Sturm auf die Bastille

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Joseph Thaddäus von Sumerau

Regierungspräsident Joseph Thaddäus von Sumerau

Freiburgs Geschichte in Zitaten

1789

 

Allons enfants de la patrie ...

 

 Die Urgewalt der französischen Revolution macht alle Bemühungen Österreichs um eine Verständigung mit Frankreich zunichte.  Als die Kunde vom Aufstand in Paris nach Weimar dringt, schreibt Karl Ludwig von Knebel an seine Herzogin Anna Amalia: Uns alle reizt jetzt das grosse Schicksal von Frankreich. In der Tat setzt dieses der Aufklärung und den Fortschritten dieses Jahrhunderts gleichsam die Krone [?] auf ... Frankreich wird dadurch die Erste Nation der Welt.

 

Aquarell Goethes eines Freiheitsbaums in den Farben der Republik und einem kleinen orthographischen Fehler: Passan[t]s cette terre est libre*.

* Vorbeigehende, dieses Land ist frei

 

In leidenschaftliche Begeisterung jubelt Klopstock: Frankreich schuf sich frei [Sall09]. Hegel, Hölderlin und Schelling pflanzen in Tübingen einen Freiheitsbaum und umtanzen ihn, revolutionäre Lieder singend [Crai93]. Goethe dagegen pflanzt nicht, sondern malt auf dem Rückzug von der misslungenen Campagne in Frankreich im 1. Koalitionskrieg den Freiheitsbaum, der als Beutegut im Innenhof der Trierer kurfürstlichen Residenz lagert, und setzt ihn in eine idyllische Landschaft.

 

Heine mag daran gedacht haben, wenn er rund 50 Jahre später über den Einfluss der Texte des Meisters auf die revolutionäre Gesinnung der Deutschen schreibt: Die Goetheschen Meisterwerke zieren unser teures Vaterland, wie schöne Statuen einen Garten zieren. Man kann sich darin verlieben, aber sie sind unfruchtbar. Die Tat ist das Kind des Wortes, und die Goetheschen Worte sind kinderlos.

 

Viele Deutsche, die sich bisher mit ihrer teutschen Freyheit gegenüber dem angeblich so versklavten Frankreich über die machtpolitische Ohnmacht des Reiches hinweggetröstet hatten, sind angesichts des Freiheitsrausches im Nachbarland verunsichert, verstehen die Welt nicht mehr. Bewunderung macht sich breit. Plötzlich erinnert man sich gemeinsamer germanischer Wurzeln:

 

Die Edlen, die nicht mehr an alter Seuche Kranken,
Nennt nicht Franzosen mehr! Sie heißen edle Franken!
Begriff und Wort Franzos ist nur für das geprägt,
Was noch im Mund und Schoß die alte Seuche hegt!
[Schm99].

 

Wie steht es denn wirklich um die vielbeschworene teutsche Freyheit? Friedrich Karl von Moser hatte 1785 erkannt: Jede Nation hat ihre große Triebfeder. In Deutschland ist's Gehorsam, in England Freiheit, in Frankreich die Ehre des Königs [Crai82]. Nun ist im Nachbarland die Ehre des Königs dahin.

 

 

 Gewalt statt Recht

 

Im März 1791 tritt der neue österreichische Regierungspräsident Joseph Thaddäus Sumerau, Neffe des ersten Statthalters in den Vorlanden Anton Thaddäus Sumerau, in Freiburg sein Amt an. Er fürchtet ein Überschwappen der Ideen zur Befreiung von Absolutismus und Feudalismus über den Rhein, doch kann er bald nach Wien melden, dass die Untertanen im Ganzen vollkommen ruhig seien und keine Lust zur französischen anarchischen Freiheit hätten [Quar02]. Vorsichtshalber jedoch lässt Sumerau von der Kanzel des Münsters eine öffentliche Warnung verkünden: dass aus getreuen ruhigen Unterthanen und Hausvätern wie im Elsaß und in einigen anderen daran stoßenden französischen Ländern wirklich geschehen ist, Rebellen, Diebe und Mörder geworden sind, die den Gehorsam gegen ihre rechtmäßigen Obrigkeiten abwerfen und Gewalt anstatt Recht gebrauchen.

 

Man schätzt, dass damals bis zu 150000 Bürger aller Bevölkerungsschichten vor der Revolution über den Rhein flohen. Alle Personen, die aus Frankreich nach Freiburg kommen, sind den Behörden verdächtig  Einem Monsieur Dandrée wird vorgeworfen, die Unterthanen diesseits des Rheins zum Aufstand zu bewegen. Zu dessen Erzielung wolle er Elsässer und Lothringer gebrauchen, welche Deutsch sprechen und sich als arbeitssuchende Handwerksburschen ausgeben oder zu den Truppen anwerben lassen.

 

Sumerau führt in den Vorlanden die Zensur wieder ein, kann aber das Einschleusen revolutionärer Schriften nicht unterbinden. Deshalb schreibt er an den Außenminister Johann Ludwig Graf von Cobenzl nach Wien: Ein Reichsgesetz muß der leidigen Preßfreiheit und dem unseligen Illuminatentum die schärfsten Schranken setzen, sonst helfen alle einzelnen Anordnungen und Bücherverbote etc. nichts [Quar02].  

