ist. Heute Morgen [am Ostermontag] ertönte in allen Straßen der Generalmarsch und alsbald ging das Feuer wieder an. Der größte Theil der Freischärler von außen schien sich in die Stadt hineingezogen haben. Die Thore der Stadt wurden von 9 Uhr bis 10 Uhr mit Kanonen beschossen, wo das Bundesmilitär, das durch Nassauer, die mit dem ersten Bahnzug ankamen, verstärkt worden war, den Eingang erzwang. - Es ist eine Menge Blut vergossen worden, die Feder sträubt sich, die Scenen aufzuzeichnen, die wir während dieser zwei Tage erlebt haben. Wir verzichten im Voraus darauf mit dem Bemerken, daß wir auch ferner es Anderen überlassen wollen, diese Vorgänge zu beschreiben.
Nur das fügen wir noch bei, daß das Militär Meister geblieben ist, daß die Freischaaren zersprengt sind, und daß militärische Macht in nächster Zeit die Zügel unserer Stadt in den Händen halten wird.
Es war ein blutiges Osterfest Anno 1848 zu Freiburg ...
Viertägige Irr- und Wanderfahrt mit der Pariser deutsch-demokratischen Legion
Doch wo sind Georg Herweghs Freiheitskämpfer geblieben? Von Straßburg aus fuhren sie den Rhein aufwärts. Nachdem sich die politischen Führer sowohl, als auch die militärischen Führer eingefunden, wurde auf 5 mächtigen Kähnen über den Rhein gesetzt und zwar in der Gegend von Kembs. Es war die Nacht vom 23. auf den 24. April, die Nacht zwischen Ostersonntag und Ostermontag. Von Kembs ging der Marsch nach Kandern, und von da nach einer kurzen Rast nach Wieden. Als die Pariser deutsche Legion nach einem ermüdenden Marsche am 25. daselbst eingerückt war, erfuhr sie, daß sich Sigel bereits zurückgezogen habe und Freiburg im Besitze der fürstlichen Truppen sei. Die Hülfe aus Paris kam für die badischen Freiheitskämpfer offenbar zu spät [Stru49].
Da nützt es auch nichts, dass Emma Herwegh mit der Pistole in der Hand an der Seite ihres Mannes kämpft. Die Deutsche Democratische Legion wird am 27. April bei Dossenbach vernichtend geschlagen. Herwegh sucht wie Hecker Zuflucht in der Schweiz. Dort schreibt er 1850 seinen Bericht: Viertägige Irr- und Wanderfahrt mit der Pariser deutsch-demokratischen Legion in Deutschland und deren Ende durch die Württemberger bei Dossenbach.
Ende des ersten Versuchs einer Demokratisierung!
Dazu meint Struve: Die Volkserhebung vom Aprilmonate 1848 konnte ... nicht gelingen. Allein sie bildete den Kern einer entschlossenen republikanischen Partei, die Schule der Revolution, den Anfang einer besseren Zeit. Sie schlug die Brücke von der wortreichen schmählichen Vergangenheit zu einer thatenreichen und ehrenvollen Zukunft. In ihr wird das deutsche Volk noch nach Jahrhunderten den ersten sprossenden Keim deutscher Freiheit, deutscher Einheit und deutscher Größe erkennen. Mögen daher auch manche der Männer, welche sich bei derselben betheiligten, Fehler, seien sie auch noch so groß, gemacht haben, das deutsche Volk wird diese eher verzeihen, als die Theilnahmlosigkeit, welche so viele andere Leute, die gern Männer des Volkes sein möchten, ihr entgegensetzten [Stru49].
Philipp Becker beurteilt in seinem Buch Geschichte der Süddeutschen Mai-Revolution Heckers Zug wesentlich kritischer: Der erste Zug, dem Hecker den politischen Heiligenschein zu verdanken hat, mit welchem der Glaube des deutschen Volkes ihn eine Zeitlang umgab, war als erstes Zeichen davon, daß das deutsche Volk die Märzrevolutionen noch nicht als geschlossen betrachtete, und ihre politischen Hoffnungen noch nicht ganz im deutschen Parlamente concentrirte, interessant; das Andenken an ihn wurde jedoch durch die großartigeren Wiener Revolutionen ziemlich in den Hintergrund gedrängt. Der erste Reiz der Neuheit umgab damals noch die politischen Versuche der Republikaner, und daher kam es, daß der Hecker'sche Zug sehr bald Gegenstand der Volkspoesie und des Volksliedes wurde. Im vorigen Sommer konnte man gewiß in Süddeutschland kaum ein Wirthshaus finden, in welchem nicht von Handwerkern und selbst Soldaten das „Heckerlied" nach der einschläfernden Melodie des Schleswig-Holsteinliedes gesungen wurde. Vor dieser Poesie verschwand die Reflexion über das Unpolitische der ganzen Unternehmung, welche schon bei der Offenburger Versammlung hätte ausgeführt werden müssen, wie überhaupt die vielen Lächerlichkeiten dieses Zuges, die voreilige Flucht Hecker's in die Schweiz und seine spätere Auswanderung nach Amerika [Beck49].
Flüchten aus wirrer Zeit ...
Die Revolution musste scheitern, denn sie fand keinen Widerhall im Biedermeierbürgertum. In der trüben, pessimistischen Stimmung und der Trostlosigkeit jener Tage kommt das folgende Gedicht zustande:
Wer möchte nicht gern flüchten
Viele Menschen fallen in stumpfe Resignation. Sie verzichten, an dem Versuch zur Besserung der politischen und sozialen Lage mitzuwirken, da alles wankt und fällt [Maye94].
Andere Menschen begehren auf. Wir wollen keine Republik
mit ihrer ewigen Unruhen im Gefolge, schlägt es Theodor Mögling in
einer seiner Wahlversammlungen entgegen, doch er ködert die Menschen
geschickt wie weiland Luther
die deutschen Fürsten mit dem finanziellen Argument: Man hat euch die Republik als den Tummelplatz des Ehrgeizes bezeichnet,
findet man in der Monarchie keinen Platz für ehrgeizige Bestrebungen?
Niemand aber wird mir bestreiten, daß die republikanische Staatsverfassung
die wohlfeilste ist. Von allen Seiten habe ich bisher Klagen über die
Kostspieligkeit der Monarchie, nicht bloß wegen der Zivilliste (die jährlich
dem Monarchen aus der Staatskasse gewährten Gelder), sondern hauptsächlich
wegen der großen Kosten der unmäßig großen Zahl von Beamten gehört, wer nun
eine so kostspielige Verwaltung gut findet, trete auf
Später möchte die offizielle Seite jegliche Erinnerung an die Revolution auslöschen. Als badische Soldaten ihren gefallenen Kameraden auf dem Alten Friedhof in Herdern einen schlichten Gedenkstein mit der Inschrift: Zur Erinnerung an die am 24. April 1848 bei dem Sturm auf Freiburg Gefallenen von ihren Waffengefährten errichten, muss der Stein auf großherzogliche Weisung gedreht werden, damit die Inschrift vom Wege aus nicht einzusehen ist.
Im 2. Reich galt die Revolution von 1848 sogar als undeutsche Entgleisung und nicht geschichtswürdig, wenn der schon so häufig zitierte Verfasser einer Freiburger Geschichte Joseph Bader 1882 schreibt: Nachdem es seit der Offenburger Volksversammlung und noch bewegter seit dem Ausbruche der französischen Februar=Revolution im Lande Baden zu einer wachsenden Aufregung gekommen, brach endlich der unselige Aufstand von 1848 aus, über deren Verlauf man patriotisch beschämt gerne hinwegsieht [Bade82].
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Frankfurt: Große schwarz-roth-goldne Fahnen wehten
Mitglieder der Nationalversammlung
Ohne Umschweife konfrontiert Struve die Abgeordneten mit seinen Maximalforderungen: Die Monarchien sollen zu Gunsten einer föderativ gegliederten Republik abgeschafft werden. Er verlangt die Bewaffnung des Volkes und dafür die Abschaffung der stehenden Heere. Statt des Berufsbeamtentums und der Privilegien des Adels, des Klerus und der Reichen fordert Struve eine aktive Sozialpolitik. Wie zu erwarten, stimmen die versammelten Abgeordneten über solche Extrema gar nicht erst ab.
Florian Mördes schreibt in seinem Buch Die Deutsche Revolution über den Radikalismus Struves: Gerade deßhalb erzeugte aber die Entwicklung des Liberalismus zuletzt und kurz vor Ausbruch der Märzbewegung eine radikale Schule, welche mit der Sozialistik der französischen Demokraten in einige Verbindung trat. An der Spitze dieser Schule stand Gustaf von Struve, ein Mann, der sich in allen seinen Entwicklungsphasen bekannt machte, weil er einestheils durch eine strenge Sittlichkeit, anderntheils durch eine wahrhaft fanatische Heftigkeit stets zu den extremsten Paradoxen geführt ward. Struve prüfte das System der Fürstenregierungen und die fürstliche Wirthschaft vom sittlichen und juristischen Standpunkte. Er brach in beiden Richtungen den Stab über sie [Mörd49].
Auch nach der gewaltsamen Niederschlagung der Frühjahrsaufstände gärt es weiter in den deutschen Landen. Vor allem die langsame Arbeit der Nationalversammlung, der mit dem Wiedererstarken der Fürstenmacht die Zeit davonläuft, beunruhigt die fortschrittlichen Geister, die mehr Action fordern. Deshalb schlägt Parlamentspräsident Heinrich von Gagern vor, mit einem Reichsverweser eine provisorische Zentralgewalt zu schaffen. Als man an die Wahl dieses Reichsverwesers kam, wartete auf Deutschland ein großer Akt. Der bekannte große Griff Gagerns. Das Parlament erklärte, daß es jetzt den Muth habe, den Reichsverweser zu wählen - man erstaunte im ganzen Philisterium, daß die souveräne Volksvertretung so etwas thun könne, fand aber unglückseliger Weise keinen Mann zum Posten und wählte den Erzherzog Johann. Wie man auf ihn kam, weiß wohl jetzt Niemand mehr zu erklären - damals meinte man - Johann sei gewählt worden, nicht weil er ein Prinz sei - sondern obschon er einer sei [Mörd49].
Mit 436 von 548 wählt die Nationalversammlung am 29. Juni 1848 ausgerechnet den Bruder Kaiser Franz‘, dem allerdings eine liberale Gesinnung nachgesagt, wird zum Reichverweser. Der wirbt auch gleich bei den Bürgern um Vertrauen und mahnt sie gleichzeitig in seinem Flugblatt: An das deutsche Volk. inständig, Geduld zu üben:
Deutsche! Eure in Frankfurt versammelten Vertreter haben
mich zum deutschen Reichsverweser erwählt.
Die Reaktion auf diesen Aufruf zeigt mit großer Deutlichkeit die Zerissenheit der politischen Kräfte. In Baden würdigt Regierungschef Bekk am 20. Juli im Landtag den Beschluss der Nationalversammlung zur provisorischen Zentralgewalt als eines der größten, wichtigsten und erfreulichsten Ereignisse in der politischen Entwicklung Deutschlands: S.K.H. der Großherzog hat die Wahl des Erzherzogs zum Reichsverweser mit der lebhaftesten Freude begrüßt. Überzeugt von der Dringlichkeit einer provisorischen Centralgewalt, vertrauend auf die große Bürgschaft des Fürsten, der sie für die Einigung, Freiheit und Macht unseres großen Vaterlandes ausüben soll, und bereit, die gemeinsamen Opfer mit Freuden zu bringen, die dazu nöthig erscheinen, hat der Großherzog die Beschlüsse der National-Versammlung anerkannt. Wir sind beauftragt. Sie H. Herren, gleich bei Ihrem ersten Zusammentritte davon in Kenntnis zu setzen, und die Regierung kann nicht zweifeln, daß Sie von gleichen Gesinnungen belebt, Ihre freudige Übereinstimmung damit aussprechen werden [Enge10].
Dagegen beeindruckt dieser Aufruf die Revolutionäre, die nach dem Scheiterns Heckers nach Frankreich und in die Schweiz geflohen waren, wenig. Sie gründen in Straßburg einen Zentralausschuss der Republikaner. Man schmuggelt fortschrittliche Zeitungen und agitatorische Flugblätter nach Baden [Enge05]. Struve versucht aus seinem Schweizer Exil den Widerstand mit Flugblättern: Das Maß des an Euch verübten Unrechts ist zum Überlaufen voll. Die Monarchie mit ihren Anhängseln von Geburts-Adel und Geld-Adel ist durch und durch faul. Eure letzte Hoffnung, die konstituierende Versammlung in Frankfurt a. M. hat Euch getäuscht. Statt eines freien und einigen Deutschlands hat diese Dienstmagd der Reaktion Euch zu den fünfunddreißig Fürsten, die ihr schon hattet, den sechsunddreißigsten (den Reichsverweser) noch gegeben .... Die Kerker sind angefüllt mit Männern des Volkes. Hunderte unserer Freunde und Gesinnungsgenossen müssen im Auslande leben, um dem gegen uns gezückten Racheschwerte zu entgehen, weil wir dem in den Volksversammlungen in Offenburg, Freiburg usw. an uns ergangenen Rufe Folge leisteten und uns an Eure Spitze stellten, um das unerträgliche Joch der Fürstenherrschaft zu brechen .... Wir fordern Euch daher auf zum Kampfe gegen Eure Tyrannen. Beginnet denselben damit, daß Ihr alle Abgaben an Grundherren, Staat und Kirche verweigert, und daß Ihr aller Orten Euch zusammenscharet, Eure Polizeidiener, Gensd‘armen, Amtsleute, Grundherren und Fürsten gefangen nehmet [Enge10].
