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Sturm auf die Bastille
Regierungspräsident Joseph Thaddäus von Sumerau |
Freiburgs Geschichte in Zitaten |
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1789 |
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Allons enfants de la patrie ...
Die Urgewalt der Französischen Revolution macht alle Bemühungen Österreichs um eine Verständigung mit Frankreich zunichte. Als die Kunde vom Aufstand in Paris nach Weimar dringt, schreibt Karl Ludwig von Knebel (1744-1834) an seine Herzogin Anna Amalia (1739-1807): Uns alle reizt jetzt das grosse Schicksal von Frankreich. In der Tat setzt dieses der Aufklärung und den Fortschritten dieses Jahr-hunderts gleichsam die Krone [?] auf ... Frankreich wird dadurch die Erste Nation der Welt.
Die Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Revolutionsfahne in der Parfum-Fabrik von Grasse
Die Nationalversammlung zerstört das Feudalregime vollständig, als der dritte Stand im Decret vom 11. August 1789 die Abschaffung der Vorrechte von Adel und Kirche verkündet. Klopstock (1724-1803), die weltgeschichtliche Bedeutung dieses unerhörten Vorgangs wohl nicht ganz begreifend, jubelt in leidenschaftlicher Begeisterung: Frankreich schuf sich frei. Des Jahrhunderts edelste Tat hub da sich zu dem Olympus empor! [Sall09]. Hegel (1770-1831) dagegen schon eher, wenn er in seinen Berliner Vorlesungen die Revolution einen herrlichen Sonnenaufgang nennt und dann feststellt: Ein Enthusiasmus des Geistes hat die Welt durchschauert, als sei es zur wirklichen Versöhnung des Göttlichen mit der Welt erst jetzt gekommen [Leic10].
Aquarell Goethes des Mainzer Freiheitsbaums in den Farben der Republik und einem kleinen orthographischen Fehler: Passan[t]s cette terre est libre*. * Vorbeigehende, dieses Land ist frei
Heine (1797-1856) mag daran gedacht haben, wenn er rund 50 Jahre später über den Einfluss der Texte des Meisters auf die revolutionäre Gesinnung der Deutschen schreibt: Die Goetheschen Meisterwerke zieren unser teures Vaterland, wie schöne Statuen einen Garten zieren. Man kann sich darin verlieben, aber sie sind unfruchtbar. Die Tat ist das Kind des Wortes, und die Goetheschen Worte sind kinderlos.
Viele Deutsche, die sich bisher mit ihrer teutschen Freyheit gegenüber dem angeblich so versklavten Frankreich über die machtpolitische Ohnmacht des Reiches hinweggetröstet hatten, sind angesichts des Freiheitsrausches im Nachbarland verunsichert, verstehen die Welt nicht mehr. Bewunderung macht sich breit. Plötzlich erinnert man sich gemeinsamer germanischer Wurzeln:
Die Edlen, die nicht mehr an
alter Seuche Kranken,
Wie
steht es denn wirklich um die vielbeschworene
Gewalt statt Recht
Im März 1791 tritt der neue österreichische Regierungspräsident Joseph Thaddäus Sumerau, Neffe des ersten Statthalters in den Vorlanden Anton Thaddäus Sumerau, in Freiburg sein Amt an. Er fürchtet ein Überschwappen der Ideen zur Befreiung von Absolutismus und Feudalismus über den Rhein, doch kann er bald nach Wien melden, dass die Untertanen im Ganzen vollkommen ruhig seien und keine Lust zur französischen anarchischen Freiheit hätten [Quar02]. Vorsichtshalber jedoch lässt Sumerau von der Kanzel des Münsters eine öffentliche Warnung verkünden: dass aus getreuen ruhigen Unterthanen und Hausvätern, wie im Elsaß und in einigen anderen daran stoßenden französischen Ländern wirklich geschehen ist, Rebellen, Diebe und Mörder geworden sind, die den Gehorsam gegen ihre rechtmäßigen Obrigkeiten abwerfen und Gewalt anstatt Recht gebrauchen.