 

 

Johann Georg Jacobi

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Letzte habsburgische Nobilitierung und Wappen

für den Rektor der Freiburger Universität

Johann Maria  Weissegger vom 9. Oktober 1804

Ein pur Poet und Belletriste und ein dummes Organ

 

Schließlich verdächtigt man sogar hochangesehene Bürger als angebliche Sympathisanten der Revolution, wie den Professor der schönen Künste Johann Georg Jacobi. Der hatte 1792 als Rektor der Universität an den französischen Nationalkonvent geschrieben und um die Erhaltung der Universitätsbesitzungen im Elsass gebeten. Regierungspräsident Sumerau verbietet die Absendung der Denkschrift, enthält sie doch zuviel Kriechendes und für die gegen alle vernünftigen Maximen handelnde französische herrschende Volksparthey zu viel Lob und gleichsam Beyfall ihrer Abscheu erregenden Handlungen [Quar02]. Er schreibt über Jacobi nach Wien: Er ist ein pur Poet und Belletriste und ein dummes Organ des bekannten markgräflich badenschen Hofrats Schlosser, welcher sich unter andrem vorzüglich durch seine demokratischen Gesinnungen bey seinem Hof verhaßt machte ... Ich wünschte auch, Jacobi wäre mit seiner Ästhetik in Halberstadt verblieben: das Land und die hiesige Universität hätten wenig dabey verloren, ausgenommen, daß letztere über einen Toleranzakt weniger sich hätte rühmen können.* Noch scheint mir, könnte man ihn entbehren: diese Erspahrniß für die hiesige Universität dörfte ganz am rechten und unschädlichen Platze seyn. Es würde auch jemand unter den hiesigen Professoren sich vorfinden, welcher über das Schöne den Studenten etwas aus einem Buche vorlese und sie Lateinisch lehrte ... Weit entfernt aber bin ich zu wünschen, daß Jacobi soldungslos werden möchte. Er könnte an einer anderen Universität ... angestellt werden. Wo er aber hinkäme, wäre er zu beobachten, damit er seinen Schülern kein Freiheitsgift beibrächte [Quar02].

*Die Aufnahme des Protestanten Jacobi im Lehrkollegium

 

 

Am meisten zu Revolutionen des Geistes aufgelegt

 

Über den Einfluss der französischen Revolution schreibt der Professor für Naturgeschichte in Halle Johann Reinhold Forster Ende Juli 1798: Unsere deutschen Fürsten wollen von den Anstrengungen der französischen Nation, die Freiheit zu gewinnen, nichts hören, und sie fürchten, dass diese Denkungsart sich auch in Deutschland ausbreiten könnte [Sall09]. Der Jenaer Philosoph Carl Leonard Reinhold beruhigt die Obrigkeiten jedoch mit einem schlagenden Argument: Teutschland ist unter allen übrigen europäischen Staaten am meisten zu Revolutionen des Geistes, am wenigsten zu politischen aufgelegt. Goethe meint, dass man in Deutschland künstlicherweise ähnliche Szenen herbeizuführen trachte, die in Frankreich Folge einer großen Notwendigkeit waren [Crai93]. So sieht auch Kaiser Leopold II. (1790-1792) im fernen Wien keine Gefahr, da unsere Nation ...  weder so verdorben, noch so gedrückt, noch so enthusiastisch ist [Haum01].

 

 Wo sie Recht haben, da haben sie Recht. Zwar gibt es in deutschen Landen wie in Frankreich die über Jahrhunderte gewachsenen Dreiständegesellschaft, doch die bekannten Reformen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch aufgeklärte Fürsten wie etwa in Preußen und Österreich hatten eine Menge sozialen Zündstoff beiseite geräumt. Trotz der Teilsäkularisierung des Kirchenbesitzes ist im Breisgau der erste Stand auf Grund seines Reichtums - man denke an den Besitz der Klöster St. Peter, St. Blasien und St. Trudberg - der bedeutendste. Zwar verfügt der alte Reichsadel derer von Andlaw, Pfirt, Reich und Schönau ebenfalls über zum Teil große Ländereien, klagt aber wie schon im Mittelalter über hohe Steuern und Abgaben. Zum zweiten Stand zählen sich auch die durch die großzügige Nobilitierungspraxis der Habsburger geschaffenen wenig besitzreichen neuen Ritter derer von Fahnenberg, Greiffenegg oder Rotteck, unter denen die Habsburger ihre treuen Staatsdiener rekrutieren. Sie geben als Verwaltungsbeamte, Juristen und Universitätsprofessoren der Gesellschaft ein festes Gerüst. Als dritter Stand ist die Bürgerschaft, in den Zünften wohl organisiert, zu Wohlstand gekommen. Den Handwerkern und Kaufleuten ist wenig an revolutionären Neuerungen gelegen. Bleiben die Bauern, die zwar immer noch in der Abhängigkeit der kirchlichen und weltlichen Grundbesitzer leben, denen aber mit der Aufhebung der Leibeigenschaft ein Hauptargument ihrer Erhebungen in der Reformationszeit abhanden gekommen ist.

 

 

Karikatur auf den Freiheitsbaum:

Nau wie soll mir's gefallen, s'is außer a Baeumche ohne Wurtzel, un a Kaepla ohne Kopf.

 

Wer beschützt die Menge gegen die Menge?

