Martin Malterer auf der
Schwabentorbrücke.
Zu seinen Füßen der sterbende Erzherzog

 

 

 

Freiburgs Geschichte in Zitaten

Die Grafen von Freiburg und wie
der kühne Karl ein Königreich sich wollt schaffen

 

Um 1363 entsteht ein neues Zwischenreich auf altem Burgunder Gebiet

 

Von 1339 bis 1453 ist Frankreich mit England im Hundertjährigen Krieg beschäftigt. So entsteht peu à peu und klammheimlich an seiner Ostgrenze ein neues Zwischenreich Burgund. Im Jahre 1363 belehnt der französische König Johann II. der Gute (1350-1364) Philipp den Kühnen (1363-1404) mit dem Herzogtum Bourgogne. Später erwerben die Nachkommen Philipps mit der Freigrafschaft Burgund (Franche Comté), großen Teilen Flanderns und den Niederlanden auch Gebiete, die zum Reich gehören. In seiner Lage erinnert Burgund an das alte Lotharingien aus dem Vertrag von Verdun 843. Die Burgunder Herzöge sind mächtig und selbstbewusst. Als im Jahre 1430 Philipp der Gute (1419-1467) den Orden vom Goldenen Vlies begründet, schmückt dieser fortan die Brust der Mächtigen, die der deutschen Kaiser und die der französischen Könige.

 

 

Zum Schutz und zur Wehr ihrer Hausmacht im Elsass und Sundgau sollten die Habsburger gegen die burgundische Expansion kämpfen, doch Herzog Leopold III. (1365-1386) möchte zunächst die österreichische Herrschaft über die Stammlande mit der Habsburg seiner Vorfahren im schweizerischen Aargau sichern. Für diesen Schweizerkrieg fordert er von den Freiburgern neben finanzieller Unterstützung vor allem die Stellung von Rittern. Artig bedankt sich Leopold in einem Brief für die gewährte Hilfe: Wir haben wohl vernommen, daß Ihr besonders euch so getreulich und frommiglich gehalten, daß Wir und unsere Kinder es gegen Euch und die euren nimmer vergessen sollen[Schr57].

 

 

Die Habsburg im Aargau einst und jetzt. Ihre Reste werden heute als Ausflugslokal benutzt 

 

 

 

 

Das Gemetzel von Sempach

 

Die drei Waldstätten Schwyz, Unterwalden und Uri hatten sich 1291 zu einem Trutzbund gegen Fürstenherrschaft zusammengeschlossen und ihre Freiheit gegenüber den Habsburgern 1315 in der Schlacht von Morgarten eindrucksvoll verteidigt. Doch diesmal ist Leopold voller Siegeszuversicht, denn als der Ritter Freiherr von Hasenburg auf die kämpferischen Eidgenossen hinweist, meint der Herzog, er möge sich doch von Hasenherz nennen [Rose01].  

 

Doch auch dieser Kriegszug endet 1386 mit einer blutigen Niederlage, denn am mondag nach St. Margarethen tag/ da wardt der gemelt Hertzog Lupolt von Oesterreich mit mechtigen grossen Adell aus dem Sungow Breisgaw unnd Schwaben zu Sempach in dem seinen/ umb das seine/ und von den seinen jemmerlich unnd kleglichen erschlagen [Schi98]. Der Mönch Johannes von Winterthur berichtet detailliert: Es hatten auch die schwizer in den händen gewisse überaus furchtbare mordwaffen, die in jener volkssprache auch helnbarten* genannt werden, mit denen sie die stärkst bewaffneten gegner wie mit einem schermesser zerteilten und in stücke hieben. da war nicht eine schlacht, sondern wegen der angeführten ursachen sozusagen nur ein schlachten des volkes herzogs Lüpolds durch jene bergleute, wie einer zur schlachtbank geführten herde. Niemanden verschonten sie noch auch bemühten sie sich zu fangen, sondern sie schlugen alle tot ohne unterschied.

*Hellebarde = Halmbarte = Stielbeil

 

Schweizer Spruch im Hof des Basler Rathauses

 

 Außer dem Herzog bedecken 656 erschlagene Grafen, Herren und Ritter das Schlachtfeld darunter der größte Teil des Freiburger Adels. Auch der persönliche Beschützer Leopolds, der Freiburger Ritter und Bannerträger Martin Malterer (?-1386), der mit seinem Leibe seinen verwundeten Herrn zu beschützen suchte, findet den Tod. An dieses Gemetzel erinnert Suters Sempacherlied:

 

Do red't ein Burgermeister
Von Friburg us der Stadt:
"Wir hant ein Reis geleistet,
Die uns geruwen hat,*
Wir müßend groß Schmache tragen,
Daß wir uf frier Heide
Von Schwizern sint geschlagen."

 

"Marti Malterer von Friburg
mit sinem krusen Bart,
Darzu die von Hasenburg
Die bliben uf der Fahrt.
Sie sind ze todt geschlagen;
Ze Sempach vor dem Walde,
Do ligend sie vergraben." 
[Schr57]

*Wir haben dem, der uns gerufen hat, Reisige gestellt

 

Der Krieg zwischen Sauschwaben und Kuhschweizern endet nicht nur mit einer bitteren Niederlage für die Habsburger, sondern auch besonders schmachvoll für die Freiburger, gilt es doch das Paner nit ze verlassen bis in den tod [DHMB]. Das Banner mit dem roten St. Georgskreuz fällt in die Hände der Eidgenossen. Diese (oder eine Kopie der) Fahne wird seither in der Barfüßerkirche zu Luzern zur Schau gestellt.

 

 

 

Ratskrise und "Staatsstreich" in Freiburg

 

Im Jahre 1378 hatten im Freiburger Stadtrat unter den alten Vierundzwanzigern sechs Patrizier des Hauses Snewli, darunter der Bürgermeister, und bei den nachgehenden Vierundzwanzigern noch einmal drei Snewli Sitz und Stimme [Maur91]. Zwar verbleiben anfänglich nach dem Aderlass von Sempach im Rat der alten Vierundzwanziger insgesamt nur acht Patrizier, doch bereits 1388 sitzen wieder neun Mitglieder der Familie Snewli im Stadtrat.

 

Auf eine Anfrage der Zünfte vmb vruntschaff und liefden wille (aus Freundschaft und liebem Willen) in Köln teilt der dortige Stadtrat mit, dass eine solche Vetterleswirtschaft bei ihnen nicht üblich sei (gab es de kölsche Klüngel damals noch nicht?): Wir laissen vch wissen, dat in geyme jaire, as eyn rait vnser steide gekoiren worden is, geyn vader mit syme sone, geyn broider mit syme broider, noch geyn swegerherre (Schwiegervater) mit syme eydome in vnser steide raide (Stadtrat) zo somet sitzen noch syn enmögen [Maur91]. Diese Antwort bringt in Freiburg das Fass zum Überlaufen. Die Zunftmeister ... und alle Räte, welche zu ihnen hielten, versammelten sich ohne den Bürgermeister und Schultheißen, setzten die alten und die nachgehenden Vierundzwanzig ab ... [Maur91].

 

Somit ist es mit der Macht der Adeligen im Stadtrat vorbei, denn es wurde der Adel auf zwölf Rathsstellen mit dem Schultheißen- und Bürgermeister-Amte beschränkt und diesen [sind] 36 bürgerliche Rathsherren unter einem neuen, rein bürgerlichem Beamten, dem Ammeister, als dem eigentlichen Oberhaupte der Stadt gegenüber gestellt worden [Damm75]. Seit 1389 bestimmen die Zünfte wesentlich die Geschicke der Stadt.

 

 

Daz dekein Jude ze Friburg niemmerme sin sol

 

Diese Zunftunruhen bewegen Herzog Leopold IV. (1386-1411), Freiburg 1392 eine neue Verfassung zu geben, in der er auch feststellt, dass die Stadt mit den Juden, die sich nach dem Pogrom vom Januar 1349 nur zögerlich wieder in Freiburg niedergelassen hatten, nichts mehr zu tun haben soll. In der allgemeinen Unsicherheit der Interpretation schiebt Leopold am 14. September 1394 auf Bitten der Stadt eine Judenordnung nach. Darin wird den jüdischen Männern auferlegt, Gugelhüte aufzusetzen, und allgemein das Tragen der liturgischen Farben rot und grün verboten [Schi01].  