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Konteradmiral Brommy
Fahne der Deutschen Bundesmarine: Links oben der Reichsadler
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Frankfurt: Derweil debattiert die
Nationalversammlung
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Gustav (von) Struve
Karl Blind
Struves Regierungsblatt
Gyslers Kugel blieb im Buch stecken |
Lörrach: Der Struve-Putsch
Für Struve sind die blutigen Ereignisse in Frankfurt Anlass und Auslöser einer neuerlichen Schilderhebung. Seit Monaten waren die Badener schaarenweise zu den auf der linken Rheinseite wohnenden politischen Flüchtlingen gezogen, und hatten sie aufgefordert, ins Vaterland zurückzukehren und sich an die Spitze einer großartigen Volksbewegung zu stellen. Ueber die Grundsätze derselben hatte man sich gewissermaßen schon geeinigt, indem diese in dem Plan zur Revolutionirung und Republikanisirung Deutschlands von Struve und Heinzen ausgesprochen, dem Volke mitgetheilt und von diesem wiederholt gutgeheißen worden waren [Stru49].
Am 21. September 1848 zieht Struve mit 50 Mann aus Basel kommend in Lörrach ein. Auf dem Marktbrunnen lässt er die rote Fahne der Revolution hissen und verspricht vom Balkon des Rathauses in einer Rede an das Deutsche Volk: Wohlstand, Bildung, Freiheit für alle! Am Ende proklamiert Struve unter den Hochrufen der Bevölkerung eine Deutsche Republik und erklärt das Gebäude zum vorläufigen Sitz seiner provisorischen Regierung. Noch am 21. Abends wurden sämmtliche in Lörrach befindliche Kassen mit Beschlag belegt. Karl Blind übernahm vorläufige die Aufsicht über die Finanzen und bekleidete zugleich das Amt eines Schriftführers der provisorischen Regierung. Struve unterzeichnete die Ausfertigungen im Namen der Letzteren. Nach den Zusagen, welche gegeben worden waren, stand nämlich zu erwarten, daß binnen kurzem mehrere einflußreiche Männer sich im republikanischen Hauptquartier einfinden würden, in Verbindung mit welchen die provisorische Regierung gebildet werden sollte. Nach allen Gegenden wurden berittene Staffetten abgeschickt, um das Volk aufzubieten, sich in Masse zu erheben. Die in Lörrach befindliche Druckerei wurde im Namen der provisorischen Regierung in Besitz genommen und in derselben sofort das erste republikanische Regierungsblatt Deutschlands gedruckt. Dasselbe enthielt … drei Erlasse [Stru49]:
Aufruf an das deutsche Volk!
Der Kampf des Volkes mit seinen Unterdrückern hat
begonnen. Selbst in den Straßen der Stadt Frankfurt a. M., am Sitze der
ohnmächtigen Centralgewalt und der geschwätzigen konstituirenden Versammlung
ist auf das Volk mit Kartätschen geschossen worden. Nur das Schwert kann das
deutsche Volk noch retten. Siegt die Reaktion in Frankfurt, so wird
Deutschland auf dem sogenannten gesetzlichem Wege furchtbarer ausgesogen und
geknechtet werden, als dieses in den blutigsten Kriegen geschehen kann.
Der zweite Aufruf ist eine Dienstanweisung für sämmtliche Bürgermeister. Der dritte beschreibt das Regierungsprogramm:
Deutsche Republik! Wohlstand, Bildung, Freiheit für Alle!
Im Namen des deutschen Volkes verfügt die provisorische Regierung Deutschlands wie folgt:
Art. 1. Sämmtliche auf dem Grund und Boden haftende
mittelalterliche Lasten, sowie sämmtliche mittelalterliche persönliche
Dienste, Zehnten, Gülten, Frohnden, und welchen Namen sie sonst tragen, sind
ohne alle Entschädigung sofort abgeschafft. Alle Ablösungsschuldigkeiten für
solche Lasten werden ebenfalls getilgt.
Von heute an herrscht das Kriegsgesetz, bis das deutsche Volk seine Freiheit errungen haben wird.
Im Namen der provisorischen Regierung Deutschlands: Gustav Struve.
Hauptquartier Lörrach, am ersten Tage
der deutschen Republik,
Struve befiehlt dem Lörracher Gemeinderat die Zwangsrekrutierung und kann mit dieser Maßnahme eine Truppe von 8000 Mann zusammenstellen. Sechsunddreißig Stunden nachdem Struve das badische Gebiet betreten hatte, befand sich die republikanische Partei bereits im Besitze einer so ansehnlichen Macht, daß sie im Stande war, Lörrach zu verlassen und angriffsweise gegen Freiburg vorzugehen. Samstag den 23. vor Tagesanbruch brach das republikanische Hauptquartier mit sämmtlichen nicht schon vorausgesandten Truppen über Kandern und Schliengen nach Müllheim auf [Stru49], um die Revolution in die Landeshauptstadt zu tragen. Allerdings kommt Struve begleitet von seiner Frau Amalie mit nur noch 4000 seiner Freiwilligen lediglich bis Staufen, wo er und seine bewaffneten Anhänger von 800 Großherzoglichen Soldaten nach kurzem Gefecht entscheidend geschlagen werden.
Das Rathhaus war bereits verlassen; kein Fenster an demselben war ganz geblieben; die Mauern waren von Kugeln durchlöchert. Dort hatte Struve lange ausgehalten und die Wehrmannschaften zum Kampfe ermuthigt; dann war er in die Straßen herabgestiegen, um die Fliehenden zum Stehen zu bewegen. Als auch dies nicht half, hatte er in Begleitung von Karl Blind, seiner Frau und seines Schwagers Staufen verlassen [Löwe49]. Als sie sich bei Wehr über den Rhein absetzen wollen, werden sie gefangen genommen.
Das Gefängnis in Offenburg als März-errungenschaft und Inquisitionspalast der Revolution, in dem Fickler und Struve nun einsitzen.
Nach diesem neuerlichen Umsturzversuch erklärt die badische Regierung den Kriegszustand in den südlichen Landesteilen. Zudem verkündet der Großherzog das Standrecht, um dem Weitergreifen des Unheils entgegen-zuwirken und den greuelvollen Bürgerkrieg im Keim zu ersticken [Enge10]. Gleichzeitig vermeidet die Regierung Bekk alle Härten, die aus den Aufständischen Märtyrer machen könnten.
Ende des zweiten Versuchs einer Demokratisierung!
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Robert Blum |
Wien: Das Vaterland möge meiner Eingedenk sein!
Nach dem Ausfall Struves ist nun Robert Blum, der Hoffnungsträger der linken Republikaner. Deshalb ist seine standrechtliche Erschießung am 9. November in Wien für die Demokraten in allen deutschen Ländern ein Riesenschock. Blum vertrat in der Nationalversammlung die unbeugsame Konsequenz des Volkskampfes mit einer Fülle der Beredsamkeit, welche allein schon genügt hätte, die Tiefe seines Gefühles zu beurkunden. Die klare Einsicht von der Erbärmlichkeit der Nationalversammlung trieb ihn in den Waffenkampf. Seine - des Volksvertreters - Ermordung durch die blinden Vertreter des krassesten Monarchismus hätte jedes Volk zu den Waffen gerufen. - Die Mehrheit der Deutschen hatte für ihren Vorkämpfer nur ein großes Requiem. Sein Leichenhügel, berufen zum Marksteine der Freiheit - ward eine Station schimpflichen Elendes. Blum allein besaß Charakter und Talent genug, um sich eine echte Revolutionspartei zu schaaren und sie zu führen [Mörd49].
Nach Blums letzten Worten: Das Vaterland möge meiner Eingedenk sein entwickeln sich die überall zu seinen Ehren veranstalteten Leichen- und Gedächtnisfeiern zu politischen Demonstrationen. Auch in Freiburg findet am 10. Dezember unter großer Beteiligung der Bevölkerung eine Trauerfeier für Robert Blum statt [Sieb99].
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Frankfurt: Der Katalog der Grundrechte
Endlich am 27. Dezember 1848 verkündet die Nationalversammlung einen Katalog der Grundrechte und dieser ist revolutionär: Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz, Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlungen, Schutz vor willkürlicher Verhaftung, kostenloser Besuch der Volksschule, Wahrung des Briefgeheimnisses, Einführung der Zivilehe, das Recht auf freie Meinungsäußerung und endlich: der Adel wird als Stand aufgehoben. Als dann diese Grundrechte Anfang Januar 1949 in Kraft treten sollen, haben sich die angeschlagenen Herrscherhäuser längst erholt und verhindern alle wirklichen Reformen. Stattdessen bekleiden sich die Fürsten mit dem Feigenblatt oktroyierter Länderverfassungen, die ihre Dynastien sichern und das Büttenpapier, auf dem man sie druckt, nicht wert sind. Da ist es nur konsequent, dass die Bundesflotte bereits 1852 ein schnödes Ende findet, denn nach der Unterdrückung der Nationalbewegung haben die einzelnen deutschen Staaten kein Interesse, eine gemeinsame Flotte zu finanzieren. Die Marine ist pleite, die wenigen in Bremerhaven und Brake stationierten Kriegsschiffe werden versteigert.
Freiburg: Als Reaktion auf die Reaktion gründen sich zwei Vereine
Struve analysiert in seinem Buch Geschichte der drei Volkserhebungen in Baden zu Beginn des Jahres 1849 die politische Situation in Europa: Es schien, als hätten die verbündeten Fürsten Europas nur darauf gewartet, zu sehen, ob das deutsche Volk den ihm durch den Waffenstillstand von Malmö angethanen Schimpf ruhig hinnehmen würde, um dann Schlag auf Schlag die Nation und ihre anmaßliche Vertreterinnen, die deutsche Nationalversammlung zu Frankfurt a. M. und die constituirenden Versammlungen zu Wien und Berlin mit Füßen zu treten. Nur in Baden erhob sich das Volk mit einiger Kraft gegen den Verrath von Malmö, das ganze übrige Volk Deutschlands ließ es bei Reden, Petitionen und Zeitungsartikeln bewenden. Um diese kümmerten sich die Tyrannen Deutschlands nicht. Da auf diese Weise ein Bubenstück gelungen war, welches im Anfange selbst einen Dahlmann und Consorten zu einer scheinbaren Opposition angeregt hatte, so glaubten die Fürsten Deutschlands ungestraft weiter gehen zu können. Der alte Bund mit dem russischen Czaren, welcher niemals ganz aufgelöst, aber dennoch durch die März-Ereignisse erschüttert worden war, wurde erneuert. Die ersten Schläge wurden in Oesterreich geführt. Wien wurde bombardirt, das Standrecht verkündigt, Robert Blum erschossen, die constituirende Versammlung zuerst nach Kremsier verlegt, dann aufgelöst. Der alte Despotismus wurde in Verbindung mit den neuen Standrechts-Theorien wiederhergestellt. Nun galt es, nachdem der Widerstand in den deutschen Erbstaaten gebrochen war, auch Italien und Ungarn wieder zu unterwerfen. Der Verrath des Königs Karl Albert von Sardinien hatte die Wieder-Unterjochung der Lombardei möglich gemacht. Ein zweiter Verrath desselben und seines Sohnes machte dem Krieg gegen Piemont und Sardinien ein schnelles Ende. Doch Venedig bestand muthig und kühn die große Probe, die ihm Radetzky auferlegte. Rom erhob sich gegen die Tyrannei der Päbste und verkündete die römische Republik. Ungarn kämpfte siegreich gegen die österreichischen und gegen die zu Hülfe gerufenen russischen Heere. Die Kosaken brachen nicht bloß in Siebenbürgen und Ungarn ein; sie betraten auch das deutsche Gebiet, damit kein Zweifel mehr sein könne, daß die Losung unserer Tage sei: republikanisch oder kosakisch? Auch gegen die Schandthaten von Wien halte die Nationalversammlung von Frankfurt und hatte das gesammte deutsche Volk nur Worte. Hierdurch ermuthigt trieb der König von Preußen auch seine Stände aus Berlin und verkündigte das Kriegsgesetz in den bedeutendsten Städten des Landes. Als Sachsen sich zum Schutze der von der deutschen Nationalversammlung beschlossenen Reichsverfassung erhob, wurde es durch preußische Waffen wieder zur Unterwerfung gebracht. Ludwig Napoleon war eingetreten in den großen Bund der Fürsten. Durch diesen Beitritt wurde die alte heilige Allianz wieder hergestellt. Der Bund der Völker war noch nicht geschlossen. Die deutsche Nationalversammlung zu Frankfurt a. M. war zum Kinderspotte geworden. Die Kaiserkrone, welche sie dem Könige von Preußen anbot, wurde von ihm mit Hohn zurückgewiesen; die Reichsverfassung, welche sie beschlossen hatte, wurde von sämmtlichen Fürsten Deutschlands, mit Ausnahme der kleinen und unmächtigen, verworfen. Selbst Gagern konnte sich nicht mehr als Minister halten. Er machte einem durchaus reaktionären Ministerium der Centralgewalt Platz. Während diese Ereignisse auf dem großen europäischen Schauplatz sich entwickelten, raffte sich das Volk in Baden aus seiner Erniedrigung auf. Ein großes Netz von Volksvereinen wurde, in Gemäßheit der Beschlüsse der Offenburger Volksversammlung vom 19. März 1648 über das ganze Land gespannt [Stru49].
