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Ulrich von Hutten
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Freiburgs Geschichte in Zitaten |
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Die Reformation
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Die ach so missverstandene teutsche Freiheit
Ulrich von Hutten, der 1518 noch auf lateinisch jubelt: O saeculum, o litterae, juvat vivere!* schreibt jetzt wie Luther in der Muttersprache und dichtet über die herrschenden Verhältnisse in den teutschen Landen in der Clag und vormanung: *Oh Jahrhundert, oh Wissenschaft. Es ist eine Lust zu leben!
Dar durch dis Nation beschwert
... und unser Geld:
Und nehmen stets von Teutschen Geld,
Von Hutten dichtet nicht nur, er schreibt auch Prosa: In Rom ist alles käuflich, das ist die Stadt um deretwillen wir uns das Geschwärm der Mönche und die Grausamkeit der Inquisitoren gefallen lassen. Das ist die Stadt, wohin deutsches Blut und deutsches Geld in Strömen fließen, das ist die Stadt, die uns arm gemacht hat und immer ärmer machen wird. Die Herrschaften in Rom sitzen auf den Tränen der deutschen Bauern und lachen über des Deutschen Blödigkeit [Goer04]. In der Hoffnung, in Luther einen Bundesgenossen zu haben, schreibt ihm von Hutten im Juni 1520: Verfechten wir die gemeinsame Freiheit: Befreien wir das unterdrückte Vaterland! [Schi88]. Luther dagegen sieht seine Mission religiös und liest in der Bibel im Römerbrief: Jedermann sei untertan der Obrigkeit, denn es gibt keine Obrigkeit denn von Gott. Für Hutten dagegen weht mit dem Reformator ein Wind der Freyheit übers Land, der zur Einheit des Reichs losgelöst von Rom führen soll. So fordert er seine Landsleute auf:
Erbarmt Euch übers Vaterland,
Auch Luther schreibt Von der Freyheyt eyniß Christenmenschen und leitet seine Schrift mit den folgenden Sätzen ein: Eyn Christen mensch ist eyn freyer herr über all ding und niemandt unterthan. Eyn Christen mensch ist eyn dienstbar knecht aller ding und jederman unterthan, denn für den Reformator bedeutet die neue seelische Freiheit der Glaubenden keine Abkehr von den Zehn Geboten. Luther fordert von den Menschen Nächstenliebe frei, willig, fröhlich und umbsonst aus wirklichem Gehorsam gegen Gott und auch den Obrigkeiten gegenüber [Rabe89].
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Martin Luther von Lukas Cranach
Thomas Müntzer |
Kein Walch soll uns regieren, darzu kein Spaniol
Die evangelische Lehre ist im Volk populär und wird mehr und mehr ganz im Sinne Huttens mit den Tugenden deutscher Freiheit und Einigkeit verbunden, ja die Reichsstände werden aufgerufen, sich welschen Einflüssen zu erwehren:
wolauf ihr
frommen Deutschen,
Auch Kaiser Karl wird wegen seiner Opposition gegen die Anhänger Luthers von vielen nicht mehr als Deutscher betrachtet:
Kein Walch soll
uns regieren,
Los von Rom?
Im April 1524 beschließt der Reichstag zu Nürnberg in einem Abschied, dass jeder Stand vorerst so viel als möglich dem Wormser Edikt, d. h. der Rückkehr zum alten Glauben, nachkomme und dass vom Papst baldigst ein Konzil in Deutschland einberufen werden solle. Weil man die Beschwerungen des Wormser Reichstags von 1521 aber nicht vergessen hat, unterstützen in Nürnberg alle Stände, alle Bischöfe und selbst Erzherzog Ferdinand die Bildung einer Ecclesia Germanica, zu der, sich am 11. November, dem Martinstag (sic!) des gleichen Jahres, eine gemeine Versammlung aller Stände deutscher Nation in Speyer sich neuerdings vereinige [Ober03]. Eine deutsche Kirche soll den Anhängern Luthers den Wind aus den Segeln nehmen. Doch Kaiser Karl aus dem fernen Spanien winkt ab, denn er möchte sein gespanntes Verhältnis zum Papst nicht noch weiter belasten.
Derweil treibt der Reformator den Aufbau seiner Kirche kräftig voran. So hat D Luther Annno 1524. in Magdeburg eine Predigt am 6. Sonntag nach Trin. in der Pfarrkirche zu S. Johannis abgeleget, und denen Magdeburger Herren Nicolaum von Amsdorff, Adeliges Geschlechts, zum Pfarrer vorgeschlagen, welcher auch von ihnen angenommen, und bey S. Ulrich gantzer 18. Jahr gelehret, biß er zum Bischoff von Naumburg erkohren, und von Magdeburg sich dahin begeben [Magd89].
Bauernunruhen am Oberrhein
Es scheint, dass die Bauern nur den ersten Satz von Luthers Schrift: Von der Freiheit eines Christenmenschen gelesen, den zweiten nicht verstanden haben und sicherlich nicht bis zum Ende des Textes gekommen sind, dort, wo es heisst: Ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Christus und seinem Nächsten, in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe [Goer04].
Im Juni 1524 bricht zunächst im Südschwarzwald in der Herrschaft Stühlingen ein Bauernaufstand aus. Der radikale Thomas Müntzer kommt über Basel in den Klett- und Hegau. Er legt den Bauern das Evangelium auf seine Weise aus und predigt den Aufstand gegen die Herrschenden: Es sind die Herren, die nur fressen und saufen und schmausen, Tag und Nacht suchen und danach trachten, wie sie sich ernähren und viel Pfründen kriegen [Schw09]. Damit schürt Müntzer einen Aufruhr, der sich im Frühjahr 1525 vom Hegau über die Baar und das Markgräflerland bis in den Breisgau verbreitet und sich mit einer Erhebung im Elsass vereinigt. Die katholische Seite sieht in diesen Aufständen die erste Frucht des Lutherischen Evangelii [Kieß02]. Neben diesen evangelischen Einflüssen machen die geistlichen und weltlichen Herren am Oberrhein auch ausländische Einmischung seitens des zwinglianischen Zürich verantwortlich.
Die Christliche Freyheyt gantz fleyschlich machen
Luther ist entsetzt über den Ausbruch von Gewalt, denn das heißt ja statt geistig die Christliche Freyheyt gantz fleyschlich machen [Desc04]. Das Missverständnis seiner Lehren gefährdet die Stabilität der Beziehung zwischen Landesherr und Landeskirche, zwischen Thron und Altar. Deshalb schreibt Luther gegen die mit den Forderungen der Bauern einhergehenden Ausschreitungen seine Ermahnungen zum Frieden auf die 12 Artikel der Bauernschaft in Schwaben. Zunächst geht er darin mit den Ausbeutern und Schindern ins Gericht, die leute so vntreglich beschweren, denn diesen verdanken wir die Bauernaufstände: Erstlich mügen wyr niemand auff erden dancken solchs unradts und auffruhrs, denn euvh Fürsten und herrn, sonderlich euch blinden Bisschoffen vnd tollen Pfaffen vnd München, die yhr noch heuttigs tages verstockt, nicht auffhöret zu toben vnd wüten wider das heylige Euangelion ... Und ob yhr sie (die Bauern) alle schlügt, so sind sie noch vngeschlagen, Gott wird andere erwecken ... und endlich: Es sind nicht die bawren, liebe Hernn, die sich widder euch setzen, Gott ists selber, der setzt sich widder euch, heymzusuchen ewer wueterey.
Doch ermahnt er auch die Bauern, dass sie nicht zu rechten und zu fechten haben, sondern vnrecht zu leyden vnd das vbel zu dulden. Zwar: Die oberkeyt nympt euch vnbillich ewer gut, das ist eyn stuck. Widderumb nemet yhr der selben yhre gewallt, darynne alle yhr gut, leyb vnd leben stehet, drumb seyt yhr viel grösser reuber denn sie, vnd habts erger fur, denn sie gethan haben [Desc04].
Wider das Gaistloße Sanfft lebende fleysch zu Wittenberg
Luthers Mahnung an die rebellierenden Bauern findet nicht bei allen Zeitgenossen Zustimmung. Thomas Müntzer beschimpft Luthers Hochverursachte Schutzrede und sucht die Konfrontation mit der evangelischen Lehre. Er veröffentlicht die Protestation oder Empietung Tome Müntzers... seine lere betreffend und zu anfang von dem rechten christenglawben un der tawffe, in der er die Kindstaufe als vihisches affenspiel abtut [Rabe89].
Ganz in Stile der Zeit werden Müntzers Angriffe sehr persönlich. Er nennt Luther Erzheide und Vater Leisetritt, Lügner, Basilik, tückischer Kolkrabe, gottlosen Schelm, unverschämter Mönch und giftiges Würmchen mit beschissener Demut. In seiner Antwort wider das Gaistloße Sanfft lebende fleysch zu Wittenberg schreibt Müntzer: Schlafe sanft, liebes Fleisch! Ich röche dich lieber gebraten in deinem Trotz durch Gottes Grimm in der Röhre oder im Topf beim Feuer; denn in deinem eigenen Sündlein gekocht, sollte dich der Teufel fressen. Du bist Eselsfleisch, du würdest langsam gar und ein zähes Gericht werden deinen Milchmäulern.
Dran, dran, dyeweyl das feuer hayß ist!
Müntzer hatte schon ein Jahr zuvor unter den Bergleuten von Mansfeld eine geheime militärische Organisation gegründet, die sich Bund der Auserwählten nennt und dem auch viele Bürger der Stadt angehören. Im thüringischen Mühlhausen gründet er einen Gottesstaat und ruft 1525 im Manifest an die Mansfelder Bergknappen zum Aufstand auf: Das volck wirdt frey werden und Gott will allayn der herr daruber seyn [Goer04]. Das ganze deutsche, französische und welsche Land ist wach. Der Meister will ein Spiel machen, die Bösewichter müssen dran ... Wenn Euer nur drei sind, die in Gott gelassen allein seinen Namen und Ehre suchen, werdet Ihr hunderttausend nicht fürchten. Fangt an und streitet den Streit des Herrn! Nun dran, dran, dran! Es ist hohe Zeit. Die Bösewichter sind verzagt wie Hunde ... Sehet nicht an den Jammer der Gottlosen! Sie werden Euch so freundlich bitten, greinen, flehen wie die Kinder. Lasset Euch nicht erbarmen ... Dran, dran, dyeweyl das feuer hayß ist! Lasset euer schwerth nit kalt werden, lasset nit vorlehmen! Schmidet pinkepanke auf den ambossen Nymroths werfet ihne den thorm (Turm) zu bodem! Es ist nit mugelich, weyl sie leben, das ir der menschlichen forcht soltet lehr werden. Mann kan euch von Gotte nit sagen, dieweyl sie uber euch regiren. Dran, dran, weyl ir tag habt, Gott gehet euch vor, volget, volget! [Crai82, Rabe89, Schi88].
Luther warnt seinen Kurfürsten Friedrich den Weisen vor dem aufrührerischen Geist Müntzers und veröffentlicht 1525 gegen das religiöse Schwärmertum die Schrift Wider die himmlischen Propheten.
