Martin Malterer auf der
Schwabentorbrücke.
Zu seinen Füßen der sterbende Erzherzog

 

 

 

Freiburgs Geschichte in Zitaten

Die Grafen von Freiburg und wie
der kühne Karl ein Königreich sich wollt schaffen

 

Um 1363 entsteht ein neues Zwischenreich auf altem Burgunder Gebiet

 

Von 1339 bis 1453 ist Frankreich mit England im Hundertjährigen Krieg beschäftigt. So entsteht peu à peu und klammheimlich an seiner Ostgrenze ein neues Zwischenreich Burgund. Im Jahre 1363 belehnt der französische König Johann II. der Gute (1350-1364) Philipp den Kühnen mit dem Herzogtum Bourgogne. Später erwerben die Nachkommen Philipps mit der Freigrafschaft Burgund (Franche Comté), großen Teilen Flanderns und den Niederlanden auch Gebiete, die zum Reich gehören.

 

Die mächtigen Herzöge von Burgund. Öl auf Holz im Musée de l'Hospice Comtesse in Lille

Philipp der Kühne (1363-1404)

Johann ohne Furcht (1404-1419)

Philipp der Gute (1419-1467)

 

In seiner Lage erinnert Burgund an das alte Lotharingien aus dem Vertrag von Verdun 843. Die Burgunder Herzöge sind mächtig und selbstbewusst. Als im Jahre 1430 Philipp der Gute den Orden vom Goldenen Vlies begründet, schmückt dieser fortan die Brust der Mächtigen, die der deutschen Kaiser und die der französischen Könige. 

 

Zum Schutz und zur Wehr ihrer Hausmacht im Elsass und Sundgau sollten die Habsburger gegen die burgundische Expansion kämpfen, doch Herzog Leopold III. (1365-1386) möchte zunächst die österreichische Herrschaft über die Stammlande mit der Habsburg seiner Vorfahren im schweizerischen Aargau sichern. Willkommener Auslöser für eine Strafaktion gegen die Eidgenossen ist die Stadt Luzern, die widerrechtlich habsburgische Untertanen als Bürger aufgenommen hatte [Spec10]. Für diesen Schweizerkrieg fordert Leopold von den Freiburgern neben finanzieller Unterstützung vor allem die Stellung von Rittern. Artig bedankt sich der Herzog in einem Brief für die gewährte Hilfe: Wir haben wohl vernommen, daß Ihr besonders euch so getreulich und frommiglich gehalten, daß Wir und unsere Kinder es gegen Euch und die euren nimmer vergessen sollen[Schr57].

 

 

 

 

 

 

Das Gemetzel von Sempach

 

 

 

Doch auch dieser Kriegszug endet 1386 mit einer blutigen Niederlage, denn am mondag nach St. Margarethen tag/ da wardt der gemelt Hertzog Lupolt von Oesterreich mit mechtigen grossen Adell aus dem Sungow Breisgaw unnd Schwaben zu Sempach in dem seinen/ umb das seine/ und von den seinen jemmerlich unnd kleglichen erschlagen [Schi98]. Der Mönch Johannes von Winterthur berichtet detailliert: Es hatten auch die schwizer in den händen gewisse überaus furchtbare mordwaffen, die in jener volkssprache auch helnbarten* genannt werden, mit denen sie die stärkst bewaffneten gegner wie mit einem schermesser zerteilten und in stücke hieben. da war nicht eine schlacht, sondern wegen der angeführten ursachen sozusagen nur ein schlachten des volkes herzogs Lüpolds durch jene bergleute, wie einer zur schlachtbank geführten herde. Niemanden verschonten sie noch auch bemühten sie sich zu fangen, sondern sie schlugen alle tot ohne unterschied.

*Hellebarde = Halmbarte = Stielbeil

 

Schweizer Spruch im Hof des Basler Rathauses

 

Malterer im Kampf gegen gehörnte Schweizer aus Uri. Gemälde von Fritz Geiges (©Wikipedia)

 Außer dem Herzog bedecken 656 erschlagene Grafen, Herren und Ritter das Schlachtfeld darunter der größte Teil des Freiburger Adels. Auch der persönliche Beschützer Leopolds, der Freiburger Ritter und Bannerträger Martin Malterer (?-1386), der mit seinem Leib seinen verwundeten Herrn zu schützen suchte, findet den Tod.

 

 

Im Kampf um das Seine, von den Seinen, auf dem Seinen getötet

 

Später verklärt sich Leopolds Tod mit dem Hinweis auf seine Habsburger Ansprüche, er sei im Kampf um das Seine, von den Seinen, auf dem Seinen getötet worden [Spec10]. An das Gemetzel vom Sempach erinnert Suters Sempacherlied:

 

Do red't ein Burgermeister
Von Friburg us der Stadt:
"Wir hant ein Reis geleistet,
Die uns geruwen hat,*
Wir müßend groß Schmache tragen,
Daß wir uf frier Heide
Von Schwizern sint geschlagen."

 

"Marti Malterer von Friburg
mit sinem krusen Bart,
Darzu die von Hasenburg
Die bliben uf der Fahrt.
Sie sind ze todt geschlagen;
Ze Sempach vor dem Walde,
Do ligend sie vergraben." 
[Schr57]

*Wir haben dem, der uns gerufen hat, Reisige gestellt

 

Der Krieg zwischen Sauschwaben und Kuhschweizern endet nicht nur mit einer bitteren Niederlage für die Habsburger, sondern auch besonders schmachvoll für die Freiburger, gilt es doch das Paner nit ze verlassen bis in den tod [DHMB]. Das Banner mit dem roten St. Georgskreuz fällt in die Hände der Eidgenossen. Diese (oder eine Kopie der) Fahne wird seither in der Barfüßerkirche zu Luzern zur Schau gestellt.

 

Nach dem Tode Leopolds huldigen die Freiburger im August 1387 seinem Bruder Albrecht als neuem Landesherren, der die Regierung für Leopolds Sohn, der auch anwesend ist, übernimmt [Scha98].

 

 

 

Urkunde Sigismunds über die ewige Vertreibung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Benedikt XIII.
(1394-1415)

©Wikipedia

 

 

 

Gregor XII.

 

 

 

Ratskrise und "Staatsstreich" in Freiburg

 

Im Jahre 1378 hatten im Freiburger Stadtrat unter den alten Vierundzwanzigern sechs Patrizier des Hauses Snewli, darunter der Bürgermeister, und bei den nachgehenden Vierundzwanzigern noch einmal drei Snewli Sitz und Stimme [Maur91]. Bei Sempach waren allein von den Schnewlins Dietrich und Hans sowie Henmann und Thomann der Linie Schnewlin-Berenlapp gefallen. Nach dem Aderlass des Stadtadels auf dem Schweizer Schlachtfeld verbleiben im Rat der alten Vierundzwanziger insgesamt nur noch acht Patrizier, doch bereits 1388 sitzen allein von der Familie Schnewlin wieder neun Vertreter im Stadtrat. 

 

Auf eine Anfrage der Zünfte vmb vruntschaff und liefden wille (aus Freundschaft und liebem Willen) in Köln teilt der dortige Stadtrat mit, dass eine solche Vetterleswirtschaft bei ihnen nicht üblich sei (gab es de kölsche Klüngel damals noch nicht?): Wir laissen vch wissen, dat in geyme jaire, as eyn rait vnser steide gekoiren worden is, geyn vader mit syme sone, geyn broider mit syme broider, noch geyn swegerherre (Schwiegervater) mit syme eydome in vnser steide raide (Stadtrat) zo somet sitzen noch syn enmögen [Maur91]. Diese Antwort bringt in Freiburg das Fass zum Überlaufen. Die Zunftmeister ... und alle Räte, welche zu ihnen hielten, versammelten sich ohne den Bürgermeister und Schultheißen, setzten die alten und die nachgehenden Vierundzwanzig ab ... [Maur91].

 

Somit ist es mit der Macht der Adeligen im Stadtrat zunächst vorbei, denn es wurde der Adel auf zwölf Rathsstellen mit dem Schultheißen- und Bürgermeister-Amte beschränkt und diesen [sind] 36 bürgerliche Rathsherren unter einem neuen, rein bürgerlichem Beamten, dem Ammeister, als dem eigentlichen Oberhaupte der Stadt gegenüber gestellt worden [Damm75].

 

 

Daz dekein Jude ze Friburg niemmerme sin sol

 

Diese Zunftunruhen bewegen Herzog Leopold IV. (1386-1411) auch im Namen seines Onkels Albrecht, nach Freiburg zu kommen und der Stadt 1392 eine neue Ratsverfassung zu geben, welche die Vorherrschaft der Zünfte weitgehend aufhebt. Der Rat soll jährlich gewählt werden und aus 12 Adeligen, 12 Kaufleuten, 18 Zunftmeistern und 6 weiteren Zunftmitgliedern bestehen.

 

Leopold bestimmt auch, die Stadt soll mit den Juden, die sich nach dem Pogrom vom Januar 1349 nur zögerlich wieder in Freiburg niedergelassen hatten, nichts mehr zu tun haben. In der allgemeinen Unsicherheit der Interpretation schiebt der Herzog auf Bitten der Stadt am 14. September 1394 eine Judenordnung nach. Darin wird den jüdischen Männern auferlegt, Gugelhüte aufzusetzen, und ihnen allgemein das Tragen der liturgischen Farben rot und grün verboten [Schi01].

 

Als Folge von Nachrichten über Ritualmorde an Christen im fernen Bayern lässt der Stadtrat nach Rücksprache mit dem Herrn Leopold dann am 4. Juli 1401 die Austreibung aller Juden von den Kanzeln verkünden. Und wirklich wurde die Stadt auch, was sie längst so sehr wünschte, der in ihr wohnenden Juden ledig. Mehrere Landvögte wetteiferten, der Stadt die Gnade des Herren kund zu thun, daß künftig kein Jude mehr in Freiburg sitzen dürfe. Die Freude darüber war so allgemein und das Ereignis schien so wichtig, daß die damaligen Rathmannen der Nachricht davon ausdrücklich ihre Namen beizuschreiben geboten [Schr25] und feierlich den Beschluss unterzeichnen, daz dekein Jude ze Friburg niemmerme sin sol [Albe20a].

 

Zwar werden ab 1411 zögerlich wieder Juden in Freiburg aufgenommen, doch in der Zeit als Reichsstadt (1415-1427) bestätigt König Sigismund auf Wunsch des Stadtrates das Dekret von 1401 offiziell im Jahre 1424 mit der Ewigen Vertreibung [Schw13].

 

Immer haben Städte, Bistümer und Klöster ihre neuen Herrscher um die schriftliche Bestätigung von einmal gewährten Privilegien gebeten. So ist es den Freiburger Stadträten wichtig, dass ihnen 1415 beim Übergang von der österreichischen Herrschaft zur Reichsstadt das obere Richteramt, das Schultheißenamt, erhalten bleibt. Im Jahre 1426 kurz vor der Rückkehr an das Haus Österreich bestätigt Sigismund der Stadt nochmals alle königlichen Privilegien. 

 

Erst 1862 wird den Juden wieder ein ständiger Aufenthalt in der Stadt erlaubt [Kalc06].

