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KZ Buchenwald

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freiburgs Geschichte in Zitaten

Das 3. Reich oder
wie aus prahlerischen tausend Jahren nur zwölf wurden

 

Sie haben unser heiliges deutsches Vaterland
 einem der größten Demagogen aller Zeiten ausgeliefert

 

Auf den Trümmern der Weimarer Republik, zerrieben im Laufe der Jahre zwischen links- und rechtsradikalen Kräften, vollzieht sich Hitlers Machtübernahme zunächst ganz legal.

 

Ernennungsurkunde Im Namen des Reichs:
Der kleine A. Hitler unter dem großen
von Hindenburg [DHMB]

 

Bei den Reichstagswahlen vom 6. November 1932 erhält die NSDAP in Freiburg nur 22,4%, der Stimmen während Zentrum 31,6%, SPD 15,5%, Deutsch-Nationale Gruppierungen zusammen 13% und die KPD 12% erzielen. Auf Reichsebene gesehen aber reicht es zu einer nationalsozialistisch-konservativen Mehrheit, so dass am 30. Januar 1933 der greise von Hindenburg den vordem verächtlich als böhmischen Gefreiten* Geschmähten zum Reichskanzler ernennt, obgleich angeblich sogar Gesinnungsgenosse General Ludendorff den Reichspräsidenten in einem Brief gewarnt haben soll: Sie haben durch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler unser heiliges deutsches Vaterland einem der größten Demagogen aller Zeiten ausgeliefert. Ich prophezeie Ihnen feierlich, dass dieser unselige Mann unser Reich in den Abgrund stürzen und unsere Nation in unfassbares Elend bringen wird. Kommende Geschlechter werden Sie wegen dieser Handlung in Ihrem Grab verfluchen [Bart05].

*Hier irrt Hindenburg. Während seiner Militär-akademieausbildung in der habsburgischen Geschichte wohl nur bis zum Dreißigjährigen Krieg gekommen lässt er Adolf im böhmischen Braunau das Licht der Welt erblicken. Hitler wurde jedoch in Braunau am Inn geboren

 

Der neue Reichskanzler (klein) beim Reichs-präsidenten (groß) mit einer Jacke, die ihm zu weit ist, und einer Hose mit Hochwasser (©dpa).

 

 

 

30. Januar 1933: Der neue Kanzler in einem Fenster der Reichskanzlei

 

 Ick kann jarnich so ville fressen, wie ick kotzen möchte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

30. Januar

In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt

 

Auch im Ausland glaubt man, Hitler sei unter konservativer Aufsicht.

 

Papen ist voller Zuversicht: Ich habe das Vertrauen Hindenburgs. In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht, und weiter: Es besteht überhaupt keine Gefahr. Wir haben ihn für unseren Auftritt eingestellt [Bull89].

 

Auch der SPD-Reichstagsabgeordnete Kurt Schumacher glaubt, dass Hitler nur Dekorationsstück sei: Das Kabinett heißt Adolf Hitler, aber das Kabinett ist Alfred Hugenberg. Adolf Hitler darf reden, Alfred Hugenberg wird handeln.

 

Einige Tage später meint der bekannte Kunstmäzen, Schriftsteller und Diplomat Harry Graf Kessler: Nur Windbeutel und das Intrigenspiel Papen halten die neue Regierung zusammen. Hitler muss schon jetzt gemerkt haben, dass er einem Bauernfang zum Opfer gefallen ist. Er ist an Händen und Füßen in dieser Regierung gebunden und kann weder vorwärts noch rückwärts [Ullr17].

 

Alle unterschätzen Hitlers brutalen Willen zur Macht. 

 

Das Kabinett Hitler: Neben dem Kanzler Hermann Göring (NSDAP) und Franz von Papen (Parteilos, vormals Zentrum). Stehend von links: Franz Seldte (DNVP), Hans Heinrich Lammers (NSDAP),
Dr. Günther Gereke (CNBL), Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk (parteilos),
Wilhelm Frick (NSDAP), Werner von Blomberg (parteilos) und Alfred Hugenberg (DNVP).

 

Ein großes Glauben geht durchs junge Land

 

Im Jahre 1931 hatte der Philosoph Martin Heidegger in seine Schwarze Hefte geschrieben: Wir stehen vor dem Nichts – allerdings, aber so, daß wir mit dem Nichts und diesem Stehen nicht Ernst machen ... Deshalb muss jemand kommen, der Ernst macht und die Deutschen von ihrer Entfremdung entfremdet.   Endlich, 1933, ist der Retter da.  Heidegger gerät ins Schwärmen: Offenbar hat ihn das Sein selbst vorbeigeschickt. Es sei eine Beglückung, dass der Führer eine neue Wirklichkeit erweckt hat, die unserem Denken die rechte Bahn und Stoßkraft gibt.  Ein herrlicher erwachender volklicher Wille steht hinein in ein großes Weltdunkel, und ein großes Glauben geht durchs junge Land. Die Welt geht wieder der Wahrheit entgegen und bindet Deutschland zurück an die ursprünglichen Mächte [Assh14].

 

 

 

 

 

27. Februar

 

 

Der brennende Reichstag

Des letzten Reichstags Haus in Brand

 

Der Brand des Reichstages vom 27. Februar wird zum Fanal einer braunen Diktatur, die mit der von Reichspräsident Hindenburg erlassenen Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat und dem Ermächtigungsgesetz eingeleitet wird. Bert Brecht schreibt: Zu Berlin im Jahre neunzehnhundertdreiunddreißig stand dann an einem Montagabend des letzten Reichstags Haus in Brand.

 

 Das Freiburger St. Konradsblatt kommentiert das Ereignis recht markig: Der Reichstag steht in Flammen. Das sind die Methoden, die die kommunistische Internationale dem Proletariat der ganzen Welt für den Ernstfall anzuwenden empfiehlt ... Das Feuermeer, das sich dann ausbreitete ... war der Anfang einer kommunistischen Terroraktion, die über Trümmer und Ruinen, über Blut und Leichen zum Umsturz führen sollte. Zur Bekämpfung dieser kommunistischen Gefahr hat die Regierung vom Reichspräsidenten am Dienstag, 28. Februar, außergewöhnliche Vollmachten, durch eine Notverordnung zum Schutze des deutschen Volkes erhalten [Kauf89].

 

Ein Augenzeuge berichtet vom Brandherd, an den Regierungsmitglieder geeilt waren: Erregt presste Hitler seine Fäuste an die Oberlippe und wiederholte ein ums andere Mal: Nun bekomme ich meine 51% [Kauf89]. Zum Reichstagsbrand meint Viktor Klemperer: Acht Tage vor der Wahl die plumpe Sache des Reichstagsbrandes - ich kann mir nicht denken, daß irgend jemand wirklich an kommunistische Täter glaubt statt an bezahlte Hakenkreuz-Arbeit. Dann die wilden Verbote und Gewaltsamkeiten. Und dazu durch Straße, Radio etc. die grenzenlose Propaganda [Klem06].

 

Wie zu vielen bedeutenden Geschichtsereignissen gibt es auch und besonders zum Reichstagsbrand eine Menge Verschwörungstheorien [Hett14]. Andererseits sind sich die heutigen Geschichtswissenschaftler weitgehend einig,  dass als Brandstifter Marinus van der Lubbe wohl ein Einzeltäter war.

 

Freiburg unter dem Hakenkreuz

 

In der lokalen Presse nebeneinander:
 Das Freiburger Münster und das Hakenkreuz auf dem Schlossberg im Flutlicht

5. März 

 

6. März

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Hakenkreuz am Rathaus (©Stadtarchiv)

Auch wenn es für die NSDAP bei den Wahlen nicht zur Mehrheit gereicht hat, hissen am 6. März die Nazis ohne Zustimmung des Oberbürgermeisters Dr. Karl Bender eine Hakenkreuzfahne am Rathaus, wobei der Herausgeber des Kampfblatts der Nationalsozialisten Oberbadens Der Alemanne und Kreisleiter Dr. Franz Kerber sowie SA-Oberführer Hanns Ludin vom Balkon aus zu ihren Männern sprechen. Die zwar größeren Fahnen Freiburgs und Badens haben bald nur noch symbolische Bedeutung, denn die Reichsregierung erzwingt Ende März im Zuge des Ermächtigungsgesetzes die Gleichschaltung von Ländern und Gemeinden [Ecke 08].

 

 

 

 

 

7. März

In Freiburg geht es Schlag auf Schlag

 

Im Gewerkschaftshaus hinter dem Schwabentor findet die Polizei Waffen

 

8. März

Reichsinnenminister Wilhelm Frick setzt den Zellengenossen Hitlers aus Landsberger Zeit und NSDAP-Gauleiter Robert Wagner als Reichskommissar für das Polizeiwesen in Baden ein.

 

9. März

Die Polizei schließt das Gewerkschaftshaus.

 

10. März

Reichskommissar Wagner erlässt erste Maßnahmen zur Sicherheit und Ordnung im Land Baden, verfügt ein Versammlungsverbot für SPD und KPD und ordnet Schutzhaft für marxistische Führer an. Am gleichen Tag verurteilt ein Schnellgericht in Freiburg den SPD-Parteifunktionär Seger wegen der Waffenfunde im Gewerkschaftshaus.

 

15. März

Nach Schutz-Verhaftungen von Kommunisten richtet die NSDAP in Meßkirch das erste Konzentrationslager Deutschlands ein [Arbe83].

 

16. März

Bürgermeister Josef Hölzl und Stadtrat Franz Geiler, beide SPD, werden im Rathaus verhaftet.

 

Die Menschen nehmen diese Maßnahmen widerstandslos hin. Gegenwehr scheint sinnlos, denn wie Gauleiter Wilhelm Murr im benachbarten Gau Württemberg verkündet: Wir sagen nicht: Aug' um Auge, Zahn um Zahn. Nein, wer uns ein Auge einschlägt, dem werden wir den Kopf abschlagen, wer uns einen Zahn ausschlägt, dem werden wir den Kiefer einschlagen [Böni08].

 

 

 

 

 

17. März

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stolperstein für Stefan Meier vor dem Basler Hof.
Das Gebäude diente u. a. von 1933 bis 1944 der Gestapo als Außenstelle des Staatspolizeiamtes Karlsruhe.

Die Affaire Nußbaum

 

Morgens zwischen 4 und 5 Uhr! klingelt die Polizei an der Tür des jüdischen sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten und Stadtverordneten Christian Daniel Nußbaum, um ihn zu verhaften. Da Nußbaum ein Mordkommando der SA vermutet, reagiert er trotz mehrfachen Klingelns und Rufen nicht. So lassen die Polizeibeamten die Wohnungstür öffnen, stehen aber dann vor der verschlossenen Schlafzimmertür, die der anwesende Schlosser wegen des innen steckenden Schlüssels nicht öffnen kann. Als die Beamten und der Schlosser die Tür eindrücken, fallen sechs Schüsse. Nußbaum trifft zwei Polizisten, einen davon tödlich, der andere erliegt seiner Verletzung im Krankenhaus.