 

Während die deutschen Philosophen Kant, Fichte und Hegel die Gedanken der französischen Revolution auch noch 1792 nach den Meldungen über die Schreckensherrschaft in Paris unterstützen, wenden sich Schöngeister wie Klopstock, Wieland und auch Goethe angeekelt ab. Unser Nationaldichter warnt und mahnt in seinen Venezianischen Epigrammen:

 

Frankreichs traurig Geschick, die Großen mögens bedenken
Aber bedenken fürwahr sollen es Kleine noch mehr.
Große gingen zugrunde: doch wer beschützte die Menge
Gegen die Menge? Da war die Menge der Menge Tyrann.

 

Immerhin erhofft sich Hölderlin positive Entwicklungen für die Zukunft: Ich glaube an eine künftige Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, die alles Bisherige schamrot machen wird. Und dazu kann Deutschland vielleicht sehr viel beitragen. Je stiller ein Staat aufwächst, um so herrlicher wird er, wenn er zur Reife kömmt. Deutschland ist still, bescheiden, es wird viel gedacht, viel gearbeitet, und große Bewegungen sind in den Herzen der Jugend, ohne daß sie in Phrasen übergehen wie sonstwo. Doch dann stellt er in Bezug auf seine Landsleute resigniert fest:

 

Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsch und Sporn
Auf dem Ross von Holz mutig und groß sich dünkt,
Denn, ihr Deutschen, auch ihr seid tatenarm und gedankenvoll.
Oder kömmt, wie der Strahl aus dem Gewölke kömmt,
Aus Gedanken die Tat? Leben die Bücher bald?
[Crai93]

 

 Auch für den Historiker Georg Gottfried Gervinus - einer der sieben Göttinger Professoren, die 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung in hannöverschen Landen protestierten - haben Bücher einen negativen Einfluss auf den revolutionäre Tatendrang der Deutschen: Das Leben hat sich bei uns gleichsam in die Bücher zurückgezogen, und unsere Bücher wissen vom wirklichen Leben wenig oder nichts. Seit Jahrhunderten haben wir das Handeln vergessen, und in einem Reich der Ideen gelebt ... Wir vergraben uns in ein süßes Spiel mit Empfindungen, in ein selbstgefälliges Spiel mit Gedanken, in ein genial geltendes Spiel mit Leidenschaften, um nur nichts mit der Thätigkeit und mit dem handelnden Leben zu tun haben zu müssen [Crai93].

 

Napoleon urteilt militärisch knapp: Die Deutschen machen keine Revolution. Sie sind nicht Mörder genug [Fisc06].

  

 Schließlich hat Lenin uns Deutschen die Fähigkeit zur Revolution ganz abgesprochen: Wenn die Deutschen auf dem Bahnhof Revolution machen wollen, kaufen sie sich vorher eine Bahnsteigkarte.

Kurfürst und

Erzbischof von Köln

 

 

Trotzdem macht sich der Reichstag von 1791 große Sorgen wegen der Verbreitung aufrührerischer Schriften. Kurköln empfiehlt den Ständen, daß gegen alle Franzosen und Deutsche, welche die demokratischen Grundsätze öffentlich oder heimlich ausbreiten würden, nach Beschaffenheit der Umstände mit Leibs- und Lebensstraf verfahren werden soll, zu welchem Ende alle dergleichen Grundsätze enthaltenden Bücher zu verbieten und von den Ortsobrigkeiten zu confizieren seyn [Schm99].

 

 

Besorgt um ihre eigene Herrschaft
intervenieren die absoluten Herrscher Mitteleuropas

 

In der Pillnitzer Deklaration von 1791 stellen Österreichs Leopold II. und Preußens Friedrich Wilhelm II. eine Intervention in Frankreich zugunsten einer den Rechten des Souveräns und den Interessen der Nation gleichmäßig angemessenen monarchischen Regierung in Aussicht, was eine Kriegserklärung Frankreichs an Österreich zur Folge hat [Ploe98]. Plötzlich sind die habsburgischen Besitzungen am Oberrhein direkt bedroht, denn der Forderung des französischen Journalisten und Führers der Girondisten Jacques Pierre Brissot vom Dezember 1791 nach einem Kreuzzug für die Freiheit der Welt folgt der Nationalkonvent mit dem Beschluss vom Dezember 1792 [Otto09]. Danach gehört es zu den Kriegszielen der französischen Republik nicht nur,  natürlichen Grenze Frankreichs zu machen, sondern auch die Errungenschaften der Revolution in anderen Ländern Europas durchzusetzen. Der Freiburger Regierungspräsident Sumerau wendet sich direkt an den Kaiser: Mir blutet das Herz, wenn ich denke, dass diese guten, treuen Untertanen dem Raub und Mord ihrer Nachbarn, dieser Kannibalen, ausgeliefert werden sollen [Kage81]. Zur Abwehr und moralischen Stärkung schmiedet man in deutschen Landen markige Verse:

 

Hört Franken, Frankenclaven, wir sind frey;
Wir hassen Mord und Tyranney ...
Für Gott und Herrn, für Weib und Kind,
Für Haus und Hof die unser sind,
Ziehn mutig wir das Schwerd,
Und unsre treue Bürgerhand,
Kämpft mannhaft für das Vaterland
Und unsern eignen Herd
[Schm99].

 

Doch die darin ausgedrückte Hoffnung, dass die ganze teutsche Nation nunmehro en masse sich zu erheben anfange erfüllt sich nicht. In Schwaben kommt es 1791 sogar zu einem Boykott des Landvolks: Wenn ihr aufgefordert werdet wider Frankreich in's Feld zu ziehen, so stellet keinen Mann, kein Pferd, leistet keine Fourage und keinen Vorspann; denn ihr würdet nur dem französischen Adel zuliebe euere Söhne zur Schlachtbank führen [Bade82].

