Johann t'Serclaes

 Graf von Tilly

 Standbild in der Münchner Feldherrnhalle

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rudolf II.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ferdinand II.

 

 

 

 

 

Freundlicher Graf von Thurn

 

 

Kammerpräsident Slavata

 

 

Freiherr von Martinitz

Freiburgs Geschichte in Zitaten

Der Dreißigjährige Krieg I  
oder der Prager Fenstersturz und seine bösen Folgen

 

Vorgeschichte des großen Krieges oder ein Bruderzwist im Hause Habsburg

 

Der geistig verwirrte Kaiser wird den Habsburgern zunehmend zur Belastung. Deshalb trifft sich der Familienrat 1606 in Pressburg und bestimmt in einem geheimen Papier  Matthias zum Oberhaupt der Familie und Nachfolger Rudolfs. Damit beginnt der sich in Etappen zuspitzende Bruderzwist, den Franz Grillparzer in seinem Drama so eindrücklich beschreibt.

 

Die blutigen Hugenottenkriege in Frankreich mit dem Höhepunkt der Bartholomäusnacht vor Augen sieht Kaiser Rudolf mit dem Religionskonflikt zwischen Katholiken und Lutheranern auch im Reich kriegerische Auseinandersetzungen heraufziehen. Um diese hinauszuzögern, empfiehlt er das kleinere Übel: Die Türkenfurcht bezähmt den Lutheraner, Fluch jedem Krieg! Doch besser mit den Türken als Bürgerkrieg, als Glaubens-, Meinungsschlachten und weigert sich, den von Matthias abgeschlossenen Waffenstillstandsvertrag mit den Türken zu unterzeichnen. Dabei bezieht er sich besonders auf die massive Einmischung der deutschen Protestanten in den Personen des lutherischen sächsischen Kurfürsten Johann Georg und des intriganten Fürsten Christian von Anhalt-Bernburg in die böhmischen Angelegenheiten und stellt ausdrücklich die längst verbriefte Religionsfreiheit für die Anhänger des Böhmischen Bekenntnisses der tschechischen Hussiten und Glaubensbrüder nicht in Frage. In Böhmen vermengt sich die religiöse Auseinandersetzung mit dem Nationalitätenkonflikt zwischen Tschechen und Deutschen zu einer explosiven Mischung.

 

Christian von Anhalt-Bernburg

 

 

Der kinderlose Rudolf hasst seinen Bruder Matthias und favorisiert als Nachfolger auf dem Kaiserthron seinen im katholischen Glauben festen Neffen Erzherzog Ferdinand (1578-1637) aus der steirischen Linie der Habsburger, den er 1608 als seinen Stellvertreter zum Reichstag nach Regensburg schickt. Wegen der bestehenden Waffenruhe an der Balkanfront sehen die protestantischen Stände nicht ein,  weshalb sie dem Kaiser eine neue Türkensteuer bewilligen sollen. Schließlich verlangen sie für ihre Zustimmung die Bestätigung des Augsburger Religionsfriedens von 1555. Dafür möchte Ferdinand im Gegenzug den status ante quo für die seither in protestantischen Besitz gekommenen Gebiete wiederhergestellt wissen.  Wie zu erwarten, einigt man sich nicht, und der Regensburger Reichstag geht ohne Abschied auseinander.

 

 Darauf schließen sich 1608 zum Schutz ihrer Rechte zunächst calvinistische Reichsstände unter Führung des Pfälzer Kurfürsten Friedrich zu einer Union zusammen. Nun fühlen sich die Katholiken bedroht und so gründet Maximilian von Bayern ein Jahr später in München die katholische Reichsliga zur Wahrung von Friede und Recht, der zunächst nur die geistlichen Reichsfürsten, also Bischöfe und Reichsprälaten, beitreten. Die Habsburger sehen wohl, dass der Bayernherzog die Speerspitze der Gegenreformation in deutschen Landen bildet und stehen dem Bündnis  argwöhnisch gegenüber.

 

 Derweil spitzt sich der Habsburger Bruderzwist zu. Als Matthias mit 20000 Mann in Böhmen einmarschiert, muss der Kaiser 1608 seinem Bruder die Verwaltung in den österreichischen, ungarischen und mährischen Landen überlassen. Auch dreht der Familienklan Rudolf langsam den Geldhahn zu, so dass der katholische Kaiser auf die finanzielle Hilfe der protestantischen Stände in Böhmen angewiesen ist. Diese verlangen gegen Zahlung einer großen Summe weitere Zugeständnisse in Religionsfragen. Als Graf Heinrich Matthias von Thurn sich mit seinen Männern einen Weg in die Gemächer des Kaisers auf dem Hradschin bahnt, wobei einige seiner Männer rufen: Dieser König ist nicht gut, wir brauchen einen anderen [Wils09], garantiert Rudolf II. am 9. Juli 1609 den Protestanten im Majestätsbrief: vom heutigen Tage an soll niemand … von [seiner] Religion abgedrängt und zu einer anderen Religion durch Gewalt oder auf irgendeine ersonnene Art gezwungen werden. Das Dokument verbrieft den Ultraquisten neben der Religionsfreiheit auch das Privileg, Kirchen zu bauen und Schulen einzurichten. Die Prager Universität wird protestantisch.  

 

 

Rudolfs Majestätsbrief

 

Zur Sicherung seiner Macht beauftragt Rudolf 1611 seinen zweiten Neffen den Bischof von Passau (seit 1605) und Straßburg (seit 1607)  Erzherzog Leopold (1609-1632) mit der Anwerbung eines Heeres. Nach einem Raubzug durch Oberösterreich erreicht der undisziplinierte Haufen - 9000 zu Fuß, 4000 zu Pferd - Prag und besetzt die Kleinseite  [Mann06].

 

Nur mit knapper Not können die Truppen der böhmischen Stände durch ihr beherztes Eingreifen die Einnahme der Prager Alt- und Neustadt durch das Passauer Volk verhindern. Jetzt bitten die Bürger Prags Matthias um militärische Hilfe und der zwingt Rudolf zur Abdankung auch in Böhmen.

 

Seine Wahl zum Kaiser durch die Kurfürsten lässt Matthias für den Mai 1612 ansetzen. Darauf klagt Franz Grillparzers Rudolf resigniert: Ich selbst, wie einst mein Oheim, Karl der Fünfte, Als er die Welt, wie sie nun mich, zurückstieß, Im Kloster von Sankt Justus in Hispanien Den Tod erwartete, so will auch ich. Dazu jedoch kommt es nicht, denn Rudolf empfiehlt sich vergrämt selbst seinem Gott und stirbt, ohne einen Priester kommen zu lassen, noch im Januar des gleichen Jahres unvermählt und unbedauert in Prag.

 

Kaiser Matthias unter dem Himmel

 

 

Nach seiner Wahl bestätigt Matthias den Protestanten zunächst das Recht auf freie Religionsausübung: Die Utraquisten wollen Kirchen bauen, wozu sie Kaiser Rudolfs Brief berechtigt.

 

 

100 Jahre Reformation

 

Im Jahre 1617 finden überall in evangelischen Landen Feiern zum hundertsten Reformationsjubiläum statt, auf die Papst Paul V. aggressiv mit der Verkündung eines außerordentlichen Jubeljahres antwortet. Da ist Kaiser Matthias bereits abgekämpft und krank und empfiehlt den Böhmen seinen Adoptivsohn Ferdinand im Sommer des gleichen Jahres als König. Es ist dies eins in der Weltgeschichte unbegreiflichen Geschehnisse, dass die böhmischen Stände aus freien Stücken den fanatischen Habsburger zum ihrem König wählen, denn mit ihm kommen sie vom Regen in die Traufe [Mann06], hatte er doch als Erzherzog erklärt: Ich möchte lieber sterben, als in Fragen der Religion den Ketzern irgendwelche Zugeständnisse machen [Kissi94]. In diesem Sinne hatte Ferdinand in seinen Stammländern Steiermark, Kärnten und Krain mit der Ausweisung Andersgläubiger und der Verhängung von Todesstrafen gegen Unbekehrbare eine rigorose Gegenreformation betrieben.

 

 

Nun werden wir uns wider unsere Religionsfeinde rechtschaffen verhalten

 

Der neue böhmische König führt zunächst eine Zensur aller protestantischen Schriften ein. Auch kocht der Streit um den früheren katholischen Kirchenbesitz in Böhmen wieder hoch und eskaliert  im Streit um die Nutzung einer Kirche in dem böhmischen Dorf Braunau und nach dem Abriss eines gerade erbauten protestantischen Gotteshauses in Klostergrab durch den katholischen Bischof.  Diese Provokationen Ferdinands beantworten die böhmischen Stände am 23. Mai 1618 mit dem Besuch einer Delegation unter Führung des Grafen Thurn bei den kaiserlichen Statthaltern Wilhelm Slavata und Jaroslaw Martinitz auf dem Prager Hradschin. Mit den Worten: Nun werden wir uns wider unsere Religionsfeinde rechtschaffen verhalten, stürzen die Eindringlinge den Kammerpräsidenten und den Freiherrn nebst ihrem Sekretär Fabricius aus dem Fenster. Nach erfolgter Tat setzen die Stände  eine Revolutionsregierung ein, deren erste Maßnahme die Austreibung der Jesuiten aus Böhmen ist. Ein rasch aufgestelltes kleines Heer unter Graf Thurn zwingt das zunächst zögernde Südböhmen unter die Prager Zentralregierung. Dann erfolgt der Anschluss Mährens an Böhmen, und schließlich steht Thurn im Juni 1619 mit seiner zusammengewürfelten Truppe sogar vor der österreichischen Hauptstadt Wien, ohne jedoch die Stadt in Bedrängnis bringen zu können.

 

Die Prager Defenestration

 

 

Himmelszeichen über Freiburg

 

Doch wie erleben die Freiburger den Ausbruch des großen Krieges? Seit Isidor von Sevilla (560-636) gilt das Auftreten eines Kometen als himmlisches Vorzeichen, welches entweder Pest, Hunger oder Krieg ankündigt [Fuhr87]. Als im November 1618 am Himmel über Freiburg ein großer und erschröcklicher Komet* in der Gestalt einer Ruothen oder Schwerts, ein Vorbott alles Übels teutscher Nation erscheint, lassen die Behörden in Erwartung eines Krieges die Befestigungsanlagen der Stadt überprüfen und alle wehrfähigen Bürger im Rahmen ihrer Zünfte mustern [Haum01]. Auch der plötzliche Tod ihres Gubernators Erzherzog Maximilians (1593-1618) beunruhigt die Menschen. Da wird in Freiburgs Kirchen ein vierzigstündiges Gebet abgehalten auch der Böhemischen Unruh halben.