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Beschwerung und freuntlich begeren mit angehefftem Christlichem erbieten der gantzen bawerschafft So itzund versamlet yn zwelff hawbt Artickel auffs kurtzist gefuget
Widder die Mordischen vnd Reubischen Rotten der Bawren. Psalm. vij. Seyne tück werden yhn selbs treffen, Vnd seyn mutwill, wird vber yhn außgehen.
Zasius ein gebürtiger Konstanzer |
Der Bauer stund auf im Lande
Handlung Artickel vnnd Instruccion
In diesem großen Bauernkrieg spielt Geschriebenes eine entscheidende Rolle. Zwar können die meisten Bauern nicht lesen, doch das gedruckte Wort, so besonders die Artickel unnd Instruction so fürgenommen worden sein von allen Rottenn unnd hauffen der Pauren so sich zesamen verpflicht haben: MDXXV tragen zur Verbreitung der gleichen aufrührerischen Ideen von Schwaben bis Thüringen, von Brandenburg bis Bayern bei. Unter dem Einfluss der Grundlegenden und rechten Hauptartikel aller Bauernschaft und Hintersassen der geistlichen und weltlichen Obrigkeiten, von welchen sie sich beschwert fühlen bildet das Landvolk brüderliche Vereinigungen, findet sich zu christlichen Versammlungen oder rottet sich zu evangelischen Haufen zusammen, in denen sie dem Evangelio gewertig und der Gerechtigkeit beistendig sein wollen. Hie ist weder knecht noch herr, wir seind allzumal ayner in Christo [Goer04].
Die Bauern untermauern ihre alten Forderungen von 1513 nun evangelisch und bedienen sich der Übersetzung eines während der Peasants' Revolt 1381 in England von John Ball geprägten Spruchs: Whan Adam dalf and Eve span was thanne a gentilman: Als Adam pflügte und Eva spann, wo war denn da der Edelmann [Kort]. Der Kleinzehnt, die decima minora*, von Obst und Vieh soll abgetan werden, denn Gott der Herr hat das Vieh dem Menschen frei erschaffen. Dabei will man Bereitschaft zum Gehorsam gegenüber der Obrigkeit in allen gebührenden und christlichen Sachen zeigen [Rabe89]. Zu den Forderungen gehört auch die freie Pfarrerwahl, daß der selbige erwählte Pfarre soll uns das heilige Evangelium lauter und klar predigen, ohn allen menschlichen Zusatz, Lehr und Gebot und ganz im Stile Luthers: Es ist unser Beschluß und redliche Meinung, wenn einer oder mehr der hier gestellten Artikel dem Worte Gottes nicht gemäß wären, ... von denen wollen wir abstehen, wenn man es uns auf Grund der Schrift erklärt [Scho03]. *Es war schon immer üblich gewesen, dass die Bauern ihren Herren ein Zehntel von allen Feldfrüchten abgaben. Doch nun wollen die Herrschaften mehr Geld und erheben neu den zehnten Teil auch von Obst und Vieh.
In einer Schrift An die Versammlung gemayner Pawerschaft mögen die Bauern nicht mehr zwischen göttlichen und menschlichen Geboten unterscheiden: Ach Got diese Gebot mögent sich nicht vonainander schaiden, dann (denn) die Politica Gebotte siend auch divina, die den Gemainen Nutz trewlich fördern, ist nichts anders, dann die brüderliche Liebe trewlich zueerhalten, daz der Seligkeit höchste Verdienung aine ist [Grae04]. So etwas ist in teutschen Landen unerhört. Empört schreibt der bayrische Kanzler Leonard von Eck an seinen Herzog Wilhelm IV.: Aus den Begehren der Bauernschaft ersieht man, was die lutherische Lehre bewirkt. Wildbret und Fische frei und niemand nichts zu geben! Dieser Teufel ist nicht zu bannen ohne den Henker … Wir werden den Bauern nicht nachgeben. Wir würden dadurch unsere Reputation verlieren wie alte Huren. Der Bauern brüderliche Liebe ist mir ganz zuwider. Ich habe mit meinen natürlichen und leiblichen Geschwistern nicht gern geteilt, geschweige dass ich das mit Fremden und mit Bauern täte [Breu05].
Man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich
Als die Obrigkeit gegen die Aufständischen mit Gewalt vorgeht, antworten die Bauern mit Gegengewalt. Es kommt zu blutigen Auseinandersetzungen. Höhepunkt ist das Massaker von Weinsberg, bei dem am Ostersonntag 1525 der Bauernführer Jäcklein Rohrbach den Grafen Ludwig von Helfenstein und weitere Adelige durch die Spießruten schickt. Da beklagt Luther, dass seine Ermahnungen zum Frieden auf die Zwölf Artikel nicht gefruchtet haben und erklärt: Im vorigen Büchlein durfte ich die Bauern nicht verurteilen, weil sie sich zu Recht und besserem Unterricht erboten, aber ehe ich mich denn umsehe, greifen sie mit der Faust darein, rauben und toben und tun wie die rasenden Hunde. Kurzum, eitel Teufelswerk treiben sie. Derlei gräuliche Sünden wider Gott und Menschen laden diese Bauern auf sich, sodass sie mannigfältiglich den Tod an Leib und Seele verdient haben … dass sie solch schreckliche Sünde mit dem Evangelium rechtfertigen. Sie nennen sich christliche Brüder, womit sie die allergrößten Gotteslästerer und Schänder seines heiligen Namens werden. Ich meine, dass kein Teufel mehr in der Hölle sei, sondern dass sie allesamt in die Bauern gefahren sind … [Breu05].
Schließlich bricht es aus Luther heraus und er wettert Widder die Mordischen vnd Reubischen Rotten der Bawren: Denn ein Fürst und Herr muss denken, wie er Gottes Amtmann und seines Zornes Diener ist, dem das Schwert über solche Buben befohlen ist, und der sich ebenso hoch vor Gott versündigt, wo er nicht straft und wehrt und sein Amt nicht vollführt, als wenn einer mordet, dem das Schwert nicht befohlen ist ... so soll nun die Obrigkeit hier getrost fortdringen, und mit gutem Gewissen dreinschlagen, solange sie eine Ader regen kann [Rabe89]. Die hie ist das Vortheil, daß die Bauern böse Gewissen und unrechte Sachen haben; und welcher Bauer darüber geschlagen wird, mit Leib und Seele verloren und ewig des Teufels ist … man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss ... Bleibst du drüber todt, wohl dir, seligern Tod kannst du nimmermehr überkommen; denn du stirbst im Gehorsam göttlichen Worts und Befehls und im Dienste der Liebe deinen Nächsten zu retten aus der Hölle und des Teufels Banden. Dünkt das Jemand zu hart, der denke, daß unerträglich ist Aufruhr. Solche wunderliche Zeiten sind jetzt daß ein Fürst den Himmel mit Blutvergießen verdienen kann baß, denn andere mit Beten [Crai82].
Für Luther ist jegliche Obrigkeit von Gott verordnet. Ist diese schlecht, so muss es sich um eine göttliche Strafe, um eine Prüfung für das Volk handeln und rechtfertigt in den Augen des Reformators niemalen rotterey noch auffruhr, denn die sind Teufelswerk.. Etwa 300 Jahre später kommentiert Heine die Beziehungen zwischen Thron und Altar ganz anders: Nicht bloß die römischen, sondern auch die englischen, die preußischen, kurz alle privilegierten Priester haben sich verbündet mit Cäsar und Konsorten, zur Unterdrückung der Völker [Hein34].
Der große Bauernkrieg sucht Freiburg heim
In vielen deutschen Städten regen die Aufstände der Bauern auch die Zünfte zu Forderungen nach Mitspracherecht in den von den Patriziern beherrschten Räten an. Nicht so in Freiburg, denn hier sind die Handwerker nach dem Debakel von Sempach schon seit 1386 an der Regierungsgewalt beteiligt, so dass so gerichtete reformatorischen Ideen hier auf keinen fruchtbaren Boden fallen. Stattdessen möchte die Stadt allen aufrührerischen Anfängen wehren und schickt zur Verteidigung von Recht und Ordnung 100 Fußknechte nach Villingen, 50 nach Laufenburg und 20 nach Säckingen; Truppen, die so bitter fehlen, als Mitte Mai 1525 etwa 12000 aufständische Bauern von allen Seiten gegen das verhasste, reaktionäre Freiburg marschieren [Scha35].
Auf ihrem Weg dorthin legen die Aufrührer zunächst die historische Burg der Zähringer bis auf den heute noch sichtbaren Rundturm nieder. Die Vorstädte werden geplündert, die Stadt umzingelt, denn die Schwarzwälder hielten das Treisamthal und die benachbarten Berge besezt; die Obermarkgräfler lagerten auf der Hard bei Sanct=Georgen; die Niedermarkgräfler am Moswalde hinab und die Ortenauer beim Dorfe Zähringen. Man droht Freiburg dem Boden gleich zu machen; denn Fürsten, Prälaten und Adel fänden darin mit Leib und Gut ihre Zuflucht, und nirgends anderswo herrsche eine so gehässige Gesinnung gegen die Bauern [Bade82].
Der Bauerkrieg bricht hier aus - Gott sei uns gnädig!
Hinter die vermeintlich sicheren Mauern der Stadt hatten sich viele Adelige und Geistliche unter Mitnahme ihrer tragbarer Habe geflüchtet. Als der Belagerungsring geschlossen ist, jammern die gut katholischen Freiburger Bürger, die alle reformatorischen Bestrebungen ablehnen und deshalb klagen: Daraus uns dann gefolgt, daß wir von fürsten, herren, stetten, communen und sonderlich vom gemeinen mann allenthalben veracht, verspott und genydet sind. Huldrichus Zasius schreibt: Der Bauerkrieg bricht hier aus - Gott sei uns gnädig! Er gibt an dem Aufruhr allein Luther die Schuld: Die Pest des Friedens, Luther, von allen zweibeinigen Geschöpfen das nichtswürdigste, hat ganz Deutschland in solch rasende Wut gestürzt, daß man es schon Ruhe nennen muß, wenn man nicht auf der Stelle zu Grunde geht [Neff88].
Von den rebellierenden Bauern umstellt sucht die Stadt bei der österreichischen Regierung, bei Fürsten und anderen Städten um Unterstützung nach, doch niemand kam zu Hülfe, vom Hegau bis nach Straßburg, vom wirtembergischen bis zum welschen Lande.
Zunächst wird der Krieg jedoch ganz im Stil der Zeit auf Papier ausgetragen. Da lesen sich die Forderungen der Bauern doch recht gemäßigt: unser begehr und meinung ist zu keiner zeit und noch auf diesen tag gewesen, Kais. Maj. noch Fürstl. Durchlaucht beschwerlichs und gewaltigs wider das göttlich recht und das evangelium abzubrechen und zuzufügen, sondern allein das schinden und schaben so bisher mit dem gemeinen armen mann gebrucht, wider Gott, ehr und recht, abzutun ... wir sigen auch nicht der meinung, K. M. und F. D. ihr städt und schloß zu unseren handen zu ziehen, sondern die große schinderei, das groß abnehmen, so dem arm mann wider das göttlich recht und das evangelium beschehen, abzutilgen und niederzulegen, der K. M. und F. D. an ihrer obrigkeit, so ihnen von göttlichen rechten, auch laut des heil. evangeliums zugehörig, unschädlich und unvergriffen ... Bei diesem regen Schriftverkehr geht den Belagerern schon nach zwei Tagen das Papier aus und so bitten sie die Belagerten: Schickt uns durch euren Stadtboten zwei Bücher Papier um unser Geld, wir haben euch auch Salz zugeschickt um euer Geld [Scha35].