 

Da nützt auch die Freiburger Aufklärungsbroschüre: Ernste Winke an die Deutschen zur Vertheidigung der Rheinufer wenig, in der vor Frankreichs beyspielloser Sittenverderbniß, Umsturz der Religion, Unsicherheit des Eigenthums und der Personen nebst allen übrigen schreckenden unseeligen Folgen der gewaltsamen französischen Staatsumwälzung gewarnt wird [Haum01]. So bleibt selbst im besonders gefährdeten Breisgau die Volksbewaffnung in den Anfängen stecken, zumal man in Wien von solchen Plänen erst gar nichts hören möchte.

 

 

1. Koalitionskrieg (1792 - 1797)

 

Als Leopold II. im Jahre 1792 stirbt, wird eilig sein Sohn Franz zum deutschen Kaiser gewählt. Goethe sieht in der Krönungsfeier Franz' II. am 14. Juli (sic!) ein wenig zeitgemäßes Kostümfest und angesichts der politischen Lage den Kaiser nur als Gespenst Karls des Großen [Heim04]. Im Freiburger Münster findet ein Dankopfer statt.

 

Schnell wollen die beiden deutschen Großmächte im 1. Koalitionskrieg, dem Spuk im Nachbarland ein Ende bereiten. Sie erwarten von dem Heer der Sansculottes keinen Widerstand und sprechen von einem Spaziergang nach Paris, doch bereits nach der berühmten Kanonade von Valmy ist der Elan der schlecht organisierten und mangelhaft versorgten Verbündeten dahin. Goethe, der als eingebetteter  Berichterstatter über die Kampagne in Frankreich seinem Herzog Carl August gefolgt ist, muss schließlich vom Rückzug der Alliierten berichten. Als er mit seinem Pferd fast im Schlamm versinkt fehlen selbst ihm die Worte, wenn er an seinen Lebensgefährtin Christiane schreibt: Das Elend, das wir ausgestanden haben, lässt sich nicht beschreiben. Ich für meinen Person singe den lustigsten Psalm Davids dem Herrn, daß er mich aus dem Schlamme erlöst hat, der mir bis an die Seele ging [Safr09]. Herdern schildert er den Feldzug als einen bösen Traum, der mich zwischen Koth und Noth, Mangel und Sorge, Gefahr und Qual, zwischen Trümmern, Leichen, Äsern und Scheishaufen gefangen hielt. In diesem bösen Traum erkennt unser Nationaldichter aber auch die historische Bedeutung der Ereignisse, obgleich er seinen berühmten Satz: Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen, erst 30 Jahre später in seinem Bericht über die Campagne in Frankreich formuliert hat.

 

Auf dem Rückweg von diesem Desaster nach Weimar muss Goethe während eines Besuchs beim Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi in Pempelfort in der Nähe Düsseldorfs feststellen: Die französische Revolution infiziert bereits die gebildeten Schichten.

 

Ähnlich wie andere rechtsrheinische Städte ist auch Düsseldorf von französischen Emigranten überlaufen. Dort besucht Goethe mit Pempelforter Freunden die Kunstakademie und sieht Lafayettes und Mirabeaus Büste, von Houdon sehr natürlich und ähnlich gebildet, ... hier göttlich verehrt, jenen wegen seiner ritterlichen und bürgerlichen Tugenden, diesen wegen Geisteskraft und Rednergewalt. So seltsam schwankte schon die Gesinnung der Deutschen; einige waren selbst in Paris gewesen, hatten die bedeutenden Männer reden hören, handeln sehen und waren, leider nach deutscher Art und Weise, zur Nachahmung aufgeregt worden, und das gerade zu einer Zeit, wo die Sorge für das linke Rheinufer sich in Furcht verwandelte.

 

Indessen das Unheil der französischen Staats-Umwälzung, sich immer weiter verbreitend, jeden Geist, er mochte hin denken und sinnen, wohin er wollte, auf die Oberfläche der europäischen Welt zurückforderte und ihm die grausamsten Wirklichkeiten aufdrang ... wird aus der Furcht Angst ... und nun erwartete man mit Entsetzen die Kriegsläufe schon wieder in den Niederlanden, man sah das linke Rheinufer und zugleich das rechte bedroht.

 

 In der Tat. Französische Revolutionsheere nehmen die österreichischen Niederlande (Belgien) sowie Savoyen ein, dringen an den Rhein vor, besetzen Worms, Speyer, Frankfurt und gründen auf dem Boden des geistlichen Kurfürstentums die Mainzer Republik. Mit dem Einfall der Revolutionsheere in Deutschland hört man jetzt andere Töne als noch im Jahre 1791: Der Beobachtung des denkenden Deutschen sei es vorbehalten, aus fremder Verwirrung die heilsame Lehre zu ziehen, sein Vaterland vor der ansteckenden Seuche jener grausamen Staatsumwälzung mit Rath und Tath zu schützen, deren Folgen kein menschlicher Verstand zu berechnen vermag [Bade82]. Den vorrückenden Girondisten droht der inzwischen greise Johann Wilhelm Ludwig Gleim:

 

Laßt uns den Rhein, Ihr Allesnehmer!
Wo nicht, so habt ihr neuen Krieg!
Und dann, und dann, so sind wir Schwärmer,
Und unser ist der letzte Sieg! ...
Und setzt dem Frieden weiter keine
So kriegerische Hindernis!
Wo nicht, so nehmen wir die Seine
Zur deutschen Grenze, seid gewiß!
[Schm99].