 

 

*Der Halleysche Komet  über der Heidelberg, der deutschen Hauptstadt des Calvinismus aus Mattheus Merian, Theatri Europaei

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Churfürst von Pfalz (Erztruchsess)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Winterkönig

 

 

 

Hie sicht man

die 12 Köpff auff den Prager Bruckenthurn aufgesteckt

 

 

 

Gubernator Leopold im geistlichen Ornat

Man möge sich nur gleich auf einen zwanzig-, dreißig-
oder vierzigjährigen Krieg gefasst machen

 

Derweil schließen sich die Böhmen auf der Suche nach Verbündeten mit den Ständen der Kronländer Schlesien, Mähren und der Lausitz 1619 zur Confoederatio bohemia zusammen. In der Conföderationsakte ist auch der Posten eines Königs vorgesehen. Des Bayernherzog Maximilians jüngerer Bruder Ferdinand, Erzbischof von Köln sowie gleichzeitig Bischof von Hildesheim, Lüttich, Münster und Paderborn, kommentiert den Vertrag wie folgt: Sollte es so sein, dass die Böhmen im Begriffe ständen, [seinen Namensvetter] Ferdinand abzusetzen und einen Gegenkönig zu wählen, so möge man sich nur gleich auf einen zwanzig-, dreißig- oder vierzigjährigen Krieg gefasst machen [Mann06]. Und so kommt es: die Konföderierten erklären Ferdinand seiner Krone verlustig und wählen stattdessen den erst 23-jährigen Führer der protestantischen Union und Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz. aus dem Hause Wittelsbach zu ihrem König. Der hat ihrer Meinung nach als Schwiegersohn des Königs von England und Neffe des niederländischen Statthalters Moritz von Oranien im protestantischen Lager eine starke Stellung, doch Jacob I. von Großbritannien missbilligt das Abenteuer seines Schwiegersohns mit groben Worten und die deutschen Lutheraner goutieren den Reformierten nicht. Als Friedrich zögert, den Königstitel anzunehmen, schaltet sich seine Frau ein und gibt den Ausschlag: Konntest du dich vermessen, die Hand einer Königstochter anzunehmen, und dir bangt vor einer Krone, die man freiwillig die entgegenbringt? Ich will lieber Brot essen an deiner königlichen Tafel, als an deinem kurfürstlichen Tische schwelgen [Schi64]. Die Königskrönung in Prag geschieht mit großem Pomp. Dänemark, Schweden, Holland, Venedig sowie mehrere deutsche Fürsten erkennen Friedrich als rechtmäßigen König an [Schi64].  

 

Im gleichen Sommer fährt Ferdinand nach Frankfurt, wo er sich von den Kurfürsten auch mit seiner eigenen böhmischen Stimme, die die Stände in Prag vergeblich für sich fordern, zum römischen Kaiser wählen lässt. Auf der Rückfahrt nach Wien schaut  Ferdinand II. (1619-1637) beim Vetter Maximilian in München vorbei und bittet ihn, die katholische Sache in den zu erwartenden Auseinandersetzungen militärisch zu unterstützen, denn der Kaiser verfügt über keine schlagkräftige Truppen*. Dafür verspricht der Kaiser dem Herzogtum Bayern für den Aufwand volle Entschädigung und zum Pfand alle habsburgischen Länder, die es den Rebellen entreißen würde, so lange bis es auf Heller und Pfennig bezahlt wäre. Für das Eingreifen des Ligaheeres in Böhmen soll Maximilian die Kurwürde (einen solchen Kuhhandel kennen wir bereits) und die kurpfälzischen Lande, die ihm durch Waffengewalt zufallen, erhalten.

*Die verschafft und vorfinanziert ihm der böhmische Adlige Albrecht von Wallenstein (1583-1634) erst 1625

 

 

Militärische Vorgeplänkel am Oberrhein und Suche nach Verbündeten

 

Als Vorbott des Krieges lässt einer der Führer der protestantischen Union Markgraf Georg Friedrich von Baden-Durlach (1590-1638) Soldaten des Bündnisses nach Baden verlegen, um den Marsch spanischer Truppen am Rhein entlang in die Niederlande und durch den Breisgau über den Schwarzwald in Richtung Böhmen zu verhindern. Gleichzeitig verbietet Georg-Friedrich seinen Untertanen den Handel mit dem katholischen Freiburg. Da erkennen die Bürger die drohende Kriegsgefahr und die Stände bewilligen für die Defension des Landes 500000 Gulden, Geld, was in gefährlichen Zeiten immer die Seele alles Widerstandes sei [Bad82].

 

Nach dem sächsischen Hofprediger Matthias Hoë von Hoënegg sind die Reformierten für die Lutheraner schlimmer als die Altgläubigen, sie sind der innere Feind im Glauben, und so wird der Streit zwischen den beiden protestantischen Religionen um die rechte Auslegung des Evangeliums häufig mit größerer Schärfe geführt als zwischen Katholiken und Evangelischen. Vor allem mögen diese nicht, dass so viele edle Länder … dem Kalvinismus in den Rachen fliegen und der römische Antichrist nur dem helvetischen Platz machen sollte [Schi64]. So fällt es dem Kaiser leicht, Kurfürst Johann Georg von Sachsen für die bevorstehende kriegerische Auseinandersetzung in das Lager der katholischen Koalition zu ziehen, zumal er dem Oberhaupt der Lutheraner die böhmische Lausitz verpfändet. Dafür verspricht Johann Georg sogar, Schlesien und die Lausitz zum Gehorsam zurückzuführen [Mann06].

 

Für die Unterstützung Spaniens im Religionskonflikt mit den Böhmen hatte Ferdinand bereits 1617 seinem spanischen Verwandten König Philipp III . das Elsass versprochen. So muss sich Frankreich einerseits von den Habsburgern eingekreist fühlen, andererseits möchte es aber die Reformierten wegen der inneren Schwierigkeiten mit den Hugenotten nicht unterstützen und vermittelt zwischen den Kriegsparteien. Schließlich macht auch die protestantische Union keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen den reformierten Friedrich und sagt dem Kaiser im Juli 1620 im Vertrag von Ulm zu, dass die Union sich jedes Anteils an den böhmischen Händeln begeben und den Beistand, den sie Friedrich V. leisten würde, nicht über die pfälzischen Länder desselben erstrecken sollte [Schi64].

 

 

Nur einen Winter lang König 

 

So wälzt sich politisch gut abgesichert eine durch spanische Truppen verstärkte bairische Armee mit 25000 Musketieren, 5000 Reitern und schwerer Artillerie unter General Johann t'Serclaes Graf von Tilly im Herbst 1620 von Regensburg aus das Donautal hinunter in Richtung Prag. Am Bílá Hora dem Weißen Berg treffen am 8. November die beiden etwa gleichstarken Heere aufeinander. Hier erleiden die böhmischen Stände eine vernichtende Niederlage, denn die katholischen Sieger zählen nur 250 Erschlagene. Friedrich, als Winterkönig verspottet, flieht nach Breslau.

 

Jetzt nimmt Ferdinand blutige Rache. Ein Zeitzeuge berichtet: Das Morden geht nunmehr auch an, und gereuet jedermann, dass man sich anfangs nicht lieber bis auf den letzten Mann gewehret. Der Kaiser lässt am 21. Juni 1621 in Prag vor dem Altstädter Rathaus in einem viereinhalbstündigen Spektakel siebenundzwanzig protestantische böhmische Adelige öffentlich hinrichten. Hat also der Pragerische Nachrichter 24 Personen enthauptet und solches mit vier Schwertern verrichtet, mit dem ersten hat er elf, mit dem anderen fünf und mit den zwei übrigen Schwertern acht justifiziert, auch nie einen Fehlstreich getan, sondern allenthalben den Kopf geschwind abgehauen. Auf solches hat er den übrigen drei Personen, so zu dem Strang verurteilt gewesen, auf dem Platz die Hände auf den Rücken gebunden und die ersten zween an einem Balken zum Rathaus heraus, den dritten aber an der Justitia aufgehenkt und also mit seiner Hand in vier oder fünfhalben Stunden an einem Tag 27 Personen vom Leben zum Tode hingerichtet [Doll99]. Die Köpfe von zwölf der Hingerichteten wurden an den Altstädter Brückenturm genagelt, wo man sie zu jedermanns Warnung sehen konnte, zehn Jahre lang [Mann06]. Bis heute belastet dieses nationale Trauma die Beziehungen zwischen Tschechen und Deutschen.

 

 

Militärische und ...

 

Schließlich kommt der neue Gubernators für Vorderösterreich (es ist der uns bereits bekannte Bischof von Passau und Straßburg) Erzherzog Leopold im Frühling 1621 persönlich nach Freiburg, um vom Landtag weitere Gelder für die Verteidigung am Rhein zu fordern.  Die Bedenken der Stände, daß man mit dem kriegsungeübten Landvolke zur Verteidigung schlecht versehen sei, teilt Leopold nicht: Ein Bauer läßt sich in solchen Fällen so wenig, als der Soldat, unvertheidigt zu todt schlagen. Und weiter: Wenn aus Mangel einer tüchtigen Gegenverfassung (Verteidigung) diese Lande vom Feinde überfallen und besezt wären, so würde derselbe an Früchten und Wein, an Gold und Silber, an Kriegsmunition, an Geld und Geldeswerth einen solchen Vorrath finden, daß er mit ganz Österreich bekriegen könnte [Bad82].

 

 

… religiöse Aufrüstung im Breisgau

 

Schon 1577 hatte Erzherzog Ferdinand II. an die Universität geschrieben, daß er in seinen vorderöstreichischen Landen ein Collegium der Sociität Jesu zu errichten gedenke, die Stadt Freiburg dafür am geeignetsten halte und daher gehorsamen Bericht und Gutachten erwarte, ob nicht dasselbe, wie zu Ingolstadt, der Universität incorporirt werden möchte [Schr59]. Die Freiburger Universität hatte sich lange gegen das Eindringen der Jesuiten gesträubt, denn die Jesuiten verfolgen einseitig nur das Ziel ihres Ordens; sie werden nur für ihr neues Collegium sorgen und durch ihre Consequenz die Herrschaft an der Hochschule erlangen und war mit dem Argument durchgekommen [Bade82].

 

Als jedoch an den benachbarten Hochschulen in Basel und Heidelberg der reformierte Glauben gelehrt wird, sowie Tübingen und Straßburg evangelisch geworden waren, möchte Erzherzog Leopold die vorderösterreichische Universität mit Hilfe der Jesuiten im alten Glauben religiös aufrüsten.  Bereits 1618 hatte Erzherzog Maximilian eine Regierungsdelegation an die Universität geschickt. Zugleich schrieb er aus Innspruck (6. Febr. 1618) an dieselbe: sie habe nicht nur diesen Herren Glauben zu schenken, sondern auch deren Wert zu fördern; sowohl im Ganzen als jedes einzelne ihrer Mitglieder, wie es ihm der Eifer zur Propagation ferner wahren, allein salvirenden Religion von selbst eingeben werde [Schr59]. Diesmal ist aller Widerstand zwecklos. Nach dem plötzlichen Tod Maximilians und dem Drängen seines Nachfolgers Leopolds bestimmt die Einführungs-Urkunde der die Jesuiten vom 16. Nov. 1620: Mit dem laufenden Schuljahr fangen die Väter der Gesellschaft an, die humanistischen Studien nebst der Philosophie vollständig und in der Theologie vorläufig zwei Stellen, mit ihren Lehrern zu besetzen, um in Freiburg den rechten Glauben zu lehren. Stadt und Universität bemühen sich derweil, die bisherigen Lehrstuhlinhaber anderweitig unterzubringen.