Jwellen den Kilchenturm allhie dem zu Kirchzarten glichmachen
Am Ende schreiten die Nachfahren der Bundschuhbewegung, die in Lutherey, Ketzerey und Uffrur ihre Emanzipation ertrotzen wollen, aber doch zum Angriff. Zunächst leiten sie das Wasser der Dreisam um und schneiden so die Stadt von der Brauchwasserversorgung ab. Anschließend besetzen sie die Kartause und steigen von dort den Schlossberg hinauf. Es war ein schöner Maiabend des Jahres 1525, erzählt Ulrich Zasius als Augenzeuge der Ereignisse, die Herren saßen, wie gewöhnlich, auf dem Münsterplatz vor ihrem Gesellschaftshaus Zum Ritter als plötzlich einige hundert Schüsse aus Hakenbüchsen vom Schlossberg her verkündeten, dass dieser von den Bauern besetzt und das Blockhaus auf demselben genommen war. Sogleich wurde Sturm geschlagen und die Bürgerschaft unter die Waffen gerufen [Albe20a]. Von der Höhe aus feuert der mit rotem Mantel und rotem Barett gekleidete Hauptmann Hans Müller aus Bulgenbach im Klettgau Schüsse auf den Helm des Münsterturms ab, bis der unter dem großem Jubel der Angreifer in die Tiefe stürzt: Jwellen den Kilchenturm allhie dem zu Kirchzarten glichmachen (niederlegen). Das ist zwar spektakulär, doch effektiver erweist sich die Umleitung des Wassers für die Mühlen und Bächle der Stadt. Hans Müller fordert die Stadt zu brüderlicher Übereinstimmung in allen gebührlichen Sachen, welche dem gemeinen christlichen Nutzen betreffen und im Artikelbriefe enthalten sind. Die Bauern ziehen in Freiburg ein und nötigen den Rat, beizutreten zur christlichen Vereinigung in Aufrichtung eines allgemeinen Landfriedens und Tilgung der unbilligen Beschwerden des gemeinen armen Mannes von geistlicher und weltlicher Obrigkeit im (ihm) auferlegt, wider das Wort Gottes und das heilige Evangelium [Scha35].
Huldigung und Eid richten sich nicht gegen das kaiserliche Haus Österreich: Nit das wir gar frei wöllen sein, kain Oberkait haben wellen, lernet uns Gott nit* [Breu05]. Für den Schutz, den Freiburg dem Adel und der Geistlichkeit gewährt hatte, muss die Stadt vier Geschütze abtreten, ein beträchtliches Brandschutzgeld von 3000 Gulden zahlen und ein Herdstattgeld, wöchentlich zwei Kreuzer pro Haus, entrichten [Scha35]. *ähnlich wie Goethes Götz: dem Kaiser erweise ich meinen schuldigen Respekt, doch er kann mich ...
Zasius schildert in einem Brief an den Sekretär Erzherzog Ferdinands die Notlage Freiburgs und bittet gleichzeitig um gut Wetter bei der Obrigkeit: Nach vielem Hin- und Herreden ist der Friede endlich zu Stand gebracht, worin wir als Hauptpunkt erreichten, daß die Herrschaft des Hauses Oestreich uns unverletzt bleiben solle. Außerdem ist einiges Abgeschmackte und Lächerliche, wie es bei Bauern zu geschehen pflegt, festgesetzt worden. Nämlich: Daß das Evangelium geschützt, oder, wie sie sagen, gehandhabt werde; als wenn nicht die Christenmenschen dies längst vorher gethan hatten. Ferner: der öffentliche Friede solle gehalten, den Feinden widerstanden und den Bauern geholfen werden, um von ihnen den Druck des Adels abzuwenden, und dergleichen mehr, was ohnehin Niemand verweigern kann. Wir sind jetzt in Erwartung neuer Schwärme, während sie in Folge des Bündnisses Allerlei zu erreichen suchen, was nach dem Bündnisse selbst rechtlich nicht gefordert werden kann. Es ist jetzt deine Sache, mit ganzer Kraft darauf zu dringen, daß diesem Unheil bei Zeiten gesteuert werde; unser Fürst darf nicht länger ruhen, denn wenn jetzt keine Hülfe kommt, so ist eine Niederlage zu fürchten, die niemals wieder gut gemacht werden kann. Der Herzog von Lothringen hat in der Zeit von zwei Monaten nahezu 40000 Bauern im Elsaß vernichtet* und täglich wachsen wie aus dem Kopfe der Hydra neue nach, so daß man sich billig wundern muß, woher eine solche Masse Bauern überhaupt kommt, **Der Herzog schlägt die Bauernhaufen im gleichen Jahr bei Lupstein, Scherrwiller und Zabern
Niemants in diser Sachen und mit der luterischen Sect verwicklen
Als schließlich der Erzherzog den Breisgauer Bauernaufstand niederschlägt, beeilt sich der Freiburger Rat, seinen ursprünglichen Standpunkt zu bekräftigen: das sich niemants in diser Sachen und mit der luterischen Sect verwicklen, sonder ein yeder, der zu Fryburg wonen wöll, bi den cristlichen Satzungen, die bishar vil hundert Jarn gemeinlich gehalten sind worden, bliben soll, bis von den Oberkeiten und denen, so es zusten mag, ein anders geordnet werd.
Dreihundert Jahre später urteilt Ludwig Börne, dass die Reformation zur Schwindsucht [wurde], an der die deutsche Freiheit starb, und Luther war ihr Totengräber, während Heine im Bauernkrieg die erste wirkliche Volkserhebung der Geschichte sieht: Luther hatte Unrecht und Thomas Müntzer hatte Recht [Kieß02].
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Johann der Beständige
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Daß der Mensch sich dem Katholizismus zuneigt, wenn er müde und alt wird
Die Geschichte schreitet fort auch in Wittenberg,
Friedrich der Weise inmitten seiner Getreuen. Links: Luther und Friedrichs Beichtvater Georg Spalatin Rechts: Kurkanzler Gregor Brück und Philipp Melanchton
Sarkastisch kommentiert Heine Friedrichs religiösen Spagat: Mögen immerhin die Altgläubigen ihre Glocken läuten und Kyrie Eleison singen, ob solcher Bekehrung - es beweist aber nichts für ihre Meinung, es beweist nur, daß der Mensch sich dem Katholizismus zuneigt, wenn er müde und alt wird, wenn er seine physischen und geistigen Kräfte verloren, wenn er nicht mehr genießen und denken kann. Auf dem Totbette sind so viele Freidenker bekehrt worden - aber macht nur kein Rühmens davon! Diese Bekehrungsgeschichten gehören höchstens zur Pathologie und würden nur schlechtes Zeugnis geben für Eure Sache. Sie bewiesen am Ende nur, daß es Euch nicht möglich war jene Freidenker zu bekehren, solange sie mit gesunden Sinnen unter Gottes freiem Himmel umherwandelten und ihrer Vernunft völlig mächtig waren [Hein34].
So führt schließlich Friedrichs jüngerer Bruder Johann der Beständige, der im Amt folgt, im sächsischen Kurfürstentum die überfällige Neuordnung des Kirchenwesens durch, was auf die Gründung einer evangelischen Landeskirche hinausläuft. Die später für die deutsche Geschichte so verhängnisvolle Allianz zwischen Thron und Altar nimmt hier ihren Anfang.
Vordringen der Reformation in den deutschen Landen
Es läuft weiterhin gut für die Reformation. Zwar bestätigt der erste Reichstag zu Speyer 1526 in seinem Abschied das Wormser Edikt von 1521 gegen Luther und seine Anhänger, doch weil die Reichsstände dem Statthalter des Kaisers Erzherzog Ferdinand neue Steuern bewilligen, dürfen sie so leben, wie ein jeder solches gegen Gott und kaiserliche Majestät hoffe und vertraue zu verantworten [Rabe89]. Kurfürst Johann fühlt sich 1528 schon ganz als summus epicopus* und Bewahrer seiner Landeskirche, wobei es ihm und den anderen evangelischen Reichsständen vornehmlich um die Vereinnahmung des römischen Kircheneigentums geht. *oberster Bischof = Herr der Landeskirche
Während man bei Euch in der Ketzerei verrückt geworden ist,
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Schmuckkassette am Basler Hof
Erasmus findet Dürers Bild als wenig schmeichelhaft. Wohl deshalb lautet der eingeschriebene griechische Text: Das bessere Bild zeigen seine Schriften
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Der Bildersturm in Basel und die Folgen für Freiburg
Aus Furcht vor einer Vernichtung seiner Archive durch die Reformierten hatte das Basler Domkapitel bereits 1524 seine Schriften nach Freiburg gebracht, doch bleiben die Herren weiterhin in Basel, während ihr Bischof 1527 seine Residenz ins fürstbischöfliche Schloss zu Pruntrut (Porrentruy) verlegt. Sehr glücklich ist er nicht, denn zwar übt er hier seine weltliche Autorität aus, doch geistlich untersteht sein weltlicher Machtbereich dem Bischof von Besançon. Die Basler Bischöfe residieren in Porrentruy bis zur Flucht vor den französischen Revolutionstruppen im Jahre 1793. Unter Napoleon wird das Basler Fürstbistum 1803 säkularisiert.
Am 9. Februar 1529, einem Fasnachtsdienstag, stürmen die Reformierten angeführt von der Leineweberzunft in das Basler Münster. Augenzeuge der dann folgenden Ereignisse ist der Basler Professor der Theologie Erasmus von Rotterdam (1469-1536): Von Standbildern wurde nichts unversehrt gelassen, weder in den Kirchen noch in den Vorhallen noch in den Kreuzgängen noch in den Klöstern. Was von gemalten Bildern vorhanden war, wurde mit einer Übertünchung von Kalk bedeckt; was brennbar war, wurde auf den Scheiterhaufen geworfen, was nicht, wurde Stück für Stück zertrümmert. Weder Wert noch Kunst vermochten, dass irgendetwas geschont wurde. Am Aschermittwoch entzünden die Bilderstürmer einen Scheiterhaufen mit zerstörten Kunstwerken auf dem Münsterplatz.
Als die Ausschreitungen gegen die Altgläubigen zunehmen, flieht der große Humanist im April 1529 aus Basel ins gut katholische Freiburg. Im Mai folgt das Basler Domkapitel: Die reichen Herren brachten Geld und Verkehr in die Stadt, weshalb man ihnen anfangs durch die Finger sah; als es dieselben aber fortan bunter trieben, erachtete sich der Stadtrath für bemüßigt, gegen sie einzuschreiten. Während des Winters von 1542 auf 1543 wurden einige Domherren nebst ihren Haushälterinnen gefänglich eingesezt, weshalb die überingen mit Wegzug drohten [Bad82]. Dazu kommt es aber nicht, denn wo sollen sie auch hin. Einsichtig erkennen die Domherren den Ernst der Zeit.