 

 

Dualitatem infamen, trinitatem ab omnibus maledictam

 

Mit der Rückkehr der Päpste im Jahre 1377 aus ihrer Babylonischen Gefangenschaft in Avignon nach Rom, verlangt der römische Pöbel nach dem Tode Gregors XI., dass kein Franzose und, wenn schon kein Kandidat aus ihrer Stadt, dann wenigstens ein Italiener die Papstweihen erhält. So wird unter dem Druck der Straße der Italiener Bartolomeo Prignano zum Papst gewählt, der sich als Urban VI. mit seinen elf französischen Kardinälen vor allem wegen ihrer luxuriösen Hofhaltung anlegt. Diese Kritik veranlasst Kardinal Robert von Genf – ein Verwandter des französischen Königs - zu der Bemerkung: Ihr habt heute die Kardinäle nicht mit der Achtung behandelt, welche sie von Euren Vorgängern empfingen. Ich sage Euch in Wahrheit, wie Ihr unsere Ehre mindert, so werden auch wir die Eure mindern [Desc04].

 

 
 

Gregor XI. (1370-1378)

Urban VI. (1378-1398)

Clemens VII. (1378-1394)

*Alle Papstwappen ©Wikipedia

 

Und so schreitet eine Gruppe von Kardinälen, die sich nach Neapel geflüchtet hatte, zur Minderung von Urbans Ehre, indem die Herren seine Wahl für ungültig erklären und ihren Sprecher Robert von Genf als Clemens VII. zum Papst wählen. Damit beginnt das große Abendländische Schisma, das die Einheit der Kirche spaltet und die des Reiches bedroht, denn der Riss der Anerkennung der Päpste geht mitten durch Herrschaftsgebiete und spaltet auch das Haus Österreich. Am Oberrhein schwenken die Bistümer Basel und Straßburg sowie Herzog Leopold III. von Österreich mit der Steiermark, Kärnten, Krain, Tirol und Vorderösterreich mit dem Breisgau in das Lager Clemens', während Leopolds Bruder Albrecht III. (1365–1395) mit Nieder- und Oberösterreich zu Papst Urban hält. Da ein Streit den anderen nach sich zieht, gibt es auch zwei Anwärter auf den Stuhl des Bischofs von Mainz, des Reiches Erzkanzlerposten, um den der Anhänger Urbans Ludwig von Meißen (1341-1382) mit Adolf von Nassau (1353–1390), der Clemens unterstützt, ganz unchristlich in einem blutigen Krieg ringt.

 

Clemens' VII. ebenso blutiger Feldzug gegen das Rom Urbans endet mit seiner katastrophalen Niederlage in der Schlacht bei Marino, so dass sich der Angreifer in die alte Papstresidenz nach Avignon zurückzieht und so von Ferne seinen Gegner im Auge behält.  Nach dem Tode Urbans 1389 zementieren seine vom ihm ernannten Kardinäle die Kirchenspaltung, indem sie Pietro Tomacelli als Bonifaz IX. zum heiligen Vater wählen. Der aber ramponiert das Ansehen der Kirche völlig durch seine und seiner Verwandten Habsucht, die Konfirmationen und Annaten ... Der schamlose Verkauf der Indulgenzen und hundert anderer Missbräuche häuften den Stoff für die Reformation immer höher auf... [Desc04].

 

 
 

Bonifaz IX. (1389-1404)

Gregor XII. (1406-1415)

Alexander V. (1409-1410)

 

Nach Clemens‘ Tod in Avignon wählen seine Kardinäle zum Nachfolger Peter von Luna als Benedikt XIII., der zwar noch im Konklave eine cedula unterschreibt, er werde zurücktreten,  wenn es zur Überwindung des Schismas nötig wäre, dann aber, einmal gewählt, seinen Schwur vergisst. In Rom regiert seit 1406 Angelo Correr als Gregor XII.

 

In dieser verworrenen Situation rufen vierundzwanzig von beiden Päpsten abgefallene Purpurträger (zehn ehemals avigonnesische und vierzehn römische Kardinäle) für den 25. März 1409 ein Konzil nach Pisa ein. Hier setzen sie im Juni unterstützt von vier Patriarchen, 80 Bischöfen und mehr als hundert weiteren kirchlichen Würdenträgern die Päpste in Rom und Avignon ab und wählen anschließend als dritten Papst Peter von Candia, der sich Alexander V. nennt. So wird aus dualitatem infamen, trinitatem ab omnibus maledictam**[Desc04]. Zwar verurteilt der Wittelsbacher Kaiser Ruprecht in der Heidelberger Appellation das Konzil von Pisa und hält strikt zum römischen Papst Gregor, doch 1410 mit dem Tod des Kaisers ist sein Einspruch bedeutungslos.

*So wird aus der verruchten Zweiheit eine von allen verfluchte Dreiheit.

 

 

König Sigismund
(1410-1437)

 

 

 

Johannes XXIII.

(1410-1415)

 

 

 

Johannes' Papstwappen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Friedrich IV.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

König Sigismund

von Albrecht Dürer

Das Konzil zu Konstanz (1414-1418)

 

Ab 1410 streiten sich drei Päpste, Gregor XII., Benedikt XIII. und der als Nachfolger von Alexander gewählte Baldassarre Cossa als Johannes XXIII. um das Primat der katholischen Kirche. Jeder Papst sieht in den anderen den Antichristen auf dem Stuhl Petri und so exkommuniziert man sich gegenseitig. Das Kirchenvolk versteht den Himmel und auch die Welt nicht mehr. Da jeweils verschiedene Herrscher in Europa einen der drei Päpste in seinem Anspruch unterstützen, bedrohen diese Wirren das Reich von innen und außen. So wird der Nachfolger König Ruprechts, der Luxemburger König Sigismund als advocatus et defensor ecclesiae, die treibende Kraft für ein Kirchenkonzil, welches das große Abendländische Schisma beenden soll. Zu seiner angestrebten Kaiserkrönung benötigt er nur einen Papst. Außerdem ist eine Einheit der Kirche (causa unionis) als Schild gegen die die Ostgrenze des Reiches bedrohenden Türken notwendig.

 

Letztlich aber geht es um mehr, denn drei gewaltige Aufgaben harren ihrer Lösung. Neben der Einheit der Kirche muss das Konzil dringend notwendige innerkirchliche Reformen (causa reformationis) in Angriff nehmen und grundlegende Glaubensfragen (causa fidei) behandeln.

 

 

Konstanz: kum halb genuog wit sei, söllichem volk herberg ze sind

 

Der in Rom residierende Johannes XXIII. schlägt für ein Konzil sein Refugium Bologna als Tagungsort vor, doch in langwierigen Verhandlungen zu Como und Lodi einigen sich unter dem Druck Sigismunds König und Papst endlich auf das neutrale Konstanz als Tagungsort, in das schließlich Johannes am 9. Dezember 1413 eine Kirchenversammlung zur Lösung von dringend notwendigen Reformen der Kirche an Haupt und Gliedern zum 1. November 1414 einberuft. Schon zu Weihnachten 1413 ist Graf Eberhard von Nellenburg vor Ort und erkundigt sich, ob die Stadt und ihre Umgebung wohl in der Lage wäre, flaisch, visch, höw und haber (Fleisch, Fisch, Heu und Hafer), och alles, so man bedörft, in gar ringen kost (zu geringen Kosten) zu beschaffen. Im Frühjahr 1414 kommen dann weitere exploratores, um diß lan beschowen und och besehen, ob das concilium zum besten … möchte oder nit.  Das Urteil der Experten ist vernichtend: Das nur 6000 Einwohner zählende Konstanz kum (kaum) halb genuog wit (weit=groß) sei, söllichem volk herberg ze sind [Rieg15]. Doch Dietrich von Nieheim päpstlicher Explorator und Konzilsteilnehmer ist begeistert: Wohl ist Konstanz im Vergleich mit anderen deutschen Städten klein, aber es ist eine schöne Stadt und hat eine reizende Lage [Auss14].

 

Zur ausreichenden Versorgung der Gäste setzt die Stadt die Zunftordnung aus: Fremde Bäcker kommen mit mobilen Öfen nach Konstanz: Die fuhren sie auf Stoßkarren durch die Stadt und buken darin Pasteten, Ringe, Brezeln und ähnliches Brot. Der in der Bodenseestadt reichlich vorhandene Fisch wird durch Frösche und Schnecken, die vor allem von den Welschen gekauft wurden, ergänzt [Rich10].

 

Konstanz im Jahre 1414. In dem heute als Konzilsgebäude bezeichneten Bau, damals als Kaufhaus direkt am See gelegen, fand im ersten Obergeschoss vom 8. bis 11.  November 1417 lediglich das Konklave statt, in dem mit Martin V. ein neuer Papst gewählt wurde.
Die eigentlichen Konzilsberatungen wurden im Münster (in der Bildmitte), den anderen Stadtkirchen und im Dominikanerkloster abgehalten, das rechts auf einer Insel liegt (Wandbild im Rosgartenmuseum).

 

So werden Füchse gefangen

 

Als im Oktober 1414 von der Höhe der Alpen kommend Johannes XXIII. zum ersten Mal den Bodensee mit der Stadt Konstanz erblickt, dreht er sich Böses ahnend zu seinen Reisebegleitern um und sagt wohl sich selbst meinend: Das ist die Grube, in der sie Füchse fangen [Gree12]. Doch Baldassarre Cossa hatte in seiner Gerissenheit vorgesorgt, indem er auf dem Wege in die Konzilsstadt sich in Meran der Unterstützung Herzog Friedrichs IV.* (1386-1439) versichert, als er den immer finanziell klammen Habsburger mit einem Jahresgehalt von 6000 Goldgulden zum obersten Feldhauptmann der römischen Kirche bestellt [Desc04].

*Friedrich hatte den Beinamen der mit der leeren Tasche

 

 

Viel haben ausgespuckt, weil sie gar zu schändliche Sachen gesehen

 

Als am 4. November Johannes XXIII. in die Stadt einzieht, begrüßt ihn das Volk, weil voller Hoffnung begeistert. Neben diesem Kirchenhaupt waren bereits ab Mitte Oktober 1414 viele Glieder zum Konzil an den Bodensee geströmt: 33 Kardinäle, 346 Patriarchen, Erzbischöfe und Bischöfe, 2148 weltliche Doktoren sowie 546 Vorsteher und Mitglieder der Mönchsorden, alle mit Pferden und ihren zahlreichen Begleitern - es sollen insgesamt 50 000 Fremde gewesen sein - sodass Konstanz aus allen Nähten platzt. Am Weihnachtsabend 1414 trifft auch König Sigismund ein, in eine Stadt voller Fremden, daß selbst hohe kirchliche Würdenträger mit dem bescheidensten Obdach Vorlieb nehmen mussten. Vielfach herrschte eine qualvolle Enge. In manchem Hause lagen 20 und noch mehr Knechte. Viele mussten sich mit Ställen, Weinfässern und elenden Holzhütten begnügen [Rieg15].

 

Zur Befriedigung der Bedürfnisse der auswärtigen Herren kommen offene Frauen in den hurenhüsern, also die, die selb hüser gemietet hattend und in den stälen lagen und  was sy mochten. Seien gegen 700 da gewesen, ohne die haimlichen, die lass ich bleiben [Rich10]. Jan Hus (1369-1415) schreibt damals: Ich habe die Schwaben öfters sagen hören, dass ihre Stadt Konstanz in dreißig Jahren die Sünden nicht los wird, die während des Konzils in ihren Mauern verübt wurden; viel haben ausgespuckt, weil sie gar zu schändliche Sachen gesehen [Desc04].

 

Bereits einen Tag nach seiner Ankunft eröffnet Johannes XXIII. das Constantiense im Konstanzer Münster, in dem auch die Sitzungen des Konzils stattfinden.