Man schätzt, dass damals bis zu 150 000 Bürger aller Bevölkerungsschichten vor der Revolution über den Rhein flohen. Alle Personen, die aus Frankreich nach Freiburg kommen, sind den Behörden verdächtig Einem Monsieur Dandrée wird vorgeworfen, die Unterthanen diesseits des Rheins zum Aufstand zu bewegen. Zu dessen Erzielung wolle er Elsässer und Lothringer gebrauchen, welche Deutsch sprechen und sich als arbeitssuchende Handwerksburschen ausgeben oder zu den Truppen anwerben lassen.
Sumerau führt in den Vorlanden die Zensur wieder ein, kann aber das Einschleusen revolutionärer Schriften nicht unterbinden. Deshalb schreibt er an den Außenminister Johann Ludwig Graf von Cobenzl (1753-1809) nach Wien: Ein Reichsgesetz muß der leidigen Preßfreiheit und dem unseligen Illuminatentum die schärfsten Schranken setzen, sonst helfen alle einzelnen Anordnungen und Bücherverbote etc. nichts [Quar02].
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Johann Georg Jacobi
Letzte habsburgische Nobilitierung und Wappen für den Rektor der Freiburger Universität Johann Maria Weissegger vom 9. Oktober 1804 |
Ein pur Poet und Belletriste und ein dummes Organ
Schließlich verdächtigt man sogar hochangesehene Bürger als angebliche Sympathisanten der Revolution, wie den Professor der schönen Künste Johann Georg Jacobi (1740-1814). Der hatte 1792 als Rektor der Universität an den französischen Nationalkonvent geschrieben und um die Erhaltung der Universitätsbesitzungen im Elsass gebeten. Regierungspräsident Sumerau verbietet die Absendung der Denkschrift, enthält sie doch zuviel Kriechendes und für die gegen alle vernünftigen Maximen handelnde französische herrschende Volksparthey zu viel Lob und gleichsam Beyfall ihrer Abscheu erregenden Handlungen [Quar02]. Er schreibt über Jacobi nach Wien: Er ist ein pur Poet und Belletriste und ein dummes Organ des bekannten markgräflich badenschen Hofrats Schlosser (1739-1799, der Schwager Goethes), welcher sich unter andrem vorzüglich durch seine demokratischen Gesinnungen bey seinem Hof verhaßt machte ... Ich wünschte auch, Jacobi wäre mit seiner Ästhetik in Halberstadt verblieben: das Land und die hiesige Universität hätten wenig dabey verloren, ausgenommen, daß letztere über einen Toleranzakt weniger sich hätte rühmen können.* Noch scheint mir, könnte man ihn entbehren: diese Erspahrniß für die hiesige Universität dörfte ganz am rechten und unschädlichen Platze seyn. Es würde auch jemand unter den hiesigen Professoren sich vorfinden, welcher über das Schöne den Studenten etwas aus einem Buche vorlese und sie Lateinisch lehrte ... Weit entfernt aber bin ich zu wünschen, daß Jacobi soldungslos werden möchte. Er könnte an einer anderen Universität ... angestellt werden. Wo er aber hinkäme, wäre er zu beobachten, damit er seinen Schülern kein Freiheitsgift beibrächte [Quar02]. *Die Aufnahme des Protestanten Jacobi im Lehrkollegium
Am meisten zu Revolutionen des Geistes aufgelegt
Über den Einfluss der Französischen Revolution schreibt der Professor für Naturgeschichte in Halle Johann Reinhold Forster (1729-1798) Ende Juli 1798: Unsere deutschen Fürsten wollen von den Anstrengungen der französischen Nation, die Freiheit zu gewinnen, nichts hören, und sie fürchten, dass diese Denkungsart sich auch in Deutschland ausbreiten könnte [Sall09]. Da klingt sein Sohn Georg Forster (1754-1794) wohl mit den Erfahrungen als Mitbegründer der Mainzer Republik anders, wenn er meint: In Deutschland muss die Revolution von oben kommen, denn unser rohes, armes, ungebildetes Volk ist nicht reif für die Selbstbestimmung [Piep10].