In der Tat: § 30 der vorgeschlagenen Reichsverfassung lautet: Die Deutschen haben das Recht, Vereine zu bilden. Dieses Recht soll durch keine vorbeugende Maßregel beschränkt werden [Sieb99]. So kommt es überall in Baden zur Bildung von Volksvereinen. Zwar rät die Regierung in einem Schreiben an die Bezirksämter von der Theilnahme an diesen verderblichen s.g. Volksvereinen ab und fordert die gesetzlichgesinnten Bürger zur Entgegenwirkung gegen die Verbreitung derselben, sowie gegen ihre verderbliche Thätigkeit auf [Enge10], wohingegen der Mannheimer Finanzbeamte Amand Goegg deren Zusammenschluss betreibt, um die lokalen Bemühungen als öffentliche Meinung zu mobilisieren. Vorsitzender dieses Gesamtverbandes wird der Rechtsanwalt und Abgeordnete der Nationalversammlung Lorenz Brentano, doch Goegg bleibt die treibende Kraft. Schließlich sind 400 Volksvereine mit 35000 Mitgliedern unter einem Dach vereint.
Auf einer Gemeindeversammlung am 11. April 1848 hatten die Freiburger Bürger zur Frage konstitutionelle Monarchie oder Republik erklärt: Beide Staatsformen, jene der constitutionellen Monarchie wie jene des Freistaates sind vernünftig ... Das Bestreben der freiheitlichen und volkstümlichen Ausgestaltung der ersteren ziert daher den wahren Vaterlandsfreund ebenso wie das in gesetzlicher Weise unternommene Erstreben der letzteren [Dipp98].
Deshalb bilden sich in Freiburg Anfang 1849 sogar zwei Vereine. Prominenter Mitbegründer des radikalen republikanischen Volksvereins am 29. Januar ist Carl von Rotteck junior. Carl war wegen der Unterstützung des Aufstandes vom April 1848 inhaftiert und erst im Dezember 1848 gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt worden.
Als Antwort auf die Bildung des Vereins der Republikaner ruft Carl von Rottecks Cousin Bürgermeister Joseph von Rotteck mit anderen konstitutionellen Liberalen am 18. Februar zur Gründungsversammlung des fürstentreuen Vaterländischen Vereins auf, zu der 330 Personen erscheinen. In seiner Gründungsansprache betont von Rotteck, dass die konstitutionelle Staatsform im geschichtlichen Entwicklungsgange des deutschen Volkes tief begründet ist, dass die große Mehrheit der Deutschen keine Republik will, dass daher die normale Einführung einer solchen rein unmöglich erscheint. Deren gewaltsame Einführung aber führe zu Bürgerkrieg, Despotie und Abschaffung der Freiheit und würde Deutschland am Ende zur Beute des Auslandes machen. Daher gelte es jetzt, sich zusammenzuschließen für die Freiheit und Einheit Deutschlands, gegen jeden Versuch des gewaltsamen Umsturzes, kurz Gesetz, Freiheit, Vaterland sein fortan unsere Losung [Sieb99]. Am 8. März verkündet der Vaterländische Verein, dass er nunmehr 539 Mitglieder hat.
Die Fliegenden Blätter bringen die Ängste der Menschen vor einem gewaltsamen Umsturz damals in einer kurzen Anekdote unter: Fragt eine Bäuerin ihren Mann: Kommst Du aus der Volksversammlung? – Ja wohl, Alte! – Na was habt ihr denn ausgemacht? Ist jetzt Freiheit oder ist noch Ordnung? [Kasc98]. In Baden verhärten sich die Fronten zwischen den Anhängern eines parlamentarisch kontrollierten Großherzogtums und den Republikanern zusehends. Bald tobt ein verbissener Propagandakrieg. In einem Leitartikel der Neuen Freiburger Zeitung vom 7. Februar 1949 kann man lesen: Die neuen Volksmänner, welche sich für die allein ächten Ausleger des Willens der Nation, für die allein tüchtigen Lenker ihrer Geschicke hielten, schmeichelten dem Volk und seinen Vorurtheilen mehr als irgend je niederträchtige Hofschranzen zur Zeit der Fürstenmacht den Autokraten geschmeichelt hatten. Während sie den Leuten in der Republik den Himmel in Aussicht stellten, Freiheit, Wohlstand und Bildung für alle versprachen, ... machten sie den wahren Freistaat unmöglich, indem sie die unerläßlichen republikanischen Tugenden: Unterordnung des Eigenwillens unter den Ausspruch der Mehrheit, aufopfernde Biederkeit im Privat- und öffentlichen Leben, Pflichttreue und Gesetzesachtung, Enthaltsamkeit und Arbeitsamkeit, Hingebung des eigenen materiellen Vortheils für die hehren idealen Interessen des Gesammtwohls, Redlichkeit und Wahrhaftigkeit gegen Freund und Feind, so viel an ihnen war, verleugneten und verdarben, und dafür Aufwiegelungssucht gegen jede Autorität, selbst gegen den soveränen Willen der Nation und ihrer Vertreter, treulose Jesuitenmoral, Nichtsthuerei, Habsucht in die empfänglichen Gemüther des Volkes zu pflanzen suchten [Sieb99].
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Gustav Struve
Reiterstandbild Friedrich Wilhelm IV. vor der Nationalgalerie auf der Museumsinsel in Berlin |
Freiburg: Der Struve-Prozess vor einem Schwurgericht
Die Einrichtung von
öffentlichen Schwurgerichten im Großherzogtum Baden war eine der
revolutionären Forderungen Struves. Ausgerechnet er muss sich nun vor einem
solchen verantworten. Der Prozess gegen ihn und Karl Blind beginnt am 20.
März 1849 in Freiburg im Basler Hof, dem
Struve und Blind vor dem Schwurgericht in Freiburg
In seiner Vertheidigungsrede führte Struve aus, daß was er gethan, gerechtfertigt sei durch die drei Jahrzehnde lang fortgesetzte Untergrabung der verfassungs-mäßigen Zustände in Deutschland; durch den unerhörten Druck, mit welchem das Volk belastet worden war; durch den Willen des Volkes; durch den Zustand der Nothwehr, in welchem die republikanische Partei in Folge der Maßregeln der Regierung versetzt worden war, und durch die reinsten Absichten, dle Liebe zum Vaterlande, zur Freiheit und zum Rechte, welche ihn bei allen seinen Bestrebungen geleitet haben [Stru49] Dabei greift er weit in die Geschichte zurück: Was ich tat, tat ich aus voller, tiefer Überzeugung; nicht Ehrgeiz, sondern Liebe zum Vaterlande, Freiheitsgefühl waren meine Triebfedern. Ich tat es im Hinblicke auf Tell, auf Washington, auf die Helden der französischen Revolution. Sie alle widerstrebten den Tyrannen der Erde in Übereinstimmung mit den Gesetzen der Vorsehung; wenn auch ihre Unternehmungen anfangs oft missglückten, am Ende gewannen sie doch den Sieg. Egmont und Horn wurden hingerichtet, Tausende schmachteten in Albas Kerkern; aber der Sieg blieb doch den holländischen Republikanern. - Ich habe Ihnen die Beweggründe meines Unternehmens bereits angedeutet. Sie sind: der Verfassungsbruch, dessen sich die Fürsten drei Jahrzehnte schuldig machten, der unerhörte Druck, der durch sie auf dem Volke lastete, der deutlich ausgesprochene Wille des Volkes selbst, die Notwehr und endlich der edle, rein menschliche Zweck des Unternehmens [Hunn41].
Nach neun Tagen endet der Schauprozess in Freiburg mit einem moralischen Sieg der Angeklagten. Die Geschworenen wenden das neue Strafgesetz (es tritt erst 1851 in Kraft) mit dem Strafbestand des Hochverrats bewusst nicht an, sondern verurteilen die Angeklagten wegen Raub der Lörracher Stadtkasse und ähnlicher Delikte jeweils zu milden acht Jahren Zuchthaus. Indem es keine Todesurteile fällt, schafft das Gericht keine Märtyrer der Revolution. Zur Haftverbüßung verbringt man Struve und Blind nach Rastatt. Weitere anstehende Verfahren gegen Amalie Struve, Wilhelm Liebknecht (dem Vater von Karl Liebknecht) und Carl von Rotteck junior werden niedergeschlagen.
Berlin: Ablehnung der Kaiserkrone oder Preußens Stunde ist noch nicht gekommen
Weil sich Österreich nicht vor seiner Verantwortung für die
unterschiedlichen Nationalitäten in seinem Vielvölkerstaat drücken will,
beschließt das Parlament nach langen Debatten zur Einigung des Vaterlandes
eine kleindeutsche Lösung, also ein deutsches Reich ohne
Österreich. Am 27. März, Abends 6 Uhr, war die
verhängnißvolle Stunde, wo die Nationalversammlung durch die Feststellung
des Erbkaiserthums das Werk ihrer Schande krönte [Beck49]. Am
folgenden Tage
Eine Delegation von 32 Abgeordneten der National-versammlung reist nach Berlin, um am 3. April dem Preußenkönig untertänigst die Kaiserwürde anzubieten.
Ablehnung der Kaiserkrone
Papa Wrangel schlägt kurzerhand vor: ihr nich rinlassen.
Friedrich Wilhelm lehnt das Angebot nicht nur nicht ab, sondern lässt sich unnötiger-weise zu herausfordernden und erbitternden Maßregeln verleiten [Hunn41]. Er verspottet die Reichskrone als Hundehalsband der Parlamentarier, dem der Ludergeruch der Revolution anhaftet. Einen solchen imaginären Reif, aus Dreck und Letten gebacken, soll ein legitimer König von Gottes Gnaden und noch gar der König von Preußen sich geben lassen, der den Segen hat, wenn auch nicht die älteste, doch die edelste Krone, die niemand (niemals) gestohlen worden ist, zu tragen. Der König teilt der Delegation unmissverständlich mit, dass Kronen nur von ihm und seinesgleichen, nicht jedoch von Parlamentariern verliehen würden: Ich würde Deutschlands Einheit nicht aufrichten, wollte ich mit Verletzung heiliger Rechte und meiner früheren ausdrücklich und feierlichen Versicherung ohne das freie Einverständnis der gekrönten Häupter, der Fürsten und Freien Städte Deutschlands, eine Entschließung fassen, welche für sie und die von ihnen regierten deutschen Stämme die entscheidensten Folgen haben muß. Dessen aber möge Deutschland gewiß sein, und das, meine Herren verkünden Sie in allen Gauen: Bedarf es der preußischen Schildes und Schwertes gegen äußere oder innere Feinde, so werde ich auch ohne Ruf nicht fehlen. Ich werden dann getrost den Weg meines Hauses und Volkes gehen, den Weg der deutsche Ehre und Treue [Jahn00].
Heine im fernen Paris kommentiert diesen misslungenen Versuch der Nationalversammlung sarkastisch in einem Gedicht mit dem Titel Die Wahlesel:
Die Freiheit hat man satt am End',
Letztlich ist Friedrich Wilhelms Weigerung, die vom Volk aus Dreck und Lehm gebackene Krone anzunehmen, nicht allein seinem Snobismus, sondern auch der Rücksichtnahme auf die Führungsrolle Österreichs im deutschen Bund zuzuschreiben, wenn er betont: Wird, soll diese Krone, Deutschlands Krone, erstehen, so muß sie Österreichs Herrscher zieren, und mit Freuden will ich [als Erzkämmerer] das silberne Waschbecken dem Kaiser bei seiner Krönung reichen [Scho01].
Großherzogtum Baden: Letztes revolutionäres Aufbäumen 1949
Großherzog Leopold akzeptiert die Reichsverfassung für Baden am 11. April, allerdings mit dem Vorbehalt, dass auch alle anderen deutschen Staaten zustimmen müssten. Doch die wichtigsten deutschen Königreiche und Fürstentümer lehnen die Reichsverfassung ab, nur 28 kleinere und mittlere Staaten wollen sie übernehmen. Diese negative Einstellung mobilisiert noch einmal alle revolutionären Kräfte, die eine deutsche Einheit in Demokratie herbeisehnen.