 

 

Causa unionis

 

Die causa der Einheit soll durch den Rücktritt bzw. die Absetzung der drei amtierenden Päpste und die Wahl eines neuen gelöst werden.

 

 

 

 

(©Anmargie, Feierabend)

 

 

Zunächst trifft es den anwesenden Johannes XXIII., dem das Konzil Mitte Februar 1415 die folgende Erklärung in die Feder diktiert: Ich, Papst Johann XXIII., erkläre, verpflichte mich, gelobe und schwöre Gott, der Kirche und dieser heiligen Synode, um des Friedens des ganzen christlichen Volkes willen, aus eigenem freien Willen der Kirche den Frieden zu geben durch meinen einfachen Verzicht auf das Papsttum, ihn tatsächlich zu vollziehen und auszuführen gemäß dem Ratschlag des gegenwärtigen Konzils, wenn und sobald Peter von Luna (Benedikt XIII.) und Angelo Correr (Gregor XII.) der von ihnen beanspruchten päpstlichen Würde, sei in eigener Person oder durch Bevollmächtigte, entsagen [Desc04].

 

Johannes XXIII. muss außerdem schwören, die Stadt Konstanz nicht zu verlassen, doch hatte er bekanntlich beim österreichischen Friedrich mit der leeren Tasche noch etwas gut. Tatsächlich verhilft der Herzog dem als Stallburschen verkleideten Johannes in der Nacht vom 20. zum  21. März 1415 zur Flucht, lässt ihn zunächst nach Schaffhausen und anschließend in das befestigte Freiburg bringen.

 

Ist ohne  Papst ein Konzil noch beschlussfähig? Doch der advocatus et defensor ecclesiae Sigismund hält das Konzil zusammen. Da verabschieden die Konzilsväter am 6. April 1415 als Ausweg aus der Krise  das Dekret Haec Sanctum, in der sie Entscheidungen eines Konzils über die eines Papstes stellen:  Diese im Heiligen Geiste rechtmäßig versammelte Synode, die ein allgemeines Konzil darstellt und die streitende katholische Kirche repräsentiert, hat ihre Vollmacht unmittelbar von Christus; ihr ist jedermann welchen Standes oder welcher Würde auch immer auch wenn es die päpstliche sein sollte gehalten zu gehorchen in dem was den Glauben die Ausrottung des besagten Schismas und die allgemeine Reform dieser Kirche Gottes an Haupt und Gliedern betrifft [Buck14].

 

 

Freiburg ist eine der besten christlichen Städte und Festungen

 

Für Freiburg hat das Konzil dramatische Folgen, denn ob der bösen Tat der Fluchthilfe für Johannes XXIII. ist König Sigismund äußerst erzürnt.

 

Das Freiburger Dominikanerkloster hinter dem Predigertor

 

Über den Einzug des Flüchtigen in die Stadt berichtet Dietrich von Nieheim: Freiburg ist eine der besten christlichen Städte und Festungen uneinnehmbar, mit herrlichen Gebäuden und breiten, geschickt angelegten Straßen. Auch sonst ist es schön geschmückt, dass es wunderbar zu sehen ist. Durch all seine Gassen strömt das Wasser. Die Stadt besitzt vierzehn Männer- und Frauenklöster und sonstige Schöne, Geräumige und Angenehme. So ist es kein Wunder, daß Balthasar Cossa* und seine Anhänger beim Eintritt in die Stadt, als sie dieselbe so hervorragend fanden, in laute Bewunderung ausbrachen. Die Leute in der Stadt sind sehr voll Bürgersinn, verstehen gut zu richten oder zu politisieren. Die Lebensmittel gelten als vorzüglich und sehr billig [Albe24].

*Dietrich von Nieheim, ein Gegner Johannes XXIII., bezeichnet den flüchtigen Papst hier bewusst mit seinem Geburtsnamen.

 

In Freiburg gewähren die Dominikaner Johannes Asyl. Er wohnt im Predigerkloster. Aus Dankbarkeit gewährt er dem Orden einige Privilegien.

 

 

Das ich ein mächtiger fürst bin über die von östreich
vnd sunst über all adere fürsten herren und stet

 

Der erboste König Sigismund zitiert den Habsburger vor sich: Herzog Friedrich und seine Begleiter machten bei dem Eintritte nacheinander drei Kniebeugen vor dem K. Siegmund bis endlich Herzog Ludwig [von der Pfalz] das Wort nahm, und auf des Kaisers Frage: was sie wollten? antwortete: er bringe den Herzog Friedrich, welcher sich auf Gnade ergebe ... Nachdem der vom Herzog ausgestellte Verzicht [auf sein Lehen] verlesen war, sagt Sigismund zu den Umstehenden: Ir herren von Italia jr mainend vnd wänend vnd wissed nitt anders dann daz die herzogen von österreich die grösten herren seyen in teutschen Landen in der nacion germania. Nun sehend jr das ich ein mächtiger fürst bin über die von östreich vnd sunst über all andere fürsten herren und stet [Walc28].

 

Herzog Friedrich vor König Sigismund

 

Der König verhängt über den Herzog die Reichsacht und verpfändet, da er wie üblich Geld benötigt, kurzerhand den Besitz der Habsburger im Aargau einschließlich ihrer Stammburg an die Schweizer. Anschließend stellt Sigismund die vorderösterreichischen Gebiete unter unmittelbare Reichshoheit, wobei der Luxemburger nach dem Treueschwur der Freiburger für das Reich vom 15. Mai 1415 der Stadt Rechte und Freiheiten in einer besonderen Urkunde bestätigt, daß Freiburg weder von ihm noch seinen Nachfolgern in irgend einer Weise von dem Reich entfremdet werden solle, er wäre denn, daß man es wieder an Oestreich zurückstelle [Schr57]

 

Des Königs harte Haltung erklärt sich auch aus einer Vorgeschichte über territoriale Streitigkeiten zwischen dem Luxemburger und dem Habsburger, bei denen Friedrich die Oberhand behalten hatte. So wird kolportiert, dass Sigismund bereits im Januar mit den Schweizern verhandelt hatte und es somit nur eines Fehltritt des Herzogs bedurfte, um die Hausmacht der Habsburger am Oberrhein entscheidend zu schwächen.

 

Vergeblich ruft Friedrich seine Reichsfürstenkollegen als Schiedsrichter an, doch hatte Sigismund wohl Recht mit seiner harten Entscheidung gegen den Habsburger, denn kaum weilt der flüchtige Johannes XXIII. in Freiburg hinter dicken Klostermauern, beginnt er eine rege Schreibtätigkeit. Es sendet Rechtfertigungsschreiben gegen seine Absetzung und für seine Flucht an die Großen des Reiches. Eifrig betreibt er sein Comeback, indem er zum Gelderwerb ungeniert und ganz gegen die angestrebten Reformen Simonie (Verkauf geistlicher Ämter) praktiziert. Dass er bei den Herzögen von Burgund und Orleans hochverräterisch um politische Unterstützung für seine Sache nachgesucht habe, ist Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts und nicht belegt.

 

Es hilft es Friedrich auch nicht, dass Johannes auf der Weiterreise ins Ausland, wohl nach Burgund, am 29. April 1415 bei Breisach verhaftet wird. Zwar betrachtet der Herzog den festgesetzten Papst als sein Faustpfand dem König gegenüber. Sigismund jedoch schert das nicht, als er seinem Reichsvikar, Ludwig von der Pfalz, befiehlt, Johannes bis zur Wahl eines neuen Papstes zu inhaftieren. Am 29. Mai beschließt das Konzil auch Kraft des Dekrets Haec sancta die Absetzung Johannes’, der inzwischen von Breisach zurück an den Bodensee nach Radolfzell gebracht worden war. Am 31. Mai wird er dort seiner Papstinsignien entledigt und somit auch praktisch abgesetzt.

 

Nun sollen auch die anderen Päpste ihr Amt verlieren. Wieder ist es Ludwig von der Pfalz. der das erledigen muss und in Konstanz mit den Vertretern des in Rom residierenden Gregor XII. über dessen Rücktritt verhandelt. Es nützt dem römischen Papst nicht mehr, dass er das Konzil nicht anerkennt. Zudem hatte Gregor vor seiner Wahl einen Eid geschworen, nötigenfalls zurückzutreten, wenn dies der Beendigung des Schismas dienlich sein würde  So schickt er einen Boten zu König Sigismund und erklärt am 4. Juli 1415 seinen Rücktritt.

 

Schwieriger ist es, im Falle Benedikts XIII. die Bedingung Johannes' zu erfüllen, denn Benedikt weigert sich beharrlich zurückzutreten. Er flieht ins heimatliche Spanien und verschanzt sich beschützt von seinen Anhängern in der Festung Peniskola.

 

Herzog Friedrich bleibt in der Reichsacht. Wie Johannes XIII. ergibt er sich in sein Schicksal und schreibt lediglich an seine ehemaligen Städte und Schlösser sie möchten sich wohl halten und an ihm nicht brüchig werden.

 

 

Zwischen 1415 und 1427 ist Freiburg freie Reichsstadt

 

Ganz mitfühlend mit Friedrich sieht Freiburgs Historiker Heinrich Schreiber (1793-1872) die Situation: So hatte der Luxemburger aus unedler Rachsucht den Habsburger fast vernichtet. Der Name Fürst und Herzog war das Einzige, was Friedrich noch geblieben, gleichsam zu Spott und zur Erniedrigung. Man nannte allgemein den armen Fürsten, der nichts mehr besaß, Friedrich mit der leeren Tasche [Schr57].

 

Sigismund ist geschickt, sich Freunde zu machen. Nachdem er 1411 seinen treuen Vasallen den Burggrafen von Nürnberg, Friedrich IV. (1415-1440), zum Markgrafen von Brandenburg ernannt hatte, bestellt er nun 1415 in Ermangelung einer eigenen Hausmacht im Südwesten des Reiches Bernhard I., den Markgrafen von Baden, zum Landvogt des Reiches im Breisgau.

 

Dieser Bernhard von Baden hatte im Vorfeld des Konstanzer Konzils geschickt zwischen den verschiedenen Päpsten laviert und sich für seine versprochene Unterstützung von ihnen Privilegien geben lassen. So lässt er, sicher ist sicher oder doppelt genäht hält besser, um 1395 seine erste Ehe gleich von zwei Päpsten annullieren. Der Markgraf, dem bereits ein Teil des Breisgaus, den er dem Hause Hachberg im Jahre 1415 für 80,000 Gulden abgekauft hatte, gehört, hatte sich endlich und beizeiten auf die Seite des Königs geschlagen und wird nun belohnt.

 

 

Nachahmungswürdige Treue gegen ihren durchlauchtigsten Herzog

 

Lange kann Sigismund jedoch seine antihabsburgische Einstellung nicht durchhalten, denn er strebt seine Kaiserkrönung an. Er söhnt sich mit Friedrich aus, doch als der Herzog am 6./7. Juli 1418 in Freiburg eintrifft, um die Stadt zur Rückkehr unter die habsburgische Herrschaft zu bewegen, stellen sich die Freiburger stur [Scha98]. Erst 1425 stellt Sigismund nach Zahlung einer beachtlichen Lösungssumme die Rechte Friedrichs im Elsass, Sundgau und Breisgau wieder her. Deshalb schreibt der Herzog an die Stadt Freiburg: Nun haben Wir auf euren Trost Unserm Herrn dem König sechs und dreißig tausend Gulden bezalt und allen andern Stücken genug gethan, derer Wir uns verschrieben haben [Albe25]. Ist dies eine Ankündigung höherer Steuern? Friedrich möchte, dass seine Stadt ihn wieder lieb gewinnt. Deshalb stellt er nach dem Treueschwur der Bürger und der Huldigung seines Landvogts Hans Graf von Thierstein am 10. November 1427 der Stadt ein einmaliges Zeugnis aus: Freiburg hat sich durch eine nachahmungswürdige Treue gegen ihren durchlauchtigsten Herzog vor allen anderen österreichischen Städten ausgezeichnet [Albe25].