Auch der Jenaer Philosoph Carl Leonard Reinhold (1757-1823) beruhigt die Obrigkeiten mit dem schlagenden Argument: Teutschland ist unter allen übrigen europäischen Staaten am meisten zu Revolutionen des Geistes, am wenigsten zu politischen aufgelegt. Goethe meint, dass man in Deutschland künstlicherweise ähnliche Szenen herbeizuführen trachte, die in Frankreich Folge einer großen Notwendigkeit waren [Crai93]. So sieht auch Kaiser Leopold II. (1790-1792) im fernen Wien keine Gefahr, da unsere Nation ... weder so verdorben, noch so gedrückt, noch so enthusiastisch ist [Haum01].
Der bekannte Adolph Freiherr Knigge (1752-1796) verzichtet vor lauter Begeisterung für die Französische Revolution auf sein „von“ muss aber eingestehen, dass die Zersplitterung Deutschlands einer revolutionären Bewegung hinderlich ist: Wir haben nicht, wie Frankreich nur Einen Mittelpunct, sondern einen Menge Höfe [Eren10].
Wo sie Recht haben, da haben sie Recht. Zwar gibt es in deutschen Landen wie in Frankreich die über Jahrhunderte gewachsenen Dreiständegesellschaft, doch die bekannten Reformen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch aufgeklärte Fürsten wie etwa in Preußen und Österreich hatten eine Menge sozialen Zündstoffs beiseite geräumt.
Trotz der Teilsäkularisierung des Kirchenbesitzes ist im Breisgau der erste Stand auf Grund seines Reichtums - man denke an den Besitz der Klöster St. Peter, St. Blasien und St. Trudberg - der bedeutendste. So bezieht der Abt von St. Blasien ein weit größeres Einkommen als der Fürstbischof von Konstanz, in dessen Diözese das Kloster fällt [Goth07]. Auch der alte Reichsadel derer von Andlaw, Pfirt, Reich und Schönau verfügt über zum Teil große Ländereien, klagt aber wie schon im Mittelalter über hohe Steuern und Abgaben. Zum zweiten Stand zählen sich auch die durch die großzügige Nobilitierungspraxis der Habsburger geschaffenen wenig besitzreichen neuen Ritter derer von Fahnenberg, Greiffenegg oder Rotteck, unter denen die Habsburger ihre treuen Staatsdiener rekrutieren. Sie geben als Verwaltungsbeamte, Juristen und Universitätsprofessoren der Gesellschaft ein festes Gerüst. Als dritter Stand ist die Bürgerschaft, in den Zünften wohl organisiert, zu Wohlstand gekommen. Den Handwerkern und Kaufleuten ist wenig an revolutionären Neuerungen gelegen. Bleiben die Bauern, die zwar immer noch in der Abhängigkeit der kirchlichen und weltlichen Grundbesitzer leben, denen aber mit der Aufhebung der Leibeigenschaft ein Hauptargument ihrer Erhebungen in der Reformationszeit abhanden gekommen ist.
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Karikatur auf den Freiheitsbaum: Nau wie soll mir's gefallen, s'is außer a Baeumche ohne Wurtzel, un a Kaepla ohne Kopf.
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Wer beschützt die Menge gegen die Menge?