 

Als Folge von Nachrichten über Ritualmorde an Christen im fernen Bayern lässt der Stadtrat nach Rücksprache mit dem Herrn Leopold dann am 4. Juli 1401 die Austreibung aller Juden von den Kanzeln verkünden. Und wirklich wurde die Stadt auch, was sie längst so sehr wünschte, der in ihr wohnenden Juden ledig. Mehrere Landvögte wetteiferten, der Stadt die Gnade des Herren kund zu thun, daß künftig kein Jude mehr in Freiburg sitzen dürfe. Die Freude darüber war so allgemein und das Ereignis schien so wichtig, daß die damaligen Rathmannen der Nachricht davon ausdrücklich ihre Namen beizuschreiben geboten [Schr25] und feierlich den Beschluss unterzeichnen, daz dekein Jude ze Friburg niemmerme sin sol [Albe20a]. Dieses Dekret bestätigt König Sigismund offiziell 1424 mit der Ewigen Vertreibung. Erst 1809 wird den Juden wieder ein ständiger Aufenthalt in der Stadt erlaubt [Kalc06].

 

 

Dualitatem infamen, trinitatem … ab omnibus meledictam

 

Nach der Rückkehr der Päpste aus ihrer Babylonischen Gefangenschaft in Avignon nach Rom, verlangt der römische Pöbel nach dem Tode Gregors XI. (1370-1378), dass kein Franzose und, wenn schon kein Kandidat aus ihrer Stadt, dann wenigstens ein Italiener die Papstweihen erhält. So wird unter dem Druck der Straße der Italiener Bartolomeo Prignano zum Papst gewählt, der sich als Urban VI. (1378-1398) mit seinen meistenteils französischen Kardinalen vor allem wegen ihrer luxuriösen Hofhaltung anlegt. Das veranlasst Kardinal Robert von Genf – ein Verwandter des französischen Königs - zur Bemerkung:  Ihr habt heute die Kardinäle nicht mit der Achtung behandelt, welche sie von Euren Vorgängern empfingen. Ich sage Euch in Wahrheit, wie Ihr unsere Ehre mindert, so werden auch wir die Eure mindern [Desc04].

 

Zur Minderung der Ehre schreitet eine Gruppe von Kardinälen, die sich nach Neapel geflüchtet hatten, sofort, indem sie die Wahl Urbans für ungültig erklären und ihren Sprecher Robert als Clemens VII. (1378-1394) zum Papst wählen. Damit beginnt das große Abendländische Schisma, das die Einheit der Kirche spaltet und die des Reiches bedroht, denn der Riss der Anerkennung der Päpste geht mitten durch Herrschaftsgebiete. Die Bistümer Basel und Straßburg sowie Herzog Leopold III. von Österreich mit der Steiermark, Kärnten, Krain, Tirol und Vorderösterreich mit dem Breisgau halten zu Clemens, während sein Bruder Albrecht III. (1365–1395) mit Nieder- und Oberösterreich Urban anerkennt. Plötzlich gibt es auch zwei Anwärter auf den Stuhl des Bischofs von Mainz, des Reiches Erzkanzlerposten, um den der Anhänger Urbans Ludwig von Meißen (1341-1382) mit Adolf von Nassau (1353–1390), der Clemens unterstützt, ganz unchristlich in einem blutigen Krieg ringt.

 

Clemens’ ebenso blutiger Feldzug gegen das Rom Urbans endet mit seiner katastrophalen Niederlage in der Schlacht bei Marino, so dass sich der Angreifer in die alte Papstresidenz nach Avignon zurückzieht und von Ferne seinen Gegner im Auge behält.  Nach dem Tode Urbans 1389 zementieren seine vom ihm ernannten Kardinäle die Kirchenspaltung, indem sie Bonifaz IX. (1389-1404) zum heiligen Vater wählen. Der aber ramponiert das Ansehen der Kirche völlig durch seine und seiner Verwandten Habsucht, die Konfirmationen und Annaten ... der schamlose Verkauf der Indulgenzen und hundert anderer Missbräuche häuften den Stoff für die Reformation immer höher auf... [Desc04].  

 

Nach Clemens‘ Tod in Avignon wählen seine Kardinäle zum Nachfolger Benedikt XIII. (1394-1417), der zwar noch im Konklave eine cedula unterschreibt, er werde zurücktreten,  wenn es zur Überwindung des Schismas nötig wäre, dann aber, einmal gewählt, seinen Schwur vergisst. In Rom regiert seit 1406 Gregor XII. (1406-1415).  

 

In dieser verworrenen Situation rufen vierundzwanzig von beiden Päpsten abgefallene Purpurträger (zehn ehemals avignonesische und vierzehn römische Kardinäle) für 1409 ein Konzil nach Pisa ein. Hier setzen sie im Juni unterstützt von vier Patriarchen, 80 Bischöfen und mehr als hundert weiteren kirchlichen Würdenträgern beide Päpste ab und wählen anschließend einen dritten Papst,  Alexander V. (1409-1410). So wird aus dualitatem infamen, trinitatem … ab omnibus meledictam*[Desc04].

*So wird aus der verruchten Zweiheit eine von allen verfluchte Dreiheit.

 

 

König Sigismund

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Johannes XXIII.

Das Konzil zu Konstanz (1414-1418)

 

Ab 1410 streiten sich die drei Päpste, Gregor XII., Benedikt XIII. und Johannes XXIII. (1410-1415) um das Primat der katholischen Kirche. Da sie jeweils von verschiedenen Herrschern in Europa in ihrem Anspruch unterstützt werden, bedrohen diese Wirren das Reich von innen und von außen. So ist König Sigismund (1410-1437) die treibende Kraft für ein Kirchenkonzil, welches das große Abendländische Schisma beenden soll.

 

Letztlich aber geht es um mehr, denn drei gewaltige Aufgaben harren ihrer Lösung. Neben der causa unionis muss die Versammlung dringend notwendige innerkirchliche Reformen (causa reformationis) beschließen und grundlegende Glaubensfragen (causa fidei) behandeln.

 

 

Konstanz: kum halb genuog wit sei, söllichem volk herberg ze sind

 

Der zeitweilig in Rom residierende Johannes XXIII. schlägt sein Refugium Bologna als Tagungsort vor, doch in langwierigen Verhandlungen zu Como und Lodi einigen sich König und Papst unter dem Druck Sigismunds schließlich auf das neutrale Konstanz als Tagungsort, in das schließlich Johannes die Kirchenversammlung zur Lösung von dringend notwendigen Reformen der Kirche an Haupt und Gliedern für das Jahr 1414 einberuft. Schon zu Weihnachten 1413 erkundigt sich Graf Eberhard von Nellenburg, ob die Stadt und ihre Umgebung wohl in der Lage wäre, flaisch, visch, höw und haber, och alles, so man bedörft, in gar ringen kost (zu geringen Kosten) zu beschaffen. Im Frühjahr 1414 kommen dann exploratores, um diß lan beschowen und och besehen, ob das concilium zum besten … möchte oder nit.  Das Urteil der Experten ist vernichtend: Das nur 6000 Einwohner zählende Konstanz kum (kaum) halb genuog wit (weit=groß) sei, söllichem volk herberg ze sind [Rieg15].  

 

 

So werden Füchse gefangen

 

Papst Johannes schwant nichts Gutes. Deshalb versichert er sich auf dem Wege nach Konstanz in Meran der Unterstützung Herzog Friedrichs IV.* (1386-1439), indem er den immer finanziell Klammen im Oktober 1414 mit einem Jahresgehalt von 6000 Goldgulden zum obersten Feldhauptmann der römischen Kirche bestellt und anschließend zynisch anmerkt: So werden Füchse gefangen [Desc04].

*der Habsburger hatte den Beinamen der mit der leeren Tasche

 

Viel haben ausgespuckt, weil sie gar zu schändliche Sachen gesehen  

 

Neben diesem einen Haupt strömen im November 1414 von den Gliedern zum Konzil an den Bodensee:  33 Kardinäle, 346 Patriarchen, Erzbischöfe und Bischöfe, 2148 weltliche Doktoren sowie 546 Vorsteher und Mitglieder der Mönchsorden, alle mit Pferden und ihren zahlreichen Begleitern - es sollen insgesamt 50 000 Fremde gewesen sein - so dass die Stadt aus allen Nähten platzt. Weihnachten 1414 ist die Stadt voller Fremden, daß selbst hohe kirchliche Würdenträger mit dem bescheidensten Obdach Vorlieb nehmen mussten. Vielfach herrschte eine qualvolle Enge. In manchem Hause lagen 20 und noch mehr Knechte. Viele mussten sich mit Ställen, Weinfässern und elenden Holzhütten begnügen [Rieg15].