 

Über diesen Vorfall schreibt der Elsässer Essayist René Schickele in sein Tagebuch: Vom Rechtsstandpunkt aus hätte er aus Notwehr gehandelt. Denn seine Immunität als Abgeordneter durfte nicht verletzt werden. Er war aber nur verrückt. Geheimrat Hoche von der Psychiatrischen Klinik hat erklärt, Nußbaum habe voriges Jahr einen Gehirnschlag gehabt und leide an Paralyse ... Nach dem Gehirnschlag hatte er eine Ohnmacht, die viele Stunden dauerte. Wenn danach etwas als krankhaft auffiel, dann war es sein phantastischer Optimismus gegenüber der nationalsozialistischen Gefahr. Er schwor, die Partei [die SPD] werde im Handumdrehn mit den Nazis fertig werden - im Ernstfall. Nun ist der arme Kerl auf seine Art mit ihnen fertig geworden. Alle sozialdemokratischen Führer in Freiburg sind verhaftet, darunter Stadtrat Grumbach und Bürgermeister Hölzl. Das waren auch zwei Optimisten, aber der negativen Art; sie glaubten nicht, daß es so schlimm würde mit den Nazis [Klei87].

 

Als hätten die Nazis nur auf einen Vorwand gewartet: Angehörige der NSDAP, SA, SS und des Stahlhelms überfallen die Redaktion der sozialdemokratische Tageszeitung Volkswacht, werfen 16 000 frisch gedruckte Exemplare auf die Straße und versuchen, diese anzuzünden [Wegm13].

 

Am nächsten Tag werden als Folge des tragischen Ereignis sämtliche örtliche Organisationen der SPD und KPD  einschließlich ihrer Hilfs- und Nebenorganisationen mit sofortiger Wirkung aufgelöst. Das Gewerkschaftshaus bleibt bis auf weiteres geschlossen [Kauf89]. Wagner benutzt das furchtbare Marxistenverbrechen als Vorwand für die Ergreifung aller bisher noch nicht verhafteten KPD und SPD Abgeordneten des Reichs- und Landtags in Baden. In Freiburg werden sämtliche SPD-Mitglieder des Stadtrats und des Bürgerausschusses in Schutzhaft genommen und größtenteils im Lager Ankenbuck bei Donaueschingen konzentriert. Zu ihnen gehört auch der Freiburger SPD-Reichstagsabgeordnete Stefan Meier [Ecke08].

 

20. März

In einem unblutigen Putsch erklären fünf NSDAP-Abgeordnete und ein DNVP-Abgeordneter den Stadtrat für abgesetzt und setzen sich selbst als Kommissare ein, die mit Oberbürgermeister Bender zusammenarbeiten wollen. Diese Entwicklung passt weder Wagner noch seinem Schützling Kerber. So verfügt der Reichsleiter bereits am folgenden Tag die Absetzung der selbsternannten und die Einsetzung dreier ihm genehmer Kommissare darunter Kerber [Ecke08].

 

 

 

 

 

21. März

Der Tag von Potsdam

 

 

Am 21. März treffen sich die Abgeordneten der NSDAP und Vertreter der rechten sowie der bürgerlichen Parteien in der Potsdamer Garnisonkirche, Grablege der Preußenkönige Friedrich Wilhelm I. und Friedrichs des Großen, zur konstituierenden Sitzung des am 5. März 1933 gewählten Reichstages. Dabei sind auch Vertreter von Wirtschaft und Verwaltung sowie Offiziere der Reichswehr und uniformierte Angehörige der SA. Die Sozialdemokraten hatten demonstrativ auf eine Teilnahme an der Propagandavorstellung verzichtet, und die Kommunisten sind wie Reichsinnenminister Wilhelm Frick zynisch anmerkte, durch nützliche Arbeiten in den Konzentrationslagern am Erscheinen gehindert [DHM13]. Bei der Feier verkörpert Reichspräsident Hindenburg das traditionsbewusste alte Deutschland, während der Reichskanzler mit seinen Nationalsozialisten den Aufbruch in eine neue Zeit vertritt.

 

In Potsdam: Ein gut gelaunter Kanzler, sein Reichspräsident und ein abgelenkter Göring 

Propagandistisch perfekt verneigt sich der ehemalige Gefreite und Kanzler im Cut auf den Stufen der Potsdamer Garnisonkirche vor dem greisen Präsidenten in der Uniform des kaiserlichen Generalfeldmarschalls. So wird den durch das radikale Auftreten Hitlers verunsicherten bürgerlichen Schichten vorgegaukelt, dass Hindenburg der eigentliche Herr im Staate ist und vom neuen Kanzler keine Gefahr ausgeht, doch sieht der sich bereits in einer Reihe mit Friedrich dem Großen, Bismarck und Hindenburg.

 

Aufgereiht. Postkarte aus der historischen Sammlung der Universität Osnabrück

Die propagandistische Inszenierung erhöhte das Prestige des NS-Regimes im In- und Ausland. Vom Rundfunk wurde die "Potsdamer Rührkomödie" in voller Länge übertragen; Sonderausgaben der Presse fanden unzählige Abnehmer.

 

 

 

 

23. März

 

 

 

 

 

 

Otto Wels auf 40 DPf

Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht!

 

Nur zwei Tage später hingegen war die Illusion der harmonischen Koexistenz vom alten und neuen Deutschland verflogen. Mit Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes durch den Reichstag entledigte sich die NSDAP bei der Verabschiedung von Gesetzen ihrer rechtlichen Bindungen an die Konservativen [DHM13].

 

Als einzige lehnen die sozialdemokratischen Abgeordneten das Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich einstimmig ab. Der SPD-Vorsitzende Otto Wels begründet die Ablehnung in einer historischen Rede vor dem Reichstag, der in der Kroll-Oper tagt: Nach der Verfolgung, die die Sozialdemokratische Partei in der letzten Zeit erfahren hat, wird billigerweise niemand von ihr verlangen oder erwarten können, dass sie für das hier eingebrachte Ermächtigungsgesetz stimmt.   Die Wahlen vom 5. März haben den Regierungsparteien die Mehrheit gebracht und damit die Möglichkeit gegeben, streng nach Wortlaut und Sinn der Verfassung zu regieren. Wo diese Möglichkeit besteht, besteht auch die Pflicht.

 

Die Verfassung der Weimarer Republik ist keine sozialistische Verfassung. Aber wir stehen zu den Grundsätzen des Rechtsstaates und der Gleichberechtigung, des sozialen Rechtes. Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus.

 

 Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten. Sie selbst haben sich ja zum Sozialismus bekannt. Das Sozialistengesetz hat die Sozialdemokratie nicht vernichtet. Auch aus neuen Verfolgungen kann die deutsche Sozialdemokratie neue Kraft schöpfen ... und dann noch ganz in den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts verhaftet ruft Wels aus: Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht!

 

 

31.März 

Mit dem Vorläufigen Gesetz zur Gleichschaltung der Länder hört die parlamentarische Länder- und kommunale Selbstverwaltung auf zu bestehen.

 

Beflaggung Freiburgs nach 1933 (©Stadtarchiv)

Danke Michael Leahcim© für die gelungene Verfremdung

 

 

Freiburg und seine jüdischen Mitbürger

 

 

31. März 1933: Die Kirche macht ihren Frieden mit dem neuen Regime

 

 Die Nationalsozialisten sind in ihrer Propaganda den klassischen Linksparteien voraus, indem sie zur Köderung der Wähler das Proletariat durch Volk und den Begriff der Klasse durch Rasse ersetzen und damit die Juden als Sündenböcke der deutschen Misere hinstellen [Aly11].  

 

1. April

 

 

 

Reklame in Emaille

So versucht das Naziregime schon kurz nach der Machtergreifung, den jüdischen Mitbürgern die Lebensgrundlagen zu entziehen. Ende März 1933 ruft Der Alemanne zu einem für den 1. April verordneten nationalen Boykott jüdischer Geschäfte auf. Das Freiburger St. Konradsblatt erklärt diese Maßname mit einer Reaktion auf die Verbreitung von Gräuelmeldungen in der anglo-amerikanischen Presse über die Hinmetzelung von Tausenden von Juden: Allerdings hat sich jetzt zur Strafe für diese Gerüchte des Auslands in Deutschland eine Bewegung gebildet, welche bezweckt, einen allgemeinen Boykott gegen die jüdischen Geschäfte durchzuführen und zugleich zu erreichen, daß die Zahl der jüdischen Rechtsanwälte und Ärzte beschränkt wird. Diese Abwehr trat unter der Leitung der NSDAP am Samstag, 1. April, vormittags um 10.00 Uhr in Kraft. Reichskanzler Hitler betonte, daß diese Abwehr organisiert werden mußte, weil die Abwehr aus dem Volke heraus von selbst gekommen wäre und sonst unerwünschte Formen angenommen hätte! [Kauf89]. Das Freiburger Volk allerdings befolgt den Boykott jüdischer Geschäfte nur mäßig.

 

 

 

7. April

Auch andere Maßnahmen gegen jüdische Mitbürger laufen im Reich gleichgeschaltet ab. Bereits am 7. April tritt das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in Kraft. Der Arierparagraph bestimmt: Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen, aber auch politische Gegner des Nationalsozialismus werden aus dem Dienst entlassen. Die Nürnberger Rassengesetze vom September 1935 mit dem Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre sowie das Reichsbürgergesetz folgen der primitiven Logik des Parteiprogramms der NSDAP aus dem Jahre 1920: Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtname auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein. Die deutschen Juden fallen jetzt unter die Fremdengesetzgebung. Somit ist ihnen der Staatsdienst verschlossen.

 

 

 

 

 

9. April

Stadtrat und Bürgerausschuss marxistenrein

 

Repressionen gegenüber dem in Freiburg traditionell starken Zentrum führen dazu, dass Oberbürgermeister Dr. Karl Bender am 9. April aus gesundheitlichen Gründen beurlaubt wird und den Posten frei macht für Dr. Franz Kerber. Von oben eingesetzt und nicht gewählt regiert Kerber anfänglich noch mit einigen wenigen sozialdemokratischen Stadträten und Stadtverordneten, bis er nach deren erpressten Mandatsniederlegungen Mitte Juni seinem Gauleiter nach Karlsruhe melden kann: Stadtrat und Bürgerausschuss marxistenrein.