Während die deutschen Philosophen Kant (1724-1804), Fichte (1762-1814) und Hegel die Gedanken der Französischen Revolution auch noch 1792 nach den Meldungen über die Schreckensherrschaft in Paris unterstützen, wenden sich Schöngeister wie Klopstock, Wieland (1733-1813) und auch Goethe angeekelt ab. Schon Rousseau (1712-1778) hatte festgestellt: Wenn man auf den Galgen und das Schafott zurückgreifen muss, ist unweigerlich alles verloren. Nach Voltaire (1694-1778) muss die Revolution notwendig entgleisen, denn der unwissende Pöbel hat zur Selbstbildung weder Zeit noch Fähigkeit [Gros10]. Und so warnt und mahnt unser Nationaldichter in seinen Venezianischen Epigrammen:
Frankreichs traurig Geschick,
die Großen mögens bedenken
Immerhin erhofft sich Hölderlin positive Entwicklungen für die Zukunft: Ich glaube an eine künftige Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, die alles Bisherige schamrot machen wird. Und dazu kann Deutschland vielleicht sehr viel beitragen. Je stiller ein Staat aufwächst, um so herrlicher wird er, wenn er zur Reife kömmt. Deutschland ist still, bescheiden, es wird viel gedacht, viel gearbeitet, und große Bewegungen sind in den Herzen der Jugend, ohne daß sie in Phrasen übergehen wie sonstwo. Doch dann stellt er in Bezug auf seine Landsleute resigniert fest:
Spottet ja nicht des Kinds,
wenn es mit Peitsch und Sporn
Auch für den Historiker Georg Gottfried Gervinus (1805-1871) - einer der sieben Göttinger Professoren, die 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung in hannöverschen Landen protestierten - haben Bücher einen negativen Einfluss auf den revolutionären Tatendrang der Deutschen: Das Leben hat sich bei uns gleichsam in die Bücher zurückgezogen, und unsere Bücher wissen vom wirklichen Leben wenig oder nichts. Seit Jahrhunderten haben wir das Handeln vergessen, und in einem Reich der Ideen gelebt ... Wir vergraben uns in ein süßes Spiel mit Empfindungen, in ein selbstgefälliges Spiel mit Gedanken, in ein genial geltendes Spiel mit Leidenschaften, um nur nichts mit der Thätigkeit und mit dem handelnden Leben zu tun haben zu müssen [Crai93].
Napoleon (1769-1821) urteilt militärisch knapp: Die Deutschen machen keine Revolution. Sie sind nicht Mörder genug [Fisc06].
Schließlich hat Lenin (1870-1924) uns Deutschen die Fähigkeit zur Revolution ganz abgesprochen: Wenn die Deutschen auf dem Bahnhof Revolution machen wollen, kaufen sie sich vorher eine Bahnsteigkarte. |
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Kurfürst und Erzbischof von Köln
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Trotzdem macht sich der Reichstag von 1791 große Sorgen wegen der Verbreitung aufrührerischer Schriften. Kurköln empfiehlt den Ständen, daß gegen alle Franzosen und Deutsche, welche die demokratischen Grundsätze öffentlich oder heimlich ausbreiten würden, nach Beschaffenheit der Umstände mit Leibs- und Lebensstraf verfahren werden soll, zu welchem Ende alle dergleichen Grundsätze enthaltenden Bücher zu verbieten und von den Ortsobrigkeiten zu confizieren seyn [Schm99].
Besorgt um ihre eigene Herrschaft
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Louis XVI
General Moreau
Magistratsrath Franz Xaver Caluri Obristlieutenant u. Comandant der Freiburger Freiwilligen 1794-1800
Der Franzosen Schreck Erzherzog Karl, ein Bruder Kaiser Franz' (Gemälde im Schloss Munzingen) |
Söldnerarmeen gegen soldats-citoyen
Die Söldnerarmeen der Alliierten sind dem Volksheer der Soldats-Citoyen nicht nur zahlenmäßig, sondern auch ideologisch unterlegen. Besonders in Preußen, welches sich im Osten durch die Dritte Polnische Teilung vergrößert, ist die Verteidigung des maroden Reiches im Westen unpopulär, denn man erkennt gegen die französische sans culotte ist kein Militair, nur die Masse der Nation ... erforderlich. Aus dieser Erkenntnis zieht man aber militärpolitisch keine Konsequenzen, was sich elf Jahre später bei Jena und Auerstedt rächen sollte. Die preußischen Finanzen sind erschöpft, und so reduziert Friedrich Wilhelm zunächst seine Rheinarmee auf 20 000 Mann. Anschließend verlangt er, dass das Reich die verbleibenden Kriegskosten übernimmt, eine Forderung, die Kaiser Franz empört ablehnt. So scheidet Preußen am 5. April 1795 aus der antirepublikanischen Koalition aus und schließt mit Frankreich den Sonderfrieden zu Basel. In dem Vertrag begeht Preußen Verrat am Reich, indem es der Abtretung seiner linksrheinischen Gebiete an die Republik zustimmt, in der Erwartung mit rechtsrheinischen Territorien entschädigt zu werden.
