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Freiburgs Geschichte in Zitaten

Die Republik von Weimar  
oder die verlorene Demokratie

 

Die Niederlage

 

Nach vier jammervollen Jahren endet der Erste Weltkrieg 1918 mit der Niederlage Deutschlands. Hindenburg kommentiert die Ereignisse aus seiner, der Sicht des pflichtbewussten Soldaten: Das Drama schließt an diesem Tage nicht, erhält aber eine neue Farbe. Der Umsturz siegt. Verweilen wir nicht bei seinen Gründen. Er trifft zunächst vernichtend die Stütze des Heeres, den deutschen Offizier. Er reißt ihm, wie ein Fremdländer sagt, den verdienten Lorbeer vom Haupte und drückt ihm die Dornenkrone des Martyriums auf die blutende Stirne. Der Vergleich ist ergreifend in seiner Wahrheit. Möge er jedem Deutschen zum Herzen sprechen!  

Das äußere Zeichen des Sieges der neuen Gewalt ist der Sturz der Throne. Auch das deutsche Kaisertum fällt. Man verkündet im Vaterlande die Thronentsagung seines Kaisers und Königs, ehe der Entschluß dazu von diesem gefaßt ist. Auf dunklem Wege vollzieht sich so manches in diesen Tagen und Stunden, was dem Lichte der Geschichte hoffentlich dereinst nicht entgehen wird [Hind20].  

 

Taktvoll verschweigt der kaisertreue Heereschef den Namen des Verkünders. Es ist Prinz Max von Baden, Cousin des Großherzogs Friedrich II. und  letzter Kanzler des Zweiten Deutschen Reiches, der den obenstehenden Erlass zur Abdankung des Kaisers unterzeichnet, ohne ihn gefragt zu haben. In dem Papier wird ein möglicher Anschluss des nun mehr auf seine deutschen Stammlande reduzierten Österreichs an eine deutsche Republik nicht ausgeschlossen. Doch da ist später Versailles vor.

 

 

Es lebe die Republik!

 

Am 9. November steht der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann auf der Brüstung des Balkons vor dem zweiten Fenster des Porticus des Berliner Reichstag. Er hat die Rechte erhoben, ruft: Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt! Der Militarismus ist erledigt. Die Hohenzollern haben abgedankt! Es lebe die Republik! [Roec02].

 

Er kommt damit Karl Liebknecht dem Führer des Spartakusbundes* zuvor, der kurz danach von einem Balkon des Berliner Stadtschlosses eine Sozialistische Republik ausruft. Der Bademax jedoch vertraut dem gemäßigten Sozialdemokraten Friedrich Ebert und übergibt ihm die Regierungsgewalt.

 *Vorläufer der KPD

Philipp Scheidemann ruft die Republik aus

 

So ist es Ebert, der die am 10. Dezember nach Berlin heimkehrenden Truppen am geschmückten Brandenburger Tor begrüßt und tröstet: Seid willkommen von ganzem Herzen, Kameraden, Genossen, Bürger. Eure Opfer und Taten sind ohne Beispiel. Kein Feind hat Euch überwunden. Erst als die Übermacht der Gegner an Menschen und Material immer drückender wurde, haben wir den Kampf aufgegeben [Seib02]. Deshalb muss eine Mitteilung der Neuen Zürcher Zeitung vom 17. Dezember, dass die deutsche Armee … von der Zivilbevölkerung von hinten erdolcht worden sei, das politische Klima mit der Legende vom Dolchstoß nachhaltigvergiften, zumal wenn es der Sieger von Tannenberg klar ausspricht: Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden  [Krum02]. 

 

 

Baden wird Republik

 

In Freiburg wird auf dem Karlsplatz zur Revolution aufgerufen. Nach der Abdankung des Großherzogs wird Baden Republik.