 

Zur Befriedigung der Bedürfnisse der auswärtigen Herren kommen offene Frauen in den Frauenhäusern und sonst Frauen, die Häuser gemiethet hatten, und in den Ställen lagen oder sonst wo Platz fanden, seien gegen 700 da gewesen, ohne die heimlichen [Walc28]. Jan Hus (1369-1415) schreibt damals: Ich habe die Schwaben öfters sagen hören, dass ihre Stadt Konstanz in dreißig Jahren die Sünden nicht los wird, die während des Konzils in ihren Mauern verübt wurden; viel haben ausgespuckt, weil sie gar zu schändliche Sachen gesehen [Desc04].

 

 

Causa unionis

 

Die causa der Einheit wird durch den Rücktritt bzw. die Absetzung der drei amtierenden Päpste und die Wahl eines neuen,  Martin V. (1417-1431), gelöst. Zunächst trifft es den anwesenden Johannes XXIII., dem das Konzil die folgende Erklärung in die Feder diktiert: Ich, Papst Johann XXIII., erkläre, verpflichte mich, gelobe und schwöre Gott, der Kirche und dieser heiligen Synode, um des Friedens des ganzen christlichen Volkes willen, aus eigenem freien Willen der Kirche den Frieden zu geben durch meinen einfachen Verzicht auf das Papsttum, ihn tatsächlich zu vollziehen und auszuführen gemäß dem Ratschlag des gegenwärtigen Konzils, wenn und sobald Peter von Luna (Benedikt XIII.) und Angelo Correr (Gregor XII.) der von ihnen beanspruchten päpstlichen Würde, sei in eigener Person oder durch Bevollmächtigte, entsagen [Desc04].  

 

Der ebenfalls in Rom residierende Gregor XII. erkennt zwar das Konzil nicht an, hatte aber vor seiner Wahl einen Eid geschworen, nötigenfalls zurückzutreten, wenn dies zur Beendigung des Schismas dienlich sein würde.  Nach der Absetzung Johannes XXIII. schickt er einen Boten an König Sigismund und erklärt sich bereit zurückzutreten.  

 

Schwieriger ist es, im Falle Benedikts XIII. die Bedingung Johannes' zu erfüllen, denn Benedikt weigert sich beharrlich zurückzutreten. Er flieht ins heimatliche Spanien und verschanzt sich beschützt von seinen Anhängern in der Festung Peniskola. Da setzt ihn das Konzil im Juli 1417 ab und wählt am Martinstag (11. November) des gleichen Jahres einen neuen Papst, der sich folgerichtig Martin V. nennt.

 

 

Causa reformationis

 

Die causa reformationis der römischen Kirche wird in Konstanz nicht einmal im Ansatz diskutiert. Dieses Versäumnis wird Luther (1483-1546) hundert Jahre später dramatisch anmahnen. Das Volk spottet zu Recht über die Ergebnisse des Konstanzer Konzils:

 

Daß Päpst eine Reformation,
Pfaffen die Submission,
Künige den Verlust der Kron,
Edellüt den glichen Ton,
Friwillig ingon (eingehen),
Ist Wohn (Wahn) [Schr57].

 

 

Causa fidei

 

Wegen der causa fidei hatte Jan Hus in seiner Heimat nicht nur die hohen Kleriker angegriffen, die kaum das Ende des Gottesdienstes abwarten können, hinaus in die Wirtshäuser eilen, zu Tanzereien, wie wilde Tiere hinter dem Mammon, dem Wucher, der Unzucht, der Völlerei her, sondern auch die einfachen Seelsorger, denn man zahlt für die Beichte, die Messe, für die Sakramente, für den Ablass, den Segen, das Begräbnis, für Gebete. Auch der allerletzte Heller, den sich ein Großmütterchen in einem Tüchlein versteckt hat, bleibt ihr nicht. Es nimmt ihn aber der diebische Pfarrer [Desc04].  Hus schloss hier nahtlos an die Predigten des Engländers John Wycliff (1330-1384) an, Hus wird zum Scheiterhaufen geleitetder gelehrt hatte, dass es der Heiligen Schrift widerspricht, wenn Geistliche weltlichen Besitz haben. Der böhmische Rebell beugt sich nicht dem Verbot der Verbreitung seiner Lehren, sondern verlangt den Laienkelch, den Jesus beim Letzten Abendmahl mit seinen Jüngern trank. Statt der communio sub una, soll der gläubige Christ die communio sub ultraque specie empfangen. Schließlich steht im 13. Artikel der hussitischen Thesen: Es sei genug, dass ein jeglicher Mensch in seinem Herzen Gott bekenne [Rose02].

 

Hus wird zum Scheiterhaufen geleitet

 

 

Zu diesen kirchlichen Themen wollen die in Konstanz Versammelten Jan Hus hören.  Er ist zur Rechtfertigung seiner Agitation gegen die Teufelsherrn der Bischöfe und Prälaten, wie er schreibt, aus freiem Entschluss auf dieses Konzil gekommen, nachdem mir der König, der hier anwesend ist, sicheres Geleit versprochen hatte, das mich gegen jegliche Gewalt schützen sollte: Wir Sigismund, von Gottes Gnaden römischer Kaiser, entbieten allen unsern Gruß. Da der ehrwürdige M. Huß, den wir in des heiligen römischen Reichs Schutz und Schirm genommen haben, bald eine Reise nach Costnitz auf das allgemeine Concilium anstellen wird, so empfehlen wir ihn mit herzlicher Liebe einem jeden, und gebieten, daß man ihn, wo er hinkommen wird, freundlich empfangen, behandeln und mit allem, was zu seiner Reise nöthig ist, als Pferden, Wagen, Dienern und andern Sachen fördern wolle, durch alle Wege, Brücken, Länder, Gerichtsbarkeiten, Städte, Flecken, Schlösser und Dörfer, ohne alle Abgaben und Zoll, ohne alle Hinderniß und Verzögerung ziehen, Nachtlager halten und wieder zurückkehren lasse; daß man auch nicht weigere, ihn wo es nöthig wäre, durch eigene Begleitung zu sichern und zu decken. Gegeben zu Speier den 13. Octob. 1414 [Zürn36].

 

 

Wenn du belehrt sein willst, musst du zuvor deine Lehren widerrufen …

 

Obgleich er nur die Missstände in der Kirche angeprangert hatte und alle Irrlehren abstreitet,  wird ihm der Prozess gemacht und die mit drey grewlich Teuffel geschmückte Papiermütze des Ketzers aufgedrückt. Seinen letzten Brief richtet Hus an seine Landsleute im fernen Böhmen: Magister Johann Hus ... entbietet allen treuen Böhmen ... seinen Wunsch und sein unwürdiges Gebet, dass sie in der göttlichen Gnade verbleiben mögen ... Eben fällt mir ein, dass Ihr wissen müsst, wie das stolze, neidische, schandvolle Konzil meine böhmischen Bücher verdammt hat, ohne sie gesehen oder gelesen zu haben, und hätte es dieselben gelesen, es würde sie doch nicht verstanden haben, denn im Konzil saßen Welsche, Franzosen, Engländer, Spanier, Deutsche und andere fremder Zungen ... Mich wollten sie einschüchtern, aber sie vermochten nicht Gottes Beistand, der in mir ist, zu überwältigen. Schriftlich wollten sie sich mit mir nicht einlassen, wie dies die günstigen Herren wissen, welche bei der Wahrheit standen, … die Herren aus Böhmen, Mähren und Polen, vor allem aber Herr Wenzel von Duba und Herr Johann von Chlum. Diese nämlich – der Kaiser Sigismund selbst hatte sie zu mir in das Konzil gelassen – waren dabei und hörten, wie ich sprach: Ich verlange Belehrung von euch. Wenn ich etwas Schlimmes geschrieben habe, will ich darüber belehrt sein – worauf der oberste Kardinal erwiderte: Wenn du belehrt sein willst, musst du zuvor deine Lehren widerrufen ...  

 

Dies schreib ich Euch, damit Ihr es wisst, dass sie mich durch keine Schrift, durch keinen Beweis überführt haben, nur durch List und durch Drohungen versuchten sie, mich zum Widerruf und Abschwur zu bringen. Aber der gnädige Gott, dessen Gesetz ich verherrliche, war und ist mit mir und wird mit mir sein ... Dieser Brief ist geschrieben am Mittwoch nach dem Feste St. Johann des Täufers im Kerker und in Ketten, in Erwartung des Todes ... [Stem83].