Heinrich Schreiber liebte die Jesuiten nicht und so berichte er genüsslich weiter: Am 24. Nov. fiengen die Väter in den drei neuen Hörsälen des Universitätsgebäudes ihre Vorlesungen an. Um sogleich eine große Schülerzahl aufweisen zu können, ließen sie auch unreife und unvorbereitete Knaben bei ihnen eintreten. Als dieser Unfug am 7. Dec. (1620) im Senat zur Sprache kam, wurde die Immatriculation derselben nur mit der Bedingung zugestanden, daß solche pueri Einen mitbringen, der ihnen das Juramentum studiosorum deutsch erplicire* [Schr59].

*Den Knaben soll hier - wohl mangels ausreichender Lateinkenntnisse - das Studentengelübde auf deutsch erklärt werden

 

Über Glauben und Aberglauben der Bürger Freiburgs angesichts der Einführung der Jesuiten an der Universität Freiburg kolportiert Schreiber noch folgende Geschichte: Für unglückliche Vorbedeutung wurde es gehalten, daß in diesem Jahr Schaaren von Würmern die Weinberge rings um Freiburg verwüsteten. Anfangs machten sich die Evangelischen darüber lustig; nach und nach wanderten jedoch die verderblichen Gäste auch bei ihnen ein, was catholischer Seits einem abgehaltenen Bittgang zugeschrieben wurde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Martin Opitz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Maximilian endlich Kurfürst

Was ihr noch nicht getan, das tut die Christenheit

 

Noch ganz im Siegestaumel von Prag verfolgt Tilly Anfang 1621 die pfälzischen Truppen unter dem im Dienste des Winterkönigs stehenden Grafen Ernst von Mansfeld zunächst bis in die Oberpfalz. Mansfeld kann sich dort nicht halten und zieht sich mit seinen Männern in das Elsass zurück, um dort zu überwintern. Er erpresst Schutzgeld von den Städten Landau, Weißenburg und Hagenau während ihm Rosheim widersteht.

 

Auch Tilly legt die damals übliche Winterpause ein. Im Frühjahr 1622 schickt Herzog Maximilian seinen Feldherrn mit dem Ligaheer in der Hoffnung auf Landgewinn und Kurwürde in die Rheinpfalz. Der verliert dort prompt am 27. April 1622 die Schlacht bei Mingolsheim gegen die vereinigten Truppen des Markgrafen Georg Friedrich von Baden-Durlach und dessen aus dem Elsass zurückgekehrten Bundesgenossen Mansfeld. Doch ein Tilly gibt nicht auf und schlägt, nachdem sich beide feindlichen Heere getrennt hatten, zunächst am 6. Mai die Armee des Markgrafen bei Wimpfen entscheidend. Als Herzog Christian von Braunschweig, dessen Wahlspruch Gottes Freund und der Pfaffen Feind ist, zu Hilfe eilt, erleidet auch er am 20. Juni bei Höchst am Main eine vernichtende Niederlage.

 

Drei Warlords mit ihren Privatarmeen gegen Tillys Ligaheer:
Georg Friedrich von Baden-Durlach, Graf Ernst von Mansfeld und Christian von Braunschweig

Als im September 1622 Tilly ungehindert Heidelberg, das Zentrum des reformierten Bekenntnisses, eingenommen hatte, entlässt Kurfürst Friedrich Mansfeld und Herzog Christian mit ihren Männern, die nun arbeitslos als warlords mit ihren Haufen mordend, brennend, sengend und plündernd zunächst durch Lothringen ziehen. 

 

Der Dichter Martin Opitz (1577-1639) hat seine Erinnerungen an die Eroberung Heidelbergs in seinem  Trostgedicht in den Widerwärtigkeiten des Krieges festgehalten:

 

Der Mann hat müssen sehn, sein Ehebette schwächen,
Der Töchter Ehrenblüt' in seinen Augen brechen,
und sie, wenn die Begier nicht weiter ist entbrannt,
unmenschlich untergehn durch ihres Schänders Hand.
Die Schwester ward entleibt in ihres Bruders Armen,
Herr, Diener, Frau und Magd erwürget ohn Erbarmen,
ja, die auch nicht geborn, die wurden umgebracht,
die Kinder, so umbringt gelegen mit der Nacht
in ihrer Mutter Schoß; eh sie zum Leben kommen,
da hat man ihnen schon das Leben hingenommen.
Viel sind, auch Weib und Kind, von Felsen abgestürzt
und haben ihnen selbst die schwere Zeit verkürzt,
dem Feinde zu entgehn. Was darf ich aber sagen,
was die für Herzeleid, so noch gelebt, ertragen?
Ihr Heiden reicht nicht zu mit eurer Grausamkeit,
was ihr noch nicht getan, das tut die Christenheit
[Doll99].

 

Im Frühjahr 1622 hatte Erzherzog Leopold die Vertreter der Dekapolis in Colmar zusammenkommen lassen und verlangt, ihm eine Armee gegen das tirannische Kriegsvolk zur Landesrettung dieses oberelsässische Vatterland zu finanzieren. Zu spät, denn als in Lothringen nichts mehr zu holen ist, kehrt Mansfeld mit dreißigtausend hungrigen Mäulern ins Elsass zurück. Nachdem er Hagenau eingenommen hatte, plündert seine Soldateska Weissenburg, Landau, Obernai und die dazugehörigen Dörfer und tut sich vor allem an katholischem Eigentum gütlich. Nach der anschließenden kurzen Belagerung von Rosheim massakrieren die Eroberer wohl in Erinnerung an die Vorjahresschmach dort 150 Männer, Frauen und Kinder. Frauen und Mädchen sind Freiwild, die Stadt wird vollständig ausgeraubt [Vogl09].

 

Schließlich bieten die Holländer den Truppen vorübergehend Dienste gegen die Spanier an. Doch bald wieder arbeitslos lässt Mansfeld seine Soldaten Ostfriesland leerfressen, während Christian in Niedersachsen einfällt.

 

 

Dass es nur um Religion gehe und um nichts sonst

 

 Nach den Erfolgen seines Generals erhält der bairische Maximilian auf dem Reichsdeputationstag im Jahre 1623 die ersehnte Kurwürde seines pfälzischen Vetters und schenkt nach anfänglichem Zögern dem Papst die berühmte Heidelberger Bibliothek.

 

 Somit beginnt ein Krieg der dreißig Jahre dauern sollte und der vordergründig als Religionskrieg bezeichnet wird. Immer war es die These der [böhmischen] Rebellen gewesen, dass es nur um Religion gehe und um nichts sonst; immer die Gegenthese der Kaiserlichen, dass es um Religion überhaupt nicht gehe, sondern um weltlichen Aufruhr [Mann06]. Doch letztlich geht es wie bei jeder kriegerischen Auseinandersetzung nur um Macht. Die Mächtigen argumentieren zynisch mit religiöser Ideologie und halten so den gemeinen Mann bei der Stange, ja machen ihn gefügig.

 

 

Sebastian Vrancx:
Soldaten plündern einen Bauernhof

 

 

Der Dreißigjährige Krieg wird zuvörderst zu einer Machtprobe zwischen dem katholischen nach absoluter Macht strebendem Kaiser und den auf ihrer Libertät bedachten protestantischen Ständen, als Tilly das bayrische und Wallenstein das kaiserliche Heer nach Norden in den niedersächsischen Kreis marschieren lassen. So folgt auf den böhmisch-pfälzischen Krieg (1618-1623) durch das aktive Eingreifen ausländische Mächte, zunächst der Dänen auf Seiten der protestantischen Union, der dänisch-niedersächsische Krieg (1625 bis 1629). Ab 1630 bis 1635 sind die Schweden auf Reichsgebiet im schwedischen Krieg engagiert. Als französische Truppen 1635 aktiv in die Kämpfe eingreifen, wird mit dem französisch-schwedischen Krieg (1635-1648) aus der innerdeutschen Auseinandersetzung endgültig ein europäischer Krieg, der vornehmlich auf deutschem Boden ausgetragen wird und in dem sich niemand mehr um sein Gebetbuch schert.

 

 

 

Die Freiburger beten, sie möchten biß auf das künftige Jahr den Friden zuo erlangen

 

Während in den folgenden Jahren immer neue Nachrichten über Kriegsgräuel Freiburg erreichen,  werden die katholische Stadt und ihr Umland zu Beginn des Großen Krieges nur sporadisch von durchziehenden spanischen und kaiserlichen Truppen heimgesucht, die sich aber bald als ungetrew, aydtsvergesen, betrieglich und landesverderblich erweisen. Vor allem die Landbevölkerung ist der marodierenden Soldateska schutzlos ausgeliefert. Damals macht das Wort die Runde, dass jeder Soldat drei Bauern braucht: einen, der ihn ernähre, einen, der ihm ein schönes Weib beschere, und einen, der für ihn zur Hölle fahre [Jung03]. Später benehmen sich nassausche Soldaten, die als ein teutsch Regiment Disciplin und Ordnung zue halten gewohnt sind, auch nicht besser als die welschen Wallonen. Die Freiburger beten hoffnungsvoll jeden Sonntag im Münster, sie möchten biß auf das künftige Jahr den Friden zuo erlangen. Die Furcht unter der katholischen Bevölkerung ist groß, denn ist ein großer Uflauf entstanden, da der König aus Schweden aller Orth und End eingenommen und ausgeblindert [Haum01].

 

Merians Plan von Freiburg um 1630. Man erkennt links im Norden! den Stadtteil Neuburg mit der Nikolauskirche, nach Westen breitet sich die Lehener Vorstadt mit dem St. Klara- und dem St. Agneskloster aus. Rechts im Süden befindet sich die Schneckenvorstadt vor dem Martinstor mit der Gerberau und der Insel. Jenseits der Dreisam liegt das Dorf Adelhausen mit seinem Frauen- und dem Katharinenkloster. 