 

 

Causa reformationis

 

Die causa reformationis der römischen Kirche wird in Konstanz nicht einmal im Ansatz diskutiert. Zwar erstellen die Herren zu einer Reform einen Katalog mit 28 Punkten,  der aber nicht abgearbeitet wird. Dieses Versäumnis wird Luther (1483-1546) hundert Jahre später dramatisch anmahnen. Das Volk spottet zu Recht über die Ergebnisse des Konstanzer Konzils:

 

Daß Päpst eine Reformation,
Pfaffen die Submission,
Künige den Verlust der Kron,
Edellüt den glichen Ton,
Friwillig ingon (eingehen),
Ist Wohn (Wahn) [Schr57].

 

 

 

Martin V. (1417-1431)

 

 

 

Martins Papstwappen mit der Säule (colonna)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erzherzog Sigismund,
der Münzreiche

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Causa fidei

 

Wegen der causa fidei hatte Jan Hus in seiner Heimat nicht nur die hohen Kleriker angegriffen, die kaum das Ende des Gottesdienstes abwarten können, hinaus in die Wirtshäuser eilen, zu Tanzereien, wie wilde Tiere hinter dem Mammon, dem Wucher, der Unzucht, der Völlerei her, sondern auch die einfachen Seelsorger, denn man zahlt für die Beichte, die Messe, für die Sakramente, für den Ablass, den Segen, das Begräbnis, für Gebete. Auch der allerletzte Heller, den sich ein Großmütterchen in einem Tüchlein versteckt hat, bleibt ihr nicht. Es nimmt ihn aber der diebische Pfarrer [Desc04].

 

Hus schloss hier nahtlos an die Predigten des Engländers John Wycliff (1330-1384) an, der gelehrt hatte, dass es der Heiligen Schrift widerspricht, wenn Geistliche weltlichen Besitz haben.  Der böhmische Rebell beugt sich nicht dem Verbot der Verbreitung seiner Lehren, sondern verlangt den Laienkelch, den Jesus beim Letzten Abendmahl mit seinen Jüngern trank. Statt der communio sub una, soll der gläubige Christ die communio sub ultraque specie (unter beiderlei Gestalt) empfangen.

 

Das einfach bäuerlich geprägte Volk des Lesens unkundig kümmert weder das Konzil noch die Auseinandersetzungen um den rechten Papst und schon gar nicht der Abendmahlsstreit des Böhmen Hus. Man verehrt in alter Tradition seine lokalen Heiligen, pilgert zur Freude der Händler eifrig zu Reliquienschreinen und ist mit milden Gaben und Geschenken an die Kirche um sein ewiges Seelenheil besorgt. Nun verlangt dieser Hus die Abkehr vom Volksglauben, von der Bilderverehrung und stattdessen nach dem 13. Artikel der hussitischen Thesen: Es sei genug, dass ein jeglicher Mensch in seinem Herzen Gott bekenne [Rose02].

 

Zu diesen Thesen wollen die in Konstanz Versammelten Jan Hus hören.  Er ist zur Rechtfertigung seiner Agitation gegen die Teufelsherrn der Bischöfe und Prälaten, wie er schreibt, aus freiem Entschluss auf dieses Konzil gekommen, nachdem mir der König, der hier anwesend ist, sicheres Geleit versprochen hatte, das mich gegen jegliche Gewalt schützen sollte: Wir Sigismund, von Gottes Gnaden römischer Kaiser, entbieten allen unsern Gruß. Da der ehrwürdige M. Huß, den wir in des heiligen römischen Reichs Schutz und Schirm genommen haben, bald eine Reise nach Costnitz auf das allgemeine Concilium anstellen wird, so empfehlen wir ihn mit herzlicher Liebe einem jeden, und gebieten, daß man ihn, wo er hinkommen wird, freundlich empfangen, behandeln und mit allem, was zu seiner Reise nöthig ist, als Pferden, Wagen, Dienern und andern Sachen fördern wolle, durch alle Wege, Brücken, Länder, Gerichtsbarkeiten, Städte, Flecken, Schlösser und Dörfer, ohne alle Abgaben und Zoll, ohne alle Hinderniß und Verzögerung ziehen, Nachtlager halten und wieder zurückkehren lasse; daß man auch nicht weigere, ihn wo es nöthig wäre, durch eigene Begleitung zu sichern und zu decken. Gegeben zu Speier den 13. Octob. 1414 [Zürn36].

 

 

Wenn du belehrt sein willst, musst du zuvor deine Lehren widerrufen …

 

Obgleich er nur die Missstände in der Kirche anprangert und alle Irrlehren abstreitet, wird Hus in Konstanz der Prozess gemacht. Seine Richter wollen den Widerruf, doch er antwortet: Ich will nicht lügen angesichts Gottes noch gegen mein Gewissen und die Wahrheit handeln. Ich habe nie diese Artikel behauptet oder gepredigt eher das Gegenteil. Ich kann auch die vielen Menschen nicht enttäuschen, denen ich gepredigt habe. Ich will nicht widerrufen [Star15]. Das Gericht verurteilte Hus zum Tode auf dem Scheiterhaufen.

 

Seinen letzten Brief richtet der Verurteilte an seine Landsleute im fernen Böhmen: Magister Johann Hus ... entbietet allen treuen Böhmen ... seinen Wunsch und sein unwürdiges Gebet, dass sie in der göttlichen Gnade verbleiben mögen ... Eben fällt mir ein, dass Ihr wissen müsst, wie das stolze, neidische, schandvolle Konzil meine böhmischen Bücher verdammt hat, ohne sie gesehen oder gelesen zu haben, und hätte es dieselben gelesen, es würde sie doch nicht verstanden haben, denn im Konzil saßen Welsche, Franzosen, Engländer, Spanier, Deutsche und andere fremder Zungen ... Mich wollten sie einschüchtern, aber sie vermochten nicht Gottes Beistand, der in mir ist, zu überwältigen. Schriftlich wollten sie sich mit mir nicht einlassen, wie dies die günstigen Herren wissen, welche bei der Wahrheit standen, … die Herren aus Böhmen, Mähren und Polen, vor allem aber Herr Wenzel von Duba und Herr Johann von Chlum. Diese nämlich – der Kaiser Sigismund selbst hatte sie zu mir in das Konzil gelassen – waren dabei und hörten, wie ich sprach: Ich verlange Belehrung von euch. Wenn ich etwas Schlimmes geschrieben habe, will ich darüber belehrt sein – worauf der oberste Kardinal erwiderte: Wenn du belehrt sein willst, musst du zuvor deine Lehren widerrufen ...  

 

Hus wird zum Scheiterhaufen geleitetDies schreib ich Euch, damit Ihr es wisst, dass sie mich durch keine Schrift, durch keinen Beweis überführt haben, nur durch List und durch Drohungen versuchten sie, mich zum Widerruf und Abschwur zu bringen. Aber der gnädige Gott, dessen Gesetz ich verherrliche, war und ist mit mir und wird mit mir sein ... Dieser Brief ist geschrieben am Mittwoch nach dem Feste St. Johann des Täufers im Kerker und in Ketten, in Erwartung des Todes ... [Stem83].

 

Am 6. Juli 1415 wird Hus zum Scheiterhaufen geführt. Auf dem Haupt hatte er eine weiße Inful aus Papier, darauf waren zwei Teufel gemalt, und dazwischen stand geschrieben: Heresiarcha, das heißt Erzketzer. Die Konstanzer führten ihn aus der Stadt … Insgesamt begleiteten ihn mehr als 3000 Bewaffnete und sonst noch eine unzählige Menge Volks [Rich10]. 

 

Zur Vollstreckung des Urteils nahm ihn der Henker und band ihn mit Schuhen und Kleidern an ein langes, aufrecht stehendes Brett. Unter die Füße stellte er einen hohen Schemel, dann legte er Holz und Stroh um ihn herum, schüttete Pech dazu und zündete alles an. Da schrie Hus laut und war bald verbrannt... [Rich10].  Was von ihm übrig bleibt, damit das die Böhmen nicht etwa wie Reliquien halten ... luden sie alles auf einen Wagen und versenkten es im nahen Rheinfluss [Desc04].

 

Als man König Sigismund an sein Versprechen des freien Geleits erinnert, meint er: Für Ketzer gilt das nicht.

 

Mit dem Wortbruch des freien Geleits und der Verbrennung des böhmischen Rebellen Jan Hus wird die causa fidei verbösert, denn der religiöse Disput erhält nun eine national-tschechische Wendung.
 Zweihundert Jahre später wird von Hus' Heimat der Dreißigjährige Krieg ausgehen. Da rächt sich, dass Konzil und König die wichtigen Probleme der Kirche rein gar nicht gelöst hatten.

 

Von Martin Luther stammt folgende Geschichte: Sanct johannes Hus hat geweissagt, da er aus dem gefegnus inn Böhmerland schreib (nach Böhmen schrieb), Ihr bratet jetzt ein Huss, das ist (tschechisch) ein gans, aber nach hundert jahren wird aufstehen labod, das ist ein schwan, der da singen wird und wird von euch nicht gebraten werden und Luther fährt fort: Und ist also geschehen. Er ist verbrandt anno 1416. So ging dieser Hader an mit dem Ablass anno 1517 [Kauf14, Auss14].

 

 

Das Mittagessen fiel aus

 

Über Jahre hatte König Sigismund das Konzil gedrängt, sich endlich um Reformen zu kümmern, doch die Herren möchten nun endlich einen Papst wählen. Dazu setzen sie zunächst am 26. Juli 1417 den renitenten Benedikt XIII.  ab. Am 9. Oktober 1417 verabschieden die Konzilsväter noch das Edikt Frequens, in dem sie festlegen, dass wenigsten alle zehn Jahre weitere Konzile stattfinden sollen, wohl um das Primat von Konzilen über den Papst sicherzustellen.

 

Doch die Vorbereitungen des Konklave zur Wahl eines neuen Papstes erweisen sich als schwierig. Die am Konzil anwesenden 23 abstimmungsberechtigten Kardinäle stammen aus Frankreich, Spanien und vor allem aus Italien. Der neue Papst soll jedoch in der ganzen damaligen Welt anerkannt werden. So greift man beim Wahlmodus auf die bewährten nationes zurück. Am Konstanzer Konzil gibt insgesamt fünf nationes: Italica, Gallicana, Germanica, unter Einschluss der Skandinavier, Polen, Litauer, Kroaten, Ungarn, und Böhmen, Anglica und Hispanica, die bei Entscheidungen jeweils eine Stimme haben. Diese nationes verhandelten zunächst in ihren Gruppen und kommen anschließend zu den Vollversammlungen des Konzils zusammen. Mit der Abstimmung nach nationes ist sichergestellt, dass die in Konstanz zahlreich anwesenden Italiener in den Verhandlungen nicht ein Übergewicht bekommen.