 

Stolz präsentieren sich Soldaten und Bewohner Neuf Brisachs dem Photo-graphen. Die Festungsanlage war im preußisch-französischen Krieg 1870 schwer beschädigt worden. Das Deutsche Reich beeilte sich, Neu Breisach wieder herzustellen und ließ das Übergabejahr in Stein meißeln. Nach dem Ersten Weltkrieg reichte den neuen alten Herren ein einfaches Metallschild: Français 1918.

 

Die Wiedervereinigung des Elsass mit Frankreich nach dem verlorenen Krieg bedeutet für Freiburg zunächst den Verlust eines Teils seines Hinterlandes. Mit der  Einrichtung einer rechts-rheinischen entmilitarisierten Zone von 50 km Breite, in der auch industrielle Ansiedlungen verboten sind, verliert die Stadt darüberhinaus ihre Garnison. Beides trägt zum wirtschaftlichen Niedergang der Region bei. Jetzt ist nicht Breisach, sondern Kehl französischer Brückenkopf.

 

Hansi bemüht mit seinen Bildern Vorher und Nacher alle Klisches über die bösen Deutschen in einem Elsässer Dorf während der fast 50jährigen Besatzungszeit: Franzosenfreundliche Bürger und Kinder werden abgeführt, der deutsche Schupo verlangt die Entfernung des gallischen Hahns, in der Schule wird geprügelt, der Schuster streicht den preußischen Stiefel in den Farben der Tricolore an, eine Konzertflügel, um Beethoven zu spielen, wird vergeblich in eine enge Elsässer Stube gehieft, während nach der Befreiung die Menschen freudig erregt sind, die vom outre Rhin dahin zurückgeschickt werden und selbst der Storch dem frohen Treiben interessiert zuschaut.

 

 

Versailles, deutscher Schicksalsort in Frankreich: Zweiter Akt

 

 Im Spiegelsaal von Versailles, in dem vor einem halben Jahrhundert das Zweite Deutsche Reich gegründet wurde, müssen die Vertreter der deutschen Regierung Außenminister Hermann Müller (SPD) und Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum) am 28. Juni 1919 den Vertrag von Versailles unterzeichnen, bei dem Britain's Prime Minister, Lloyd George, thought the Allies should be less lenient on the Germans. He wanted to punish them while keeping their country healthy enough to act as a barrier against the new Communist state of Russia in the east. The French, though, were obsessed with bringing Germany to its knees. Remembering the Franco-Prussian War, France's Prime Minister, the 77-year-old Georges Clemenceau, was determined that the Germans should never be strong enough to invade France again - which makes it hard to understand why he insisted on a peace treaty so harsh that they would come back looking for vengeance only twenty years later* [Clar10].

*Der britische Premierminister Lloyd George meinte, die Alliierten sollten gegenüber den Deutschen wenig Nachsicht üben. Er wollte sie bestrafen, dabei aber das Land ausreichend gesund erhalten, damit es als Damm gegenüber dem neuen kommunistisch-russischen Staat im Osten dienen könne. Die Franzosen dagegen waren besessen davon, Deutschland in die Knie zu zwingen. Sich des französisch-preußischen Kriegs erinnernd war Frankreichs Premier, der 77jährige Georges Clemenceau, entschlossen, Deutschland nie wieder stark genug werden zu lassen, um in Frankreich einzufallen, was es schwer verständlich macht, warum er auf einem so harten Friedensvertrag bestand, dass die Deutschen bereits zwanzig Jahre später Vergeltung übend zurückkamen.

 

 

Dr. Konstatin Fehrenbach

 

 

Dr. Joseph Wirth

 

 

Linke und rechte Wirrungen in der Hauptstadt

 

Es ist eine Zeit der politischen Unruhen und Morde in der Hauptstadt. Linke Kräfte versuchen, die Revolution vom November 1918 ins neue Jahr hinüberzutragen. Die Spartakisten unter Führung von Karl Liebknecht betreiben den Sturz der provisorischen Reichsregierung unter Friedrich Ebert. Regierungstreue Truppen und Freichors schlagen den Aufstand nieder und machen kurzen Prozess, doch arten die standrechtlichen Erschießungen in Massenhinrichtungen linker Opponenten aus. Soldaten ermorden  Rosa Luxemburg mit einem aufgesetzten Schuss in die Schläfe und werfen anschließend die Leiche in den Landwehrkanal. Karl Liebknecht wird auf der Flucht erschossen. Man findet ihn mit einer Kugel im Rücken.