Mit der Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm ist die Reichsverfassung sozusagen kopflos. Das schockt die Verfassungsfreunde, während für die Republikaner die Ablehnung durch Preußen und Österreich eine Fürstenverschwörung beweist. Und so drischt, um das Volk für eine Republik zu gewinnen, G. Thielmann in einer an Luther erinnernden Diktion kräftig auf die großen und kleinen Despoten in deutschen Landen ein: Louis Philipp, durch eine Revolution auf den Thron Frankreichs gehoben, konnte nur durch Fortjagen an seinen fernern Bedrückungen verhindert werden. - Ferdinand, Kaiser von Oesterreich, der eher in ein Narrenhaus, als auf den Thron gehörte, trennte sich nur gezwungen von seinem teuflischen Gesellen Metternich, und gab Versprechungen, deren Erfüllung durch die Hofkammarilla so thätig zu hintertreiben gesucht wird. Durch die Kugeln des Volkes belehrt, erklärte der vom Schauspieler zur Marionette herabgesunkene Friedrich Wilhelm, Preußen solle in Deutschland aufgehen, und einige Wochen reichten hin, ihn die Energie des Volkes vergessen zu lassen. Nun hätte er gerne, daß Deutschland in Preußen aufgehe. Der Wasserdichter Ludwig, Baierns König, mußte durch die Macht des Volkes bewegt werden, sich auf kurze Zeit von einer öffentlichen Dirne, seiner Lola Montez, zu trennen; denn diese Dirne galt ihm mehr als seine Pflicht. Als derselbe freiwillig gezwungen der Krone entsagte, folgte sein Sohn Maximilian, der viel versprach und nichts hielt, wie alle Fürsten. Was kümmern den König von Würtemberg die Wünsche seine Volkes, die er bei seiner Maitresse Stubenrauch zu vergessen sucht? Würde nicht der König von Hannover, der größte Despot Deutschlands, gestützt auf englische Hülfe, mit Freuden jede Gelegenheit ergreifen, um Deutschland an dem Werk seiner Einigung zu verhindern? Der Großherzog von Baden, der nur durch verschiedene blutige Thaten auf den Thron gelangte, kennt nicht seine Vaterpflichten, sonst müßte er sich um seine natürliche Tochter, Rosina Reiß von Farnhalt, im Amt Bühl, bekümmern, die zur gemeinen Dirne herabgesunken ist. Der Churfürst von Hessen wagt es, einem Manne sein Weib abzukaufen und die Falschmünzer von Koburg betrügen das Volk um viele Tausende. Hierzu kommen nur noch die verschiedenen andern Duodez-Fürstchen, an denen allen kein gutes Haar ist. Kann man von solchen Menschen etwa erwarten, daß sie für das Wohl und das Glück ihrer Brüder, die sie mit dem Namen Unterthanen bezeichnen, etwas thun werden?! Nun und nimmermehr! Ihr einziges Bestreben ist, immer mehr Gehülfen an sich heranzuziehen, um sich, von diesen unterstützt, auf ihren morschen Thronen zu halten. Diese Gehülfen sind die Adelichen, die Beamten, die Pfaffen, die Soldaten und der Geldsack. Die Interessen dieser fünf Geiseln* des Volkes sind mit denen der Monarchen so innig verwoben, daß immer ein gemeinsames Handeln durch sie statt findet. Diese Geiseln* führen das Volk an den Rand des Verderbens, ohne auch nur den geringsten Vortheil zu bringen. Nicht genug, daß dem Volke seine materiellen Kräfte entzogen werden, nein auch seine geistigen Kräfte müssen vergiftet und vernichtet werden durch Bevormundung und Verdummung von Seiten der Beamten und Pfaffen [Löwe49]. Was die Volksverdummung betrifft, so sind wir heute nicht besser dran. Medien, Banken und Großkonzerne haben die Rolle der Beamten und Geistlichen übernommen. *Geißeln
Mannheim: Den Kampf des Volkes gegen das Fürstenthum für erneut erachten
Zwar findet als Reaktion auf die Reaktion der Gedanke an eine dritte republikanische Revolution in deutschen Landen bei den unterprivilegierten Schichten großen Widerhall, gewinnt jedoch in bürgerlichen Kreisen der Bevölkerung nur langsam an Boden. Am 26. April erklärt der Mannheimer Volksverein: Wir können in der Opposition der Fürsten gegen die Reichsverfassung lediglich einen Angriff auf die in der Reichsverfassung vorhandenen volksthümlichen Bestimmungen und Einrichtungen erblicken und erklären daher, daß wir in jedem solchen Angriffe eine Revolution der Fürsten gegen das Volk erblicken und dadurch den Kampf des Volkes gegen das Fürstenthum für erneut erachten. Mit dieser Erklärung verbinden wir die Forderung, daß die Reichs-Versammlung zu Frankfurt die Oberhauptsfrage, welche durch die Erklärung des preußischen Königs zur offenen geworden ist, in entschieden demokratischen Sinne löse [Enge10].
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Der Großherzog bereit zur Flucht. Vergeblich weist ein treuer Offizier auf seine kampfbereiten Soldaten hin
An mein Volk
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Kaiserslautern: Auf, du Volk der Pfalz!
In der bairischen Pfalz wird für den 2. Mai zu einer Volksversammlung nach Kaiserslautern eingeladen: Pfälzer! das Unglaublichste ist geschehen! Maximilian von Baiern hat die durch unsere souveränen Vertreter zu Frankfurt festgestellte und für uns rechtsgültige Verfassung verworfen. Tiefe Entrüstung erfüllt die Brust eines jeden Pfälzers; — es gilt zu zeigen, ob der Wille des souveränen Volks oder der Wille einer volksfeindlichen Regierung maßgebend sei [Star52].
Schließlich rufen die Veranstalter die Teilnehmer zu einem bewaffneten Kampf auf: Auf, du Volk der Pfalz! — Du Volk, weithin berühmt durch dein Rechtsgefühl und deinen gesetzlichen Sinn, beweise Deutschland, das seine Augen auf dich gerichtet hat, daß du zwar dem Gesetze dich beugst, daß du aber auch die Kraft in dir fühlst, die Machthaber zu beugen, welche mit frecher Stirn allen Gesetzen Hohn zu sprechen wagen. Brüder ! unsere ganze Provinz muß zu einem Lager umgeschaffen, jeder Arm bewaffnet, jedes Haus zur Festung, jeder Baum zur Brustwehr werden. Lasset euch nicht einschüchtern durch das Schreckbild der Anarchie oder durch das Hirngespinst einer allgegemeinen Gütervertheilung. Wenn Alle, Alle sich erheben, zur Vertheidigung der schmählich bedrohten Rechte unsers Volkes, dann wird eine höhere Glut der Begeisterung alle Gemüther erfassen, und dem bevorstehenden Kampf eine Weihe geben, die das Eigenthum achten und jedes unlautere Gelüst ersticken machen wird. „Auf denn Brüder! und rüstet euch zum heiligen Kampf der Nothwehr. Schaart euch einträchtig zusammen und stimmt mit uns ein in das Feldgeschrei: Es lebe Deutschland und seine ewigen Rechte! [Star52]
Frankfurt: Die Gewaltherrschaft der Könige hat ihre Maske abgeworfen
Zur Unterstützung des Pfälzer Aufstandes veröffentlicht die äußerste Linke der Nationalversammlung ein am 5. Mai 1849 Manifest: Die Gewaltherrschaft der Könige hat ihre Maske abgeworfen. Sie hat es gewagt, angesichts der Völker Europas, mit Vernichtung alles zu bedrohen, was zivilisierten Nationen hoch und heilig ist. Wortbrüchig verläugnet sie den letzen Schimmer von unseres Volkes Selbstständigkeit und Freiheit, die sie vor wenigen Monden bebend anerkannte. Fürstenwillkür vernichtet, was die Vertreter des souveränen Volkes beschlossen … Pfälzer! Deutschlands Männer werden nicht tatlos und feig Eurer Erhebung zusehen, sie werden es nicht geschehen lassen, daß der Despotismus über eure Leichen hinweg auch zur Vernichtung ihrer und des ganzen Volkes Freiheit schreite! [Kapp06].
Nachdem am 6. Mai auch die Sachsen auf die Barrikaden gestiegen waren rufen die linken Abgeordneten am 8. Mai schließlich zu allgemeinem bewaffneten Widerstand auf: Zu den Waffen, deutsche Männer in allen Gauen des Vaterlandes! Die Verbindung der Fürsten, welche Hochverrath an dem Volke begehen wollen, liegt klar zu Tage. Verbindet Euch auch und erhebt Euch, um das Vaterland zu retten! Schon kämpfen Euere Brüder in Sachsen und der Pfalz für Euch, laßt sie nicht untergehen! Nachbarstämme der Sachsen und der Pfalz, an Euch ist es zunächst, - ziehet hin zu Euern Brüdern, ziehet hin und helfet! - Helfet ihnen und es wird auch Euch geholfen sein! Ihr könnt nicht zaudern, dürft nicht zaudern, Ihr dürft sie nicht allein stehen lassen, die aufgestanden sind, das Recht in einer Hand und in der andern das Schwert. Das Schwert für Euer Recht! - Helfet mit den Waffen, und wenn Ihr die nicht habt, helft sonst, helft wie Ihr könnt - nur helft!
Ihr andern Stämme auch, erhebt Euch, waffnet Euch und zeigt dem Despotismus und der Barbarei, die Euch entgegenstehen, die festgeschaarte Macht des Volkes, das sein Recht verlangt.
Gerechtern Kampf hat's nie gegeben! — Zu den Waffen, Männer, zu den Waffen! - [Stru49].
Dresden: Dräsden däd sich rasch ergeben
Der König von Sachsen war ein entschiedener Gegner der Reichsverfassung, er mochte weder die Souveränität des Volkes noch die Suprematie eines Kaiserthumes. Darum trieb er die Volkskammer auseinander und zwang sein Ministerium zum Rücktritte. Das Volk war hiedurch in große Gährung gekommen, welches am 6. Mai zu den Waffen griff. Der König und die Regierung entfloh, ein Theil des Volkes ging über; man wählte eine Diktatur, an ihrer Spitze (Samuel Erdmann) Tzschirner [Mörd49].
Dabei kämpfen der Hofkapellmeister Richard Wagner und der Hofbaumeister Gottfried Semper sowie der russische Anarchist Michail Bakunin Seit an Seit auf der mächtigen Semperbarrikade, die der Architekt von der laienhaften Konstruktion der übrigen Straßensperren genervt nach seinen Plänen hatte errichten lassen. Allein die Diktatur bestand wenige Tage den Kampf gegen die königl. sächsischen Truppen, als die Preußen herannaheten und nach fürchterlichem Kampfe den Sieg davon trugen und Sachsen besetzten [Mörd49]. Nach nur drei Tagen am 9. Mai Klock 10 lässt die Revolutionsregierung in Dresden die weiße Fahne der Kapitulation am Turm der Kreuzkirche aufziehen. Leipziger Studenten spotten:
Dräsden däd sich rasch ergeben,
Kaum war das sächsische Volk besiegt, so erhob sich die Rheinpfalz ebenfalls zu Gunsten der Reichsverfassung [Mögl09].
Mannheim - Rastatt: Im Großherzogtum folgt jetzt Schlag auf Schlag
Am 1. Mai 1849 erließ der provisorische Landesausschuß der Volksvereine in Baden einen Aufruf, worin er das Volk aufforderte, sich bereit zuhalten, sein Recht und seine Freiheit mit den Waffen zu schirmen, nicht länger mehr mit der Durchführung der Volksbewaffnung zu zaudern und welcher mit den Worten schloß: Ein in Waffen stehendes Volk ist die Schutzwehr der Freiheit, ist der Schrecken der Tyrannen. Darum nochmals, Mitbürger, bewaffnet Euch! [Stru49]
Die Ereignisse in der Pfalz bestimmten diese revolutionäre Regierung in Mannheim am 4. Mai die Abfassung eines allgemeinen Congresses aller Volksvereine und einer großen Landesversammlung auf den 12. und 13. Mai in Offenburg auszuschreiben und hierdurch den Anfang der Revolution festzustellen [Beck49]. Goegg plädiert dafür, in Offenburg die Republik zu proklamieren, eine Mehrheit billigte jedoch [nur] die Abhaltung der Volksversammlung als Agitationsmitel für Einberufung einer constituirenden Versammlung von Baden [Enge10]. Am 6. Mai wurden die Soldaten zur Treue gegen das Volk aufgefordert und am 8. Mai stellte die äußerste Linke des Parlamentes sich, im Gegensatz mit ihrem frühem Auftreten, dadurch, daß sie das deutsche Volk zu den Waffen rief, auf den Boden der Revolution [Beck49].