 

Schiller hat derweil eine Vision, wenn er 1793 angesichts des jakobineschen Terrors in Frankreich zu einem Freunde bemerkt: … das einzige Heil der Nation wird sein, daß ein kräftiger Mann erscheine, er möge herkommen, woher er wolle, der den Sturm beschwöre, auch wenn er sich zum unumschränkten Herrn nicht nur von Frankreich, sondern auch von einem Teil von dem übrigen Europa machen sollte [Schu02].

 

 

Die Stadt Breisach hat aufgehört zu bestehen

 

Wegen der bedrohlichen Lage treten der antifranzösischen Koalition Großbritannien, Holland, Spanien, Sardinien, Neapel, Portugal und das Deutsche Reich bei. So kommt es zu einer kurzfristigen Rückeroberung der Niederlande durch die Alliierten. Doch da schreitet das Revolutionsregime zum levée en masse und das Kriegsglück wendet sich wieder. Bombadierung Breisachs durch französische RevolutionstruppenSo nehmen die Franzosen nach einer Kanonade vom 15. bis 19. September 1793 des Reiches Schlüssel Alt-Breisach ein.  Eine Schweizer Zeitung meldet: Die Stadt Breisach hat aufgehört zu bestehen. Der republikanische Blitz hat sie vernichtet. 577 Häuser, die 2700 Einwohnern als Wohnungen dienten. sind verschwunden [Auss08].

 

Beim Bombardement Breisachs durch französische
 Revolutionstruppen wird die Stadt vollständig zerstört

 

 

Angesichts dieser Katastrophe veröffentlicht Regierungspräsident Sumerau einen Aufruf zur Unterstützung der verunglückten Bewohner von Altbreisach: Durch den unmenschlichen Plan der Franzosen ist die Stadt Altbreisach vom 15ten bis 19ten dies Monats durch ununterbrochenes und heftiges Bombardieren in Schutt und Asche gelegt worden. Aller Widerstand der kaiserlichen Truppen war fruchtlos. Zwar bestrebte man sich von einer Schanze in der Stadt und von der Batterie auf dem Ekhardsberg durch unaufhörliches Feuer die feindlichen Batterien zu zerstören und ihre Kanonen zum Schweigen zu bringen; aber das feuerfeste Fort Mortier trotzte jedem Bestreben der kaiserlichen Artillerie, und der ruhmwürdigen Standhaftigkeit der übrigen Mannschaft. Retten konnten die armen Bewohner, außer ihrem Leben nichts mehr; denn die Zerstörung geschah zu unvorhergesehen, zu plötzlich! Sie suchten die Ihrigen, zerstreut durch Kugeln, Bomben und Flammen, und fanden sie betäubt, zusammengeworfen vom Unglück – sie flohen zu den benachbarten Orten und flehten um Obdach, um Nahrung und Kleider.  

 

Man bat um milde Beiträge; aber zu gleicher Zeit nahm das Unglück der Kehler* das Mitleid fast noch mehr in Anspruch [Auss08].

*Die Bewohner Kehl erleiden ein ähnliches Schicksal wie die Breisacher  

 

 

Söldnerarmeen gegen soldats-citoyen

 

Während das im schweizerischen Arlesheim residierende Basler Domkapitel wegen des wenig katholischen Benehmens der Revolutionsarmee und der Drohung der Kirchenschließung bittet, wieder im Freiburger Münster Messe lesen zu dürfen, lässt Sumerau angesichts der gewachsenen französischen Bedrohung Freiburgs im Herbst 1792 die vorderösterreichische Verwaltung und die Justizbehörden nach Konstanz verlegen. Er selbst bleibt in Freiburg, um die Oberaufsicht über die Verteidigungsanstrengungen zu behalten. Im Dezember 1793 bildet sich in der Stadt ein Freiwilliges Bürger-Ehrencorps [Kalc06].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Magistratsrath Franz Xaver Caluri Obristlieutenant u. Comandant der Freiburger Freiwilligen

1794-1800

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Franzosen Schreck Erzherzog Karl,

ein Bruder Kaiser Franz'

 

 

 

 

 

 

 

 

Louis XVI

 

 

Die Söldnerarmeen der Alliierten sind dem Volksheer der Soldats-Citoyen nicht nur zahlenmäßig, sondern auch ideologisch unterlegen. Besonders in Preußen, welches sich im Osten durch die Dritte Polnische Teilung vergrößert, ist die Verteidigung des maroden Reiches im Westen unpopulär, denn man erkennt gegen die französische sans culotte ist kein Militair, nur die Masse der Nation ... erforderlich. Aus dieser Erkenntnis zieht man aber militärpolitisch keine Konsequenzen, was sich elf Jahre später bei Jena und Auerstedt rächen sollte. Die preußischen Finanzen sind erschöpft, und so reduziert Friedrich Wilhelm zunächst seine Rheinarmee auf 20000 Mann. Anschließend verlangt er, dass das Reich die verbleibenden Kriegskosten übernimmt, eine Forderung die Kaiser Franz empört ablehnt. So scheidet Preußen am 5. April 1795 aus der antirepublikanischen Koalition aus und schließt mit Frankreich den Sonderfrieden zu Basel. In dem Vertrag begeht Preußen Verrat am Reich, indem es der Abtretung aller linksrheinischen Gebiete an die Republik zustimmt.