 

Große Teile der Reichswehr sind rechtsgerichtet und lehnen naturgemäß die Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages - Verringerung der Truppenstärke von 500000 auf 100000 Mann - ab. Als sie einen Militärputsch gegen die junge Demokratie auslösen, flieht die Reichsregierung Bauer aus Berlin ins loyale Stuttgart. Der von den meuternden Truppen unter Freiherr Walther von Lüttwitz zum Reichskanzler ausgerufene Deutsch-Nationale Wolfgang Kapp kann sich jedoch nur wenige Tage im Amt halten, da für einmal die linken Kräfte zusammenstehen und mit einen Generalstreik das Land lahm legen.

 

 

The Economic Consequences of Peace

 

Doch die Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages sind nur ein Nebenkriegsschauplatz. Zu den wichtigeren Bestimmungen, die an den Lebensnerv Deutschlands rührten, sollen zwei neutrale Briten gehört werden. In 1919 ... many among the Allies saw it as an amazing opportunity that so formidable a competitor had been knocked out, apparently forever. This was reflected in the Treaty of Versailles, which among many other things, saddled Germany with dizzying 'reparations', a hugely inflated version of what the Germans had done to France in 1871. The justification was based around German 'war guilt' — a disastrous piece of victor's justice which both absolved the Allies for all responsibility for 1914 and which rang completely untrue within Germany, thereby fermenting further a sense of almost overwhelming grievance across an alarming cross-section of society schreibt Simon Winder in seinem Buch Germania [Wind10].

*Im Jahre 1919 sahen viele der Alliierten es als überraschende Gelegenheit an, dass, so wie es aussah,
ein so Respekt einflößender Wettbewerber für immer am Boden lag. Das spiegelte sich im Versailler Vertrag wider, der neben vielen anderen Dingen Deutschland schwindelerregende Reparationen aufbürdete, eine gewaltig aufgeblasene Version dessen, was die Deutschen  Frankreich 1871 angetan hatten. Die Rechtfertigung gründete auf einem verhängnisvollen Stück Siegerjustiz: Deutschlands Kriegsschuld, die zugleich die Alliierten von jeglicher Verantwortung für 1914 lossprach, in Deutschland jedoch als absolut unwahr angesehen wurde und somit bei einem alamiered großen Teil  der Gesellschaft einen überwältigen Groll schürte.

 

Auch der große John Maynard Keynes schreibt 1920 als Wirtschaftswissenschaftler 
über The Economic Consequences of Peace des Versailler Vertrages:  The Treaty includes no provision for the economic rehabilitation of Europe - nothing to make the defeated Central Powers into good neighbours, nothing to stabilise the new States of Europe, nothing to reclaim Russia; nor does it promote in any way a compact of economic solidarity amongst the Allies themselves; no arrangement was reached at Paris for restoring the disordered finances of France and Italy, or to adjust the systems of the Old World and the New.* Zusammen mit Keynes zeigen die Briten ein gewisses Verständnis für die Deutschen, doch Frankreich besteht auf der vollen Erfüllung der Versailler Vertragsbedingungen.

*Der Vertrag enthält keine Vorkehrungen zur ökonomischen Wiederherstellung Europas - nichts, um die besiegten europäischen Mittelmächte zu guten Nachbarn zu machen, nichts, um die neuen Staaten Europas zu stabilisieren, nichts, um Russland zurückzugewinnen. Auch fördert der Vertrag in keiner Weise die ökonomische Solidarität zwischen den Alliierten; in Paris wurden keine Vereinbarungen getroffen, um die zerrütteten Finanzen Frankreichs wiederherzustellen oder die [Wirtschafts]-Systeme der Alten und der Neuen Welt einander anzugleichen.