Im Jahre 1587 kaufen die Domkapitulare das Stürtzelsche Anwesen und lassen es als ihre permanente Residenz im Exil herrichten. Auf einer dort angebrachten Tafel liest man folgende Inschrift: Mit dem Segen Gottes des Allmächtigen und Besten und unter dem Hochwürdigsten und Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn Bischof JACOB CHRISTOPH sowie den derzeitigen Domkapitularen ... wanderte das Basler Domkapitel mit seinem Clerus wegen des Abfall Basels von dem katholischen Glauben, den die Apostel, ausgehend von Jerusalem, von Anfang allen Völkern predigten, auf Geheiß des Allergnädigsten Kaisers und Herren FERDINAND, immer Mehrer des Reichs, im Jahre des Heils 1529 hierher unter den gütigen Schutz dieser hochangesehenen Stadt Freiburg und hat sich nunmehr dieses Hauses als Curie für sich und die Seinen hergerichtet im Jahre des Heils 1590.
Der Basler Hof in seiner heutigen Form
Der Fürst der Humanisten weilt in Freiburg von 1529 bis 1535
In Freiburg logiert der 62-jährige Erasmus,
Haus zum Walfisch in der Franziskanerstraße
Kurz nach seiner Ankunft in Freiburg Anfang Mai 1529 schreibt er begeistert an Willibald Pirckheimer in Augsburg: Endlich habe ich die Scholle gewechselt, der Rauraker* ist ein Breisgauer geworden … Die kleine Reise ging besser als ich erwartet hatte. Der Rat der Stadt bewies mir ganz von selbst alle Freundlichkeit, noch ehe mich König Ferdinand brieflich empfahl. Man gab mir ein fürstliches Haus, das seinerzeit für Kaiser Maximilian gebaut wurde, aber unvollendet blieb... und dann einen Brief später: Ubi bene ubi patria, heißt es im Sprichwort. Ich werde also für ein Jahr das so freundliche Klima hier genießen dürfen, wenn mich Mars nicht von hier vertreibt. *Augusta Rauraca die römische Bezeichnung für Basel
Die Würden nahm er an
Im Haus zum Walfisch, meint Erasmus, werde die
Stadt ihn unentgeltlich wohnen lassen. Als der Bürgermeister ihm eine
Mietrechnung
über 30 Gulden schickt, ist Erasmus verstimmt [Hug79]. Sonst aber hofieren
Stadt und Universität den großen Humanisten, der sich jedoch spreizt und
findet: Die Theologie wird hier schwächer betrieben, als
mir lieb ist und das Studium der Sprachen gedeiht mittelmäßig
[Aurn06]. Die Universität ist zwar gut eingerichtet,
Korrektur auf der Gedenktafel für Erasmus am Haus zum Walfisch. Hier wohnte er nur von 1529 bis 1531 und nicht wie ursprünglich angegeben bis 1535
So hatte ihn aus seinem Domizil in der Franziskanerstraße nicht der Krieg, sondern der Ärger mit der Stadt vertrieben. Als neuen Wohnsitz kauft Erasmus 1531 das Haus zum Kind Jesu in der Schiffstraße 7. Das widerspricht dem Stadtrecht, nach dem nur Freiburger Bürger Grund und Boden erwerben dürfen. Um den Erwerb des Hauses zu legalisieren, lässt Erasmus sich vier Jahre nach seiner Ankunft in Freiburg als professor theologiae in die Universitätsmatrikel eintragen. Von nun an bewohnt er als akademischer Bürger ein privilegiertes Haus frei von Steuern. Als der Rektor Paulus Getzonis den Senatsmitgliedern 1533 voller Freude die Zustimmung des Umworbenen zur Aufnahme in die Matrikel der Universität verkündet, ahnt er noch nicht, dass Erasmus weder eine Vorlesung an der Albertina halten noch an den Sitzungen des Senats teilnehmen wird: Die Würden nahm er an und besaß er, die Bürden aber hatte er von vornherein abgelehnt [Maye07].
Stattdessen arbeitet Erasmus an seinem Liber de sarcienda ecclesiae concordia, deque sedandis opinionum dissidis, cum aliis nonnullis lectu dignis*, in dem er Europa als ein einheitliches christliches Volk, populus Christianus beschreibt, welches in der Kirche, ecclesia, auch ein gemeinsames Haus, eadem domus, bewohnt. Die Gegensätze zwischen Katholiken und Lutheranern erachtet er als überbrückbar und hofft, wie viele seiner Zeitgenossen, auf ein allgemeines, einigendes Konzil. *Buch von der Wiederherstellung der kirchlichen Eintracht und der Beseitigung der Meinungsverschiedenheiten
Mit fortschreitender Glaubensspaltung allerdings fühlt Erasmus den religiösen Zusammenhalt Europas über die römische Kirche schwinden. Er ahnt stattdessen das Entstehen pronationaler Strukturen voraus: Der Engländer ist der Feind des Franzosen, aus keinem anderen Grund als dem, dass er Franzose ist. Der Schotte ist dem Briten feind, aus keinem anderen Grund, als dem, dass er Schotte ist. Der Deutsche ist dem Franzosen Feind, der Spanier beiden [Kata04].
Wie viele seiner Zeitgenossen leidet Erasmus an Gicht, aber als Hypochonder auch an Magenschwäche, so dass er Diät halten muss. Ihm behagt auch das Freiburger Klima nicht, der ständige Nebel nervt, es regnet zu viel. Gemessen an Basel ist ihm Freiburg zu provinziell, der Markt bietet zu wenig Auswahl, der Wein ist schlecht, die Waren sind zu teuer. In einem Brief an Gasper Schets beschwert sich Erasmus 1534 auch über die Bächle: Hier herrscht große Unreinlichkeit. Durch alle Straßen dieser Stadt läuft ein künstlich geführter Bach. Dieser nimmt die blutigen Säfte von Fleischern und Metzgern auf, den Gestank aller Küchen, den Schmutz aller Häuser, das Erbrochene und den Harn aller [Passanten], ja sogar die Fäkalien von denen, die zuhause keine Latrine haben. Mit diesem Wasser werden die Leintücher gewaschen, Weingläser gereinigt, ja sogar die Kochtöpfe. Das könnte man ertragen, wenn es etwas [Rechtes] zu Essen gäbe: Das ganze Jahr über ernähre ich mich von Hühnchen. Hier gibt es keine üppigen Gelage, und wenn schon einmal, wird es den Adligen denunziert [Unte95].
Und soll nymandt dhein mist, strow, stain ... in die bäch schütten …
Wohl wahr, denn erst viele Jahre später im Jahre 1552 liest man in den Ratsprotokollen die Bestimmungen: Welcher mist uss dem seinen uff die gassen schüttet und den ufs lengst in drey oder vier tagen nit hinweg fueret, sonder uff der gassen ligen lasst, der soll zu straff fünff schilling Rappen verfallen sein ... und über die Reinlichkeit der Bächle: Und soll nymandt dhein mist, strow, stain ... in die bäch schütten … und die Sauberkeit der Brunnen: ... dass nymandt dheinerley wuost noch unsauber wasser, so man fleisch, kraut, wyndeln oder annders weschet, oder die geschirr schwenket, in die bronnen schüttet ... [Baas05].
Ich wollte lieber unter den Türken wohnen
In Erasmus‘ neuem Domizil in der Schiffstraße stehen Sanierungsarbeiten an und so muss er sich mit Schmieden, Steinmetzen, Schreinern, Spenglern und Glasern herumschlagen. Er schreibt 1531 in einem Brief: Du kennst diese Sorte von Menschen; es ist so widerwärtig, daß ich lieber volle drei Jahre mich mit noch so unangenehmen wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigen als nur einen einzigen Monat mit dieser Art Sorgen plagen möchte. Er mäkelt weiter über Freiburg: Die Stadt ist zwar hübsch, aber nicht bevölkert genug [Hug79] und weiter die Stadt ist klein und die Einwohner sind abergläubisch.
Lobenswert findet er lediglich den 68-jährigen Huldrichus Zasius: … ich habe in Deutschland noch nichts gesehen, was ich so bewundert hätte wie den Charakter des Ulrich Zasius. Er ist die Lauterkeit selbst, nicht nur lauter gegenüber seinen Freunden. Körperlich altert er, aber es ist kaum zu glauben, wie er geistig noch ganz frisch ist, seine Urteilsschärfe und sein Gedächtnis haben in keiner Weise gelitten. Ein so schlagfertiges, witziges, treffendes und inhaltlich gut improvisiertes reden habe ich selbst bei einem Italiener bisher nicht bemerkt [Hug97]. Es floss die Rede süßer denn Honig über seine Lippen. Ich erwartete einen Juristen zu finden, zwar einen ausgezeichneten, aber doch nur einen Juristen. Allein was gibt es in den Geheimnissen der Theologie, das du nicht untersucht und durchdacht hättest? In welchem Teile der Philosophie bist du nicht vollkommen bewandert? Gibt es überhaupt ein Buch der Alten und Neuen, das du nicht aufgeschlagen, eingesehen, eingesogen hättest?
Die Hochachtung, die Erasmus für Zasius empfindet, geht wohl auch auf den Freiburger Fastenstreit des Jahres 1523 zurück. Damals im März kam Erasmus zu Besuch hierher, logierte im Gasthaus zum Schiff, wo man ihm - der kirchlichen Jahreszeit gemäß – nur Fastenspeise servierte. Erasmus aber litt seit langem an Nierensteinen und hatte deshalb vom Papst eine Dispens. Das wusste der Wirt nicht. Da lud nun Zasius den verehrten Freund zu sich in sein Haus Zum Wolfseck in der Herrenstraße ein und ließ dem Gast etwas Rechtes kochen. Das erfuhren ein paar Übereifrige in der damals bereits vom Landesherrn Ferdinand I. auf einen radikal antireformatorischen Kurs getrimmten Stadt, denunzierten Zasius beim Rat. Von dort erhielt er eine amtliche Rüge und einen Bußgeldbescheid [Hug79].
Wohl auf dieses Vorkommnis bezieht sich Erasmus‘ Bemerkung über die Freiburger: Nun darf ich schon seit langer Zeit keine Fische mehr essen, und obgleich ich vom Papst einen Dispens habe, so würde man es mir daselbst doch zum Verbrechen anrechnen, wenn ich die Fasten nicht streng hielte [Unte95]. Erasmus' Ablehnung der Stadt gipfelt in der Bemerkung: Ich wollte lieber unter den Türken wohnen. Schließlich verlässt er Freiburg klammheimlich im Jahre 1535 in Richtung Basel, wo er ein Jahr später stirbt [Baum07].
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König Ferdinand I.