 

 

 

 

 

21. April

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prof. Heidegger seit dem 1. Mai 1933 Parteimitglied mit Reichsadlerabzeichen in Freiburg 1934

 

Gleichschaltung der Alberto Ludoviciana

 

Über dem Haupteingang der Freiburger Universität nur noch schwach lesbar: Dem ewigen Deutschtum 

Der Rektor der Freiburger Universität, Medizinprofessor von Möllendorff, wird 1933 mit Naziterror aus seinem Amt gedrängt. Von ihm übernimmt der Philosoph Martin Heidegger das Rektorat, der als geistiger Führer der neuen Bewegung offen die nationalsozialistische Umwälzung begrüßt: Die Herrlichkeit aber und all die Größe dieses Aufbruchs verstehen wir dann erst ganz, wenn wir in uns jene tiefe und weite Besonnenheit tragen, aus der die alte griechische Weisheit das Wort gesprochen: Alles Große steht im Sturm. In seiner Antrittsrede ermahnt Heidegger die Studentenschaft zur Gefolgschaft  und beschwört die bluthaften Kräfte als einzige Bewahrer deutscher Kultur [Rödl03].  Weiterhin führt er aus: Das Wesen der deutschen Universität kommt erst in Klarheit, Rang und Macht, wenn zuförderst und jederzeit die Führer selbst geführt sind - geführt von der Unerbittlichkeit jenes geistigen Auftrags, der das Schicksal des deutschen Volkes in das Gepräge seiner Geschichte zwingt [Crai82].

 

Über dem Relief des Universitätspatrons Hieronymus am Hauptgebäude der Freiburger Universität sichtbare Spuren eines nach dem Kriege nur notdürftig entfernten Reichsadlers mit Hakenkreuz.  

 

Erich Kästner kommentiert Heideggers Rektorats-rede mit Sarkasmus: Möge er der größte Philosoph unseres glorreichen Jahrhunderts sein oder seyn und bleiben! Ich glaube und hoffe, dass ihm eines Tages im Pantheon, Sokrates und Seneca, Spinoza und Kant nicht die Hand geben werden [Käst13].

 

Rektor der Universität Heidegger mit Amtskette eingerahmt von größeren Kollegen und Studenten in vollem Wichs bei der Eröffnung des Wintersemesters 1933/34 (©BZ)

Nach nur kurzer Zeit tritt Heiddegger vom Rektorat zurück. Er ist weiterhin vom Führerkult überzeugt, dabei Antisemit, doch sieht er um sich nur Lärmer, Macher, Streber, Gaukler, Deutler, all die Mäßigen und Mittelmäßigen, die vertraulich tun mit der kleinen und faden Erregtheit der Menge und ihrem dünnen Vergnügen; die im Trüben treiben und das Törichte begaffen [Assh14].

 

 

 

 

 

1. Mai

Feiertag der nationalen Arbeit

 

 Am 17. März hatte der Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften beschlossen, sich in den Dienst des neuen Staates zu stellen. Am gleichen Tage hatte Joseph Goebbels in sein Tagebuch notiert: Den 1. Mai werden wir zu einer grandiosen Demonstration deutschen Volkswillens gestalten. Am 2. Mai werden dann die Gewerkschaftshäuser besetzt. Sind die Gewerkschaften in unserer Hand, dann werden sich auch die anderen Parteien und Organisationen nicht lange mehr halten können [Sieb13]. Den der SPD nahestehenden Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) ködert der Reichspropagandaminister mit der Einrichtung des von den Gewerkschaften in der Weimarer Republik vergeblich geforderten 1. Mai als gesetzlichen Feiertag. Nun sollen an diesem Feiertag der nationalen Arbeit Arbeiter der Stirn und der Faust gemeinsam feiern. Dieses Angebot nimmt der ADGB am 9. April an.

 

Auch in Freiburg wie überall im Reich stehen die Feierlichkeiten zum 1. Mai ganz im Zeichen nationalsozialistischer Propaganda beginnend mit einem Festzug vom Stühlinger bis zu Münsterplatz. Die dortige Kundgebung eröffnet ein Lied der Gesangsvereine gefolgt von einem Festgottesdienst und einer Begrüßungsansprache des frischgebackenen Oberbürgermeisters Dr. Kerber. Nach einer Rede des Kreisbetriebsleiters Sieber schließt die Veranstaltung mit der ersten Strophe des Deutschlandliedes und dem Absingen des Horst-Wessel-Liedes. Um 19 Uhr wird dann in der Städtischen Kunst- und Festhalle das Manifest des Reichskanzlers Adolf Hitler zum ersten Jahresplan der Aufbauarbeit der Reichsregierung übertragen. Im Stadttheater gibt es abends eine Aufführung des ersten Dramas der deutschen Revolution Schlageter von Hanns Johst.

 

 

2. Mai

Heute früh 10 Uhr wurden sämtliche Gewerkschaftsbüros der freien Gewerkschaften durch die NSBO besetzt. Diese Maßnahme richtet sich nicht gegen die Berufsorganisationen des deutschen Arbeiters, dient auch nicht dazu, um die Organisationen zu zertrümmern. Die Besetzung hat den Zweck, die bisher marxistisch eingestellten Gewerkschaften von dem Gift der marxistischen Idee zu bereinigen. Die wohlerworbenen Rechte des Arbeiters sind nicht in Gefahr, sondern die Auszahlung der satzungsmäßig festgelegten Unterstützungen geht nach wie vor in Ordnung. Dadurch, daß es durch die Besetzung möglich ist, auch die Geldeingänge und Geldausgänge zu kontrollieren, wird in Zukunft die Gewähr gegeben, daß die Absendung von Gewerkschaftsgeldern und Beiträgen an das Ausland unterbunden wird.

 

Dazu ließ der Reichstagsabgeordnete und Leiter des Aktionskomitees zum Schutz der Deutschen Arbeit Dr. Robert Ley verlauten, es sei bewiesen, dass der Nationalsozialismus geeigneter ist, den Schutz der Arbeiter durchzuführen, die er dann zielstrebig in die Deutsche Arbeitsfront überführt.

 

 

 

 

 

3. Mai

Die Phänomenologie Husserls obenauf

 

Der historischen Bücherverbrennung vom 10. Mai auf dem Opernplatz in Berlin geht an vielen Universitäten die Errichtung von Schandpfählen voraus. Die inzwischen arbeitslose Redakteurin der Volkswacht Käthe Vordtriede schreibt ihrem Sohn nach Zürich, dass vor dem Gebäude II der Universität Freiburg ein abgehauener Baum aufgerichtet sei. Links und rechts davon liegen Reissnägel und Zettelchen zur ehrenhaften Benutzung. Da kann jeder den Titel eines jüdischen Buches anheften, und die Bücherverbrennung vorausahnend fügt sie hinzu: wahrscheinlich die Phänomenologie Husserls obenauf [Wegm13].

 

5. Mai

Oberbürgermeister Kerber setzt den bisherigen Ausschuss zur Bekämpfung von Schmutz und Schundliteratur, da er nicht den nötigen Willen und die Kraft gezeigt hat, ab. Der neuen Kommission zum Kampf gegen Schmutz und Schund in der Literatur gehören u. a. und neben Kerber der Geistliche Rat Dr. Mohr und paritätisch der protestantische Pfarrer von Gundelfingen Albert an.

 

8. Mai

Nach einem studentischen Aufruf der Freiburger Universität unterzeichnet vom Kampfbund für deutsche Kultur will die deutsche Studentenschaft den geistigen Kampf gegen die jüdisch-marxistische Zersetzung des deutschen Volkes bis zur völligen Vernichtung durchführen. Die Freiburger sind aufgefordert, alle Schriften und Bücher jüdisch-marxistischen Schrifttums aus Büchereien, Buchhandlungen und Antiquariaten für eine öffentliche Verbrennung am 10. Mai zu schicken [Wegm13].

 

 

 

 

 

 

 

10. Mai

Die Säuberung der städtischen und Privatleihbüchereien
 ist vorläufig zum Abschluß gebracht

 

Studenten bei der Bücherverbrennung auf dem Opernplatz in Berlin

Erich Kästner wohnt als einziger Autor der Verbrennung seiner eigenen Bücher als Augenzeuge bei und berichtet zwanzig Jahre später 1953 über den Auftritt des eifernden Goebbels, nachdem er seinen Roman Fabian in den Flammen zu Asche werden sah: Hier rächte sich ein durchgefallener Literat an der Literatur. Hier beseitigte ein durchtriebener Politiker für viele Jahre jede intellektuelle Opposition ...  Mit solchen Methoden kann man zwar ein Volk vernichten, Bücher aber nicht. Sie sterben nur eines natürlichen Todes. Sie sterben, wenn ihre Zeit erfüllt ist. Man kann von ihrem Lebensfaden nicht eine Minute abschneiden, abreißen oder absengen. Bücher das wissen wir nun, kann man nicht verbrennen [Käst13].

 

22. Mai

Aus bisher unbekannte Gründen fiel die Bücherverbrennung in Freiburg am 10. Mai aus, doch das erwähnt Kerber in einem Brief an Erzbischof Gröber am 22. Mai mit keinem Wort. Stattdessen betont der Oberbürgermeister: Hochwürdigster Herr Erzbischof! Euer Exzellenz ... Dieser Tag ist die Vollendung einer wochenlangen schweren Arbeit für den christlichen Wiederaufbau Deutschlands und bringt Ihrer Bischofsstadt die gründliche Reinigung sämtlicher Bibliotheken, dazu noch vor allem der vielen Leihbüchereien ... Euer Exzellenz machen sich keine Vorstellung, aus wieviel Kloaken der literarische Unrat während der letzten Jahre sich in die Häuser christlicher Familien ergoß [Kauf89].

 

23. Mai

Die städtische Pressestelle meldet am 23. Mai Die Säuberung der städtischen und Privatleihbüchereien ist vorläufig zum Abschluß gebracht [Kirk08].

 

17. Juni

Die Parteileitung in Freiburg hatte das Datum des 10. Mai versäumt. Deshalb soll im Rahmen der Ersten Kulturellen Kampfwoche der Hitlerjugend und unter Beteiligung der Schulen das Ereignis am Abend des 17. Juni mit einer symbolischen Bücherverbrennung vor den Stufen des Münsters nachgeholt werden, wobei Pfarrer Albert ausersehen ist, die Feuerrede zu halten. Nach einem Marsch zum Exerzierplatz soll dort anschließend ein großes Bücherfeuer mit einer Ansprache Kerbers und einem Ausklang an einem Biwakfeuer folgen.

24. Juni

 

Doch auch der nächste Termin der symbolischen Bücherverbrennung des Kampfbundes der deutschen Kultur an der Sonnenwendfeier am 21. Juni im Universitätsstadion unter Beteiligung von Jugendverbänden und Schülern fällt ins Wasser. Da verlegt die Parteileitung die Sonnenwende kurzerhand auf den 24. Juni, wobei es auch an diesem Datum regnet. So berichtet Käthe Vordtriede über ein großes Sonnenwendfeuer im Universitätsstadion und ein nur merkwürdig kleines Feuer aus den Büchern eines Leiterwagens, der witzigerweise von einem Ochsen gezogen wurde, nach der Meinung der akademischen Bilderstürmer das wahre Symbol für Sigmund Freud und Franz Werfel. Dazu hielt der neue Universitätsrektor Martin Heidecker eine Ansprache, in der er von der Sonnenwende auf die neue Zeit kommt: Die Tage vergehen, sie werden wieder kürzer. Unser Mut aber steigt, das kommende Dunkel zu durchbrechen. Niemals dürfen wir blind werden im Kampf. Flamme künde uns, leuchte uns, zeige uns den Weg, von dem es kein Zurück mehr gibt! Flammen zündet, Herzen brennt! [Wegm13].