 

 

Zwei Freiburger Reichskanzler

 

Im Jahre 1920 wird der Freiburger Rechtsanwalt Dr. Konstantin Fehrenbach deutscher Reichskanzler. Doch der ältere Herr ist dem politischen Druck nicht gewachsen und so folgt ihm bereits im Mai 1921 auf dem Chefsessel ein weiterer Freiburger: Dr. Joseph Wirth. Der bildet ein Kabinett aus Sozialdemokraten, Demokratischer Partei und Zentrum und muss mit der ach so harten und deshalb unpopulären Erfüllungspolitik des Versailler Vertrages beginnen. Von den Ultrarechten als Verzichtpolitiker gebrandmarkt tönt es: Haut immer feste auf den Wirth, haut ihn, daß der Schädel klirrt.

 

 Auf die politischen Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht folgt der an Matthias Erzberger, so dass auch Wirth um sein Leben fürchten muss. So ruft er 1922 in einer Rede vor den Abgeordneten des Reichstags nach rechts gewandt aus: Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. - Da steht der Feind - und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts.

 

Die SPD stößt den Lotsen von Bord

 

Als die Alliierten die Bemühungen Deutschlands zu Reparationszahlungen im Rahmen der begrenzten finanziellen Möglichkeiten nicht anerkennen, tritt Wirth in letzter Konsequenz mit seinem ersten Kabinett zurück. Zwar zeigen wohl angeregt durch Keynes die Briten ein gewisses Verständnis für die Deutschen, doch Frankreich besteht auf der vollen Erfüllung der Versailler Vertragsbedingungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Außenministerbr/>  Walther Rathenau

Wirth steckt nicht auf und bildet sein zweites Kabinett. Er sucht, die Ketten des Versailler Vertrags zu sprengen. Dabei schwankt er zwischen einer deutschen Teilnahme an einem von Großbritannien vorgeschlagenem Plan für den Wiederaufbau Europas, der allerdings von Russland als Versuch einer kapitalistischen Ausbeutung abgelehnt wird, und einer Annäherung an den östliche Nachbarn, der sich durch sein kommunistisches Regime gegenüber dem übrigen Europa völlig isoliert hat. Schon macht das Wort von einer Schicksalsgemeinschaft zwischen Deutschland und Russland die Runde.

 

 

Rapallo, ein Befreiungsschlag

 

Da schaltet der französische Premierminister Aristide Briand überraschend auf Versöhnung und schließt mit der Reichsregierung das Wiesbadener Abkommen über eine wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern ab.

 

Briands Nachfolger Raymond Poincaré dagegen nimmt zu dieser Erleichterung der Versailler Bestimmungen erneut eine unbeugsame Haltung ein. Die harte französische Position zeigt sich besonders 1922 bei der Wirtschaftskonferenz in Genua, an der sich Deutschland und das kommunistische Russland völlig isoliert sehen. So kommt es zwischen den beiden Staaten zur schnellen Unterzeichnung des Vertrages von Rapallo, dessen Vorentwurf in langen Verhandlungen bereits erarbeitet worden war. Damit hatten Wirth und sein Außenminister Dr. Walther Rathenau eine, wenn auch beschränkte, Handlungsfreiheit des gebeutelten Deutschlands vor aller Welt demonstriert. Als Reaktion darauf besetzt Frankreich das Ruhrgebiet, denn nun muss es fürchten, dass Deutschland seinen Verpflichtungen zu Reparationszahlungen nicht mehr nachkommt: Deutschland versteht nur die Sprache der Gewalt, schnaubt die französische Rechte, während die Kommunisten toben: Poincaré - la guerre. [Bour76]

 

In Deutschland dagegen tobt die Rechte; denn dass ein Jude, der promovierte Naturwissenschaftler Rathenau, als Außenminister nun die Verzichtpolitik der Reichsregierung gegenüber den Alliierten vertritt, ist ihnen eine nicht mehr zu überbietende Provokation. Freikorpskämpfer singen: Knallt ab den Wather Rathenau, die gottverdammte Judensau, was dann auch geschieht [Crai82].