In Rastatt hatte die Volkspartei unter dem Militär
haranguirt und namentlich dafür gewirkt, daß die
Aufstand der Soldaten in Rastatt
Die Offiziere suchten diese Versammlungen zu verhindern; ein Soldat wurde arretirt, als er sich widersetzte. Die Soldaten befreiten hierauf ihren Kameraden; man griff zu neuen Verhaftungen und führte hierauf einen neuen Sturm gegen das Gefängniß herbei, die Gefangenen wurden wieder befreit. Die Offiziere wurden mißhandelt, die Fahne zu dem Bürgermeister von Rastatt getragen und eine gemeinschaftliche Festungskommandantschaft gewählt. Hierauf kam der Kriegsminister von Karlsruhe mit Militär. Allein dieses letztere ging zu den Kameraden über, statt gegen sie zu dienen und der Minister mit seinen Begleitern mußte fliehen, um der Wuth der Soldaten zu entgehen. Die Festung war in der Gewalt des emeutirten Militärs, dem die Bürgerschaft sich anschloß. Dies fand statt am Tage (11. Mai) vor dem Offenburger Kongresse [Mörd49].
Die Soldaten fordern die Durchsetzung der Reichsverfassung, die Entlassung volks- und freiheitsfeindlicher Offiziere und beschließen, zwei Mann pro Kompanie zur Volksversammlung des badischen Volks nach Offenburg zu entsenden.
Freiburg-Karlsruhe: Es lebe Hecker! es lebe die Republik!
Fast gleichzeitig begann die Revolution in Freiburg. Die Verhandlungen vor dem Schwurgerichte, namentlich der Prozeß Struve's und Ficklers hatten dort noch besonders auf die Soldaten gewirkt. Den 9. Mai Abends ward Fickler freigesprochen. Die Rede, welche er hierauf vom Balkone des Hotel Föhrenbach an die versammelte Menge hielt, machte auf das zahlreich anwesende Militär einen tiefen Eindruck. Den andern Morgen beim Verlesen setzten die Soldaten eine Versammlung für den Nachmittag auf dem Schloßberg fest. Dieselbe war zahlreich besucht, und es sprachen Bürger und Soldaten. Die Reden der letzteren waren vom Geiste der Brüderlichkeit durchdrungen und zeigten, daß unser Militär nicht mehr länger einer gewissenlosen Reaktion zum Werkzeug dienen wollte. Man trennte sich in später Nacht, und bestimmte den folgenden Tag zu einer neuen Zusammenkunft.
Unterdessen nahmen die Verhandlungen des Schwurgerichts gegen die gefangenen Republikaner ihren Fortgang. Die Haltung der Soldaten konnte natürlich nicht ohne Wirkung bleiben ...; während Bornstedt 36 Stunden vorher verurtheilt worden war, wurden Naumann, Lefevre, Schnepf und Langguth den 11. Mai Nachmittags freigesprochen. Trotz dieses Urtheils ließ man noch die politischen Gefangenen Cohnheim, Rosenblum, Liebknecht, Bauer und Dossenberg vor die Schranken führen. Doch bewog die drohende Lage der Dinge den Staatsanwalt, die Anklage gegen die Letztgenannten fallen zu lassen, und es wurden dieselben unter großem Jubel des zahlreich versammelten Volks in Freiheit gesetzt. Noch an demselben Tage wurde ein Theil der politischen Gefangenen aus dem Thurme entlassen, die Uebrigen erst am folgenden Tage, nachdem die Soldaten erklärt hatten, dieselben im Weigerungsfalle mit Gewalt zu befreien. Unterdessen war die zweite Versammlung auf dem Schloßberge ruhig vorüber gegangen. Die gefaßten Beschlüsse waren dieselben wie in Rastadt. Offiziere hatten ebensowenig beigewohnt wie das erstemal. Im Gegentheile brüteten diese über Mittel und Wege, die Zustände der alten Zeit wieder herzustellen. Da sie nicht wagten offen aufzutreten, hetzten sie die ihnen blind ergebenen Unteroffiziere gegen die sogenannten Meuterer auf, und ließen durch dieselben eine im Gasthaus zum Rebstock versammelte Anzahl freisinniger Soldaten meuchlerisch mit blanker Waffe überfallen. Der Hülferuf der Angegriffenen rief übrigens bald zahlreiche Massen Militärs herbei, und die feigen Banditen wurden übel zugerichtet. Dieser Vorfall ist deßhalb nicht unbedeutend, weil er die geistige und moralische Versunkenheit der badischen Offiziere des alten Systems bekundet.
Seit dem 11. Mai hatte auch unter den Soldaten der Stadt Carlsruhe eine große Aufregung geherrscht. Der Ruf: Es lebe Hecker! es lebe die Republik! wurde häufiger, denn jemals in ihren Reihen vernommen. Mehrere Offiziere, welche unbeliebt waren und sich dem Treiben der Soldaten widersetzten, wurden verhöhnt und sogar durchgeprügelt. Am 13. Mai, am Tage der Offenburger Versammlung, erreichte auch zu Carlsruhe die Aufregung unter dem Soldatenstande ihren Höhepunkt. Um 5 Uhr warfen die Soldaten die Gamaschen auf einen Haufen und zündeten sie an [Stru49]. Dieser symbolische Akt ihrer Befreiung von den Fesseln der lästig gewordenen Disciplin wurde vom Absingen des Heckerliedes und dem lauten Rufe: es lebe die Republik! begleitet [Beck49].
Offenburg: Deutschland befindet sich fortwährend im Zustande voller Revolution
Der Landeskongress der Volksvereine von Baden tritt am Nachmittag des 12. Mai in Offenburg zusammen, zu dem, wie der Dichter Victor Scheffel beobachtete, die Wort- und Stimmführer der badischen Demokratie ... aus allen Winkeln und Enden des Landes anreisten: Unter den mitfahrenden Führern der Volksvereine war viel Blüthe der Mannheimer radikalen Bürgerschaft; da waren die rabiaten Bürgermeister aus dem Odenwald, aus dem sogenannten Buchfinkenland, aus dem Taubergrund,... ein paar spärliche Lichter der Demokratie aus der loyalen Residenz Karlsruhe nicht zu vergessen, und viel anderes Volk. Jeder Bahnhof lieferte neuen Zuwachs, und zugleich, wie das zur Technik des Revolutionsmachens gehört, kam fast mit jeder Station ein neues Gerücht - je fabelhafter desto besser - in Kurs [Enge10]. Es waren eine große Anzahl und es vertraten dieselben etwa 30,000 Mitglieder der Volksvereine. Die Sitzung fand statt im Saale eines Wirthshauses (Zähringer Hof) und war geheim. Gögg eröffnete dieselbe mit einem Berichte, welcher die große Ausbreitung der Volksvereine hervorhob und darauf drang, eine geeignetere Organisation, wie sie der Landesausschuß vorbereitet habe, alsbald und vor allen Dingen in Angriff zu nehmen. Gögg wurde sodann zum Vorsitzenden, Rotteck zu seinem Stellvertreter erwählt. Als Thema der ersten Debatte setzte sodann Gögg den Zweck und das Programm der Versammlung, sowie der auf den anderen Tag angesagten Volksversammlung aus [Mörd49].
Die Stimmung der meisten Deputirten war eine gesetzlichere und gemäßigter, als die der Masse des Volkes selbst. Die Durchführung der bedrohten Reichsverfassung war ihnen nicht nur Vorwand, sondern Zweck der beabsichtigten Bewegung. Die Majorität, an deren Spitze Thiebauth aus Ettlingen, Hoff aus Mannheim und Florian Mördes standen, wollte bloß die Politik des Constitutionalismus durchführen; als Motiv diente ihnen die mangelhafte Volksbewaffnung und die vermeintliche Schwierigkeit, die Nachbarstaaten zum Anschluß an eine republikanische Erhebung zu bewegen. Ihnen stellte sich eine radikale Minorität unter Stay, Goll und Anderen, denen sich später auch Goegg anschloß, entgegen; diese wollten entschiedenere Forderungen und Vortheile, als den bloßen Wechsel eines Ministeriums. Sie erklärten schon damals, daß sie keinen Deckmantel für die republikanischen Forderungen des ganzen deutschen Volkes nöthig hätten [Beck49].
Am 12. Mai etwa um 10 Uhr kam der regelmäßige Zug von Karlsruhe … mit einer Anzahl Abgeordneter der Rastatter Soldaten. Man führte dieselben sogleich in das Sitzungslokal und eröffnete die Sitzung unter Zulassung alles Publikums, so daß die Abgeordneten kaum Raum hatten. Gögg empfing die Soldaten mit einer jetzt vollkommen revolutionären Rede, gab dann zweien Soldaten das Wort, welche in ihrer Weise über die Rastatter Vorgänge referirten, und erklärten, sie seien von allen Kameraden gesendet, um die Verbindung der Militärs mit den Bürgern zu erklären und sich an der Offenburger Versammlung zu betheiligen. Sie erwarteten, daß man die Soldaten nicht stecken lasse, da sie vorangegangen seien, sprachen sich übrigens entschieden gegen eine Republik aus. Auf den Antrag von Stay bewirthete man sodann die „BürgerSoldaten" während die Sitzung ihren Fortgang in Total tumultuarischer Weise nahm [Mörd49].
An dem Abend des 12. Mai …, an welchem noch keine Volksmassen in Offenburg anwesend waren, setzte die gemäßigte Majorität ihre constitutionelle Politik durch. Sie begnügte sich, durch folgende vier Forderungen den Sturz des Ministeriums Bekk einzuleiten :
1) Die Kammern sind sogleich aufzulösen.
Es wurden drei Männer von gemäßigter Gesinnung, der Apotheker Rehmann von Offenburg, der Advokat Rottek von Freiburg und der Gemeinderath Thiebaut von Ettlingen, sämmtlich Mitglieder des Landesausschusses, nach Carlsruhe geschickt, nicht sosehr, um die Durchsetzung dieser Forderungen zu bewirken, als um den Bruch zwischen Regierung und Volk zu konstatiren. Deshalb forderte der Landeskongreß, daß die Regierung der Deputation, welche diese Forderungen überbrachte, unverzüglich eine bejahende oder verneinende Antwort ertheile. Diesem Befehl wurde dadurch Nachdruck gegeben, daß, im Falle der Verweigerung einer alsbaldigen Antwort oder der Zurückweisung obiger Forderungen, der Landeskongreß die Regierung für alle diejenigen Folgen verantwortlich machte, welche sich aus der damaligen gerechten Bewegung des Volkes unausbleiblich ergeben müßten [Beck49].
Im Namen der Volksversammlung formuliert Goegg: Die Landes-Volksversammlung in Offenburg erklärt: Deutschland befindet sich fortwährend im Zustande voller Revolution, auf's neue hervorgerufen durch die Angriffe der größeren deutschen Fürsten auf die von der deutschen Nationalversammlung endgültig beschlossene Reichsverfassung und die Freiheit überhaupt - die deutschen Fürsten haben sich zur Unterdrückung der Freiheit verschworen und verbunden; der Hochverrath an Volk und Vaterland liegt offen vor; es ist klar, daß sie sogar Rußlands sämmtliche Armeen zur Unterdrückung der Freiheit herbeirufen. Die Deutschen befinden sich also im Stande der Nothwehr; sie müssen sich verbinden, um die Freiheit zu retten; sie müssen dem Angriff der fürstlichen Rebellen den bewaffneten Widerstand entgegensetzen. Die deutschen Stämme haben die Verpflichtung, sich gegenseitig die Freiheit zu gewährleisten, um den Grundsatz der Volkssouveränität vollkommen durchzuführen; sie müssen sich daher unterstützen überall, wo sie angegriffen werden. Das badische Volk wird daher die Volksbewegung in der Pfalz mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln unterstützen [Mörd49].
Offenburg: Die Forderungen des Volkes vom 12. September 1847 reloaded
Nach dieser allgemeinen Erklärung beschließt die Landesversammlung des badischen Volkes in Offenburg … nach vorhergegangener Berathung die gestellten Anträge in dem Landeskongresse der Volksvereine, nach ferner stattgefundener öffentlicher Berathung, wobei Abgeordnete aus allen Landestheilen vertreten waren, nach fernerer ausführlicher Diskussion in der Versammlung des Volkes:
1) Die Regierung muß die Reichsverfassung, wie sie nun nach
der durch die Ereignisse beseitigten Oberhauptsfrage feststeht, unbedingt
anerkennen und mit der ganzen bewaffneten Macht deren Durchführung in andern
deutschen Staaten, zunächst in der baierischen Pfalz, unterstützen.
Offenburg revisited: Diese Forderungen vom 13. Mai 1849 gehen über die am gleichen Ort am 12. September 1847 erhobenen hinaus. So stellt Artikel 16 eine Sozialgesetzgebung vor, in der die gesamte Bevölkerung erfasst wird. Eine Sozialversicherung hat dann Bismarck erst im 2. Reich eingeführt, die Beamtenpensionen wohlweislich nicht angetastet.