 

 

Leider war der Vogel schon ausgeflogen

 

Noch gibt es die bürgerlichen Parteien. Da meldet Ende Juni Der Alemanne: Dieser Tage sollte in Verfolgung des großen Reinemachens in Deutschland der frühere Reichskanzler Dr. Josef Wirth in Schutzhaft genommen werden. Leider war der Vogel schon ausgeflogen. Wie verlautet nach der Schweiz ... Dieser Zentrumsführer unterscheidet sich in Wort und Tat seiner langjährigen unrühmlichen politischen Tätigkeit kaum von einem Marxisten [Kauf89].

 

5. Juli 

Nach Abschluss des Konkordats zwischen der Reichsregierung und dem Vatikan, löst sich am 5. Juli  die Zentrumspartei, wie die Presse vermeldet, im Einvernehmen mit dem Reichskanzler auf. In Freiburg findet sich eine kleine Zahl der Zentrumsabgeordneten plötzlich parteilos, möchte aber, da frei gewählt, von ihren Stadtratsmandaten nicht lassen. Die Deutsche Gemeindeordnung vom 30. Januar 1934 entfernt auch diese Volksvertreter und schafft zudem Abstimmungen im Stadtrat ab [Ecke06]. Im Zuge der Gleichschaltung sind Bürgermeister nur noch Befehlsempfänger in der Kette: Führer, Gauleiter, Kreisleiter, Bürgermeister.

 

 

 

 

 

18. August

Volksempfänger VE301, Mittler zwischen geistiger Bewegung und Volk

 

 Anlässlich der Funkausstellung in Berlin wird ein Radiogerät für Jedermann, der Volksempfänger VE301, vorgestellt. Das Kürzel 301 steht für den 30. Januar, den Tag der Machtergreifung. Damit wird nach Reichspropagandaminister Joseph Goebbels der Rundfunk einflussreichster Mittler zwischen geistiger Bewegung und Volk, zwischen Idee und Menschen [Bock13]. Der Volksempfänger mit einem Gehäuse aus Bakelit kostet 76 Reichsmark (etwa 300 Euro) und ist gemessen an der Kaufkraft der Volksgenossen teuer, jedoch wesentlich preiswerter als die besseren Geräte (200 bis 400 RM).

 

Auf der Funkausstellung 1933 sucht der Reichspropagandaminister nach der richtigen Frequenz (©BZ)

 

Heldische Epoche des Ringens gegen eine Welt von Feinden

 

 Zur Stärkung des Wehrwillens lässt Oberbürgermeister Kerber den Nagelbaum aus dem Ersten Weltkrieg aus dem Naturkundemuseum holen und ihn „unbedacht“ an alter Stelle vor dem Schwabentor wieder aufstellen. Er soll ein Zeichen sein, dass in der heldischen Epoche des Ringens gegen eine Welt von Feinden, die Opferkraft der Heimat die Nägel in seine Rinde trieb! Ungeschützt vor Witterungseinflüssen verrottet das Denkmal so sehr, dass es 1938 zu einer Brutstätte von Ungeziefer geworden war und verbrannt wird [Sigm14]. Als ein Symbol für das, was folgen sollte?

 

 

 

 

 

 

EnEngelbert Dollfuß auf Gedenkbriefmarke

Der Anschluss

 

Als Kriegsverlierer hatte Österreich als Ergebnis der Friedensverhandlungen in St. Germain ein Friedensdiktat unterzeichnet, welches das Land auf die Grenzen seiner deutschsprachigen Bevölkerung reduziert. Die am 12. November 1918 ausgerufene Republik Deutsch–Österreich scheint nicht lebensfähig, doch ein Anschluss an Deutschland wird von den Siegermächten ausdrücklich verboten.

 

Die innenpolitische Entwicklung der Republik ist geprägt von Hunger, Not, Armut, und Inflation. So kommt es schließlich 1933 zur Auflösung des Parlaments und Ausrufung eines klerikalen Ständestaates mit einem Verbot aller Parteien. Während im März 1934 die Sozialdemokraten dagegen aufstehen, versuchen am 25. Juli die österreichischen Nationalsozialisten einen Putsch und ermorden den diktatorisch regierendem Bundeskanzler Engelbert Dollfuß. Ihm folgt als Regierungschef sein Innenminister Kurt von Schuschnigg, der den katholisch geprägten Austrofaschismus fortführt: Mein Name ist Österreicher, meine Heimat ist Österreich, mein Volk, dessen Sprache ich spreche, ist deutsch [Hani02].  

 

 

Bis in den Tod rot-weiß-rot!

 

 Schon in seinem Buch Mein Kampf hatte Hitler 1924 gefordert: Deutschösterreich muß wieder zurück zum großen deutschen Mutterlande. Eine Gelegenheit dazu bietet sich, als Schuschnigg 1937 die österreichischen Nationalsozialisten verbieten lässt. Darob zitiert ihn Hitler am 12. Februar 1938 zu einem Treffen auf den Obersalzberg und droht unverhohlen mit dem deutschen Einmarsch: Wir sind daran, die beste Wehrmacht zu schaffen, über die das deutsche Volk jemals verfügt hat. Es wäre unverantwortlich vor der Geschichte, dieses Instrument nicht zu gebrauchen [Mann89]. Der Führer verlangt nicht nur die Wiederzulassung der Nazipartei, sondern auch deren Beteiligung an der Regierung. Indem er am 16. Februar Arthur Seyß-Inquart als Innenminister in sein Kabinett aufnimmt, beugt sich Schuschnigg den Forderungen des Berchtesgadener Abkommens, bekennt sich aber am 24. Februar vor dem Bundestag zu einem österreichischen Staatspatriotismus: Wir bekennen uns feierlich vor aller Welt zu unserem Vaterland und schließt seine Rede mit dem theatralischen Ausruf: Bis in den Tod rot-weiß-rot! Österreich! Anschließend versucht er, die drohende Annexion mit einem für den 13. März anberaumten Plebiszit über die nationale Unabhängigkeit Österreichs abzuwenden. Wegen der Beliebtheit des Nationalsozialismus bei jungen Wählern dürfen an der Volksabstimmung nur Bürger über 24 Jahre teilnehmen.

 

 

Sie haben mich mit einer solchen Liebe empfangen, wie ich sie noch nie erlebt habe

 

Das drohende Votum für ein freies und deutsches, unabhängiges und soziales, ein christliches und einiges Österreich unterläuft der Führer am 12. März um 8 Uhr früh mit dem Einmarsch von 65 000 Mann der 8. Armee. Überall begrüßt in einem Blumenkrieg  die Bevölkerung die vorrückenden deutschen Soldaten nicht nur freundlich, sondern begeistert. Hitler selbst rollt um 15h50 in der Nähe seiner Geburtsstadt Braunau im Wagen über den Inn. Göring vermeldet per Telefon nach Berlin: Also in Österreich ist unglaublicher Jubel. Wir haben ja selber nicht geglaubt, daß die Anteilnahme so groß sein würde. Gegen Abend fährt der Führer in Linz ein. Im Rathaus mit stürmischen Sieg Heil! - Rufen empfangen trifft er dort mit Seyß-Inquart zusammen. Beide beschließen den sofortigen Anschluss, dem bereits am folgenden Tag ein Kabinettsbeschluss zum Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich folgt: Die Mitglieder der Bundesregierung erheben sich zur Feier der Stunde von den Sitzen und leisten den Deutschen Gruß [Hani02]. Bereits 48 Stunden später leisten die österreichischen Soldaten den Treueeid auf den Führer. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Simon Winder stammt die folgende Beschreibung von Hitlers Auftritt am 15. März 1938 auf dem Wiener Heldenplatz:
A reliable sense of settled gloom can always be had by standing in the half-complete mess of Heroes’ Square in Vienna. It was here that Hitler had perhaps his greatest triumph, in the spring of 1938. German Austrians had met the notionally invading Nazi troops in a delirium of mass joy, their humiliation in the grubby little Republic of Austria at an end.
 

By the time that Hitler appeared on the balcony of the Hofburg, looking out onto the square at an adoring crowd of some two hundred thousand, many thousands of others (leftists, monarchists, Austrian patriots, Habsburgs) had been arrested and anti-Jewish violence had broken out. On crossing the Austrian border with his motorcade, Hitler had first gone to visit the graves of his parents in Upper Austria and then visited Linz, where he had been a student. But it was Vienna where, as a subject of Franz Joseph, he had spent his early twenties as a humiliated semi-vagrant. Standing on the hideously ornate and tacky Hofburg balcony he effectively became Franz Joseph, but a Franz Joseph who would rule a reconstituted Empire just on behalf of its German element, in grudging cooperation with the Hungarians – the other ‘Nibelung’ race – and ending the politics which had dominated pre-1914 Vienna: Jews and Slavs would now once more be put back in their places.  

 

 

Balkon der neuen Hofburg in Wien den Heldenplatz überschauend

 

Heroes’ Square is a miserable spot. An old barracks and parade-ground cleared into an arena for Imperial splendour, it was only part-built when the Empire ended, leaving just two bathetic statues, one of Prince Eugene, the other of Archduke Charles, and it is now a car park subject to gusts of wind which whirl together dirt and discarded plastic cups* [Wind13]. 

*Wenn jemand auf dem halbfertigen dreckigen Heldenplatz in Wien steht, kann er sich immer darauf verlassen, dass ihn eine gedrückte Stimmung beschleicht. Hier hatte Hitler im Frühling 1938 vielleicht seinen größten Triumph. Die Deutsch-Österreicher begegneten den eigentlich in ihr Land einmarschierenden Nazi Truppen in einem Delirium überschäumender Freude. Ihre Erniedrigung in der kleinen schmuddeligen Österreichischen Republik war nun zu Ende.  

Als Hitler auf dem Balkon der Hofburg erschien und auf den Platz mit etwa zweihunderttausend ihn anbetenden Menschen blickte, waren bereits mehrere tausend andere (Linke, Monarchisten, österreichische Patrioten, Habsburger) verhaftet und grausame Gewalttätigkeiten an Juden verübt worden. Nachdem sein Fahrzeugkolonne die Grenze zu Österreich überrollt hatte, besuchte Hitler zunächst das Grab seiner Eltern in Oberösterreich und anschließend die Stadt Linz, in der er zur Schule gegangen war. Doch es war Wien, wo er, der Untertan Franz Josephs, seine frühen zwanziger Jahre als gedemütigter Stadtstreicher verbracht hatte. Auf dem abscheulich dekorierten und protzigen Balkon der Hofburg wurde Hitler nun effektiv zu Franz Joseph, aber zu einem Franz Joseph, der ein wiedererstandenes Reich allein mit Deutschen regieren würde, widerwillig nur in Zusammenarbeit mit den Ungarn - der anderen Nibelungenrasse. Damit änderte sich die Politik, die in Wien vor 1914 vorgeherrscht hatte: Juden und Slawen würden jetzt wieder in ihre Schranken gewiesen.  