Qu'est-ce que c'est que ce petit coin du Brisgau vis-à-vis du reste de la monarchie!
Bald ergab sich Gelegenheit, den Muth und die geschworne Treue [des bürgerlichen Scharfschützencorps zu Freiburg] zu erproben. Bürgercorps sowohl als Landsturm wurden aufgefodert, in Verbindung mit dem Corps von Condé*(1772-1804), die eben so gefahrvolle als beschwerliche Rheinwache zu besorgen, denn seit 1795 hatten die österreichischen Truppen begonnen, sich aus dem Breisgau zurückziehen [Schr25]. *der Duc d'Enghien, Nachfahre des Generals aus der Schlacht bei Freiburg
Mit dem Abzug der Truppen sieht Sumerau mit Recht den Breisgau militärische bedroht. Energisch protestiert er bei Außenminister Franz Maria von Thugut (1736-1818). Der ist drob arg verstimmt und rastet aus: C'est une étrange prétention que celle que S. M. détermine les grandes mesures de sa politique et de ses opérations militaires d'après les convenances de la présidence de Fribourg, et qu'elle mette Mr de Sumeraw dans la confidence de ses projets, pour qu'il puisse juger et dire son avis, si ces projets peuvent s'accorder avec les interêts des habitants du Brisgau. Mais mon Dieu! Qu'est-ce que c'est que ce petit coin du Brisgau vis-à-vis du reste de la monarchie! Et si l'empereur voulait demander successivement les chefs de ses provinces sans doute bien autrement considérables, sur ce qu'il a à faire, où en serait S. M.*[Quar02]. *Es ist eine seltsame Überheblichkeit anzunehmen, dass SM die großen Linien seiner Politik und seiner militärischen Operationen nach dem Belieben der Freiburger Präsidentschaft ausrichtet und Er Herrn von Sumerau ins Vertrauen seiner Vorhaben zieht, damit der darüber urteilen und seinen Meinung geben kann, ob diese Vorhaben mit den Interessen der Bewohner des Breisgaus übereinstimmen. O mein Gott! Was hat denn das stille Örtchen Breisgau für eine Bedeutung gemessen an der gesamten übrigen Monarchie. Und wenn der Kaiser die Chefs seiner Provinzen, die ohne Zweifel in anderer Hinsicht bedeutend sind, nacheinander fragen würde, was er tun soll, wo wäre SM dann.
Der Graf von Provence und der Herzog von Enghien (Condé)
Anfang 1796 kommt der Comte de Provence, Louis (1814-1824), der Bruder des 1793 guillotinierten Louis XVI (1774-1793) nach Freiburg, in das sich viele französische Adelige geflüchtet hatten und trifft sich in Ettenheim mit dem Condé, den Duc d'Enghien. Louis muntert die königstreuen Truppen auf: Voilà le roi de France, votre mâitre et comme je l'espère bientôt votre père* [Rieg23]. Das wird er allerdings erst 1814 nach dem Sturz Napoleons als Louis XVIII. *Hier bin ich, der König von Frankreich, Euer Herr und bald, wie ich hoffe, Euer Vater.
Als am 23. Juni 1796 die Franzosen wirklich über Kehl in das Breisgau eindrangen, und die österreichischen Vorposten zurückzuwerfen anfingen, werden die Condéschen Hilfstruppen dringend benötigt [Schr25]. Während der Befehlshaber der Rheinarmee Jean-Victor Moreau (1763-1813) mit 32 000 Mann den Fluss überschreitet, flieht der badische Markgraf Karl Friedrich (1771-1811) auf Einladung des preußischen Königs nach Ansbach.