Karlsruhe: Allein wir werden Bajonette genug finden,auch diesen Aufstand zu unterdrücken
Während der Volksversammlung kamen die am Abend vorher nach Carlsruhe gesendeten Abgeordneten zurück und brachten folgenden Bescheid, den man ihnen als Notiz ohne förmliche Ausfertigung und Unterschrift, wie Adresse, ertheilt hatte:
Die Ständeversammlung wird
ihre Geschäfte in 3 Tagen vollenden, worauf der Landtag geschlossen wird,
dann wird eine Auflösung der Stände erfolgen und mit der neu zu berufenden
Ständeversammlung werden die weiteren in Folge der Reichsgesetzgebung oder
sonst notwendigen Verfassungsveränderungen berathen werden.
Die Abgeordneten Rehmann und Rotteck fügten bei der Mittheilung dieser Erwiederung noch bei - der Minister habe auf die Hinweisung, auf die große Bewegung des Volkes, auf die dringende Bitte, die ernste Lage der Dinge nicht zu mißkennen, geantwortet: Es ist möglich, daß dieser Aufstand bedeutender wird, als die bisherigen Aufstände, allein wir werden Bajonette genug finden, auch diesen zu unterdrücken.
Es ist unnöthig, eine Beschreibung des Eindruckes zu geben, den diese Mittheilung auf sämmtliche Anwesende machte.
Noch vor der Volksversammlung war bereits von Seiten des Landesausschusses an die Offenburger Bürgerwehr die Weisung ergangen, sofort den Bahnhofs zu besetzen und sämmtliche Locomotiven zu arretiren; dem Bürgermeister ward mit Verhaft und damit gedroht, daß man die Waffen in die Hände von Freiwilligen geben werde, falls er sich weigere, der Weisung Folge zu leisten. Zugleich gingen Bevollmächtigte des Landesausschusses nach allen Seiten, um das Volk unter die Waffen zu rufen. Bald nach Beendigung der Volksversammlung ging ein ungeheurer Train auf der Eisenbahn in das Unterland. Derselbe brachte auch die anwesenden Mitglieder des Landesausschusses nach Rastatt und mit ihnen eine Masse bewaffneter Freiwilliger, während die übrigen Passagiere die Nachricht von dem Geschehenen in alle Winkel Badens brachten und dadurch eine fieberhafte Aufregung hervorriefen [Mörd49].
Karlsruhe: Die badische Regierung ist entflohen
Nachdem der Großteil der badischen Soldaten in das Lager der Revolutionäre gewechselt ist, verlassen der Großherzog mit seiner ganzen Familie und sämmtlichen Ministern in Begleitung eines Cavallerieregiments und 16 Stück Kanonen nebst Bemannung unter dem Hauptmann Lichtenauer die Stadt Karlsruhe [Stru49]. Sie fliehen in der Nacht des 13. Mai zunächst in die Bundesfestung Germersheim und anschließend über den Rhein ins Elsass nach Lauterburg. Damit machen sie in den Augen vieler den Weg für eine Republik frei. Am gleichen Abend treffen die 7. und 8. Kompanie des Leibinfantrieregiments aus Bruchsal kommend mit dem Zug in Karlsruhe ein. Ein Karlsruher Bügerwehrführer berichtet: Die Mannschaft dieser beiden Compagnien war aber sammt und sonders betrunken, und aus ihrem wüsten verworrenen Geschrei vernahm man mitunter deutlich den Ruf: Es lebe Hecker, Robert Blum, es lebe die Republick. Sie stiegen taumelnd aus und in größter Unordnung unter fortwährendem Toben und Schreien zogen sie hier in die Stadt ein, ohne daß es ihren Offizieren gelang, auch nur einige militärische Ordnung unter den wilden Haufen zu bringen [Enge10].
Da verfügte sich der Karlsruher Gemeinderath nach Rastatt und ersuchte den noch immer in zweifelhaftem Zustande sich befindlichen Ausschuß der Volksvereine die Zügel der Regierung zu ergreifen, damit nicht Anarchie die Oberhand gewänne. Der überraschte Landesausschuß sagte dies alsbald zu und erlässt folgenden Aufruf [Mörd49]:
An das Volk in Baden! Mitbürger! Die badische Regierung in Karlsruhe ist entflohen. Der dortige Gemeinderath hat uns ersucht, nach Karlsruhe zu kommen und die Leitung der Geschäfte zu übernehmen. Das hiesige Militär ist insgesammt auf die Durchführung der Reichsverfassung und die Anordnungen des Landesausschusses beeidigt. Wir sind im Begriffe nach Karlsruhe zu ziehen; ein Theil des Militärs begleitet uns. Wir rechnen Mitbürger, auf eure Vaterlandsliebe, auf eure Unterstützung und Aufrechterhaltung der Ordnung. Rastatt, den 14. Mai 1849.
Begleitet von zwei Bataillonen, drei Geschützen und einigen Schwadronen Dragoner zog der regierende Landesausschuß in Karlsruhe ein. Die Bürgerschaft, erfreut darüber, daß Brentano der großherzoglichen Residenz seinen Schutz zugesagt hatte, begrüßte ihn festlich, gleich einem Souveräne. Mit klingendem Spiele zog die revolutionäre Regierung in die Stadt, und der Jubel der Bourgeois, der Hofräthe und der Hofjouweliere, der Polizeidiener und Gendarmen war fast so groß, wie zwei Monate später beim Einzuge des Prinzen von Preußen [Beck49].
Bei dem Einzuge in Karlsruhe erklärte Brentano, es würden die sämmtlichen Staatsämter mit den Beamten beibehalten werden, auch gab er Zusicherungen, welche die Rückberufung des Großherzogs in Aussicht stellten. Zugleich wurde dem Gemeinderath die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zugesagt [Mörd49]
Brentano suchte sogleich die Gunst der Karlsruher Bourgeoisie zu gewinnen, indem er von dem Balkone des Rathhauses herab den zahlreichen Zuhörern versicherte, daß er nur auf den Wunsch des Gemeinderaths nach der Residenz gekommen sei und nur für die Aufrechthaltung der Ordnung, für die Bezwingung der Anarchie und für die gesetzliche Durchführung der Reichsverfassung wirken wolle. Die Offenburger Beschlüsse erwähnte er gar nicht. Es war also nicht zu verwundern, daß die Bourgeoisie, an deren Waffen noch das Blut der Republikaner klebte, ihn mit einem donnernden Hoch begrüßte [Beck49]:
Hoff von Mannheim löste Brentano [als Redner] ab, indem er das Offenburger Programm mittheilte und die Versammlung zur Durchführung desselben aufforderte. Diese Beschlüsse sagten den Anwesenden nicht so sehr zu, wie die Beruhigungsrede Brentano's [Beck49].
Berlin: In so ernster und gefahrvoller Zeit drängt es mich,
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Freiburg: Gegen jeden Angriff auf die deutsche Reichsverfassung einzustehen
In Freiburg, der anmuthigen, behaglichen Hauptstadt des Oberrheinkreises, des Breisgau's und des badischen Oberlandes, in welcher der ehrwürdige Dom mit den Reizen der Umgegend wetteifert, um Besucher anzuziehen, fand die Revolution noch ein leichteres und vorbereiteteres Werk, als in Karlsruhe. Die Stimmung des nahen Schwarzwaldes und des Oberlandes war ebenso revolutionär, wie die der städtischen Bevölkerung selbst, welche sich schon auf der großen Volksversammlung zur Zeit des ersten, des Hecker'schen Zuges, und noch mehr bei der Verteidigung der Stadt gegen die Hessen, der großen Mehrzahl nach, sehr entschieden gezeigt hatte.
Am 13. Mai wurde auch hier auf dem Kanonenplatz des Schlossbergs unter Leitung von Karl von Rotteck junior eine große Soldatenversammlung abgehalten, in welcher die sämmtlichen Soldaten des in Freiburg garnisonirenden zweiten Infanterieregimentes den Beschluß faßten, ihren bisherigen Offizieren den Abschied zu geben und neue Wahlen aus ihrer Mitte vorzunehmen. Dieser revolutionäre Beschluß, welcher von der Versammlung unter imposanter Ruhe und Ordnung gefaßt wurde, veranlaßte den General (Friedrich Wilhelm) von Gayling, den Abmarsch des Regimentes zu befehlen. Mittlerweile war auf die Nachricht der Offenburger Volksversammlung hin von der Bürgerschaft ein Sicherheitsausschuß und vom Landesausschuß ein Kommissär ernannt worden, um die Revolution zu leiten.
Nachdem Nachmittags die Soldaten in öffentlicher Versammlung ihre neuen Führer gewählt hatten, und die Revolution immer festeren Boden gewann, legte sich der würtembergische General (Moriz) von Miller, welcher in Baden noch in Folge der Freischaarenzüge ein Kommando hatte, ins Mittel. Er zog sein Patent als „Reichsgeneral" aus der Tasche und gebot bestimmt den Abmarsch der Truppen aus Freiburg, um sie, fern von der republikanischen Bevölkerung, wieder in die Ketten der Disciplin zu schlagen. Er selbst reiste in das Höllenthal, welches nach Würtemberg führt, voraus und erwartete zwei Stunden von Freiburg, in Kirchzarten, die nachrückenden Truppen.
Er ließ den Einwohnern die Drohung zurück, Freiburg beschießen zu wollen, wenn die Soldaten noch länger von den Bürgern zurückgehalten würden. Die Freiburger Bürgerschaft wurde hierdurch während der beiden ersten Tage der Revolution sehr in Schach gehalten, so daß Wenige wagten, die Anordnungen der revolutionären Behörden anzuerkennen oder gar zu vollziehen. Miller fand sich jedoch nicht in den Stand gesetzt, seine Drohung zu vollziehen [Beck49].
Nachdem Bürgermeister Joseph von Rotteck geflohen war, solidarisiert sich der Freiburger Gemeinderat am 14. Mai mit der neuen Regierung und erklärt, daß auch er die gesamte Bürgerschaft verpflichtet haltet, gegen jeden Angriff auf die deutsche Reichsverfassung einzustehen [Sieb99]. Jetzt strömen die 1848 in die Schweiz geflüchteten Freischärler über Freiburg in Richtung Norden, um die Revolutionstruppen zu verstärken. Der Advokat Karl Rottek, der, langwieriger Kerkerschaft mehr noch wie dem Andenken an seinen Vater, seine Popularität zu danken hatte, trat … als Regierungsdirektor in die Stelle des Herrn von Marschall: die alten Beamten, welche in ihren Stellen verbleiben wollten, leisteten den Eid auf die Reichsverfassung und auf den Landesausschuß; junge Praktikanten, in Baden meistens Republikaner, halfen entflohene Beamte ersetzen [Beck49].
Theodor Mögling kommt am 14. Mai nachmittags mit dem Eilwagen aus Schaffhausen nach Freiburg. Am 15. Mai besucht er mit Welcker die Garnison und versucht, die Offiziere zu überzeugen, sich der Revolution anzuschließen. Als sich diese geistig und moralisch versunken im alten Sytem Bedenkzeit erbeten, gewähren Welcker und Mögling ihnen zwei Stunden: Wir waren noch keine Stunde weg und auf dem Rathaus mit den Umständen angemessenen Anordnungen beschäftigt, als uns die Nachricht gebracht wurde, das Regiment verlasse die Stadt. Kaum hörte ich dies, als ich forteilte, um den Auszug zu verhindern. Ich erriet die Absicht der Offiziere, das Regiment aus der Stadt zu führen, um es unserem Einfluß zu entziehen. Leider kam ich etwas zu spät, ich konnte bloß noch die letzte Kompagnie treffen, welche ich auch sogleich aufhielt und bestimmte, Halt zu machen. Ich redete sie an, schilderte das Benehmen ihrer Offiziere, dessen Folgen, im Falle das Regiment sich nicht an das Volk anschließe wie das übrige Militär in Rastatt, Karlsruhe und Mannheim und veranlaßte die Leute mit mir umzukehren, indem ich ihnen versprach, sie heute noch nach Karlsruhe zu bringen [Mögl09].
Laudenbach: Wir sind zwar geschlagen, aber das Heer ist gerettet
Den negativen Ausgang eines ersten Gefechtes bei Laudenbach am 30. Mai zwischen Hessischen und Revolutions-Truppen kommentiert Kommandant Sigel: wir sind zwar geschlagen, aber das Heer ist gerettet. In Heidelberg angekommen, erstattete Sigel am 1. Juni Bericht über das Vorgefallene. Ich erkläre Ihnen, sagte er zum Landesausschuß, daß das Treffen nur eine Probe des Muthes und der Tapferkeit unserer Truppen war. Die braven Soldaten haben gezeigt, daß sie sich schlagen können. Aber nur ein fortgesetzter Angriff kann uns retten; der passive Widerstand wird uns in 16 Tagen ruiniren. Ich erkläre mich deshalb, wie früher, für unverantwortlich, wenn nicht augenblicklich wieder die Offensive ergriffen wird. Es war in diesen Tagen der letzte Moment, um der Welt zu zeigen, daß man nicht ohne Schwertstreich sich der Gewalt der Mächte unterwerfen wolle.