 

 

Qu'est-ce que c'est que ce petit coin du Brisgau vis-à-vis du reste de la monarchie!

 

Als 1795 sich die österreichischen Truppen aus dem Breisgau zurückziehen, protestiert Sumerau im Interesse des nun militärisch gefährdeten Breisgaus energisch bei Außenminister Franz Maria von Thugut. Der ist drob arg verstimmt und rastet aus: C'est une étrange prétention que celle que S. M. détermine les grandes mesures de sa politique et de ses opérations militaires d'après les convenances de la présidence de Fribourg, et qu'elle mette Mr de Sumeraw dans la confidence de ses projets, pour qu'il puisse juger et dire son avis, si ces projets peuvent s'accorder avec les interêts des habitants du Brisgau. Mais mon Dieu! Qu'est-ce que c'est que ce petit coin du Brisgau vis-à-vis du reste de la monarchie! Et si l'empereur voulait demander successivement les chefs de ses provinces sans doute bien autrement considérables, sur ce qu'il a à faire, où en serait S. M.*[Quar02].

*Es ist eine seltsame Überheblichkeit anzunehmen, dass SM die großen Linien seiner Politik und seiner militärischen Operationen nach dem Belieben der Freiburger Präsidentschaft ausrichtet und Er Herrn von Sumerau ins Vertrauen seiner Vorhaben zieht, damit der darüber urteilen und seinen Meinung geben kann, ob diese Vorhaben mit den Interessen der Bewohner des Breisgaus übereinstimmen. O mein Gott! Was hat denn das stille Örtchen Breisgau für eine Bedeutung gemessen an der gesamten übrigen Monarchie. Und wenn der Kaiser die Chefs seiner Provinzen, die ohne Zweifel in anderer Hinsicht bedeutend sind, nacheinander fragen würde, was er tun soll, wo wäre SM dann.  

 

Die Entblößung des Breisgaus von österreichischen Truppen bleibt nicht folgenlos. Anfang Juli 1796 gehen die Franzosen unter General Jean-Victor Moureau mit 32000 Mann bei Straßburg über den Rhein. Der badische Markgraf Karl Friedrich flieht auf Einladung des preußischen Königs nach Ansbach.

 

 

Freiburg kämpft für Kaiser und Vaterland

 

Die von Norden in den Breisgau eingedringenen französischen Truppen treffen auf den erbitterten Widerstand der Bürgermilizen bei Wagenstadt und Tutschfelden unter dem Maior und Magistratsrath Franz Xaver Caluri und Sumeraus Schwager General Max Freiherr von Duminique, einem Franzosen mit royalistischer Gesinnung. Auch wenn er an den Folgen eines Schlaganfalls leidet, gibt er nicht auf: Mein Kopf ist geschwächt, meine Hand zittert häufig, aber mein Herz schlägt doch mit Kraft [Bade82].

 

Nach anfänglichen Erfolgen der Milizen: Victoria! die [französischen] Patrioten sind geschlagen. Unsere Freiwilligen feuerten wie Höllenschlünde, machten Gefangene und Todte genug. [Die Freiburger] fochten wie die Löwen und ihre Gesichter waren vom Pulverdampfe ganz geschwärzt [Bade82] nehmen die Revolutionstruppen Freiburg ein. Auf einer Tafel, die heute noch am Martinstor hängt, bescheinigt Caluri seinen Truppen den heldenhaften Widerstand. Ein wohl seltener Fall, dass ein General seinen Truppen ein Denkmal setzt.

 

 

In einer Erklärung des französischen Kommandanten General Mengaud vom 19. Hitzemonat im 4. Jahre der Republik an den Stadtrat heißt es: Wenn unsere siegreichen Waffen die Provinzen von Deutschland durchziehen, so geschieht dies nur, um Europa den Frieden zu geben. Seien Sie versichert meinen Herren! die französischen Republikaner sind und werden sein Ihre wahren Freunde [Rieg23]. Alles nur Lippenbekenntnisse, denn in Freiburg haust eine ungezügelte Soldateska und den Truppen auf dem Fuß folgt Monsieur Parcus, directeur général des revenue du pays conquis sur la rive droite du Rhin als Administrator, der auch gleich seinem Titel gemäß dem Breisgau die ungeheure Summe von 1,5 Millionen Livres abverlangt [Bade82].

 

 

Der Franzosen Schreck

 

Da marschiert nach dem Entsatz von Mainz, Mannheim und Philippsburg der Franzosen Schreck in Richtung Oberrhein. Über Offenburg kommt der österreichische Erzherzog Karl Ende 1796 nach Freiburg und befreit die Stadt. Der Jubel ist unbeschreiblich: Es lebe Erzherzog Karl, unser und Deutschlands Retter; es lebe der Kaiser! [Bade82]. Bürger, dreißig an der Zahl, spannten die Pferde von seinem Wagen und zogen den menschenfreundlichen Herrscher im Triumph zu seiner Wohnung im Kommanderiegebäude [Albe25]. Die Universität ernennt den Befreier zum rector universitatis Friburgensis in perpetuum.