 

Zur Papstwahl schicken die fünf nationes nun jeweils sechs Delegierte, die zusammen mit 23 Kardinälen am 8. November 1417 ins hermetisch abgeschirmte Kaufhaus am See ins Konklave gehen. Bereits im zweiten Wahlgang am 11. November erreicht Kardinal Colonna die Mehrheit der Stimmen der nationes und acht der Kardinalsstimmen. Nun beginnen die Teilnehmer des Konklave mit den Akzessen, des "Hinzutretens" der anderweitig abgegebenen Stimmen auf Odo Colonna. Nach einer ersten Beratung erreicht der Kandidat die Zweidrittelmehrheit der nationes , verfehlt aber mit fünfzehn knapp die notwendige Zahl der Kardinalsstimmen. Wiederum verhandeln die Teilnehmer. Viele Beobachter meinen, dass die schnelle Entscheidung für  einen Kandidaten mit den kargen Bedingungen im „Konzilsgebäude“ zusammenhängen. Am 11. November „Kurz vor Mittag“ war die Wahl Odo Colonnas beendet. Das Mittagessen fiel aus und eine Stunde später zogen Martin V. und seine Wähler in feierlicher Prozession zum Münster [Gerl12].

 

Der am Martinstag gewählte Odo Colonna nennt sich folgerichtig Martin V. (1417-1431) und wird am 21. November zum Papst geweiht. Am 22. April 1418 beendet Papst Martin das Konzil von Konstanz mit der 44. Sitzung.

 

 

der strich und die unnf pucstaben, das ist mein

 

Den Habsburgern bleibt eine späte Genugtuung, denn als der Luxemburger Sigismund 1437 ohne männlichen Nachkommen stirbt, wählen die Kurfürsten überraschend seinen Schwiegersohn den Österreicher Herzog Albrecht als Albrecht II. (1438-1439) zum deutschen König. Als dieser bereits 1439 das Zeitliche segnet, besteigt Friedrich III. (1440-1493) von der steirischen Linie des Hauses Österreich den deutschen Königsthron (ab 1452 den römischen Kaiserthron), den die Habsburger von nun an fast ununterbrochen bis 1806 innehaben werden. Es ist der Anfang von: AEIOU*, ein Kürzel, welches Friedrich in sein Tagebuch schreibt und mit: der strich und die funnf pucstaben, das ist mein kommentiert [Erte09].

*Alles Erdreich ist Oesterreich unterthan. Andere Auslegungen sind: Austria erit in orbe universo >> Österreich wird ewig sein

 

Bei seiner Huldigungsreise durch das Reich besucht Friedrich 1442 von Breisach kommend auch Freiburg: Am Vrenentag, am 1. September, erscheint der König mit fürstlichem Gefolge und 400 Reitern vor den Toren der Stadt. Ihm zieht der Rat zu feierlichen Begrüßung entgegen; es folgen die Weltgeistlichen und Ordensleute, die das Heiltum, die in Gold gefassten Reliquien mit sich führen, dann die Repräsentanten der 18 Zünfte, die 36 brennende Kerzen -  2 je Zunft - vor sich hertragen, und schließlich hundert Bürger im wehrhaften Harnisch [Scha98]. Ein den König begleitender Chronist schreibt über die Freiburg: Das ist eine schöne Stadt, wohl erbaut. Sie gehört den Herren von Österreich. Da ist ein gar schöner Turm. Es gibt hier gute Fische, und in allen Gassen rinnt fließendes Wasser. Er lag in einem Mönchskloster* [Zotz98]. Hier steht der aller schenist maulberpaum, so ich all mein tag gesehen hab, unter dessen Zweigen zwaintzig oder dreissig man sytzen unnd essen unnd trinckhen (können). Unnd in den paum get ain turn, das man darein get unnd trumett unnd pheiffet darinn [Scha98].

*Zwei Nächte und einen Tag logiert der König im Predigerkloster [Scha98].

 

 

Divide et impera

 

Zur Regelung des Erbes schließen die steirische und die Tiroler Linie der Habsburger im Jahre 1440 das Innsbrucker Abkommen. Danach bekommt Friedrichs  steirischer Bruder Erzherzog* Albrecht VI. (1424-1463) als Stammländer das Elsass, den Sundgau, den Breisgau, den Schwarzwald, Hohenberg, Rottenburg und Villingen, während sein Tiroler Vetter der münzreiche Erzherzog Sigismund (1439-1490) Burgau, Thurgau, Hegau, Freiburg im Üchtland, Schwaben, Tirol, Feldkirch, Schaffhausen und Rheinau erhält. Außerdem beschließen die beiden Fürsten eine gemeinsame Verwaltung für die von Kaiser Sigismund 1415 an die Schweizer verkauften Besitzungen im Aargau, sollten sie denn wiedererobert werden [Zotz02].

* Ab 1453 tragen alle österreichischen Herzöge die Vorsilbe Erz- zum Trost dafür, dass Kaiser Karls IV. die Habsburger als Königsmacher in der Goldenen Bulle bewusst vergessen hatte. Damit wird Österreich zum Erzherzogtum und die Herzöge dürfen sich nun gegenüber den Kurfürsten, die in ihrer Eigenschaft etwa als Erzkanzler oder Erzmundschenk auch Erzfürsten sind, als gleichberechtigt fühlen.

 

 

Es ist kein Amt so klein, das nich hängenswerth wäre

 

 Die Geschehnisse auf dem Konstanzer Konzil hatten den gemeinen Mann nicht unbeeindruckt gelassen. So schreibt Kardinal Julian Cesarini* über die Gärungen im Bauernvolk an Papst Eugen IV.: Mißbräuche und Unordnungen erregen den Haß des Volkes gegen den ganzen geistlichen Stand, und wenn man sie nicht abstellt, so ist zu besorgen, daß das Volk sich über die Geistlichen hermachen wird nach dem Vorgange der Hussiten. Schon lassen sich offen solche Drohungen hören. Alle Gemüther sind in der angespanntesten Erwartung, was man thun wird, und es hat ganz das Ansehen, daß irgend etwas sehr Tragisches daraus entstehen wird. Der Gift, den sie gegen uns im Herzen tragen, zeigt sich schon offenbar, und bald werden sie glauben, Gott einen Dienst zu erzeigen, wenn sie die Geistlichen als Menschen, die Gott und Menschen gleich verhaßt sind, mißhandeln und ausplündern [Zimm56]. Da Äbte und Bischöfe die An- und Eintreiberei ihren Beamten überlassen, kursiert damals unter den Bauern der Spruch: Es ist kein Amt so klein, das nich hängenswerth wäre [Zimm56].

*Julian stand offensichtlich unter dem Eindruck der vernichtenden Niederlage gegen die Hussiten, welche die von ihm geführten Kreuzritter 1431 in der Schlacht von Taus erlitten hatten. Er war damals verkleidet als einfacher Soldat dem Gemetzel nur knapp entkommen.

 

 

 

 

 

Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation

Heiliges Reich und Deutsche Nation, eine Unterscheidung bildet sich heraus

 

Das Röm. Reich wird Heilges Reich geheisset, weil es von dem Hl. Geist verordnet, bestettiget, und bis auff die ehrne Zeiten erhalten wird, schreibt noch im 17. Jahrhundert der Jurist Johannes Limnaeus (1592-1665) [Stol06]. Doch seit Mitte des 15. Jahrhunderts entwickelt sich ein Zusammen-gehörigkeitsgefühl der Deutschen über ihre Sprache und deshalb unterscheidet man jetzt zwischen dem Land, in dem deutsch gesprochen wird, der Deutschen Nation und anderen Gebieten wie Oberitalien, die auch Teil des Heiligen Römischen Reiches sind.

 

Es lässt sich nicht immer klar ausmachen, wann es den Habsburger Königen und Kaisern um das Reich und wann es ihnen um die eigene Hausmacht geht, denn zur Rückeroberung habsburgischer Stammlande in der Schweiz ruft Friedrich III. im Jahre 1444 sogar den Dauphin zur Hilfe. Als dann ein Teil der französischen Truppen vor den Toren Basels von den Schweizern aufgerieben wird, lässt der französische Thronfolger den Rest seiner Soldaten auf Reichsgebiet im Elsass überwintern und verlangt von der Reichsstadt Straßburg, dass sie sich ihm unterwerfe.

 

 

… und zogen für die statt Gebweiler

 

Der Stadtschreiber von Gebweiler Hans Stolz berichtet vom Treiben dieser Jeckhen*, die  im landt waren unnd das ganze landt in hetten genummen und vom Wunder der Rettung seiner Stadt:  

 

Als man zalt 1445 jar, lag der delfin (Dauphin) im landt mit 40 000 man; die lagen under unßer frawen cappellen auff Schenckhen-wusch genandt (vor der Stadtbefestigung). An St Veltins abendt (14. Februar) zue nacht wardt der delfin mit seinem volckh zue rath (beriet der Dauphin mit seinen Soldaten) Nach mitternacht umb drey uhren, wolten sie die stat besteigen, legten leithern an die rinckhmauren ußwendig gegen der nidern badtstuben und stigen auff die mauren. Aber zur selbigen zeit wahren die rinckhmauren mit steinen belegt; da fielen etliche herab uf daß gerüsst (Gerüst), daß die wechter darab erwachten, dann sie hetten sich in die badtstuben an die wärme begeben, es war selbige nacht fast kalt. Also huben die wechter ein solch geschrey an, daß die burger darvon erwachten und lieffen dem geschrey zue. Damals war ein fraw in dißer statt, hieß Brüdt Schückhin (Brigitte Schick), dieselbig namb vil wellen straw (mehrere Strohbündel) und lieff uff den prediger gang und zündte das straw an zuebrennen warff daß mit einem geschrey hinauß also brenendt in den statt graben, daß die flucht under die feündt (Feinde) khommen und fleuten sich den Schimberg (Schönberg) hinauff.

*Jecken auch Armegecken oder Schinder wurden die Armagnaken genannt, ein Söldnerheer des Grafen Bernhard VII von Armagnac  

 

 

Die da sahen unser liebe fraw und Sanct Veltin auff der rinckhmauren gohn

 

Eß waren zur selben zeith vil leith in dißer statt Gebweiler, die da sahen unser liebe fraw (die heilige Maria) und Sanct Veltin (St. Valentin) auff der rinckhmauren gohn. Da es dem morgen tag wardt und man die thor auffthet, waren etliche man, giengen auf Schenckhen-Wunsch (vor die Stadtbefestigung) unnd finden rosß (Pferde) unnd vill dinges, das sie hattenlassen ligen, unnd gewunnen vill gueths. Die feündt sagten, auch da sie den Scheinberg auffgeloffen waren, ihn was allen wie ein solche große schar (Gebweiler Bürger) jnen nacheült, sie gedachten, es were das ganzen (Murbacher) landt.   Herr Dietrich zum Hauß, war zu diser zeith ein loblicher fürst zu Murbach, der beruefft an St. Veltins tag ein ganzen rath unnd die siben zunfftmeister, und giengen zu den predigeren (Dominikanern) in das reffenthal unnd wurden zu rath, das man zu ewigen zeithen St. Veltinstag soll ehren unnd feüren als den Weyhenachtstag, unnd St. Veltinstag war auf einen sontag [Stol79].