 

Jan Hus auf dem Scheiterhaufen

 

Am 6. Juli 1415 wird Hus lebendig verbrannt, und was von ihm übrig bleibt, damit das die Böhmen nicht etwa wie Reliquien halten ... luden sie alles auf einen Wagen und versenkten es im nahen Rheinfluss [Desc04]. Als man König Sigismund an sein Versprechen des freien Geleits erinnert, meint er: Für Ketzer gilt das nicht.

 

Mit dem Wortbruch des freien Geleits und der Verbrennung des böhmischen Rebellen Jan Hus wird die causa fidei  verbösert, denn der religiöse Disput erhält nun eine national-tschechische Wendung.
 Zweihundert Jahre später wird von Hus' Heimat der Dreißigjährige Krieg ausgehen. Da rächt sich, dass Konzil und König die wichtigen Probleme der Kirche rein gar nicht gelöst hatten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kaiser Sigismund von Albrecht Dürer im DHM, Berlin

Kaiser Sigismund

von Albrecht Dürer

Zwischen 1415 und 1427 ist Freiburg freie Reichsstadt

 

Für Freiburg hat das Konstanzer Konzil recht dramatische Folgen, denn der abgesetzte Johannes XXIII. musste schwören, die Stadt nicht zu verlassen, hatte jedoch beim österreichischen Friedrich mit der leeren Tasche bekanntlich noch etwas gut. Tatsächlich verhilft 1415 der Herzog dem als Stallburschen verkleideten Johannes, in einer Nacht- und Nebelaktion zur Flucht und verbringt ihn anschließend nach Freiburg in das Predigerkloster der Dominikaner.

 

Dominikanerkloster und Predigertor

 

Dietrich von Nieheim (1345-1418) berichtet über den Einzug des Flüchtigen in die Stadt: Freiburg ist eine der besten christlichen Städte und Festungen uneinnehmbar, mit herrlichen Gebäuden und breiten, geschickt angelegten Straßen. Auch sonst ist es schön geschmückt, dass es wunderbar zu sehen ist. Durch all seine Gassen strömt das Wasser. Die Stadt besitzt vierzehn Männer- und Frauenklöster und sonstige Schöne, Geräumige und Angenehme. So ist es kein Wunder, daß Balthasar Cossa - eben der Papst Johannes XXIII. - und seine Anhänger beim Eintritt in die Stadt, als sie dieselbe so hervorragend fanden, in laute Bewunderung ausbrachen. Die Leute in der Stadt sind sehr voll Bürgersinn, verstehen gut zu richten oder zu politisieren. Die Lebensmittel gelten als vorzüglich und sehr billig [Albe24]. 

 

 

Das ich ein mächtiger fürst bin über die von östreich
vnd sunst über all adere fürsten herren und stet

 

Ob der bösen Tat der Fluchthilfe ist König Sigismund äußerst erzürnt und zitiert den Habsburger vor sich: Herzog Friedrich und seine Begleiter machten bei dem Eintritte nacheinander drei Kniebeugen vor dem K. Siegmund bis endlich Herzog Ludwig [von Bayern] das Wort nahm, und auf des Kaisers Frage: was sie wollten? antwortete: er bringe den Herzog Friedrich, welcher sich auf Gnade ergebe ... Nachdem der vom Herzog ausgestellte Verzicht [auf sein Lehen] verlesen war, sagt Sigismund zu den Umstehenden: Ir herren von Italia jr mainend vnd wänend vnd wissed nitt anders dann daz die herzogen von österreich die grösten herren seyen in teutschen Landen in der nacion germania. Nun sehend jr das ich ein mächtiger fürst bin über die von östreich vnd sunst über all andere fürsten herren und stet [Walc28].  Der König verhängt über den Herzog die Reichsacht und verkauft, da er wie üblich Geld benötigt, kurzerhand den Besitz der Habsburger im Aargau einschließlich ihrer Stammburg an die Schweizer. Anschließend stellt Sigismund die vorderösterreichischen Gebiete unter unmittelbare Reichshoheit, wobei der Luxemburger nach dem Treueschwur für das Reich vom 15. Mai 1415 der Stadt Rechte und Freiheiten in einer besonderen Urkunde bestätigt,  daß Freiburg weder von ihm noch seinen Nachfolgern in irgend einer Weise von dem Reich entfremdet werden solle, er wäre denn, daß man es wieder an Oestreich zurückstelle [Schr57].

 

Sigismund hatte wohl Recht mit seiner harten Entscheidung gegen Friedrich, denn kaum weilt der abgesetzte Papst in Freiburg hinter dicken Klostermauern, beginnt er eine subversive Tätigkeit. Eifrig betreibt er sein Comeback, indem er zum Gelderwerb ungeniert und ganz gegen die angestrebten Reformen Simonie (Verkauf geistlicher Ämter) praktiziert. Außerdem sucht er bei den Herzögen von Burgund und Orleans um politische Unterstützung für seine Sache nach. Da hilft es Friedrich auch nicht, dass Johannes auf der Weiterreise ins Ausland bei Breisach verhaftet und zu lebenslangem Kerker verurteilt wird. Der Herzog bleibt in der Reichsacht. Friedrich ergibt sich in sein Schicksal und schreibt lediglich an seine Städte und Schlösser, sie möchten sich wohl halten und an ihm nicht brüchig werden.

 

Ganz mitfühlend mit Friedrich sieht Freiburgs Historiker Heinrich Schreiber (1793-1872) die Situation: So hatte der Luxemburger aus unedler Rachsucht den Habsburger fast vernichtet. Der Name Fürst und Herzog war das Einzige, was Friedrich noch geblieben, gleichsam zu Spott und zur Erniedrigung. Man nannte allgemein den armen Fürsten, der nichts mehr besaß, Friedrich mit der leeren Tasche [Schr57].

 

Lange kann Sigismund jedoch seine antihabsburgische Einstellung nicht durchhalten. So stellt er 1425 nach Zahlung einer beachtlichen Lösungssumme die Rechte Friedrichs wieder her. Der Herzog schreibt an die Stadt Freiburg: Nun haben Wir auf euren Trost Unserm Herrn dem König sechs und dreißig tausend Gulden bezalt und allen andern Stücken genug gethan, derer Wir uns verschrieben haben. Trotz dieser unverhohlenen Ankündigung höherer Steuern hält Freiburg treu zu seinem Herzog und deshalb stellt er nach dem Treueschwur der Bürger am 10. November 1427 der Stadt ein einmaliges Zeugnis aus: Freiburg hat sich durch eine nachahmungswürdige Treue gegen ihren durchlauchtigsten Herzog vor allen anderen österreichischen Städten ausgezeichnet [Albe25].

 

 

Divide et impera

 

Den Habsburgern bleibt eine späte Genugtuung, denn als der Luxemburger Sigismund 1437 ohne männlichen Nachkommen stirbt, wählen die Kurfürsten überraschend seinen Schwiegersohn den Österreicher Herzog Albrecht als Albrecht II. (1438-1439) zum deutschen König. Als dieser bereits 1439 das Zeitliche segnet, besteigt Friedrich III. (1440-1493) von der steirischen Linie des Hauses Österreich den deutschen Königsthron (ab 1452 den römischen Kaiserthron), den die Habsburger von nun an fast ununterbrochen bis 1806 innehaben werden. Es ist der Anfang von: AEIOU*, ein Kürzel, welches Friedrich in seinem Tagebuch schreibt und mit: der strich und die funnf pucstaben, das ist mein kommentiert [Erte09].

*Alles Erdreich ist Oesterreich unterthan. Andere Auslegungen sind: Austria erit in orbe universo >> Österreich wird ewig sein

 

Zur Regelung des Erbes schließen die steirische und die Tiroler Linie der Habsburger im Jahre 1440 das Innsbrucker Abkommen. Danach bekommt Friedrichs  Bruder Erzherzog* Albrecht VI. (1424-1463) als Stammländer das Elsass, den Sundgau, den Breisgau, den Schwarzwald, Hohenberg, Rottenburg und Villingen, während sein Vetter der münzreiche Erzherzog Sigismund (1439-1490) Burgau, Thurgau, Hegau, Freiburg im Üchtland, Schwaben, Tirol, Feldkirch, Schaffhausen und Rheinau erhält. Außerdem beschließen die beiden Fürsten eine gemeinsame Verwaltung für die von Kaiser Sigismund 1415 an die Schweizer verkauften Besitzungen im Aargau, sollten sie denn wiedererobert werden [Zotz02].