 

 

Armand Jean de Richelieu

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Löw' aus Mitternacht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Johann Georg
Kurfürst von Sachsen

Wenn es möglich ist… einen Eingang nach Deutschland zu gewinnen

 

Wegen seiner inneren Kämpfe gegen die Hugenotten hatte sich der französische König Louis XIII. aus den kriegerischen Auseinandersetzungen im Reich herausgehalten, doch als 1628 mit der Einnahme der letzten Hugenottenfestung La Rochelle der Religionskrieg in Frankreich beendet ist, schreibt Kardinal Armand Jean de Richelieu ein Memorandum an seinen König: Nachdem La Rochelle genommen ist, muss der König, wenn er sich zum mächtigsten Monarchen der Welt und zum angesehensten Fürsten der Welt machen will, vor Gott erwägen und sorgfältig und im Geheimen mit seinen treuen Dienern prüfen, was für seine Person noch zu verlangen und in seinem Staate noch zu reformieren ist ... Was nun die Außenpolitik anbetrifft, so muss man sich stets vor Augen halten, dass man den Fortschritten Spaniens Einhalt gebieten muss ... Dann muss man darauf bedacht sein, sich in Metz zu befestigen und bis Straßburg vorzurücken, wenn es möglich ist, um einen Eingang nach Deutschland zu gewinnen, was mit viel Zeit, großer Umsicht und durch ein vorsichtiges und verdecktes Verhalten geschehen müsste ... Man könnte auch noch an Navarra und die Freigrafschaft Burgund denken, auf die wir Ansprüche haben, da sie an Frankreich angrenzen und, wenn wir nichts anderes zu tun haben, leicht zu erobern sind [Anri40] Richelieu setzt seine verdeckte Politik recht umsichtig bei der Vermittlung eines sechsjährigen Waffenstillstands zwischen Polen und Schweden ein. Nun kann der schwedische König 1630 unbeschwert und dazu unterstützt mit französischen Subsidien eine Invasionsarmee an der deutschen Ostseeküste landen.

 

 

Es gibt keinen besseren Schutz für die Ostsee und folglich keine andere Sicherheit für Schweden als die Offensive

 

Als Tilly mit der Liga-Armee des bayrischen Kurfürsten Maximilian und Wallenstein mit der von ihm vorfinanzierten kaiserlichen Reichsarmee Norddeutschland militärisch beherrschen, nimmt der kaiserliche Druck auf die im Glauben abtrünnigen Stände zu. Hilfe tut Not, als Kaiser Ferdinand am 6. März 1629 das Restitutionsedikt unterschreibt, daß jede, nach dem Datum dieses Friedens, von den Protestanten geschehene Einziehung sowohl mittelbarer als unmittelbarer Stifter dem Sinn dieses Friedens zuwiderlaufe, und als eine Verletzung desselben widerrufen sei [Schi64]. Damit müssen die protestierenden Stände des Reiches das gesamte katholische Gut, welches sie sich nach dem Passauer Vertrag von 1552 angeeignet hatten, unter Androhung der Reichsacht wieder herausgeben. Darunter befinden sich die wichtigen Bistümer Bremen und Magdeburg.

 

Häufig findet sich in den Geschichtsbüchern die Ansicht, dass Gustav Adolf (1511-1632) den von den Katholiken so arg gebeutelten deutschen Lutheranern zu Hilfe eilte. Doch der Schwedenkönig denkt bei seiner Invasion zuvörderst an die Sicherung seines Nordreichs, seiner Herrschaft über die Ostsee, des schwedischen dominium maris Baltici. Hatte es doch der Binnenländer und Herzog von Friedland Wallenstein 1628 als neubestallter Herzog von Mecklenburg und General der Ozeanischen und Baltischen Meere gewagt, in Wismar mit dem Aufbau einer bescheidenen kaiserlichen Ostseeflotte zu beginnen. Gustaf Adolf reagiert prompt:  Meine Meinung ist, daß für unsere Sicherheit, Ehre und endlichen Frieden nichts dienlicher halte, als einen kühnen Angriff auf den Feind. Am 13. November 1629 bekräftigt der schwedische Reichstag, dass Angriff die bessere Verteidigung ist: Es ist besser man begegnet dem Kaiser mit einer Armee an seinen eigenen Grenzen und traktiert mit ihm unter dem Helm, als daß man ihn hier in Schweden erwartet … Es gibt keinen besseren Schutz für die Ostsee und folglich keine andere Sicherheit für Schweden als die Offensive. Nach außen dagegen tönt es anders: Das größte Ziel des Krieges ist es, unsere unterdrückten Religionsverwandten aus den Klauen des Papstes zu befreien, was uns hoffentlich mit Gottes Gnade gelingen wird [Milg01].  

 

 

Solch Ding ist doch nichts als Quisquiliae, die der Wind aufhebt und wegweht

 

Als der schwedische König Gustav Adolf am 4. Juli 1630 mit 15000 Mann auf Usedom an Land geht, hatte ihn kein protestantischer Fürst gerufen. Die Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen sehen in dem Löwen aus Mitternacht eher den Aggressor denn den religiösen Befreier, möchten neutral bleiben und damit ihren Untertanen die Kriegsgräuel ersparen. Der König jedoch will jedoch von keiner Neutralität nichts wissen und nichts hören: Solch Ding ist doch nichts als Quisquiliae, die der Wind aufhebt und wegweht. Vergeblich fordert Gustav Adolf in einem Manifest die protestantischen Reichsstände auf, sich ihm anzuschließen. Vergeblich fordert Gustav Adolf in einem Manifest die protestantischen Reichsstände auf, sich ihm anzuschließen. Georg Wilhelm von Brandenburg nimmt der König sich persönlich vor: Dies ist ein Kampf zwischen Gott und dem Teufel. Wenn Euer Gnaden mit Gott ist, muss er sich mir anschließen. Wenn er für den Teufel ist, muss er mich bekämpfen. Es gibt keinen dritten Weg [Wils09].

 

Beim sächsischen Kürfürsten Johann Georg mahnt er Einigkeit an, um das auf Deutschland lastende spanische und österreichische Joch ein für allemal zu zerbrechen und das Volk von den päpstlichen, seelenschänderischen Gräueln zu erlösen [Mann06]. So lautet Gustav Adolfs Lippenbekenntnis, doch im Kreise seiner Räte äußert er sich als machtbesessener Realist: S Si Rex victor, illi praedae sunt*. [Rade08]. Vergebliche Vorhaltungen gegenüber den Kurfürsten. Lediglich die Stadt Magdeburg schließt mit Gustav Adolf einen Allianzvertrag.

*Wenn der König Sieger ist, werden jene (Fürsten) Beute sein

 

 

Nichts war ihm heiliger als ein priesterliches Haupt,

 

 schreibt der Beichtvater des Kaisers So kommt es, dass Ferdinand auf dem Kurfürstentag im September 1630 in Regensburg, als die Kurfürsten angeführt von Maximilian von Bayern in ihrem Hass gegen den Emporkömmling Wallenstein dessen Kopf fordern, den Einflüsterungen des Vertrauten Kardinal Richelieus Père Joseph folgt: Es würde gut getan sein, den Fürsten in diesem Stücke zu Gefallen zu leben, um desto eher zu der Römischen Königswahl seines Sohnes ihre Stimme zu erhalten [Schi64]. Gleichzeitig aber macht Joseph bei den Kurfürsten gegen den Kaiser Stimmung, so dass endlich die Herren seinem Sohn Ferdinand ihre Stimme versagen und am Ende Vater Ferdinand mit leeren Händen dasteht. Als er später jammert: Ein schlechter Kapuziner hat mich durch seinen Rosenkranz entwaffnet, und nicht weniger als sechs Kurhüte in seinen enge Kapuze geschoben, privatisiert Wallenstein irgendwie erleichtert bereits wahlweise auf seinem Schloss Gitschin in Friedland oder in seiner Residenz unterhalb des Prager Hradschins und meint: Der Kaiser ist verraten, ich bedaure ihn, aber ich vergeb ihm. Es ist klar, daß ihn der hochfahrende Sinn des Bayern dominiert. Zwar tut mirs wehe, daß er mich mit so wenigem Widerstande hingegeben hat, aber ich will gehorchen [Schi64].  

 

NoNoch im gleichen Jahr nehmen die Schweden alle Festungen in Wallensteins Herzogtum Mecklenburg. Fast ohne Widerstand fallen Neu-Brandenburg, Malchin, Treptow und Schloss Demin. Im Frühjahr des folgenden Jahres wendet sich Gustav Adolf dann gegen Pommern. Seine Truppen erobern die Städte Frankfurt an der Oder und Landsberg an der Warthe. Damit steht das habsburgische Erbland Schlesien dem Angreifer offen.

 

In der Winterpause am 13. Januar schließen Frankreich und Schweden den Beistandspakt von Bärwald in der Neumark, der die verdeckte finanzielle Hilfe Kardinal Richelieus auf eine vertragliche Grundlage stellt. Danach verpflichten sich die Schweden eine Armee von 30000 Mann in Deutschland zu unterhalten, wozu die Franzosen jährlich 400000 Gulden beisteuern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gustaf Horn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wallenstein

 

 

 

 

 

GuGustav Adolf

Magdeburgum deletum

 

Diese Ereignisse rütteln endlich den alten Tilly, dem zusätzlich zum Oberbefehl über die Armee der Liga auch der über die Reichsarmee übertragen worden war, auf. Er wendet sich gegen den bis dato einzigen Verbündeten des Schwedenkönigs in deutschen Landen: Anno 1631 [wird] Magdeburg mit gantzem Ernst von dem Keyserlich: vnd Chur=Bayrischen Generaln Herrn Johann Tscherclaes Graffen von Tilly belagert und ist, kurz bevor der schwedische König mit seiner Streitmacht die Stadt entsetzen kann, den 20. May mit Sturm erobert worden [Meri53]. Von 30000 Einwohnern überleben nur 5000. Das Wort magdeburgisieren findet Aufnahme in den deutschen Wortschatz. Gottfried Heinrich Graf zu Pappenheim schreibt zufrieden: Es ist gewiss, seyd der Zerstörung Jerusalem, kein grewlicher Werck und Straff Gottes gesehen worden. Alle unsere Soldaten sind reich geworden. Gott mit uns. Diese Bemerkung trifft nicht ganz das Schicksal eines tagebuchschreibenden Söldners in Pappenheims Regiment, Peter Hagendorf, der notiert: Bin zweimal durch den Leib geschossen worden, das ist meine Beute gewesen. Kameraden tragen ihn ins kaiserliche Lager zurück und binden ihm die Hände, damit der Feldscher hat können den Meißel anbringen, um die Kugeln aus dem Körper zu entfernen. So bin ich in meine Hütte gebracht worden, halbtot [Stre08].

 

Die Nachricht von Magdeburgs grauenvollem Schicksal verbreitet Entsetzen und Furcht im ganzen protestantischen Lager: allda etlich Leuth zur Erden in Ohnmacht gefallen, während die katholische Seite frohlockt [Schi64].  Als ein Kurier Tillys in Wien verkündet: Magdeburg ist nicht mehr! läuten die Glocken stundenlang und der Sieg wird mit einem festlichen Tedeum im Stephansdom gefeiert. Die Freiburger reagieren nachdenklicher, weiß man doch sehr wohl, dass die Schweden bei ihren Kriegszügen nicht weniger grausam vorgehen.