 

 

Weil sich solich fuernemig und edel land, als Teutsch gezunge ist

 in großer unordenung befindet

 

Nur der erbitterte Widerstand der Elsässer und eine drohende Kriegserklärung des Reiches bewirken schließlich den Abzug der Franzosen. Den Habsburgern ist die Sicherung der Ostgrenze der österreichischen Gebiete allemal wichtiger als die Wacht am Rhein. Deshalb kritisieren die deutschen Kurfürsten 1454 auf dem Türkenreichstag zu Regensburg mit Recht den kaiserlichen Aufruf zum Kreuzzug gegen die Türken und zur Befreiung von Konstantinopel: Friedrich III. möge sich gefälligst zunächst um das Reich kümmern, weil sich solich fuernemig und edel land, als Teutsch gezunge ist und auch das heilig reich, so loblich an Teutsch gezunge bracht, in großer unordenung befindet. Es sollen nicht nur die ungläubigen Türken, sondern alle Angriffe von anderen gezungen wider teutsch gezunge abgewehrt werden [Schm99].

 

 

 

 

 

Erzherzog Albrecht IV.

 

 

 

 

 

Informationstafel an der Ecke
Engel-/Herrenstraße

 

 

 

 

 

Erzherzog Albrecht als
Gründer der Universität

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Universitätspatron Hieronymus
Glasfenster in der Universitätskapelle im Münster

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jubiläum 2007

Er hielt kostlichen, fürstlichen, ja wol küniglichen hoff zuo Fryburg

 

 Albrecht hält sich häufig in Freiburg auf. Sein Kämmerer Georg von Ehingen berichtet: Der Erzherzog hielt kostlichen, fürstlichen, ja wol küniglichen hoff... zuo Fryburg..., mit rennen, stechen (Ritterspiele), dantzen und derglych, och sunst ander iebung, in frolichait [Scha98].  An diesen höfischen Festen nehmen die Freiburger als Zuschauer und die städtischen Honorationen als geladene Gaste teil. Besonders eindrucksvoll muss das Große Fest im Juli 1454 gewesen sein, hatten doch Albrecht und seinen Frau Mechthild von der Pfalz zu Gast den Begründer des Goldenen Vlieses Herzog Philipp den Guten von Burgund, die Herzöge Otto und Ludwig von Bayern, den Markgrafen Albrecht Achilles von Brandenburg, die Markgrafen Karl und Bernhard von Baden und weitere geistliche und weltliche Fürsten mit großem Gefolge. Die glanzvolle Gesellschaft unterhält sich mit Musik, Gauklerspiel, Jagd, Tanz und Turnier. In der Basler Chronik des Erhard von Appenwiler heißt es, dass es ein magnum festum ad Friburgum in hastiludendo et curisando gewesen sei [Zotz98]. Unter Albrecht ist Freiburg der Ort, wo sich fürstliche Herrschaft und höfisches Leben den Untertanen besonders eindrucksvoll präsentieren [Scha98].

 

 

Freiburg wird 1457 Universitätsstadt

 

 Im Anfang war die städtische lateinisch Schul, die um 1250 der Schulmeister Walter von Breisach wohl in seinem Hause in der Herrenstraße betrieb. Latein ist die Sprache der Theologie, hatte doch Kirchenvater Hieronymus (347-420) als Werkzeug Gottes die Bücher der Bibel aus dem Hebräischen und Griechischen ins Lateinische übersetzt: Gott habe gewollt, dass seine Offenbarung in jener Sprache weitergegeben werde, in der seine Kirche fortan lehrte [vonM10]. Latein ist ebenfalls die Sprache der Wissenschaft, wenn auch der kirchliche Gebrauch überwiegt. Deshalb wohl schreibt Johann Alphons Lugo: Die uralte Universitet zu Freyburg kann billich auch zu der Geistlichkeit gezählet werden. Selbe ist Anno 1448 von Erzherzog Albrecht und seinem Bruder Kaiser Friedrich, auch Vettern Herzog Sigismund aufgerichtet worden und mit stattlichen Privilegiis begabet [Klei87].

 

Das ist einige Jahre zu früh, denn erst am 20. April 1455 erteilt Papst Calixtus III (1455-1458) Erzherzog Albrecht die Erlaubnis, in seiner Stadt Freiburg, in quo aeris viget temperies, victualium ubertas ceterarumque rerum ad usum vitae humanae pertinentium copia reperitur*,  in der Diözese Konstanz ein studium generale einzurichten, dass dieses nicht nur dem ihm unterstellten Staat und den Einwohnern seiner Länder, sondern auch dem Nutzen und der Wohlfahrt anderer Weltgegenden dienen sollte. Der Papst ertheilt dem Bischof Heinrich von Konstanz die Vollmacht, nach genauer Erkundigung und Befund der Umstände das Nöthige zu verfügen. Dieser nun, wie er sich selbst nennt, einziger Commissär und Executor, begann damit, durch ein öffentliches Ausschreiben vom 17. April 1456 alle diejenigen aufzufodern, vor ihm zu erscheinen, welche etwas gegen die Errichtung der Hochschule einzuwenden hätten [Schr59].

*Hier wurde wohl abgeschrieben, denn dieser lateinische Text findet sich wörtlich bereits in der Bulle Papsts Nikolaus V. vom 7. Januar 1450 zur Gründung der Universität Glasgow und lautet sinngemäß übersetzt: wo die Luft milde ist, Lebensmittel reichlich vorhanden sind und es große Vorräte anderer Dinge gibt, die dem Menschen nützlich sind.

 

In diesen Jahren überlegt die Basler Bürgerschaft, die Universität, die während des dortigen Konzils von 1432 bis 1449 bestanden hatte, permanent zu machen. Als einige Stadtverordnete schwanken, appellieren die Befürworter an ihren Lokalstolz: Wie ehrlich würde es uns zugemessen werden, daß eine Stadt Freiburg ein solches Kleinod werter schätze als wir und mächtiger sein wollte als die Stadt Basel, es zu vollführen [Koll57]. Nach einem positiven Votum gehen die Basler dann sogar zum Angriff über und geben zu bedenken, dz der herschaft von Osterich lande ... ein hohe schule ze Basel nutzer sye, denn ob sy ze Friburg were [Perl09]. Dagegen argumentiert der Freiburger Stadtrat in einer Botschaft an den Papst, dass unser hohe schul nit beswerd (werde) oder irrung begegne durch anfang der schul zu Basel, dann die einander zu nach ligend [Koll57].

 

 

Die Hohe Schuel mit grossen milten gaben gestift

 

Letztlich nur Scheingefechte, denn so hat Ertzhertzog Albrecht von Oesterreich [] gott zu lobe und dem heiligen cristlichen gelauben zu trost und gott dem almechtigen und seiner lieben muter Marien zu lob, allen unsern vorfarn und nachkommen sellich heil zu buwen, ouch unserm loblichen huse Oesterrich, allen unsern landen und lüten und in sunderheit unser statt Fryburg im Bryhsgow lob, nutz und ere in zunemender tugend zu erwerben ouch dem ganzen huse Oesterreich zu hoher würdigkait und eren (Ehren) die Hohe Schuel mit grossen milten gaben gestift, unnd zu Freiburg also bestettget von dem Bapst Pio dem anderen zu Rom von dem heiligen stuell confirmirt [Albe23, Schi98].

 

In der Stiftungssurkunde vom 21. Juli 1457 erklärt Albrecht zum Seelenheile seiner Person und um die Schulden gegenüber Gott abzutragen: Umb des willen uns billich geburt nach undertäniger erkantnuß unser schulden mit demütigem hertzen so groß wir morgen abzulegen mit solichen wercken [...] damit wir auch [...] in got geheiligeten wolgeuallen. Und der gantzen kristenheit trost hilffe stand und macht wider die finde (Feinde) unsers glaubens unuberwintlich geberen, eine Hochschule und Universität zu stiften [Perl12]; dadurch wolle er mit andern christlichen Fürsten graben helfen den Brunnen des Lebens, daraus von allen Enden der Welt unversiegbar geschöpft werde erleuchtendes Wasser tröstlicher und heilsamer Weisheit, zu Erlöschung des verderblichen Feuers menschlicher Unvernunft und Blindheit [Schr59]. 

 

Die Finanzierung der Universität löst der Erzherzog wie folgt: Die Mittel zur Dotation derselben wurden in der Uebertragung habsburgischer Kirchenlehen an sie aufgefunden. Unterm 28. August 1456 erklärt nämlich Erzherzog Albert von Wien aus durch eine besondere Urkunde, sowohl in seinem eigenen als in des Hauses Oestreich Namen: er incorporire der von ihm gestifteten Universität die Pfarrkirchen von Freiburg, Breisach, Ensisheim, Winterthur, Ehingen (an der Donau), Rottenburg (am Neckar), Warthausen, Mettenberg und den Altar zu Essendorf … Kaiser Friedrich, Erzherzogs Albert Bruder, bestätiget noch in demselben Jahr (18. December 1456) sowohl für sich selbst als für das Haus Oestreich diese Dotation und die damit verbundene Errichtung der Universität. Auch Bischof Heinrich von Konstanz ertheilt als päpstlicher Bevollmächtigter unterm 21. Juli 1457 seine Zustimmung [Schr59].

 

 

Alle vorgeschriben gnade, friheit, stuck und artikel
zu ewigen ziten vest und stet zu halten

 

Der Übergang des Patronatsrechts der reichen Pfarreien an die Hohe Schul muss die Stadt Freiburg finanziell schmerzen, doch versteht die Bürgerschaft eine so großartige Stiftung ihrem Werte nach sogleich zu würdigen … Das geht schon aus ihren beträchtlichen Zuschüssen zur Gründung und ihrer andauernden Bürgschaft für die Gehalte der Professoren hervor [Albe25]. Die Vertreter Freiburgs bekräftigen ausdrücklich im Anschluss an den Stiftungsbrief zur Universitätsgründung: Und wir burgermeister, schultheiß und ganzer rat der statt Fryburg im Brißgow bekennen auch für uns, unser gemein und alle unser nachkomen, das dis alles, wie vor hie geschrieben stat (steht), nichts usgenomen, mit unserm guten willen und wissen geschehen ist. Darum g[e]loben wir auch für uns und alle unser nachkomen der statt Fryburg bi guten truen an eides stat alle vorgeschriben gnade, friheit, stuck und artikel zu ewigen ziten vest und stet zu halten, wider die[selben] niemer zu tun noch schaffen oder verhengen, als verr an uns ist, geton werden, alles erberlich, getrulich und ungeverlich; allein uns und unsern nachkomen hierin vorbehalten, ob wir über kurz oder lang umb die obgeschriben stuck, puncten und artikel, ainen oder mer, yemer mit der universitet oder sie mit uns strittig, oder die[selben] gar oder in teil ye nach löufen der zit und gestalt yeglicher sach umb ychzit dheinerlei besserung, endrung, merung oder mindrung notdurftig (notwendig) wurden, des sollen wir und die universitet ye zu ziten uns gütlich mit einander und fruntlich, ob wir mogen, ustragen. Wo wir aber des nit gütlich und fruntlich einig werden möchten, so sollen wir und sie des ye durch unsern gnedigen herrn von Oesterrich etc. oder siner gnoden lantvogt und rät mit einander us notdurftig verhörung noch gestalt anligend yeder sach noch löufen der zit usgetragen, entricht und entscheiden werden, on (ohne) alle argelist und  geverde [Albe23].

 

 

Sapientia aedificavit sibi domum

 

 Albrecht findet in dem Mediziner und Kirchenrechtler Matthäus Hummel (1425-1477) den Mann, dessen er bedurfte, um seinen großartigen Gedanken auf eine entsprechende Weise verwirklicht zu sehen. Er ernannte ihn also den 20. Juni 1455 zu seinem Rath, erhob ihn zu seinem Vertrauten, und übertrug ihm die Aufgabe, die neue Universität in das Leben zu rufen [Schr59].  