* Ab 1453 tragen alle österreichischen Herzöge die Vorsilbe Erz- zum Trost dafür, dass Kaiser Karls IV. die Habsburger als Königsmacher in der Goldenen Bulle bewusst vergessen hatte. Damit wird Österreich zum Erzherzogtum und die Herrscher dürfen sich nun gegenüber den Kurfürsten, die Erzfürsten etwa in ihrer Eigenschaft als Erzkanzler oder Erzmundschenk sind, als gleichberechtigt fühlen.

 

 

Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation. Wappen am Rathaus von Staufen

Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Informationstafel and der Ecke Engelstraße/Herrenstraße

 

 

 

 

Erzherzog Albrecht Gründer der Universität Freiburg. Gemälde im Uniseum.

Erzherzog Albrecht
Gründer der Universität

 

 

 

 

 

 

 

 

Universitätspatron Hieronymus
Glasfenster in der Universitätskapelle im Münster

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jubiläum 2007

Heiliges Reich und Deutsche Nation, eine Unterscheidung bildet sich heraus

 

Das Röm. Reich wird Heilges Reich geheisset, weil es von dem Hl. Geist verordnet, bestettiget, und bis auff die ehrne Zeiten erhalten wird, schreibt noch im 17. Jahrhundert der Jurist Johannes Limnaeus (1592-1665) [Stol06]. Doch seit Mitte des 15. Jahrhunderts entwickelt sich ein Zusammen-gehörigkeitsgefühl der Deutschen über ihre Sprache und deshalb unterscheidet man jetzt zwischen dem Land, in dem deutsch gesprochen wird, der Deutschen Nation und anderen Gebieten wie Oberitalien, die auch Teil des Heiligen Römischen Reiches sind.

 

Es lässt sich nicht immer klar ausmachen, wann es den Habsburger Königen und Kaisern um das Reich und wann es ihnen um die eigene Hausmacht geht, denn gegen die Schweizer Bedrohung seiner Gebiete im Westen ruft Friedrich III. (1439-1493) im Jahre 1444 den Dauphin zur Hilfe. Als dann ein Teil der französischen Truppen vor den Toren Basels von den Schweizern aufgerieben wird, lässt der französische Thronfolger den Rest seiner Soldaten auf Reichsgebiet im Elsass überwintern und verlangt von der Reichsstadt Straßburg, dass sie sich ihm unterwerfe. Nur der erbitterte Widerstand der Elsässer und eine drohende Kriegserklärung des Reiches bewirken schließlich den Abzug der Franzosen.

 

Die Sicherung der Ostgrenze der österreichischen Gebiete ist den Habsburgern allemal wichtiger als die Wacht am Rhein. Deshalb kritisieren die deutschen Kurfürsten 1454 auf dem Türkenreichstag zu Regensburg mit Recht den kaiserlichen Aufruf zum Kreuzzug gegen die Türken und zur Befreiung von Konstantinopel: Friedrich III. möge sich gefälligst zunächst um das Reich kümmern, weil sich solich fuernemig und edel land, als Teutsch gezunge ist und auch das heilig reich, so loblich an Teutsch gezunge bracht, in großer unordenung befindet. Es sollen nicht nur die ungläubigen Türken, sondern alle Angriffe von anderen gezungen wider teutsch gezunge abgewehrt werden [Schm99].

 

 

Freiburg wird 1457 Universitätsstadt

 

 Im Anfang war die städtische lateinisch Schul, die um 1250 der Schulmeister Walter von Breisach wohl in seinem Hause in der Herrenstraße betrieb. Latein ist die Sprache der Theologie, hatte doch Kirchenvater Hieronymus (347-420) als Werkzeug Gottes die Bücher der Bibel aus dem Hebräischen und Griechischen ins Lateinische übersetzt: Gott habe gewollt, dass seine Offenbarung in jener Sprache weitergegeben werde, in der seine Kirche fortan lehrte [vonM10]. Latein ist ebenfalls die Sprache der Wissenschaft, wenn auch der kirchliche Gebrauch überwiegt. Deshalb wohl schreibt Johann Alphons Lugo: Die uralte Universitet zu Freyburg kann billich auch zu der Geistlichkeit gezählet werden. Selbe ist Anno 1448 von Erzherzog Albrecht und seinem Bruder Kaiser Friedrich, auch Vettern Herzog Sigismund aufgerichtet worden und mit stattlichen Privilegiis begabet [Klei87].

 

Das ist einige Jahre zu früh, denn erst am 20. April 1455 erteilt Papst Calixtus III (1455-1458) Erzherzog Albrecht die Erlaubnis, in seiner Stadt Freiburg, in quo aeris viget temperies, victualium ubertas ceterarumque rerum ad usum vitae humanae pertinentium copia reperitur*,  in der Diözese Konstanz ein studium generale einzurichten, dass dieses nicht nur dem ihm unterstellten Staat und den Einwohnern seiner Länder, sondern auch dem Nutzen und der Wohlfahrt anderer Weltgegenden dienen sollte. Der Papst ertheilt dem Bischof Heinrich von Konstanz die Vollmacht, nach genauer Erkundigung und Befund der Umstände das Nöthige zu verfügen. Dieser nun, wie er sich selbst nennt, einziger Commissär und Executor, begann damit, durch ein öffentliches Ausschreiben vom 17. April 1456 alle diejenigen aufzufodern, vor ihm zu erscheinen, welche etwas gegen die Errichtung der Hochschule einzuwenden hätten [Schr59].

*Dieser lateinische Text findet sich wörtlich in der Bulle Papsts Nikolaus V. vom 7. Januar 1450 zu Gründung der Universität Glasgow und lautet sinngemäß übersetzt: wo die Luft milde ist, Lebensmittel reichlich vorhanden sind und es große Vorräte anderer Dinge gibt, die dem Menschen nützlich sind.

 

In diesen Jahren überlegt die Basler Bürgerschaft, aus der Universität, die während des dortigen Konzils von 1432 bis 1449 bestanden hatte, eine permanente Einrichtung machen. Als einige Stadtverordnete schwanken, appellieren die Befürworter an den Lokalstolz: Wie ehrlich würde es uns zugemessen werden, daß eine Stadt Freiburg ein solches Kleinod werter schätze als wir und mächtiger sein wollte als die Stadt Basel, es zu vollführen [Koll57]. Nach einem positiven Votum gehen die Basler dann zum Angriff über und geben zu bedenken, dz der herschaft von Osterich lande ... ein hohe schule ze Basel nutzer sye, denn ob sy ze Friburg were [Perl09]. Dagegen argumentiert der Freiburger Stadtrat in einer Botschaft an den Papst, dass unser hohe schul nit beswerd (werde) oder irrung begegne durch anfang der schul zu Basel, dann die einander zu nach ligend [Koll57].

 

 

Die Hohe Schuel mit grossen milten gaben gestift

 

Alles letztlich nur Scheingefechte, denn so hat Ertzhertzog Albrecht von Oesterreich [] gott zu lobe und dem heiligen cristlichen gelauben zu trost und gott dem almechtigen und seiner lieben muter Marien zu lob, allen unsern vorfarn und nachkommen sellich heil zu buwen, ouch unserm loblichen huse Oesterrich, allen unsern landen und lüten und in sunderheit unser statt Fryburg im Bryhsgow lob, nutz und ere in zunemender tugend zu erwerben ouch dem ganzen huse Oesterreich zu hoher würdigkait und eren (Ehren) die Hohe Schuel mit grossen milten gaben gestift, unnd zu Freiburg also bestettget von dem Bapst Pio dem anderen zu Rom von dem heiligen stuell confirmirt [Albe23, Schi98].

 

 In der Gründungsurkunde vom 21. Juli 1457 erklärt Albrecht: zur Abtragung seiner Schulden gegen Gott; zu Trost, Hülfe, Widerstand und Macht für die ganze Christenheit gegen die Feinde ihres Glaubens habe er es unter allen guten Werken aus erwählt, eine Hochschule und Universität zu stiften; dadurch wolle er mit andern christlichen Fürsten graben helfen den Brunnen des Lebens, daraus von allen Enden der Welt unversiegbar geschöpft werde erleuchtendes Wasser tröstlicher und heilsamer Weisheit, zu Erlöschung des verderblichen Feuers menschlicher Unvernunft und Blindheit [Schr59].