 

Unter dem Eindruck des Massakers von Magdeburg und nachdem Gustav Adolf vor Berlin seine Kanonen in Stellung gebracht hatte, verbündet sich Georg Wilhelm von Brandenburg mit den Schweden. Als Tilly Anfang September 1631 mit seinen Truppen in Sachsen einfällt, schließt sich auch Johann Georg mit dem Schwedenkönig einen Vertrag. Mit seinen neuen Verbündeten bringt König Gustav Adolf den Kaiserlichen am 17. September in der Schlacht bei Breitenfeld in Sachsen eine vernichtende Niederlage bei.  Jetzt steht den Schweden ganz Süddeutschland offen, denn Tilly verliert in dieser Schlacht mehr als 30000 Mann und dazu noch gewaltige Mengen an Ausrüstung und Proviant, während auf schwedischer Seite lediglich 1100 Tote zu beklagen sind. Des Königs Kanzler Graf Axel von Oxenstierna (1583-1654) vermerkt: Haben also Ihre Majestät die Meinung gehabt, ihr Reich und die Ostsee zu versichern … hätten anfangs soweit zu kommen nicht vermeint [Mann06].

 

Er kommt noch weiter. Wie Dominosteine fallen Würzburg, Aschaffenburg, Frankfurt. Ende Dezember 1631 zieht Gustav Adolf in die Hauptstadt des Kurfürstentums Mainz ein, während der kursächsische General Hans Georg von Arnim inzwischen Schlesien erobert und am 15. November sogar Prag besetzt hatte [Rosen04]. In der Münchener Residenz und am Wiener Hof hebt das große Zittern an. Jetzt sucht Kurfürst Maximilian einen Separatfrieden mit den Schweden oder wenigstens möchte er neutral werden, während Kaiser Ferdinand flehentlich nach Wallenstein ruft: Wie ich mir denn die verlässliche Hoffnung machen will, dass Euer Liebden, die in der gegenwärtigen Not mich begriffen sehen, mir nicht aus den Händen gehen, viel weniger mich verlassen werden [Rade08].

&n 

 Der kriegserprobte Generalissimus, dem der Kaiser voller Verzweiflung das Kommando über die Truppen in absolutissima forma (unumschränkt) einräumt, schafft es tatsächlich, in nur drei Monaten im Winter 1631/32 dem Kaiser eine Armee von 100000 Mann auf die Beine und Hufe zu stellen.

 

 

Bet, Kindlein bet! Morgen kommt der Schwed'!*

 

Schon im Januar 1632 hatte der Freiburger Stadtrat über die neue Lage beraten, die sich aus Tillys Niederlage bei Breitenfeld ergibt. Was soll mit den Studenten geschehen: Ob den studiosis anzuzaigen, wehr sich in sicheren ortt begeben wölle, der möge es thun, oder ob noch vmb etwas eingehalten werden solle und im Februar wird beschlossen: Weil die gefahren des schwedischen überfalls je länger je größer vnd näher, ... daß man die iugendt vnd sonderlich die vornembsten in stille auisiren (avisieren) solle, daß sie die gefahr vor augen sehen, des wegen sich selbsten nach vermögen vnd belieben versichern sollen ... [Maye05].

*Morgen kommt der Oxenstern, der wird die Kindlein beten lehrn, Bet, Kindelein, bet!

 

Die Hiobsbotschaften für die katholische Partei reißen nicht ab. Als Tilly zum Schutze Bayerns den Lechübergang bei Rain gegen die anstürmenden Schweden unter ihrem Befehlshaber Gustaf Karlson Horn verteidigt, wird er schwer verwundet und stirbt im April 1632 an seiner Verletzung. Im Mai zieht der Schwedenkönig durch das Isartor in München ein. Verzweifelt flieht Kurfürst Maximilian gen Norden und übernimmt selbst den Oberbefehl über die Reste der Liga-Truppen.

 

Wie erwartet zieht es die ausgehungerten Schweden unter Horn in die von der Kriegsfurie bisher verschonten südwestlichen Gebiete des Reiches. Er überschreitet am 31. August 1632 die Rheinbrücke bei Straßburg und belagert die Städte Oberehnheim und Rosheim, die sich am 6. September ergeben. Im gleichen Monat nimmt Horn Hagenau ein und stationiert dort eine Garnison von 600 Mann. Andere Städte wie Markolsheim, Oberbergheim, Molsheim, Kaisersberg, Türkheim, Ruffach und Münster leisten keinen Widerstand. Ein Spruch in der Kirche des eroberten Türkheim klagt: Der Schwed ist kommen, hat alles genommen, das Gott erbarm, o wie geht es zu [Vogl09].

 

Während die vorderösterreichischen Regierung von Ensisheim nach Beffort (Belfort) flüchtet, beginnt im September der große Exodus der Studenten aus Freiburg, allso außer den huesigen (einheimischen) Kindern wenig verbleiben werden [Maye05].

 

 

Nürnberg und Lützen

 

Bei der Verfolgung Maximilians nimmt Gustav Adolf Nürnberg ein, doch hier sitzt er in der Falle, als von Norden Wallenstein mit seinem frischen Heer anrückt und sich mit den Truppen Maximilians vereinigt. Auf den Hügeln am Nordufer der Rednitz nahe der Alten Veste bei Zirndorf lässt der Friedländer Schanzen errichten und wartet, bis der Schwedenkönig aus Proviantmangel die Stadt Nürnberg verlassen muss. Am 3. September sucht Gustav Adolf die militärische Entscheidung. Wieder und wieder lässt er seine Truppen gegen die gut verschanzten Kaiserlichen anrennen, vergeblich. Anschließend berichtet Wallenstein seinem Kaiser: Es hat sich der König bei dieser Impresa gewaltig die Hörner abgestoßen … und ob zwar Eure Majestät valor und courage zuvor überflüssig hatte, so hat doch diese Occasion sie mehr versichert, indem sie gesehen, wie der König so alle seine Macht zusammengebracht, zurückgeschlagen ist worden, und das Prädicat invictissimi nicht ihm, sondern Eurer Majestät gebüret [Mann06]. Gustav Adolf verliert nicht nur den Nimbus des Unbesiegbaren, sondern auch ein Drittel seiner Truppen. Viele seiner Söldner desertieren und reihen sich nahtlos in die Wallensteinsche Streitmacht ein.

 

Das Gemetzel geht weiter. Am 16 November 1632 kommt es zur Schlacht bei Lützen, in der Gustav Adolf fällt. Doch es ist kein Sieg für die Kaiserlichen, denn sind beide Armeen wie zween beißende Hahnen voneinander geschieden, daß man also nicht recht sagen kann, ob einer oder der andere Teil das Feld erhalten Der Adjutant Wallensteins Heinrich Holk fasst zusammen: Das Blutbad hat sieben Stunden gewährt, und nach beiderseits unerhörtem erlittenen Schaden* hat der einen Weg, der andere den anderen Weg sich retiriert und zieht mit den verbliebenen Kaiserlichen gen Norden nach Leipzig [Mann06].

*9000 Tote

 

Gustav Adolfs Tod

 

Der Adjutant des schwedischen Königs, Bernard von Sachsen-Weimar* (1604-1639), sammelt die Reste des schwedischen Heeres und führt sie gen Süden nach Nauenburg.

*Bernard der elfte Sohn des Fürsten von Sachsen-Weimar hatte sich unter Peter Ernest Graf zu Mansfeld und dann unter Gustav Adolf als General militärisch ausgezeichnet. Nach Gustav Adolfs Tod. verlangt er von Oxenstierna die Einlösung des königlichen Versprechens eines Herzogtums Franken, das ihm als schwedisches Lehen aus den katholischen Bistümern Bamberg und Würzburg zusammengezimmert wird.

 

Schiller, der in seinem Buch über den Dreißigjährigen Krieg in Gustav Adolf bis zu seinem Tode den strahlend untadeligen Befreier der deutschen Protestanten sieht, muss schließlich auch zugeben, dass Macht korrumpiert: Aber es war nicht mehr der Wohltäter Deutschlands, der bei Lützen sank. Die wohltätige Hälfte seiner Laufbahn hatte Gustav Adolf geendigt, und der größte Dienst, den er der Freiheit des Deutschen Reichs noch erzeugen kann, ist – zu sterben… Unverkennbar strebte der Ehrgeiz des schwedischen Monarchen nach einer Gewalt in Deutschland, die mit der Freiheit der Stände unvereinbar war, und nach einer bleibenden Besitzung im Mittelpunkt dieses Reiches. Sein Ziel war der Kaiserthron; und die Würde, durch seine Macht unterstützt und geltend gemacht durch seine Tätigkeit, war in seiner Hand einem weit größern Mißbrauch ausgesetzt, als man von dem österreichischen Geschlechte zu befürchten hatte [Schi64].

 

Der Tod ihres Königs bremst den Elan der Schweden nur kurzzeitig, denn der resolute, kompromisslose Oxenstierna übernimmt die Regentschaft für die sechsjährige Thronerbin Christina. Die militärische Führung des schwedischen Heeres im Römischen Reich fällt an Feldmarschall Johan Banér und Gustaf Horn, der im Elsass mit seinen Truppen seit dem 6. November Schlettstadt belagert hatte. Die katholische Stadt öffnet am 12. Dezember den Schweden ihre Tore.

 

Nachdem das linke Ufer des Rheins fest in schwedischer Hand ist, setzt Oberstlieutnant Dietrich von Zyllendardt am 18. Dezember 1932 mit seinen Truppen bei Rheinau über den Rhein, nimmt ohne Gegenwehr Endingen, Kenzingen und Staufen. Er schickt am 19. einen Trompeter vor die Mauern Freiburgs mit einem Schreiben im Namen Gustaf Horns und des Rheingrafen Otto Ludwig, ob die statt freundt oder feind seyn wölle [Rupp83, Maye10].

 

 

Der Feind ist mit gantzer Macht für die Statt geruckt

 

Zu Weihnachten 1632 steht der Württemberger Obrist Bernard Schaffalitzki von Muckendell mit seinen Schweden vor dem Freiburger Mönchstor.  Am folgenden Tag wird auf die außerhalb der Stadtmauern gelegenen Frauenklöster St. Katharinen und Adelhausen der Rote Hahn gesetzt. Der Feind ist mit gantzer Macht für die Statt geruckt und hat sie zuo Mitternacht ... heftig mit Schiessen und Fewerwerfen geängstigt ..., und weilen sie under das Geschütz kommen und schon 25 Fewerkuglen hinein geworfen und großen Schaden gethan, und weil die Statt gar nit mit Soldaten besetzt gewesen, haben sich die Burger ... nit weiters defendieren können.

 

In der Tat, die Besatzung der Stadt besteht nur aus 300 Mann größtenteils in den Waffen ungeübter Bauern. Belangreicher war, die Bürgerschaft selbst und der Zuschuß von Studenten der Universität, einem zwar kleinen, aber wohleingeübten Korps. Für dieses studentische Aufgebot bedankt sich die Stadt, weil sie allen guten Willen und Neigung sowohl von der Universität als den Studenten verspürt, indem sich diese so bald und guter Anzahl eingestellt, auch mit Waffen gemeiner Stadt beigesprungen [Schr59]. Der Stadtrat verspricht, dies an zuständiger Stelle rühmend zu erwähnen.