Ich bin zwar geschlagen, aber wie es auch immer kommen mag, ich werde nie bereuen, Europa den Krieg erklärt zu haben.
Diese, mit fester Stimme vorgetragenen Worte imponirten dem Landesausschuß, so daß man an demselben Tage den abgesetzten Feldherrn zum Kriegsminister und zum Mitglied der provisorischen Regierung machte [Beck49].
Karlsruhe: Das Vaterland ist in Gefahr
Die Zeit drängt zu rascher That. Eine zahlreiche Versammlung, wie unser Landesausschuß, ist nicht geeignet, den großen Kampf zu Befreiung Deutschlands, der uns bevorsteht, mit der erforderlichen Kraft durchzuführen [Enge10]. Zum 1. Juni teilt der Landesausschuss der Volksvereine seine Auflösung und die Ernennung der provisorischen Regierung dem Volke in Baden durch folgende Bekanntmachung mit
An das Volk in Baden.
Als vor nicht ganz drei Wochen der Großherzog und seine
Minister aus dem Lande flohen, hielten wir es Kraft der uns von der großen
Landesversammlung zu Offenburg ertheilten Vollmachten und in Gemäßheit des
deutlich ausgesprochenen Willens des Volkes und des Heeres für unsere
Pflicht, die Zügel der Regierung zu ergreifen. Es ist uns gelungen, das Land
vor Anarchie zu bewahren.
provisorische Regierung
gewählt, welche in sich die gesammte Gewalt des Landesausschusses und der
Vollziehungsbehörde vereinigt. Unsere Wahl fiel auf die Bürger: Lorenz
Brentano, Amand Goegg, Joseph Fickler,
Ignaz Peter, Franz Sigel.
Karlsruhe, den 1. Juni 1849.
Am 3. Juni finden die vom Landesausschuss der Volksvereine vorgesehenen Wahlen zu einer badischen verfassungsgebenden Versammlung statt. Der Antrag Struve's, tüchtige Deutsche, Nicht-Badener, auch auf die Candidatenliste der constituirenden Versammlung zusetzen, oder denselben durch Verleihung des Staatsbürgerrechts den Weg zur Candidatur zu eröffnen, wurde mit großer Mehrheit verworfen. Die entschiedenen Republikaner wurden bei jeder Gelegenheit von der Vollziehungsbehörde, und namentlich von Brentano zurückgesetzt, während Leute von unentschiedener Gesinnung von demselben bevorzugt wurden. So wurden namentlich sehr viele schwache und unentschlossene Menschen zu Civil- und Wahlcommissären ernannt, Und die wenigen thatkräftigen wurden bei jeder Gelegenheit von oben herab desavouirt [Stru49].
Karlsruhe: Der Club des entschiedenen Fortschritts
Demokraten aus Berlin, Dresden, Wien, Breslau, Würtemberg und Pfalz sahen, wie die Revolution in Baden an derselben Krankheit zu sterben im Begriff war, an der sie dieselbe in ihrer speziellen Heimat hatten zu Grunde gehen sehen, an ihrer Halbheit und Nachgiebigkeit gegen die Bourgeoisie. Sie besprachen sich mit den Radikalen Badens darüber, auf welche Weise ein Wechsel in der Politik herbeizuführen wäre.
Tschirner, der Diktator von Dresden, war der leitende Kopf dieser sich bildenden Opposition, Er intriguirte nach allen Seiten hin, um die bedenklichen und fast furchtsamen badischen Radikalen zum Bruche mit Brentano und seiner Parthei zu bewegen. Er berief im Einverständniß mit Martiny aus Liegnitz, mit Struve und Becker eine vertrauliche Sitzung einflußreicher Demokraten auf den 5. Juni Nachmittags 2 Uhr (nach Karlsruhe), um den Operationsplan gegen die herrschende Politik zu entwerfen.
Durch die Unbedachtsamkeit einiger jungen Leute, welchen Struve von dem Unternehmen erzählt hatte, wurde dasselbe in einem weitern Kreise bekannt, und namentlich die Freischaaren von der Volkswehrartillerie dazu eingeladen. Der Charakter dieser Versammlung wurde hierdurch zweideutig, sie schwankte zwischen einer öffentlichen Volksversammlung, welche eine vorherige Ankündigung und ein größeres Lokal erfordert haben würde, und einer privaten Besprechung befreundeter Demokraten.
Das Versammlungslokal war der hintere Rathhaussaal. In demselben befanden sich vielleicht hundert und fünfzig Menschen, meistens Freischärler dem Aussehen und Costume nach. Sie saßen theils, theils lehnten sie sich an die Säulen des Saales, oder standen in einzelnen Gruppen zusammen. An einem Tische in Mitten des Saales saß Struve, neben ihm Martiny und der Redakteur der offiziellen Karlsruher Zeitung, Oppenheim. Struve durch Acclamation zum provisorischen Präsidenten, Martiny zum Schriftführer gewählt. Goegg, das einzige anwesende Mitglied der Regierung, saß diesem gegenüber.
Die Verschiedenheit der politischen Bildung und des politischen Willens der Versammelten war aus der zerfahrenen, unbestimmten Haltung derselben genugsam zu ersehen. Man ging von Gruppen zu Gruppen hin und her, die Thüren gingen auf und zu, leise Privatgespräche ließen sich nicht oft von den wilden, stürmischen Reden der hitzigeren Demokraten unterbrechen. Neben vielen ernsten Mienen sah man hie und da auch kindische Neugier junger Freischärler, selbst auch bei den älteren Männern Bedachtsamkeit und Aengstlichkeit vor raschen, leidenschaftlichen Worten.
Nachdem etwa zwei Stunden hindurch die Diskussion hin und her gewogt hatte, nahm man folgende Forderungen des Volkes nach dem ursprünglichen Antrage Tschirner's und den Zusatzanträgen einzelner Redner an. Die provisorische Regierung möge:
1) Alle bereiten Streitkräfte so schnell und so
energisch als möglich zum Kampfe führen.
Hierauf sprach man über die Art und Weise, wie dieser Beschluß zu modifiziren sei. Max Dortu schlug vor, man solle sofort, Alle zusammen, mit Begleitung der, der Parthei zu Gebote stehenden Bajonette zur Regierung ziehen, um sie zu einem Wechsel der Politik zu zwingen. Wir wollen der Regierung unsere Macht zeigen, rief er; sie liegt in den Bajonetten.
Der Minister Goegg, der bisher geschwiegen hatte, antwortete ihm hierauf: Es freue ihn, versicherte er mit fester, klarer Stimme, daß die Männer des Volkes jetzt begriffen hätten, und Willens wären, die Regierung voran zu treiben und zu belehren. Die Mitglieder desselben würden dankend die Beschlüsse des Clubbs entgegen nehmen. Er erkenne es an, daß das Stillschweigen des Volkes, welches bisher geherrscht habe, der Regierung unlieb und der Revolutionspolitik unangemessen sei. Doch dürfe man den Männern, welche ihr ganzes Leben und Glück bisher der Freiheit und der Revolution geopfert und zu opfern bereit wären, dürfe man den Männern der Regierung, die, wenn auch vielleicht nicht die beste Einsicht, so doch den besten Willen hätten, nicht mit Bajonetten, wie Feinden, Verräthern und Fürsten entgegentreten. Er seinerseits, endigte er, weise ein solches Beginnen zurück!
Der Clubb lehnte, wie natürlich, den Antrag Dortu's einstimmig ab, und auf die übereinstimmenden Vorschläge Tiedemann's, Neff's und Struve's, wurden zehn Mitglieder an die Regierung geschickt, um ihr den von Struve und Martiny ausgefertigten Beschluß des Clubbs zu überbringen und sofortige Antwort zu verlangen [Beck49].
Der Vorsitzende (Struve) legte einen Entwurf der Statuten des Clubs vor, welcher, wie folgt, ohne Diskussion einstimmig angenommen wurde:
Statuten.
§. 1. Der Zweck des Clubs des entschiedenen Fortschritts besteht in
Besprechung über die politischen Zeitverhältnisse und Durchführung des heute
in der beschlossenen Petition enthaltenen Programms.
Karlsruhe: Rothe Republik durch allgemeine Plünderung?
In der Stadt verbreiteten sich, durch von der Karlsruher Bourgeoisie abgeschickte Spione, die schreckhaftesten Gerüchte und Fabeln von den Plänen der Roten unter Struve. Die Regierung solle durch Struve und die Fremden gestürzt, und die rothe Republik durch allgemeine Plünderung eingeführt werden. Diese und ähnliche Gerüchte wurden mit unglaublicher Schnelligkeit verbreitet. Die Karlsruher Bourgeoisie, welche wohl wußte, daß sie nicht gut mit der Parthei der Republik und Revolution auskommen würde, übertrieb diese Befürchtungen bis ins Fabelhafte. So nahm bis gegen Abend die Stadt einen unheimlichen, düstern Charakter an. Brentano ließ sich von der Karlsruher Bourgeoisie so weit influenziren, daß er die Besorgnisse und Befürchtungen derselben theilte, obgleich er selbst die Grundlosigkeit derselben am besten wissen mußte. Seine Abneigung gegen Struve und Becker verleitete ihn zu einer förmlichen Allianz mit dieser bedauernswürdigen Menschenklasse [Beck49].
Und so bleibt die Antwort der Regierung auf auf die Aktivitäten des Clubbs des entschiedenen Fortschrittes nicht aus: Zwei junge Leute (Liebknecht und Stenger), wovon der eine in die Deputation des Clubs des entschiedenen Fortschritts gewählt worden war, wurden unter nichtigen Vorwänden verhaftet und im Widerspruch mit dem ausdrücklichen Versprechen des Finanzministers Goegg nach Rastadt verbracht [Stru49].
Struve führt in seinem Buch dann noch seine Version einer Verschwörungstheorie aus: Die provisorische Regierung, statt sich auf die revolutionären Kräfte des badischen und des gesammten deutschen Landes zu stützen, suchte ihren Stützpunkt in der Bourgeoisie, in der Büreaukratie und allen jenen halben Menschen und Maßregeln, welche die Boten und die Vorzeichen des Verderbens sind. Die Presse, wenn nicht des Landes, so doch der Residenzstadt Carlsruhe, wurde geknebelt … Die Reaktionäre hatten es augenscheinlich auf eine Metzelei der Republikaner abgesehen. Es wurden zu diesem Behufe die umfassendsten Anstalten getroffen. Die Reiterei und Artillerie wurden aufgeboten und auf dem Marktplatze aufgestellt. Linientruppen und Bürgerwehr rückten aus, die Gewehre wurden geladen, Kartätschenpatronen ausgetheilt.
Struve begab sich auf den Schloßplatz, redete die Offiziere der Bürgerwehr an, und überzeugte dieselben, daß sie durch die grundlosesten Gerüchte unnützerweise beunruhigt worden seien. Als die Deputation des Clubs des entschiedenen Fortschritts die voranstehende Antwort erhalten hatte, begab sich Struve in die Caserne, theilte sie der Mannschaft der Legion der politischen Flüchtlinge in den verschiedenen Sälen mit, und erklärte derselben, man habe allen Grund, mit dieser Antwort zufrieden zu sein [Stru49].
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Karlsruhe: Die provisorische Regierung
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Germersheim – Waghäusel: Den Rheinübergang erzwungen
Am 20. Juni hatten die Preußen
mit
ihrer Avantgarde, geführt von dem General (Carl Graf)
von der Gröben, durch einen Überfall den
Rheinübergang bei Germersheim erzwungen und ihre Richtung nach Bruchsal
genommen [Mögl09]. Bald darauf strömen 60 000 Mann der 1. Armee über
den Rhein und besetzen Mannheim. Bereits vorher hatte der Kartätschenprinz
bestimmt, wie mit den gefangenen
Die Preußen kommen
Am 21. Juni kommt es bei Waghäusel zur entscheidenden Schlacht zwischen den Bundestruppen und der Revolutionsarmee unter Ludwik Mierosławski. Wie von vielen befürchtet: Auch diesmal ist dem polnischen Freiheitskämpfer das Kriegsglück nicht hold.
Auch Theodor Mögling nicht: In der Schlacht bei Wagehäusel zerschmettert die Kugel eines Scharfschützen ihm den Schenkelknochen. Noch im Lazarett wird Mögling verhaftet und ins Gefängnis überführt.
Heidelberg ist nur ein kleiner Teil von Deutschland
Als sich Reste der geschlagenen Revolutionstruppen nach Heidelberg zurückziehen, fürchtet der Stadtrat den Angriff der Preußen, denn Struve möchte die Stadt gegen die anrückenden Truppen verteidigen und argumentiert: Heidelberg ist nur ein kleiner Teil von Deutschland, und wenn kein Stein auf dem anderen bleibt, so ist es nur ein kleines Opfer für die große Sache [Berg07]. Doch Sigel heißt am 22. Juni die Truppen abmarschieren denn, die Hauptmasse derselben [der Volkswehren] zerstob nach allen Seiten hin und fand natürlich zu ihrer Rückkehr an den väterlichen Herd allerwärts gefälligen Beistand.... Die tiefe Verachtung, mit der Mierosławski in seinen Berichten vom militärischen Standpuncte aus über die Volkswehr spricht, ist durch diese Erscheinungen gerechtfertigt. Hierin liegt aber zugleich eine Anklage gegen die Häupter der Revolution, daß sie auf so schwache Kräfte ihre Hoffnung setzten [Enge10].