 

Die Finanzierung der Universität löst der Erzherzog wie folgt: Die Mittel zur Dotation derselben wurden in der Uebertragung habsburgischer Kirchenlehen an sie aufgefunden. Unterm 28. August 1456 erklärt nämlich Erzherzog Albert von Wien aus durch eine besondere Urkunde, sowohl in seinem eigenen als in des Hauses Oestreich Namen: er incorporire der von ihm gestifteten Universität die Pfarrkirchen von Freiburg, Breisach, Ensisheim, Winterthur, Ehingen, Rottenburg, Warthausen, Mettenberg und den Altar zu Essendorf … Kaiser Friedrich, Erzherzogs Albert Bruder, bestätiget noch in demselben Jahr (18. December 1456) sowohl für sich selbst als für das Haus Oestreich diese Dotation und die damit verbundene Errichtung der Universität. Auch Bischof Heinrich von Konstanz ertheilt als päpstlicher Bevollmächtigter unterm 21. Juli 1457 seine Zustimmung [Schr59].

 

 

Alle vorgeschriben gnade, friheit, stuck und artikel
zu ewigen ziten vest und stet zu halten

 

Der Übergang des Patronatsrechts der reichen Pfarreien an die Hohe Schul muss die Stadt Freiburg finanziell schmerzen, doch versteht die Bürgerschaft eine so großartige Stiftung ihrem Werte nach sogleich zu würdigen … Das geht schon aus ihren beträchtlichen Zuschüssen zur Gründung und ihrer andauernden Bürgschaft für die Gehalte der Professoren hervor [Albe25]. Die Vertreter Freiburgs bekräftigen ausdrücklich im Anschluss an den Stiftungsbrief zur Universitätsgründung: Und wir burgermeister, schultheiß und ganzer rat der statt Fryburg im Brißgow bekennen auch für uns, unser gemein und alle unser nachkomen, das dis alles, wie vor hie geschrieben stat (steht), nichts usgenomen, mit unserm guten willen und wissen geschehen ist. Darum g[e]loben wir auch für uns und alle unser nachkomen der statt Fryburg bi guten truen an eides stat alle vorgeschriben gnade, friheit, stuck und artikel zu ewigen ziten vest und stet zu halten, wider die[selben] niemer zu tun noch schaffen oder verhengen, als verr an uns ist, geton werden, alles erberlich, getrulich und ungeverlich; allein uns und unsern nachkomen hierin vorbehalten, ob wir über kurz oder lang umb die obgeschriben stuck, puncten und artikel, ainen oder mer, yemer mit der universitet oder sie mit uns strittig, oder die[selben] gar oder in teil ye nach löufen der zit und gestalt yeglicher sach umb ychzit dheinerlei besserung, endrung, merung oder mindrung notdurftig (notwendig) wurden, des sollen wir und die universitet ye zu ziten uns gütlich mit einander und fruntlich, ob wir mogen, ustragen. Wo wir aber des nit gütlich und fruntlich einig werden möchten, so sollen wir und sie des ye durch unsern gnedigen herrn von Oesterrich etc. oder siner gnoden lantvogt und rät mit einander us notdurftig verhörung noch gestalt anligend yeder sach noch löufen der zit usgetragen, entricht und entscheiden werden, on (ohne) alle argelist und  geverde [Albe23].

 

 

Sapientia aedificavit sibi domum

 

 Albrecht findet in dem Mediziner und Kirchenrechtler Matthäus Hummel (1425-1477) den Mann, dessen er bedurfte, um seinen großartigen Gedanken auf eine entsprechende Weise verwirklicht zu sehen. Er ernannte ihn also den 20. Juni 1455 zu seinem Rath, erhob ihn zu seinem Vertrauten, und übertrug ihm die Aufgabe, die neue Universität in das Leben zu rufen [Schr59].  

 

Hummel wird wie erwartet von seinen Professorenkollegen zum ersten Rektor der Universität gewählt und legt seiner lateinischen Eröffnungsansprache am 26. April 1460 den Spruch Salomons: Sapientia aedificavit sibi domum et excidit in ea columnas septem* zugrunde und führt aus: Alle irdischen Güter verschwinden vor dem Glanz der Weisheit, sie ist die süßeste Harmonie der Seele, sie führt das Richtscheid der Sitten in ihrer Hand, macht uns unsterblich und den Himmlischen gleich. Das Altertum hatte zwar Gymnasien, sie waren aber Übungsplätze des Leibes; die Universitäten dagegen sind Turnhallen der Seele; drum so hoch die Vernunft über der Sinnlichkeit steht, so hoch stehen unsere Anstalten über denen der heidnischen Vorzeit.

*Die hohe Weisheit hat ein Haus sich erbauet, hat ihrer Pfeiler ausgehaun sieben  

 

 Niemand zweifelt ferner, daß das echte Glück des Menschen in der Wirksamkeit seiner bessern und göttlichen Natur besteht, d. h. im Forschen nach Wahrheit. Daher ist auch das Leben an Universitäten unter Studien und Disputationen das beglückendste. Das Schwein verachtet zwar den Edelstein und wühlt im Kote fort; für den Esel hat die süßeste Musik keinen Reiz; aber der bessre Mensch findet sich an den Stätten ein, wo ihm Nahrung für seinen Geist geboten wird.  

 

An den Universitäten bietet die Vergangenheit der Gegenwart die Hand; denn dort werden diejenigen, die Jahrhunderte hindurch im Grabe schliefen, wieder zum Leben erweckt. Halbvermoderte Pergamente, von Mäusen beschmutzt und von Würmern durchlöchert, werden dort aus langer Dunkelheit ans Licht gezogen. Gereinigt werden sie sorgfältig eingebunden und gehörig verziert. Und damit niemand den anderen die Benutzung erschwere, liegen die kostbaren Bücher an Ketten, umgeben von Tischen und Bänken. Dabei versammelt der Lehrer seine Schüler, vor Lust unter diesen Werken weilend, wie der Arzt vor Lust inmitten der Heilmittel weilt, wodurch er die leiblichen Krankheiten austreibt. Ja, an den Hochschulen ist gut Hütten bauen. Denn da ist Morgen und Abend gleich, das ganze Jahr ein Tag; fern bleiben Langeweile und Überdruß. Die Bibliotheken bilden die angenehmsten Spaziergänge, sie sind die blüten- und düftereichen akademischen Fluren. Da sind die Wandelgänge der Peripatetiker, die Hallen der Stoiker, Platos Akademie; da weilt Aristoteles wahrhaftig unter seinen Jüngern [Baum07].

 

 

Die Schelte des Dr. Hummel

 

Damals muss es in deutschen Landen um Bildung und Ausbildung schlecht bestellt gewesen sein, denn der zweite Teil seiner Rede gleicht eher einer Philippika als einer Festansprache.

 

Wie nothwendig hat es die Weisheit, sich heutzutage in den Hochschulen eigene Häuser zu erbauen! Denn zur Schande unseres Geschlechtes ist dieselbe aus dem Privatleben von Laien und Geistlichen beinahe überall verbannt. Ihre Stelle nehmen Vögel, Pferde, Hunde und jene weiblichen Bestien ein, welche der Diener Gottes mehr als Schlangen und Basilisken scheuen sollte, sintemal ihre Kehrseite bitterer ist als Wermut.

 

Anstatt der Bücher findet man in den Gemächern solcher Leute weiche Lotterbecken, silberne Gefäße, kunstreiche Waschbecken, Leiern und Lauten, Würfel und Karten, wie in ihren verzierten Schränken feine Leinwand, kostbare Seidenzeuge und Prunkgewänder; um das Herdfeuer aber der Kleriker springen greinend ihre Kinder, deren Dasein durch keinerlei Winkelzüge sich verbergen läßt.

 

Wie aber steht es mit den Büchern der Geistlichen? Ach die leiden an allen Krankheiten, am Rücken und an den Seiten, und niemand bietet zu ihrer Heilung die Hand. Bald liegen sie gleich Hiob auf Haufen von Unrath; bald sind sie begraben wie Lazarus, aber keine Stimme ruft ihnen zu: Lazare komm' heraus! Läßt sich aber bisweilen ein Kodex ungerufen blicken, so schwört der dumme Petrus, er kenne ihn nicht, und die Dienerschaft schreit: Kreuzige, kreuzige ihn! Ein alter Soldat ehrt doch immer die Waffen, mit denen er gefochten hat; der unwissende Geistliche dagegen veräußert die merkwürdigsten Pergamente um ein Spottgeld an Mahler, Kürsner und Goldschläger, um sie zu Behältern für Armbänder und Halsketten herzurichten, oder er klebt wohl gar mit ihren Blättern Löcher in seinen Fenstern zu.