 

Die gewaltsame Ruhrbesetzung Frankreichs provoziert Gegengewalt, die sich in Sabotageakten durch Freichorkämpfer im Rheinland artikuliert. Dabei wird Albert Leo Schlageter aus Schönau im Wiesental gefasst und 1923 von der Besatzungsmacht wegen terroristischer Anschläge hingerichtet. Für die Nazis wird er zum Martyrer und Martin Heidegger bejubelt 1933 vor der Universität Freiburg Schlageter am 10. Jahrestag der Hinrichtung als jungen deutschen Helden, der den schwersten und größten Tod gestorben ist und legt den Studenten dieses Urgestein sowie dessen Härte des Willens und Klarheit des Herzens nahe [Zing06].

 

Schließlich kommt es 1924 zwischen Stresemann und  Briand zu einer Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich, die mit dem Vertrag von Locarno besiegelt wird.

 

Aristide Briand, Austen Chamberlain und Gustav Stresemann besiegeln den Vertrag von Locarno

 

Und dennoch: Die nachhaltigen Folgen des Friedensvertrags von Versailles sind weiterhin im Grenzland besonders zu spüren, sie sind die Wurzeln unserer großen Not. Millionen arbeitslose Proleten, hunderttausende von Haus und Scholle vertriebener Bauern, ein zerbrochener Mittelstand, weinende Kriegerwitwen und ein Heer von hungernden Kindern:, sie alle erheben fürchterliche Anklage gegen die Männer, die das System vierzehn Jahre lang aufrechterhielten, so die Propaganda der Nazis 1932 gegen das Versailler Diktat [Bräu83].

 

 

Student Goebbels in Freiburg ein grüner Heinrich?

 

Joseph Goebbels, wegen seiner körperlichen Behinderung im Ersten Weltkrieg nicht eingezogen, studiert im Frühjahr 1918 an der Universität Freiburg Philologie, Geschichte und Germanistik. Er schreibt schon damals eifrig Tagebuch: Die Stadt ist schön und angenehm. Die Leute hier zu Lande haben Zeit. Man sieht kaum einen Menschen hasten. Wir sind schon tief im Süden. Am Karlsplatz stehen Bänke. Die sind immer besetzt, morgens, mittags und abends. Ich sah überhaupt noch keine Bank, die nicht besetzt war.  

 

Die Kastanien am Schlossberg stecken ihre weißen Kerzen an. Wenn ich Zeit habe - und wann hätte ich keine Zeit - schlendere ich zur Höhe hinauf. Unten liegt die Stadt. Wie die Kücken um die Glucke, so gruppieren sich die alten Häuser um das verwitterte Münster. Die Sonne spielt glitzernd in den roten Dächern der Neustadt. Ganz weit leuchtet das Land. In der Ferne tauchen schwimmend die Vogesen auf …

 

Er hat Zeit und interessiert sich damals auch eher für die badischen Mädchen als für Politik. Er berichtet schamhaft, dass er mit einer Hertha Holk in  Gottfried Kellers Roman Der grüne Heinrich gelesen habe. Zum Abschied schreibt die Dame ihm: Es ist ein Genuss, für das, was man liebt, Opfer zu bringen. Diesen Satz muss Joseph, wie die Geschichte uns lehrt, gründlich missverstanden haben [Stad44].

 

Goebbels berichtet weiter: Wenn ich zur Universität gehe, dann komme ich durch diese sauberen Straßen, die es nur einmal in Deutschland gibt. Neben den Gehsteigen laufen breite Rinnen, durch die perlklares Quellwasser fließt. Scharen von Kindern waten darin bis zu den Knien und treiben mit den Vorübergehenden ihren Schabernack. Ich lebe wie Gott in Frankreich!