Freiburg kämpft für Kaiser und Vaterland
Am 7. Juli (1796) kam das Bürgercorps bei Wagenstadt und Tutschfelden unter dem Maior und Stadtrath Ignaz Caluri und Sumeraus Schwager General Max Freiherr von Duminique, gegen die Division Ferino, in das Feuer; und focht mit Auszeichnung und nicht ohne Verlust [Schr25]. Zwar leidet Duminique, ein Franzose royalistischer Gesinnung, an den Folgen eines Schlaganfalls, doch er gibt nicht auf: Mein Kopf ist geschwächt, meine Hand zittert häufig, aber mein Herz schlägt doch mit Kraft. Anfänglich heißt es noch: Victoria! die [französischen] Patrioten sind geschlagen. Unsere Freiwilligen feuerten wie Höllenschlünde, machten Gefangene und Todte genug. [Die Freiburger] fochten wie die Löwen und ihre Gesichter waren vom Pulverdampfe ganz geschwärzt [Bade82]. Auf einer Tafel, die heute noch am Martinstor hängt, bescheinigt Caluri seinen Truppen den heldenhaften Widerstand. Ein wohl seltener Fall, dass ein General seinen Truppen ein Denkmal setzt.
Doch sah sich bald der ganze Landsturm, aus Mangel an gehöriger Unterstützung von Seite des Militärs, genöthigt, schleunigst den Rückzug anzutreten. Schon den 16. Juli rückte der feindliche Vortrab in die Stadt ein, hielt aber gegen alles Erwarten die beste Ordnung und Mannszucht [Schr25]. In einer Erklärung des französischen Kommandanten General Mengaud vom 19. Hitzemonat im 4. Jahre der Republik (1796) an den Stadtrat heißt es: Wenn unsere siegreichen Waffen die Provinzen von Deutschland durchziehen, so geschieht dies nur, um Europa den Frieden zu geben. Seien Sie versichert meinen Herren! die französischen Republikaner sind und werden sein Ihre wahren Freunde [Rieg23]. Alles nur Lippenbekenntnisse, denn in Freiburg haust eine ungezügelte Soldateska. Den Truppen auf dem Fuß folgt Monsieur Parcus (1763-1819), directeur général des revenue du pays conquis sur la rive droite du Rhin als Administrator, der auch gleich seinem Titel gemäß dem Breisgau die ungeheure Summe von 1,5 Millionen Livres abverlangt [Bade82].
Erzherzog Karl, der Franzosen Schreck
Der noch im nämlichen Jahre erfolgte berühmte Moreau'sche Rückzug, bei dem sich Verfolgte und Verfolger gleichmäßig durch Freiburg drängten, brachte die Stadt wieder an die Oestreicher. Der Franzosen Schreck marschiert nach dem Entsatz von Mainz, Mannheim und Philippsburg in Richtung Oberrhein. Über Offenburg kommt er nach Freiburg. Die Stadt hatte den 21. October die Freude, den damaligen Retter Deutschlands, den siegreichen Erzherzog Karl (1771-1847), im Kreise seiner Generäle durchziehend, zu erblicken.
Noch mehr wurde diese Freude vergrößert, als Erzherzog Karl den 30. Januar des folgenden Jahres (1797) unter dem Donner des Geschützes und dem Geläute der Glocken wieder zurückkehrte [Schr25]. Der Jubel ist unbeschreiblich: Es lebe Erzherzog Karl, unser und Deutschlands Retter; es lebe der Kaiser! [Bade82]. Bürger, dreißig an der Zahl, spannten die Pferde von seinem Wagen und zogen den menschenfreundlichen Herrscher im Triumph zu seiner Wohnung im Kommanderiegebäude [Albe25]. Die Universität ernennt den Befreier zum rector universitatis Friburgensis in perpetuum.