 Der Heldenplatz ist ein elender Ort. Ein ehemaliger Kasernen- und Paradeplatz umgewandelt in eine Arena kaiserlicher Größe, die allerdings beim Untergang der Donaumonarchie erst halb fertig war. Geblieben sind zwei stereotype Denkmäler, eines für den Prinzen Eugen, das andere für Erzherzog Karl, die nun inmitten einer Parkfläche stehen, auf der Windstöße Dreck und weggeworfene Plastikbecher hochwirbeln.  

 

Der Heldenplatz am 15. März 1938

Das alles ficht den Führer nicht an, als er in dem von ihm ungeliebten Wien* vor über 100 000 begeisterten Menschen auf dem Heldenplatz vom Balkon der neuen Hofburg aus die größte Vollzugsmeldung seines Lebens verkündet: Als der Führer und Kanzler der deutschen Nation und des Reichs melde ich vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich. Die Menge antwortet ihm mit minutenlangem ohrenbetäubenden Jubel und Heilrufen.

*wegen der dort lebenden Juden von ihm Stadt der Blutschande genannt [Krei89]  

 

Das Ausland nimmt diese Ereignisse mit Staunen und Skepsis zur Kenntnis und reagiert auf den Bruch des Versailler Vertrages ohne große Proteste. Ein recht seltsames Echo kommt dabei aus Prag, wenn die nationaltschechische Zeitung Narodny Politica schreibt: Alle Träume der Habsburger sind im Nichts zerronnen. Ein anderer Traum, die großdeutschen Pläne, haben sich verwirklicht. Bismarck ist übertroffen. Erst Adolf Hitler ist die Herstellung der Großdeutschen Nation gelungen. Er hat die Tschechoslowakei von der Habsburger Gefahr befreit. Die Tschechoslowakei braucht sich vor dem Anschluß Oesterreichs nicht zu fürchten. Strategisch hat sich nichts geändert. Welch ein Irrtum, brodelt es doch bereits gewaltig im Sudetenland, dessen deutschstämmige Bewohner auch heim ins Reich wollen und und nach Meinung der Nazis sollen.

 

 

Nie wieder Habsburg

 

Wenn man die Freiburger Presse der ereignisreichen Tage liest, so stellt man fest, dass auch hier die Gleichschaltung bereits voll durchgeschlagen hat. Ob Freiburger Zeitung oder Der Alemanne, die Texte beider Blätter selbst im Kulturteil stimmen häufig wörtlich überein. Erwartet hatte ich, dass mit dem Anschluss die alte Anhänglichkeit der Freiburger an das Haus Habsburg in einem lokalen Leitartikel positiv erwähnt worden wäre. Im Gegenteil. In einem Artikel: Ein neues Europa im Werden kritisiert der Autor den Habsburger Familienstaat: ... Eine Leidensgeschichte, die mit der unglückseligen habsburgischen Hausmachtspolitk, die mit der Volksfremdheit einer Dynastie, die immer schon Verräter am Deutschtum gewesen ist, Ströme von Blut und Tränen über eines der deutschen Kernländer gebracht hat, ist durch die unwiderstehliche Gewalt einer Volkserhebung, die das Reich aus Ohnmacht und Schmach zu Kraft und Herrlichkeit geführt hat, abgeschlossen worden. Was alle deutschen Idealisten der Vergangenheit, was bis Adolf Hitler größte Realpolitiker der deutschen Geschichte, der eiserne Kanzler, nicht zu lösen vermochten, das hat die nationalsozialistische deutsche Freiheitsbewegung, das hat der Führer und Kanzler, als dieser Bewegung verantwortlicher Führer, in knapp fünf Jahren Staatslenkung und Verantwortung zur Erfüllung gebracht. Das Großdeutsche Reich ist entstanden. Das Deutschlandlied und seine Strophe: Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt! hat neuen Sinn und neue Vollendung erfahren und selten wurde schwülstigeres Deutsch geschrieben.

 

Auch in einem Geschichtsartikel wird kräftig auf das Haus Habsburg eingeprügelt, wobei der Autor sich ungeniert aus Mein Kampf bedient: Keine Dynastie hat dem deutschen Volk mehr geschadet als die Habsburger. Die Unterdrückung durch Habsburg hat aber dazu geführt, daß in habsburgischen Landen ein Deutschtum heranwuchs, das durch langen Kampf in seinem völkischen Denken und Handeln vielfach weiter ist, als im übrigen Reich, wo die Unterdrückung nicht so stark war. So hat die Unterdrückungs-politik des Hauses Habsburg nun doch noch dem deutschen Volke Segen gebracht, weil heute der Führer dem Deutschen Reich Volksgenossen zurückführen kann, die in ihrem Glauben an Reich, Volk und Führer eins sind, und die neben ihrem Glauben an Deutschland nur eine Parole kennen: Nie wieder Habsburg.

 

 

Lebhafter Tausch von deutschen Menschen

 

Lediglich die Innsbrucker Zeitung beschwört die langjährigen positiven Beziehungen in der Vergangenheit zwischen Freiburg und Innsbruck: Der Breisgau und dessen Hauptstadt haben von 1368 bis 1805, also fast ein halbes Jahrtausend zu Oesterreich gehört. Zwischen Freiburg und Innsbruck bestanden in der ganzen langen Zeit nicht nur politische, sondern auch viele geistige und persönliche Beziehungen. Beamte und Kriegsleute, Schulmänner und Gelehrte. Schriftsteller, Dichter und Künstler sind zwischen beiden Städten hin- und hergegangen. Bis zur Gründung der Universität Innsbruck im Jahre 1677 war Freiburg mehr als Wien für die Tiroler die Landesuniversität und auch nachher gab es zwischen den Hochschulen zu Innsbruck und Freiburg einen ziemlich lebhaften Austausch an Professoren und Studenten. Freiburger Akademiker haben im Jahre 1809 als Freiwillige am Kampfe Oesterreichs und der Länder Vorarlberg und Tirol gegen Napoleon und dem Rheinbund teilgenommen …

 

Die Stadt Freiburg benennt zur steten Erinnerung an die Wiedervereinigung der Ostmark mit dem Reich eine Zufahrtsstraße zu den Schwarzwaldkasernen der Freiburger Friedensgarnison nach dem größten Feldmarschall Österreichs Conrad von Hötzendorf. In dem Artikel wird auch an weitere bereits damals und auch heute noch vorhandenen österreichische Straßennamen erinnert: Innsbrucker, Maximilian, Maria-Theresia, Prinz Eugen.  

 

Ein Jahr später findet sich im Jahrbuch der Stadt der Stadt Freiburg ein positiver Hinweis auf die alten Beziehungen zum Habsburger Fürstenhaus: Freiburg und Wien, die Stadt am Schwarzwald und die unter dem Kahlenberge, stehen räumlich am weitesten voneinander ab, und sie leben auch jede nach ihrer unvereinbarten Eigenart. Indessen zwischen ihnen hat es lange Zeit einen lebhaften Tausch von deutschen Menschen gegeben und Verbindungen durch das gleiche Fürstenhaus und die staatliche Verwaltung. All das, was einst bestand und schon verschollen war, ist nun auf das Reich übergegangen und zu neuer Bedeutung erwacht. Der wuchtige Turm des Freiburger Münsters und die zierliche Spitze des Wiener Domes ragen nun wieder geschwisterlich auf das Wahrzeichen gleicher Sendung: Westmark und Ostmark [Nadl39]. Was meint der Autor mit Westmark. Ist dies ein Hinweis auf das Elsass?

 

Stolz präsentiert damals die Freiburger Zeitung die Ausdehnung des Großdeutschen Volkreichs im Vergleich zum kleindeutschen 2. Reich Bismarcks. Fehlt da nicht noch was? 

 

 

In die Ostmark zieht der Frühling ein

 

Am 25. März sagt Hitler in einer Rede in Königsberg: Gewisse ausländische Zeitungen haben behauptet, wir seien mit brutalen Methoden in Österreich eingefallen. Ich kann nur sagen, selbst im Tode verbreiten sie noch Lügen. Ich habe im Laufe meines politischen Kampfes viel Zuneigung von meinem Volk erfahren, aber als ich die frühere Grenze überschritt, haben sie mich mit einer solchen Liebe empfangen, wie ich sie noch nie erlebt habe. Nicht als Tyrannen sind wir gekommen, sondern als Befreier. Also singen markige Soldatenchöre und lassen es aus allen Lautsprechern des Großdeutschen Rundfunks schallen: In die Ostmark zieht der Frühling ein, und ein Volk wird glücklich sein …  

 

 

Die Deutschen Österreichs treten heute geschlossen ein in die deutsche Volksgemeinschaft

 

In die ganze Ostmark? Nein! Unbeugsame Bürger hören nicht auf, dem Naziregime Widerstand zu leisten*. Andere Österreicher vor allem Juden gehen freiwillig oder werden in die Emigration getrieben. Der Widerstand äußert sich betont österreichisch-national und richtet sich verstärkt gegen die Beherrschung und Ausbeutung der Ostmark durch das Altreich. In der Tat finden sich im Wirtschaftsteil der Freiburger Zeitungen schon bald Überlegungen über die gestiegene Wirtschaftskraft des Reiches nach dem Anschluss, wobei der bekannt geringe Beitrag der Ostmark schöngeschrieben wird.