 

Hummel wird wie erwartet von seinen Professorenkollegen zum ersten Rektor der Universität gewählt und legt seiner lateinischen Eröffnungsansprache am 26. April 1460 den Spruch Salomons: Sapientia aedificavit sibi domum et excidit in ea columnas septem* zugrunde und führt aus: Alle irdischen Güter verschwinden vor dem Glanz der Weisheit, sie ist die süßeste Harmonie der Seele, sie führt das Richtscheid der Sitten in ihrer Hand, macht uns unsterblich und den Himmlischen gleich. Das Altertum hatte zwar Gymnasien, sie waren aber Übungsplätze des Leibes; die Universitäten dagegen sind Turnhallen der Seele; drum so hoch die Vernunft über der Sinnlichkeit steht, so hoch stehen unsere Anstalten über denen der heidnischen Vorzeit.

*Die hohe Weisheit hat ein Haus sich erbauet, hat ihrer Pfeiler ausgehaun sieben  

 

 Niemand zweifelt ferner, daß das echte Glück des Menschen in der Wirksamkeit seiner bessern und göttlichen Natur besteht, d. h. im Forschen nach Wahrheit. Daher ist auch das Leben an Universitäten unter Studien und Disputationen das beglückendste. Das Schwein verachtet zwar den Edelstein und wühlt im Kote fort; für den Esel hat die süßeste Musik keinen Reiz; aber der bessre Mensch findet sich an den Stätten ein, wo ihm Nahrung für seinen Geist geboten wird.  

 

An den Universitäten bietet die Vergangenheit der Gegenwart die Hand; denn dort werden diejenigen, die Jahrhunderte hindurch im Grabe schliefen, wieder zum Leben erweckt. Halbvermoderte Pergamente, von Mäusen beschmutzt und von Würmern durchlöchert, werden dort aus langer Dunkelheit ans Licht gezogen. Gereinigt werden sie sorgfältig eingebunden und gehörig verziert. Und damit niemand den anderen die Benutzung erschwere, liegen die kostbaren Bücher an Ketten, umgeben von Tischen und Bänken. Dabei versammelt der Lehrer seine Schüler, vor Lust unter diesen Werken weilend, wie der Arzt vor Lust inmitten der Heilmittel weilt, wodurch er die leiblichen Krankheiten austreibt. Ja, an den Hochschulen ist gut Hütten bauen. Denn da ist Morgen und Abend gleich, das ganze Jahr ein Tag; fern bleiben Langeweile und Überdruß. Die Bibliotheken bilden die angenehmsten Spaziergänge, sie sind die blüten- und düftereichen akademischen Fluren. Da sind die Wandelgänge der Peripatetiker, die Hallen der Stoiker, Platos Akademie; da weilt Aristoteles wahrhaftig unter seinen Jüngern [Baum07].

 

 

Die Schelte des Dr. Hummel

 

Damals muss es in deutschen Landen um Bildung und Ausbildung schlecht bestellt gewesen sein, denn der zweite Teil seiner Rede gleicht eher einer Philippika als einer Festansprache:

 

Wie nothwendig hat es die Weisheit, sich heutzutage in den Hochschulen eigene Häuser zu erbauen! Denn zur Schande unseres Geschlechtes ist dieselbe aus dem Privatleben von Laien und Geistlichen beinahe überall verbannt. Ihre Stelle nehmen Vögel, Pferde, Hunde und jene weiblichen Bestien ein, welche der Diener Gottes mehr als Schlangen und Basilisken scheuen sollte, sintemal ihre Kehrseite bitterer ist als Wermut.

 

Anstatt der Bücher findet man in den Gemächern solcher Leute weiche Lotterbecken, silberne Gefäße, kunstreiche Waschbecken, Leiern und Lauten, Würfel und Karten, wie in ihren verzierten Schränken feine Leinwand, kostbare Seidenzeuge und Prunkgewänder; um das Herdfeuer aber der Kleriker springen greinend ihre Kinder, deren Dasein durch keinerlei Winkelzüge sich verbergen läßt.

 

Wie aber steht es mit den Büchern der Geistlichen? Ach die leiden an allen Krankheiten, am Rücken und an den Seiten, und niemand bietet zu ihrer Heilung die Hand. Bald liegen sie gleich Hiob auf Haufen von Unrath; bald sind sie begraben wie Lazarus, aber keine Stimme ruft ihnen zu: Lazare komm' heraus! Läßt sich aber bisweilen ein Kodex ungerufen blicken, so schwört der dumme Petrus, er kenne ihn nicht, und die Dienerschaft schreit: Kreuzige, kreuzige ihn! Ein alter Soldat ehrt doch immer die Waffen, mit denen er gefochten hat; der unwissende Geistliche dagegen veräußert die merkwürdigsten Pergamente um ein Spottgeld an Mahler, Kürsner und Goldschläger, um sie zu Behältern für Armbänder und Halsketten herzurichten, oder er klebt wohl gar mit ihren Blättern Löcher in seinen Fenstern zu.

 

Unbekannt mit den Wissenschaften, verachtet oder beschimpft das Laienvolk deren Freunde und Pfleger. Ist das aber zu verwundern, wenn schon die Knaben nichts Anderes lernen, als fluchen und schwören und unzüchtige Scherze treiben? Wenn die heranwachsende Jugend in keine bessere Gesellschafft kommt, als zur Reitbahn und Jagd, zum Vogelfange und Waffenspiele, wo Derjenige am meisten gilt, welcher sich durch Rohheit, Eitelkeit und Großthuerei auszeichnet? Wie bedauernswerth sind die Älteren, denen eine solche Erziehung ihrer Kinder wolgefällt.

 

Auch in den Klöstern, wo die Gelehrsamkeit einst daheim gewesen, sieht es nicht besser aus, denn Speisen und Getränke, Getraide, Wein und Heerden, die Geldkasse, die Orgel, die Zither und die Gunst der Nonnen sind heutigen Tages die Studien der Mönche. Vorzüglich ist es dreierlei, was sie vom Besuch gelehrter Anstalten fernhält: ihr Bauch, ihre Kleider und ihre Häuser. In ihren Schulen aber lehren sie meistentheils erborgte Weisheit mit thörichtem, theatralischem Lippengeräusch, wie der Papagei fremde Worte nachplappert. Auf solche Weise wird die Heilige Schrift nicht erklärt, sondern vielmehr auf der Gasse mit Füßen getreten.

 

Auf den Adel jedoch fällt die meiste Schuld. Seine Vorfahren haben der Religion und Wissenschaft zahlreiche Zufluchtsorte gestiftet, sich häufig auch selber dem heiligen Dienste gewidmet, wie im alten Griechenlande viele Edlen und Fürsten; heutzutage aber scheinen Unwissenheit und Rohheit ein Erforderniß adeliger Lebensart zu sein. Möchten die Edlen daher zurückkehren zur Tugend ihrer Vorältern und ihre Söhne, anstatt dieselben für das Faustrecht und Räuberwesen zu erziehen, zur Schule schicken, damit sie die Pflege der Tugend und Weisheit erlernen, welche allein den Menschen adelt [Bade82, Klei87].

 

Somit ist Freiburg eine der ältesten österreichischen Universitätsgründungen. Albrecht hatte die Hochschule bewusst als Konkurenz zur Universität Wien seines kaiserlichen Bruders Friedrichs gegründet und auch gleich einige Professoren von dort abgeworben. Weitere Hochschullehrer stammen aus Heidelberg [Spec10]. Anfänglich unterrichten sieben Professoren 214 Studenten in den damals üblichen vier Fakultäten: Artes oder den sieben freien Künsten*, Theologie, Jurisprudenz und Medizin [Kalc06]. Dabei steht die Theologie, die sich um das Heil der Seele kümmert, an erster Stelle, während die Medizin die Gesundheit des vergänglichen Leibes betreuend bei den Fakultäten den letzten Rang einnimmt. Die Professoren lasen damals den Lehrstoff lateinisch aus den spärlich vorhandenen Büchern vor und stellten Thesen auf,  über die dann die Studenten zu disputieren hatten. Disputationen galten als Feile des Verstandes, die den Rost des Unwissenheit abreiben [Spec07].

*Das System der freien Künste geht auf den griechischen Philosophen Boethius (480-524) zurück, der das antike Wissen in Grammatik, Rhetorik, Dialektik (Trivium) und Arithmetik, Geometrie Astronomie und Musik (Quadrivium) einteilte [vonM10]

 

Poeta laureatus Jakob Locher als vorlesender Professor vor seiner Entlassung aus Freiburger Diensten

 

Die Studienzeiten sind deutlich kürzer als heute, denn in der Regel erwerben die Studenten bereits nach zwei Jahren den für weitere Studien notwendigen Baccalaureus artium in den sieben freien Künsten. Nach weiteren zwei Jahren schließen sie mit dem Magister in der Artistenfakultät ab. Anschließend promoviert man in der Regel in einer der drei anderen Fakultäten Theologie, Jurisprudenz oder Medizin.

 

 

 

Ze leren und ze regiren uffgenommen, bestellt, im glopt

 

 Die Räumlichkeiten des ersten Kollegiums mit dem Sitzungszimmer für den Universitätssenat und dem Karzer an der Ecke Franziskaner- und Merianstraße sind für einen Lehrbetrieb zu beengt. Die Stadt überlässt der Universität den Dechaneihof an der Sattelgasse (der späteren Bertoldstraße), in dem zunächst alle Vorlesungen außer denen der Theologen, die im nahe gelegenen Franziskanerkloster lesen, abgehalten werden. Den Artisten übereignet die Stadt das angrenzende Haus Zum Pfauen, in der die Philosophische Fakultät die Bursa ad Pavonem (Pfauenburse) einrichtet [Kemp57].  

 

Auch wenn der jungen Universität die Pfründen einträglicher Pfarreien überschrieben sind, gestaltet sich die Finanzierung der Hohen Schule anfänglich schwierig. So hat die Stadt häufig einen auswärtigen Gelehrten, ze leren und ze regiren uffgenommen, bestellt, im glopt (ihm gelobt) und versprochen, ihm 20 Gulden Jahresgehalt zu geben [Koll57]. Und noch 1493 erkennt die Universität die finanziellen Leistungen der Stadt an: Uns noch unsern vordem ist nit moglich gesin zuo wissen, us was guot die von Fryburg die doctor unnd meister, so si vor und zuo dem anfang der universitet berufen haben, versolden wolten. Sunder das wissen wir und si mögent das nit abred sin, da si in kraft itzgemelter friheit under irem sigel und mit offenlichen brieften und mit hoher ererbietiing doctor, meister und studenten von den universiteten in hochtutschen landen Heydelberg, Erdfort (Erfurt), Lybs (Leipzig) und Wien beruft und darzuo von Wien und Heydelberg doctor und meister zuo leseren und regierern bestellt, und in sollicher bestellung under der stat (Stadt) sigel sold, behusung und beholznng verschriben habent [Koll57].