Suleiman der Prächtige von Albrecht Dürer
Confessio Augustana
Johann Friedrich der Großmütige am Dresdener Fürstenfries
Moritz von Sachsen am Dresdener Fürstenfries
Luther auf dem Totenbett |
Die Anhänger der Reformation protestieren
Die alte Kirche sucht im Glaubensstreit auf ihre Weise zu vermitteln, doch trotz intensiver Religionsgespräche bestehen die Anhänger des neuen Glaubens auf ihrem Los von Rom, geraten aber durch Ferdinands geschicktes kirchenpolitisches Taktieren mehr und mehr in Bedrängnis. Als er als kaiserlicher Statthalter auf dem zweiten Reichstag zu Speyer 1529 den toleranten Abschied von 1526 kippen möchte, trifft er auf den geballten Protest der evangelischen Reichsstände, weil ... in den Sachen Gottes Ehre und unser Seelen Heil und Seligkeit belangend ein jeglicher für sich selbst vor Gott stehen und Rechenschaft geben muss [Rabe89]. Vierzehn Reichstädte schließen sich der Protestation an darunter die am Oberrhein gelegenen Konstanz und Straßburg [Schi88].
Einig sind sich Katholiken und Protestanten lediglich, gemeinsam gegen die jetzt kürzlich newen aufgestanden irsal und sect des widertauffs zu kämpfen. Ob dieser lästigen Konkurrenz sind die Lutheraner besonders eifrig festzustellen: Damnant Anabaptistas, qui improbant baptismo pueros salvos fieri* [Grae05]. *Derhalben werden die Wiedertäufer verworfen, welche lehren, dass die Kindertaufe nicht recht sei
Das Reich ist innerlich zertrennt und auch außenpolitisch steht es nicht zum Besten. Die Türken unter Sultan Suleiman dem Prächtigen erscheinen am 22. September 1529 mit 120000 Mann, unter ihnen christlich-ungarische Truppen, vor Wien und belagern die Stadt. Zwar gelingt es ihnen nicht, die mit 16000 Soldaten unter Nikolaus Graf Salm verteidigte Festung einzunehmen, doch sie rauben das Umland aus, verwüsten es und führen die Bevölkerung in die Sklaverei. Erst am 15. Oktober ziehen die Ungläubigen wieder ab [Rose04].
Im Dauerstreit
mit
Karl V.
hatte
François I die Türken
Kaiserkrönung Karls V. durch Clemens VI.
Confessio Augustana
Durch Clemens VI. in Bologna zum römischen Kaiser gekrönt und damit gestärkt nach Deutschland zurückgekehrt ruft Karl für das Jahr 1530 einen Reichstag mit dem Schwerpunkt Glaubensstreit nach Augsburg ein. Der Kaiser ist nicht auf Ausgleich aus, hatte er doch 1528 deutlich gemacht: Ich schwöre zu Gott und seinem Sohne, dass nichts in der Welt mich so bedrückt wie die Häresie Luthers und dass ich das Meinige dafür tun werde, dass die Historiker, die von der Entstehung dieser Ketzerei in meinen Tagen erzählen, auch hinzufügen, dass ich alles dagegen unternommen habe; ja ich würde in dieser Welt geschmäht und im Jenseits verdammt werden, wenn ich nicht alles täte, die Kirche zu reformieren und die verfluchte Ketzerei zu vernichten [Schr09].
Verlesung der Confessio Augustana vor Karl V. in Anwesenheit der Kurfürsten und Reichsstände
Nach zähem
Ringen der Parteien
sieht Karl V. die Verhandlungen
zum Glaubensstreit als gescheitert an. Als die Anhänger der
lutherischen Lehre bereits abgereist sind, setzt der Kaiser mit den Stimmen der
altgläubigen Ständemehrheit das Wormser Edikt wieder in Kraft und droht mit dessen gewaltsamer Durchsetzung. Da schließen
sich 1531 die meisten protestantischen Stände im christlichen verstendtnus
unter
Führung des Kurfürsten
Johann
dem Beständigen von Sachsen und des Landgrafen
Philipp von Hessen
Vordringen der Reformation (grün eingefärbt), katholische Länder (blau gefärbt) [Atla91]
Das Münster wird 1530 vollendet
Das Münster um 1530
Regentenwechsel in beiden Sachsen
Im Jahre 1532 übernimmt Johann Friedrich der Großmütige Regierung und Kurwürde im ernestinischen Teil Sachsens. In Dresden erbt 1541 der ehrgeizige Albertiner Moritz die Herrschaft. Der sieht in dem heraufziehenden Konflikt zwischen dem Kaiser und den protestantischen Reichsständen eine Chance, die Machtverhältnisse in den sächsischen Landen zu seinen Gunsten zu ändern. Dabei setzt er auf die kaiserliche Karte und hilft Karl V. 1544 mit einem Reiterregiment gegen die Franzosen.
Im selben Jahr
François und Karl nun als Freunde beim Einzug in Paris
Aus Furcht vor einem unberechenbaren Konziliarismus hatte die römische Kurie um ihre Privilegien fürchtend (man erinnere sich an das Konstanzer Konzil, auf dem drei Päpste abgesetzt wurden) seit dem Wormser Edikt die immer wieder angemahnte und so notwendige Abhaltung eines den Glaubensstreit schlichtenden Konzils ein Vierteljahrhundert hinausgezögert. Dabei hatte sich die Kirche auch hinter dem französischen König versteckt. Der hatte, auf dass der Glaubensstreit im Reich nicht geschlichtet werde, die Einberufung einer Kirchenversammlung im Einvernehmen mit seiner ecclesia Gallicana stets abgelehnt. Nun stimmt auch François dem Konzil in Trient zu.
Albrecht braucht wieder einmal Geld
Neben Bayern und habsburgischen Gebieten stemmen sich naturgemäß die geistlichen Kurfürstentümer gegen alle reformatorischen Bestrebungen. Auch Albrecht in Kurköln bekämpft die Ausbreitung lutherischer Lehren in seinen östlichen Dependenzen Magdeburg und Halberstadt, wo er durch seinen Offizial Heinrich Leucker zunächst jegliche reformatorischen Regungen brutal unterdrücken lässt. Als nun aber 1439 im Kurfürstentum Brandenburg und im Reichsstift Quedlinburg die Reformation eingeführt wird, versucht Albrecht wenigstens in seinen Gebieten den römischen Glauben möglichst teuer zu verkaufen: Ertzbischoff Albertus hat hier auff, als Lutheri reformation zugenommen, das Liecht der Wahrheit ihm ziemlich die Augen erleuchtet, und er seinen Glimpff gegen die Evangelischen auff viel Weiß (Weise) und Wege sehen lassen, endlich An. 1540. der Ritterschafft und denen Städten in denen Ertz= und Stifftern Magdeburg und Halberstadt, das exercitium Religionis Augustana Confessionis, gegen Verwilligung einer grossen Geld=Summa, wie Dresserus in Chronico Saxonico fol 579. bezeuget, frey gelassen, ist Anno Christi 1545. den 4. Septembris, nach dem er 32. Jahr regieret, auff den Chur=Mäntzischen Schloß Aschaffenburg gestorben und allda begraben worden [Magd89].
Mundus ... mox mutandus, Amen
Luther ist in evangelischen Landen ein angesehener Mann, dessen Rat gefragt
ist. So reist er 1546 in seine Geburtsstadt Eisleben, um dort einen
Familienstreit derer von Mansfeld zu schlichten. Schwerkrank schreibt er an
seine Frau Käthe: Wenn ich wieder heim gen Wittenberg
komm, so will ich mich alsdann in den Sarg legen und den Maden einen feisten
Doktor zu fressen geben [Schw09].
Die 25.Sitzung der Trienter Konzils
Wie die Urchristen hatte Luther sein ganzes Leben auf die Ankunft des Herrn geharrt, so wie er es 1521 seinem Vater geschrieben hatte: Ich bin überzeugt, dass der Tag des Herrn nahe herbeigekommen ist. Für ihn sitzt auf dem Stuhl Petri folgerichtig der in der Offenbarung des Johannes angekündigte Antichrist der letzten Tage: Unser Kampf gilt nicht dem Papst oder einem Bischof, sondern dem Teufel. Mit dem Tod (transitus) vor Augen wiederholt Luther seine Naherwartung: mundus ... mox mutandus, Amen* [Ober03]. *Wahrlich, die Welt wird bald untergehen
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Vindex Libertatis Germaniae et principum captivorum:
Sendschrifften der Königlichenn Maiestat zu Franckreich, etc An die Chur vnd Fürsten, Stende vnd Stett des Heyligen Römischen Reichs Teutscher Nacion, darinn sie sich jrer yetzigen Kriegsrüstung halben uffs kürtzest exelere |
Die Schlacht bei Mühlberg
Nach der Einigung mit François hat Karl den Rücken frei und kann nun, wie er 1521
in Worms gelobt hatte, an die Bekämpfung der
Pestis Germaniae, der deutschen Häresie,
gehen und daran meine Reiche und Herrschaften, meine
Freunde, meinen Leib, mein Blut, mein Leben und meine Seele … setzen [Schi88]. *oder war es die Schlacht bei Mühldorf 1322?
Karl V. in der Schlacht
bei Mühlberg
Nach seinem Sieg kommt der Kaiser durch Wittenberg und lässt sich die Gruft Luthers zeigen. Als einige spanische Granden den Reformator exhuminieren und die Überreste des Ketzers verbrennen wollen, lehnt Karl die Grabschändung mit den Worten ab: Ich führe Krieg mit den Lebenden und nicht den Toten.
Moritz erhält wie versprochen nicht nur die sächsische Kurwürde, sondern zusätzlich das ernestinische Herzogtum Sachsen-Wittenberg. Der eine Anführer der Protestanten Johann Friedrich der Großmütige gerät in kaiserliche Gefangenschaft. Als sich der andere Anführer Philipp von Hessen später ergibt, bittet der neue Kurfürst, seinen Schwiegervater weder am Leibe noch mit ewiger gefängnus zu bestrafen [Rabe89]. Als Karl dann Philipp einkerkern lässt, wendet sich Moritz von seinem kaiserlichen Gönner ab und steht nun ob seines Verrats der evangelischen Sache im Reich völlig isoliert da.
Karl mit Reichsapfel und Schwert inmitten seiner äußeren und inneren Feinde: Sultan Suleiman der Prächtige, Papst Paul III und François I (links) sowie der Ernestiner Johann Friedrich der Großmütige, sein Rivale der kriegerische Albertiner Moritz mit dem Meißner Wappen und sein Schwiegervater Philipp von Hessen (rechts). Man beachte: der Reichsadler zu Füßen des Kaisers hält sie alle kurz angebunden (Allegorie von Giorgio Guilio Clovia)
Eine monarchia universalis?
Nach dem Sieg über die evangelischen Stände versucht Karl V. 1547/48 auf dem geharnischten Reichstag in Augsburg, die Reichsverfassung im Sinne einer monarchia universalis zu ändern. Außerdem verlangt er ein stehendes Reichsheer in einen von ihm geführten Bund der Reichsstände. Ihnen bietet er dafür in Religionsfragen bis zu deren endgültiger Regelung durch ein Konzil das von einer Kommission ausgearbeitetes Interim an. Dieses erkennt die Heilige Schrift grosser dann aller mentschen gewalt an, gesteht den Protestanten die communio sub utraque (den Laienkelch) und ihren Geistlichen die Ehe zu, doch sollen sie an den sieben Sakramenten, der Form der katholischen Messe sowie der Heiligenverehrung festhalten. Gleichzeitig hält der Kaiser für die katholische Geistlichkeit eine Überraschung mit der formula reformationis bereit, in der vom Klerus eine rechte Lebensführung und ausreichende Kenntnisse in Glaubensfragen verlangt werden. Nur das gründliche Studium der Heiligen Schrift ermöglicht eine gute Predigt und verhindert, dass die Sakramente zu müßigen Schauspielen werden [Rabe89].