 

Unbekannt mit den Wissenschaften, verachtet oder beschimpft das Laienvolk deren Freunde und Pfleger. Ist das aber zu verwundern, wenn schon die Knaben nichts Anderes lernen, als fluchen und schwören und unzüchtige Scherze treiben? Wenn die heranwachsende Jugend in keine bessere Gesellschafft kommt, als zur Reitbahn und Jagd, zum Vogelfange und Waffenspiele, wo Derjenige am meisten gilt, welcher sich durch Rohheit, Eitelkeit und Großthuerei auszeichnet? Wie bedauernswerth sind die Älteren, denen eine solche Erziehung ihrer Kinder wolgefällt.

 

Auch in den Klöstern, wo die Gelehrsamkeit einst daheim gewesen, sieht es nicht besser aus, denn Speisen und Getränke, Getraide, Wein und Heerden, die Geldkasse, die Orgel, die Zither und die Gunst der Nonnen sind heutigen Tages die Studien der Mönche. Vorzüglich ist es dreierlei, was sie vom Besuch gelehrter Anstalten fernhält: ihr Bauch, ihre Kleider und ihre Häuser. In ihren Schulen aber lehren sie meistentheils erborgte Weisheit mit thörichtem, theatralischem Lippengeräusch, wie der Papagei fremde Worte nachplappert. Auf solche Weise wird die Heilige Schrift nicht erklärt, sondern vielmehr auf der Gasse mit Füßen getreten.

 

Auf den Adel jedoch fällt die meiste Schuld. Seine Vorfahren haben der Religion und Wissenschaft zahlreiche Zufluchtsorte gestiftet, sich häufig auch selber dem heiligen Dienste gewidmet, wie im alten Griechenlande viele Edlen und Fürsten; heutzutage aber scheinen Unwissenheit und Rohheit ein Erforderniß adeliger Lebensart zu sein. Möchten die Edlen daher zurückkehren zur Tugend ihrer Vorältern und ihre Söhne, anstatt dieselben für das Faustrecht und Räuberwesen zu erziehen, zur Schule schicken, damit sie die Pflege der Tugend und Weisheit erlernen, welche allein den Menschen adelt [Bade82, Klei87].

 

Somit ist Freiburg eine der ältesten österreichischen Universitätsgründungen. Anfänglich unterrichten sieben Professoren 214 Studenten in den damals üblichen vier Fakultäten: Artes oder den sieben freien Künsten*, Theologie, Jurisprudenz und Medizin [Kalc06]. Die Professoren lasen damals den Lehrstoff lateinisch aus den spärlich vorhandenen Büchern vor. Die Studienzeiten sind deutlich kürzer als heute, denn in der Regel erwerben die Studenten bereits nach zwei Jahren den für weitere Studien notwendigen Baccalaureus artium in den sieben freien Künsten. Nach weiteren zwei Jahren schließen sie mit dem Magister in der Artistenfakultät ab. Anschließend promoviert man in der Regel in einer der drei anderen Fakultäten Theologie, Jurisprudenz oder Medizin.

*Das System der freien Künste geht auf den griechischen Philosophen Boethius (480-524) zurück, der das antike Wissen in Grammatik, Rhetorik, Dialektik (Trivium) und Arithmetik, Geometrie Astronomie und Musik (Quadrivium) einteilte [vonM10]

 

Vorlesender Professor

 

 

 

 

Ze leren und ze regiren uffgenommen, bestellt, im glopt

 

 Die Räumlichkeiten des ersten Kollegiums mit dem Sitzungszimmer für den Universitätssenat und dem Karzer an der Ecke Franziskaner- und Merianstraße sind für einen Lehrbetrieb zu beengt. Die Stadt überlässt der Universität den Dechaneihof an der Sattelgasse (der späteren Bertoldstraße), in dem zunächst alle Vorlesungen außer denen der Theologen, die im nahe gelegenen Franziskanerkloster lesen, abgehalten werden. Den Artisten übereignet die Stadt das angrenzende Haus Zum Pfauen, in der die Philosophische Fakultät die Bursa ad Pavonem (Pfauenburse) einrichtet [Kemp57].  

 

Auch wenn der jungen Universität die Pfründen einträglicher Pfarreien überschrieben sind, gestaltet sich die Finanzierung der Hohen Schule anfänglich schwierig. So hat die Stadt häufig einen auswärtigen Gelehrten, ze leren und ze regiren uffgenommen, bestellt, im glopt (ihm gelobt) und versprochen, ihm 20 Gulden Jahresgehalt zu geben [Koll57]. Und noch 1493 erkennt die Universität die finanziellen Leistungen der Stadt an: Uns noch unsern vordem ist nit moglich gesin zuo wissen, us was guot die von Fryburg die doctor unnd meister, so si vor und zuo dem anfang der universitet berufen haben, versolden wolten. Sunder das wissen wir und si mögent das nit abred sin, da si in kraft itzgemelter friheit under irem sigel und mit offenlichen brieften und mit hoher ererbietiing doctor, meister und studenten von den universiteten in hochtutschen landen Heydelberg, Erdfort (Erfurt), Lybs (Leipzig) und Wien beruft und darzuo von Wien und Heydelberg doctor und meister zuo leseren und regierern bestellt, und in sollicher bestellung under der stat (Stadt) sigel sold, behusung und beholznng verschriben habent [Koll57].

 

 

 Dem Universitätsgründer ein Glasfenster in der von der Hochschule gestifteten Kapelle im Münster :

Albertus Archidux
Fundator

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Karl der Kühne 1434 von Rogier von der Weyden (Nationalgelerie Berlin)

Karl der Kühne 1434 von
Rogier von der Weyden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Karls Hut

Der Kapellenkranz im Münsterchor

 

Im Jahre 1471 wird die Bautätigkeit am Münsterchor wieder aufgenommen. Dabei hilft das Geld eines besonderen Ablasses, den Papst Sixtus IV. (1471-1484) für die Jahre 1480 bis 83 gewährt [Kemp25]. Auch wetteiferten wohlhabende Freiburger Familien mit ihren Spenden um die Errichtung der schönsten Kapelle im Kranz des neuen Chores, der im schlanken spätgotischen Stil hochgezogen wird. Die Kirche hat Hochkonjunktur. Allenthalben stürzen sich die Menschen um 1500 mit Leidenschaft und Inbrunst in einen religiösen Leistungsrausch um das Heil ihrer Seele … die Nischen in den Kirchengewölben werden zusätzlich mit gestifteten Altären ausgestattet, vom höheren Bürgertum genauso wie von Handwerkern und ihren zünftlerischen Organisationen … [Goer04]. Die Fertigstellung des Bauwerks selbst zieht sich jedoch in die Länge nicht zuletzt durch Querelen der Stadt mit ihren - von nun an auch namentlich bekannten - Münsterbaumeistern.

 

 

Erzherzog Sigismund der Münzreiche

 

  Im Jahre 1458 hatte Erzherzog Albrecht die Vorlande an seinen Neffen Erzherzog Sigismund abgetreten. Der wird zwar der Münzreiche genannt, ist jedoch wegen seines aufwändingen Hoflebens ständig in Geldnöten. Auch die Schweizerkriege gehen schwer ins Geld, so dass wie zur Zeit der letzten Grafen schließlich die Freiburger zur Kasse gebeten werden. Die folgenden Klagen der Stadt über ihr finanzielles Unvermögen besonders wegen der spürbaren auswärtigen Konkurrenz und des Bevölkerungsschwunds dürften Sigismund kaum beeindruckt haben: Unser merkt gond (gehen) ab, alle gewerb, saltz, ysen, tuch und ander kouff, fronwagen, alle handtwerk und badstuben werden umb uns gemeret (nehmen zu) und mag (kann) sich der gemein man nit enthalten, nieman ziht zu unns, all wochen ziehen lüt von uns [Uebe85].

 

 

Entwicklung oder vielmehr völlige Ausbildung und Einrichtung der Landstände

 

Dagegen erweist sich ein Zusammenschluss von Prälaten, Herren, Rittern und Städten zu Landständen wider die Erhebung des bösen Pfennings als wesentlich wirksamer. Die Städte machen Sigismund unmissverständlich klar, sie hätten den Ertrag des Pfennings zur baulichen Unterhaltung ihrer Thore und Ringmauern nöthig. Von nun an wurde Freiburg der entschiedende Mittelpunkt des staatsbügerlichen Lebens in den österreichischen Vorlanden, und zugleich die Leitung führende Hauptstadt des dritten Standes [Schr25]. 