 

 

 Dem Universitätsgründer ein Glasfenster in der von der Hochschule gestifteten Kapelle im Münster :

Albertus Archidux
Fundator

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Karl der Kühne 1434 von
Rogier von der Weyden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Karls Hut

Münsterchor und Kapellenkranz

 

Im Jahre 1471 wird die Bautätigkeit am Münsterchor wieder aufgenommen, anfänglich wohl nur zögerlich, denn der Stadtrat klagt 1475: haben wir ein chor der vor zydten von unsern vordern cosstlich erheppt und by hundert Jaren unußbuven gestand ist [Fall13]. Dabei hilft das Geld eines besonderen Ablasses, den Papst Sixtus IV. (1471-1484) für die Jahre 1480 bis 83 gewährt [Kemp25]. Auch wetteifern wohlhabende Freiburger Familien mit ihren Spenden um die Errichtung der schönsten Kapelle im Kranz um den neuen Chor, der im schlanken spätgotischen Stil hochgezogen wird. Die Kirche hat Hochkonjunktur. Allenthalben stürzen sich die Menschen um 1500 mit Leidenschaft und Inbrunst in einen religiösen Leistungsrausch um das Heil ihrer Seele … die Nischen in den Kirchengewölben werden zusätzlich mit gestifteten Altären ausgestattet, vom höheren Bürgertum genauso wie von Handwerkern und ihren zünftlerischen Organisationen … [Goer04]. Die Fertigstellung des Bauwerks selbst zieht sich jedoch in die Länge nicht zuletzt durch Querelen der Stadt mit ihren - von nun an auch namentlich bekannten - Münsterbaumeistern.

 

 

Erzherzog Sigismund der Münzreiche

 

 Als 1457 die albertinische Linie der Habsburger ausstirbt, regeln Friedrich III., Albrecht IV. und Sigismund die Verteilung des habsburgischen Besitzes neu. Ein jeder erbt ein Drittel Böhmens, doch Albrecht tauscht seine Vorlande gegen das Drittel seines Neffens Sigismund. Der wird zwar der Münzreiche genannt, ist jedoch wegen seines aufwändingen Hoflebens ständig in Geldnöten. Auch die ihm nun zufallenden Schweizerkriege gehen schwer ins Geld, so dass wie zur Zeit der letzten Grafen schließlich die Freiburger zur Kasse gebeten werden. Die folgenden Klagen der Stadt über ihr finanzielles Unvermögen besonders wegen der spürbaren auswärtigen Konkurrenz und des Bevölkerungsschwunds dürften Sigismund kaum beeindruckt haben: Unser merkt gond (gehen) ab, alle gewerb, saltz, ysen, tuch und ander kouff, fronwagen, alle handtwerk und badstuben werden umb uns gemeret (nehmen zu) und mag (kann) sich der gemein man nit enthalten, nieman ziht zu unns, all wochen ziehen lüt von uns [Uebe85].

 

 

Entwicklung oder vielmehr völlige Ausbildung und Einrichtung der Landstände

 

Dagegen erweist sich ein Zusammenschluss von Prälaten, Herren, Rittern und Städten zu Landständen wider die Erhebung des bösen Pfennings als wesentlich wirksamer. Die Städte machen Sigismund unmissverständlich klar, sie hätten den Ertrag des Pfennings zur baulichen Unterhaltung ihrer Thore und Ringmauern nöthig. Von nun an wurde Freiburg der entschiedende Mittelpunkt des staatsbügerlichen Lebens in den österreichischen Vorlanden, und zugleich die Leitung führende Hauptstadt des dritten Standes [Schr25]. 

 

Bei so viel Widerstand resigniert der Erzherzog und sieht sich nach anderen Geldgebern um. Darüber berichtet Leonard Leopold Maldoner: Die Benamsung Landstände ist zu solcher Zeit eingeführt worden, als Herzog Carl von Burgund von Ertzherzog Siegmunden zu Österreich die v. ö. Lande diß- und jenseits Rheins (die Länder im Elsass, den Sundgau mit der Grafschaft Pfirt und den Breisgau) im Jahre 1469 als eine Pfandschafft einbekommen [Well76].

 

 

Der Türk im Occident

 

Dafür erhält Sigismund von Karl dem Kühnen (1467-1477) einen Kredit von 80 000 Gulden, der Burgunderherzog dagegen wegen seiner ungebremsten Expansionsbestrebungen den Beinamen der Türk im Occident. In tiefstem Unwillen, sich so ganz zur Waare herabgewürdigt zu sehen, huldigten die Lande auf dem Tage zu Ensisheim dem fremden Fürsten. Dieser setzte ihnen den Ritter Peter von Hagenbach (1420-1474), einen ausschweifenden, harten und ungerechten Mann, der Städten und Edlen Hohn sprach, zum Vogte [Schr25].

 

Weiteren potenziellen  Landgewinn sieht der kühne Karl auch auf Schweizer Gebiet, doch da beißt er sich, wie viele Aggressoren vor ihm, an den entschlossenen Eidgenossen die Zähne aus. Zwar wird Karls Heer ein erlesenes genannt, doch die Offiziere verstanden nicht einmal einer des anderen Sprache. Außerdem war die berühmte burgundische Artillerie unbehülflich und im Gebirg nicht zu gebrauchen. Dagegen hatten die Schweizer vor ihrem Feinde den dreifachen Vorteil voraus, daß sie für ihre Freiheit, für Haus und Heimath stritten, daß sie insgesammt geübt waren und daß sie sämmtlich ausziehen konnten, da sie Alle zum Kampfplatz nicht weit hatten [Schr57].

 

 

Sigmund soll unser Trost seyn

 

Endlich möchten nicht nur die Schweizer, sondern auch der französische König Louis XI (1461-1483) in eigenem Interesse eine Ausweitung Burgunds verhindern. So vermittelt Louis 1474 eine Aussöhnung zwischen Sigismund und den Eidgenossen, nachdem er zuvor die beiden Parteien geschickt gegeneinander ausgespielt hatte. Der Vertrag genannt Ewige Richtung wird in Konstanz verhandelt und besiegelt. Darin wird eine Allianz gegen Karl den Kühnen geschmiedet und Frieden zwischen den Schweizern und den Habsburgern, die sich fortan auf das nördliche Rheinufer zurückziehen, geschlossen.  

 

Louis XI und Karl der Kühne

 

 

Ein Jahr später 1475 erneuern die breisgauischen Städte Freiburg, Breisach, Neuenburg und Endingen zu weiterem Schutz und Trutz ihren Bund der Freundschaft und Einigung, der durch Veränderung und Übergabe dieser Lande zertrennt worden, damit sie desto friedlicher und besser bei ihrer Herrschaft bestehen möchten [Schr57]. Auch hatten die Städte sich indessen beeilt, das Lösegeld zusammenzubringen, und den Pfandschilling zu Basel niederzulegen.  

 

Der Herzog war aber keineswegs geneigt, den so glücklich gewonnenen Schlüssel Deutschlands wieder hinzugeben, und ließ sich daher vor Allem des festen Breisach versichern. Peter von Hagenbach zog daselbst ein mit achthundert fremden Söldnern, Lombarden und Franzosen; die Bürger wagten es noch nicht, offenbaren Widerstand zu leisten. Als aber neue Ausschweifungen ihren Haß aufs Aeußerste steigerten, gelang es ihnen, was die Freiburger schon früher versucht hatten, in einem plötzlichen Aufstande den Landvogt zu ergreifen, und seine Söldner zu verjagen. Wenige Stunden brachten die freudige Nachricht davon nach Freiburg und Basel, Erzherzog Sigmund kehrte wieder in seine Lande zurück, und wurde, des schmählich gebrochenen Wortes unerachtet, überall wie ein geliebter, langersehnter Vater aufgenommen. Auch in Freiburg kam er in den Ostertagen; da sangen ihm die Kinder auf den Straßen entgegen: Christus ist erstanden, der Landvogt gefangen, deß wollen wir alle froh seyn, Sigmund soll unser Trost seyn; Kyrie eleison u.s.w. So trägt ein gutes treues Volk den Glanz seiner eigenen Thaten auf seinen Herren hinüber, und verehret ihn, wenn es ihn in demselben verklärt erblickt [Schr25].

 

 

Lob hör ich Friburg jechen

 

In der Folge müssen wieder Freiburger auf Seiten der Habsburger in den Krieg ziehen, deren Fähnlein der Freiburger Dichter Veit Weber wie folgt besingt:

 

Lob hör ich Friburg jechen [sagen],
Die wahrend gar wolgemut;
Man hat sie gern gesechen
[gesehen]:
Ihr harnesch der was gut.
Es was gar eine hübsche schaar,
Wo sie im volk umbzugen:
Man nahm ihr eben wahr
[Albe24].

 

 

Der Tod Karls des Kühnen und das Ende von Burgund

 

 Zu Breisach fiel bald darauf des Landvogts Haupt durch richterlichen Spruch*, und eine der mächtigsten Kriegsflammen schlug empor. Der Herzog von Burgund gerieth ausser sich vor Wuth, und schwor, alles eher als die Rache hinzugeben [Schr25]. 

* Er wurde in Breisach auf dem Anger vor dem Kupfertor enthauptet

 

Burgunderblutalge im Flückingersee bei Freiburg im Frühjahr 2011 (Photo Badische Zeitung). Angeblich trat sie zuerst 1476 auf, als die Eidgenossen die blutenden burgundischen Truppen in den Murtener See trieben.

 

 

Gegen eine verbündete Übermacht steht Karl der Kühne bald mit dem Rücken zur Wand. Er verliert am  2. März 1476 in der Schlacht bei Grausen (Grandson) gegen die Eidgenossen zunächst seinen Hut und im gleichen Jahr am 22. Juni bei Murten (Morat) gegen schweizerische, lothringische und vorderösterreichische Truppen sein Gut, was sich in einer alten Chronik wie folgt liest: Unn nach dem Hertzog Karlen die zwo schlachten zu Gransee und Murten verlor / namen die Eydtgenossen das gantz land wider ein unn brandschatzten es. Aber nicht nur das Land. Bei Murten machen die Eidgenossen reiche Beute, die heute in verschiedenen Schweizer Museen ausgestellt ist.

 

Damit nicht genug, denn im  Folgejahr, als der Herzog in einem letzten Kraftakt alles auf eine Karte setzt, verliert er am 5. Januar 1477 in der Schlacht von Nancy gegen die Verbündeten nach seinem Hut und Gut auch noch sein Blut [Kort].

 

 

Fortes bella gerant, tu felix Austria nube!

 

 Kaum ist Karl unter der Erde, beginnt der Streit zwischen den Häusern Valois und Habsburg um des Kühnen Erbe. Erzherzog Maximilian (1477-1519), durch die Vermittlung seines Vaters Kaiser Friedrichs III. mit Karls Tochter Maria (1457-1482) verheiratet, ergattert im Frieden von Senlis den Löwenanteil bestehend aus den Niederlanden, Luxemburg und der unter französischer Lehenshoheit stehenden Freigrafschaft Burgund, der Franche Comté. Einzig die Picardie und die Bourgogne fallen an Frankreich. Bei dieser ungleichen Teilung fühlt sich das Haus Valois über den Tisch gezogen. So legt der Friedensvertrag zu Senlis bereits den Keim der Jahrhunderte währenden Fehde zwischen Frankreich und dem Hause Habsburg.

 

Der letzte Ritter: Maximilian

 

 

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Freiburgs Grafen

 

 

 

 

Später als Kaiser erwirbt Maximilian durch geschickte Heiratspolitik noch die Herrschaft über Spanien, Neapel, Böhmen und Ungarn. Der ungarische König Mathias Corvinus (1458-1490) goss diese Erfolge in folgendes Motto: Fortes bella gerant, tu felix Austria nube*

*Frei übersetzt: Was And're sich blutig erringen durch Waffen, weißt Östreich durch Heurat sich still zu verschaffen [Bade82]

 

Burgund von 1363 bis zur Teilung im Jahre 1477 [Kind98]

This page was last updated on 30 September, 2016