 

Zunächst gelingt es den Bürgern und Studenten auch, den die Burghalde stürmenden, weit überlegenen Feind abzuwehren.Doch bevor die Schweden zum Hauptsturm blasen, accordiert sich die Stadt am 28. Dezember (stimmt der Übergabe zu). Die Belagerer sichern den Freiburgern zu, dass die Angehörigen der Universität und die Geistlichkeit bei ihrem Glauben bleiben dürfen und dass gegen Zahlung von 30000 Gulden* Raub und Plünderung durch die 1500 Mann Besatzung unterbleiben sollen. Der Stadtrat legt diese finanzielle Belastung auf alle Bürger und Einrichtungen um, wobei die Universität ein Viertel der Kontribution zahlen soll.

*Etwa 3 Millionen Euro. Dieses Brandschatzgeld g gilt bei einem Accord als Entschädigung für die entgangene Beute, die bei Plünderung einer Stadt angefallen wäre. Allerdings schützte eine solche Zahlung niemals wirklich vor Übergriffen der Soldateska. Ausgelöst werden muss auch mit 500 Reichstalern die Hosanna, die als Glocke für die Schweden einen beträchtlichen Metallwert besitzt. Um diese Summe zusammenzubringen, schmilzt man wertvolle Messkelche aus dem Münsterschatz ein [Röde08].

 

Nach dem Einzug der Schweden schüttelt General Horn dem Pater Rektor freundlich die Hand: Ihr Jesuiten seid doch ganze Leute und überall zu Hause, sogar Kriegskameraden trifft man unter euch an [Schr25]. Dabei bezieht er sich auf die Verteidigung der Burghalde durch Studenten, bei der am 28. Dezember zwei Jesuitenpatres (Professoren der Mathematik und Ethik) die Geschütze befehligt hatten [Maye10]. Danach bleibt der Universitätsbetrieb wesentlich eingeschränkt.

 

Trotz der Toleranzzusage flüchten viele Lehrenden und Lernenden der Universität aus der Stadt, denn sie befürchten das Schlimmste, gilt doch der Hass der Protestanten vor allem den Jesuiten: Was Belzebub nicht hat verricht, dasselb durch ein Jesuwit geschicht [Schm99]. Ein Teil der Dozenten bleibt in Freiburg, doch als ruchbar wird, dass sich einige Jesuiten in einen Briefwechsel mit der unter kaiserlichem Befehl stehenden Festung Breisach eingelassen hatten, werden die angeschwärzten Schreiber im Martinsturm festgesetzt. Diese angebliche Verschwörung der Jesuiten führt am 7. September 1633 zu ihrer Vertreibung aus der Stadt, wobei sie ausgeraubt in den Schwarzwald getrieben werden [Maye10].  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Markgraf von Baden

 

 

 

Georg Friedrich V.
von Baden-Durlach

Unter dem ersten Befehlshaber der schwedischen Besatzungstruppen dem Württemberger Obristen Bernard Schaffalitzki hat das Freiburgische Elend angefangen; der Gottesdienst wurde geschwächt, das Läuten öfters verboten und die große Glocke des Münsters confiscirt, weil man damit Sturm gegen den Feind geschlagen. Die Stadt und die Hochschule mit den Domherren im Basler Hofe hatten eine Contribution von 30000 Gulden zu entrichten und alle Waffen abzuliefern. Die Quartiere mußten alle 14 Tage gewechselt werden, wobei die Bürger ungemeine Verluste erlitten. Dem einen drangen die Soldaten in den Keller und stahlen den Wein oder ließen ihn laufen; den anderen beraubten sie den Kornkasten; dem dritten erbrachen sie die Truhen und nahmen alles Gold, Silber und Geschmeide daraus hinweg.

 

 Auf der Gasse war selbst untertags Niemand sicher. Männern und Weibern wurden Hüte und Mäntel, Schleier und Schürze genommen. Den Geistlichen begegnete der Soldat mit Hohn und Spott, denn sein Übermuth wuchs mit jedem Tage. Er kleidete sich prächtig, hielt üppige Gastereien und Tänze, und machte Hochzeit nach Gefallen.

 

Als der Frühling gekommen, fielen die Soldatenweiber in alle Gärten und Äcker, schnitten ab, was ihnen gefiel, füllten Säcke und Körbe mit dem Gestohlenen und trugen's nach Hause oder auf den Markt zum Verkaufe! Die Offiziersdiener und Lakaien fuhren mit Karren und Wagen in die Matte und mähten das Gras ab. Und als es Herbst geworden, liefen die Soldaten rottenweise hinaus, rissen Mauern und Zäune nieder, raubten das Obst und verdarben die Bäume [Bade82].

 

Unter dem zweiten Stadtkommandanten dem aus einem böhmischem Adelsgeschlecht stammenden Oberwachtmeister Friedrich Ludwig Kanoffski von Langendorf richten sich die Schweden innerhalb der Stadtmauern häuslich ein, und in einem fast ökumenischen Klima kommt es sogar zu Mischehen. So heiratet Kanoffski 1633 die Tochter Anna Jolantha des Freiburger Stadtjunkers Johann Balthasar Stumpp*.

*Wegen dieser profitablen Heirat und der noch folgender Begebenheiten setzte sich im Volksmund für von Langendorf der Name  Kanof oder Kanuf durch. Darunter verstand man früher in Freiburg einen besonders verschlagenen oder durchtriebenen Kopf.

 

Doch auch nach seiner Einheirat ist sich Kanoffski der Freiburger nicht sicher. Die Besatzer werfen Bauern vor, kaiserliche Truppen etwa die in Breisach zu versorgen oder feindliche Militärstreifen vor die Stadt zu führen. Da können nur drakonische Strafen abschreckend wirken. Vermeintliche Verräter werden mit glühenden Zangen gezwickt, aufs Rad geflochten und sollte der Tod nicht eingetreten sein, lebendig verbrannt [Thie97]. Die Menschen der Umgebung schließen sich zusammen, um sich schwedischer Übergriffe zu erwehren. Als am 16. Juni 1633 sich etwa 300 Bauern aus Ehrenstetten, Pfaffenweiler und Kirchhofen im dortigen Schloss verschanzen, statuieren die Schweden ein blutiges Exempel: Anno 1633 ist Kilchen, Schlos und ganz Kilspil (Kirchspiel) verbrändt und kamen das Landt in Schwedist Hendt. Ungefär 300 Baursleit unerbermlicherweis dottgeschlagen, darunder 89 von Pfaffen und Öhllenschweiler waren, so liest man noch heute in einer Inschrift hinter dem Altar der Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Kirchhofen.

 

Im Anbetracht dieses Massakers erscheint die Mitteilung, dass im April 1633 Oxenstierna dem Markgrafen Friedrich von Baden-Durlach als Lohn für die dem Protestantismus geleisteten Dienste alle österreichischen Länder zwischen Rhein und Schwarzwald von Säckingen bis Philippsburg als schwedisches Lehen übereignet hatte, belanglos.

 

 

Vergebliche Mühen um einen deutschen Frieden

 

Auf der Basis eines Waffenstillstandes im fernen Schlesien gibt es derweil Bemühungen - von Wallenstein gesteuert und vom Wiener Hof argwöhnisch beäugt - um einen Frieden mit den protestantischen Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen. Nachdem schwedische Truppen in Deutschland stehen, möchte der Generalissimus vor allem weitere Einmischungen ausländischer Mächte besonders Frankreichs in den Krieg vermeiden.

 

Da schlägt die spanische Anfrage in Wien nach der Gewährung von militärischem Flankenschutz für ausländische Truppen, die das Reichsgebiet durchziehen möchten, bei Wallenstein wie eine Bombe ein. Der spanische Gouverneur von Mailand Gomez Suarez de Figuera Duca di Feria  beabsichtigt, da der Seeweg in die Vereinigten Niederlande durch englische und holländische Schiffe blockiert ist, mit einem Herr von Norditalien auf dem Landwege in die holländischen Provinzen zu ziehen, um die abtrünnigen Länder endlich in die Knie zu zwingen. Er möchte, auf dem Weg durch Süddeutschland sein Heer durch Rekrutierungen vervollständigen und bietet dafür an, im Vorbeimarsch den Schlüssel des Reiches, die von den Schweden unter dem Rheingrafen Otto Ludwig seit dem 7. Juli 1633 belagerte kaiserliche Festung Breisach, zu entsetzen.  

 

Die Befürchtung Breisach verloren, alles verloren lässt am Hof zu Wien nicht nur alle Bedenkenträger gegen ein Durchmarschrecht für die Spanier verstummen, sondern der Kaiser sagt dem Duca sogar eine direkte militärische Unterstützung am Rhein zu. Ferdinand inzwischen wieder misstrauisch gegenüber Wallenstein möchte Feria als einen zweiten militärischen Befehlshaber in Deutschland aufbauen und bereitet seinem Generalissimus bewusst einen dreifachen Affront:  Wallensteins Friedensbemühungen sind kompromittiert und die Zusage von Reichstruppen sowie die Erlaubnis für die Spanier, in Deutschland zu rekrutieren, greifen direkt in die verbrieften Befugnisse des kaiserlichen Oberbefehlshabers ein.

 

 

Restabilisierung des Religions- und Prophan-Friedens

 

 Neuere forensische Untersuchungen haben Vermutungen bestätigt, dass Wallenstein wohl nicht an Gicht, sondern an einer fortgeschrittenen Syphilis litt. Nicht nur seine körperlichen Beschwerden, sondern auch seine Launen, Zornausbrüche und manchmal unberechenbaren Reaktionen lassen sich damit erklären. Doch ist der folgende Entwurf einer Vertrages, den der Generalissimus Ende 1633 diktiert und unterschreibt einem erweichten Gehirn entsprungen? Wallenstein überzeugt, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist, möchte einen deutschen Frieden mit den protestantischen Fürsten:

 

Beide Kurfürstlichen Durchlauchten zu Sachsen und Brandenburg einerseits, der Römisch Kaiserlichen Majestät Generalissimus andererseits haben die jetzige Devastation, ja, den Untergang des Römischen Reiche erwogen und auf Mittel und Wege gedacht, auf welche Weise dem abgeholfen, Deutschland von der Beraubung durch fremde Völker gerettet und wieder in vorigen Flor und Wohlstand gesetzt werden möchte.