Karl hat große Hoffnung, mit seiner Kompromissformel den Religionsstreit im Reich zu beenden und zugleich seine kaiserliche Autorität im Sinne einer absoluten Monarchie zu stärken. Jedoch weder die protestantischen noch die katholischen Reichsstände lassen sich durch die kaiserliche Zwischenreligion einlullen. Sie bleiben wach und fürchten um ihre teutsche libertät, die nach den Vorstellungen Karls wohl bald in einer spanischen servitut enden möchte. Sie pochen auf ihre Privilegien und das Recht des Mitregierens: dann die churfursten welen einen kayser, so regirn die stendte mit dem kayser, und ist der kayser kein monarcha [Schm99]. Gegen die Bestrebungen Karls bemüht sich Moritz von Sachsen heimlich um die Hilfe des französischen Königs Henri II: Frankreich möge doch den unterdrückten Deutschen helfen und deren Libertät gegen den Kaiser verteidigen.
Unt williget nicht ins Interim, dan es hat den Schalck hinter im
In den folgenden Jahren findet das Augsburger Interim im protestantischen und katholischen Lager kaum Zustimmung. Flugschriften mit Spottversen machen die Runde: Selich ist der Man, der Gott vertruen kan, unt williget nicht ins Interim, dan es hat den Schalck (Schelm=Bösewicht) hinter im, d. h. es spaltet Katholiken und Protestanten weiter [Schi88]. Geistiges Zentrum des Widerstands der Protestanten ist Magdeburg, unsers Herrgotts Kanzlei [Rabe89]. In einer Flugschrift: Bekentnis, Unterricht und Vermanung der Pfarrhern und Prediger der Christlichen Kirchen zu Magdeburgk wird das Widerstandsrecht der unteren Obrigkeiten verkündet: Wenn die hohe Obrigkeit sich unterstehet, mit gewalt und unrecht [ihre Untertanen] zu verfolgen ... das Göttliche oder natürliche Recht, rechte Lere und Gottesdienst auffzuheben ... So ist die unter Obrigkeit schuldig, aus krafft Göttlichs befehls, wider solch der Obern fürnehmen, sich sampt den ihren ... aufzuhalten [Schi88].
Ob dieser Anmaßung ist die Stadt Magdeburg weil sie mit den Churfürsten zu Sachsen Johann Friedrichen in Bunde gewesen, und die Religions=formul das Iterim genant, nicht annehmen wollen, in die Acht erkläret, und von Churfürst Mauritio von Sachsen Anno 1550. belagert worden, so ein gantzes Jahr gewähret[Magd89]. Als der Kaiser Moritz zum obersten Feldhauptmann bei der (ersten) Belagerung von Magdeburg ernennt, sollte der wiederum in die Zwickmühle zwischen Loyalität zum Reich, protestantischer Pflicht und eigenem Ehrgeiz geraten. Insgeheim jedoch ist der Kurfürst bereits zum Oppositionsführer gegen Karl aufgestiegen, und so dient ihm diese Belagerung letztlich nur als Tarnung seiner verräterischen Aktivitäten.
Der Judas von Meißen
Seinen Titel Judas von Meißen erhält Moritz dann endgültig, als er 1552 in der sogenannten Fürstenrebellion zusammen mit Landgraf Wilhelm von Hessen eigenmächtig den hochverräterischen Vertrag von Chambord unterschreibt, in dem mit Heereskraft und der Hilfe Frankreichs das Joch des vorgestellten Vihischen servituts Karls V. abgeworfen und die alte libertet vnd freiheit, vnsers gelibten vatterlands der Teutschen Nation bewahrt werden soll. Henri II unterstützt die aufständischen Fürsten nicht nur mit Geld, sondern verschickt auch eine Sendschrifften mit dem Titel: Vindex Libertatis Germaniae et principum captivorum*. Ohne den Rächer ist es vmb das Reich vnd Teutsche Nation vnnd volgents umb die gantze Christenheyt geschehen [Schi88]. *Rächer der deutschen Freiheit und der [immer noch vom Kaiser im Schmalkaldischen Krieg] gefangenen Fürsten
Metz, Toll und Wirten
Als Gegenleistung erhält der französische König die Zusicherung, dass er die Stett, so zum Reich von alters gehöret, Vnd nit teutscher Sprach sein, als Nemlich Chamerich (Cambrai), Toll (Toul) Jn Lottringen, Metz, Verdun (Wirten), Vnd was derselben mehr weren, ane (ohne) Verzug Inneme, Vnd die als ein Vicarius* des Heiligen reichs, zu welchem titel wir seine königliche Majestät zukunftig zu befordern geneigt sein, Jnhabe vnnd behalte, Doch furbehalten dem Heiligen reich, sein gerchtigkeit so es denselben Stetten hat. So nimmt Reichsvikar Henri noch im gleichen Jahr in einem als voyage en Allemagne bezeichneten Feldzug die Städte Metz, Toul und Verdun ein und marschiert anschließend gen Straßburg. Doch an der Zaberner Steige macht er kehrt, weil ihm die Einnahme der Reichsstadt zu mühsam erscheint [Kata04]. *Das Reichsvikariat beinhaltet das Recht zur Vertretung des deutschen Königs im Falle einer Thronvakanz. Dabei übt der pfälzische Kurfürst dieses Recht im westlichen Teil des Reiches, der sächsische in dessen östlichem Teil aus. Moritz überträgt das Vikariat über die zum Reich gehörigen, aber französisch sprechenden Hochstifte somit unberechtigt auf den französischen König.
Verbissen doch vergeblich berennt daraufhin der 52-jährige Kaiser drei Monate lang die Festung Metz und bricht schließlich müde die Belagerung ab mit der Bemerkung: Das Glück ist ein Weib, es liebt die Alten nicht [Wein93]. Karl zieht sich nach Innsbruck zurück und überlässt seinem Bruder Ferdinand die Verhandlungen mit den Reichsrebellen. Im Frieden von Passau erreicht Moritz von Sachsen die Freilassung seines Schwiegervaters und die Aussetzung des ungeliebten Interims. Darüberhinaus lässt er sich seinen Kurfürstentitel bestätigen. |
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Urkunde des
Carlos Emperador devot
Statue des alten Karl V.
Philipp II. |
Freiburg im Jahre 1549 aus Sebastian Münsters
Cosmographica, d.h. Beschreibung aller Lender...
Der Augsburger Reichsabschied von 1555
Wie schon Luther mutmaßte, hatte sich das seit 1545 tagende Konzil von Trient (bis 1563) nie ernsthaft um eine Annäherung zwischen den Konfessionen bemüht. Stattdessen werden dort mit tiefgreifenden innerkirchlichen Reformen die Waffen einer Gegenreformation geschmiedet.
Es ist verständlich, dass der amtsmüde Kaiser 1555 seinen Bruder Ferdinand (HRR ab 1556-1564) zum Reichstag nach Augsburg schickt allerdings mit der klaren Weisung: Und um Euch den Grund offen zu sagen, wie es sich unter Brüdern gehört und mit der Bitte, nichts anderes dahinter zu suchen: Es ist nur die Sache der Religion, bezüglich derer ich jene unüberwindlichen Bedenken habe, die ich Euch im einzelnen mündlich zuletzt bei unserer Zusammenkunft in Villach dargelegt habe [Rabe89]. Mit der von Karl geforderten kompromisslosen Einstellung in Glaubensfragen kommt die Einigung zwischen Katholiken und Protestanten in Augsburg nicht voran. Deshalb sucht König Ferdinand in Abweichung von seinem Bruder unter Wahrung des status quo nach einer pragmatischen Lösung im Religionskonflikt
Ubi unus dominus, ibi una sit religio
Schließlich wird am 25. September 1555 nach zähem Ringen in Augsburg ein Friede zwischen den Ständen der Confessio Augustana und denen der Alten Kirche geschlossen, von dem jedoch die mit der Gegenlehr, die Reformierten, und alle Andersgläubigen ausdrücklich ausgeschlossen sind. Die Friedenspflicht betrifft die Reichsstände, die nach dem Grundsatz Ubi unus dominus, ibi una sit religio* ihren Untertanen eine Religion aufzwingen können, für die dann das exercitium publicum religionis** gilt. Anhängern der anderen Konfession wird lediglich das exercitium privatum religionis** zugestanden [Goer04]. Außerdem haben diese Menschen bei Gewissensnöten das beneficium emigrandi, das Recht auf Auswanderung, unter Verkauf ihres Hab und Guts. *Wo ein Herr ist, dort sei eine Religion. Erst im 17. Jahrhundert wird daraus die griffige Formulierung: Cuius regio, eius religio **öffentlicher Gottesdienst in Kirchen mit Glockengeläut im Gegensatz zu häuslicher Andacht auch in Bethäusern ohne Glocken
Konfessionswechsel sind den Ständen freigestellt, doch bestehen die Katholiken auf Besitzstandswahrung, dass wo ein Herr ertzbischoff, bischof, prelat oder andere geistlich Stands von der alten religion abtretten würde, daß derselb seines Stands und ampts alsbald ipso jure de facto entsetzt sein solle [Rabe89]. Als Kompensation für das reservatum ecclasiasticum (den geistlichen Vorbehalt) garantiert der König mit seiner geheimen Declaratio Fernandiae in den katholischen Gebieten den protestantischen Städten und Adeligen weiterhin Religionsfreiheit.
Der Reichsabschied zum Religionsfrieden lautet: Um der Stände und Untertanen Gemüter wieder in Ruhe und Vertrauen gegeneinander zu stellen, die teutsch nation, unser geliebt vatterland, vor endlicher zertrennung und undergang zu verhütten, haben wir Uns mit Kurfürsten, Fürsten und Ständen und sie hinwiederum mit uns geeinigt und verglichen, ... [dass] die Keiserliche Maiestat und wir alle stende, ... auch ein stant den andern, bei diesen nachfolgenden religions-, auch gemeiner constitution des ufgerichten landfriedens alles inhalts bleiben lassen sollen ...[und] bei Keiserlichen und Königlichen würden, fürstlichen ehren, waren worten und peen des lantfriedens, ... die streitig religion nicht anders, dann durch christliche freundliche, friedliche mittel und weg zu einhelligem, christlichem verstand und vergleichung zu bringen [Lese89, Schi88].
Das ist zwar edel formuliert, aber letztlich bedeutet dieser Vergleich den Verlust der universitas christiana, der Klammer, die das Heilige Römische Reich bisher zusammenhielt: der Glaube an eine, allein seligmachende Kirche. Dass nun jeder Herr die Religion seiner Untertanen bestimmt, vertieft neben Zugeständnissen Ferdinands bei der landeshoheitlichen Gerichtsbarkeit und beim Münzwesen den föderativen Charakter des Reiches. So tritt in der Folge die Hausmachtspolitik der Fürsten gegenüber den Reichsinteressen stark in den Vordergrund. Auch das katholische Kaiserhaus Österreich zieht sich mehr und mehr auf seine Stammländer zurück.