*Die einst so unbeugsamen Gallier mögen mir dieses Plagiat verzeihen  

 

Der Schwenk der Kirche von der tragenden Kraft des Austrofaschismus der Herren Dollfuß und Schuschnigg zur bedingungslosen Unterstützung des Nationalsozialismus Seyß-Inquarts geschieht über Nacht, als nach dem Anschluss der Wiener Kardinal Innitzer folgenden Aufruf erlässt: Die Katholiken der Wiener Erzdiözese werden ersucht, Sonntag zu beten, um Gott dem Herrn zu danken für den unblutigen Verlauf der großen politischen Umwälzung und um eine glückliche Zukunft für Österreich zu bitten. Selbstverständlich muß allen Anordnungen der Behörden gern und willig Folge geleistet werden. Weiter liest man in der Presse: Wir sehen in der Liebe zu unserem Volk den besten Dienst am Schöpfer und geben freudig dem Volke, was des Volkes ist und Gott, was Gottes ist. Der höchste Kirchenfürst unseres Landes hat die langersehnte Stunde der deutschen Einigung gesegnet. So dürfen wir, dem Führer offen ins Auge blicken, sagen: Die Deutschen Österreichs treten heute geschlossen ein in die deutsche Volksgemeinschaft. Da stattet der Führer dem Kirchenfürsten voller Dankbarkeit persönlich einen Besuch ab.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedenkmünze
Münchener Abkommen

Hitler, Mussolini
Chamberlain, Daladier

 

Für Österreich habet ihr alle geschworen

 

Doch nicht alle halten sich an die Vorgaben der Kirche. Im Jahre 1943 wird in Wien Im Namen des Deutschen Volkes die Franziskaner-Schwester Restitua (Helen Kafka) wegen der Verbreitung von Flugblättern, die zur Wehrzersetzung und zum Hochverrat aufrufen, zum Tode verurteilt und hingerichtet. In der Urteilsbegründung heißt es: Bei den Flugblättern … handelt es sich um eine Schmähschrift mit der Überschrift Soldatenlied sowie um eine mit den Worten Deutsche katholische Jugend beginnende Hetzschrift, welche die Tagesangabe 8. Juni 1941 trägt. Das Soldatenlied hat folgenden Wortlaut:

 

Erwacht, Soldaten und seid bereit,
Gedenkt eures ersten Eid.
Für das Land, in dem ihr gelebt und geboren,
Für Österreich habet ihr alle geschworen.
Da sieht ja schon heute jedes Kind,
Dass wir von den Preußen verraten sind.
Für die uralte heimische Tradition
Haben sie nichts als Spott und Hohn.
Den altösterreichischen General
Kommandiert ein Gefreiter von dazumal.
Und der österreichische Rekrut
Ist für sie nur als Kanonenfutter gut.
Zum Beschimpfen und Leuteschinden
Mögen sie andre Opfer finden.
Mit ihrem großen preußischen Maul
Sind sie uns herabzusetzen nichtfaul.
Dafür haben sie bis auf den letzten Rest
Die Ostmarkzone ausgepresst.
Unser Gold und Kunstschätze schleppten sie gleich
In ihr abgewirtschaftetes Nazireich.
Unser Fleisch, Obst, Milch und Butter
Waren für sie ein willkommenes Futter.
Sie befreiten uns und ehe man's glaubt,
Hatten sie uns gänzlich ausgeraubt.
Selbst den ruhmvollen Namen stahl uns die Brut
Und jetzt wollen sie auch noch unser Blut.  

Der Bruder Schnürschuh ist nicht so dumm,
Gebt Acht, er dreht die Gewehre um.
Der Tag der Vergeltung ist nicht mehr weit,
Soldaten gedenkt eures ersten Eids.
Österreich!
Wir Österreicher auf uns gestellt.
Hatten Frieden und Freundschaft mit aller Welt.
Die Welt vergiftet mit ihrem Hass,
Sie machet sich jedes Volk zum Feind,
Sie haben die Welt gegen sich vereint.
Die Mütter zittern, die Männer gegangen,
Der Himmel ist schwarz, mit Wolken verhangen.
Der schrecklichste Krieg, den die Menschheit gekannt,
Steht furchtbar vor unserem Heimatland.
Es droht uns Elend und Hungersnot,
Der Männer und Jünglinge Massentod.
Kameraden trotzt dem verderblichen Wahn,
Was gehen uns die Händel der Preußen an?
Was haben uns die Völker getan?
Wir nehmen die Waffen nur in die Hand
Zum Kampf fürs freie Vaterland.
Gegen das braune Sklavenreich,
Für ein glückliches Österreich. 

 

 

Hitlerjugend stört katholische Jugendkundgebung in Freiburg

 

Weiter heißt es in der Urteilsbegründung: In der Flugschrift Deutsche katholische Jugend wird eine angebliche Störung einer katholischen Jugendkundgebung in Freiburg im Breisgau zum Anlaß genommen, die Führung der Hitlerjugend in niederträchtiger Weise zu verdächtigen und zu beschimpfen und die katholische Bevölkerung gegen die nationalsozialistische Staatsführung aufzuhetzen … Die oben wörtlich wiedergegebene Flugschrift mit dem Titel Soldatenlied hat unzweifelhaft hochverräterischen Charakter. In diesem Hetzgedicht werden die ostmärkischen Soldaten aufgefordert, sich nicht länger für das nationalsozialistische Großdeutschland, dessen Führer in niederträchtiger Weise beschimpft und verleumdet wird, einzusetzen, sondern die Waffen umzukehren und für die Wiederherstellung eines selbständigen österreichischen Staates zu kämpfen [Zept05].

 

 

Sudetenkrise

 

 Mit dem Anschluss Österreichs war Hitlers Expansionsdrang im Osten nicht befriedigt. So unterstützt das Deutsche Reich die Bestrebungen der deutschstämmigen und –sprachigen Sudeten in ihrem Kampf gegen die tschechische Herrschaft. Als sich die Krise im Herbst 1938 zuspitzt, kommt es zur Münchener Konferenz. Darüber schreibt Stephen Clarke in seinem Buch 1000 Years of Annoying the French: The motive for the summit was that Hitler wanted international permission to repossess the Sudetenland, a mainly German-speaking region that had become part of Czechoslovakia after World War One* [Clar10].

*Der Grund für dieses Treffen war, dass Hitler eine internationale Zustimmung für die Wiedergewinnung des Sudetenlands, eines deutschsprachigen Gebiets, welches nach dem Ersten Weltkrieg Teil der Tschechoslowakei geworden war, wollte.

 

Die Reaktionen Frankreichs und Großbritanniens auf diese Forderung sind unterschiedlich: Britain was disturbed by France's eternal anti-German belligerence and felt rather guilty about the vengefulness of the Treaty of Versailles, while France was aghast at Britain's apparently short memory. Meanwhile, America wisely decided to stay out of all this old-fashioned European posturing - it was just recovering from the Depression and didn't need a war to bankrupt it again. All of which explains why the Munich Conference in September 1938, between France, Britain, Italy and Germany, was such a farce*.

*Das andauernde antideutsche Säbelrasseln Frankreichs verstörte die Briten, die sich wegen der im Versailler Vertrag ausgedrückten Rachegedanken ziemlich schuldig fühlten, während Frankreich über das scheinbar kurze Gedächtnis der Briten entsetzt war. Währenddessen entschied Amerika, sich aus all dem altbackenen europäischen Imponiergehabe herauszuhalten. Die USA erholten sich gerade von der großen Depression und hatten keinen Krieg nötig, um erneut pleite zu gehen. Alles das erklärt, warum die Münchener Konferenz zwischen Frankreich, Großbritannien, Italien und Deutschland im September 1938 zu einer Farce geriet.

 

The French Premier, Edouard Daladier, was all for saying non, and warned Britain's PM, Neville Chamberlain, that if the Western powers capitulate, they will only hasten the war they wish to avoid. Daladier even predicted that Hitler was aiming for a domination of the continent in comparison with which the ambitions of Napoleon were feeble. Quite something, coming from a Frenchman*.

*Der französische Premier, Edouard Daladier, war fest entschlossen, nein zu sagen, und warnte den britischen Premierminister Neville Chamberlain dass, sollten die Westmächte nachgeben, sie nur den Ausbruch des Krieges, den sie vermeiden wollten, beschleunigen würden. Daladier sagte sogar voraus, dass Hitler die Herrschaft über Europa anstrebe, dem gegenüber der Ehrgeiz Napoleons verblasse. Für einen Franzosen ist diese Bemerkung recht außergewöhnlich.

 

Aufrüstung 1938. Feierliche Vereidigung von SS-Truppen auf den Führer
 vor der Münchener Feldherrnhalle (©LIFE-Archiv)

Next morning Chamberlain had a private meeting with Hitler at which they co-signed a non-aggression pact … Chamberlain then flew home … where he famously waved his peace for our time letter, the scrap of paper signed by Hitler that morning. Pointedly excluding his supposed French allies, Chamberlain spoke to the assembled crowd: We regard the agreement signed last night... as symbolic of the desire of our two peoples never to go to war with one another again  … In archive film footage, Chamberlain looks like a nice old man who wants everyone to be friends ... On the other side of the Channel, Daladier, like Chamberlain, returned home from Munich to a hero's welcome. His reaction, though, was less rosy-eyed. Looking out at the cheering crowds, he apparently told an aide, Ah, les cons* [Clar10].

*Am nächsten Morgen hatte Chamberlain ein privates Treffen mit Hitler, bei dem sie gemeinsam einen Nichtangriffspakt unterzeichneten. Anschließend flog Chamberlain heim, wo er bekanntlich seinen Frieden für unsere Zeit Brief schwang, den Fetzen Papier, den Hitler eben unterzeichnet hatte. Seine sogenannten französischen Verbündeten bewusst ausschließend, sprach Chamberlain zu der versammelten Menge: Wir betrachten das in der letzten Nacht unterzeichnete Abkommen als symbolisch für den Wunsch unserer beider Völker, niemals wieder gegeneinander Krieg zu führen. In den alten Filmen sieht Chamberlain wie ein netter alter Mann aus, der möchte, dass alle Freunde sind. Auf der anderen Seite des Kanals kehrte Daladier wie Chamberlain ebenfalls aus München zurück und wurde wie ein Held gefeiert. Seine Reaktion war jedoch weniger blauäugig. Als er die jubelnde Menge erblickte, sagte er angeblich einem Mitarbeiter: Oh, diese Deppen.

 

 

Nicht nur Kristall zerschlagen

 

Die Kampagne gegen jüdische Mitbürger hatte in Freiburg dazu geführt, dass von den rund 1300 Mitgliedern der Gemeinde bis November 1938 etwa die Hälfte ausgewandert waren. Nun findet die Verfolgung der Juden überall im Reich ihren spektakulären Höhepunkt am 9. November 1938 in der sogenannten Reichspogromnacht (auch Reichskristallnacht). Noch am 7. November hatte der unverdächtige Winston Churchill in der London Times geschrieben: I have always said that if Great Britain were defeated in war, I hope that we shall find a Hitler to lead us back to our rightful position among the nations* [Hoch89]. Als er am 10. November die Berichte aus dem Reich in der Times liest, hat er sicherlich gewünscht, der Bleistift wäre ihm drei Tage vorher abgebrochen.

*Ich habe immer gesagt, ich hoffe, wenn Großbritannien in einem Krieg besiegt worden wäre, dass wir einen Hitler finden werden, der uns an den uns zustehenden Platz unter den Nationen zurückführt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Reichsredner Walter Gunst

 

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 brennt die Freiburger Synagoge.

 

 

 

Gunst (links) in schwarzer Uniform mit umgeschnallten
SS-Ehrendegen bei einer politischen Kundgebung in Freiburg. Er schaut ebenso gelangweilt wie seine Kollegen von SA und Wehrmacht
(©Stadtarchiv).