 

Bei so viel Widerstand resigniert der Erzherzog und sieht sich nach anderen Geldgebern um. Darüber berichtet Leonard Leopold Maldoner: Die Benamsung Landstände ist zu solcher Zeit eingeführt worden, als Herzog Carl von Burgund von Ertzherzog Siegmunden zu Österreich die v. ö. Lande diß- und jenseits Rheins (die Länder im Elsass, den Sundgau mit der Grafschaft Pfirt und den Breisgau) im Jahre 1469 als eine Pfandschafft einbekommen [Well76].

 

 

Der Türk im Occident

 

Dafür erhält Sigismund von Karl dem Kühnen (1467-1477) einen Kredit von 80000 Gulden, der Burgunderherzog dagegen wegen seiner ungebremsten Expansionsbestrebungen den Beinamen der Türk im Occident. In tiefstem Unwillen, sich so ganz zur Waare herabgewürdigt zu sehen, huldigten die Lande auf dem Tage zu Ensisheim dem fremden Fürsten. Dieser setzte ihnen den Ritter Peter von Hagenbach (1420-1474), einen ausschweifenden, harten und ungerechten Mann, der Städten und Edlen Hohn sprach, zum Vogte [Schr25].

 

Weiteren potenziellen  Landgewinn sieht der kühne Karl auch auf Schweizer Gebiet, doch da beißt er sich, wie viele Aggressoren vor ihm, an den entschlossenen Eidgenossen die Zähne aus. Zwar wird Karls Heer ein erlesenes genannt, doch die Offiziere verstanden nicht einmal einer des anderen Sprache. Außerdem war die berühmte burgundische Artillerie unbehülflich und im Gebirg nicht zu gebrauchen. Dagegen hatten die Schweizer vor ihrem Feinde den dreifachen Vorteil voraus, daß sie für ihre Freiheit, für Haus und Heimath stritten, daß sie insgesammt geübt waren und daß sie sämmtlich ausziehen konnten, da sie Alle zum Kampfplatz nicht weit hatten [Schr57].

 

 

Sigmund soll unser Trost seyn

 

Endlich möchten nicht nur die Schweizer, sondern auch der französische König Louis XI (1461-1483) in eigenem Interesse eine Ausweitung Burgunds verhindern. So vermittelt Louis 1474 eine Aussöhnung zwischen Sigismund und den Eidgenossen, nachdem er zuvor die beiden Parteien geschickt Louis XI und Karl der Kühne auf einer französischen Briefmarkegegeneinander ausgespielt hatte. Der Vertrag genannt Ewige Richtung wird in Konstanz verhandelt und besiegelt. Darin wird eine Allianz gegen Karl den Kühnen geschmiedet und Frieden zwischen den Schweizern und den Habsburgern, die sich fortan auf das nördliche Rheinufer zurückziehen, geschlossen.  

 

 

Louis XI und Karl der Kühne

 

Ein Jahr später 1475 erneuern die breisgauischen Städte Freiburg, Breisach, Neuenburg und Endingen zu weiterem Schutz und Trutz ihren Bund der Freundschaft und Einigung, der durch Veränderung und Übergabe dieser Lande zertrennt worden, damit sie desto friedlicher und besser bei ihrer Herrschaft bestehen möchten [Schr57]. Auch hatten die Städte sich indessen beeilt, das Lösegeld zusammenzubringen, und den Pfandschilling zu Basel niederzulegen.  

 

Der Herzog war aber keineswegs geneigt, den so glücklich gewonnenen Schlüssel Deutschlands wieder hinzugeben, und ließ sich daher vor Allem des festen Breisach versichern. Peter von Hagenbach zog daselbst ein mit achthundert fremden Söldnern, Lombarden und Franzosen; die Bürger wagten es noch nicht, offenbaren Widerstand zu leisten. Als aber neue Ausschweifungen ihren Haß aufs Aeußerste steigerten, gelang es ihnen, was die Freiburger schon früher versucht hatten, in einem plötzlichen Aufstande den Landvogt zu ergreifen, und seine Söldner zu verjagen. Wenige Stunden brachten die freudige Nachricht davon nach Freiburg und Basel, Erzherzog Sigmund kehrte wieder in seine Lande zurück, und wurde, des schmählich gebrochenen Wortes unerachtet, überall wie ein geliebter, langersehnter Vater aufgenommen. Auch in Freiburg kam er in den Ostertagen; da sangen ihm die Kinder auf den Straßen entgegen: Christus ist erstanden, der Landvogt gefangen, deß wollen wir alle froh seyn, Sigmund soll unser Trost seyn; Kyrie eleison u.s.w. So trägt ein gutes treues Volk den Glanz seiner eigenen Thaten auf seinen Herren hinüber, und verehret ihn, wenn es ihn in demselben verklärt erblickt [Schr25].

 

 

Lob hör ich Friburg jechen

 

In der Folge müssen wieder Freiburger auf Seiten der Habsburger in den Krieg ziehen, deren Fähnlein der Freiburger Dichter Veit Weber wie folgt besingt:

 

Lob hör ich Friburg jechen [sagen],
Die wahrend gar wolgemut;
Man hat sie gern gesechen
[gesehen]:
Ihr harnesch der was gut.
Es was gar eine hübsche schaar,
Wo sie im volk umbzugen:
Man nahm ihr eben wahr
[Albe24].

 

 

Der Tod Karls des Kühnen und das Ende von Burgund

 

 Zu Breisach fiel bald darauf des Landvogts Haupt durch richterlichen Spruch*, und eine der mächtigsten Kriegsflammen schlug empor. Der Herzog von Burgund gerieth ausser sich vor Wuth, und schwor, alles eher als die Rache hinzugeben [Schr25]. 

* Er wurde in Breisach auf dem Anger vor dem Kupfertor enthauptet

 

Burgunderblutalge im Flückingersee bei Freiburg im Frühjahr 2011 (Photo Badische Zeitung). Angeblich trat sie zuerst 1476 auf, als die Eidgenossen die blutenden burgundischen Truppen in den Murtener See trieben.

 

 

Gegen eine verbündete Übermacht steht Karl der Kühne bald mit dem Rücken zur Wand. Er verliert am  2. März 1476 in der Schlacht bei Grausen (Grandson) zunächst seinen Hut und im gleichen Jahr am 22. Juni bei Murten (Morat) sein Gut, was sich in einer alten Chronik wie folgt liest: Unn nach dem Hertzog Karlen die zwo schlachten zu Gransee und Murten verlor/ namen die Eydtgenossen das gantz land wider ein unn brandschatzten es.

 

Damit nicht genug, denn im  Folgejahr, als der Herzog in einem letzten Kraftakt alles auf eine Karte setzt, verliert er am 5. Januar 1477 in der Schlacht von Nancy auch noch sein Blut [Kort].

 

 

Fortes bella gerant, tu felix Austria nube!

 

 Kaum ist Karl unter der Erde, beginnt der Streit zwischen den Häusern Valois und Habsburg um des Kühnen Erbe. Erzherzog Maximilian (1477-1519), durch die Vermittlung seines Vaters Kaiser Friedrichs III. mit Karls Tochter Maria (1457-1482) verheiratet, ergattert im Frieden von Senlis den Löwenanteil bestehend aus den Niederlanden, Luxemburg und der unter französischer Lehenshoheit stehenden Freigrafschaft Burgund, der Franche Comté. Einzig die Picardie und die Bourgogne fallen an Frankreich. Bei dieser ungleichen Teilung fühlt sich das Haus Valois über den Tisch gezogen. So legt der Friedensvertrag zu Senlis bereits den Keim der Jahrhunderte währenden Fehde zwischen Frankreich und dem Hause Habsburg.

 

Der letzte Ritter: Maximilian

 

 

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Freiburgs Grafen

 

 

 

 

Später als Kaiser erwirbt Maximilian durch geschickte Heiratspolitik noch die Herrschaft über Spanien, Neapel, Böhmen und Ungarn. Der ungarische König Mathias Corvinus (1458-1490) goss diese Erfolge in folgendes Motto: Fortes bella gerant, tu felix Austria nube*

*Frei übersetzt: Was And're sich blutig erringen durch Waffen, weißt Östreich durch Heurat sich still zu verschaffen [Bade82]

 

Burgund von 1363 bis zur Teilung im Jahre 1477 [Kind98]

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