 

Als haben höchstgedachte beide kurfürstliche Durchlauchten mit hochgedachtes des Herrn Generalissimi Fürstliche Gnaden sich dahin verglichen, daß beider ihrer Kurfürstlichen Durchlauchten Waffen mit den Kaiserlichen conjugiert und dem Commando des Herrn Generalissimi Fürstliche Gnaden unterstellt werden, in Anbetracht des besonderen Vertrauens in dieselben, daß er nämlich obgedachte Intention erreichen und ins Werk setzen wird, und also mit zusammengesetzter Macht die Restabilisierung des Religions- und Prophan-Friedens, wie derselbe tempore Rudolphi, Matthiae und dann bei jetziger kaiserlicher Majestät Regierung vor diesem Unwesen sich befunden, wiedergebracht und gegen diejenigen, die denselben ferner zu turbieren obstiniert, erhalten werden solle [Mann06].

 

 

Were sonsten gleich nidergeschossen worden

 

Die Kriegshandlungen im Breisgau verhindern, dass die Ernte 1633 eingebracht werden kann. In seinem Tagebuch klagt Thomas Mallingen: Wie wol es ein stattliche und reiche Ernd geben, welche in vil Jahren nit also geraten, aber ist den Landleüthen nit zuo Nutz kommen, hat sich auch kainer auf seinem Guot oder Acker, dass er nur eine Handvoll hette dörfen abschneiden, blicken lassen, were sonsten gleich nidergeschossen worden [Thie97].

 

 

Ende Oktober 1633 übernehmen Spanier die Stadt

 

Am Lech conjugieren sich die im Westen zu Schutze Bayerns stehenden Reichstruppen unter Johann von Aldringen mit den von Süden heranziehenden Spaniern, 10000 Mann zu Fuß und 1500 Reiter, unter Feria. Diese italienischen Spanier sind ein erbärmlich zusammengetrommeltes Heer, ohne Artilleriepferde, Wagen, Munition, gänzlich ohne Brot und Fleisch und Bier. Ein Pfaff, so ein Beichtvater sein soll, dirigiert das ganze Wesen [Mann06], doch Dank der Kriegserfahrung Aldringens und der militärischen Überzahl wird die Rückeroberung der Waldstädte am Oberrhein (Laufenburg, Säckingen, Rheinfelden und Waldshut) und der Entsatz Breisachs am 20. Oktober 1633 zum Kinderspiel.

 

Nun rückt eine Streitmacht von 16000 Mann auf Freiburg zu und zwingt die schwedische Besatzung, die Stadt zu räumen. Schon am 21. Oktober lässt Stadtkommandant Kanoffski den städtischen Obristmeister rufen: Die Kaiserlichen rücken immer näher und Freiburg ist unhaltbar; deshalb verabschiede ich mich. Was während meines Commando's sich Übels begeben, schreibe man nicht mir, sondern dem leidigen Kriege zu. Ich übergebe hiemit die Schlüssel der Thore [Bade82]. Spricht's, macht sich aus dem Staube und verfügt sich zur Armee Bernhard von Weimars am Oberrhein.

 

Schiller schreibt im zweiten Teil seiner Wallenstein Trilogie: Der Krieg ernährt den Krieg. Gehen Bauern drauf, ei, so gewinnt der Kaiser mehr Soldaten. Söldner  und Pferde benötigen Unterkunft und Nahrung. Dazu erhebt Feria eine Kriegssteuer von 11500 Gulden. Zwar besitzen die den Schweden nachrückenden Kaiserlichen das richtige Gebetbuch, doch die ausgehungerten und meist unbezahlten Söldner benehmen sich nicht besser als die vormaligen Besatzer. Allein auf Grund der Zahl der Menschen und Tiere sind die Zustände in der Stadt katastrophal, zumal die nichteingebrachte Ernte die Versorgungslage in Freiburg noch verschärft: :

 

In allen Gassen [sind] die Heüser dermaßen uberlegt gewesen, daß man die nodtwendige Nahrung, oft sogar daß Brod nit hat könden umb daß Gelt bekommen, oft in einem Hauß bey 10, 12, sogar biß auf die 20 Personen gewesen. Will nit sagen von den Pferten, wo nur ein Stallung gewesen, hat man auch 10, 20, sogar biß auf die  40 Pfert in ein Hauß oder Stall gestellet. In den Vorstätten, außerhalb der, und umb die Statt herumb, alle Heüser, Schewren, Stallung, Schöpf, Gartenheüser voller Soldaten und Pferten gelegen und gestanden, und weil es damals schon etwas kalt, haben sie darinn alles Holtzwerck abgebrochen, die Zeün umb die Gärten nidergerissen, vil hundert Wellen Stäcken auß den Räben genommen, etliche fruchtbare Baim abgehawen, und Alles in das Fewr geworfen und verbrennt. Welches Volck so grosen Mangel an Proviant und grosen Hunger gelitten, daß auch die fürneme Officier, sogar Oberste, welche ihre Quartier nur außerhalb in schlechten Gartenheüslin gehabt, ihre Diener in die Statt geschickt, umb daß Gelt Brodt zuo kaufen, haben oft umb ein eintzigen Laib Brodt ein Reichstaler wöllen geben, selbigen nicht bekommen. Darumb hernach im Marschieren vil hundert Soldaten und Pfert Hungers halben haben miessen sterben und umbfallen, darüber in und außerhalb der Statt von wegen des grosen Geschmacks und Gestancks vil Menschen krank und mit dem Todt bezalen miessen [Haum01]. Die Menschen sind unterernährt, haben keine Widerstandskraft und so dezimiert die Pestepidemie die Anzahl der Bürger auf ein Drittel. Über die damaligen Zustände in Kriegsgebieten reimt Friedrich von Logau resigniert: Stadt, Land, Mensch und Vieh vernichtet, ist des Herren Dienst verrichtet.

 

 

Bereits 1634 kehren die Schweden zurück

 

Nach dem Abzug der Spanier in Richtung Niederlande nimmt sich Rheingraf Otto Ludwig statt der Festung Breisach die Stadt Freiburg vor. An Silvester 1633 steht wiederum ein schwedischer Trompeter vor den Mauern und verlangt die Übergabe im Namen des Rheingrafen, doch erst im April 1634 lagert Otto Ludwig mit ernst undt zimblichen gewaldt zue roß und fueß vor Freiburg und beginnt mit der Einschließung und Beschießung. Es nützt nichts, dass die Stadträte der Rheingräfin einen Schmuck aus Granaten,  damit sie für die hartbedrängte Stadt das Beste reden möge, zukommen lassen. Die Verteidigung ist angesichts der Burgerschaft geringe Vires, Armuoth, Kranckheit undt großer Mangell der Gewehren auch ... der geworbenen Soldaten Schwacheit, hingegen aber des sighafften Feindts satte Resolution, Eyffer, Ernst, Gewalt und Wachtsame sei es gegen Gott und der ehrbaren Welt unverandtwortlich, daß Werckh uff die Extremitet, Mordt und Brandt khommen zue lassen. Der Stadtkommandant fügt hinzu, daß er mit seinen wenigen undt liederlichen Soldaten alhiesigen Posten yhe nit zue defendieren wüße [Haum01]. Der Sturm auf  Freiburg in der Nacht vom 10. auf 11. April  kostet etlich und 60 persohnen alhiesieger burge, bauern und soldaten das Leben. Zue verschonung mehr unschuldigen bluets auch geist= und weltlichem, weib und khindern, witwen und weisen schließt der Stadtrat den Akkord mit dem Rheingrafen [Maye10].

 

Es rächt sich jetzt, dass die Universität auf Zeit gespielt und ihren Anteil am Brandschutzgeld während der ersten schwedischen Besatzung nicht voll bezahlt hatte. Nun verlangen die Eroberer neben einem neuen Schutzgeld auch die noch ausstehenden Gelder. Da der Studentenmangel einen empfindlichen Ausfall der Einnahmen bedeutet, muss nicht nur die Universität ihr Tafelsilber verscherbeln. Die Professoren hatten schon lange keine Bezüge mehr gesehen, so dass der Jurist Erasmus Pascha klagt: in waß Armuet daßselbe (die Universität) steckht und wie elendt die Professores sich behelffen, ohngeachtet deren ettliche ihre mobilia allerdings verkhauft, wie dan mein Silbergeschirr, so ich in ettlich Jharen vorhin ersparet, hindurch undt fast an deme ist, daß ich übrige mobilia auch würdt angreiffen mueßen, ratio daß mir von der Universität alhier … noch keines Hellers Werth gelieffert ist [Kiche99].    

 

Der Bevölkerung geht es auch nicht besser, wenn in der Chronik eines der Freiburger Frauenklöster zu lesen ist:  Damals aßen wir beinahe ein ganzes Jahr lang nur Haberbrod und bekamen doch nicht genug. Der Sester (15 Liter) Haber kostete zwei Gulden; oft konnte man einen einzigen Laib Brot um einen Reichsthaler nicht bekommen. Hunderte von Menschen und Pferden starben so aus Mangel an Nahrung.

 

 

Schwedentrunkp>

 

 

 

 

 

 

 

Andreas Gryphius

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Axel Oxenstierna

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Rückzug der Schweden nach der verlorenen Schlacht von Nördlingen

 

Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte, bemerkt Schiller in seinem Drama über Wallenstein, aber als Geschichtsschreiber notiert er unmissverständlich: Viele seiner getadelsten Schritte beweisen bloß seine ernstliche Neigung zum Frieden … aber keine seiner Taten berechtigt uns, ihn der Verräterei für überwiesen zu halten. So fiel Wallenstein, nicht weil er Rebell war, sondern er rebellierte, weil er fiel [Schi64].  Am 25.Februar 1634 wurde Wallenstein in der Festung Eger von gedungenen Schergen niedergestochen wie ein toller Hund [Schi88].

 

 

Seni an der Leiche Wallensteins

 

 Nun kämpfen die Kaiserlichen unter ihrem neuen Befehlshaber dem Thronfolger, König von Böhmen und Ungarn Erzherzog Ferdinand. Rasch erobert seine Armee Regensburg und Donauwörth und belagert 1634 zusammen mit spanischen Truppen das von den Schweden besetzte Nördlingen. Die evangelische Reichsstadt wehrt sich tapfer, doch der schwarze Tod rafft die Verteidiger dahin. Beim Versuch Gustav Horns und Bernhard von Weimars, die Stadt zu entsetzen, kommt es am 5. September zur Schlacht bei Nördlingen, in der die schwedische Armee 12000 Mann verliert. Peter Hagendorf ist auch hier mit von der Partie und notiert sich seiner Verletzungen bei Magdeburg erinnernd: Diesmal hat mich der Allmächtige sonderlich behütet, so dass ich dem lieben Gott höchlich dafür Zeit meines Lebens zu danken habe, denn mir ist kein Finger verletzt worden, da ansonsten kein einziger von allen, die wieder zum Regiment gekommen sind, ohne Schaden gewesen ist [Pete93].

 

Horn gerät in kaiserliche Kriegsgefangenschaft und Bernard zieht sich mit dem Rest der Truppen ins Elsass zurück. Nach dieser vernichtenden Niederlage räumen die Schweden ganz Süddeutschland. Überhastet verlassen sie am Tage des Stadtpatrons Lambertus am 17. September Freiburg, nicht ohne vorher die bestehende Misere der Bürger durch Plünderungen und Misshandlungen weiter zu vergrößern. Ab Februar 1635 liegt der kaiserliche Feldherr Herzog Karl IV. von Lothringen mit seinen Truppen in der Stadt, die zügellos die Umgebung plündernd neues Entsetzen verbreiten [Heil20].