 

 

1934 Freiburg revisited: Bürger-meister Franz Kerber mit dem Reichspropagandaminister bei einer Kundgebung auf dem Messplatz. Was wohl aus dem Jungen im Vordergrund geworden ist?

 

 

 Abends gehe ich durch enge, menschenleere Gässchen am Münster vorbei nach Hause. Manchmal höre ich dann nur meinen eigenen Schritt. Kosend spielt die Abendluft um mein Gesicht. Wenn ich stille stehe, dann höre ich, wie irgendwo ein Brunnen murmelt und plätschert.

 

Und dann gab es noch den stillen, alten Friedhof, auf dem Goebbels offenbar gern weilte. Vor mir sprüht ein Brunnen seinen feinen Regen in die heiße Luft. Kastanien wölben breit ein Dach über meinen Platz. Über die grünbesponnenen Grabsteine rankt sich bescheiden der Efeu. Und den Markt! Da stehen herrlich gewachsene Schwarzwälderfrauen und verkaufen Blumen. - Wie farbenprächtig dieses Bild: im Hintergrunde ragt das Münster, ernst und feierlich, rotbraun, davor die Blumenstände und die Frauen in den schwarzen Kleidern mit den roten Umschlagetüchern [Wern01].

 

 

 

 Das Dritte Reich  

 

 

Zurück zum 2. Reich

 

 

 

 

Die letzten freien Wahlen

 

Es hat übrigens nichts mit dem Aufenthalt Goebbels in Freiburg zu tun, dass die NSDAP im Breisgau bereits vor 1933 recht aktiv ist. In der Stadt verhindern eine bodenständige Zentrumspartei und eine starke Sozialdemokratie eine vorzeitige Machtübernahme der Nazis, so wie Das Dritte Reichsie ausgerechnet in der Goethestadt Weimar schon 1932 erfolgte.

 

Je weiter sich die wirtschaftliche Situation verschlechtert, umso mehr verliert die Republik von Weimar an Rückhalt in der Bevölkerung. Rechte Kreise feiern an Stelle des Verfassungstags der Republik den Jahrestag der Gründung des Bismarckreiches am 18. Januar. So beschwört der deutsch-nationale, badische Landtagsabgeordnete Dr. Schmitthenner in Freiburg im Jahre 1933 an eben dieser Reichsgründungsfeier die Stärkung des deutschen Wehrgedankens im Glauben an ein kommendes großes Deutsches Reich, das die deutschen Kräfte nützt und die Schwächen ausmerzt, Kapital und Arbeit versöhnt, ein irdisches Reich in der Pracht und der Herrlichkeit [Bräu83]. Knapp zwei Wochen später darf Schmitthenner annehmen, dass sich mit der Machtergreifung Hitlers sein gespenstischer Wunsch erfüllt hat. Daran änderten auch Plakate prophetischen Inhalts von 1932 aus dem Bezirk Schopfheim nichts.

 

 

Collective nervous breakdowns

 

Viele kluge Monographien sind über die Ursachen, die zum Untergang der Weimarer Republik geführt haben, geschrieben worden.  Simon Winder  dagegen gelingt es, in seinem Buch Germania die Gründe in einem einzigen Satz zu vereinfachen: This layer upon layer of catastrophe - the war, the Versailles Treaty, hyper-inflation, the Depression - provided so many individual German families with reasons  to have collective nervous breakdowns that there is no point in hunting for deeper roots [Wind10].

*Diese aufeinanderfolgenden Katastrophen — der Krieg, der Versailler Vertrag, Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise — lieferten so vielen deutschen Einzelfamilien Gründe für kollektive Nervenzusammenbrüche, dass es müßig ist, nach tieferen Wurzeln zu forschen.

 

This page was last updated on 05 September, 2010