Große Hoffnungen hatte ich - nur wenige haben sich erfüllt
Müde, erbittert und ausgebrannt dankt der erst 56-jährige Karl 1556 ab, und zwar in Etappen: zunächst als Meister des Ordens vom Goldenen Vlies, dann als spanischer König und endlich als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches:
Vor vierzig Jahren, am selben Ort, am Vorabend des Dreikönigstages, hat mich der Kaiser, mein Großvater, für volljährig erklärt. Dann wurde ich König von Spanien, dann selbst Kaiser – Ich habe die Kaiserkrone gesucht, nicht um über noch mehr Reiche zu gebieten, sondern um für das Wohl Deutschlands und der anderen Reiche zu sorgen, der gesamten Christenheit Frieden und Eintracht zu erhalten und zu schaffen und ihre Kräfte gegen die Türken zu wenden. Ich habe darum viel beschwerliche Reisen machen, viele beschwerliche Kriege führen müssen … aber niemals mutwillig, sondern stets sehr gegen meinen Willen als Angegriffener... Große Hoffnungen hatte ich - nur wenige haben sich erfüllt, und nur wenige bleiben mir: und um den Preis welcher Mühen! Das hat mich schließlich müde und krank gemacht. Ihr wisst alle wie sehr ... Ich habe alle Wirrnisse nach Menschenmöglichkeit bis heute ertragen, damit niemand sagen könnte, ich bin fahnenflüchtig geworden. Aber jetzt wäre es unverantwortlich, die Niederlegung noch länger hinauszuzögern. Glaubt nicht, dass ich mich irgend Mühen und Gefahren entziehen will. Meine Kräfte reichen einfach nicht mehr hin. Vertraut meinem Sohn, wie er euch vertraut, seid einig, übt stets Gerechtigkeit und lasset den Unglauben nicht in eure Reihen.
Was mich betrifft: ich weiß, daß ich viele Fehler begangen habe, große Fehler, erst wegen meiner Jugend, dann wegen des menschlichen Irrens und wegen meiner Leidenschaften, und schließlich aus Müdigkeit. Aber bewusst habe ich niemandem Unrecht getan, wer es auch sei. Sollte dennoch Unrecht entstanden sein, geschah es ohne mein Wissen und nur aus Unvermögen: ich bedaure es öffentlich und bitte jeden, den ich gekränkt haben könnte, um sein Verzeihen. [Schm06].
Schreibt‘s am 25. Oktober 1555 in Brüssel und zieht sich anschließend in das spanische Kloster San Yuste zurück. Nun ist er richtig verrückt geworden [Grae05], so kommentiert Papst Paul IV. diese Entscheidung wohl im Hinblick auf des Kaisers wahnsinnige Mutter Johanna.
Bereits 1558 stirbt Karl. Sein Erbe wird geteilt zwischen seinem Sohn Philipp II. von Spanien (1558-1598) und seinem Bruder Ferdinand, der sich de facto schon seit 1522 wesentlich um die Innenpolitik des Reiches gekümmert hatte. Die versammelten Kurfürsten zu Frankfurt wählen den römischen König zu Karls Nachfolger und setzen ihn ohne Mitwirkung des Papstes als Erwählten Römischen Kaiser auf den Thron [Rabe89].
Frieden in deutschen Landen von 1555 bis 1618
Der Augsburger Religionsfrieden scheint brüchig zu sein, besonders da beide Parteien im Nachhinein versuchen, das Kräfteverhältnis zwischen Katholiken und Protestanten zu ihren Gunsten zu ändern. So wird bereits 1556 Baden-Durlach evangelisch und Markgraf Ernst Friedrich besetzt 1596 zum Missfallen der altgläubigen Stände das überschuldete Baden-Baden seines katholischen Vetters Eduard Fortunat. Die Kur- und die Oberpfalz kehrt nach einem kurzen katholischen Zwischenspiel zur Reformation zurück und wird 1571 nach dem Bekenntnis seines Kurfürsten Friedrichs III. sogar calvinistisch. An der Saar und im Unterelsass werden nach 1555 zunächst nur kleine Herrschaften protestantisch. Doch dann lässt der Verlust des Reichsvogteisitzes Hagenau und der Reichsstadt Colmar - Ferdinand I hat solche anno 1558 durch einen Vertrag an sich gebracht und dem hauß Oesterreich einverleibt [Bade61] - für den alten Glauben die habsburgischen Landesherren an kriegerische Auseinandersetzungen denken [Rabe89]. Andererseits fürchtet mit der Ablösung der Pfälzer durch die Habsburger als Landesherren die Dekapolis um ihre religiöse Freiheit, zumal der erste Repräsentant des Kaisers, der Reichsvogt Nikolaus Bollwiller, ein katholischer Hardliner ist. Die zehn Städte schließen die Ränge im Namen ihrer Freiheit: die katholischen Städte unterstützen die protestantischen. Im Jahre 1577 kommen die Vertreter des Städtebundes in Straßburg zusammen und bekräftigen formell ihren Vertrag auf gegenseitiger Unterstützung und religiöse Toleranz.
Nun bricht unter den Protestanten ein erbitterter Streit um den rechten Glauben aus. Im Vorfeld der Wormser Religionsgespräche von 1557 hatten sich die Anhänger der angeblich reinen lutherischen Lehre die Gnesiolutheraner als Fundamentalisten nicht mit den Pragmatikern der von Erasmus und Melanchton beeinflussten gemäßigten Philippisten, die einen Ausgleich mit den Katholiken anstreben, auf eine gemeinsame Diskussionsplattform einigen können, so dass die katholische Verhandlungsdelegation entnervt abgereist war. Als nach dem Scheitern der Gespräche die Parteien in altbewährter Manier mit Streitschriften das Klima anheizen wollen, führt Zasius aus, dass dies noch mehr verhassung verursachen werde, Gott welle es einmal zue ain mittern und einträchtigen weg richten [Schm99]. So müssen häufig die Landesherren eingreifen, damit ihnen bei einer zu großen Abweichung der Lehrmeinung von der Confessio Augustana in ihren Herrschaften die Friedensgarantie von Augsburg nicht verloren geht.
Immer wieder mahnen besonnene Männer wie der als Lutheraner zum alten Glauben konvertierte Lazarus von Schwendi unter dem Eindruck der Gräuel der Bartholomäusnacht im Nachbarland und der das Reich bedrohenden Türkengefahr ein friedliches Zusammenleben zwischen den Konfessionen an. Als ehemaliger General der kaiserlichen Truppen an der Ostfront gegen die Türken betont er, dass Religionsstreitigkeiten die Fähigkeit des Reiches, gegen die Ottomanen zu kämpfen, schwächen. Als Autor eines Werks über die Regierung des Reiches und die religiöse Toleranz übt er diese auch in seinem Privatleben, indem er eine Protestantin heiratet. Als er 1573 zum kaiserlichen Reichsvogt in Hagenau ernannt wird, ruht die ganze Hoffnung der protestantischen Städte im Elsass auf ihm. Er enttäuscht sie nicht. Als die vorderösterreichische Regierung in Innsbruck ihn auffordert, die drei evangelischen Untervögte von Münster, Türkheim und Kayserberg abzusetzen, ignoriert Lazarus diesen Befehl [Vogl09].
Wo das christentum dann sey ?
Den einfachen Bauern und Bürgern bleiben die Glaubensstreitigkeiten unverständlich, wenn der schlesische Dichter Friedrich von Logau fragt: Luthrisch, Päbstisch und Calvinisch, dies Glauben alle drey sind vorhanden; doch ist Zweifel, wo das christentum dann sey. Damals kursiert folgendes Flugblatt [Schi88]:
Die liebe fromme Einfalt, durch einen armen Schafhirten vorgebildet, sagt vnd klagt:
*Als Gregor XIII. 1582 mit der Bulle Inter gravissima den Julianischen Kalender mit dem Sonnenlauf wieder in Einklang bringt, wird der resultierende Verlust von 10 Kalendertagen von den Reformierten nicht akzeptiert. Erst Anfang des 18.Jahrhunderts ist der neue verbesserte Kalender in den deutschen Landen allgemein eingeführt.
Wohl dem, der bei all dem Hader und all der Verwirrung sein Gottvertrauen nicht verliert wie Georg Neumark:
Wer nur den leben Gott lässt walten,
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An die Radherrn aller stedte deutsches Lands
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Christliche schulen auffrichten und hallten
Die Glaubensrichtungen versuchen, sich auch im Bildungsangebot zu übertreffen. Luther selbst hatte bereits 1520 verlangt, in den Schulen soll die furnehmst vnd gemeynist lection sein, die heylig schrifft, vnnd den iungen knaben das Evangelij. Vnd wolt got, ein yglich (jegliche) stadt, het auch ein maydschulen, darynnen des tags die meydlin ein stund das Euangelium horetenn, es were deutsch odder latinisch. Der Reformator weiß, dass die Bildung der Jugend seinen aufklärerischen Bestrebungen gut tut, denn wenn Schulen zunehmen, so stehets wol, und die Kirche bleibt rechtschaffen. Junge Schüler und Studenten sind der Kirchen Samen und Quellen. Um der Kirche willen muss man christliche Schulen haben und erhalten; denn Gott erhält die Kirch durch Schulen, Schulen erhalten die Kirch [Goer04].
Da es aber an Schulen mangelt, richtet Luther 1524 An die Radherrn aller stedte deutsches lands die dringende Bitte, das sie Christliche Schulen auffrichten und hallten sollen ... die allerbesten Schulen, beide für Knaben und Maidlein, an allen Orten aufzurichten, dass die Welt ... doch bedarf feiner, geschickter Männer und Frauen, dass die Männer wohl regieren könnten Land und Leute, die Frauen wohl ziehen und halten könnten Haus, Kinder und Gesinde [Schi88]. In seiner Schrift verteidigt er besonders die Lehre der alten Sprachen und zeichnet gleichzeitig ein Bild seiner Landsleute, welches die Jahrhunderte überdauert hat: Ja, sprichstu aber mal, ob man gleich sollt und müste schulen haben, was ist uns aber nütze lateynisch, kriechisch und ebreyisch zungen und andere freye künste zu leren? künden wyr doch wol deutsch die Bibel und Gottis wort leren, die uns gnugsam ist zur selickeyt. Antwort: Ja, ich weys leyder wol, das wyr deutschen e müssen ymer bestien und tolle thier seyn und bleyben, wie uns denn die umbligenden lender nennen und wyr auch wol verdienen. Mich wundert aber, warumb wyr nicht auch ein mal sagen: Was sollen uns seyden, wein, würtze und der frembden auslendischen ware, so wyr doch selbs weyn, korn, wolle, flachs, holtz und steyn ynn deutschen landen nicht alleyn die fülle haben zur narung, sondern auch die kür und wal zu ehren und schmuck? Die künste und sprachen, die uns on schaden, ja grösser schmuck, nutz, ehre und frumen (frommen) sind beyde zur heyligen schrifft zuverstehen ... So lieb nu alls uns das Euangelion ist, so hart last uns uber den sprachen hallten. Denn Gott hat seyne schrifft nicht umb sonst alleyn ynn die zwo sprachen schreyben lassen, das allte testament ynn die Ebreische, das new ynn die Kriechische. Welche nu Gott nicht veracht, sondern zu seynem wort erwelet hat fur (vor) allen andren, sollen auch wyr die selben fur allen andern ehren [Köpf01].