Aus dem Munde des jungen Kaisers Franz tönt überschwängliches Lob: Dieser ausgezeichnete Patriotismus, diese treuevolle Anhänglichkeit und Liebe für den Souverain, den Staat und die gute Sache, kann allen anderen Volksstämmen zum Beispiele dienen; immer aber wird mir das lobenswerthe Benehmen meiner so guten und anhänglichen Vorderösterreicher unvergeßlich bleiben [Bade82]. Zweiundzwanzig Jahre später, als nach dem Wiener Kongress der Breisgau endgültig an Baden fällt, muss der Monarch seine Worte dann wohl vergessen haben.
So kommt die Condé'sche Einquartierung, um uns wieder äußerst hart mitzunehmen
Die Condéschen Truppen anfänglich willkommene und notwendige Bundesgenossen gegen die Revolutionstruppen machen sich, nachdem der Breisgau von den Revolutionstruppen befreit ist, bald durch Zuchtlosigkeit unbeliebt: Kaum hatten wir das Glück durch Siege der österreichischen Waffen endlich von den französischen Räuberhorden befreit zu sein und uns von dem erlittenen Elende etwas erholen zu können, so kommt die Condé'sche Einquartierung, um uns wieder äußerst hart mitzunehmen. Denn nicht allein wollen die Condéer für Kost und Quartier nichts bezahlen, sie fordern mit Ungestüm auch noch Haber, Heu und Stroh. Alle Vorstellungen sind umsonst; unsere Scheuern werden gewaltsam aufgebrochen, die Vorräthe weggenommen und verschwendet. Hinzu kommen die verderblichen Einflüsse der Emigranten, die zum Teil über beachtliche Geldmittel verfügen, auf die Sitten der Breisgauer. Dazu gehören Spielsucht, schamlose Bälle und Orgien in Bordellen.
Da schreibt der landständige Conseß (die Ständvertretung) in Freiburg an die vorderösterreichische Regierung in Innsbruck: Wenn des Condé'sche Corps nicht in Bälde aus dem Lande geschafft wird, so steht die nahe Gefahr bevor, es dürfte das wegen des Landsturms bewaffnete Volk zur Selbsthilfe greifen, und zwar desto eher, als dasselbe sich's nicht nehmen läßt, daß unter den Condéern mehrere vom Nationalconvent besoldete Spione stecken, welch durch reisen und Briefe über Basel an unserem Vaterlande eine gefährliche Verrätherei begehen [Bade82].
Der Kampf um Norditalien
Schon seit Urzeiten zieht es den deutschen Menschen vom nebelichten Nord hinten [Rose01] über den Brenner, um unter der Sonne des warmen Südens seine rheumatischen Beschwerden zu lindern. Barbarossas (1152-1190) Kämpfe um die Beherrschung Norditaliens sind legendär. Karl V. (1519-1556) wehrte sich ein Leben lang gegen die Gebietsansprüche François' I (1515-1547), die wohl entstanden, als die Franzosen die italienische Küche schätzen gelernt hatten, sie dann anschließend allerdings flugs als ihre eigene ausgaben.
Auch die späteren Habsburger streben gen Süden. Sie erwerben 1748 im Aachener Frieden die Lombardei und die Toskana. Zwischen beide Gebiete schiebt sich wie ein Riegel das Herzogtum Modena, welches sich die Österreicher zur Arrondierung ihres Besitzes in Norditalien gerne einverleibt hätten. Wie bei den Habsburgern üblich soll es eine Heirat richten. Also verlobt Maria Theresia (1740-1780) 1753 ihren dritten Sohn Erzherzog Leopold (1774-1792) mit der einzigen Tochter des Modenischen Erbprinzen Herkules III. (1780-1803), der erst dreijährigen Beatrix (1750-1829).
Als nun 1761 der Kaiserin zweiter Sohn und Großherzog der Toskana Karl (1745-1761) stirbt, wird Leopold dessen Erbe. Schnell wird der Ehevertrag umgeschrieben, hat doch Maria Theresia noch weitere Söhne. Beatrix' Bräutigam ist jetzt der siebenjährige Erzherzog Ferdinand (1754–1806). Dazu meint der österreichische Außenminister Fürst Kaunitz (1711-1794) lakonisch: Es ist ja nur ein Wechsel des Vornamens. Die Hochzeit zwischen Ferdinand und seiner vier Jahre älteren Braut findet im Jahre 1771 in Mailand statt und somit scheint der Anfall Modenas an das habsburgische Haus nur noch eine Frage der Zeit [Kage81].