 

Aus dem Munde des jungen Kaiser Franz' tönt überschwängliches Lob: Dieser ausgezeichnete Patriotismus, diese treuevolle Anhänglichkeit und Liebe für den Souverain, den Staat und die gute Sache, kann allen anderen Volksstämmen zum Beispiele dienen; immer aber wird mir das lobenswerthe Benehmen meiner so guten und anhänglichen Vorderösterreicher unvergeßlich bleiben [Bade82]. Zweiundzwanzig Jahre später, als nach dem Wiener Kongress der Breisgau endgültig an Baden fällt, muss der Monarch seine Worte dann wohl vergessen haben.

 

 

Der Graf von Provence und der Herzog von Enghien (Condè)

 

Anfang 1796 kommt der Graf von Provence, Louis, der Bruder des 1793 guillotinierten Louis XVI nach Freiburg, in das sich viele französische Adelige geflüchtet hatten. Anschließend trifft er den Duc d'Enghien, ein Nachfahre des Generals aus der Schlacht bei Freiburg, in Ettenheim. Louis muntert die königstreuen Truppen auf: Voilà le roi de France, votre mâitre et comme je l'espère bientôt votre père* [Rieg23]. Das wird er allerdings erst 1814 nach dem Sturz Napoleons als Louis XVIII.

*Hier bin ich, der König von Frankreich, Euer Herr und bald, wie ich hoffe, Euer Vater.

 

Diese Condéschen Truppen machen sich bald durch Zuchtlosigkeit unbeliebt. Nach der Befreiung von der Revolutionsarmee 1796 wird geklagt: Kaum hatten wir das Glück durch Siege der österreichischen Waffen endlich von den französischen Räuberhorden befreit zu sein und uns von dem erlittenen Elende etwas erholen zu können, so kommt die Condé'sche Einquartierung, um uns wieder äußerst hart mitzunehmen. Denn nicht allein wollen die Condéer für Kost und Quartier nichts bezahlen, sie fordern mit Ungestüm auch noch Haber, Heu und Stroh. Alle Vorstellungen sind umsonst; unsere Scheuern werden gewaltsam aufgebrochen, die Vorräthe weggenommen und verschwendet. Hinzu kommen die verderblichen Einflüsse der Emigranten, die zum Teil über beachtliche Geldmittel verfügen, auf die Sitten der Breisgauer. Dazu gehören Spielsucht, schamlose Bälle und Orgien in Bordellen.

 

Da schreibt der landständige Conseß (die Ständvertretung) in Freiburg an die vorderösterreichische Regierung in Innsbruck: Wenn des Condé'sche Corps nicht in Bälde aus dem Lande geschafft wird, so steht die nahe Gefahr bevor, es dürfte das wegen des Landsturms bewaffnete Volk zur Selbsthilfe greifen, und zwar desto eher, als dasselbe sich's nicht nehmen läßt, daß unter den Condéern mehrere vom Nationalconvent besoldeten Spione stecken, welch durch reisen und Briefe über Basel an unserem Vaterlande eine gefährliche Verrätherei begehen [Bade82].

 

 

Der Kampf um Norditalien

 

Schon seit Urzeiten zieht es den deutschen Menschen vom nebelichten Nord hinten [Rose01] über den Brenner, um unter der Sonne des warmen Südens seine rheumatischen Beschwerden zu lindern. Barbarossas Kämpfe um die Beherrschung Norditaliens sind legendär und Karl V. wehrte sich ein Leben lang gegen die Gebietsansprüche François I, die wohl entstanden, als die Franzosen die italienische Küche schätzen gelernt hatten, sie allerdings dann anschließend flugs als ihre eigene ausgaben.

 

Auch die späteren Habsburger streben gen Süden. Sie erwerben 1748 im Aachener Frieden die Lombardei und die Toskana. Zwischen beide Gebiete schiebt sich wie ein Riegel das Herzogtum Modena, welches sich die Österreicher zur Arrondierung ihres Besitzes in Norditalien gerne einverleibt hätten. Wie bei den Habsburgern üblich soll es eine Heirat richten. Also verlobt Maria Theresia 1753 ihren dritten Sohn Erzherzog Leopold mit der einzigen Tochter des Modenischen Erbprinzen Herkules III., der erst dreijährigen Beatrix.

 

Als nun 1761 der Kaiserin zweiter Sohn und Großherzog der Toskana Karl stirbt, wird Leopold dessen Erbe. Schnell wird der Ehevertrag umgeschrieben, hat doch Maria Theresia noch weitere Söhne. Beatrix' Bräutigam ist jetzt der siebenjährige Erzherzog Ferdinand. Dazu meint der österreichische Außenminister Fürst Kaunitz lakonisch: Es ist ja nur ein Wechsel des Vornamens. Die Hochzeit zwischen Ferdinand und seiner vier Jahre älteren Braut findet im Jahre 1771 in Mailand statt und somit scheint der Anfall Modenas an das Habsburgische Haus nur noch eine Frage der Zeit [Kage81].

 

Doch da schlagen in den Jahren 1796/97 die französischen Revolutionstruppen in Norditalien die Österreicher in mehreren Schlachten. In Campo Formio (eigentlich Campofórmido, ein Städtchen bei Udine) diktiert der Befehlshaber der Armée des Alpes ein gewisser Napoleon Bonaparte den Besiegten seinen Frieden.