 

Als Brandstifter werden der ausgewiesene Antisemit und Führer der 65. SS-Standarte Schwarzwald in Freiburg Walter Gunst und der SA-Brigadeführer Joachim Weist identifiziert [Wegm12].

 

 Gunst, gelernter Anstreicher, seit 1926 NSDAP Mitglied, hatte sich in Leipzig 1927 über die SA und seit 1931 über die SS vom Unterführer bis 1935 zum Kommandanten des SS-Standarte Elbe hochgedient. Er ist in Sachsen als Brauner Bonze und notorischer Suffkopp bekannt. Während seine Korruption und Unterschlagungen anfänglich noch durchgehen, stolpert der verheiratete Familienvater von drei Kindern schließlich über eine Sexaffäre, die im Februar 1936 zu seiner Amtsenthebung führt. Die SS will jedoch auf den ausgebildeten Reichsredner nicht verzichten, degradiert ihn lediglich und versetzt ihn im September 1936 in die Provinz nach Freiburg. Hier setzt er seine Redekunst zur Spendenwerbung beim Förderverein der SS ein u. a. mit einem Vortrag über: Der Jude als Parasit im Leben der Völker. Dabei wendet er sich besonders gegen das Mitleid mit den anständigen Juden, denn diese seien die hinterlistigen.  

 

 

Lassen Sie die Paragraphen zu Hause, das ist eine politische Angelegenheit

 

So ist Gunst als Brandstifter der Freiburger Synagoge prädestiniert. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 lässt Gunst Benzin besorgen, schlägt die Tür zum Gebäude ein und leert mit seinen Helfern die Kanister in der Synagoge aus, während gleichzeitig die Gestapo die Kellerräume nach Dokumenten durchsucht. Als zwischen drei und vier in der Früh der Brand ausbricht, kommt es, wie zu erwarten, zu einem heftigen Verbalabtausch zwischen den ahnungslosen Gestapoleuten und der zündelnden SS-Männern. Diese lassen in einer perfiden Anwandlung Rabbiner Scheuermann, Kantor Ziegler und Loeb David Maier aus den Betten holen und zwingen die Männer, dem Brand der Synagoge zuzusehen [Goeb13].

 

Über das Eintreffen der Feuerwehr, die wegen Verdacht auf Brandstiftung mit einem Kriminalbeamten anrückt, berichtet der Student der Jurisprudenz Wolf Middendorf nach dem Kriege: An der Brandstelle erkennt der begleitende Kriminalbeamte zwei hohe SS-Offiziere, die ihn barsch zurückweisen, so daß er seine Arbeit nicht aufnehmen kann. Ein Kollege, der zwischen fünf und sechs an der Brandstelle vorbeikommt, beobachtet, wie sich die Feuerwehr darauf beschränkt, die Nachbargebäude zu schützen. Er wird ebenfalls verjagt und macht daraufhin eine Meldung an die Freiburger Staatsanwaltschaft. Als diese die offensichtliche Brandstiftung an die Generalstaatsanwaltschaft nach Karlsruhe meldet, heißt es, der Brand der Freiburger Synagoge sei keine Neuigkeit. In ganz Deutschland brennen die Synagogen und der Generalstaatsanwalt fügt noch hinzu: Lassen Sie die Paragraphen zu Hause, das ist eine politische Angelegenheit [Midd79]. Trotz des strengen Photographierverbots schießt Middendorf von einem Fenster der Universität aus heimlich ein Bild der ausgebrannten Synagoge. Die Überreste des Gebäudes lassen SS und SA noch am 10. November sprengen. In den folgenden Monaten wird der Standort der Synagoge dem Erdboden gleichgemacht.

 

Noch in derselben Nacht und an den folgenden Tagen werden jüdische Mitbürger verhaftet. Davon verbringen die Behörden 137 männliche Freiburger Juden über 18 Jahre mit der Reichsbahn als Schüblinge ins KZ Dachau nördlich von München [Wegm12]. Nur 60 davon kommen nach einigen Monaten wieder heim, ausgehungert, krank und mit schweren Erfrierungen [Midd79]. Bedingung dafür ist, dass sie ihre Geschäfte, Gebäude und Grundstücke verkaufen. Unter den Rückkehrern ist auch der 1874 geborene Häftling Nummer 23221 Professor a. D. Sigmund Fleischmann aus der Sternwaldstraße verhaftet am 11. November 1938, dem ich einen Stolperstein setzen ließ. Er stirbt 1939 in Freiburg an den Folgen der Internierung. Seine Frau Lina wird am 22. August 1942 nach Theresienstadt deportiert und im Mai 1944 in Auschwitz ermordet [Meck06b].

 

 

 

 

Kränze und Lichter am Platz der alten Synagoge in Freiburg am Abend des 10. November 2012

 

 

Die Freiburger Zeitungen verschweigen den Synagogenbrand und berichten stattdessen über Abwehrreaktionen gegen das jüdische Verbrechertum: Die allgemeine Empörung über das ruchlose Verbrechen des Juden Grünspan* in Paris machte sich da und dort in Zusammenrottungen Luft. Eine große Anzahl Juden mußte zu ihrer eigenen Sicherheit in Schutzhaft genommen werden.

*Herschel Grünspan hatte aus Protest gegen die Abschiebung polnischer Juden aus Deutschland Anfang November den Legationssekretär der deutschen Botschaft in Paris durch Revolverschüsse so schwer verletzt, dass er seinen Verletzungen erlag

 

Seit dem 15. November dürfen Juden keine deutschen Schulen und Universitäten mehr besuchen, ab dem 1. Januar 1939 keine Geschäfte mehr betreiben [Haum15].

 

1939 völlig gleichgeschaltet: 1. Maifeier auf dem Münsterplatz (©Freiburger Stadtarchiv)

Der Reichstag tritt in Ermangelung seines Gebäudes in der Krolloper zusammen:
1939 stehende Ovationen für den Führer stehend auf der Regierungsbank vorne rechts. Reichstagspräsident unter dem Hakenkreuz ist Göring (©LIFE-Archiv) .

Das Naziregime versinkt immer tiefer in Lügen und Leichen. So wird der Angriff auf Polen mit Übergriffen angeblicher polnischer Freischärler auf den Sender Gleiwitz begründet. Guttural verkündet der Führer am 1. September 1939 in der Krolloper vor dem versammelten Reichstag: Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen und so tönt es auch aus den Volksempfängern. Es ist

 

 

 

 

 

 

De Gaulle auf einer 2 Euromünze.

Vor 70 Jahren:
Appel du 18 juin 1940

 

 

 

 

 

La France a perdu une bataille! Mais la France n'a pas perdu la guerre!

 

 der Beginn des 2. Weltkrieges,

 

nachdem die deutschen Truppen bereits um 4 Uhr 45 die Grenze zu Polen überschritten hatten.

 

 

Erst neun Monate nach Kriegsausbruch am 11. und 13. Juni 1940 beschießen die Franzosen in alter Tradition Freiburg diesmal jedoch aus der Ferne. Ohne große Wirkung werden die südlichen Stadtteile getroffen. Dann folgen der deutsche Blitzkrieg und der Sieg. Doch anders als 1914 gibt es in Freiburg keine Euphorie, die sich auch nach der raschen Niederwerfung des Erbfeindes nicht einstellen will.

 

Im anschließenden Waffenstillstand mit Frankreich suchen die deutschen Besatzer vergeblich durch eine wohlwollende Kollaboration mit dem Vichy-Regime die Ruhe im Westen, um den Angriffsplan Barbarossa gegen die Sowjetunion im Osten (als Kreuzzug gegen den Kommunismus deklariert, doch diesmal ertrinkt der Führer nicht) ungestört durchführen zu können.

 

Die feierliche Überführung der Asche Napoleons II. 1940 in den Pariser Invalidendom, als eine versöhnliche Geste gedacht, mag die Franzosen jedoch nicht über den verlorenen Krieg und den erneuten Verlust des Elsass' hinwegtrösten. General De Gaulle im fernen London versichert in einer Radioansprache am 18. Juni 1940 - es ist der 125. Jahrestag der Schlacht bei Waterloo - wie weiland Preußens Friedrich Wilhelm: Frankreich hat eine Schlacht verloren, aber nicht den Krieg!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mahnmal der deportierten Juden am Platz der Alten Synagoge

 Der Oberrhein ist judenrein

 

Im Jahre 1940 leben von ursprünglich 1138 jüdischen Mitbürgern noch etwa 600 in Freiburg. Sie werden am 22. Oktober 1940 zusammen mit anderen Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland in den von Vichy aus regierten und von den Deutschen unbesetzten Teil Frankreichs in das Camp de Gurs in den Pyrenäen verschleppt: Der Deportationsbefehl erreichte die Freiburger Juden vollkommen überraschend und fand perfiderweise an einem hohen jüdischen Festtag, dem heiteren Laubhüttenfest, statt. Binnen Stunden mussten die Betroffenen ihre Habseligkeiten zusammenpacken und ihren übrigen Besitz per Unterschrift an das Reich abtreten. Hausrat und Immobilien wurden in den folgenden Monaten an die Freiburger Bevölkerung versteigert oder verkauft - meist deutlich unter Wert [Amts10].

 

*Das schlichte Mahnmal am Annakirchlein wurde von Andreas Meckel am 22. Oktober 2006 der Öffentlichkeit übergeben.

 

 

Mit nur wenig Habseligkeiten unter den Augen der Staatspolizei.
Man beachte die Gaffer an den Fenstern

Den ganzen 22. Oktober lang wurden jüdische Freiburgerinnen und Freiburger aus ihren Wohnungen geholt. Sie mussten auf Sammelplätzen wie dem Hof der Hebelschule im Stühlinger stundenlang und teils die ganze Nacht warten, ehe sie irgendwann in Züge nach Gurs gesetzt wurden. Insgesamt sieben Züge brachten 6538 Frauen, Männer und Kinder aus ganz Baden und der Pfalz in das südfranzösische Lager. Konnte ein solches Geschehen in Freiburg unbemerkt bleiben? Wohl nur von denen, die nichts sehen wollten. Die Freiburger Bahnsteige seien schwarz von Menschen gewesen… [Boch10].

 

 

Deportation 1940. Der nach Gurs verschleppte Kurt Löw fertigte diese Kohlezeichnung während seiner Haftzeit im Lager an. Auf dem Polizeilastwagen sind Gefangene zu erkennen, auch ein Junge wird abtransportiert.

 

Erzbischof Gröber bittet in einem Brief den päpstlichen Nuntius in Berlin um eine Intervention des Papstes zur Schonung der katholischen Juden. Vergebens, ist doch im Dritten Reich Jude keine Frage der Religion, sondern der Rasse [Haum15].