 

 

Es trieb der Hunger die Leute so hart, daß sie die Schindaas wegfraassen

 

Bei ihrem Durchzug verheeren die Schweden die Landschaften weiter, die vorher die Kaiserlichen schon ausgeplündert hatten. Freund oder Feind, das gilt nicht mehr Die Soldaten nehmen dem gemeinen Mann Hab, Gut und auch das Letzte, was ihm noch zum Essen geblieben war. Die Zivilbevölkerung ist Opfer der Soldateska oder kommt durch Hunger und Seuchen um.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sebastian Vrancx: Gräuel im Dreißig-jährigen Krieg

 

 

 Pfarrer Minck in Groß-Bieberau  in Hessen notiert: Bald fielen die Schweden über Rhein herüber und jagten die Keiserischen aus ihrem Quartier, bald jagten diese hinwieder jene hinaus. Dadurch dan das ganze Land zwischen Meyn und Rhein gar erschöpfet wurde, und dorfte sich kein Mensch ufm Land blicken lassen, ihm wurde nachgejagt wie einem Wild, da er ergriffen, unbarmherzig zerschlagen und umb Verrahtung Geld oder Viehe oder Pferd mehr als aufgehenkt, mit Rauch gedempft, mit Wasser und Pfuel (Gülle), so sie den Leuten mit Zubern in Hals geschüttet und mit Füssen uf die dicken Bäuche gesprungen, getränket, welche barbarische Tränkung genant worden der schwedische Trunk: Nicht daß ihn aber die Schwedischen allein gebraucht, sondern viel mehr weil die Keyserische den Gefangenen oder sonst den Schwedischen Zugetanen also einzuschenken pflegten ... Nach deme nun, wie droben berichtet, das ganze Land ausgeplündert, und kein Vieh noch Pferd mehr vorhanden, wurde auch kein Sommerfrucht ausgestelt... Uf solche Teuerung folgete auch groß Hungersnot ... Es trieb der Hunger die Leute so hart, daß sie die Schindaas wegfraassen, wo sie dieselben auch antreffen konten ... Auch erkaltete zwischen den Ehe- und anderen Leuten die Liebe, dass keines dem ändern dienete, ein Ehegatt zog von dem anderen in ein ander Land, Brod zu suchen, Kinder liefen von den Eltern, und deren sahen ein Teil einand nimmermehr wieder [Miro02}.

 

Andreas Gryphius verfasst 1636 angesichts der Schrecken und Gräuel des Krieges das Sonett:

 

        Threnen des Vatterlandes

 

Wir sindt doch nuhmer gantz, ja mehr den gantz verheret!
Der frechen völker schaar, die rasende posaun,
Das vom blutt fette schwerdt, die donnernde Carthaun
Hat aller schweis und fleis und vorrath auff gezehret ...

 

Die thürme stehn in glut, die kirch ist umgekehret,
Das Rathaus liegt im graus, die starken sind zerhaun...
Die jungfrawn sind geschänd't, und wo wir hin nur schaun,
Ist fewer, pest und Todt, der herz und geist durchfähret.

 

Hier durch die schanz und statt rinnt allzeit frisches blutt.
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser ströme flut
Von leichen fast verstopft, sich langsam fortgedrungen.

 

Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Todt,
Was grimmet denn die pest und glut und hungersnot:
Daß auch der seelenschatz so vielen abgezwungen.

 

 

Dass wir die Länder anderer erobert und darüber unser eigenes ruiniert haben

 

Oxenstierna hatte bei Nördlingen nicht nur einen entscheidenden militärischen Rückschlag erlitten, sondern ist auch Reichskanzler eines menschlich und finanziell ausgebluteten Schweden.  Sein Bruder bringt die Lage auf den Punkt, dass wir die Länder anderer erobert und darüber unser eigenes ruiniert haben [Schm95]. Die Polen und Dänen erheben erneut ihr Haupt und somit hat die Sicherung der Ostseeküste Vorrang. Auf dem Kontinent  möchte Schweden zukünftig nur noch seinen Namen leihen.

 

 Der Breisgau könnte aufatmen, doch die Preise der Lebensmittel hatten eine solche Höhe erreicht, daß unser Land, dessen Kräfte durch die vielen Kriegssteuern und Brandschatzungen so sehr erschöpft waren, eine Menge von Bewohnern zählte, welche sich ihr Brod nicht mehr anzuschaffen im Stande waren. Sie mußten entweder betteln oder ihren Hunger auf widernatürliche Weise stillen. Dieses aber erzeugte viele Krankheiten und man konnte sagen, daß die Theurung den Tod sehr wohlfeil gemacht habe [Bad82]. Reichsgraf Johann Hannibal von Hohenems, Teilnehmer einer erzherzoglichen Delegation, berichtet von einer Fahrt durch den Breisgau: Wir hatten uns dieses Elend nit einbilden können ... all die ansehnlichen Dorfschaften und Flecken sind verbrennt und zerstört und wird niemand darin gesehen und begegnet man einmal einem Menschen, so schaut ihm der Hunger und der Tod aus den Augen [Rupp83].

 

Im Elsass lassen die Schweden bei ihrem Rückzug die von ihnen besetzten Orte Türckheim, Ensisheim, Münster, Kaiserberg, Oberehnheim und Schlettstadt unter französische Obhut zurück, wobei Frankreich den Städten ihre angestammten Rechte garantiert. Als die Franzosen am 9. September 1634 in Schlettstadt einmarschieren, werden sie als Befreier mit dem richtigen Gebetbuch begrüßt. Doch nach zwei Monaten ist die anfängliche Begeisterung gewichen, denn la misère s’est installé de telle sorte que plus personne ne voulait rester avec eux.*

*Es herrschte ein solches Elend, dass niemand mit ihnen (den Franzosen) umgehen mochte

 

Andere Städte der Dekapolis suchen in den unsicheren Zeiten des 30-jährigen Krieges freiwillig den Schutz des französischen Königs [Gras98]. Nach dem Abzug der Schweden unterzeichnen Colmar 1635 und Kaiserberg 1636 in Rueil einen Vertrag mit der französischen Krone. Doch die Aussicht auf ein Leben in Frieden erfüllt sich auch für diese Städte nicht, denn in Kaiserberg werden die Einwohner von den Soldaten der französischen Garnison wie rassende Hünd angefallen und niedergerüssen. Schließlich ist die Stadt wegen solcher erlittener Einquartierung alles ruiniert [Vogl09].

 

Angesichts der katastrophalen militärischen Lage bricht unter den Lutheranern Panik aus. Landgraf Wilhelm von Kassel befürchtet, daß das Haus Oesterreich Teutschland gentzlich subjugiren, die libertet und evangelische religion extirpiren will, so wird man extrema an hand nehmen, Frankreich zum römischen König machen müssen und denkt somit an Hochverrat [Schm99]. Doch was hilft der katholische Sieg den Menschen, denn jetzt ziehen die Scharen des habsburgischen Heerführers Herzogs Karl von Lothringen marodierend durch die Lande.

 

Kaiser Ferdinand II.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum zweiten Teil der Tragödie

 

 

Zurück zur Reformation

 

 

 

 

So notiert im Jahre 1635 der uns aus Magdeburg bekannte Peter Hagendorf über seinen Marsch von Tübingen nach Freiburg in sein Tagebuch: Darauf nach Donaueschingen. Hier am Schloss entspringt die Donau. Darauf nach Neustadt im Schwarzwald. Danach ins Himmelreich, danach in die Hölle. Denn es ist ein Wirtshaus, das heißt so, weil man zu gehen hat eine Stunde tief ins Tal. Das wird In die Hölle genannt. Hier ist ein wildes Land, lauter Berg und Tal und Wald … Sind schöne frische Wasser, gibt gute Forellen darin [Huf03].

 

 

Des H. Römischen Reichs von GOTT eingesegnete Friedens-Copulation von 1635

 

Das Land ist ausgeplündert und ausgeblutet. Überall macht sich Kriegsmüdigkeit breit. Nach der Ermordung Wallensteins werden seine Friedensbemühungen aufgegriffen. Es gibt Hoffnung, mit den protestantischen Reichsständen für das geliebte Vaterland der hochedlen Teutschen Nation in Prag einen deutschen Frieden auszuhandeln, Hoffnung auf ein Ende des Krieges. Nachdem Kaiser Ferdinand II. Kurfürst Johann Georg umb des lieben Friedens willen den Besitz der Lausitz garantiert und auch der Aussetzung des Restitutionsedikts von 1529 für Sachsen zugestimmt hatte, setzen beide 1635 ihre Unterschrift unter die Des H. Römischen Reichs von GOTT eingesegnete Friedens-Copulation [Rosen04].

 

Zwar sieht Landgraf Wilhelm von Hessen darin einen erneuten Versuch der Habsburger, Teuschland gentzlich [zu] subjugiren und die libertet und evangelische religion [zu] extirpiren [Schi88], doch wirklich war das Elend in Deutschland zu einem so ausschweifendem Grade gestiegen, daß das Gebet um Frieden von tausendmal tausend Zungen ertönte, und auch der nachteiligste noch immer für einen Wohltat des Himmels galt [Schi64]. Nachdem der Kaiser das Restitutionsedikt von 1529 für 40 Jahre ausgesetzt hatte, beschließen aus Kriegsmüdigkeit oder doch in einer nationalen Aufwallung? der Kurfürst von Brandenburg, Herzog Wilhelm von Weimar, die Fürsten von Anhalt, die wieder eingesetzten Herzöge von Mecklenburg, die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, die Hansestädte und die mehresten Reichsstädte, dem Frieden beizutreten und nunmehr treu, aufrecht und teutonisch, aber nie gegeneinander zu kämpfen und die fremden Mächte vom deutschen Boden zu vertreiben. Sollte in Prag gut enden, wo alles seinen bösen Anfang nahm? Doch Oxenstierna empört sich: Die Kurfürsten von Bayern und Sachsen ließen sich den Beistand, den sie dem Kaiser leisteten, und als Vasallen ihm schuldig waren, mit wichtigen Provinzen bezahlen; und uns Schweden, uns, die wir unsern König für Deutschland dahingegeben, will man mit der armseligen Summe von drittehalb Millionen Gulden nach Hause weisen? [Schi64], nachdem die friedensschließenden Parteien ihm Geld, statt der Provinz Pommern angeboten hatten.  

 

Das Jahr 1636 erlebt Freiburg als insgesamt ruhig, doch soll es eines Abends nach einem Bittgottesdienst Schwefel geregnet haben, der noch am folgenden Tage sichtbar ist. Das deutet auf zukünftiges Unheil hin [Maye10].

 

This page was last updated on 18 August, 2010