Doch da schlagen in den Jahren 1796/97 die französischen Revolutionstruppen in Norditalien die Österreicher in mehreren Schlachten. In Campo Formio (eigentlich Campofórmido, ein Städtchen bei Udine) diktiert der Befehlshaber der Armée des Alpes ein gewisser Napoleon Bonaparte den Besiegten seinen Frieden.
Dem besten Landesfürsten mit mehrer Treue und Anhänglichkeit zugethan
Im Breisgau tauchen Gerüchte auf, dass Österreich in den Friedensverhandlungen die Vorlande aufgeben wolle. Sumerau meint, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Ich will gern glauben (weil ich mir das Gegentheil davon nur gar nicht vorstellen kann), daß nicht der entfernteste Gedanke jemals gewesen sey, die so ausgezeichnet treu ergebensten Vorlande von der österreichischen Monarchie abtrennen zu lassen. Als die Gerüchte sich verdichten, schreiben Sumerau und der Konsess (Ständerat) an Außenminister Thugut: Die Niedergeschlagenheit ist nicht zu beschreiben, die dieser hoffentlich falsche, und vielleicht nur von unserer neidischen Nachbarschaft erdichtete Ruf in dem ganzen Lande verursacht. Beschwörend fahren sie fort: Kein Volk der Welt kann dem besten Landesfürsten mit mehrer Treue und Anhänglichkeit zugethan seyn, als es die Vorländer gegen S. M. und das allerdurchlauchtigste Erzhaus sind, wovon sie auch die ursprünglich ersten und ältesten Stammesunterthanen zu seyn sich rühmen [Quar02].
Das mag in Wien beeindrucken, rührt aber Napoleon nicht. In einem ersten Anlauf zur Neuordnung Europas fasst er die kleinen Fürstentümer Mailand, Modena, Ferrara, Bologna sowie die Emilia-Romagna in eine von Frankreich abhängige Cisalpinische Republik zusammen. Auch der Herzog von Modena Herkules III. ist seiner italienischen Besitzungen ledig und wird dafür zum Landesherrn des Breisgaus bestimmt: Sa majesté l'Empereur s'oblige à céder au duc de Modène en indemnité des pays, que ce prince et ces héritiers avoient en Italie, le Brisgaw, qu'il possédera au mêmes conditions que celles en vertu desquelles il possédoit le Modenois [Bade82]. *Seine Majestät der Kaiser verpflichtet sich, dem Herzog von Modena als Entschädigung für die Länder, welche der Fürst und dessen Erben in Italien besaßen, den Breisgau abzutreten, den er unter denselben Bedingungen besitzen wird, unter denen er Modena besaß.
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Fiat voluntas domini Napoleonis
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Doch Herkules gebietet nun statt über 380 000 nur noch über 150 000 Seelen und seine jährliche Staatseinnahmen gehen von über einer Million Gulden auf ein Zehntel zurück. Natürlich ist er mit dem Gebietstausch unzufrieden und erwägt sogar, den Breisgau für sechs Millionen Gulden an den Markgrafen von Baden zu verkaufen [Albe06a]. Schließlich weigert der Herzog sich, sein neues Territorium zu übernehmen. Somit bleibt der Breisgau de facto zunächst habsburgisch.
In einem geheimen Zusatzprotokoll zum Friedensschluss von Campo Formio zieht Österreich mit Preußen amoralisch gleich, indem es ebenfalls der Abtretung der linksrheinischen Reichsgebiete an Frankreich zustimmt einschließlich der Hauptstadt des ehrwürdigen Kurfürstentums und des Erzkanzlers, Mainz. Dafür dürfen sich die Österreicher Venedig einverleiben.
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This page was last updated on 03 Februar, 2012