Karlsruhe: Brentano ging noch am Mittag von Karlsruhe ab
Die letzte Sitzung der Constituante in Karlsruhe fand statt am Samstag den 23. Juni Abends. Es war eine geheime Sitzung von dem Präsidenten Damm berufen. Als Tagesordnung wurde verkündet, die Berathung über die Sicherheit der Constituante. Man hörte nämlich an jenem Abende von allen Seiten der Stadt Karlsruhe schießen, während man wußte, daß die Preußen bereits Morgens in Bruchsal gestanden und deßgleichen sich der Feind jenseits des Rheines bei Knielingen gezeigt hatte [Mörd49].
Über den weiteren Fortgang berichtet Mördes: Als ich … in das Ständehaus kam und in den Sitzungssaal der Constituante eintrat, hörte ich gerade, daß der Präsident einen Beschluß verkündete, wonach die Constituante binnen einer Stunde von Karlsruhe weg und sich mit der Regierung nach Freiburg begeben solle. Ich protestirte dagegen, indem ich darauf hinwies, daß man doch erst die eingeholten Nachrichten abwarten müsse, und nicht durch die augenblickliche Bestürzung sich zu einem Schritte hinreißen lassen dürfe, der das Ansehen der Regierung vernichte. Es war nicht möglich sich Gehör zu verschaffen, Alles lief fort, um sein Gepäck zu besorgen, während Damm noch ausrief, die Constituante müsse in würdigem Zuge sich entfernen, nicht so wie in Nacht und Nebel davon laufen. Ich suchte Brentano zu bewegen, dem Schritte der Constituante nicht zu folgen, es gelang nicht, und so mußte ich denn ebenfalls fort, mein Gepäcke und die Akten des Ministeriums zu besorgen. Statt aber sodann auf die Eisenbahn zu fahren, kehrte ich noch einmal um, um das Aeußerste zu versuchen, die Regierung wenigstens in Karlsruhe zurückzuhalten. Es gelang mir sowie dem Abgeordneten Lehlbach endlich, Brentano, der indessen ruhiger geworden war, von seinem Entschlusse abzubringen. Die anwesenden Deputirten fuhren darauf sofort mit mir auf die Eisenbahn. Ich gab Befehl, daß keine Lokomotive ohne meine spezielle schriftliche Weisung den Bahnhof verlasse und theilte den daselbst versammelten Deputirten mit, die Majorität habe beschlossen, nicht fortzugehen, worauf die Meisten, bereits gleichfalls ruhiger geworden, ihre Effekten nahmen und sich entfernten, die Uebrigen aber nothgedrungen ebenfalls folgten [Mörd49].
Am 24. Juni war spätestens klar, daß Brentano und die Minister nicht mehr länger in Karlsruhe verbleiben konnten, deßgleichen die Constituante. Mit dem Bezuge der Murglinie war Karlsruhe wieder in den Händen der großherzoglichen Regierung, beziehungsweise der Preußen. Die Regierung beschloß sofort nach Offenburg zu gehen und benachrichtigte hievon die Mitglieder der Constituante. Brentano ging noch am Mittag von Karlsruhe ab, die übrigen Mitglieder und die Constituante folgten ihm des Nachts. Werner und Gögg waren bei der Armee, der erstere mit den Funktionen eines Proviantirungskommissärs, der letztere ohne Funktion [Mörd49]
Durlach: Da Kamerad, iß auch!
Bei einem kurzen Halt der Preussen nach der Erstürmung der Barrikaden von Bruchsal berichtet Jahnke über eine anrührige Begebenheit mit dem Erlöser Badens, wobei Brot und Wein nicht fehlen dürfen: Es gelang dem Prinzen, mit seinen tapferen Preußen den Aufstand nach kurzer Zeit zu unterdrücken und Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Er erwies sich hier als tüchtiger und mutvoller Heerführer und gewann durch seine leutselige Art nicht nur die Herzen seiner Soldaten, sondern auch die Liebe und den Dank der Bewohner. Nach der Erstürmung der Barrikaden von Durlach (25. Mai) brachten die Bürger den Befreiern Brot und Wein ins Lager. Der Prinz, welcher nach der Kampfesarbeit Hunger fühlte, nahm auch seinen Teil von den Liebesgaben. Mit einem Stück Brot in der Hand begegnete er einem Musketier, der noch nichts bekommen hatte; er teilte seinen Imbiß und reichte die Hälfte dem Hungernden mit den Worten: Da Kamerad, iß auch! [Jahn90]. So zieht der preußische Heilsbringer am 25. Juni mit seinen Truppen kampflos in Karlsruhe ein.
Freiburg: Der Krieg gegen die Feinde der deutschen Einheit und Freiheit
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Rastatt: Letztes Bollwerk der Freiheit
Entwaffnung der Festung Rastatt
Als das letzte Bollwerk der Freiheit bietet die Bundesfestung noch Schutz vor den anrückenden Bundestruppen. Vergeblich erwarten die Belagerten Entsatz durch Sigel. Als dieser ausbleibt, bricht die preußische Belagerung den letzten Widerstand der deutschen Revolution. Revolutionäre und badischen Truppen kapitulieren vor der erdrückenden Übermacht, ergeben sich auf Gnade und Ungnade und übergeben Rastatt am 23. Juli den Preußen. Leutnant Carl Schurz ist einer der Letzten, der durch einen Abwasserkanal aus der Festung fliehen kann. Er wird es später in den USA zum Innenminister bringen.
Die kaltfeuchten Kasematten der Bundesfestung dienen als Kerker, in denen viele Gefangene schon vor der Gerichtsverhandlung ihren Verletzungen erliegen oder an Krankheiten sterben. Die Sieger halten im Ahnensaal des Barockschlosses Standgericht und verhängen 21 Todesurteile, von denen 19 in den Festungsgräben vollstreckt werden.
Freischärler in den Kasematten von Rastatt (Zeichnung von F. Kaiser)
Großherzog Leopold von Baden zieht in einem Galawagen am 19. August
feierlich in Karlsruhe ein. An seiner rechten Seite sitzt der
Kartätschenprinz, beide in preußischer Generalsuniform.
Der Großherzog
Bekanntmachung der standrechtlichen Erschießung Tiedemanns
Die Deutsche Revolution,
die vor gut einem Jahr im Badischen begonnen hatte,
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Ich sterbe voller Freude und Muth, weil ich für die Befreiung des Volkes gekämpft habe. Maximilian Dortu
Standrechtliche Erschießung Friedrich Neffs |
Freiburg: Wer für eine Überzeugung kämpft, muss auch den Mut haben,
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Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Preis: ½ Sgr.
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Epilog 3: Der Dichter Ferdinand Freiligrath macht für das Scheitern der Revolution die Haltung des satten Bürgertums verantwortlich:
So hab' ich's doch
nach all den Jahren
Diogenes in seiner
Tonne
Epilog 4: Die Erhebung bleibt im Volke lebendig und taugt in der Erinnerung immerhin zu Moritaten. Besonders besungen wird der Heckerzug und Struves dilettantischer Versuch eines Aufrufs zur Republik als Struwwel-Putsch karikiert.
Epilog 5: Nach Heckers Abschied von der Alten Welt im September 1848 he was received in NewYork – with great celebration – as a revolutionary hero [Kurd10]
am Riverside Drive in New York
Ein dort angebrachter Text beschreibt den weiteren Werdegang des badischen Revolutionärs: ... his liberal views were in conflict with the existing regime. After leading an unsuccessful revolutionary force in 1848 he was forced to flee to Switzerland. He traveled in exile to England in 1851, and then to the United States one year later.
After settling in New York City in 1852, he taught in public and German schools, co-founded the German-American Institute, joined the Fifth New York Militia, and wrote for the New Yorker Staats-Zeitung, and the New York Times.
He moved to St. Louis in 1857 to teach at the German-American Institute. At the outset of the American Civil War, Sigel formed a regiment that helped to keep Missouri and the federal arsenal for the Union. Rising to the rank of major general in the Union Army, he fought in several decisive campaigns including Pea Ridge and the Second Battle of Bull Run. He is credited with encouraging many German-Americans to fight for the Union. Sigel returned to New York in 1867, first working in the transportation industry and them serving in various positions in local and federal government. He then resumed his career in journalism as the publisher of the New York Deutsches Volkblatt and editor of the New York Monthly. He died on August 22nd 1902.* *... seine liberalen Ansichten standen in Widerspruch zum bestehenden Regime. Nachdem er Truppen der gescheiterten Revolution von 1848 befehligt hatte, musste er in die Schweiz fliehen. Im Jahre 1851 ging er nach England ins Exil und ein Jahr später in die Vereinigten Staaten. Ab 1852 wohnte er in New York Stadt, unterrichtete an öffentlichen und deutschen Schulen, war Mitbegründer des Deutsch-Amerikanischen Instituts, wurde Mitglied der Fünften New Yorker Miliz und schrieb für die New Yorker Staats-Zeitung sowie für die New York Times. Er zog 1857 nach St. Louis, um am Deutsch-Amerkanischen Institut zu unterrichten. Beim Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs stellte Sigel ein Regiment auf, welches half, dass Missouri und das Bundeszeughaus bei der Union blieben. Er nahm an verschiedenen entscheidenden Feldzügen wie Pea Ridge teil, kämpfte in der zweiten Schlacht von Bull Run und brachte es in der Unionsarmee zum Generalmajor. Indem er viele Deutschamerikaner zum Kampf für die Union ermunterte, machte er sich verdient. Sigel kehrte 1867 nach New York zurück, wo er zunächst in der Transportbranche arbeitete und später verschiedene Stellen in der lokalen Verwaltung und der Bundesregierung bekleidete. Anschließend nahm er seine journalistische Tätigkeit als Herausgeber des New York Deutsches Volksblatt und als Redakteur des New York Monthly wieder auf. Er starb am 22. August 1902.
Epilog 7: Aus dem später von der Bevölkerung spöttisch genannten Münstergeneral Georg von Langsdorff wird in den Augen der Obrigkeit der steckbrieflich gesuchte und aufgewertete Generalissimus der Ausständigen gegen die Reichstruppen. Ihm gelingt die Flucht in die Schweiz [Rödl98]. Wie Hecker wandert er in die USA aus. Er schließt dort sein Medizinstudium als Zahnarzt ab und eröffnet eine Praxis. Im Jahre 1870 kehrt er nach Freiburg zurück, arbeitet hier weiter in seinem Beruf und ist daneben in der akademischen Ausbildung tätig. Er bleibt auch in dem von ihm mitbegründeten Turnverein von 1844 bis ins hohe Alter aktiv und stirbt 1921 mit 99 Jahren.
Epilog 8: In seinem Schweizer Exil wird Georg Herwegh der Bevollmächtigte des neu gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) in der Schweiz, der als Vorläuferorganisation der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) gilt. Zur Gründung des ADAV schreibt der Dichter 1863 eine Hymne auf das revolutionäre Proletariat, welche sich unter dem Motto: You are many, they are few für 1/2 Silbergroschen verkauft und von der die Zeilen: Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will noch heute bekannt sind:
Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
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Revolution von oben: Das 2. Reich
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Am Ostermontag 2003 wurde an gleicher Stelle auf Initiative von Andreas Meckel der Gedenkstein linker Hand für die zwanzig Freischärler, die dort im Gefecht mit Regierungstruppen beim Kampf für Freiheit und Demokratie gefallen waren, enthüllt.
*Veranstaltet von der Initiative zur Erinnerung an die Badische Revolution
Mausoleum der Familie Dortu auf dem alten Wiehre-Friedhof
Die Eltern
Dortus aus Potsdam ließen an der Stelle, an der ihr einziger Sohn
standrechtlich erschossen wurde, ein Mausoleum errichten und vermachten der
Stadt Freiburg 1000 Gulden mit der Auflage, das Grab auf
immer und ewig zu pflegen.
Nachdem sich das Grab vor einigen Jahren in einem ungepflegten Zustand präsentierte, hat eine Bürgerinitiative Gedenkstätte Maximilian Dortu – Initiative zur Erinnerung an die Badische Revolution 1848/49 in Zusammenarbeit mit der Stadt und freiwilliger Arbeit von Auszu-bildenden im Jahr 2004 die Grabstätte von Maximilian Dortu wieder instand gesetzt und eine neue Gedenktafel für Dortu, Neff und Kromer gestiftet.
Blumengebinde mit Schleifen niedergelegt am Dortu-Mausoleum anläßlich der Gedenkfeier am 31. Juli 2010 für die an dieser Stelle standrechtlich erschossenen Revolutionäre |
This page was last updated on 20 Dezember, 2011