 

 

Dem besten Landesfürsten mit mehrer Treue und Anhänglichkeit zugethan

 

Im Breisgau tauchen Gerüchte auf, dass Österreich in den Friedensverhandlungen die Vorlande aufgeben wolle. Sumerau meint, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Ich will gern glauben (weil ich mir das Gegentheil davon nur gar nicht vorstellen kann), daß nicht der entfernteste Gedanke jemals gewesen sey, die so ausgezeichnet treu ergebensten Vorlande von der österreichischen Monarchie abtrennen zu lassen  Als die Gerüchte sich verdichten schreiben Sumerau und der Konsess (Ständerat) an Außenminister Thugut: Die Niedergeschlagenheit ist nicht zu beschreiben, die dieser hoffentlich falsche, und vielleicht nur von unserer neidischen Nachbarschaft erdichtete Ruf in dem ganzen Lande verursacht. Beschwörend fahren sie fort: Kein Volk der Welt kann dem besten Landesfürsten mit mehrer Treue und Anhänglichkeit zugethan seyn, als es die Vorländer gegen S. M. und das allerdurchlauchtigste Erzhaus sind, wovon sie auch die ursprünglich ersten und ältesten Stammesunterthanen zu seyn sich rühmen [Quar02].  

 

Das mag in Wien beeindrucken, rührt aber Napoleon nicht. In einem ersten Anlauf zur Neuordnung Europas fasst er die kleinen Fürstentümer Mailand, Modena, Ferrara, Bologna sowie die Emilia-Romagna in eine von Frankreich abhängige Cisalpinische Republik zusammen. Auch der Herzog von Modena Herkules III. ist seiner italienischen Besitzungen ledig und wird dafür zum Landesherrn des Breisgaus bestimmt: Sa majesté l'Empereur s'oblige à céder au duc de Modène en indemnité des pays, que ce prince et ces héritiers avoient en Italie, le Brisgaw, qu'il possédera au mêmes conditions que celles en vertu desquelles il possédoit le Modenois [Bade82].

*Seine Majestät der Kaiser verpflichtet sich, dem Herzog von Modena als Entschädigung für die Länder, welche der Fürst und dessen Erben in Italien besaßen, den Breisgau abzutreten, den er unter denselben Bedingungen besitzen wird, unter denen er Modena besaß.

 

Doch Herkules gebietet nun statt über 380000 nur noch über 150000 Seelen und seine jährliche Staatseinnahmen gehen von über einer Million Gulden auf ein Zehntel zurück. Natürlich ist er mit dem Gebietstausch unzufrieden und erwägt sogar, den Breisgau für sechs Millionen Gulden an den Markgrafen von Baden zu verkaufen [Albe06a]. Endlich weigert der Herzog sich, sein neues Territorium zu übernehmen. Somit bleibt der Breisgau de facto zunächst habsburgisch.

 

 

Fiat voluntas domini Napoleonis

 

 

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Friedrich dem Großen

 

 

 

 

In einem geheimen Zusatzprotokoll zum Friedensschluss von Campo Formio zieht Österreich mit Preußen amoralischch gleich, indem es ebenfalls der Abtretung der linksrheinischen Reichsgebiete an Frankreich zustimmt einschließlich der Hauptstadt des ehrwürdigen Kurfürstentums und des Erzkanzlers, Mainz. Dafür dürfen sich die Österreicher Venedig einverleiben.

 

 

Napoleon auf Stippvisite in Freiburg

 

Auf dem Wege zum Rastatter Gesandtenkongress schaut Napoleon kurz in Freiburg vorbei.  Die Freiburger Zeitung berichtet darüber in ihrer Ausgabe 96 vom 29. November 1797: Vergangenen Samstag zwischen 1 und 2 Uhr in der Früh ist der französische Obergeneral Buonaparte hier angekommen, nahm sein Absteigequartier im Gasthaus zum Mohren und setzte nach einem kurzen Aufenthalt von anderthalb Stunden bis zur Umspannung der Pferde, (wo derselbe 22 vonnöten hatte), seine Reise weiter nach Rastadt zum Friedenskongreß fort  [Flam10].

 

 

Das heilige römische Reich, schwerfälligen Andenkens

 

Auf dem Rastatter Kongress stimmt nach Preußen und Österreich auch eine Reichsdeputation der Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich zu unter der Bedingung einer Entschädigung der davon betroffenen deutschen Fürsten. Damals hält Joseph Görres seine berühmte Grabrede auf das Heilige Römische Reich: Am dreysigsten December 1797 am Tage des Übergangs von Maynz, Nachmittags um drey Uhr starb zu Regensburg in dem blühenden Alter von 955 Jahren 5 Monathen, 28 Tagen, sanft und seelig an einer gänzlichen Entkräftung, und hinzugekommenen Schlagflusse, bey völligem Bewußtseyn, und mit allen heiligen Sakramenten versehen, das heilige römische Reich, schwerfälligen Andenkens.

 

Schiller sieht im Niedergang des Reiches einen Chance: indem das politische Reich wankt, hat sich das geistige immer fester gebildet und beschwört dann idealistisch die geistige Höherentwicklung des deutschen Menschen: Das langsamste Volk wird die flüchtigen einholen, und unsere Sprache wird die Welt beherrschen. Und es mag am deutschen Wesen, noch einmal die Welt genesen, so setzte Emanuel Geibel später in seinem Gedicht Deutschlands Beruf noch einen drauf [Loew02].

 

This page was last updated on 10 Februar, 2010