 

Viele Menschen überleben die Strapazen des drei Tage und vier Nächte dauernden Bahntransports nach Gurs nicht. Bereits am 23. Oktober kann Gauleiter Wagner seinem Führer voller Stolz melden: Der Oberrhein ist als erster Gau des Reiches judenrein, während der Freiburger Journalist Karl Willy Straub seine Geschichtskenntnisse bemüht: Freiburg ist wieder einmal judenfrei [Haum15].

 

Warum nach Gurs in Südfrankreich? Anfänglich spukte in den Köpfen vieler Nazis die Idee, die Juden auf die französische Insel Madagaskar zu deportieren. Als aber im Laufe des Krieges diese Möglichkeit schwand, wurde Gurs zur Vorhölle von Auschwitz. Typhus oder Schwäche raffen die Lagerinsassen dahin.  Unter den rund 360 namentlich bekannten war auch der Staatsrechtsprofessor Robert Liefmann; er starb in Gurs an dem Tag, als dem in Freiburg längst mit einem Lehrverbot belegten Wissenschaftler eine Professur in New York zugesprochen wurde [Amts10]. Die es schaffen zu überleben, werden in die Vernichtungslager Auschwitz und Majdanek transportiert [Kauf98]. Am 6. August 1942 verlässt ein erster Transport das Lager in Richtung Osten.

 

 

Alles muss durch die völlige Verwüstung hindurch

 

Im Jahre 1941 berauscht Heidegger sich an der Vorstellung, die Technik möge die Erde in die Luft sprengen, damit das jetzige Menschentum verschwinde, als Reinigung des Seins von seiner tiefsten Verunstaltung. Und nachdem Deutschland die Welt in Brand gesteckt hat, bringt der größte Denker des Jahrhunderts, der Held des geheimen Deutschland, der Hölderlin im Turm der Philosophie, der geniale Fortsetzer des Griechentums, diesen Satz zu Papier: Alles muss durch die völlige Verwüstung hindurch. Nur so ist das zweitausendjährige Gefüge der Metaphysik zu erschüttern [Assh14].

 

 

 

Das letzte Aufgebot 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Götterdämmerung

 

Der Pfarrer einer Gemeinde im Odenwald schreibt am 26. November 1944 in die Ortschronik: Wir gehen deutlich dem Zerfall entgegen.. Und immer weiter wird das Volk betrogen und vom Endsieg gesprochen, der unser sei. Nur totale Gewissenlosigkeit vermag ein solch verbrecherisches Spiel mit dem Volk und Vaterland zu treiben … [Ster09].

 

Dr. Goebbels vergaß die Möglichkeit der Niederlage (Aus dem Stadtmuseum in Köln)

 

Als Anfang 1945 das Ende des Dritten und diesmal Großdeutschen Reiches naht, nützen alle Erinnerungen an den Alten Fritz, dessen Preußen ebenfalls von Feinden umringt war, und die Beschwörung des Mirakels des Hauses Brandenburg* nichts. Auch dauert Hitlers Krieg keine sieben, sondern nur knapp sechs dafür aber zu lange Jahre.

*Hier bemühen die Nazis den Tod Präsident Roosevelts am 11. April 1945 und vergleichen ihn mit dem Tod der Zarin Elisabeth, der erbitterten Feindin Friedrichs, im Januar 1762, was zu einer Kehrtwendung der russischen Politik gegenüber Preußen führte

 

 

Heine schreibt in seiner Schrift Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland: Das deutsche Volk läßt sich nicht leicht bewegen, ist es aber einmal in irgend eine Bahn hineinbewegt, so wird es dieselbe mit beharrlichster Ausdauer bis ans Ende verfolgen [Hein34].

 

 

Franz Grillparzer hatte den unheilvollen Weg der Deutschen vorausgeahnt: Von der Humanität durch Nationalität zur Bestialität. Die Verdrängung der Erinnerung daran prangert Bert Brecht an mit den Worten: Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so vielen Untaten einschließt.

 

7. November 1941: Ich bin auch hier eiskalt. Wenn das deutsche Volk einmal nicht mehr stark und opferbereit genug ist, sein eigenes Blut für seine Existenz einzusetzen, so soll es vergehen und von einer anderen, stärkeren Macht vernichtet werden […] Ich werde dann dem deutschen Volk keine Träne nachweinen.

 

19. März 1945: Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil, ist es besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hat sich als das schwächere erwiesen, und dem stärkeren Ostvolk gehört ausschließlich die Zukunft. Was nach diesem Kampf übrig bleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen.

 

 

C'est sur le mur d'Ulm que flotte notre drapeau

 

 

 

Die Franzosen wünschen nicht nur, sondern haben es gegen Kriegsende ganz besonders eilig. Französische Truppen stoßen, um vollendete Tatsachen zu schaffen, Anfang 1945 schnell in den Südwesten Deutschlands vor, was den Amerikanern  so gar nicht behagt. In der französischen Presse liest sich das Vordringen des Generals Jean-Marie Gabriel de Lattre de Tassigny wie folgt: A la surprise totale des Allemands et de l'état-major interallié le général de Lattre pousse ses forces vers le sud et s'empare de Freudenstadt, au pied de la Forêt-Noire, coupant en deux le dispositif ennemi. De là il revient vers le Rhin, entre Offenburg et Kehl, lance les offensives dans deux autres directions: au sud de Stuttgart, vers la frontière suisse et le Danube. Le 21 avril, Stuttgart est pris: le 24, c'est sur le mur d'Ulm que flotte notre drapeau. Le 26, nos chars entrent à Constance. Deux jours après, nos troupes franchissent la frontière autrichienne* [LeMo94]. Die Trikolore weht über den Mauern von Ulm, französische Truppen ziehen in Österreich ein; der Gedanke an Napoleon mag de Lattre bei seinem Vormarsch beflügelt haben.

*Zur allgemeinen Überraschung der Deutschen und der alliierten Militärführung stößt General de Lattre mit seinen Truppen nach Süden vor, nimmt die Stadt Freudenstadt am Fuße des Schwarzwalds ein und treibt so einen Keil zwischen die feindlichen Kräfte. Von dort aus kehrt er zwischen Offenburg und Kehl an den Rhein zurück und startet Offensiven in zwei Richtungen: südlich von Stuttgart zur Schweizer Grenze und zur Donau. Stuttgart wird am 21. April genommen, am 24. weht unsere Fahne auf den Mauern von Ulm und am 26. rollen unsere Panzer durch Konstanz. Zwei Tage später überschreiten unsere Truppen die österreichische Grenze.

 

Gern hätten die Franzosen nach dem Beschluss von Jalta ganz Baden und noch ein bisschen mehr als Besatzungszone genommen, doch nach dem Willen der Amerikaner wird Deutschlands Südwesten anders und völlig unhistorisch unter den Siegermächten aufgeteilt.

 

 

Der Dichter
Reinhold Schneider
auf 55 Cent

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf dem Weg

 nach Europa

 

 

Zurück nach Weimar

 

 

 

 

Du wirst nicht fallen, mein geliebter Turm

 

Und Freiburg? Am 21. April 1945, einen Tag nach Führers Geburtstag, hatten die Franzosen bereits Freiburg nicht etwa zum fünften Mal erobert, sondern waren einfach mit dem 2. Regiment der Chasseurs d'Afrique in die Ruinen der Altstadt einmarschiert. Diesen Trümmerhaufen hatten die Engländer der Stadt beschert, als sie am 27. November 1944 mit der 3rd Bomber Group der Royal Air Force zum ersten Mal, aber dafür um so nachhaltiger in Freiburgs Geschichte eingriffen.

 

 

 

An den Turm der Freiburger Münsters

Sonett

 

 Steh' unerschüttert herrlich im Gemüte,
Du großer Beter glaubensmächtiger Zeit!
Wie Dich verklärt des Tages Herrlichkeit,
wenn längst des Tages Herrlichkeit verglühte.

 

  So will ich bitten, dass ich treulich hüte
das Heilige, das Du ausstrahlst in den Streit,
und will ein Turm sein in der Dunkelheit
des Lichtes Träger, das der Welt erblühte.

 

 Und sollt' ich fallen in dem großen Sturm,
so sei's zum Opfer, dass noch Türme ragen,
und dass mein Volk der Wahrheit Fackel werde.

 

  Du wirst nicht fallen, mein geliebter Turm.
Doch wenn des Richters Blitze Dich zerschlagen,
steig in Gebeten kühner aus der Erde!

 

Reinhold Schneider 1942 

 

 

Denn sie säen Wind und werden Sturm ernten

 

Beim Bombenangriff auf Freiburg erinnert man sich unwillkürlich an das Wort des Propheten Hosea, Kapitel 8, Vers 7: Denn sie säen Wind und werden Sturm ernten. Nach Coventry und anderen Städten Englands brannten die deutschen Städte und endlich Freiburg.

 

 Der Schriftsteller Christoph Meckel, der seine Kindheit in Freiburg verbrachte, beschreibt die Feuersbrunst nach der Bombardierung des Stadtzentrums: Und an der Stelle, wo, einige Kilometer entfernt, die Silhouette Freiburgs gewöhnlich zu sehen war, brannte eine einzige, gewaltige Flamme. Die Bergwände waren überflutet von zuckendem Feuerschein, die Täler seitab versunken in schwarzen Schatten, deutlich traten die Tannen an den Hängen des Roßkopfs hervor. Fetter orangefarbener Rauch schäumte hoch hinauf in die Nacht, wälzte sich gefräßig über die Bergköpfe und verschlang alles Dunkel [Meck04].

 

Bei der Gedenkfeier im Freiburger Münster am 27. November 2014 zum Bombenangriff vor 70 Jahren blickte der evangelische Stadtdekan Markus Engelhardt auf die Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts zurück und sagte: Wenn man das tut, erkennt man irgendwann eine unheimliche Sukzession des Brennens. Und zwar in einer sich schrecklich steigernden Intensität. Am Anfang, lange vor 1933 schon, im Kaiserreich, brannten die Herzen. Für den preußischen Militarismus. Gegen die angeblich so privilegierten und erfolgreichen Juden. Gegen Sozialdemokraten und Kommunisten, die – so hieß es damals - dem tapferen, „im Felde unbesiegt“ gebliebenen Heer 1918 an der Heimatfront hinterrücks den Dolchstoß versetzt hatten. Gegen den Schande des Versailler Vertrags und die sog. Verzichtspolitiker, die ihn unterzeichnet hatten. Gegen die erste deutsche Demokratie, die die große Mehrheit des Volkes innerlich ablehnte, ja verachtete. Das alles brachte viele deutsche Herzen zum Brennen. Dann, am 30. Januar 1933, brannten die Fackeln der Zehntausende, die durchs Brandenburger Tor zogen, um dem Machtergreifer zu huldigen. Bald darauf brannten die Bücher. Dann, am 9. November vor 76 Jahren, brannten die Synagogen und Geschäfte. Dann brannten die Gasöfen. Und wegen all dem brannte schließlich auch unser Freiburg [Enge14].

 

 

This page was last updated on 26 März, 2017