Daß man Kinder zur Schule halten solle
Zeitlebens verteidigt Luther auch die humanistisch-reformatorische Universitätsausbildung. In seiner Predigt, Daß man Kinder zur Schule halten solle, sagt er 1530: Und kehre dich nichts daran, dass jetzt der allgemeine Geizwanst die Wissenschaft so sehr verachtet und sagt: Ha, wenn mein Sohn deutsch schreiben, lesen und rechnen kann, so kann er genug; ich will ihn zum Kaufmann (in die Lehre tun). Sie sollen in Kürze so kirre werden, dass sie einen Gelehrten gern zehn Ellen tief aus der Erde mit den Fingern grüben. Luther begründet die Universitätsausbildung von Theologen und Juristen wie folgt: Denn der Kaufmann soll mir nicht lange Kaufmann sein, wo die Predigt und die Rechte hinfallen (nicht beachtet werden), das weiß ich fürwahr. Wir Theologen und Juristen müssen bleiben, oder sie sollen allesamt mit uns untergehen ... Wo die Theologen aufhören, da hört Gottes Wort auf und bleiben nichts als Heiden, ja nichts als Teufel; wo die Juristen aufhören, da hört das Recht samt dem Frieden auf und bleibt nichts als Raub, Mord, Frevel und Gewalt, ja nichts als wilde Tiere. Theologie und Recht sind für ihn die Garanten der Gesellschaft und gewähren den moralischen und rechtlichen Schutz für die menschlichen Aktivitäten wie der des Kaufmanns, denn was aber der Kaufmann erwerben und gewinnen wird, wo der Frieden aufhört, das will ich ihm alsdann sein Kassenbuch sagen lassen, und wie nütze ihm alsdann all sein Gut sein wird, wo die Predigt dahinfällt (entfällt), das soll ihm sein Gewissen recht zeigen [Goer04].
Die hohen Schulen im Reichsgebiet boomen. Nach der Neugründung von evangelischen Universitäten wie Marburg (1529), Königsberg (1544), Jena (1558), Helmstedt (1576), Gießen (1607), Straßburg (1621), Rinteln (1621) und Altdorf bei Nürnberg (1622) beklagt der Jesuit Petrus Canisius im Zuge der Gegenreformation auch Zweiter Apostel Deutschlands genannt: Es ist ja wirklich traurig, dass die Katholiken in Deutschland so wenig und noch dazu ganz armselige Universitäten haben [Schi88]. Deshalb betreibt er als Vorstufe von katholischen Hochschulen die Gründung von Ausbildungsstätten für Jesuiten. Aus der 1533 gegründeten Schule in Dillingen wird dann 1554 eine Universität. Später bekommt die Gegenreformation mit Würzburg (1582), Graz (1585), Paderborn (1614), Molsheim im Elsass (1617) und Salzburg (1622) weitere hohen Schulen. Die Calvinisten, weniger zahlreich, betreiben die altehrwürdige Universität von Heidelberg (1386), gründen 1584 Herborn und übernehmen 1605 die bis dahin evangelische Hochschule Marburg.
Die statt Freyburg im Preißgew ist ain zimbliche, schöne, wolerpawne statt
In einer 1563/64 erschienenen Beschreibung der vorderösterreichischen Lande heißt es: Die statt Freyburg im Preißgew ist ain zimbliche, schöne, wolerpawne statt, allda auch in dieser statt ain universität oder hohe schuel ist. Daselbs möcht ain landsfürst wol je zu zeiten sein residenz halten und besuechen. Wie wol es nun in der stat kain burg oder schloß hat, so möchte doch etwa mit der zeit ain glegne burg mit wenigistem costen alda erpawt und zuegericht werden* ... die gemelte statt Freyburg samt der universitet daselbs steet dem hochloblichen haus Österreich wol an und ziert die Verdern Land (Vorlande) nit wenig [Zotz02]. *Gemeint ist das Burghaldenschloss, welches 1366 die Freiburger Bürger beim Aufstand gegen Graf Egino IV. arg zugerichtet hatten. Zwar hatte die Stadt es notdürftig wieder hergerichtet, doch ohne angemessene Räume für die Unterbringung eines hohen Gastes.
In Ermangelung einer Freiburger Residenz hatte Ferdinand bei seinem ersten Besuch 1524 immerhin in des Kaysers Haus zu den Predigern Wohnung nehmen können. Jetzt im Jahre 1562 bei seinem zweiten Aufenthalt in der Stadt muss er mit dem Haus zum Walfisch vorlieb nehmen. Der Kaiser kommt aus Frankfurt, wo die Fürsten seinen Sohn Maximilian (II.) als deutschen König zu seinem Nachfolger bestimmt hatten. Es war die letzte Krönung, an der sämtliche Kurfürsten persönlich anwesend waren.
Zu Freiburg christlich ...
Ferdinand I. verbringt das Weihnachtsfest in der Stadt. Deshalb mögen die Hofleute den Empfang in Freiburg als christlich bezeichnet haben. Sonst war des Kaisers Empfang entlang seiner Reiseroute zu Frankfurt unbesinnlich, zu Mainz fürstlich, zu Oppenheim Speyer tapfer, zu Landau liederlich, zu Hagenau demütig, zu Straßburg prächtig, zu Schlettstadt bäuerlich, zu Kolmar freundlich, zu Breisach kriegerisch, zu Freiburg christlich, zu Basel herrlich, zu Rheinfelden zierlich, zu Waldshut einmütig, zu Schaffhausen einfältig, zu Konstanz stattlich, zu Ueberlingen listiglich, zu Isny mäßig, zu Kempten ehrlich, zu Innsbruck kaiserlich [Albe25].
Auch bei seinem zweiten Besuch in Freiburg geht es Ferdinand weniger um den rechten Glauben seiner Schäfchen als um neue Geldquellen. Die hat er bitter nötig, denn zusätzlich zu steigenden Militärausgaben muss der Kaiser den Türken für einen abgeschlossenen Stillhaltefrieden 30 000 Gulden jährlich entrichten.
Für den 29. Dezember bestellt der Ferdinand einen Landtag zu Freiburg und verlangt für fünf Jahre eine Steuer von einem Gulden pro 100 Gulden Vermögen. Diese unerhörte Zumutung weisen die Stände zurück. Schließlich einigt man sich auf einen Kompromiss: die Stände überweisen jährlich 40 000 Gulden an die kaiserliche Kasse. Hinzu kommen ein Rappenpfenning von jeder Maas in Wirthshäusern ausgeschenkten Weins und eine Einmalzahlung von viermalhunderttausend Gulden. Hierbei haben es auch ihre Majestät allergnädigst bewenden lassen mit Vermelden: was Sie mit gutem Willen von ihren Ständen nicht erhalten, begehrten Sie auch nicht durch andre Mittel zu suchen. Quod notandum* [Schr57]. *Was festzuhalten ist
Es könnte mich auch Gott höher nit strafen,
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Hexen brauen Hagel im Hefelin
Gebhard
Rudolf II.
Franz Grillparzer |
Ein brüchiger Friede, während in den Nachbarstaaten Kriege toben
Die Zeit von 1555 bis 1618 war bis zum Jahre 2008 die bisher längste Friedensperiode der deutschen Geschichte*. In dieser Zeit toben in Frankreich ab 1562 die Hugenottenkriege - mit ihrem Höhepunkt der Bartholomäusnacht am 24. August 1572. Diese finden erst 1598 mit dem Toleranzedikt von Nantes ihr vorläufiges Ende. Die Niederlande beginnen 1568 mit einem Aufstand ihren 80-jährigen Dauerkrieg mit Spanien und Schweden führt Krieg mit Dänemark, Russland und Polen um die Ostseeherrschaft. *Ab 2009 nur mehr die zweitlängste Friedensperiode
Zwar bedrohen die Türken immer wieder die Ostgrenze des Reiches, doch diese Gefahr lässt Katholiken und Lutheraner gegen den Erbfeind der Christenheit eher zusammenrücken. Die Stände und vor allem die Kurfürsten sehen sich in zunehmender Verantwortung für das Reich. Flugschriften appellieren, das gemeine Vaterland zu beschützen wider des Türken wüten und toben ... Dann bürgerlicher Krieg und Zwytracht haben niemals keinen nutzen noch frommen geschaffet ... [Schm99].
So kommt es, dass anfänglich die Reichstage dem Kaiser fast gänzlich ohne
Murren die finanzielle Türkenhilfe bewilligen,
Maximilian II. als Rem. Keyser im Kreise seiner Kurfürsten. Dritter von rechts: der mit sondern Secten behengte Pfalzgraf
Kaiser Maximilian II. (1564-1576), den Evangelischen zugeneigt, ist besonders die Abweichung der Kurpfalz von der Confessio Augustana ein Dorn im Auge, wenn er von schädlichen Secten spricht, die mit schrecklicher ärgerung und verwirrung vieler Christlicher gewissen ... gantz beschwerlich einwurtzeln. Und so fragt er im Jahre 1566 auf dem Reichstag in Regensburg die lutherischen Reichsstände ganz direkt, ob sie dafür hielten, daß er der Pfaltzgraff, der augspurgischen Confession mit verwandt wäre oder ob er mit sondern Secten behengt sei [Rabe89].
Soll man straffen vom leben zum tode,
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Es folgt der schreckliche Dreißigjährige Krieg
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Diese Gelder sind bitter Not, denn an der Ostgrenze kommt das Reich nicht zur Ruhe. So muss im Jahre 1605 Rudolfs jüngerer Bruder Erzherzog Matthias gegen die aufständischen Stände der Ungarn unter Stefan Bocskay ins Feld ziehen. Auf militärische Unterstützung der protestantischen Stände in Österreich und Mähren angewiesen schließt der streng katholische Matthias nach Zugeständnissen in religiösen Fragen mit ihnen ein Bündnis. Dennoch ist der Krieg nicht zu gewinnen, da Bocskay vom türkischen Großsultan unterstützt wird. Notgedrungen handelt Matthias 1606 in Zitvatorok mit Fürst Stephan einen Frieden aus und erkauft sich mit 200 000 Gulden von den Türken eine teure 3-jährige Waffenruhe.
Noch ist die Tinte unter den außenpolitischen Verträgen nicht trocken, da nehmen innenpolitisch die Provokationen zwischen den Konfessionen wieder zu. In einer Flugschrift: Trewhertzige Erinnerung: Eines deutschen Patrioten an die Stende des Reichs Augspurgischer Confession beschuldigt dieser die Katholiken, vom Teufel und seinem Knecht, dem Papst, wie auch von dessen Hetz und Bluthunden (den Jesuiten) zum Schaden am Vaterland geführt zu werden ... und die Welsche Practiken zuviel gelernet [zu haben], von welchem das Sprichwort war ist: Tedesco Italanato, Diabolo incarnato ... [Schm99].
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This page was last updated on 27 Januar, 2012